Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 05

Fiünftes Capite l.
Jßes uur heue i sie gefahren st! sage an dem
Nachmittage der Kammerdiener verdrießlich zu Vittoria's Dienerin,
mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine Freundschaft auf
Tod und Leben geschlossen hatte. Seit der junge Herr zu Hause
ist, hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen, aber heute
stieben sie aus einander, als hätie der Bliz dazwischengeschlagen!
Was haben sie deny vor?
Der junge Herr ist fortgeritten! bedeutete Gaetana ge-
heimnißvoll.
Freilich, ich habe ihm ja das Pferd bestellt! versezte darauf
der Diener.
Aber wissen Sie, weßhalb er fortgeritien ist? fragte die
Jtalienerin, und ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten,
schwarzen Brauen scharf hervor.
Ja, er war ärgerlich, weil er mit dem Amtmanne nicht zu
Stande gekommen ist! sagte der Kammerdiener.
Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
Nein, Padrone, Ihr irrt, Ihr irrt Euch ganz und gar! -=
Und sich vorsichtig umblickend, fügte sie hinzu: Die Gräfin
Cäcilie kam blaß wie eine Leiche zu meiner Signorina in das
Zimmer! Sie schickten den Junker fort, sie schickten auch mich
hinaus! Gleich darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns
und ließ sagen, sie und die älteste Comtesse würden auf ihrem
Zimmer speisen. Die Gräfin Hildegard reist ab!
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Sie konnte ühr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen,
F der Kammerdiener zuckte ungläubig mit den Schultern. Sie
! denkt nicht daran! meinte er - die Herzogin, als wir die noch
zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten - ich war damals
noch ein Junge, der nur hier und da zur Hand ging - die
Herzogin machte es gerade so, wenn sie ihren Willen durchzu-
setzen dachte! Packen werden sie und Pferde bestellen auch! Aber
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Nein, sie geht, sie geht! versicherte ihm Gaetana, als die
Klingel aus dem Zimmer der Baronin Vittoria sie von der
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nachbarten Edelmannes in den Hof geritten kam.
Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn, der
den Kammerdiener anwies, ihn heute nicht mehr zu erwarten,
sondern ihm einen Mantelsack zu packen und ihm denselben durch
einen Boten zu übersenden, da er mit seinem gegenwärtigen
Wirthe auf einem zndern Gute bei andern Freunden noch einen
Besuch zu machen denke.'
Nun? fragte Gaetana, da sie im Auftrage ihrer Herrin
eilig durch den Flur ging.
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zu Ende kommen, bis sie der Herr dabei betrifft, und dann .. -
Unterhaltung abrief, und fast gleichzeitig der Neitknecht eines be-
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se werden die Pferde stehen lassen und mit dem Packen nicht
Sie könnten Recht haben, meinte der Kammerdiener; es
ist etwas passirt! Aber fortgehen? Ich glaub's nicht! Wo sollen
sie denn hin? fügte er mit einem geringschätzigen Zucen des
Mundes hinzu.
Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des ver-
storbenen Freiherrn getreten, hatte noch die Baronin Angelika
in aller ihrer Vornehmheit gekannt und, wie alle Diener reicher
Häuser, immer eine große Verachtung gegen unbemittelte Herr-
schaften gehegt. Es war daher gar nicht nach seinem Sinne ge-
wesen, als nach dem Tode des Freiherrn die Gräfin Rhoden
mit ihren Töchtern in das Schloß gekommen war. Er hatte

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es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage von des jungen
Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet, daß es zwischen seinem
jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etvas werden
könne. Jedem, der ihn darum befragt, hatte er geaniwortet,
daß sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren Töchtern in den
schweren Zeiten zu Hülfe gekommen sei und sie so mit durch-
gehalten habe, und das sei schön und recht von ihm gewesen,
denn der verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der
Frau Herzogin gerade so gehalten; aber heirathen? Nein! Hei-
rathen sei doch etwwas Anderes, und an eine Heiraih sei hier
nicht zu denken! Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauuen,
deren Hab und Gut man in zwei Wagen und sin paar Koffern
von der Siadt nach Richten bringen könne!
Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äußeren
Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Ver-
lobtsein für die Schlosinsassen auser Frage stellten, hatte der -
Kammerdiener immer noch den Kopf geschüttelt und war von
seinem verzweifelnden ,ich glaub's nicht! nicht abgegangen;-
denn, hatte er zu Gaetana stets gesagt, so wie der gnädige
Herr die Gräfin Hildegard anfaßt, so faßt solch ein junger Herr
kein Frauenzimmer an, bei dem ihm warm wird! Mit den
Beiden wird es nichts!
Ihm machte es also keinen Kummer, im Gegentheil, er
sah es mit der stillen Genugthuung eines Propheten, dessen
Vorausverkündigungen sich erfüllen, als man die alten Koffer
der Gräfin Nhoden aus der Nemise hervorbrachte, als die Kammer-
jungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte, die Riemen und die
Schnallen nachzusehen. Er that keine Frage, er ließ die Dinge
gehen und an sich kommen.
Die Mahlzeit war vorüber. Die Baronin Vittoria und der
Junker hatten mit großer Eßlust gespeist, aus den Zimmern der
Gräfin waren die Speisen fast unberührt nach der Küche zu-
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rückgebracht worden, und in der Stube der Dienerschaft saßen
der Kammerdiener, die beiden Kammerfrauen und der alte
Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode, bei welchem die Köchin
die Vorschneiderin machte und eine der Küchenmägde die Speisen
zutrug.
Wird denn oben nicht mehr gepackt? fragte der Kammer-
diener, während er sich zu dem Hammelbraten, den die Köchin
ihm vorgelegt hatte, eine küchtige Portion der Spargel geben
ließ, welche fitr die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren.
Wird deun oben jetzl nicht mehr gepackt?
Wir machen nur eine kleine Pause, enfgegnete die Kammer-
jungfer, welche ihre gute Berliner Sprache, wie sie immer sagte,
hier auf dem Lande nicht verlernen wollte. Meine Comtesse hat
sich ein wenig hingelegt, sie hat Migräne, und es muß doch
auch geschrieben werden.
Was denn geschrieben? erkundigte sich der Kutscher, es ist
ja heut' nicht Posttag!
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Sie haben wohl nicht gesehen, daß der Reitknecht von
Brasteck in den Hof gekommen ist? Der soll den Brief an den
Herrn Baron gleich mit sich nehmen.
Der Kammerdiener fragte, wer den Brief denn schreibe?
Mamsell Caroline entgegnete, die Frau Grafin schriebe ihn.
Da soll sie sich sputen, meinte der Kutscher, indem er das
große Bierglas an die Lippen sezte, denn der Reitknecht hat
gefüttert und sattelt wieder.
So sagen Sie ihm, gebot die Kammerjungfer, daß er
warten muß, bis meine Gräfin fertig ist! Ich will sie aber
avertiren gehen.
Sie stand auf, besah sich in dem Spiegel, rlckte ihre Brill-
locken und ihre schwarze Schiirze zurecht und sagte der Köchin,
sie brauche heute Abend weiter nichts.
Also Sie gehen mit, Mamsell? rief der Kutscher. Nun,
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da soll mir's ein Vergnügen sein, zu fahren - besonders, wenn
Sie nicht wiederkommen wollen! brummte er in seinen Bart.
Aber er hatte es nicht so leise gesprochen, um von den Andern
nicht verstanden zu werden, wenn schon Mamsell Caroline sich
das Ansehen geben konte, als habe sie nicht gehört, was er
gesagt, und als wisse sie nicht, was das Lachen um sie her bedeute.
Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager.
Die Vorhänge waren niedergelassen, der Geruch von Aether er-
füllte das Gemach. Die Gräfin hatte ihren Brief an den Frei-
herrn eben beendet. Sie wollte ihn der Tochter zu lesen geben,
aber Hildegard machte eine matte, abwehrende Bewegung. Die
Mutter siegelte ihn also und wollte schellen, um ihn hinunter
zu senden. Cäcilie saß müßig in einem der Lehnsiühle. Weil sie
jedoch wußte, wie empfindlich ihre Schwester während ihrer
Anfälle von Kopfsöeh gegen das geringste Geräusch zu sein
pflegte, wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dienex?
bereitwillig ersparen.
Sie stand leise auf, trat an die Gräfin heran und erbot
sich, den Brief selbst hinunter zu tragen. Aber wie von einem
elektrischen Schlage getroffen, sprang Hildegard, die anscheinend
mit geschlossenen Augen da gelegen hatte, von ihrem Ruhebette
empor, und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Hand-
gelenk fassend, daß sie im Schmerze zusammenzuckte, rief sie mit
funkelnden Augen in wilder Leidenschaft: Du, rühre den Brief
nicht an! Du nicht!
Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück. Sie wollte antworten,
-' die Thränen stürzten ihr aus den Augen, und die Hände ent-
setzensvoll zusammenschlagend, rief sie: Gott im Himmel, sie ist
wahnsinnig! Hilda ist wahnsinnig geworden!
Hildegard lachte hell auf. Nein, nein, rief sie, noch bin
ich's nicht, noch sehe ich sie ja, die heuchlerischen Thränen, die
Dir über die rothen Backen niederrinnen!. Aber ich werde es
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werden, wahnsinnig wird es mich machen, wenn ich es sehen
muß, wenn ich Dich sehen muß... Sie war unfähig, den Saz
zu vollenden; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um
den Hals und barg ihr Gesicht an deren Brust. Es bricht mir
das Herz, es nimmt mir den Verstand! wiederholte sie immer
und immer wieder. Die Gräfin bemühte sich, sie zu besänftigen,
Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küßte ihr die
Hände, aber Hildegard stieß sie mit Heftigkeit von sich, und die
Gräfin hieß die jüngere Tochter endlich sich entfernen.
Weinend und bleich, wie Gaetana es dem Kammerdiener-
geschildert hatte, war Cäcilie in dem Zimmer der Baronin an-
gelangt. Athemlos, in der höchsten Aufregung, erzählte sie der-
selben, was geschehen war; aber wider ihr Erwarten machte, sie
auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten
Eindruck.
Vittoria hatte sich eben erst, dem schönen Wetter zu Liebe,
ihr Ruhebett bis hart an die großen Fensterthüren ihres Zimmers
tragen lassen und blieb, von den aufgespannten Vorhängen mild
beschattet, ruhig liegen, während sie sich langsam und ohne jede,
Unterbrechung fächelte. Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster
nieder, und mit ihrem Tuche die Thränen von der jungen
Gräfin Wangen trocknend, sagte sie mit ihrer weichen, tiefen
Stimme: Weine nicht, weine nicht, mein Kind! Die Thränen
ziehen Furchen, und aus den Furchen in eines Weibes Antliz
wächst kein Glück hervor! - Komm, sei heiter, lächle wieder.
Sieh mich an!
Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre Hände, schaute ihr
in das Auge, küßte dann ihre Augenlider und rief: Hildegard
war nicht für das Glück geschaffen, nicht für das eigene, nicht
flir fremdes; ihr Blick ist unheilvoll! Wir werden' alle, alle
glücklich werden, wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr
verfolgen!

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Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend, sich ereifernd
und dann wieder schmeichelnd und scherzend, ließ Vittoria Cäcilie
nicht zu Worte kommen, als diese ihr Erschrecken über den
zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn erfolgten
Bruch und ihr Bedauern über Hildegard's Schicksal auszusprechen
wünschte. Und wenn es immer nicht leicht war, sich Vittoria's
Einfluß zu entziehen, wo sie es mit Absicht darauf anlegte, s
Jemanden für sich und ihre augenblickliche Stimmung z ge-
winnen, so fand Eäcilie es heute mehr als je uumöglich.
Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem
traurigen Verhältnisse zwischen Hildegard und Nenatus viel zu
leiden gehabt. Daß es ein unhaltbares geworden sei, das hatte
Eäeilie gleich an dem Tage gefitrchiel, an welchem sie den Jigend-
gespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah.
E war ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen. Von
allen den Erinnerungen ihrer ersien Jugend, von denen Hilde-
gard und auch die Mutter zu erzählen liebten, wußte Cärllie
nichts. Sie war um mehr als fünf Jahre jiinger denn der
junge Freiherr, sie war fast noch ein Kind gewesen, als Ne-
natus in den russischen Feldzug gegangen war; aber sie hatte
es oft behauptet, daß dies eigentlich der Tag sei, dessen sie sich
aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne, und daß sie
erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende
Vorstellungen von ihren Erlebnissen habe, die freilich einfach
gennug gewesen waren.
Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwen-
trauer ihrer Mutter auf dem Lande, in dem Schlosse der ihnen
verwandten Familie verlebt, von wo aus sie nach Richten ge-
kommen waren. Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der
Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten, bis man
zu Anfang der Freiheitskriege wieder auf das Land und nach
Schloß Richten gezogen war, das die Mutter und Hildegard

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F nur verlassen hatten, als sie zur Pflege der Verwundeten und
f Krauken sich in die Stadt begeben hatten. Ceilie, die für eine
ß solche Aufgabe noch zu jung gewesen, war unter Vittoria's
Obhut in Richten geblieben, denn damals hgtten die Gräfinnen
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-sich erst später, erst als Hildegard, wie sie das namnte, zum
Bewußtsein über sich und über ihre Pflichten, und über den
Und läugnen konnte Cäcilie es nicht, das viele Nachdenken und
die große Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger
gemacht.
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Cäeilie war Hildegardens völliges Gegentheil. Sie dachte
wenig nach. Sie kante die Welt und die Menschen eigenklich
nur aus den Schilderungen ihrer Mutter und aus den wenigen
Büchern, welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen hatte.
Zwischen die Gefühlsschwzärmerei ihrer Schwester und die von
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Die Zerwirfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hätten
Beruf des deutschen Weibes gekommen war, so schroff herausgebildet.
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und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit einander gelebt.
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gestellt, hatte sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen
Empfindungen, sondern nur die Neugier bemächtigt, ob sie solcher
Empfindungen wohl fähig sei; und weil sie bei ihrer sehr zu-
rückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war --
denn fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit
Jahren unter den Waffen - so hatie sie in alle jene Träume,
ohne welche kein Mädchen sich entfaltet, das Bild des Jünglings
verwebt, den sie am besten kannte, das Bild des jungen Frei-
herrn, des Verlobten ihrer Schwester. Schlank und schmächtig,
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leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittoria's
schüüchtern und ein wenig schweigsam, mit den sanften, blauen
Augen freundlich lächelnd, so hatte sie sein Bild in ihrem Ge-
dächtnisse bewahrt, und wie vor einem völlig Fremden hatte sie
am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden,
zu welchem die Jahre, die Strapazen des Krieges und das

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Leben in der bewegtesten und gewähltesten Gesellschaft von
Europa den jungen Freiherrn ausgebildet hatten.
Sein Haar war dunkler, seine Gestalt sehr kräftig, sein s
Blick, seine Sprache waren lebhaft geworden, und Cäeilie hatte s
in freudiger Bewunderung seiner Schönheit sich gesagt, daß ihre ,
Schwester sehr glücklich sein müsse. Aber das Glick, das sie ,
an dem liebenden Paare zu sehen erwartete, wollte nicht zum I
Cdellie bemerlte mit steigender Verwuderung die schwer- !
Vorschein lommen.
müthige Zärklichkeit ihrer Schwester und die Verlegenheit, mit j
welcher Renatus dieselbe eher zu ertragen als zu suchen schien.
Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester dachte, so mußte
es gewiß ganz anders sein, sagte sie sich; denn sie war doch
nicht des jungen Freiherrn Braut, sie liebte er nkcht und sie
liebte ihn auch nicht, aber es war doch Alles Lust und Freude
zwischen ihnen, wenn sie einmal beisammen sein konnten, ohne
daß Hildegard's ernsthafte Betrachtungen ihnen in ihrem Froh-
sinne Schranken setzten. Sie begriff es endlich gar nicht mehr,
wie Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge;
sie selbst hatte Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und
ihren kleinen Leiden ausschließlich beschäftigt gesehen, als eben
jetzt. Sie war sonst mit der Schwester immer einig gewesen,
oder doch gut mit ihr fertig geworden, denn ihre Neigungen und
Gewohnheiten hatten sich, eben weil sie so ganz und gar von
einander unterschieden waren, nicht gekreuzt; aber seit Renatus
wieder in der Heimath lebte, hatte auch das gute Verhältniß
zwischen den beiden Schwestern sich mit Einem Male geändert.
Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröh-
lichkeit ihrer jüngeren Schwester wie über die Nastlosigkeit be-
schwert, mit welcher sie bald Dies, bald Jenes mit Renatus
unternehmen wollte, und sich vor Allem darüber beklagt, daß sie
es ihr so schwer mache, ihren Verlobten zu irgend einer Samm-

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lung zu bewegen oder auch nur ernsthaft mit ihm zu verkehren.
Cäcilie hingegen war empfindlich darüber geworden, daß die
Schwester sie wie ein Kind behandle, mit dem oder in dessen
Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen könne. Sie haite
geklagt, daß Hildegard Alles an ihr tadle, von ihrer Art, sich
zu kleiden, bis zu der Weise, in welcher sie mit dem Jugend-
freunde, mit dem künftigen Schwager verkehre; und als Cäcilie
allnählich ans Ungeduld die Nähe der Schwester zu meiden
angefangen, halte Nenalus sich zu ihr gesellt, um Hildegard zu
zggen, daß er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige.
Laß ihr doch Zeit, über ihre Sorgen nachzudenken! hatte
Eäcilie übermiithig ausgerufen, wenn sie und Valerio den jungen
Freiherrn zu irgend einem fröhlichen Unternehmen zu überreden
getrachtet hatten; und nachgebend und von der eigenen Neigung
angetrieben, hatte Nenatus sich mehr und mehr an Cäcilie an-
geschlossen, deren blühende Frische ihm das Herz erfreute.
Es war ihm ein Vergnügen, Cäcilie laufen zu sehen, sie
hatte die Anmuth eines Nehes. Es war ihm ein Vergnügen,
sie reiten zu sehen, das Thier selbst schien von ihrer Lebenslust
beflügelt zu werden; und sie mit ihrer hellen Stimme lachen zu
hören, war für Renatus vollends ein Genuß. Cäcilie aber ge-
hörte nicht zu denen, die sich Sorgen machen, die Mutter und
. die Schwester ihaten's, wie sie meinte, zur Genüge; sie war
immer guter Dinge.
Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen, wenn Renatus
sich bei ihr über seine Braut beklagte. Sei nicht böse auf sie,
sagte sie; sie ist ein wenig altjüngferlich geworden. Heirathe sie
nur bald, dann wird sie eine- junge Frau und auch wieder
munter und vernünftig werden. Sie hat sich gar zu sehr nach
Dir gesehnt.
Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt? fragte Renatus
s sie dann wohl.

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Ich?Wie käme ich ouzu? Ich war ja nicht mit Dir verlobt!
Nur als Du in den Krieg gegangen bist, dachte ich, es würde mir
das Herz zerbrechen, wenn Du sterben solltest! Ich konnte mich
damals gar nicht von Dir trennen! Aber Du hast's nicht
bemerkt, ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind!
Renatus sah sie betroffen an. Ganz plözlich kam es ihm
in das Gedächtniß zurück. Wie hatie er das vergessen können?
- Deutlich, aber ganz deutlich, erinnerte er sich jetzt, wie die
leidenschaslllche Umarung des kaum vierzehnjührlgen Mädchens
ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatie. So hatte Hildegard
ihn nie umarmt. Er fihlte unwillkitrlich ein lebhaftes Ver-
langen, einer solchen Umarmung noch einmal, von Cäcilien noch
einmal theilhaftig zu werden. Wie bittend hielt er ihr die Hand
hin, sie schlug herzhaft ein, er umarmte und küßte sie und sie
gab ihm den Kuß mit ihren schwellenden Lippen fröhlich lachend
wieder. Weßhalb sollte sie ihrem künftigen Schwager, weßhalb
sollte se Renatus auch einen Kuß versagen? Sie that es niemals,
wenn er sie darum bat, und er kißte sie jetzt oft genug. Nur
jene erbebende Leidenschaft, die er wieder einmal, nur einmal
wieder noch zu genießen wünschte, jene Leidenschaft nahm er an
ihr nie wieder wahr. Es war Alles an und in ihr arglose, auf den
Augenblick gestellte ßröhlichkeit, und diese war es auch, was ihre
Nähe für Vittoria so angenehm machte, was Valerio an sie fesselte.
Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie
einen wahrhaften Zorn, und er war gegen ihre einzige Schwester
gerichtet. Sie hatte es Vittoria verschweigen wollen, was oben
unter der eigenen Mutier Augen zwischen Hildegard und ihr
geschehen war; aber der Schwester ungerechtes Mißtrauen, ihre
Härte und ihre Heftigkeit waren gar zu groß. gar zu grausam

gewesen. Vittoria hatte Recht: Hildegard war nicht zum Glick
geschaffen, nicht für das eigene, nicht für fremdes Glick. Wie
hätie sie sonst die Schwester, die ihr in mitleidvoller Liebe zu
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! helfen u.. zu dienen bemüht gewesen war, so herzlos, so un-
natürlich von sich stoßen können?
Ceilie llagie, Villoria hörie ihr ermuthhigend zu. Als jene
! geendet hatie, sagte die Baronin: Und könntest Du jemals so
l voll Argwohn sein, wie Deine Schwester?
- Nein! nein! ganz gewiß nicht! rief Cäcilie. Wie kann
s man auch einem Menschen ein lebel, ein Unrecht zutrauen,
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wezn man . - -
- Sie hiel iunr, deu die Gewohnheil der Schwesterliebe --
und die Familienliebe ist ja überhaupt zu einem großen Theile
Gewohnheitssache = hielt sie zurück, den Gedanken auszusprechen,
der ihr eben erst gekommen war; aber Vittoria ergänzte ihn sofort.
Siehst Du es, siehst Du es nun, mein Kind, daß sie voll
Arglist ist? Weil sie von Jugend auf mit unermüdlicher Be-
harrlichkeit ihr Netz gesponnen und meinen armen Renatus, als
er fast noch ein Knabe war, damit umgarnt hat, darum, darum
allein hält sie Dich für fähig, das Gleiche zu thun; darum
traut sie Dir es zu, Du könntest, arglistig wie sie, ihr das
Herz des ersehnten Bräutigams abwendig machen wollen. Als
ob sie nicht selber alles dazu gethan hätte, ihn von sich zu ent-
fernen, als ob ein Mann, so schön, so gut, so fröhlich und so
gesand wie mein Nenatus, dazu geschaffen wäre, sie seufzen zu
hören und unter ihren kühlen Blicken zu erfrieren! ler baeeo!
Vittoria brauchte, wenn sie heiteren Muthes war, wie eben jetzt,
wohl einmal einen heimathlichen Schwur -- ger bs.eco, wir
werden Ursache haben, diesen Tag zu segnen, und mich verlangt
danach, Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu um-
armen! Er wird schön aussehen, wenn er wiederkehrt und seinen
Willen hat, denn er sehnte sich nach seiner Freiheit.
Sie war so aufgeregt, daß sie sich erhob, um einen Gang
hinaus in den Garten zu thun, und sie forderte ihren Schützling
auf, sie zu begleiten. Anfangs weigerte Cäcilie sich dessen. Die

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Stunde war nahe, welg,. man für die Abreise der Schwester
anberaumt hatte, sie wollte sie in dieser nicht verlassen, ihr dabei
nicht fehlen.
Vittoria nahm sie bei der Hand. Lügst Du auch, fragte
sie, oder hast auch Du kein Blut in Deinen Adern, kein Feuer
in der Brust, das in zorniger Flamme emporschlägt, wenn man
Dich beleidigt? Schäme Dich, Cäcilie, ich hatte besser von Dir
gedacht! Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend,
sagie sie, während sie mil ihr die Terrasse euilang und in den
Garten hinunter ging: Komm, mein Herz, es wäre nicht hibsch
von Dir, Dich an ihrem Schmerze zu weiden, denn leiden -
leiden muß man im Verborgenen!
Cäcilie gab endlich nach. Sie war selbst aufgeregter und
in sich unentschiedener, als je. Sie hätie nicht sagen können,
wie ihr eigentlich zu Muthe sei. Sie hörte auch nur halb auf
die Schilderung, welche Vittoria ihr von dem ganzen Zusammen-
hange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte, denn
Renatus hatte es der Baronin in seinem Mißmuthe einst an-
vertraut, wie er sich Hildegarden, von ihr dazu angetrieben,
gerade in dem Augenblicke versprochen habe, in welchem er ge-
kommen war, sich von ihr los zu sagen. Nur das Eine entging
Cäcilien nicht, und die Baronin wiederholte es auch wieder und
wieder: Renatus hatte Hildegard niemals geliebt!
Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen! sagte Cäcilie sich
mit einer Genugthuung, die sie überraschte, und gleich darauf
fiel ihr die Schwester ein. Sie sah nach der Uhr. Jetzt hatte
Hildegard das Schloß bereits verlassen.
Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief. Sie dachte daran,
daß auch ihres Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde,
und die Thränen traten ihr bei der Vorstellung in die sonst so
fröhlichen Augen. Sie hatie das Schloß und die Baronin
Vittoria und Renatus und Valerio so lieb!
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