Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 25

Zwölftes Capitel.
,ser Verkehr und der Zsamenhang zwischen den Fa-
- ; ==I
milien von Paul und von Renatus, die nach Eleonorens Ge-
nesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten,
waren allmählich wieder geringer geworden und hatten sich in
den letzten beiden Jahren auf jene Einladungen zu grosen Fest-
lichkeiten beschränkt, mit denen man sich gleichgültigen Herzens
und oft widerwillig geng gegen die große Anzahl derjenigen
sogenannten guten Freunde abzusinden suchk, die zu sehen oder
gar zu sprechen man kein sonderliches Verlangen trägt und die
man doch nicht durch gesellschaftliche Vernachlässigung zu Feinden
werden lassen mag. Wenn man einander traf, ergingen Vittoria
und Cäcilie sich immer in Erklärungen und Betrachtangen dar-
über, wie es habe geschehen können, daß man einander so lange
nicht gesehen, und Seba's und Daviden's Arglosigkeit war stets
bereit, die Gründe gelten zu lassen, welche von Jenen vorge-
bracht wurden. Paul aber, der, ohne von Natur zum Miß-
trauen geneigt zu sein, die Menschen besser als die Frauen
kannte, sah und beurtheilte die Gründe, aus welchen Renatus
sich von ihm zurückhielt, in einer anderen Weise.
Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau, als dieser
selbst, und Nenatus wußte, daß Paul ein guter Rechner sei.
Es konnte also dem Freiherrn, der sich füür verpflichtet erachtete,
einen Aufwand zu machen, welcher bei Weiten über seine Mittel
ging, in keinem Falle erwimnscht sein, einen Boobachter neben
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sich zu haben, der nach seinen Gruundsäzen eine solche Hannd-
lungsweise eutschieden tadeln mußte, und Paul trug seinerseits
auch kein Verlangen danach, näher i: die gegenwärtigen Ver-
hältnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden. Was er davon
gelegentlich und zufällig erfuhr und sah, bestätigte ihm nur die
Lehre von der wachsenden Schnelligkeik, mit welcher die einmal
ins Gleiten gerathene Lawine dem Abgrunde zurollt. Was ge-
schehen wüürde, dariber war Pauil schon lange nicht mehr im
Zveisel; wan und wie es geschehen winde, lies; sich fast auch
mit Sicherheit berechen.
Richten war so verschuldet, daß die Zinszahlungen von
einem Vierteljahre zum andern immer schwerer wurden. Sieinert
schrieb, das; es ein Jammer sei, in welcher Weise der Amtmann,
dessen Neich in Kurzem dort zu Ende gehen mußte, auf dem
Gute wirthschafte, und wenn Paul in den kauufmännischen Krei-
sen, in welchen er arbeitete, von den Wechseln auch nichts zuu
sehen bekam, die in den Händen der Wucherer auf Renatus in
Umlauf waren, so erfuhr er doch hirr und da, daß der Major
von Arten mancherlei bedenkliche und gefährliche Spekulationen
für sich machen ließ, und sein Zutrauen zu des Freiherrn Um-
ständen ward dadurch natürlich nicht gehoben.
Renatus selber war dabei nicht wohl zu Muthe. Er hätte
es anders, er hätte gern geordnete Verhältnisse haben mögen,
aber wie konnte er zu diesen je gelangen, ohne sein Leben völlig
umzubrechen, ohne dem Grafen Gerhard und dessen Frau das
Feld zu räumen, ohne sich ihrem Urtheil und dem Urtheil aller
seiner Siandesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu üüberliefern?
Daß Hildegard ihm und Cäcilien nie vergeben werde, daß
sie ihn und die Schwester hasse, und das Graf Gerhard ihm
übel wolle, darüber war Nenatus ganz im Klaren. Aber er
sagte sich nicht, daß es in solchen Verhältnissen gerathen sei, die
Treunung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollstän-

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digen zu =wpen. Er mochte in dem sehr angeschenen und viel
besnuchlen Hause seines Oikels und seiner Schwvägerin nicht
fehlen; er meinte, durch seine bloße Anwesenheit in demselben
Hildegard's feindseligeu Aeuserungen eine Schranke sezen zu
können, und in der That hörte auch von der Gräfin Berka
Niemand ein hartes Wort i:ber den Freiherrn oder über dessen
Familie. Sie beklagte ihre Schwester nur, und dazu hatte sie
jezt mehr als jemals Grund.
lage
Mamu wuuszie es in der Geseslschasl, das; die Vermögens-
des Mafors von Arien sehr zerrütiet sei, man sprach über
das immer noch fortdauernde bedenkliche Verhältniß zwischen
Vitioria und dem Sänger, von Valerio's Entfernung aus der
Anstalt, von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter be-
absichtigten Trennuung. und Nenatus lonnie sich endlich nicht
darüber täuschen, daß man um alle diese Dinge wußte, daß
Jeder sie nach seiner Weise beurtheilte und besprach. -
Er befand sich in einer Verfassung, in welcher nichts ihn
überraschie und Alles ihm gleichgültig zu werden begann, weil
er keinen rechten Ausweg mehr vor sich sah. Das Ende des
Jahres stand vor der Thüre, es waren Forderu-tgen aller Art
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in nächster Zeit zu befriedigen. Er wuste es, daß ihm dies
unmöglich sein werde, daß Richten zum Verkaufe kommen mußte,
und er konnte sich es nicht vorstellen, wie er leben holle ohne
den, wenn auch nur noch anscheinenden Besiz dieses seines
Siammgutes. Er wußte eben so wenig, wie er sich und die
Seinigen von dem Einkommen erhalten solle, das seine mili-
kärische Stellung ihm eintrng und das obenein durch Abzüge
aller Art verliürzt zu werden drohte, wenn man es erst erfahren
hatte, daß er ruinirt sei. Er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger,
der auf leckem Boote im offenen Meere treibt, er mußte sich
sagen, daß Reltung ihm nur durch ein Wunder werden kdnne,

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und wie er auf ein snlches auc bisveilen hoffen zu können
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wüünschte, er vermochte es nicht.
In dieser Lage fand ihn de Anfrage, welche Tremann
wegen Valerio's an ihn richtete, und wenn schon Paul durch
dieses Ereigniß lebhaft
erinztert worden war,
noch weit stärker. Er
mögen, .das: er sich an
Hilfe gewendet habe;
an den Wechsel der Dinge und der Zeiten
so war die Wirkung auf den Freiherrn
hätte Valerio Vorwürfe darüber machen
einen Dritten, das; er sich an Paul um
aber er siihlte sich jezt dazu nicht mehr
berechtigt. Er hatte den Brief noch nicht beantvortet, in welchem
Valerio ihm, unter Emilio's Anleitung, den Vorschlag gemacht,
daß er den Namen von Arten ablegen und unter dem italieni-
schen Namen seines wahren Vaters auf die Bihne gehen wolle,
wenn Renatus ihm nur für sdie nächsten Jahre noch das ihm
zustehende, freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen geneigt sei,
welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz z
anspruchen das Recht besaß.
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das Boot, das ihn trug, sank immer tiefer hinab, es war im
Grunde ein Glück zu nennen, wenn er es, gleichviel wie er-
leichtern konnte; aber es krampfte ihm das Herz in der Brust
zusammen, als er sich dies nicht mehr wegzuläugnen vermochte.
Er mußte froh sein, wenn er sich Valerio's auf gute Art ent-
ledigen konnte, er mußte den Handel - der Freiherr brauchte
dieses Wort mit einem Gefühle tiefer Selbsterniedrigung - er
mußte den Handel mit
zuverlässig wußte, daß
sprechen zu halten, auf
das er ihm zu leisten
gen fand.
dem jungen Manne eingehen, obschon er
er nicht im Stande sein werde, das Ver-
welches Valerio sich stüützen wollte, und
sich endlich doch von der Noih gedrun-
Tremauun's Vermilllung kam ihm dabei, wie unwillkom-

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men sie ihn im ersten Augenblicke auch bedünkte, endlich als eine
sehr erwünschte vor. Er schrieb ihm gleich in der Frühe des
nächsten Morgend, das: er ihm fitr die Mitiheilg danke, die er
eben jetzt von ihm empfangen habe, und daß er ihn sogar bitte,
mit dem jungen Manne, der sich seiner brüderlichen Fürsorge
zu entziehen wünsche, in seinem Namen zu verhandeln. Da
Valerio eine glänzende musikalische Begabung zeige, keine Nei-
gung für die ihm bestimmte militärische Laufbahn hege, in der
er sich ohnehin unmöglich gemacht habe, und da er sich zu keinem
ander, seinem Slande angemessenen Lebenswege entschlicßen
wolle, so finde er sich, so schwer ihm dies auch anlomme, doch
genöihigt, der Elfernung Valerio's und seiner musikalischen
Ausbildung - von der Bühne zu sprechen, konnte Renatus
auch jezt noch sich nicht entschließen-- Nichts in den Weg zu
legen. Dasz Valerio den Namen von Arten unter diesen Ver-
hältnissen nicht fiihren könne, verstehe sich von selbst. Gerade
deßhalb sei er selber aber behindert, den Weg deö jungen Mannes
zu fördern, und er werde sich daher Paul und der Gräfin Eleonore
verpflichtet fühlen, wenn sie Valerio die Hand zur Ausführung
seines Vorhabens bieten wollten, bei welcher derselbe auf das
ihm zustehende Jahrgeld rechnen könne.
Dem Briefe war eine Summe als Neisegeld und als
vierteljährige Pensionszahlung für Valerio beigefügt, und das
ganze Schreiben war in einer Form gehalten, die man unter
den obwaltenden Uuständen schicklich nennen und gelten lassen
konnte. Aber dem Freiherrn zitterte die Hand, mit welcher er
die fünf Siegel mit dem Arten'schen Wappen auf den Geld-
brief drückte, und das alte kortis in sararsis brannte ihm
wie eine schwere Mahnung in die Seele. Er hatte sein Lebens-
schiff in einer Weise erleichtert, die er vor sich und seinem Ge-
wissen nicht verantworten konnte, und er hatte dazu noch das
Bewustsein, sich auuch damit keine wirkliche Netiug sdreitet zu haben.

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Es litt ihn nicht in seinem Hause; er mochte auch keinen
der Seinigen sehen. Trotz des übeln Wetters machte er einen
langen Spaziergang in den Park. Er hatie ein Bedürfniß,
allein zu sein und die schwer beladene Brust zu dehnen. Als
er am Mittage wiederkehrte, war Vittoria abwesend. Cäcilie
sagte, die Mutter habe den Wagen anspannen lasscn, um Valerio
seinen Koffer hinzubringen, und auch um sich in ber Stadt nach
einer Woßnung für sich umzusehen.
Der Wagen kam ohne Vittoria zurick; sie haiie sich bei
einer Freundin absezen lassen, bei der sie speisen wollte. Der
Freiherr und seine Frau nahmen ihre Mahlzeit einsam ein; man
war überzeugt, daß Vittoria mit ihrem Freunde und ihrem
Sohne bei der Freundin zusammentreffe. Renatus äußerte sich
heftig darüber; Ceilie, die seine Gereiztheit und seine Ver-
düsterung gewahrte, versuchte eben fitr diesen Tag und diesen
Jall Vittoria zu entschuldigen.
Am Abende wvar auSnahmSweise einmal eine geladene Ge-
sellschaft bei der Gräfin Berka. Cäcilie und Renatus hätien
sich gern von dem Besuche derselben befreit. Weil sie aber die
Sicherheit in ihren Verhältnissen verloren hatten, wollten sie
durch ihr Fortbleiben keine Fragen veranlassen, sondern auf
dieselben, weun sie etwwa gethan werden sollten, lieber durch per-
söuliche Zurechtlegungen antworten, und eiwas später, als die
Einladung es bestimmte, langten sie in dem Berka'schen Hause an.
Die Gesellschaft war bereits versammelt, und täuschte die
Verstimmung und Unruhe die beiden Eheleute oder herrschte
wirklich eine augenblickliche Pause in dec Unterhaltung, geng.
sie glaubten Beide zu bemerken, daß man bei ihrem Eintreten
schwieg und daß man sie mit einer Art von Neugier betrachtete.
Das raubte Ccilien die Fassung, welche sie ohnehin den Tag
hindurch nuur mühsam in sich aufrecht erhalten hatte, und sich
an die Schwester wendend, machte sie eine iberflissige und eben

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darum nicht geschickte Entschuldigung für ihr verspätetes Er-
scheinen.
Hildegard, die gerabe von den ausgezeichnetsten Personen
ihres Kreises umgeben war, Phielt Cäcilie mit der ganzen vor-
nehmen Anmuth, die sie sehr wohl zu entwickeln verstand, die
Hand entgegen und sagte freundlich: Wie magst Du darüber
nur ein Wort verlieren! Ich versichere Dich, ich habe den
ganzen Tag an Euch gedacht und immer zu Dir fahren wollen,
weil ich glaelle, Düi wlrdest Dich ichl ausgelegl sihlen, anE-
zugehen. Indesß es ist gut, das: Ihr Euch iberwunden habt,
es zersireut Euch doch. Sei herzlich willlommen!
Sie kißte die Schwester dabei, was sie sonst in der Ge-
sellschaft nie gethan hatte; aber es überlief Cäcilie kalt bei
ihren Worten, und sie wendete sich ängstlich um, zu sehen, ob
Renatus Hildegard's Aeußerung nur nicht vernommen habe.
Den aber hielt Graf Gerhard neben seinem Sessel fests und
Cäcilie konnte nicht gleich zu ihm kommen, denn Hildegard
hatte den Arm der Schwester in den ihrigen gelegt und führte
sie mit sich herum. Es war von ihr offenbar auf eine beson-
dere Schaustellung abgesehen; sie wollte darthun, daß sie ihre
Schwester aufrecht zu erhalten und in Schuz zu nehmen denke.
Aber weßhalb das? Was bedeutet das? fragte diese sich mit
wachsender Beklemmuing.
Renatus seinerseits verstand eben so wenig, was die Gräfin
Berka mit ihrer auffallenden Zärtlichkeit fiür Cäcilie, mit ihrer
besonderen Zuvorkommenheit für ihn selbst beabsichtige, die
ihm den ganzen Abend drückend blieb. Er fühlte sich so nieder-
geschlagen, so gepeinigt, so bennruhigt, daß er es bereute, gegen
seine Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesell-
schaft gegangen zu sein. Er hatte keine Nuhe zu irgend einer
Unterhaltung; er ging. gegen seine sonstige Ggvohnheit, von
einer Gruppe zur andern, er hätte sich gern heiter, sorglos zeigen,

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sich und Andere täuschen mögen, und doch wuußte er, daß in
wenig Tagen oder Wochen seine Luuge vor Aller Augen offen
sein würde, daß der Concurs über ihn hereinbrechen müsse, dem
durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu erheben
für ihn kaum eine Möglichkeit vorhanden war. Ein Schmerz,
der sich bis zur Verzweiflung an sich selber steigerte, fraß an
seinem Herzen, und mit ungeheurer Gewalt wälzte sich wie ein
Alp das Bevusztsein über ihn: das: sein Ungliick gröser sei,
als er sells! uid seine Krast.
Zwwischen dem lleinen Eupfangszimmer und dem großee
Saale befand sich ein Cahinet, das von beiden Seiten mit
schweren Thürvorhängen versehen war. In der runden Ver-
tiefung am oberen Ende stand ein Sopha. Es war, went
man aus dem Saale kgm, nicht sichtbar, und als Renatus vorhin
durch das Cabinet gegangen war, hatte er es leer gefunden, da
die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war. Sich einen Augenblick
Ruhe zu verschaffen, trat er hinein und sezte sich in die Sopha-
Ecke nieder.
Aber kaum hatte er den Platz eingenommen, als sich zwei
Männer plaudernd in die Brüstung der Thüre stellten, deren
Stimmen Renatus sofort erkannte. Der ältere von ihnen, Graf
Aurel, war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard, einer der
bekanntesten Lebemänner der Stadt, der andere ein Gesandt-
schafts-Sekretär, dem Berka'schen Hause eng befreundet. Sie
sprachen in gleichgültiger Weise über die Verhältnisse der an-
wesenden Personen.
Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen,
wie Nenatus aus den einzelnen, zu ihm dringenden Worten hatte
sentnehmen können, als er plötzlich seinen Namen zu hören glaubte.
Er hätte diese Maßregel, wie die Gräfin richtig bemerkte,
znur früher treffen müssen, sagte scherzend der Gesandtschafts-
Sekretär.

Was wollen Sie? entgegnete der Graf; die Baronin
Vittoria soll ein bedentendes Legat von dem verstorbenen Frei-
herrn in Händen haben, und der Major ist ruinirt! Da hat
er wohl ein Auge zugedrückt, und - der Graf lachte- die
Baronin Cäcilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sängerin; er
wird das Terzett, denn ein solches soll es in der That gewesen
sein, nicht haben siören wollen.
In dieseun Auzenblicke, noch ehe der in allenn Nerven er-
bebende, unfreiwillige Hörer sich von seinem Size zu erheben
vermochte, wurdenn die beiden Sprechenden in ihrer halblaut ge--
fiihrten Unterhalkung duurch die herantretende Hauöfrau unter-
brochen, welche den Gesandtschafts»Sekretär aufforderte, irgend
eine Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes, die er ihr bei
seiner Ankunft mitgetheilt hatte, einem Kreise neugieriger Gäste
bekräftigend zu wiederholen. Der junge Diplomat folgte der
Gräfin Berka in den Saal, und Graf Aurel, der bei-Hilde-
gard's Anfrage an den Marquis sich höflich einige Schrilte
zurüczuziehen wünschte, trat fir einen Augenblick in das oben
erwähnte Seitengemach.
Er war lange im Militär gewesen und ein Mann von
erprobtem Muthe, aber er konnte sich einer Aeußerung des Er-
schreckens nicht erwehren, als er sich plözlich und unerwartet dem
Freiherrn von Arten gegenüber sah, dessen von der Blässe des
Todes überzogenes, von Leidenschaft entstelltes Antliz ihm ver-
steinernd entgegenstarrte. Als ein Mannn von Welt übersah er
sofort die nothwendigen Folgen des unglückseligen Zufalles, der
den Freiherrn zum Hörer jener beleidigenden Worte gemacht
hatte; allein der Umstand, daß der Marquis sich bereits entfernt
und daß jezt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst zugegenZ
war, ließ den Grafen einen Augenblick lang an die Möglichkeit!
irgend einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des.
Aeußersten denken.

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Jn Erwäguung der fürchterlichen Lage, in welcher der Frei-
herr sich befand, schien es dem Grafen, dem ohnehin ein solches
Begegnen mit den nächsten Anverwandten des ihm eng befreun-
deten Hauses höchst imwillkommen sen mußte, sogar von der
Ehre als eine Pflicht geboten, selbst einen Schritt iber das ge-
wöhnliche Mas; hinaus zu lhun, und schon begann er an den
noch imnmter ihhm scwweigrnd Gegenülerslehhenden in diesem Siuune
dus Wort zu richien, als der Freiherr mit einer nicht mißzu-
deutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt.
Die Lhne des Sessels, die Nenatus' Rechie umkrampft
hielt, brach unier dem Drucke, als er mit hohler, vor innerem
Grimme bebender Stimme die Worte hervorstieß: Sagen Sie
Ihrem Partner, das Duett, das ich so eben von Ihnen Beiden
vortragen hörte, sei eben so falsch, als der, der es anstimmte,
ehrlos ist! - und seiner selbst nicht n ehr mächtig, den abge-
zogenen Handschuh dem Grafen in das Gesicht schleudernd,
verließ er hoch aufgerichtet das Gemach.
Ein Gefihl wilder Befriedigung war über ihn gekommen.
Er hatte jetzt endlich einen Gegenstand gefunden, gegen den er
die Empfindungen richten konnte, welche kurz zuvor in seinem
Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren. Er fühlte sich
befreit von dem Alpdrucke, der auf ihm gelastet hatte.
Sein Schicksal selbst, jenes Schicksal, das über seinem
Hause noch immer gewacht und die Glieder dieses Hauses vor
offenbarer Schmach und Schande noch stets bewahrt, es hatte
ihm den Ausweg gewiesen, den er zuweilen im Drange und in
der geheimen Noth dieser letzten Wochen durch Selbstmord sich
zu öffnen gedacht hatte. Jetzt war er sicher, wie es ihm zukam,
als ein Edelmann zu sterben - und er war des Daseins und
des Lebens von Herzensgrunde mülde.
Siolz, sicher, mit festem Blicke des blizenden Auges die
Anwesenden messend, durchschritt er den Saal und näherte sich
F.Le wald, Von Geschlecht zu Geschlechl. .

dem Gesandtschafts-Sekretär. Graf Aurel wünscht Ihnen, Herr
Marquis, eine Mitiheilung zu machen! sprach er mit lächelnder
Miene zu dem jungen Diplomaten, der sich bei diesen Worten
zum Erstaunen der Nchststehenden sichtbar entfärbte, aber, schnell
wieder gefaßt, sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer
begab.
Es entstand eine kleine Bewegung, man sah sich nach den
betheiligten Personen um; indeß es waren alles Leute von'
Weli, die ormen der guien Gosellschaft zogen sich über der
angenblicklichenn Slöruug, deren Ulrsache Niemand mit hestiger
Neugier aus die Spr zu kommen suchle, schnell wieder zusan-
men, und da der Abend schon vorgerückt war und man im
Berka'schen Hause um des Grafen willen nie spät zusammen
blieb, fiel es nicht auuf, das; Graf Aurel und der Marquis sich
bald empfahlen und auch Renatuus seine Gattin zum Aufbruche
anmahnle.
Früh am anderen Morgen, als Renatus noch mit Cäcilie
beim Frihstücke war, meldete man ihm den Besuch eines seiner
Kameraden. Cäcilie wunderte sich über den frühen Besuch,
indeß er flößte ihr keinen Argwohn, keine Besorgniß ein, und
auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht guf.
Es war ein Vetter des Grafen Aurel, der mit Renatus in
demselben Negimente diente und mit dem der Freiherr immer
auf gutem Fuusße, in einem angenehmen kameradschaftlichen Ver-
hältnisse gestanden hatte.
Der Besuch währte fir die frihe Stunde ungewöhnlich
lange, so daß Cäcilie, als Renatus endlich zu ihr wieder zu-
rückkam, sich erkundigte, was der Rittmeister ihm gebracht habe.
Er sagte, sie solle nicht neugierig sein, und klagte sich an, daß
er sie verwöhnt habe; da er das alles aber freundlich, ja, scher-
zend aussprach, gab sie sich auch bald zufrieden .,und es war
davon die Rede nicht mehr.

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Der Tag verging unter Besorguungen aller Art äußerlich
in gewohnter Weise. Am Vormiktage erhielt Renatus einen
Brief von Paul, in welchem dieser ihm anzeigte, daß er und
die Gräfin Haughton fiür Valerio die nöihigen Schreiben be-
sorgt häten und daß er den jungen Mann, da in drei Tagen
das nächste Packetboot nach London abgehe, angewiesen habe,
sich für die heutige Abendpost zur Neise nach Hamburg ein-
schreiben zu lssen. In einem Billet von Valerio, das beigefügt
war, ersüchie dieser den Freiherrn, ihmn persdnlich Lebewohl
sagen zu diirsen, und Nenaius war jezt dazu geneigt, dem: Ver-
langen z willsahren.
Valerio war, da er ain Nachmittage zu dem Freiherrn
kam, weich und sehr bewegt. Nicht als ob er in sich unsicher
oder in seinem Vorhaben und in seinen Hoffnungen schwankend
geworden wäre, uuur der Abschied von den Seinen schien ihm
schwerer zu fallen, als man es erwartet hatke.
Er hatte, wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusam-
menstoßes gethan, den Freiherrn als einen Fremden mit seinem
Titel anreden wollen; aber da er nun vor Renatus hintrat,
fiel es ihm auf, daß dieser bleicher und sehr ermüdet aussah,
und weil der Jüüngling meinte, es sei der Kummer über ihn,
der den Freiherrn also verwandelt habe, warf er sich demselben
mit Leidenschaftlichkeit an die Brust.
Ich lerne es nicht, ich lerne es nicht, Dich als einen
Fremden anzusehen! rief er mit überströmender Empfindung
- habe ich Dir doch mehr, weit mehr zu danken, als wenn
Du mein Bruder wärest, und ich habe Dir es schlecht gelohnt!
Nenatns drückte ihn an sein Herz und redete ihm ernsthaft
zu. Valerio wollte, daß er ihm ganz ausdrücklich seine Ver-
zeihung aussprechen solle, und der Freiherr that es. Er zeigte
sich ebenfalls erschlitiert, schloß Valerio's Haupt in seine Hände
ud küüßte ihn, da sie schieden, als ob er segnend einen Sohn
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entliese. Cäeilie weinte, indes; es wurde ihr doch leichter, da
sie sich jetzt sagen lonnie, ihre grose Bangigkeit und die Schwer-
muth ihres Mannes, die ihr im Lauf des Tages aufgefallen
war, würden durch die Trennung von Valerio herbeigeführt.
Sie verließ den Gatten so wenig als sie konnte, und er
schien es gern zu sehen, daß sie blieb, selbst als er am Abende
lange Zeit schreibend an seinem Arbeitstische saß. Ein paar
Mal meinie sie ihn seüifzen zu hören, und sie woslte ihn fragen,
wwas ihn drice, aber sie unlerlies; es, weil sie wuszte, dasß er
dies nicht liebe, das: er eben jezi, am Ende des Jahres, der
unerfreulichen Geschäfte die Menge habe.
Abends, als sie den Thee einnahmen, zu dem Vittoria sich
eingestellt hatte, war Renatus ruhiger, als in den ganzen letzten
Wochen. Er schien die Andern und sich selber zerstreuen zu
wollen und machte die Uiterhaltung fast ganz allein. Er kam
mehrmals auf seinen Vater, auf seine verstorbene Mutter, aüf
die Zeit zu sprechen, in welcher er noch ein Knabe gewesen und
Vittoria in sein Vaterhaus gekommen war. Dann erging er sich
in Betrachtungen über das, was man in dem Leben des Menschen
die höhere Fügung nenne, und über die geheimnnißvolle Grenze
zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen
Müssen. Es war das schon ein Lieblingsthema seines Vaters
gewesen, und Renatus hatte, wenn er sich dem Nachdenken und
Sprechen über dasselbe hingab, es stets geliebt, den Menschen
mit einem Baume zu vergleichen. Auch jetzt kam er bald wieder
auf dieses ihm genehme Bild zurück.
Wie kann von einem freien Willen die Rede sein, sagte er,
wo wir, wie der Baum, unser eigentliches Wesen und Gepräge
als ein angestammtes in uns tragen und Boden und Luft, die
wir auch nicht frei erwählen, unsere Entwicklung bedingen? Der
Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine
Aesie nach der Sonne wenden; ds isl seine ganze Freiheil, und

=- FFH F ===
selbst diese geringe Freiheit ist Naturnolhwendigleit. Alles fitr
ihn und Alles fin uns ist vorbestinmtes Müssen. Wir genießen
und erleiden, was uns zuerkannt ist, wir können dem uns zu-
gewiesenen Loose nicht entgehen, gleichviel, ob wir's aus den
Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Alweisheit
zugetheilt erhalten.
Vittoria achiete auf solche Auseinandersezungen in der Regel
F wenig. sie war dazu, wie sie es zu ueunen pslegle, sich nicht
wichlig geg. Eieilie aber meinte es sich erklären zu können,
wie ihr Gatte eben henie zu solchen Betcachlungen gedrängt
werde, und sie bemerkte zu ihrem Troste, daß ihn dieselben
sichkbar beruhigten. Er verlangte, als man sich schon trennen
wollte, die beiden Frauen noch singen zu hören, und da Vittoria,
von der Musik erschüttert und an Valerio rinnert, plötzlich zu
weinen begann, schlos Nenatns sie in seine Arme und sprach ihr
liebreich und tröstend Muth ein.
Du bist auch ein armer, aus seiner Heimatherde unfreiwillig
herausgenommener Baum, sagte er, und Du hast eben deßhalb
des Erleidens auch Dein Theil gehabt. Laß uns hoffen, daß
es dem jungen Stamme, den wir jezt Luft und Erde nach
seinem Belieben suchen lassen, besser gehen werde, wenn es uns
im Augenblicke auch schwer gefallen ist, ihm seinen Willen zu
vergönnen.
Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig.
Er hatte Cäcilien gesagt, daß er in der Frühe ein wichtiges
Geschäft zu ordnen habe, und da sie wußte, wie drückend solche
Angelegenheiten in der Regel für ihn waren, fiel es ihr nicht
auf, daß er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst
genoß. Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen
wollte, sah Eäcilie, daß er in voller Uniform war. Der Gedanke,
daß Renatus eben jetzt zu seinem Chef gehe, um ihm die ible
Lage, in der er sich besinde, zu enldecken und mit ihm Rath zu

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halten über die Schritte, die er thun solle, ein öffentliches Auf-
sehen möglichst zu vermeiden, fuhr ihr erschreckend durch den
Sinn. Sie wollte ihn fragen, aber sie firchtete, ihm dadurch
nur noch eine neue Pein aufzulegen, und von Liebe und Mitleid
überwältigt, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und küßte
ihn. Er drickke sie mit tiefer Inbrunst an sich, sie gaben sich
die zärtlichsten Namen, Cäcilie mußte weinen.
Wir lieben einander doch! rief sie endlich, als wolle sie
ihm den Trost vorhalten, der ihnen schon über manchen Kummer
fortgeholfen hatie.
a, und ich liebe Dich sehr, denke daran und vergiß das
nicht! gab Renatus ihr zurück. Auch ihm war das Auge feucht
geworden, aber er riß sich los und ging die Treppe festen Schrittes
hinunter.
Eäcilie trat an das Fenster und sah, wie er in den Wagen
stieg. Er blickte noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinguf
und grüßte mit der Hand. So schieden sie.