Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 03

Drittes Capitel.
,üser Winter neigte sich stark zu Ende. Die Tage wurden
===?
schon wieder hels. A Mitiage, wenn die Sonne hoch stand,
war die Luft leicht und warm, der Himmel dunkelblau, und der
Schnee, der den Boden noch Jedeckte, wenngleich er von den
Dächern und Bäumen weggeschmolzen war, funkelte so hell, daß
man sich belebt fihlte, als ob man im Hochgebirge wäre. Auch
die lichtfreudige Lerche wirbelte sich schon wieder in gerader Linie
aus ihrer Scholle zum Firmament emhor und ließ aus ihrer
kleinen Kehle ihre jubelnde Frühlingsverlündigung vorzeitig über
die Erde hinweg erschallen.
Um, wie er es nannte, nach dem Seinigen zu sehen, hatte
Renatus sich gewöhnt, an jedem Mittage auszureiten. Hildegard,
die man um ihrer zarten Gesundheit willen das Reiten stets
vermeiden lassen, hatte ihn zum Fahren überreden wollen, um
ihn begleiten zu können; indeß er hattezdas Neiten für bequemer
und seinem Zwecke entsprechender erklärt und Anfangs nur
Valerio, bald aber auch Cäcilie mit sich genommen, deren lebens-
voller Körper sich immer nach starker, durchgreifender Be-
weguung sehnte.
Eines Tages, als man um die sestgesetzte Stunde auch
wieder die Pferde für die Reiter auf die Nampe geführt hatte,
kam der Freiherr mit Valerio und Cäcilien eben aus dem Schlosse
heraus. Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen Jagdrock
von grlem Sammet angezogen, den er auf mancher Jagd in
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlecht. l.

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Saint Germain getragen. Er sah ungemein gut in demselben
aus, und Hildegard, die, in ihren großen Shawl gehüllt, ein
kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden, oben in ihrem
Zimmer an dem geöffneten Fenster stand, bemerkte das mit
Vergniigen. Aber auuch Eieilie sahh es. Denn als er diese an
ihr Pferd geleilei halie und ihr seine Hand hinhieli, damit sie
aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen könne, rief sie
Hildegarden die sröhliche Frage z, ob Nenaius nicht sehr schön
aussähe oder ob jemals eine Königin einen schöneren Pagen
gehabt habe, als sie. Valerio, der bereits auuf seinem kleinen
Schimmel saß, hatte auch diese Frage kaum vernonmen, als er
aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann,
die Beaumarchais in seinem ,Figaro' dem Pagen in den Mund
gelegt hat und welche, auf die Marlborough-Melodie übertragen,
mit den französischen Heeren durch ganz Europa gewandert
waren. Valerio sang mit seiner schönen Knabenstimme:
Veau gsgo! äit lt reine,
hlZue mou soeur, muu ooeur u ee geiue !s
ügui rous met d ls. göue ?
üui ous kuit tant' glourer?
ui rous luit tant pleurer?
Kous kaut le lüelarer.
Hladame et soureraine,
lJuo mou ooeur, mon ooeur u lo peine !
Ia nis une murruiue,
ue touours alorui!
Er wiederholte den lezten Vers zu verschiedenen Malen,
warf Cäcilien, mit welcher er auf dem besten Fusße stand, einen
Kus: zu und spreugie singend davon.
azwischen war Nenaius ebenfalls aufgestiegen. Er lenlte
seinen Goldfuchs nach der linken Seite der Reiterin, leitete ihr
Pferd vorsichtig die etvas glatte Nampe hinunter, und während
er unwillku..ich das ,lZue bouzours säorai!k des Knaben
-s

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nachsang, grüsßten er und Cäcilie noch einmal nach den Schlosse
hinauf, ehe sie Valerio folgten. der den Hof bereits verlassen
hatie und lustig in das Freie hinausgeritten war.
Hildegard sah ihnen lange nach. Sie vergas es, daß die
Mmiler sie gewarui halie, sich eben heule, da sie nichl guz
wohl war, der Luft am geöffneten Fenster auszusezen, die ihr
nachtheilig werden konnte. Das fröhliche Singen des Knaben
haite sie traurig gemacht. Wie die Phantasie des jungen Frei-
herrn sich an den letzten Vers geheftet, hatte ihre Seele sich der
immer wiederkehrenden Worte: ,lZue mor ooeur, moa coeur
e äe peine ! bemächtigt, und sie wußte sich nicht zu sagen,
was ihr eben heute so große Betribniß, so großen Kummer
verursachte.
Es zog ihr so schmerzlich am Herzen, es regte sich ein
Gedanke in ihr, der ihr früüher nicht gekommen war. Sonst
hatte das Frühjahr sie erheitert, dieses Mal machte sein Heran-
nahen sie wehmithig. Was war denn geschehen? Was war
denn anders geworden, seit im vorigen Jahre die Sonne den
Schnee hinweggeschmolzen und die Lerchen eben so gesnngen
hatien?
Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifer-
sucht auf die Gräfin Eleonore; damals hatte sie sich nach dem
Bräutigam gesehnt und mit banger Zärtlichkeit die Tage und
die Stunden gezählt, die bis zu seiner Heimkehr noch vergehen
mußten. Jezt war Nenatus da, sie sah, sie sprach ihn täglich,
sie hatte ihm das Geständniß abgenommen, daß er die Gräfin
Haughton trotz ihrer verfiührerischen Neize nie geliebt, ja, daß
er ihre Hannd, die sie ihm in selbsigewissem Freimuihe ange-
boten, zuricgewiesen habe, und doch konnie Hildegarh sich's
nicht verbergen, daß sie in den Tagen jenes bangen und doch
so zuversichtlichen Sehnens gliicklicher als jezt gewesen sei.
Sie beneidete Cäcilie um ihre unausgesetzte gute Laune,

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um ihre gedankenlose Fröhlichkeit. Sie beneidete Renatus, der
sich mit Valerio und ihrer Schwester, von dem Augenblicke ganz
hingenommen, an dem bloßen Sonnenscheine erfreuen konnte.
Ihr war das nicht gegeben. Der frühe Tod ihres Vaters, dessen
sie sich mit allen Nebenumständen klar erinnerte, die mannig-
fachen Sorgen. die sie uit ihrer Multer zeitig schon geiheilt
hatte, ihre heimliche Verlobung und endlich alle die Erfahrungen,
welche sie während der Kriegsjahre hatte machen müüssen, hatten
ihr den glücklichen Leichtsinn der Jugend geraubt. Ihr Sinn
war von jeher ernster als der ihres Bräutigams gewesen, und
wie lieb sie ihn hatte, er lam ihr immer noch nicht fertig vor.
Sie erschien, sie fihlte sich reifer ald er, ihm überlegen. Als
sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den
Grafen Gerhard auSgesprochen, halie dieser ihr lächelnnd er-
wiedert, sie lönne eben nichts fiür ihre Berla'sche Abslammuung.
Den Berka lägen die Verständigkeit und die Energie so gewiß
im Blute, wie den Arten der Leichtsinn und der Wankelmuth,
und sie sei eben desßhalb wie ausersehen, mit ihren grosßen Ei-
genschaften den Schwächen seines Neffen zu Hülfe zu kommen.
Ihr werde naturgemäß die Herrschaft im Hause und in der
Ehe zufallen, und sie solle bei Zeiten darauf denken, sich des
Einflusses zu bemächtigen, welchen sie auf einen Charakter wie
den ihres Bräutigams, zu dessen eigenem Heile, nothwendig er-
langen müsse.
Sie war sich bewusßt, diesen Nathschlägen mit all ihrer
Kraft gefolgt zu sein, aber sie erntete davon die Früchte nicht,
die sie erhofft hatte. Renatus, wie leichtgesinnt er sich auch
gab, hatte das feinste Gefühl füür jede ihrer Absichten und war
nichts weniger als gewillt, ihr irgend einen Einfluß auf seine
Maßnahmen und Entschließungen einzuräumen. Sie hatte es
nach den ersten vierzehn Tagen völlig aufgeben müssen, seiner
Geschäftsverhältnisse gegen ihn zu erwähnen. Spottend und

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dann wieder scherzend haite er sie Schritt für Schritt von dem
Boden zurückgewiesen, auf dem sie sich in bester Absicht heimisch
gemacht hatte. Was sie ihm leisten, ihm sein konnte und wollte,
das begehrte er von ihr nicht; was er in ihr zu finden wüünschte,
den fröhlichen, ihn stets belustigenden Sinn ihrer um mehr als
sechs Jahre jiingeren Schwester, den besaß sie nicht. Sie war
nicht jung geung dazu, sie war üüberhaupt nicht mehr jung.
Das waa es, was ihr heute so weh im Herzen that, was
ihr das erste Frihlingsahnen in der Lft so schmerzlich machte,
und ihr die Thränen in die Augen preßte. Der Frühling war
jeht nahe amn Wiederkehren, aber ihre Juugend war dahin und
kehrte niemals wieder - niemals wieder!
Heute, bei dem ersten hellen Sonuenscheine, hatte sie es
gesehen, hatte ihr Spiegel es ihr umwiderleglich dargethan, sie
war verblihht! Die Fälichen in den Augemwinleln, die Fuurchen
auf der Slirn, die Züge, welche sich von ihrem Munde nach
dem Kinn hinuntersenkten, wie leise, wie wenig sichtbar sie auch
waren, sie hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt, und
sie zweifelte nicht daran, Nenatus hatte sie vor ihr wahrge-
nommen, denn er liebte sie nicht mehr, und was das Auge der
Liebe übersehen hätte, dem Blicke des gleichgültigen Beobachters
war es sicher nicht entgangen.
Sie hatte das Fenster längst geschlossen, war längst an
ihren Nhtisch zurückgekehrt. Was sollte ihr das helle, unver-
wüstliche Sonnenlicht? Es vermochte jg nuur der Erde, nicht
ihr, nicht ihrem Antlize neue Jugend zu verleihen. Aber war
es ihre Schuld, daß sie verblüht war, daß Renatus sich erst
jezt zu seiner vollen Kraft, zu voller Männlichkeit entfaltete,
während ihre schönste Zeit vorüber war? Hatte sie es zu ver-
antworten, daß er sie erwählt, daß er sie an sich gebunden hatte
durch alle die langen Jahre? Durch alle die langen Jahre, in
denen ein frisches, wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe

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sein schönes Loos gewesen war und die sie theils in schwerer
Pflichterfüllung, theils, weil er es also angeordnet, hier in der
Einsamkeit vertrauert hatte?
Mit keinem Worte hatte er, seit er zu Hause war, daran
gedacht, den Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusezen. Aus mäd-
chenhafiem Zarlgefihl, aus Ehrgesiihl halte sie nichi nach dem-
selben fragen, nicht auf dieselbe dringen mögen; aber auch der
Zustand, in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte, beleidigte
ihr Zartgefihl, trat ihrem Ehrgefühl zu nahe, und doch wuußte
sie nicht, wie sie ihn ändern, wie sie sich aus demselben befreien
könnte.
Es half ihr nicht, daß sie sich schmückte! Sie konnte den
verlorenen Jugendreiz damit nicht ersezen. Es half ihr nicht,
daß sie sich in nicht endender Gefälligkeit um Renatus Mühe
gab. Das Zufällige, das Vittoria, das Cäcilie ihm leisteten, war
immer mehr nach seinem Sinne und haite den Vorzug, ihm,
weil es unerwartet kam, eine Ueberraschung zu sein. Sie hatte
es allmählich aufgegeben, ihn zu suchen, weil sie bemerken mußte,
wie wenig es ihn freute, sie zu finden; und selbst der Muth,
ihn zu berathen, hatte sie verlassen, weil er durch ihre Nath-
schläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft,
sie zweifelte nicht daran, gegen seine eigene Neberzeugung handelte,
um ihr darzuthun, daß er nicht gewillt sei, sich der ihrigen an-
zuschließen oder gar zu fügen.
Gestern hatte sie, gekränkt von der Sorglosigkeit, mit welcher
er sie mehr und mehr sich selber überließ, es ihrer Mutter zum
ersten Male ausgesprochen, daß sie fühle, Renatus wolle sie ver-
lassen; er wolle mit ihr brechen und wolle, das Mas; seiner
selbstsiichtigen Grausamkeit zu fiillen, sie dazu nöthigen, die
Trenung zwischen ihnen zu vollziehen.
Die Gräfin hatte dies zu längnen, die Thatsachen in Abrede
zu stellen, ihre Tochter zu bernhigen versucht; indeß Hildegard

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war jezt nicht mehr zu täuschen. Sie litt mehr als sie es sagen
konnte. Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe mit Renatus
begründet gewesen, ihre ganze Vergangenheit, ihre Zukunft
wurden ihr mit Einem Schlage zertrümmert, wenn Renatus
sich ihr entzog, und, fir sie war es gewiß, er hatie sich ihr
bereits entzogeu.
Es verging lein Tag, an dem sie nicht Ursache hatte, ihm
zr zürnen, es war schon mancher Tag gekommen, an dem sie
siä gesagt hatte, daß sie ihn von einer unmännlichen Charakter-
schwäche finde. Wenn sie seiner dachte, und wann dachte sie
nich: an ihn? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen, vor der
sie slbst erschrak und die nicht ihm alleie galt. Sie zürnie ihrer
Mutker, weil diese sich einst ihrer heimlihen Verlobung mit
Renaus nicht widersetzt hatte. Sie klagte die Gräfin eines
Mangels an Menschen- und an Weltkenntniß an, weil sie nach
des alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung
der Verlobten, oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten
hate. Denn damals war Hildegard noch jung, noch hübsch,
noch voller Lebensmuth gewesen, damals hatte Renatus sie noch
geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen
Bewerbern nichk gefehlt, damals wäre sie noch fähig gewesen,
sich zu trösten, zu vergessen und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben.
Aber jezt?
Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel
heran. Sie strich die Locken, die sie seit der Heimkehr ihres
Verlobien wieder zu tragen angefangen, weil er sie einst geliebt
hatte, mit einer heftigen Bewegung von ihrer Stirn, sie riß das -
Bändchen mit dem kleinen Kreuze, das ihr am Halse hing, mit
heftiger Hand entzwei. Sie wollte sich nicht mehr schmücken.
E freute sie, das die blauen Adern unter ihrer schlaffer ge-
wordenen Hant, auf ihrer Stirn, in ihren Schläfen stärker als
in jungen Tagen sichtbar waren. Es freute sie, daß die Linie,

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auf der sich Hals und otacken einen, jetzt in bräunlicher Farbe
scharf hervortrat. Renatus sollte es sehen, was sie um ihn
gelitten hatte. Er sollte es sehen, das; er sie verblüihen machen,
daß er, er allein sie um Jugend und um Gliick betrogen hatte.
Und er mußte ja kein Mensch, er muste nicht Nenatus, nicht
ihr Renatus, nicht ihr angebeteter Geliebter sein, wenn ihr
Verfall ihn nicht rihren, wenn er nicht zu ihr wiederkehre
sollte, ihr Jgend und Schhöheil, Hossmng, Glaben und Glick
mit einem einzigen Liebesworte, mit seiner Liebe wiederzugeben.
Sie verstummte in bittern Thränen, als sie auf weiem
Wege wieder zu dem alten Ausgangspuunkte gelangt war. Mitten
in dem Weinen erhob sie sich aber, und noch einmal lrt sie
an ihren Spiegel heran. Sie erschrak vor ihrem eigeneu An-
blicke. So hatte sie, so zersiört hatie sie noch niemals ausge-
sehen. Den Schmerz konte sie der Mutter, den Triumph konnte
sie Vittoria nicht bereiten. Sie durfte, sie wollte sich nicht sinken-
lassen, sich nicht verloren geben. Sollte Vittoria die Genuug-
thuung genießen, sie von dem Schlosse gehen zu sehen? Sollte
sie, sie selbst mit ihren armen, weinenden Augen, den Tag er-
leben, an welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus
dem Schlosse, das derselben zu einer lieben Heimath geworden
war, auf!s Neue hinausziehen, und sich in der kalten, fremden
Welt eine neue Stätte bereiten solle?- Das konnte, das durfte
nicht geschehen. Um ihrer Mutter willen mußte sie ausharren
und' bleiben, mußte sie ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes Be-
dürfen opfern.
Und wenn es dann trotzdem geschah, wenn Renatus es
vergessen konnte, was er ihr schuldig war, nun, so sollte sein
die Schuld, sein ganz allein auch das Verbrechen sein, das er
damit an ihrer armen Mutter, an der edelsten der Frauen, zu
begehen sich nicht scheute.
Daß sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer

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auf die Entfernung ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet
hgtie, so lange diese Plane noch auf ein ausschließßliches Liebes-
glück begrüündet gewesen waren, daran freilich erinnerte Hilde-
gard sich in dieser Stunde nicht.
Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen
Ritte eine Sorge um die Gedanken und um die Zweifel, mit
welchen Cäeiliens daheimgebliebene Schwesier sich eben beschäftigte
and quälle.
Es war ein strahlend schöner Tag. Die drei Neiter hatten
ihr Entzüicken an demselben. Die frische Luft, die sonnebeleuchtete
Ebene, die sich nach der einen Seite weit wie der Horizont,
und nur von ihm begrenzt, vor ihnen öffnete, hatten für die
Phantasie etwas Verlockendes, und sie ritten schnell und schneller,
wie man das immer thut, wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist.
In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte
Renatus noch mit erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige
Allee vor dem Schlosse vermißt, deren Verschwinden ihn einst
so ergriffen hatte, als er in den russischen Krieg gegangen war.
Jezt war er schon völlig daran gewwöhnt, das Schloß ohne seine
Baumeszierde vor sich zu sehen, und selbst den Verfall an den
Häuusern und an den andern Baulichkeiten fand er doch nicht so
arg, als er es nach Tremann's Darstellungen befürchtet hatte.
Seine Feldzüüge hatten ihn mit dem Anblicke so entsetzlicher Zer-
störungen vertraut werden lassen, daß es ihm keinen bedenklichen
Eindruck machte, wenn die Dächer der Scheunen und Ställe,
denen einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt
hatte, nur nothdürftig mit Stroh gedeckt waren, wo die Ziegel
schadhaft geworden waren. Er hatte so viele Häuser ohne Thüre
und ohne Fenster stehen sehen, daß eine eingesunkene Schwelle
und schief hängende Thürfligel, daß Verschläge von Brettern
statt der Fenster, besonders, wo es sich um die Wohnung von
Leuten handelte, die im Grunde doch zufrieden waren, wenn sie

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unter Dach und Fach nuur warm beisammen saßen, ihm nicht
als ein Unglück erschienen. Und wie man in einer elenden
Baracke bei rauchendem Feuer und auf hariem Boden, selbsi
wvenn man an Nahhruigömnilteln keinen Neberfls haite, doch
gesund und arbeitsfähig und selbst guten Muthes bleiben könne.
das hatte er in seinen Feldziügen an sich selbst mehr als einmal
erfahren.
Heute nun vollends, wo die Sonne so herrlich schien und
der frische Wind im Walde die Aeste der alten Bäume so lustig
knarren machte, heute, wo die Lerche sang, als wisse sie, daß es
mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der Furche
sich in Kurzem wieder die grnen, weichen Halme schiützend
wölben würden, heute, wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem
letzten Neste des Schnee's umherging, als wolle sie mit dem
Schnabel ermessen, wie hoch er denn noch liege und wie lange
die Sonne wohl noch zu ihun habe, bis sie mit ihm fertiig
werden und die schöne Jahreszeit beginnen könne, heute erschien
auch dem Freiherrn seine Lage bereits wieder in ganz anderem
Lichte, als an dem Morgen, an welchem er in sein Schloß zu-
rückgekehrt war.
Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen,
hatte überall selbst nachgehört, und mehr noch als bei diesen
Ausflügen hatte er von den Leuten erfahren und gelernt, die,
weil er ihnen das gestattet hatte, zu ihm gekommen waren, ihm
ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen. Sie hatten aller-
dings geklagt, aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei
seinem Dienste, und dann vollends im Kriege, mit dem ge-
meinen Manne verkehren lernen. Er wußte, daß derselbe immer
klage und das er leicht zu irösten, daß er mit dem geringsten
Zuugeständnisse fir den Auugenblick zu beschwwichtigen, ja, zufrieden
zu stellen und zu geduldigem Warten wie zu muthigem Hoffen
leicht zu bewegen sei.

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Der Amtmann war wirklich ein harter Mann, der Justi-
tiarins konnte nichts bewilligen, der verstorbene Freiherr hatte
mit den Leuten, deren schwerfällig langsames Wesen ihn be-
lästigle, deren Klesder, sellst wenn sie in ihrem besten Anzuuge
vor ihm erschienen, nach ihren schlecht gelifteten Wohnungen
übel rochen, nichts zu thun haben mögen. Er war ihnen, na-
mentlich in den späkeren Jahren seines Lebens, als der Bau
der katholischen Kirche, die Entlassung des Neudorfer protestan-
tischen Pfarrers, und der Todtschlag der französischen Kammer-
jungfer böses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten er-
zeugt hatte, nur noch eine Schreckgestalt gewesen, und sie hatten
mit ihm gar nichts gemein gehabt. Erst hatte er, wie sie sich's
noch jezt erzählten, die kleine französische Herzogin und den
hasenfüßigen Marquis in's Land gebracht, vor dem kein Frauen-
zimmer Nuhe gehabt; nachher hatte er sich die schwarze Jialienerin
geholt, mit der auch kein Christenmensch im Lande in seiner
Muttersprache reden konnte, und wenn das auch Niemand laut
zu sagen wagte, im Stillen waren die Leute sammt und sonders
doch der Meinung, daß der alte Freiherr es heimlich mit den
Franzosen gehalten habe und nicht dawider gewesen wäre, wenn
sie heute hier noch im Lande ihr Wesen getrieben hätten. Er
hatie ja im Schlosse auch meistens nur Französisch parlirt mit
Frau und Kind.
Jezt mit dem jungen Freiherrn war das, wie die Leute
sagten, ganz was Anderes. Man brauchte ihn nnr anzusehen:
die helle Ehrlichkeit sah ihm aus seinen großen, blauen Augen.
Der hatte seine Knochen und sein Veben nicht geschont. Der
war mitgegangen wie der gemeine Mann, als es noth gethan
hatie. Der hatte seln Blut ehrlich vergossen fin Gott, flr König
und fir's Vaterland, wie der gemeine Mann. Mit dem Wilhelm,
mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem, war er zusammen in
Leipzig im Hospital gewesen, und als der Freiherr, dessen Wunde

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rascher geheilt war, als des Wilhelm's Bein, dann aus dem
Lazarethe abgegangen war, hatte er dem Wilhelm noch eine
Flasche Alten und zwei harte Thaler zurückgelassen, daß er sich
pflegen und recht zu Kräften bringen solle, ehe er wieder zum
Regimente käme. Und nun hier zu Hause! Das war ein ganz
anderes Wesen.
Der junge Herr halte es im Kriege gelernt, dasß ein Mensch
des andern Menschen Kaamerad und Brüeder sei. Keinen, auuch
den ärmsten Einlieger nicht, behandelte er, wie der Alte es ge-
than hatie. Er sagte zu Niemandem Er, er nannte Jedweden
Du, und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen
war, da hatte er den Wilhelm eigens rufen lassen, hatte ihn
gefragt: Nun, Kriegskamerad, wie geht's Dir? Und wie er
danach weggeritten war, hatte er dem Wilhelu die Hand ge-
geben und geschüttelt. Jeder Mensch konnte zu ihm kommen,
und nicht blosß auf die eine bestimmnte Stunde, wie zum Alten,
sondern wann er wollte.
Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben
lassen, die er zum Verschlage hatte haben ioollen, und der Back-
ofen war auch in Stand gesetzt, mit dem die Frauen sich alle
die Jahxe her so hatten quälen müssen. Der Amtmann, der
ließ jezt freilich den Kopf hangen, nun der Herr über ihn ge-
kommen war; aber das war dem hartherzigen Geizhalse recht
gesund; und wenn es nun wahr wäire, daß sie den Bonaparte
fest in Sicherheit gebracht hätten und daß man den Frieden
behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte, dann
mußte Alles noch ganz anders werden. Dann schaffte der Herr
den Atmann ab, dann fing er selber zu wirthschaften an;
und daß der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein
Schloß führen, sondern eine Fran von hier zu Lande nehmen
würde, daran war gar kein Zweifel. Man brauchte ja nur
zu sehen, wie der junge Herr und die junge Gräfin einander
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Augen machten! Die im Schlosse behaupteten zwar, es sei die
blasse Gräfin, gegen die man freilich auch nichts sagen konnte,
denn gut und
barmherzig und mitleidig mit den Kranken war
so ein schöner, junger Herr wie der Freiherr,
sie auch; aber
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den Augen und platzte die Gesuundheit fast auä den rothen Backen
-herauns.
Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dör-
fern, wie der Freiherr und die rothe Gräfin sich mit dem Junker
am Sonntage auf der Terrasse lustig mit Schneeballen geworfen
hätten, und als sie neulich einmal beim Neiten zu Dreien das
Lied gesungen hatten, das der Wilhelm auch immer sang, der
es aus dem Felde mitgebracht, da hatte das lustige ,Juchhei-
rassassa und die Preußen sind da!' so durch die Luft geschmet-
tert, das: denen im Walde beim Holzfällen sich das Herz in
der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte.
Die ganze Vorliebe, welche das Volk, und mit Necht, für
die Jugend, fir die Schönheit, fir die Gesundheit hegt, hatte
sich auf Renatus und auf Cäcilie gewendet, in welchen sie die-
selben verkörpert fanden, und die Leichtlebigkeit, welcher der junge
Gutsherr sich halb mit Bewußtsein, halb aus
überlies, wo er es sich nicht schuldig zu sein
Würde besonders aufrecht zu erhalten, machte
den Dörfern und unter seinen Leuten beliebt.
Bequemlichkeit
glaubte, seine
ihn vollends in
Wohin er kam,
überall begegneten ihm freundliche Gesichter. Die Kinder blieben
stehen und grüßten, die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen
Anruf an ihm vorüber, und sahen ihn mit Cäcilien und dem
Bruder niemals kommen, ohne in die Thüren zu treten und
ihm lange nachzublicken.
Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese An-
s hänglichkeit dem Jungen Freiherrn mehr ins Herz. Er hatte

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bis dahin nur den Grund und Boden geliebt, auf dem er gen
boren war und der ihm gehörte; jetzt begann er die Menschen
zu lieben, unter denen er geboren war und die sich als zu ihm
gehörend betrachteten. Er fand ein Vergnügen darin, ihre rauhen
und doch so freundlichen Gesichter zu schen, es war ihm eine
Genugthuuung, wenn er einen Bedrängten so weit als möglich
erleichtert von sich entlassen konnte, und mit einem stolzen Selbst-
gefühle genoß er das Vertrauen, welches man ihm entgegen-
brachte, noch ehe er eö hatte verdienen können, als eines der
schönsten Erbtheile, die er von seinen Vätern überkommen hatte.
Er fand es ganz begreiflich, daß Paul Tremann und daß
selbst sein Onkel mit so leichtem Sinne von dem Kaufe oder
von dem Verkaufe eines Gutes sprechen mochten. Sie hatten
beide lein Gut ererbt, das seit Jahrhuunderlen von dem Vater
auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war;
sie wußten nicht, was es heißt, auf eigenem Grund und Boden
leben, unter seinen Leuten heimisch sein.
Die Bäume, die konnte man niederschlagen und entwwurzeln
lassen, wenn die Noth es heischte, wie sein Vater es gethan
hatie. Sich selbst zu entwurzeln, sich loszureißen von seiner
eigentlichen Heimath, das war noch etwas Anderes, und ehe
Renatus sich dazu entschloß, mußte seine Lage schlimmer sein,
als er sie jetzt vor Augen hatte, mußte er die Neberzeuguny.
gewonnen haben, daß ihm gar kein anderer Ausweg bleibe.
Noch aber hegte er diese Neberzeugung nicht, und er versprach sich,
nichts zu übereilen, sondern sich zu genauem Kennenlernen und-
Prüfen, zu reiflicher Neberlegung die Zeit zu gönnen.
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