Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 04

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Viertes Capitel.
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,sarüber laun der Frihling siegreich in das Land. An
- allen Ecken und Enden begann das Treiben und das Blühen.
Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im Schmucke
der guten Jahreszeit gesehen. Die keimenden Saaten, die knos-
penden Bäume, die grünenden Büsche frenten ihn ganz anders,
als je zuvor, jezt, wo er sie mit dem Auge des Besitzers ansah.
Wind und Wetter, Regen und Sonnenschein bekamen eine Be-
deutung fir ihn, und die Arbeiten wie die Hoffnungen des ge-
ringsten Mannes wurden ihm yvichtig, weil sie mit seinen eigenen
Nothwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen. Es gesiel
ihm immer mehr, Grundbesitzer und Hausherr zu sein, er fand
auch Behagen an dem Verkehr mit dem Adel der Gegend, mit
welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war; und
da der Mensch so glicklich oder so unglücklich geartet ist, daß
die Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt,
was ihm Anfangs unertragbar erschienen ist, so war es nicht
zu verwundern, wenn Renatus, dessen Natur ohnehin allem
Gewaltsamen abhold war, in Bezug auf Hildegard die Dinge
gehen ließ, wie sie eben gingen, und von der Zeit eine Ent-
scheidung erwartete, die er zu treffen sich nicht entschließen mochte.

Kam ihm dann doch bisweilen der Gedanke, daß diese Hand-
lungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht redlich, daß es
nicht männlich sei, so beschwichtigte er sich mit der Vorstellung,
daß es bisweilen edler sei, den Schein der Schwäche und der

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Unredlichkeit über sich zu nehmen, als sich selbst mit einer Grau- !
samkeit gegen einen Andern, und obenein gegen ein Weib, eine
Genugthuung und einen Abschlus; zu bereiten, und Hildegard
irrte also in der Voraussetzung keineswegs, daß Renatus von
ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte, weil er selber den
Muth zu einer solchen nicht in sich fand.
Mil der bestimlen Absichl, sich über die Gmlsverwwallung
zu unterrichten und aufzuklären, nahm er bei seinem Verkehr
mit den benachbarten adeligen. Gutsbesizern jede Gelegenheit
wahr, von der Landwirlhschaft wie von den Audsichien fir die
Zukunft der Provinz zu sprechen, und alles, was er dabei hörte
und erfuhr, stand mit den Ansichten und Masznahmen, welche
Tremann ihm als die einzige zweckmnäßige Handlungsweise vor-
gezeichnet hatte, sehr im Widerspruche. Das hatte indessen seine
guten Gründe.
Es ist ein beschwerlicher Beruf, einem Manne unangenehme,e
Wahrheiten zu sagen, und vollends Jemanden zu entmuthigen,
der für sein Wünschen und Hoffen Zuspruch von uns erwartet,
ist eine unerfreuliche Sache. Die älteren Edelleute, die Lebens-
genossen und Freunde seines Vaters, bei denen der junge Frei-
herr sich wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rath zu
holen suchte, gaben ihm zu verstehen, daß die Zeiten für den
grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert und nicht zum
Vortheil verändert wären, seit jeder im Schacher reich gewor-
dene Bürger Besizer der alten adeligen Güter werden könne.
Grade darum aber sei es Pflicht, wenn irgend möglich, den
adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern. Ehe man die Güter
an Schlächter und Brauer, an Branntweinbrenner und Fa-
brikanten übergehen lasse, müsse man diese Gewerbe lieber auf
den Gütern selbst betreiben und mit neuem Erwerbe die alten
Familien aufrecht zu erhalten suchen, bis man wieder so weit
gekommen sein werde, die Oberhand zu haben und die Dinge
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auf den guten, alten Standpunkt zurückführen zu kdnnen. Vom
Hofe aus werde dieses Verhalten ganz und gar gebilligt; man
köne sich von dort her jeder Förderung getrösten, und wenn
der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher Landwirth
gewesen und vielleicht, ohne streng zu rechnen, ein wenig stark
ins Zeug gegangen sei, nun, so sei Renalus nicht der erste
Sohn, der solche kleine välerliche Unlerlassngssiinden ausgleichen
füsse. Der und Jener -= man nannte die Namen angesehener
Grundbesizer -- habe sich in ganz gleicher Lage befunden und
, , sich mit einem tiichkigen Inspector oder Amtmann wieder ganz
s und gar herausgearbeitet. Es komme also hanptsächlich darauf
s an, ob Renatus sich auf seinen, Amtmann verlassen könne, und
das werde er ja wissen.
Die jüngeren Edelleute faßten die Sachlage noch anders
, auf. Sie hatien davon gehört, daß Angebote auf Neudorf und
s auf Rothenfeld geschehen wären, daß eine fabrikmäßige Aus-
f beutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht ge-
j nommen sei; indeß sie hegten,- wie sie sagten, zu Renatus das
s feste Vertranen, daß er nicht verkaufen werde. Sie läugneten
f nicht, daß die Güter nicht im besten Stande wären, aber das
! gäbe doch noch keinen Grund, sie loszuschlagen. Wenn Andere
! sie kaufen wollten, so sei das nur ein Zeichen, daß sie sich -
große Vortheile davon versprächen, und es sei thöricht, ihnen
aus hastiger Muthlosigkeit in den Schooß zu werfen, was man
f mit einiger Geduld selbst ernten könne. Diejenigen, welche
F während des Krieges oder gleich nach demselben Jhre Güter
F verkauft hätten, bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen
die Ihrigen, und es werde sicherlich Keinem anders damit er-
F gehen. Wenn man zugebe, daß die Krämer und die Juden
1 sich hier im Lande auf den Gütern einnisten dürften, so werde
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dem Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben, als das flache
Land ganz und gar aufzugeben und in die Städte zu ziehen;
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

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denn Umgang, Gesellschaft wolle der Mensch doch haben, und
mit solchem Volke könne man doch nicht leben, lönne man doch
seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen.
In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen
solchen Anssichten und Gesprächen dasjenige haften, was seinen
persönlichen Wintschen am meisien diente, und es lag nicht im
Vortheile seines Auntmamues, ihnn anderen Siunnes werden z
lassan.
Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen
Möglichkeiten den neuen Coniract mit dem Auuuhmanne der Art
geuacht, das der Freiherr nach seiner Heimlehr darüber ent-
scheiden konnte, ob der Contrack, wie bisher, immer auf drei
neue Jahre oder, wie es eben jetzt geschehen war, nur auf ein
Jahr verlängert werden solle, und der junge Gutsherr hatte seine
Gischlieszung endlich bis zum lezten Tage hinansgeschoben, auf
welchen man die Zulässigleit einer solchen für ihn festgesezt hatte.
Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht
auf seinen Gütern angelangt; indeß eben weil ihm eine gründliche
Kenntniß der Wirthschaft abging, war er leicht dahin gekommen,
sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen von den Dingen
sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge, auf
seinen natürlichen Blick, auf seinen gesunden Verstand, mit Einem
Worte, auf alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen, in
deren Besiz die Unkenntniß sich beruhigt fühlt und die sich immer
als unzulänglich erweisen, wo ein umsichtiges Wissen und ein
folgerechtes, auf genaue Einsicht und Erfahrung begründetes
Handeln vonnöthen sind.
Trotzdem konte Renatus in der Nacht, welche dem ent-
scheidenden Morgen voranging, keine Nuhe finden. Alles, was -
er erlebl halle, seil er denn deuischenn Voden wieder belreleu,
alles, was er innerlich erfahren hatte, seit er wieder in seinem
Schlosse weilte, zog in seinem Geiste an ihm vorüber, und wie

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er sich nun von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand, mit
sich ins Klare zu kommen, sah er deutlich ein, daß die Maß-
regel, welche er jezt unabweislich treffen mußte, ihn zu einer
Erklärung gegen Hildegard nöthigen, ihn zwingen würde, auch
mif ihr zu eineu Abschlusse zu gelangen, ued sie erleichterie ihm
dieses nichk.
Wenn er die drei Giiter, dieses alte Erbe seines Hauses,
zuusammen z ehalien suchle, weun er in Nichien blieb, und die
Wirthschaft mit Hilfe eines den Ansprüüchen der neu Zeit
gewachsenen Ispektors, der freilich erst noch gefunden werden
muste ud bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte,
selbst zu fihren übernahm, so fehlte ihm jeder Grund, seine
Verheiraihung hinauuszuschieben. Hildegard war seine Verlobte,
der Ael der Umgegend erwartete mit Recht läglich die öffentliche
Erklärung seiner Verlobug, die Gräfin sprach beständig von
der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares,
nur Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht, und der
Verkehr der beiden war allmählich ein ganz besonderer geworden.
Hildegard hatte sich nicht vortheilhaft entvickelt, indeß der
Grund ihres Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen,
und wo sie fehlte und irrte, geschah es in der Regel durch
ebertreibung eines an sich Guten und Lobenswerthen. Sie
besaß in hohem Grade jenes Schamgefihl, das der verschmähten
Liebe eigen ist, und jene Selbstachtung, die sich im Unglücke zu
bescheiden weiß. Seit dem Tage aber, an welchem sie es sich
zum ersten Male deutlich gemacht hatte, daß die Zeit ihrer
Juugend vorüber sei, daß Nenatus sie nicht liebe, daß er daran
denken könne, sie zu verlassen, war eine jrner Wandlungen mit
ihr vorgegangen, die sich in religiösen Frauuennaturen oft mit
einer unerwartelen Plötzlichkeit vollziehen. Sie hatte es auf-
gegeben, ihr Schicksal selbst bestimmen und gesialten zu wollen,
und mit einer aus Entmuthigung und Frdmmigkeit zusammen-
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gesetzten Ergebung, Alles der Fügung des höchsten Wesens
anheimgestellt, dem sie sich in Demuth unterzuordnen beschlos;: Was
Gott zulassen, was er bestimmen wirde, das sollte, so hatte sie
es sich gesagt, auch ihr erwählies Theil sein; und wie edel und
richtig von ihrem religiösen Standpunkte aus diese Entsagung
auuch sein mochte, war ihr dieselbe doch in ihrem Verhältnisse
zu Nenatus nicht förderlich gewesen, sondern nur ihm allein zu
Siatten gekonmen.
Sonst hatte sie seine Zärklichkeit gesucht und ihm die ihrige
mit unverhehlter Lebe kundgegeben; jezt hielt sie sich zurück.
obschon das Herz ihr blutete, wenn Nenaius ihre Liebesbeweise
nichl forderte, nicht einmal verißte. Sie bellagle sich nicht,
weun er ihre Gesellschas nichi verlangte, sie lies: ihn gewähren,
wenn er sich oft für mehrere Tage entfernte, sie sezte Vittoria's
Bemühungen um ihn lein Hindernisß in den Weg. Konnte
Renatus seinen Schwüren untreu werden, obschon er's sehen
mußte, das der Kummer ihre Wange bleichte, konnte Cäciliens
beständige und oft so grundlose Fröhlichkeit ihn mehr befriedigen,
ihm mehr werth sein, als ihr treues Herz, nun so hatie er sie
nie geliebt, so hatie Gott es zugelassen, daß sie ihre Lebe einem
Unwvirdigen zugewendet hatte, und sie muste in Demuuth hin-
nehmen und tragen, was ihr von Gott beschieden war, auch
wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte.
Das Schweigen, die Entsagung, welchen Hildegard sich -
überließ, täuschten den Freiherrn, deun wo die Blindheii ihnen
Voriheil bringt, strengen die Wenigsten ihr Auge zum Sehen
an. Er meinte, sie erkenne es jetzt bereits, daß sie nicht für
einander paßten, und sie wolle es ihm erleichtern, sich von ihr
loszusagen, ohne deßhalb ihr einstiges, schönes Jugendverhäliniß
zu verläugnen. Er wußte ihr Dank für ihre Zurückhaltung.
Dank dafür, daß sie ihn seinen freien Weg und Willen haben
ließ, und während er Anfangs sich davor gefürchtet hatte, ihr

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von seinen Planen zu sprechen, begegnrte es ihm jetzt bisweilen,
daß er ihr erzählte, was er zu thnn, wie er sich einzurichten
denke, ohne das; bei diesen Vorsäzen irgendwie von ihr die Rede
gewesen wäre. Er gewann zu ihr jene unbedingte Zuversicht,
welche grausam macht, und weil ihr Ehrgefühl sie hinderte, sich
zu beklagen, überließ er sich bereitwillig dem Glauben, daß sie
keinen Schmerz empfinde. So begann er, sich seine Unent-
schlossenheit, und sein feiges Zuuwarten zum Verdienste und als
eine Maßregel milder Klugheit anzurechnen, für welche alle
Theile ihn zu loben hätten, und er bestärkte sich an seinem eigenen
Verhalten in der Lehre: daß man gewaltsame Schritte überall
vermeiden milsse, daß man die Dinge nur gehen zu lassen brauche,
damii sie in die richlige Vahn und zu einer nalurgemäsen Ent-
wicklung hingeleiket wüürden.
Als er sich niedergelegt, hatte er sich an dem betreffenden
Abende gefragt: Was werde ich mit Hildegard machen, wenn
ich die Güter behalte? - Am Morgen, da er sich erhob, stand
er noch vor derselben Frage, und als sich dann im Laufe
des Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei
ihm einfand, war Nenatus auch noch nicht üüber seine Ungewißheit
hinausgekommen. Er fand es nach wie vor eben so unwwürdig,
sein Wort zu brechen, als grausam gegen ein Weib zu sein;
denn von seinen käglich wiederkehrenden keinen Grausamkeiten
hatte er kein Bewustsein, und daneben sagte er sich dennoch
immer wieder, daß ihm gar nichts ührig bleiben werde, als
seinem Worte, seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu
handeln, wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glück versündigen,
wenn er nicht ein gealtertes, kränkelndes Mädchen zu seiner
Gattin, zur Mutter seiner Kinder, zur Mutier eines Geschlechtes
machen wolle, das mit Fuug und Recht bisher auf seine schönen
und kräfiigen Männer und Frauen so stolz gewesen war.
aeßt, wo die Stunde der Entscheidung da war, drohte

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seiy Glaube an die eisheit des Abwartens wankend zu werden,
und doch verljeß ihn ein Selbstbewußtsein nicht, das ihn erhob:
er stand auf seinem Grunde und Boden, in seiner Väter Schloß, -
er zwar hiex der Herr. Die Vergangenheit dieses Hanses war
die seinige, sch die Zukunft in demselben zu bewahren, stand -
jn seiner Macht. Er hegle das volle Herrenbewuslsein, jene
Peherzeugung von der eigenen Bedeutung, welche ricksichtslose
Selbßerhaltuug und Selbstbefriedigung als ihr angeborenes Rech!
etrachtet. Er meinte seines Vairrs Geist in sich zu füühlen,
zmdd er gelobte sich, in diesem Geiste auch zu handeln. Er durfte,
er wollte sich von dem Boden nicht trennen, aus dem er ihm
erwuchs. Nur mit Hildegard mußte er zu einem Abschlusse,-
einem Ende gelangen!
Er war eben von seinem Spaziergange mit Cäcilien heim-
gefoupnen, als man ihm den Amtmann meldete. Die Jahre -
hatten diesen wenig angefochten. Er war jetzt allerdings aug
Lein jungex Mann mehr, aber er sah besser aus, als in früheren -
Zeiten, denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden -
und behaglich lächelnd um sich her. Nur aus den kleinen, -
zrauen Aügen, deren schwere Lider sich beinahe schlossen, wenn-
er den Mund zur Freundlichkeit verzog, schoß hier und da ein -
Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor, der sonderbar
zegen das offene Wesen abstach, dessen der Amtmann sich sonst
heflejßigte und rühmte.
Demüthig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem -
Freiherrn ein, Er sagte, daß er gekommen sei; die Befehle und
die leztlichen Entschließungen des gnädigen Herrn zu vernehmen. -
und er hoffe, daß diese nicht zu seinem Schaden sein wüürden.
Die Herren von Arten hätten ja treue Dienste immer zu wür-
digen verstanden, und so werde denn ja auch der jezige Freiherr I
wohl das Gleiche an ihm thun.
Renatus hatte den Amtmann seine Anrede kuhig vollenden -

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laen. Dann nöthigte er ihn, sich zu setzen, und ohne ihm
irgend eine Anerkennung auszusprechen oder ihn zu einer Hof-
nmg zu ermuthigen, blieb er selber, den Arm auf die Lehne
seines hohen Schreibtisches gestitzt, vor dem Sizenden stehen,
so das; er auf ihn herniedersah. Er genosß in diesem Augen-
blicke das Bewstsein seiner Herrschaft, er wollte sie den Ami-
mann auch empfinden lassen, und erst nach längerem Schweigen
sagle er mit jener nur auf das eigene Juteresse gerichteten Weise,
in welcher ie Fürsten gegen ihre Unterthanen, die Besizenden
gegen die Nichtbesizenden in der Regel Meister sind, und welche
sie oft sogar verhindert, sich die Zeit zu nehmen, dem Ange-
redeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung zu gewähren:
Ich höre ans Ihren Worien, daß Sie die Ansichten kennen,
welche mein Bevollmächtigter, der Kaufmann Tremann, in Bezug
auf diese Güter hegt, und ich lasse es vorläufig dahingestellt
sein, in wie weit er mit denselben Recht hat. Ich war bei
meiner Ankunft allerdings der Meinung, daß ich hier durch-
greifende Veränderungen machen mißte, indeß ich mag nicht? -
übereilen, und dg, wie Sie richtig bemerken, wir in unserem
Hause es nicht lieben, unsere Beamten und Diener oft zu
wechseln, so wäre ich in gewissem Sinne nicht abgeneigt, auch
mit Ihnen einen neuen Versuch, einen neuen Contract zu machen,
obschon ich mich während meines langen Aufenthaltes im Auslande
davon iberzeugte, daß Ihnen in der That, darin hat Herr Tre-
mann Recht, die Kenntniß der Fortschritte mangelt, welche man
in der rationellen Bewirthschaftung und Verwerthung großer
Giter in den letzten Jahrzehenden überall gemacht hat.
Er hielt inne, nahm eine Feder zur Hand, prüfte auf dem
Nagel des Daumens ihre Spize, legte sie dann wieder fort und
streifte nzit dem Auge ülber den Amtmann hin, der, die Hände
lber dem Leibe gefaltet, andächtig und unbeweglich, als ob er
vor der Kanzel säße, die Aussprüche des jungen Freiherrn, von

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dessen landwirthschaft. ,k Kenntnissen er hinwiederum auch seine
besondere Meinung hegte, über sich ergehen ließ. Er fand es
weder nöthig noch zweckmäßig, ihm eine Antwort zu geben, ehe
eine solche unvermeidlich war, und Renatus sah sich dadurch
also gezwungen, seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufüügen,
daß große Verbesserungen auf den Gütern, wie er sich iberzeugt
habe, unerläßlich wären, und den Amtmann daran zu erinnern,
wie derselbe es ihm für möglich erklärt habe, die Ameliorationen
ohne alle Hllfe von answärls, aus den eigenen Milieln zu
bewerkstelligen. Aber auch hierauf antwortete der Amtmann
nur mit einer stummen Kopfneigung, und der Freiherr mußte
also auf's Neue zu sprechen beginnen.
Da Sie wußten, sagte cr, daß ich heute die Entscheidung
treffen muß, werden Sie Sich die Verhältnisse wohl durchdacht
haben. Erklären Sie Sich also nach Ihrem besten Wissen und
Gewissen darüber, ob und wie Sie es für möglich erachten, daß,
wir, ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen
und ohne eines der Güter abzutrennen, -= er vermied das Wort
verkaufen geflissentlich, die Wirthschaft weiter führen und den
Schaden ersetzen können, den die Kriege uns gethan haben. Man
hat mir, ich verhehle Ihnen das nicht, nicht nr gegen Ihre
Einsicht und Ihre Kenntnisse, sondern auch gegen Ihre Person
Mißtrauen eingeflößt, aber ich gestehe Ihnen mit Vergnüügen ein,
daß ich glaube, man habe Ihnen Nnrecht geihan. Ich habe
nichts, gar nichts wider Sie, im Gegentheil! Die Frau Baronin
hat mir Ihre gefällige Dienstfertigkeit gerühmt. Sie können
also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurtheilung, der
genauesten Erwägung des Für und Wider Sich versichert halten.
Ohne eine zwingende Nothwendigkeit entferne ich Sie nicht!
Renatus war äußerst wohl mit sich und mit dieser Rede

zufrieden; sie war eben so bestimmt, wie er meinte, als menschlich
und gerecht gewesen, und der Amtmann hatte sie auch mit der s
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( tiefstes. Ergebenheit vernommen. Er hatte nur zu verschiedenen
P Malen gewichtig mit dem Kopfe genickt; dann wieder hatte er
! gelächelt, wie einer, dem das Gehörte nicht unerwartet kommt,
und sich zur Antwort und zum Neberlegen bedächtig Zeit lassend,
, sagte er endlich: Gnädiger Herr, ich habe mich nicht heran-
h gedrängt, Ihnen meine Meinung zu sigen; ich habe gedacht.
! Sie sollten Sich nur, wie Sie das ja auch gethan haben, hier
h -zu Lande umsehen, denn die Verantwortung, die Unsereiner auf
! sich uumt, iss hgar zu gros. Nen Sie hier Veschesd wissen
F und, wie das in der Ordnung ist, überall selber herumgehört
(' haben, was von mir geglaubt und gehalten wird, nun sind Sie
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doch wenigstens so weit in Ihpem Zutrauen zu mir gekommen,
geworfen haben, das ist das ganze Elend! Sonst hat es noch
keine Noih, wenn man nur erst wieder gelassen an die Arbeit
gehen kann. Verschuldet sind die Gliter, schwer verschuldet, das
ist wahr; wer verlangt denn aber, daß man morgen oder über-
die Spekulanten, die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld
mann, alljährlich drei, vier Mal durch ihre Hände laufen und
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immer etwas davon kleben bleiben kann? Im Gutsbesitz, im
Landbesiz ist es just das strice Gegentheil. Da will Alles
seine Zeit und seine Nuhe haben. Und wenn Sie, gnädiger
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Herr, mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein ver-
lassen wollten, so sollten Sie erleben, ob ich mich auf mein Fach
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den Tremann an der Spitze, die ihre Augen auf die Giter hier
morgen die Schulden abbezahlt? Wer verlangt das anders, als
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also, gnädiger Herr, es sind die Spekulanten, den Steinert und
in der Welt flissig machen möchten, damit es, wie bei Tre-
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daß Sie meine Stimme zu vernehmen wünschen. Gerade heraus
verstehe und ob ich meines Herrn Vortheil mit meiner alten
Wirhschaftsmanier nicht besser wahrzunehmenweiß, alsdieAnderen
mit all ihren neuen Künsten.
Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken, wie leicht


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es die Steinert, sa.üe Vorgänger im Amte, während der langen
Friedensjahre gehabt hätten, die dem siebenjährigen Kriege gefolgt
waren, und unter wie ungünstigen Umständen er die Verwaltung
, übernommen habe. Er wies den unverhältnißmäßigen Geld-
verbrauch des Freiherrn Franz nach, er erinnerte an die furcht-
baren Kriege und Kriegszüüge, an den allgemeinen Nothstand,
an die Aufhebung der Leibeigenschaft, um zu erklären, wie un-
möglich es bisher fiir ihn gewesen sei, an irgend eine Verbesserung
auf den Gütern, oder gar an die Erzielung von Neberschüüssen
zur Schuldentilgung denken zu können. Nun, sagte er, sei noch
der völlige Mißwachs des vorigen Jahres dazu gekommen, in
welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei,
weil man nicht gewußt habe, wie man es ernähren solle, und
trotzdem habe er in diesem Jahre am ersten Quartale allen
Verpflichtungen genügen können, die auf den Gütern und auf
dem gnädigen Herrn persönlich gehaftet hätien.
Sehen Sie, gnädiger Herr, rief er und wies in die Länd-
schaft hinaus, Gott der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht!
Seit man gedenken kann, haben die Saaten nicht so gestanden,
haben wir kein so frühes Jahr gehabt, haben die Bäume nicht
solche Bllthenlast getragen. Wenn Gott uns weiter gnädig ist,
gibt das eine Ernte, die manches Loch verstopft! Denn die
Theurung ist noch immer ungeheuer und die Preise halten sich
nothwendig noch bis in das nächste Jahr. Es ist nichts mit
den Spekulanten und mit den Fabriken, von denen sie' immer
- reden! Aus dem Boden muß man es herausholen mit Egge
und Pflug! Langsam geht das freilich, dafür jedoch ist's sicherer,
sicherer wie der Dampf, mit dem sie jetzt in England ihr Wesen
zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im Kopfe spukt,
seit er den Sohn in Amerika da drüben sizen hat. Mit Dampf
wollen sie brennen und brauen in Marienfeld, mit Dampf
möchten sie Steine schleifen in Neudorf, und dazu sollen die
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Toü;tiche in Rothenfeld die Feuerung liefern. Aber wir können
ja selber Torfstiche eröffnen, wenn wir nur erst so weit sind,
die Bauten in Angriff nehmen, neue Häuser aufführen und
Leute zur Arbeit hieherziehen und ernähren zu können. Auch
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die Wege müssen wir erst wieder so weit im Stande haben,
daß man den Torf bis zum Wasser bringen kann. Machen
können wir das alles, nuur Geduld müssen wir haben, nur
Geduld! Das Geld wird sich schon finden, wenn man uns
ntr Zeit läßi. Und weil sie das Alles wissen, so gut wie ich,
darum drängen sie den gnädigen Herrn so gewaltig zum Ver-
kaufen. Diese Spekulanten haben ja ihre Augen überall. Wie
die Stoßoögel hangen sie in, der Luft, und ehe man's gewahr
wird, schießen sie herunter und haben's in den Krallen!
Der Amtmann lachte, als er von den Summen hörte,
welche Tremann für die Hebung der Güter als unerläßlich be-
zeichnet hatte. Daran allein können der gnädige Herr ja sehen,
daß es ihnen bloß darauf ankommt, den gnädigen Herrn ab-
zuschrecken. Und das nennen diese Leute Landwirthschaft!
Kaufen, Alles fertig kaufen, Alles baar bezahlen! Nichts er-
schaffen, nichts erziehen, das ist ihre neue Weisheit! Sie wollen
die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Thier nicht aus-
tragen lassen im Mutterleibe; Stallungen aufrichten im Hand-
umdrehen und fremde Heerden einführen, ohne zu denken, ob
sie sich hier zu Lande halten; Hunderttausende in die Güter
hineinstecken und sie dann verkaufen und das Doppelte heraus-
ziehen! Und dann sieh' Du zu, was nun aus dem Grunde
und Boden wird! Spekulanten und Roßtäuscher - die sind
Einer wie der Andere! Elendes Gesindel, das der Landwirth
sich vom Hofe und vom Leibe halten muß!
Der Amimann hatte sich in Zorn gesprochen, denn die
Sache ging ihm an das Leben. Er kannte seinen jungen Herrn
h wenig, indeß langjähriges Dienen hatte ihn die Edelleute der
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Gegend im Allgememen kennen gelehrt, und er hatte bewußt
und unbewußt den rechten Ton getroffen, um auf seinen Herrn -
zu wirken. Renatus liebte es nicht, in denjenigen, mit welchen ,
er Geschäfte abzumachen hatte, seines Gleichen oder gar einer s
Neherlegenheit zu begegnen, und Tremann's völlig freie Bil- .
dung war ihm eben so unangenehm gewesen, als die Leichtigkeit, !
mil der er sich in allem Geschäsilichen bewegle, und die rasche
Entschiedenheit, welche er von dem Freiherrn forderte. Des
Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten zudem auf das
genaueste mit denen seines Herrn überein, und da jede fest aus-
gesprochene Meinng ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nie
verfehlt, verlangte Nenatus, dessen Zutrauen zu seinem Beamten
sich steigerte, von demselben endlich eine genaue Auseinander-
sezung über die Wege, welche dieser bei der Ausführung seiner
Plane einzuschlagen denke.
Der Amtmann zuckte die Schultern. Gnädiger Herr, sggte
er, ich allein kann's nicht machen und Einer allein kann's äber-
haupt nicht. Aber wenn der gnädige Herr selber mit dazu
thun wollen, so ist's keine Hexerei und gar kein Zweifel, daß
wir vorwärts und zu Stande kommen.
Renatus befahl ihm, sich deutlicher zu erklären; der Amt-
mann ließ sich das nicht zweimal sagen. Es war ihm, als er
vor seinem Herrn erschienen war, nicht besonders wohl gewesen,
jetzt aber begann er, Muth zu fassen. Er knöpfte den braunen
Oberrock auf, daß die großgeblümte, wollene Weste in ihrer
ganzen Farbenpracht zu sehen war, zog sein blaues Taschentuch
hervor, und sich die Stirn und die feisten Wangen trocknend,
während die kleinen Augen in freundlicher Zuversicht listig
zwinkerten, sagte er: Was sie dem gnädigen Herrn auch von
den neuen Wirihschafts -Meihoden und neuen Theorieen ge-
sprochen haben mögen, es gibt zum Vorwärtskommen, um in
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oie Bbe bnne. er ur ve ene vratiswe Neorn
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viel a.änehmen und wenig brauchen, daß man Neberschuß erzielt.
So haben sie's ja auch gemacht, die Steinert und der alte
Flies, die ihr Schäfchen so vorsichtig in's Trockene gebracht
haben, während sie den seligen Herrn in die Patsche füührten.
Warum soll's denn jetzt, da es nicht ihren, sondern des gnädigen
s Herrn Voriheil gilt, mit neuen Milteln angefangen werden?
Er begann darauuf, dei Freiherrn die Eriräge der Güter
s , und die zunächst nothwendigen Auusgaben vorzurechnen, wobei
s. die Verhältnisse sich allerdings weit günstiger als nach den An-
s nahmen von Tremann auswiesen, schilderte darauf aber die
s grosen Mühen, welche man in den kommenden Jahren haben
s werde, die mancherlei Unsichexheiten, denen man immer in der
, Wirihschaft ausgesezt sei, und nachdem er Nenatus mit jener
s Menge von Einzelheiten, die finr den Uneingeweihten stets etwas
h Beunruhigendes und Verwirrendes haben, ermüdet hatte, so daß
F derselbe bedenklich zu werden begann, tcat der Amtmann ganz
unerwartet und plözlich mit dem Vorschlage hervor, die Güter
j in Pacht zu nehmen, falls der Freiherr es unter den obwal-
j tenden Umständen etwwa vorziehen sollte, im militärischen Dienste
s zu verbleiben, wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schönes
s Vorwärtskommen nicht entgehen könne, da jetzt nach dem Kriege
viele der älteren Offziere ihren Abschied fordern oder erhalten
, wnden.
Renatus stand noch immer an dem Schreibtische, aber seine
( Stirne sah nicht mehr so heiter und so klar aus. Der Vor-
ß schlag des Antmanns beunruhigte ihn sehr; denn auch Tre-
F mann hatie ihn darauf hingewiesen, daß es gerathen für ihn
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sein würde, in seiner militärischen Laufbahn zu beharren und
zu versuchen, in wie weit sich mit dem festen Ertrage eines
Pachtzinses seine Vermögens-Umstände verbessern ließen. Wenn
man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten, wie die
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von Tremann und von dem Amtmanne es waren, an das

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gleiche Ziel gelangen konnte, so mußte dies ein richtiges sein;
indeß es widerstrebte dem Freiherrn immer noch, an die Ver- ß
pachtung seiner Güter zu denken.
Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und riß, l
ohne zu wissen, was er that, ihre Fahne in kleinen Stücken ;
herunter, bis er den nackten, kahlen Kiel erblickte. Stückveise! l
murmelte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hin, knickte die ;
Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort.
Der Almann beobachlele ihn genau, aber er dringte ihn j
mit keinem Worte zu einer entscheidenden Antwort hin. Er
erklärte sich sogar aus freiem Antriebe bereit, das Belieben des
gnädigen Herrn noch acht Tage zu erwarten, damit derselbe
volle Zeit habe, die Sache reiflich zu erwwägen. Und als man
danach auf die Bürgschaft zu reden kam, welche der Amtmann
als Pächter der Güter zu leisten haben würde, meinte er, be-
scheiden und vertrauensvoll lächelnd, er sei ja nicht nackt und
bloß gewesen, als er in den Dienst der Herrschaften getreten -
sei. Er habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht
und kümmerlich wie der ärmste Mann beholfen, habe also immer
doch etwas zurückgelegt, und wenn der Freiherr von ihm die
Bürgschaft nicht über die Gebühr hoch begehre, so hoffe er mit
Gottes Hülfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im
Stande zu sein, sie aufzubringen.
Damit waren für's Erste diese Verhandlungen beendet,
aber der Sinn des Freiherrn blieb mit ihnen immerfort be-
schäftigt, und wie er sich's auch vorhielt, daß es ja noch völlig
in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege, was er thun
wolle, kam er sich nicht mehr so frei, so selbständig als noch
vor wenigen Stunden vor, denn, mochte er sich auch gegen die
Einsicht sträuben, das erkannte er deutlich, er komnte das Leben
nicht in der Weise seineö Vaters weiterfüühren; er war herunter-
gelommen, und Alle um ihn her, Alle, die in seinen Diensten
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f gearbeitet, selbst gearbeitet hatten, wacen im Wohlstande fort-
s aschritten.
Er hakte den Neid niemals gekannt, jetzt aber regte sich
s in ihm eine zornige Empfindung gegen alle jene Emporkömm-
linge, und obschon er sich durchaus in der Lage befand, den
Werth und die Bedeutung des Geldes schdtzen zu lernen, dünkte
das Geld ihn an und für sich als etwas Verächtliches, weil
der gemeine Mann, weil Jedweder es erwerben konnte, der eine
j schpiellge Hand uichl scheute, der sich entschließen mochte, die
h Gggenwart um der Zukunft willen darnn zu geben, und, wie
F der Amtmann es nanute, gleich einem gemeinen Manne zu
f arbeiten und zu leben. Es lag für des Freiherrn Empsinden
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auch etwas sehr Gemeines in dem beständigen Denken an Hab
und Gut, an Vermehrung des Besizes. Er hatte eine Er-
innerung an die Zeiten, in welchen in seinem väterlichen Schlosse
von Geld und Besiz niemals die Rede gewesen war, weil man
ihr Vorhandensein als ein Selbstverständliches angenommen hatte.
Damals hatte man sich selbst gelebt, man hakte Muße und
Freiheit gehabt, sich seinen Neigungen, seinen Gefühlen zu über-
lassen; jezt trat überall die zwingende Noihwendigkeit zwischen
ihn und seine Wünsche, und sogar in dem Augenblicke, in
welchem er sich enger als je zuvor mit seinem Besize verwachsen
fühlen gelernt, trachteten die Emporkömmlinge ihm von allen
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Seiten die Neberzeugung aufzudrängen, daß fir ihn die alten
Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien, daß er ohne ihren
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Beistand nothwendig zu Grunde gehen müsse.
Er hatte es durchaus vorgehabt, auf seinen Gütern und
unter seinen Leuten, die ihm lieb geworden waren, zu weilen
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F und zu leben. Nun sollte er das menschliche Verhältniß, das
ß sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte, plözlich wieder
F zerstdren, indem er sie einem fremden, Willen lberließ; n
sollte er wieder von seiner Heimath scheiden und das Erbe seiner

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Väter einzig als den Boden behandeln, von dessen Frucht er
sich ernährte - es wollte ihm nicht eingehen!
Es war gegen den Mittag hin, als der Amtmann sich
von dem Freiherrn verabschiedete. Nenatus blieb eine Weile
an seinem Schreibtische sizen. Das Haupt auf den Arm ge-
slützt, sah er unverwandten Auges auf die Berechuungen nieder,
welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte. Er zähhlte die Reihen
zusammen, er verglich die verschiedenen Posten, es wurde damit
nicht viel für ihn gefördert.
War das aber eine Aufgabe, die sich für ihn, fir einen
Edelmann geziemte? Tag für Tag nur dem Erwerbe, dem
elenden Gelderwerbe leben! Heute dem Gewinne eine kleine
Summe hinzufügen, morgen sie von den Schulden abstreichen;
und das Jahr aus, Jahr ein, und das Alles ohne die be-
stimmte Aussicht auf einen sicheren Erfolg? Es dimkte ihn
eine sehr untröstliche Beschäftigung. Hinter dem Pfluge her-
zugehen, die Furche in dem fruchtgebenden Poden aufzureißen,
die goldenen Samenkörner dem warmen Schooße der Erde an-
zuvertrauen, die reife Frucht des Feldes einzuernten, den Kampf
mit des Wetters Ungunst zu bestehen, dieses Thun und Er-
leiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuß neben
dem Zuwarlen aus der Ferne, zu welchem der Edelmann. zu
welchem er selber verdammt war, wenn er sich des persönlichen
Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung seiner
Güter mehr noch als bisher begab.
Er konnte zu keinem Entschlusse kommen, und von der
inneren Ungeduld hinweggetrieben, verließ er sein Gemach. Er
stieg die Treppen hinunter und ging in den Garten hinaus.
Gleich an der rechten Seite, wo die große Allee sich anschloß,
ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park.
Die Bäume, die Püsche hatien schon ihr volles Laub.
Der Schatten war tief und erquicklich, aber die Stille und die

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Einzumkeit waren ihm heute nicht erwünscht. Er hätte gestört
werden mögen in den Gedanken, die auf ihm lasteten, er hätte
die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmetrern hören
mögen, um sich an ihrem muthigen Klange das Herz zu er-
frischen. Und während er noch vor wenigen Stunden seinen
Besiz als eine Ehrensache angesehen häite, erschien ihm jetzt der
ärmste Soldat, der in seinem Degen sei: ganzeö Erbe besas
und am Tage den Tag zu leben vermochte, bei Weitem als
der Glücklichese. Warum war es gerade ihm denn auferlegt,
einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von
Altvordern, deren Genitsse und Befriedigungen er nicht getheilt,
und an deren Irrthiümern er doch so schwer zu tragen hatte?
Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes
Dasein, an Thätigkeit gewöhnt, er verstand das Waffenhandwerk,
das er biöher getrieben hatte. Auch in seinem Regimente kannte
man ihn, auch in seinem Regimente vertraute ihm der gemeine
Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem Grunde
und Boden. Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimath,
eine Bedeutung, eine Wirksamkeit, und sie waren völlig unab-
hängig von allem, was von seinen Ahnen als Erbe auf ihn
gekommen war, sie waren mehr als alles Andere sein eigen.
Weßhalb sollte er darauf verzichten? Weßhalb sollte er sich auf
seine Güter zurückziehen, wenn er sich dazu verdammen mußte,
auf ihnen als ein Einsiedler und in der halben Abhängigkeit
von einem ihm untergebenen geringen Manne zu leben? Welche
Verpflichtungen hatie er gegen den Adel der Nachbarschaft, der
ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abrieth? Sie waren
ihm im Grunde sammt und sonders fremd, diese Edelleute. In
seinem Regimente hatte er Freunde, hatte er die Kameraden,
mit denen die Erinnerung an Noth, an Gefahr und Sieg ihn
eng verband. Er sehnte sich nach seinem Negimente. Dort hatte
er seiner Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen, dort
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

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hatte er sich jung gefühlt; hier lastete das Leben schwer auf ihm
und drückte ihn hernieder. Er wollte seinen Frohsinn, seine Freunde j
wieder haben, er wollte sich die schönen Tage der goldenen
Jugend nicht verkümmern lassen. Mochte der Ernst beginnen,
wenn die Jugend ihm entflohen war.
Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die
Rothenfelder Feldmark. Die Kirche lag in stiller Nuhe vor ihm.
Sie sah sehr mächtig aus mit ihrem hohen Thurme, mit dem
schönen Eingangsthore; aber er konnte es sich nicht verbergen,
es war für ihre Erbauung keine Nothwendigkeit vorhanden ge-
wesen. Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Be-
dirfen und Belieben nachgegeben und sie halten, wie es ihm
heute erschien, damit auch Recht gehabt. Ee sollte Jeder vor
allem Anderen sich selbst geng zu thun trachten. Er fine seinen
Theil bedurfte dieses Gotieshauses freilich nicht, denn des Amt-
manns Vorschlag, das: er im Regimente bleiben solle, war im
Grunde sehr verständig. Wenn er wirllich im Regimente blieb,
wenn er sich künftig nicht für immer in seinem Schlosse aufhielt,
brauchte man z. B. auch die Pfarre für's Erste nicht fortbestehen
zu lassen. Man konte den Füürstbischof ersuchen, den Pfarrer
zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden. Die Baronin
Vittoria konnte, so oft sie es begehrte, nach einer der Städte,
welche eine katholische Kirche hatten, zur Messe fahren, und die
Gräber zu bewachen, war der Sakristan geng.
Je länger Nenatus über die Ersparungsvorschläge, welche
der Amtmann ihm im Laufe ihrer Unterredung gethan hatte,
nachsann, um so mehr leuchteten ihm dieselben ein. Die Ent-
lassung der sämmtlichen noch im Schlosse vorhandenen Diener-
schaft war verständig; nur Gaetana und der alte Kammerdiener
sollten bei der Baronin bleiben. Seinen Bruder Valerio, welcher
der weiblichen Hand durchaus entwachsen war, wollte der junge
Freiherr mit sich nehmen, um ihn in einer der militärischen Er-
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ziehungsanstalten unterzubringen; und wie er in solcher Weise
das Schloß zu entvölkern begann, wurde sein eigenes Verlangen,
es zu verlassen, immer größer.
Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht, welche
er fie dasselbe, fir seine Besizungen hegte, jetzt erschreckte ihn
die Gleichgiltigkeit beinahe, in welcher er an die theilweise Zer-
störung der Verhältnisse denken konnte, mit denen er sich so un-
auflöslich yerbunden geglaubt hatte; und wie er tiefer in sein
Herz hineinsah, wie er mit dem grübelnden Sinne, der ihm
von der Mutter angeboren war, sich fragte: was ist es, das
mir die Aussicht in die Ferne plötzlich so erheitert? da blieb er
sich die Antwort schuldig, denn er sah Hildegard den kleinen
Seilenussad von der Margarelhenhöhe heruunlerlommen, und er
muste gehen, sie zu begrißen.
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