Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 02

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Zweites Capitel.
Fenatus war während der Feldzige viel umhergeworfen
- worden. Er hatte gelernt, sich in den verschiedensten Verhält-
nissen schnell zurechtzufinden und auf verschlungenen Wegen
seines Pfades nicht zu fehlen; aber eine so absonderliche Wirth-
schaft, wie die in seinem Schlosse, war ihm nirgend vorgekom-
! men, und es war ihm leichter, überall leichter gewesen, sich durch
fremde Verkehrtheiten durchzuschlagen, als im eigenen Hause und
; in der eigenen Familie Ordnung zu schaffen, besonders für ihn,
s der Ruhe und Frieden herstellen sollte, während er keinen anderen
s Gedanken hegte, als das einzige, in der allgemeinen Uneinigkeit
! anscheinend fest bestehende Verhältniß, seine Verlobung mit Hilde-
l gard, so bald als möglich aufzulösen.
Er kannte das Schloß kaum wieder, er konnte in seinem
j Vaterhause nicht heimisch werden, und nur allmählich vermochte
! er es einzusehen, wie man zu einer so grillenhaften Benuzung
Z der verschiedenen Näumlichkeiten gelangt war und weßhalb man
j sich in einer so unbequemen und unzweckmäßigen Weise einge-
h richtet hatte. Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben,
ß aber die Ungehörigkeit dieser Lebensweise stellte sich in der Wirk-
F lichkeit noch ganz anders als auf dem Papiere dar, und der
Eindruck, welchen Renatus davon empfing, war ein sehr ver-
drießlicher.
Vitioria hatte gleich nach dem Tode ihres greisen Gatten
die Zimmerreihe verlassen, die sie mit ihm getheilt und die der
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verstorbene Freiherr auch mnt seiner ersten Frau bewohnt hatte.
Was sie dazu bestimmt hatte, darüber sprach sie sich nicht aus.
aber Renatus konnte es sich denken; und als er dann eines
Tages, neben ihr am Fenster stehend, in einer der Scheiben
den Namen des Mannes eingeschnitten fand, dessen Brief an
Vittoria er vernichtet hatie, blieb ihm kein Zweifel über die
Beweggründe, durch welche seine Stiefmutter eben zu der Wahl
dieser im Erdgeschosse gelegenen Näume veranlaßt worden war.
Da man diese Wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig
benutzt und während der Feldzüge die jüngeren Offiziere in
dieselben einquartiert hatte, waren die altfränkischen Möbel, die
Tapelen, die Vorhänge in denselben schr arg milgenonunen.
Fir dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und
gar. Was sie an diese Näume fesselte, war völlig nnabhängig
von dem Zustande, in dem sie sich befanden. Ihr genügten sie.
Sie schätzte es daneben, daß sie zu ebener Erde lagen, daß sie
nicht nöthig hatte, eine Treppe zu steigen, wennn sie während
der schönen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wünschte, und
s für den Winter hatte sie sich auch nach ihren eigenthüümlichen
! Bedürfnissen eingerichtet. Das schöne, große Bett aus ihrem
! Schlafgemache, einige Ruhesessel, ein Polsterlager, das sie sich
! bald nach ihrer Verheiraihung hatte machen lassen, ihr Flügel
! und ihre Musikalienschränke waren in das große Gemach hin-
s untergebracht, in welchem Tag und Nacht die Feuer in den
s beiden Kaminen nicht erlöschen durften, weil es Vittoria nie
! verließ, wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft
s fuhr. Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau,
! und obschon es der Lezteren an Sinn für Ordnung nicht ge-
, brach, wollte es ihr jezt, wo die Baronin, ganz sich selber
j überlassen, ihren Neigungen nachgeben konnte, nicht gelingen,
, Herr über die phantastische Unordnung zu werden, in welcher
s Jene sich schon um deßhalb wohlgefiel, weil sie den ent-
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schiedenzten Gegensatz zu den Gewohnheiten der Gräfin Rhoden
bildete.
Wäre Renatus nicht zu nahe dabei betheiligt gewesen, so
wüirde der Weiberkrieg in diesem Schlosse ihn belustigt haben.
Jezt indessen war das anders. Da Vittoria die eigentliche
herrschaftliche Wohnung nie betrat, hatte die Gräfin es auch
nicht für angemessen erachtet, sich ihrer zu bedienen; und weil
Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein

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am Flügel musizirte, war die Gräfin darauf bedacht gewesen, sich
vor solcher Störung ihrer Ruhe zu bewchren. Vittoria wohnte
also im Erdgeschoß des linken Flügels, die Nhoden'sche Familie
im zweilen Slockverk der rechten, Seite. Alle übrigen Zimmer
waren zugeschlossen, und man halte zwei Treppen und die ganze
Flucht der langen Gänge zu durchwandern, ehe man aus dem
einen feindlichen Lager in das andere gelangte. Das hatte
jedoch für die Betheiligten nur wenig auf sich, denn die Gräfin
und Hildegard vermieden die Baronin so sehr, als es nur
möglich war, und Cäcilie, deren blühende Gesundheit die Kälte
nicht zu scheuen brauchte, focht die Unbequemlichkeit nicht an.
Schon seit Jahren aß man nicht mehr gemeinsam. Vittoria
liebte es nicht, sich an eine bestimmte Stunde zu binden, die
Gräfin und Hildegard verlangten auch in diesem Falle nach einer
strengen Pünktlichkeit, und wie über die Zeit, so hatten die
Frauen sich auch über die Wahl der Speisen nie vereinigen
können. Gaetana besorgte die Küche der Baronin, die Gräfin
hielt mit ihren Diensiboten nach ihrer Weise Haus. Hildegard
warf es Vittoria vor, daß sie sich mit ihrer süßen, fetten Kost
unförmlich stark und träge mache, die Baronin hingegen wollte
sich nicht zu einer Ernährung bequemen, bei welcher man so
wie Hildegard verfalle und an den Nerven leide, und die Folge
davon war, daß den ganzen Tag im Schlosse des Kochens und
des Bratens kein Ende war, daß der Amimann über den ge-

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waltigen Verbrauch von Brennholz klagte, daß die beiden Haus-
haliungen einander der unverantwwortlichsten Verschwendung ziehen
und daß Renatus gleich in den ersten Stunden von beiden
Seiten mit Beschwerden und mit Auschuldigungen, mit Raih-
schlägen zu einer Aenderung und mit Forderungen und An-
sprüchen behelligt wurde, die ihm, eben weil sie sammt und
sonders kleinlich waren und den rechten Punkt des ebels nicht
berührten, äußerst lästig dünkten. Das waren jedoch im Grunde
alles nur sehr unwwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt, den
Renatus in sich trug, gegen dasjenige, was er mit sich selber
und mit seiner Verlobten abzumachen hatte.
Der erste Eindruck, welchen er von Hildegard empfangen
hatte, änderte sich auch im längeren Beisammenbleiben nichi. Sie
war anderthalb Jahr älter als der Freiherr und nie schön ge-
wesen. Nur die an blonden Mädchen schnell vorübergehende
Frische der Jugend halie sie diesem einst reizend gemacht. Ieht ,
wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit'
stand, näherte Hildegard sich ihrem dreißigsten Jahre, und weil
sie magerer geworden war, traten die Kleinlichkeit und die Schärfe
ihrer Züge unangenehm hervor. Dazu hatte, wie jedes Zeit-
alter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet, so daß
nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allge-
meinen Typus zu freien und eigenartigen Persönlichkeiten aus-
bilden, die Stimmung, welche vor und während der Freiheits-
kriege in Deutschland herrschend gewesen war, auch der jungen
Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt. Die schweren Sorgen,
welche jeder Einzelne zu tragen hatte, die Nothwendigkeit, für Z
das Allgemeine bedeutende Opfer zu bringen und sich eben deß- -
halb in seinen eigenen Bedürfnissen zu beschränken, die Ergebung
in große Unglücsfalle, zu der so Viele sich veranlaßt fanden, ?
endlich die Selbstverläugnung, welche die deutschen Frauen und
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Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über ;
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sich ,. nommen, hatien Hildegard vortrefflich erzogen, aber ihr
auch ein eigenthilmliches Gepräge aufgedriickt. Sie war sparsam
und fleißig, anspruchslos in allen ihren Bedürfnissen, großer.
ausdanernder Treue und Hingebung fähig, von einem starken
Pflichtgefühle beseelt, und man hätte diese Tugenden vielleicht
noch höher schätzen müssen, weil sie dieselben mit vollem Be-
wußtsein übte und in sich ausgebildet hatte. Grade diese Ab-
sichtlichkeit nahm ihr indessen die Natürlichkeit. Die Sanftmuth,
deren sie sich befleißigte und die sie in ihrem ganzen Wesen kund
zu thun strebte, wurde in ihrem Mienenspiele zu einem süßlichen
Ausdrucke, ihre Hingebung ließ sie empfindsam erscheinen, und
daneben machie ihre Sirenge gegen sich selbst se gegen die An-
deren undnuldsam. Mit jener Unerbittlichkeit und Selbstgenüg-
samleit, denen man bei beschränkten Menschen, so Männern als
Frauen, überall begegnet, hatie sie sich ein Tugendideal geschaffen,
dem sie sich nachzubilden trachtete, und ohne den verschiedenen
Naturen und Lebenöbedingungen der Anderen irgend eine Rechen-
schaft zu tragen, verwarf sie Alles und Jeden, sofern sie ihrem
Jdeale nicht entsprachen.
Da sie in all ihrem Thun und Treiben berechnend ge-
worden war, hatte sie bei dem Wiedersehen mit Renatus ihm
gleich die ganze Fille ihrer Liebe und die tiefe Innerlichkeit der-
selben darzuthun gestrebt. Aber sie hatte sich diese Scene so
tausendfältig vorgestellt, sich dieselbe so oft und in allen ihren
Einzelheiten so genau und mit so leidenschaftlichen Farben aus-
gemalt, daß die Wirklichkeit weit hinter der erwarteten Gllck
seligkeit zurückblieb. Hildegard war also trotz ihrer anscheinenden
Versiumkenheit völlig im Stande gewesen, nicht nur lber sich
selbst, sondern auch über ihren Verlobten genaue Beobachtungen
anzustellen, und sie waren nicht dazu geeignet gewesen, sie über
ihre Zweifel an seiner Liebe zu beruhigen. Schon daß er nicht
zuerst nach ihr verlangt hatte, daß er nicht graden Weges zu

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ihr gekommen war, h.- wie sie es nannte, ihrem Herzen wehe
gethan, und daß er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer
und von ihr fern verweilen können, war für ihre Seele noch
weit entmuthigender gewesen.
Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung.
Weinend sank sie ihrer Mutter, nachdem Renatus das Zimmer
verlassen hatke, in die Arme; unter Thränen lleidete sie sich an;
und diese Thränen trugen nicht dazu bei, sie zu verschönern.
Es war vergebens, daß die Mutter ihr Muth einsprach, daß sie
Renatus mit der Ermüdungaentschuldigte, welche die unaus-
bleibliche Folge einer langen Winterreise sei. Obschon auch der
Gräfin das Erschrecken und die Kälte des Freiherrn sichtbar
genug gewesen waren, gab sie der verzagten Tochter zu bedenken,
daß in jeder langen Trennnng der Keim zu gegenseitigem Miß-
verstehen liege. Sie erinnerte Hildegard daran, wie schnell, wie
plötzlich einst ihr Verlöbniß mit Renatus geschlossen worden sei
und wie das wahrhaft bräutliche Zusammengehören, wie ein ?
Zuversicht gebendes Liebesverhältniß sich noch gar nicht zwischen
ihnen habe gestalten können. Vor Allem jedoch warnte sie die
Tochter, ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verrathen. Sie
beschwor sie, sich zu erheitern, sich zu schmücken, dem Verlobten
unverhohlen die Freude kund zu geben, welche sie empfinde. Aber
durch die lange Gewohnheit, sich in ihren Gefühlen mit Selbst-
beobachtung und mit Selbstbewußtsein darzustellen, war Hilde-
gard völlig unfähig geworden, sich zwanglos gehen zu lassen,
und sie hatte kaum eingesehen, daß die Mutter Necht habe und
daß sie wohl thun werde, wenn sie ihr folge, als sie sich auch
schon in eine neue Nolle hinein versezte, die ihr freilich noch
weniger wohl anstand, als die bisher von ihr aufrecht erhaltene
Kundgebung der stummen Liebe.
Sie war jetzt fest entschossen, ihren Kummer zu verbannen,
sie wollte sich mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen
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Brau. a die glücklich Liebende verwandeln; indeß eine Miene,
welche man durch lange Jahre festgehalten hat, läßt ich nicht
leicht verwischen. Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu
dem schwermüthigen Blicke, die Art, in welcher sie sich hlipfend
dem Bräutigam an den Hals warf, nicht zu dem elegischen Tone
ihrer Sprache passen, und wenn sie bei dem Eintritte des Ge-
liebten nach fröhlicher Kinder Weise in die Hände klatschte,
znachte das einen solchen Gegensaz zu der wehmüthigen Neigung
ihres Hauptes, die ihr zur anderen Natur geworden war, daß
Valerio, der nicht von des Bruders Seite wich, und weder ge-
- wohnt war, seine Gedanken zu verbergen, noch den Ausdruck
seiner Einfälle zurüczuhalten, eines Tages bei Hildegaro's An-
blick laut zu lachen anfing.
Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid, fragte er, und
obenein mit solchen langen Locken? Du siehst wie eine vergnüügte
s Trauerweide aus!
Die Gräfin schalt den Knaben. Auch Nenatus wies ihn
h mit strengem Wort in seine Schranken; aber Hildegard mißfiel
s auch ihm, seit sie zum Aufpuze ihre Zuflucht nahm, mehr noch
, als am ersten Tage, und doch vermochte er das trennende Wort
, gegen sie nicht auszusprechen. Er konnte sich nicht entschließen,
, einem Weibe, das ihm liebend gegenüber stand, mit Härte zu
! begegnen. Er fichlte sich sehr unglüüclich, ja. er betrachtete es
l als eine Erniedrgung, daß er sich genöthigt sah, sich der Zärt-
j lichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen, welches offenbar
! entschlossen war, seine Kälte nicht zu beachten, seine Liebe
j durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nüzlich
F und angenehm zu machen, indem es schon jezt die Hälfte seiner
Mühen und Sorgen auf sich nahm.
Ohne daß er es von ihr begehrte, sprach ihm Hildegard

ihre Ansicht lber seine Verhältnisse aus, von denen sie durch
ihre eigenen Beobachtungen und Erkundigungen weit vollständiger

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unterrichtet war, als uenatus es erwartete. Sie hatte denn
auch mit reiflicher Neberlegung jene Plane entworfen, von denen
sie ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Defteren gesprochen,
und sie waren natirlich ganz auuf jene Ausschließlichkeit des
liebenden Beisammenseins berechnet, welchem Hildegard einst in
der Stunde der ersten Trennuung von dem Verlobten mit dem
Ausrufe: Ich und Du- und Du und ich! ihren Ausdruck
gegeben hatie.
Ihrem Sinne widerslanden Tremaun T Naihschläge, von
denen sie sich mit ihren sanften und doch eindringlich bohrenden
Fragen bald durch den Freiherrn Kentniß zu schaffen wußte,
keineswegs. Denn Vereinfachung der Zuustände war gerade das-
jenige, worauf ihr Augenmerk gerichtet war. Sie stimmte daher
der Meinung Tremann's auch völlig bei, daß man Neudorf und
Rothenfeld verkaufen solle; sie hoffte mit dem Grafen Gerhard,
daß der König, wenn er sähe, wie bedrängt Renatus sei und
wie sehr er und seine Brauut entschlossen wären, ihre Verhältnisse
zu regeln, sich ihrer annehmen würde, und sie hatte bereits die
genauesten Berechnungen über die Summe angestellt, welche man
der Baronin aussetzen müsse, wenn diese mit ihrem Sohne erst
an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen gefunden
haben würde. Daß die Gräfin Nhoden und Cäcilie sich mit
dem kleinen, ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurück-
wenden wüirden, nahm Hildegard als selbstverständlich an, und
sie erging sich also, so oft der Anlaß sich ihr dazu bot, in den
Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes, dessen sie
und der Geliebte iheilhaftig werden wüürden, wenn sie, von
Sorgen und Widerwärtigkeiten nicht belastet, hier in Richten
einzig auf einander angewiesen, einst nur fir einander leben
würden.
Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende
Kraft, aber sie hatte die Unart, immer wieder auf denselben

czr:
Gegenstand zurückzukommen, den Freiherrn an jedem Tage auf
die Nothwendigkeit einer Entschließung hinzuweisen und dadurch
ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern.
Er gestand es sich ein, daß sie in gewissem Sinne Recht habe,
das; sie ein tichliger, ein ehrenwerther Charakter sei; er ließ sich
sogar den Vorwurf von ihr gefallen, daß es ihm an Willens-
stäärke fehle; indes; die Achtung, welche er ihr nicht versagen
durfte, fachte die Liebe in ihm nicht wieder an. Sein Bedauern
üler die Uullugheit, ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu
haben, was er ihr weder verbergen konnte, noch verbergen wollte,
verminderte sich dadurch nicht, und der Unfrede und die grillen-
hafie Lebensweise, welche in seinem Schlosse herrschten, traten
ihm iroz alledem als der Uebelstand hervor, dem zunächst eine
Schranke gezogen werden müsse.
Daß er diese Zuuslände, wie sie sich während seiner Ent-
fernung herausgebildet hatten, daß er namentlich die Doppel-
wirthschaft nicht fortbestehen lassen könne, erklärte der junge
Schloßherr den Frauen gleich am ersten Tage. Er ließ die
Wohnuung seiner Eltern öffnen, richtete sich in seines Vaters
Zimnnnern ein, ordnete an, daß man um bestimmte Stunden und
gemeinsam speisen solle, und wie diese Einrichtungen ihn des
Alleinseins mit Hildegard zum Theil enthoben, so zeigten sämmt-
liche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem
Male seinen Winschen und Anweisungen fügsamer, als er es
erwartet hatte.
Vittoria verließ ihr Gemach und sticg zur festgesezten Zeit
K,
die =-eppe bereitwillig hinauf, um der Gräfin und Hildegard
die Rechte der Hausfrau in dem Versammlungszimnmer und im
Speisesaale nicht zu überlassen. Diese hinwieher hielten es für
geboten, der Liebe und Zärtlichkeit entgegenzuarbeiten, welche
Nenaius iuuer noch für seine Siiefmutker hegie, und da die
Einen wie die Andern das Bestreben hatten, den Heimgekehrten

= ZF -
festzuhalten, an sich zu fesseln und für sich einzunehmen, mäßigte
ein Jeder sich in der Aeußerung und Darstellung des Unrechtes,
das er erlitten zu haben glaubte, hielt Jeder sich mit den An-
sprüchen und Anklagen, die er erheben zu müssen fir nöthig
ansah, vorläufig noch in gewissen Schranken zurüick. Das gab
dem Freiherrn Hoffnuung und gewährte ihm eine Genugthuung;
denn er besas; noch jenen guien Glauilen des Umerfahrenen,
welcher alles, was sich um ihn her gestaltel und vollzieht, als
sein Werk, als die Folge seiner Anordnungen und Maßnahmen
anzusehen liebt, ohne zu bemerlen, welchen Autheil die Pläne
und Berechnungen der Andern daran haben, und ohne es gewahr
zu werden, daß er oft nur ein Werkzeug ist, wo er sich als den
Herrn und Meister fühlt.
Er zweifelte nicht daran, daß er seinen Willen durchgesezt
habe, als Vittoria plözlich ihren Flügel und ihre Noten wieder
in das Empfangszimmer hinaufbringen ließ; er ging mit Be-
hagen in den Sälen umher, wenn die Frauen sich Abends um
ihn versammelten, wenn Vittoria und Cäcilie und Hildegard
bei ihren musikalischen Leistungen einen förmlichen Wetieifer
verriethen, wenn die Frauen alle sich in freundlicher Zuvor-
kommenheit gegen ihn und gegen einander plötzlich überboten und
keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien, als das,
sich ihm angenehm zu maehen und ihn so weit als möglich
zufrieden und glücklich zu sehen.
Die Gräfin, deren Liebling ihre älteste Tochter stets ge-
wesen war und welche jetzt noch mehr als früher wünschen mußte,
das nicht mehr junge Mädchen durch die noch immer ansehnliche
Heirath mit dem Freiherrn zu versorgen, khat, so viel an ihr
lag, einen Jeden zur Fügsamkeit in die Anordnungen des Haus-
herrn anzuuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung, z
gewinnendem Beharren, zu förderlicher Hülfsleistung zu er-
muuthigen. Es hätte jedoch bei einem Charakter wie dem von

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Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft, ja, sie waren im
Grunde fir sie vom Uebel, dennn das Geflissentliche, welches sich
in dem Wesen der jungen Gräfin ohnehin mehr, als' es dem
Freiherrn lieb war, üüberall verrieth, ward dadurch noch verstärkt.
Es langweilte Nenatus bald, beständig auf diese inmer gleiche,
ernste Ergebenheit zu stosßen, und wann er nach seinen Unter-
reduungen mit seiner Brau, wie Vitioria es nannte, aus dem
Norden zu khr in den Süden hinunterkam, fand er sich von
seiner Stiefmutier angenehmer und heiterer unterhalten und in
seinen eigenen Anschauuungen über Hildegard bestärkt.
Viktoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefährlichen
Sanftmuth und vor der herrschsüchtigen Pflichttreue seiner Braut
gewarnt. Jezt klagte sie dieselbe unumwunden der Arglist und
einer niedrigen Gesinnung an. Sie nannte es unschicklich und
anmaßend, daß Hildegard, ohne dazu von ihrem Verlobten er-
mächtigt worden zu sein, mit seinen Beamten verkehrt und von
ihnen Auskunft und Rechenschaft über seine Vermögensumstände
gefordert habe. Sie bezeichnete es als einen entschiedenen Ver-
rath, daß sie dem Grafen Berka einen Einblick in Verhältnisse
eröffnet, den sie selbst sich nur durch ihre Zndringlichkeit erworben
habe. Sie beschwerte sich über den herzlosen Hochmuth, den
Hildegard beweise, wenn sie ihr, der Wittwe des verstorbenen
Freiherrn, der Mutter ihres Verlobten, gleichsam den Thaler
nachrechne, dessen sie für ihre kleinen Bedürfnisse benöthigt sei;
und als Renatus, dessen offenem und großmüthigem Herzen jede
Kleinlichkeit fremd und eben deßhalb auch in Anderen zuwider
war, sich eines unwilligen Wortes bei dieser lezten Mittheilung
nicht erwehren konnte, rief Vikioria, den Boden ihres Angrifes
plözlich wechselnd Blick' diesem Mädchen doch nur einmal unbe-
fangen in das verblihte, jeder Anmuth, jedes Liebreizes so be-
raubte Aulliz! Kaunst Du an Liebesworte von den schmalen,
blassen Lippen glauben, auf denen das Lächeln gleich zu Eis

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gefriert? Kannst Du mit Freuden in solchen Armen ruhen?
Nein, dieses Mädchen ist zur Gattin, zur Mutter nicht geschaffen!
Ich miißte irre werden an Gott und an der Natur, wenn
diesem selbstsüchtigen Herzen die Wonne der Mutterliebe jemals
blihen könnte!
Vitioria halte es oft erfahren, daß ihre wilde Beredtsamleit
ihre Wirkung auf den Stiefsohn nicht verfehlte. Wider ihr Er-
warten aber blieb er ihr die Aniwort schuldig. Das war gegen
ihre Absicht, denn die Liebe, welche sie wirklich fin Nenatus
hegte, und das Bewußtsein, daß sie mit ihrer Zukunft zum
größten Theile auf seinen guten Willen angewiesen sei, machien
sie in der Regel in ihren Aeußerungen vorsichtig. Sie würde
sich auch nicht unterfangen haben, Hildegard mit solcher Ent-
schiedenheit anzugreifen, ohne die Neberzeugung, daß sie den
geheimsten Gedanken des Freiherrn mit ihren Aussprüchen be-
gegne, und sie irrte darin nicht, wenngleich er es nicht für
angemessen fand, ihr dies einzuräuumen.
Nur Eines hatte Viktoria übersehen, daß nämlich in ßde-
natus seit seinem Aufenthalte in der Heimath und in seinem
Schlosse sich ein neues Element eutfaltete: er begann sich als
Oberhaupt einer Familie zu empfinden. An die Unterordnung
unter ein solches als an gute, adelige Zucht und Sitte von früh
auf streng gewöhnt, gefiel er sich darin, jezt für sich in Anspruch
zu nehmen, was er früher hatte leisten müssen, und die Lage,
in welcher die Frauen sich ihm gegenüüber befanden, erleichterte
ihm die ersten Schritte auf dem Wege zur Herrschsucht, den er,
in dem besten Glauben an ihre Nothwendigkeit, betrat.
Er hatte am Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hilde-
gard beabsichtigt.' Er dachte auch jezt noch an denselben. Aber
die Vorstellung, daß er diesen Schritt später so gut wie jetzt
ausführen lönne, daß es nur von ihm abhänge, in welcher Weise -
er sein Schicksal gestalten wolle, und vor Allem die ungewohnte

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Nachgiebigkeit, der er begegnete, wohin immer er sich wendete,
schmeichelten ihm mehr, als er es ahnte. Er täuschte sich darüber
keinen Augenblick, das: Hildegard ihm mehr als gleichgiltig sei,
ja, daß sie ihm mißfalle; und doch konnte er in ihrer Nähe
nie vergessen, was der Abbe ihm über die demüthige und hin-
gebende Frauenliebe ausgesprochen hatte, doch mußte er, wie oft
und verfüührerisch ihm Eleonorens Bild obenu hier in der Zuriick-
gezogenheit erschien, sich eingestehen, das: eine stolze gewaltsame
Nalur, wie sie, ihn auf die Länge nicht zu beglücken fähig ge-
wesen sein würde. Denn es ging ihm wie allen den Männern,
die in einem unllaren, aber darum nicht weniger richtigen Be-
wußtsein ihrer eigenen Schwäche vor jeder starken Frauenseele
Scheu tragen. Sie sehen die Kraft als einen Fehler in den
Frauen an, weil sie ihnen selber mangelt, und eben deßhalb
schweben sie beständig in der doppelten Gefahr, von der Be-
rechnung der Frauen absichtlich durch eine zur Schau getragene
sogenannte unterwürfige Weiblichkeit getäuuscht, oder von der
wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden.
Selbst die Mißhelligkeiten und kleinen Händel, auf welche
Nenatus fast an jedem Tage, so sehr man sie ihm zu verbergen
strebte, zwischen den einander jetzt mit erhöhter Genauigkeit
beobachtenden Frauen stieß, dünkten ihn bald nicht mehr so
unerträglich, als in den ersten Tagen und Wochen, denn sie
gaben ihm die Gelegenheit, sich täglich der Herrschaft bewußt zu
werden, welche er über die Personen ausübte, die er als seine
Familie hielt und ansah. Und weil es ihm wider sein Ver-
muthen und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen
war, durch sein bloßes Dazwischentreten ein schicklicheres Leben
und Beisammensein in seinem Schlosse herzuslellen, war er bald
überzeugt, daß seine Berather, daß Tremann und Graf Gerhard,
der Eine aus Unkenntniß der landwirthschaftlichen Verhältnisse,
der Andere, weil ihm bei dem beginnenden Alter die Kraft und

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Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote ständen, ihm
auch von seinen Vermögensverhältnissen ein zu diüster gefärbtes
und eben darum kein völlig richtiges Bild entworfen häiten.
Er beschloß also, küünftig nur seinen eigenen Augen zu ver-
trauen und sich bei der Ordnung seiner Angelegenheiten vor
allen Dingen von dem Sachverhalte selbst zu überzeugen, ehe er
sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen Be-
amten einlies; oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter
vorwärts wagle.