Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 26

Dreizehnte= Capitel.
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,U Mitiage duurchlief das Gerücht die Stadt, daß der
Major Freihetr von Arten im Duell erschossen sei.
Man erzählte es Paul, als er eben in die Börse eintrat,
denn man wußte, das er mit dem Freiherrn in mannigfachem
Verkehr gestanden habe. Txotz seiner gewohnten Festigkeit be-
merkte man, daß ihn die Nachricht sehr erschrecke. Er suchte sich
so schnell als möglich frei zu machen, gab seinem Disponenten
die nöthigen Aunweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte
und fuhr angenblicklich nach dem Artenschrn Hause.
Alles war dort in der völligsten Zerstörung. Vittoria lag
in heftigen Krämpfen, Cäcilie rang an der Leiche ihres Gaiten,
die man vor einer Stunde in seinem Wagen nach Hause gebracht
hatte, verzweiflungsvoll die Hände, ihre Mutter und ihre
Schwester waren bei ihr. Die Gräfin Beuka war die Einzige,
die ihrer selber Herr war und große Fassung zeigte.
Sie war es auch gewesen, die in dem Zimmer des ver-
storbenen Freiherrn einen bon ihm an seine Gattin zurückge-
lassenen Brief aufgefunden hatte. Ein paar andere Briefe hatien
daneben gelegen, einer davon war an Paul gerichtet, und Hilde-
gard, welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu
haben schien, händigte ihm denselben aus. Er lautete:
, Wenn Sie, diesen Brief empfangen, bin ich nicht mehr
am Leben, und es sind die Wünsche eines Hingegangenen, die
er Ihnen überbringt. Möge Ihr großer Sinn sie Ihnen heilig
machen.

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,Die Vors.g.ug, die uns aus Einem Stamme erstehen ließ
und unsere Lebenswege dennoch trennte, hat uns in den letzten
Jahren in ihrer Weisheit einander angenähert, als wolle sie mir
den Pfad zeigen, auf dem ich zu gehen, und die Weise angeben,
in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem
Augenhlicke zu verhindern habe, in welchem der Lezte Derer,
die bis jetzt den Namen unseres Hauses mit Recht besessen, von
der Erde scheidet.
,Das Blut der Freiherren von Arten fließt in Ihren Adern;
meines hingegangenen Vaters Ebenbild, die Züge unseper Ahnen
leben in Ihnen, und selbst - ich habe, da der Himmel mir
keine Kinder gegeben hat, dies stets mit schmerzlicher Nührung
wahrgenommen- in Ihren Söhnen leben sie noch fort. Wie
mein Vaier in demn Sinne unnd nach dem Ehreugebole unseres
Standes und unseres Hauses handelle, als er es sich versagte,
Sie öffentlich als seinen Sohn anzuerkennen, so handle ich, ich
bin deß sicher, in seinem Geiste und in demn Geiste unseres
Hauses, wenn ich danach trachte, den edlen, alten Namen der
Freiherren von Arten-Nichten nicht untergehen zu lassen.
, Meine Vermögensverhältnisse, die Sie kennen, machen es
für die Baronin Cäcilie unmöglich, die Nichtener Güier zu be-
halten, und ich weiß es aus dem Munde meines verstorbenen
Lehrers und Erziehers, des Caplans, daß Ihre Mutter am Vor-
abende ihres freiwilligen Todes Sie ermahnt hat, nach dem
Besize des Schlosses zu streben, das sie Ihnen an jenem Abende
als Ihres Vaters Haus bezeichnete.
, Es war das eine Vorstellung, die mir alle Zeit quälend
gewesen ist, seit sie, es war als ich in den russischen Feldzug
gitg, zuerst in mir erweckt wurde, und sie hat mich, wie eine
unheimliche Ahnung, stets befallen, so oft ich in Ihre Nhe ge-
kommen bin. Dieses Geständniß, welches Ihnen zu machen ich
jetzt kein Bedenken trage, wird Ihnen Vieles in meinem Ver-

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halten gegen Sie erklären, das Ihnen vielleicht bisher nicht ver-
ständlich gewesen ist und Sie zu nachtheiligen Ansichten iber
mich verleitet haben mag.
, Was mich einst von Ihnen fern hielt, finhrt mich jezt,
da ich mein Leben und das Schicksal unseres Hauses in großem
lleberblicke betrachte, auuf Sie und zu Ihnen zurick.
,Ich habe Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen,
der sich als den ersten Edelmann seines Landes anzusehen geruht
und dessen Gnade ich mich versichert zu halten Ursache habe,
die Verhältnisse unseres Hauses aus einander gesetzt. Wenn
dieser Brief in Ihhre Hände loumt, hal Seine Königliche Hoheit
auch mein Ansuchen bereits empfangen, und ich zweifle nicht,
das: es bei ihmn eine geneigle Stäite finden und daß Er Selber
wüinschen wird, den Namen eines allenu Geschlechtes, das schon
vor den Hohenzollern in unserer Heimath angesessen gewesen ist,
auch fiir die Zuuluuuft zu erhalten.
, Richten muß verkauft werden; kaufen Sie es an! Ver-
einigen Sie die Güter wieder, deren mich zu entäußern ich ge-
zwzngen war, und führen Sie in Sich und Ihren Kindern den
Namen unseres gemeinsamen Vaters weiter fort. Unser Wappen
wird in Ihren Händen wohl aufgehoben sein. Sie haben sein
lortis in aärersis! beherzigt und bewährt.
, Und so empfgngen Sie mit dem Segen und den Wünschen,
die ich Ihnen über mein Leben hinaus für das Gedeihen unseres
Geschlechtes zurufe, auuch meine letzten Bitten. Es sind ihrer
nichi viele, und sie sind selbstverständlich. Nehmen Sie Sich
berathend und hülfreich meiner theuren Cäcilie, meiner Witwe
an; stehen Sie auch der Baronin Vittoria und ihrem Sohne
mit Ihrer Erfahrung großmüthig zur Seite und sorgen Sie
dafür, daß ich in unserer Familiengruft in Rothenfeld bestattet
werde. Es ist ein erhebender Gedanke in jenem biblischen , zu
seinen Vätern versammelt werden'!

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, Und damit ,rebewohl''! Möge der neue Stamm, den
Sie begriinden, gliicklicher sein, als ich es gewesen bin! Des
Himmels Segen über sein Gedeihen!''
Schweigend und in tiefe Gedanken versunken, hielt Paul
das Blatt eine Weile in seinen Händen; schweigend und in
tiefe Gedanken versunken stand er an des Freiherrn schöner Leiche.
Eäcilie war wie vernichtet.-
Noch vor dem Ende des Jahres ward der Sarg, in dem
Renaluus ruhie, nach Rothenfeld gebrachl. Eäeilie hatle ge-
wiinscht, die Leiche ihres Gatien zu seiner letzten Stälie zu be-
gleilen, und Herbert war ihr eine Strecke entgegengereist, um
die trauernde Witwe zum Verweilen in seinem Hause heinzu-
laden. Man mochte sie nicht in das verödete Schloß nach
Richten gehen lassen. --
Im Frühjahr kam Nichten zum Verkauf. Es war zwischen
den Freunden, zwischen Steinert, Herbert und Paul, von Anfagg
an fast selbstverständlich gewesen, daß Einer von ihnen, daß
Paul es an sich bringen müsse. Er hatte schon lange daran
gedacht, einen Landbesitz zu erwwerben, auf welchem er alljährlich
ein paar Monate mit den Seinen in ruhiger Zurückgezogenheit
verleben könne, und bei seinem großen Vermögen war es ohnehin
gerathen, einen Theil desselben in Grund und Boden festzulegen.
-lllerdings gab es sidlichere Gegenden, deren Naturschönheit
verlockender gewesen wäre; aber die Aussicht, Steinert und
Herbert zu Nachbarn zu bekommen, die Gewißheit, daß ihre
Aufsicht und Erfahrung seinem Besitze zu Statten kommen werde,
waren hoch zu veranschlagen, unt über dies alles hinaus, Paul
Pugnete sich das keineswegs fort, wirkten seine Jugend-Eindrücke
bestimmend auf ihn ein.
Es war ein eigenartiges Empfinden, mit welchem er den
Kauf - Contract über die Nichtener Giter unterzeichnete, eine

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ergreifende Erinnerung, mil welcher er als Besizer mit den
Seinen in Schloß Richten einzog.
Die Erntezeit war, als er in Fichten eintraf, schon vor-
über, denn es hatte der unerläßlichen Instandsetzungen in dem
seit Jahren nicht bewohnten Schlosse doch so viele gegeben, daß
troz der Bemühungen der beiden Herbert's der Monat August
herangelommen war, ehe man daran denken konnte, das Schloß
mit Behagen zu beziehen.
Nun hakien die neuen Eigenfhiümer sich in demselben heimisch
eingerichlet, und am ersten Sonnkage, den man mit Ruhe dort
verlebte, waren die befreundeten Familien von Neudorf und von
Rothenfeld mit ihren verheiratheten Kindern und Enkeln nach
Richten herübergekommen.
Mit großer Genuugthuuung, aber doch innerlich bewegter, als
er es zeigte, saß Paul an dem Mitiage mit seiner Familie und
seinen Gästen auf der Terrasse, die nach dem Parke hinunter-
führte. Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen
Ende der Terrasse, das Herbert nicht verändern lassen, ein Früh-
stück für die große, buntgemischte Gesellschaft aufgetragen. Es
waren stattliche Greise, tüchtige Männer und Jinglinge, heitere
Matronen, fröhliche junge Frauen und dazu Kinder beiderlei Ge-
schlechtes, die sich in ihrer lauten Lust kaum Genüge zu thun wußten.
Seba mit ihrem sanften Ernste saß an Eleonorens Seite;
sie konnte nicht aufhören, an die Baronin Angelika zu denken,
die hier an derselben Stelle einst ihre Eltern bewirthet, die hier
in solcher milden Herbstessonne die lezien Tage ihres Lebens
zugebracht hatte, und auch in Herbert tauchte ein altes, schönes
Erinnern mit seiner stillen Wehmuth auf. Fast in Allen lebte
mehr oder weniger deutlich das Bewußtsein der großen Wand-
lungen, welche sich in ihnen selber und während der lezten vierzig
Jahre auch in der Erkenntnis; und in den Gemeingefiihl der
ganzen Menschheit befreiend und erlösend vollzogen hatten.

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Während mau m gutem Gespräche so beisammen saß, brachte
der Diener dem neuen Besitzer von Richten die Briefe, welche
von seinem Geschäftsfiührer ihm regelmäßig nach dem Gute ge-
sendet wurden. Paul legte sie ruhig zur Seite, da er in diesem
Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten ver-
mochte; nur ein Bries schien ihm durch Foru und Siegel auf-
znnfallen, und er eröffiete ihni. Ey kamn anns dem: Kahineiie des
Kronprinzen.
Eine flichlige Nöihe und ein feines Lächeln flogen über
das Anngesichi des Lsenden. Seba uud Davide blickten ihn
fragend an.
E ist eine Gnade, die man mir anzuthun denkt, sagte er
gelassen. Der König ist, wie es in dem Schreiben heißt, nicht
abgeneigt, mich in Anerkennung meiner Verdienste um die heimische
Industrie und als jezigen Besitzer der Güter eines edeln Hauses
unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten,
wie der Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten
hat, in den Aelstand zu erheben.
Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann
fragend auf den Sprechenden.
Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt.
Die Sache kommt mir nicht unerwartet, sagte er. Der Staat
ist klug genng, sich der Besitzenden so viel als möglich versichern
und den finanziellen Schwerpunkt so viel als möglich dem Bür-
gerthum entziehen zu wollen. Ich hatte es für sehr wahrscheinlich
gehaltcn, daß man mir dieses Anerbieten machen wüürde.
Und Du hast es nicht gehindert? fragte Steinert, dessen
fester, aber eben deßhalb zum Argwohn geneigter Bürgersinn sich
nicht gleich in die Handlungsweise des Freundes zu finden wußte.
Wie sollte ich ablehnen, was man mir noch nicht ange
boien hatte ? entgegnete Paul. Aber sei unbesorgt, aller Freund,
ich gehöre weder zu denen, die Gnaden zu erbitten, noch zu

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denen, die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind!=- Er
schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Der verstorbene Frei-
herr Renatus hat es auf seine Weise wohlgemeint und er hat
als ein wahrer Repräsentant seiner Kaste nur an sich und seine
Ehre, an sich und seinen Slaun un an die Erhallung seines
Namens gedacht, nicht an mic, an mneine Ehre uund an meinen
Slai. Er kounte es sich voht seinem Standpunkte aus nicht
denken, dns; ich leines andern Namns begehren kann, als dessen,
welchen ich selber mir erschaffen habe, und das; derjenige, der
mich auus meinem Stande in einen andern nicht nur versetzen,
sondern sogar erheben zu können glaubt, mich und meine ganze
Vergangenheit beleidigt; denn er erniedrigt in mir nicht nur
mich selbst, sondern alle Diejenigen, welche mit mir bisher als
mit Ihresgleichen in achtendem Vertrnuuen verbuunden gewesen sind.
Und ich lebe der sichern Hoffnung: von uns Allen, die wir
heute hier in meinem Hause beisammen sind, soll leiner je danach
verlangen, etwas Aunderes zu sein, als ein unbescholtener, unab-
hängiger Mann, ein nüzlicher Birger seines Vaterlandes! Darauf
laßt uns anstosßen, daß ein starker, freier Bürgersinn auch unter
unsern Kindern und Kindeskindern mächtig sein und daß er die
Freiheit, deren wir nach allen Seiten noch bedürfen, heraufführen
helfen möge über unser Volk und über die ganze Welt!
Er hob sein. Glas, sie drängten sich Alle um ihn; seine
Brust athmete frei und stolz.
Amt Abende, da alle seine Gäste unter seinem Dache bereits
die Nuhe gesucht hatten, trat er mit Daviden noch einmal aus
seinem Zimmer auf die Terrasse hinaus. Er hatte seinen Arm
um seines Weibes schlanken Leib gelegt, und in stillem Frieden
wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder.
Der Mond war inzwischen emporgestiegen, die Nacht war
sehr warm, der volle Duft der Levkojen und des Reseda erfüllte
die ganze Luft. Fortgezogen von der Schönheit der Nachi,

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stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem
Flusse zu, über dessen Wasser die Mondstrahlen eine goldene
Briücke bauten.
Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen.
Das Schloß lag vor ihnen, der Mond erhellte es in seiner
ganzen Staitlichkeit.
Sieh, sagte Paul, hier habe ich gestanden, hier an dieser
Sielle, mil meiner armen Munller an demn ?age, ele sie sich
das Leben nnahhm. Aber es war ein rauher, laller Abend, dr
Nebel stieg von dem Wasser eupor, die wellen Bläiler flogen,
in der Lust empor. Ich wuunnderle mich damals über die vielen
Schornsteine des Schlosses und iber die vielen Feuster, denn ein
so großes Gebäude hatte ich nie zuvor geschen, und weil die
untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte, fragte ich die
Mutter, wer darin wohne. -- Er hielt inne, dann sagte er sehr
bewegt: Du kommst nicht hinein, sprach sie zu mir; hinter den
blanken Fenstern, in denen die Sonne sich spiegelt, werden
glückliche Kinder wohnen - - -!
Er konnte nicht weiter sprechen, kroz seiner Kraft über-
wältigte ihn diese Erinnerung doch. Davide umschlang ihn, in
Verehrung, in Glick und Liebe zu ihm emporsehend.
=.. mögen sie immer, immer glitcklich sein, die geliebten
Kinder, denen Du dieses Haus bereitet hast! rief sie mit hoffen-
dem Wunsche aus.
Sie werden es bleiben, sprach Paul, der sich schnell wieder
ermannte, wenn Du mir hilfst, sie dahin zu erziehen, daß sie, in
sich selbst beruhend, in der Arbeit ihren Beruf, in der Freiheit
ihre Ehre, in der ganzen Menschheit ihre Brüder erkennen lernen,
und wenn sie maßvoll und ohne Eitelkeit im Glücke, wie der
Wappenspruch dieses Hauses lautet, ,stark im Ungemache sind'.
Las; uns danach lrachien, laß uns darauf hossen und vertrauen!
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