Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 06

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Sechätes Capitel.
Gens Gerhard hatte eine Krankheit überstanden. Mitten
, in einer Gesellschaft, bei einem Feste, das ein Kreis von alten
s Junggesellen sich gegeben hatte und- bei dem es fröhlich geng
s hergegangen war, denn die Jugenderinnerungen waren den
z Herren bei dem Weine reichlich zugeflossen, hatte ein schlimmer
s Auau h ereili.
Wie ein Schwindel, wie ein plötzliches Vergehen der Sinne
war es über ihn gekommen. Man hatie ihn mit dem Bei-
stande eines Arztes nach seiner Wohnung gebracht; dort hatte
er sich bald erholt, und die Krankheit hatte nicht lange gewährt.
Jetzt war sie ganz vorüber. Nur eine Schwäche war ihm noch
zurückgeblieben, und das Zittern in den Händen, das Renatus
bei dem Wiedersehen seines Oheims aufgefallen war, hatte zu-
genommen, wenngleich der Graf es mit großer Geschicklichkeit zu
P verbergen wuste.
Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet, die Wärme
F des Tages drang voll herein, obschon man mit den herunter-
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gelassenen Markisen das Licht abdämpfte. In den großen Vasen
auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen, Früchte,
welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also
aus Treibhäusern geliefert sein mußten, standen auf dem Tische
vgr dem Sopha, und in seinen seidenen Schlafrock gehüllt, genoß
der Graf, von Polstern beguem gestützt, einer sehr behaglichen
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Ruhe. Bald sah er, wie das Sonnenlicht milde über die Bilder
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

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an den Wänden hinglitt, dann betrachtete er die Blumen in
den Vasen. Ein Schmetterling, der sich in das Zimmer verirrt
hatte, flog von der einen Vase zu der anderen, wiegte sich bald
auf dieser, bald auf jener Blume und flatterte dann gaukelnd
auf und nieder, wo die Sonne ihm am wärmsten schien. Der
Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen
zusehen können, ohne an etwas Anderes zu denken, hätte der
Brief, den er in seinen Hinden hieli, ihn nichi beschäsligi.
Es war ein langer Brief. Er hatte ihn schon am ver-
wichenen Tage erhalten und gelesen, aber er wollte ihn noch
eiumal lesen. Der Brief halle ih sehr geriihrl, der Seelen-
zustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn. Er
klingelte, befahl dem Diener, ihm die Brille zu reichen, welche
er in seinem Schlafzimmer zurückgelassen hatte, ließ sich aus
der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade einschenken, und
nachdem er getrunken und den goldenen Theelöffel mit weiblicher
Genaußzkeit quer über den Nand des Glases gelegt hatte, um
dem Diener ohne Worte anzuzeigen, daß er das Glas nicht
wieder füllen solle, zog er den Brief aus seiner Umhüllung
hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen. Er war
aus Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben.
,Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Thun, hob
der Brief an, ,das mag Ihnen erklären, mein verehrter Freund,
weshalb Sie erst heute von mir erfahren, daß ich in Pyrmont
bin, daß ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin aufge-
halten, ohne Sie, ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtgen,
und daß ich Richten verlassen habe. Ach, ich habe mehr ver-
lassen, als den Ortt?
Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab, und erst am
folgenden Tage war die Fortsetzung desselben geschrieben worden.
, Es ist eine lange Zeit vergangen, hieß es in derselben,
, ehe ich die Fassung gewann, mir selbst meine Zustände klar
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! zu machen, und gestern, als ich mich stark genug glaubte. Sie,
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dessen tröstliche Theilnahme mir seit manchem Jahre das Hoffen
erleichterte, in meine entmuthigte Seele, in mein gebrochenes
Herz blicken zu lassen -- gestern übermannte mich die Ver-
zweiflung wieder mit ihrer ganzen Stärke. Jeder meiner
Gedanken war wieder nur ein Aufschrei, ein Aufschret der
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,Ich habe des Tages nicht vergessen, an welchem ich Ihnen,
s,als wir in Richien zum ersten Male nach dem Kriege die Mar-
gareihenhöhe hinaufsliegen, die einfache Geschichte meines Lebens.
die unbewußte Weise schilderte, in welcher mein Herz sich, von
früher Kindheit an, dem schönen, verwaisten Knaben zugewendet
hatte. Meine Lebe ist stets eine Kraft gewesen, die ich nur
genoß, wenn ich sie im Dienste für Andere, in der Hingebung
an Andere verwerthen konnte. Ich war sein, so lange ich mich
meiner selbst erinnern kann, und seit sieben langen Jahren hat
jeder meiner Athemzige ihm gehört. Weshalb soll ich noch
j leben, da mein Dasein ihn nicht mehr begllickt?--
, Schatten der Liebe, welche den Gegensatz zu ihrem Lichte
blden, haben Sie die bangen Zwweifel geheißen, von denen meine
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Seele damals sich beunruhigt fühlte. Ach, ich wußte, daß mein
ahnend Herz mich nicht betrog, daß es nicht vergebens sorgte
und erbebte! Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des
Vaterlandes Ehre, und während ich in brünstigem Gebete jedes
Haar seines Hauptes der Huld des Höchsten anempfahl, ist Re-
natus nicht nur von mir, ist er von der wahren Ehre abge-
fallen, ist er sich selbst verloren gegangen, ist er abwendig ge--
worden der Liebe und der Treue, die er mir gelobt hat.
,Als er heimkehrie! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen,
die Wonne und das Gllick, die ich empfand, die Seligkeit, mit
der ich ihn in meine Arme schloß! Aber in jenem ersten Auf-

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zuchn meineß Hexzens fühlte ich es - nur ich war glücklich, ex
wax es njcht-
,Was hghe ich nicht alles gethan, ihn wiederzugewinnen,
was gelitten, in zu sich selbst zurüczuführen! Es ist Alles ver-
gebens gewesen, und meine Kraft isterschöpft, meineLebenslust dahin,
,Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe ent-
shwunden. Der Termin für die neuen Contracke mit seinen
Beamten war gekommen. Ich hatte ihn am Morgen heiterer
als sonst gesehen, er sprach von seinem Vorsaze, auf seinen
Gütern zu leben, ich knüipfte wider meinen Willen meine Hoff-
nungen daran. Aber der Mittag war nahe, der Amtmann hatte
sich schon lange entfernt, und Nenatus ließ sich nicht sehen,
Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen, ich kannte seine
Angelegenheiten besser als er selbst, ich hatte mich darauf vor-
bereitet, sie leiten zu können, wenn es ihm nach unserer Ver-
heiratßung nicht gefallen hätte, sich niit ihnen zu beschäftigen,;
und eben deßhalh hatje ich dem Nathe beigepflichtet, daß er die'
beiden andexn Gitter verkaufen solle. Glicklich mit ihm zu sein,
war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Naumes geuug,'
,Den ganzen Morgen, hatte ich mich gefragt: Was wird
er thun, wozu wixd ex sich entschließen? Die Ungewißheit ließ
mir endlich keine Nuhe. Ich schicte nach seinem Zimmer, er
war nicht dort. Man sagte, er sei in den Park gegangen. Ich
konnte nicht anders, ich mußte ihn sehen. Man reißt nothge-
drungen sein Herz von dem geliebten Herzen eines Mannes los
und verlernt es doch nicht, um den zu sorgen, der uns von
Ich stoßt.
-a ging in den Park hinab, ich suchte Nenatus in den
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Wegen, welche ihm die liebsten waren, nur seine Fußtapfen sah
jch, er war nicht dort.. Er fand die Laune spazieren zu gehen,
und sagte sich njcht mehr: Hildegard wird am mich denken,
wird um mich sorgen!
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,Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur. Dann ging ich
s auf die Margarethenhöhe hinauf, und kaum dort angelangt, sah
h ich ihn von dem Rothenfelder Kirchpfade dHn Weg in die Höhe
! kommen. Das Herz schlug mir vor Freude, wie ich ihn in
seiner Schönheit so leicht einhergehen snh. Ich wußte nicht,
s was ich that, als ich, der inneren Stimme folgend, so schnell
! ich konnte, ihm entgegeneilte.
, Sonst, nzenn ich, noch ein halbes Kind; so im Laufe
s von der Höhe zu ihm heruntergeflogen war, hatten seine Arme
?, sich mir entgegengebreiiet und ich hatie mich an seine Brust ge-
! worfen mit dem Glicsgefühle, daß ich im Hafen sei Iezt,
als ich athemlos vor Freude und Erregung vor ihm sand,
f musßte ich beschämt die Augen niederschlagen, um es nicht zu
z sehen, wie wenig die unerwartete Begegnuung ihn erfreute.
, Wo konnst Du her? fragte er mich, ohne mir auch nur
! die Hand zu reichen.
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,Ich habe Dich gesucht, gab ich ihm zur Anhwwort; ich
F befürchte, das; Du keine gute Verhandlung mit dem Amtmann
ß haktest, daß es zu keinem Abschlüsse gekommen ist! - Und als
ß ich das ausgesprochen hatte, fiel mir's auf das Herz, daß zwischen
f mir und ihm schon seit lange inimer nur von seinen Geschäften
f die Nede gewesen war.
,Obschon die Mittagssonne heiß herniederbrannte, wollte
j ich über die Wiese den Nückweg nehmen, weil es uns an
F schnellsten nach dem Schlosse gebeacht hätte, und ich scheutr mich.
F mit ihm allein zu sein, weil es mir dann immer am schnierz-
h lichsten fühlbar wurde, wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte.
, Wider mein Erwarten äußerte er die Absicht, über die
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Höhe nach Hause zu gehen. Als wir hinaufstiegen, bot er mir
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den Arm. Ich wollte fragen, mich erkundigen; er hieß mich
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schweigen, meine Brust zu schonen; aber auch er sprach nicht
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zuu mir. Die Sonne erwärmte das Laul und die Stämme,

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daß uns aus den dicht verschatteten Gängen überall ein warmer
Blätterduft ntgegenauoll. Von Zweig zu Zweig huschten die
Vögel an uns vorüber, es sang und zwitscherte rund um uns
her, es blühte, wohin man sah, und dazwischen zuckte und flammte
das Sonnenlicht bald hier, bald dort zwischen der dichten Blätter-
fülle hervor und streute seinen glühenden Wiederschein über das
grasige Erdreich hin, daß man wie auf dunkelrothen Blumen
ging. Mitien in der Traurigkeit, die sich während dieses schwei-
genden Ganges immer lähmender auf mich herniedersenkte, wirkte
die Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein, und um nur
die Stille zu unterbrechen, um nur nicht zu merken, wie einsam
ich an seiner Seite sei, sagte ich: Siehst Du denn nicht, wie schön
es hier ist?
, Gewiß! entgegnete er mir, es wird mir schwer geng
werden, es wieder zu entbehren.
, Ich war nicht gleich im Stande, ihm auszudrücken, wie
unerwartet mir seine Antwort kam, aber er mochte mein Er- -
staunen in meinen Mienen lesen, und ehe ich noch ein Wort
gesprochen hatte, sagte er: Mein Urlaub geht zu Ende, unser
Regiment kommt in den nächsten Wochen über den Nhein zurüück.
Ich muß es zu erreichen suchen, um meine Compagnie doch
- selbst in die Hauptstadt einführen zu können.
,Er sprach das so einfach, so natürlich - und welche
Grausamkeit wäre einem treulos gewordenen Herzen nicht na-
Lürlich?- daß er mich täuschte. Ich war es schon gewohnt
worden, ihn nur an seine eigenen Wünsche denken zu sehen,
und das Verlangen, mit den Tapfern, in deren Mitte er ge-
Tämpft hatte, unter unseres geliebten Königs Augen in die
Hauptstadt einzuziehen, war ja ein berechtigtes. Ich selbst sehnte
mich danach, ihn an der Seinen Spitze, im Siegesschmucke, im
deutschen Eichenkranze zu erblicken. Indeß ich unterdrückte diesen
Wunsch, und nur die Frage that ich, wann er gehen wolle.
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, Ja, als Pächter! enigegnete er kurz.
,Mein Erschrecken war groß, indeß ic hatte seit lange die
Erfahrung gemacht, das: meine Bitten, meine Vorstellungen ihn
nicht bestimmten. Du hast also Deine Absichren geändert, Du
willst die Giter nicht selbst bewirthschaften, wie Du es noch
vor wenig Tagen vorgehabt hast? erkundigte ich mich.
,Nein! sprach er sehr bestimmi.
.Ich wusßte uir nicht zu erklären, was geschehen sein
konnte, ich schwieg also; aber das reizte seine Ungeduld, und
heftiger, als es zu verantworten wvar, rief er: Sprich es doch
aus, was Du denkst, und hülle Deine Unzufriedenheit nicht in
eiumal von den Sorgen freizukommen wünsche, die mein Erb
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,Du denkst also, ihn zu behalten? erlundigte ich mich.
theil gewesen sind von Jugend auf! Was habe ich denn bis
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, Sovald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe!
dieses Schweigen, das mich verdammt, weil ich endlich, endlich
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jetzt von meinem Leben, von diesen Gütern anders gehabt, als
Sorgen? Von unseren übeln Vermögensumständen habe ich den
Caplan sprechen hören, als ich mich, ein Knale, noch an Märchen
zu ergözen wünschte! Um unserer Vermögensverhältnisse willen
schickte man mich in das Heer, in einem Alter, in welchem mein
Väter in wahrhaft königlicher Freiheit mit seinem Erzieher die
halbe Welt durchreiste! Als ich nach längerer Zeit ins Vater-
haus zurückkam, empfing mich die Kunde, daß unsere Lage es
für meinen Vater nöthig mache, auf mein mütierliches Erbe zu-
rüczugreifen, und ich gab es hin! Im Feldlager, am Vor-
abende der größten Schlacht, erreichien mich mit der Nachricht
von meines Vaters Tode die Berichte über unseren sich ent-
werthenden Besiz! Am Beiwachtfeuer, auf dem Siechbette im
Lazareth, in den Sälen von Paris, bei dem Wiedersehen des
nkels, in dem Bureau von jenem Tremann und hier in
meinem Hause höre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied!
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Und wenn einmal der Schatten meiner Bäume mich still um-
fängt, wenn ich endlich einmal aufathmen möchte in Gottes
freier Luft, spricht Dein schon wieder sorgenvoller Blick Schaffe
Eath, schaffe Ordnung, so ist's nicht zu halten!- Nun denn
-- verzeihen Sie mir, mein edler, theurer Freund, daß ich den
Ausdruck wiederhole, den ich mit Beschämung von seinem Munde
hören mußte -= nun denn, so mag zum Teufel gehen, was
nicht zu halten ist! Ich verkaufe Rothenfeld und Neudorf, ich
verpachte Richten, ich gehe zu meinem Regiment zuriick! Ich
will wissen, woran ich bin, ich will nicht länger die Last auf
meinen Schuliern fiühlen, welche die Vergangenheit mir aufge-
bürdet hat. Ich will die Irrthümer meiner Voreltern und auch
die meinigen nicht als eine mich ewig hemmende Kette durch
das Leben schleppen! Ich will ein eigenes, neues Leben leben,
ich will endlich einmal mein eigener Herr, endlich einmal frei,
endlich frei sein!
,Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engeß
Raume heftig auf und nieder. Noch an dem Morgen dieses
Tages hatte er, wie ich schon. erwähnte, davon gesprochen, daß
er die Güter selbst bewirthschaften wolle; es mußte also etwas
geschehen sein, das ihn verstimmt, das ihn andern Sinnes ge-
macht hatte. Ich vermochte mir nicht zu denken, was es gewesen
sein könne, und ich wußte mir keinen Rath. Freilich hielt ich
die Maßregeln, von denen er gesprochen hatte, soweit sie den
Verkauf der beiden andern Güter betrafen, für richtig; aber ein
Entschluß, in solcher Verfassung vollzogen, mußte mir immer als
ein unheilvoller erscheinen, und ich wagte nicht, ihn zu billigen,
nicht, wider ihn zu sprechen. Dazu kam das unabweisliche
Gefühl, daß Renatus sich in solcher heftigen, in solcher über
das erlaubte Maß hinausgehenden Weise nicht geäußert haben
würde, hätte er einen Andern, hätte er nicht eben mich zur
Seite gehabt. Ich glaubte es zu sehen, daß mein Erschrecken,
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meine Angst ihm eine Genugthuung bereiteten, ich hatte in diesen
letzten Monaten so viel, ach, so unaussprechlich viel von ihm
ertragen, und keine Sylbe und kein Laut in seiner ganzen Rede
dachten meiner! Ich war nicht mehr für ihn vorhanden!
,Oft, unsäglich oft hatte ich es empfunden, daß ich zu
seinem Glicke nicht mehr nöthig sei. Jezt traf es mich aus
seinen Worien wie ein Schlag, und wie ein Bliz drang die
- nicht mehr zurückzuweisende Erkenntnisß in mein Herz. Er
wollie frei sein, frei vor allen Dingen, frei von dem Worte,
das ihn an mich band! Ich war es, die er fliehen wollte,
wenn er zum Regimente ging! Die Liebe, die er mir geschwo-
ren hatte, war der Irrthum, vgn dem er loszukommen wünschte;
und es kostete ihn nichts, sich von dem Erbe seiner Väter los-
zureißen, wenn er sich damit nur von mir zu trennen vermochte.
,Wir waren nahe bei einander. Er war stehen geblieben
und sah, an einen der starken Stämme angelehnt, in den Laub-
gang hernieder. Dieselbe Sonne beschien uns noch, dieselben
sanften Töne des lockenden Vogelsang berüührten noch unser Ohr,
aber es war mir, als hätte sich eine Kluft aufgethan zwischen
mir und ihm, und als träte er fern und ferner von mir zurück.
Jn jedem Augenblicke wollte ich die Frage thun. Drei, vier
- Mal versuchte ich es, aber immer fehlte mir dazu das Wort,
und mit jeder Sekunde schien er mir fern und ferner zu treten,
wuchs in mir die Angst, daß mein Ton ihn nicht mehr er-
reichen könne. Ich war meiner Sinne fast nicht mächtig. Nur
das Einzige fühlte ich noch klar: auch ich mußte frei werden,
und wenn auch durch den Wahnsinn oder durch den Tod, von
dieser Stunde martervoller Pein.
,Nenatus, fragte ich ihn, und meine eigene Stimme klang
mir wie eine fremde, und die Frage klang mir so fremd, als
hätie ich nichts mit ihr zu schaffen, Nenatus, Du sprichst von
Deinen Irrthümern, von deren Folgen Du frei zu sein wünschest?

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Siehst Du die Liebe, die Du mir geschworen hast, auch als
einen Irrihum an? Willst Du frei sein auch von den Banden,
die uns an einander ketten? Sprich es aus!
, Renatus fuhr zusammen, aber er antwortete mir nicht,
und, die Arme über die Brust verschränkt, den Blick zu Boden
gerichtet, starrte er finster vor sich nieder.
,Wad da in meiner Seele vorging! Wie lönnie ich Ihnen
das beschreiben? Ich hatie mir gesagt, das er mich nicht mehr
liebe, ich hatte ihm angeboten, ihm seine Freiheit wiederzugeben,
und, denlen Sie nicht ibel von mir, weil ich es Ihnen ein-
gestehe, ich erwartete, ihn zu meinen Füßen niedersinken zu
sehen, und meine Arme waren wie meine Seele offen, ihn
liebend und verzeihend zu umfangen. Indeß Nenatus regte sich
nicht, und wie von einem inneren Feuer schnell und hoch empor-
getrieben, schos; ein Gefühl des Zornes in mir auf. Da er
mich nicht mehr liebte, sollte er künftig mit Beschämung an
mich denken, wollte ich den Triumph genießen, ihn zu demüthigen,.-
und ich hatte es bis dahin nicht geahnt, welche Kräfte der Grimm
und die Empörung uns verleihen können.
,Ich blieb sehr ruhig sizen, als er vor mir stand. Sieh'
nicht so finster drein, Nenatus, sagte ich. Es ist eine böse
Stunde über Dich gekommen, aber ich habe mich Dir ja
angelobt für gute und für böse Stunden, ich will Dir
helfen, über diese hier hinauszukommen. Es ist gut, daß sie
mich nicht unvorbereitet trifft. - Ich mußte innehalten, denn
das Klopfen meines armen Herzens versetzte mir den Athem
und ich brauchte eine kleine Zeit, ehe ich wieder meiner Herr
geworden war.
,Du willst frei sein, sagte ich, Du möchtest ein neues
Leben leben! - Ich streifte den Ring von meinem Finger, den
ich seit sieben Jahren, seit sieben langen Jahren nicht von mir
gelassen hatte, und reichte ihm denselben hin. - Nimm das

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g! Pfand zurück, das Dich an die Vergangenheit bindet, ohne Deine
! Lebe begehre ich Dein ncht. Ich gebe Dich feei!
, Renatus trat mit rascher Bewegung auf mich zu. Sein
F Auge belebte sich, aber ich sah es, ich konnte mich nicht darüber

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bat er, alö ein Adenlen an mich, und ich will den Deinigen
heilig halten in Pewuunderung Deines edlen, grosen Herzens!
,Ich konnte ihm nicht antworten; ich schüttelte verneinend
, mein Haupt. Ich hätte es nicht vermocht, den Ring wieder
an meiner Hand zu tragen. Er war mir einst ein Pfand des
Glücks gewesen, er wäre mir jetzt eine mahnende Erinnerung
an ein langes Leid geworden. Aber ich war es so gewohnt,
ihn zu tragen, meinen Finger von dem kleinen Reif umspannt
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die es erglänzen machte. - Behalte ihn, o, behalte den Ning,
zuu fühlen; es fehlte mir etwas, es wurde mir kalt, es fiel mir
Alles, Alles auseinander, da ich ihn fortgegeben, da Renatus
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täuschen, es war kein Schmerz, es war eine aufzuckende Freude,
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gewesen, nun war der Bann gelöst und die Entzauberung brach
schnell heran.
, Ich war mit meinen Gedanken, mit meiner Kraft zu
Ende. Ich sah das Spielen der Blätter, ich fühlte den Son-
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ihn zurückgenommen hatte. Es war ein Zauberring für mich
nenschein, ich hörte die Vögel singen; es bedeutete mir nichts
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mehr. Ich athmete, das war Alles! Nicht einmal mein Leiden
- fühlte ich. Nur eine Stumpfheit, nur eine Leere empfand ich.
Es war mir Alles ein Räthsel, es war mir Alles klar und
doch so unverständlich. Ich hätie nicht sagen können, ob ich
wache, ob ich träume.
,So saß ich eine Weile. Die Zeit kam mir sehr lang
vor. Ich wunderte mich, daß die Sonne noch immer schien,
daß die Vögel noch immer sangen. Es war mir, als hätte ich
Ewigkeiten durchlitten und durchlebt.
, Renatus sprach zu mir. Er sagte mir, wie er seit Jahren
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vor der Stunde sich gefürchtet hätte, in welcher der Irrkhuni
unserer Herzen uns deutlich werden würde. Er habe lange
gefühlt, daß er in jugendlicher Verblendung den Frevel begangen
habe, mich an sich zu ketten, ehe er sich seines eigenen Wesens
recht bewußt geworden sei. Er gestand mir, daß er mich nie
geliebt, daß er sich vergebens bemüht habe, sich mit der Freund-
schaft, der Verehrung, der Bewuunderung, zu begniigen, die er
für mich fiühle, die er mir bewahren werde . - -
,Ich fühlte ein Verlangen, laut aufzulachen, aber ich un-
terdrückte es, denn mit diesem Lachen hätte ich dem Wahnsinne
Raum gegeben, der mit seinen grauen, verwirrenden Flügeln
sich auf mein Haupt herniedersenken wollte.
, Ich ließ Nenatus sprechen fort und fort. Es war der
Anfang der Befreiung, die er sich bereitete. Mit lebhaften
Worten schilderte er mir die Leiden, die Schmerzen, die er um
mich getragen hatte. Er um mich! - Ich unterbrach ihn nicht;
auch nicht, als er es mir ausmalte, das Glück, das er sich -
einst mit mir geträumt, das er ersehnte, das er von der Zu-
kunft sich erhoffte.
,Ach, er kannte die Liebe, er kannte sie sehr wohl! Und
angstvoll, von Minute zu Minute harrend, strebte ich, zu er-
kennen, wer ihn fühlen lehren, was er nicht für mich gefühlt
Die Liebe hatte er ertödtet in meiner Brust; wie ein böser
Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht, diese niedrigste der
Leidenschaften, in mir empor. Ich sehnte mich danach, den
Namen Eleonore von seinem Munde zu vernehmen, denn mich
verlangte nach einem Gegenstande für den Haß, der in mir
brannte, aber ich hatte mich betrogen. Er hatte Eleonore Haugh-
ton nicht geliebt. Nur seine Phantasie hat sie beherrscht, nur
seine Eitelkeit hat sie beschäftigt. Sie war für ihn zu mächtig,
wie meine Liebe für ihn zu mächtig gewesen ist - und nicht
einmal der elende Trost war mir gegönnt, das Wesen hassen
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! zu dürfen, das er, ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde,
das er liebte und auf das sein Sinn gerichtet war.

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, Ich war sehr elend, sehr unglicklich, mein theurer Freund!
,Als Nenatus endlich zu sprechen aufhörte, schien er eine
Antwort zu erwarten, aber was sollte ich ihm sagen? Ich
erhob mich und wollte gehen. Er hielt mich bei der Hand zurüc!.
Das dinkte mir der Gipfel seiner Herzenshärtigkeit.
- , Ic zog weine Hand aus der seinigen. Du bist jetzt
frei, was willst e noch von mir? fragte ich ihn.
, Deine Vergebung! sagte er, und dem bittenden Klange
seiner Stimme konnte ich nicht widerstehen. Wie eine leuchtende
Flut strömten sie auf mich ein, alle die Erinnerungen jener
goldenen Tage der Jugend. Die Fülle meines einstigen Glickes,
die Gewalt meines Schmerzes überwältigten mich. Ich breitete
meine Arme aus, ich warf mich an seine Brust, und an seinem
Herzen, an seinem treulosen Herzen weinte ich um ihn - um mich!
, Mait wie eine Sterbende, riß ich mich endlich von ihm
los. Ach, er hielt mich nicht! Wo willst Du hin? fragte er
mich, da ich, nicht wissend, was ich that, mich nach dem Dorfe
wendete. Wo willst Du hin?
, ,In die Verbannung! gab ich ihm zur Antwort. War
die Welt mir doch öde und leer, wohin ich immer ging. Er
bot mir seinen Beistand an,
kleinste Hülfsleistung von ihm
schienen. Ich hieß ihn gehen.
lassen. Ich bin des Alleinseins
ich ihm.-
er wollte mich begleiten. Die
wäre mir wie eine Schmach er-
Er trug Bedenken, mich zu ver-
lange schon gewohnt! versicherte
,Dir gegenüber habe ich nur zu gehorchen! sprach er, und
mir die Hand noch einmal reichend, die zurückzuweisen ich zu
stolz war, ging er, ohne sich auch nur noch einmal nach mir
umzusehen, langsam die Höhe hinab.
,Trockenen Auges blickte ich ihm nach. Es war mir Alles

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werthlos, Alles gleichgültig, selbst mein eigenes Unglück. Nur
das Eine fihlte ich, ich konnte mein Haupt unter seinem Dache
nicht mehr zur Ruhe legen, ich konnte ihn nicht wiedersehen.
,Als ich in das Schlos; kam, sagte man mir, Renatus
sei ausgeritten und werde erst am Abende wiederkehren. So
sehr war ich an seine rücksichislose Grausamkeit gewohnt, daß
ich es ihm Dank wußte, mir Freiheit für den einen Tag ge-
schafft zu haben. Ich konnte Vittoria, ich mochte Cäcilie nicht
um mich haben. Ich bat meiner Mutter, sich mit mir zurück-
zuziehen; ich sagte ihr Alles, Alles!-- Auch sie begriff es,
daß ich nicht bleiben konnte, auch sie wünschte, sich zu entfernen;
nur so schnell, wie ich es begehrte, konnte es für sie und mich
und für Cäcilie nicht ausgeführt werden; und ehe ich über
diesen Abend hinans in seinem Hause geblieben wäre, häite ich
mein Haupt auf freiem Felde betten und des Himmels Sterne
mir zum Zelte machen mögen.
,Meine Mutter sah meine Angst. Es fiel ihr ein Aus-
kunftsmittel ein. Am folgenden Tage sollte, wie wir wußten,
eine meiner näheren Bekannten ihr Vaterhaus verlassen, um
nach dem Fräuleinstift zum heiligen Grabe aufzubrechen, in
welchem der König ihr eine der freigewordenen Stellen gnädig
zuertheilt hatte. Ich konnte ihren Wohnsiz noch vor der Nacht
erreichen, und sie hatte, da sie nur mit ihrem Mädchen reiste,
einen Plaz für mich in ihrem Wagen; sie hatte es mir sogar
angeboten, sie zu begleiten, falls ich die Hauptstadt und unsere
Freunde wiederzusehen wünschte.
,Wie hnir zu Muthe war, als ich das Schloß verließ,
welches ich mich gewöhnt hatte, als meine Heimath zu betrachten
-- ich finde keine Worte, es Ihnen auszudrücken. Vom Leben
scheiden, ist für den Gläubigen nicht schwer, die Hoffnung leiht
ihm ihre tragenden Schwingen; aber sich loszureißen von all
seinem Glauben, von seinem Lieben, von all seinem Hoffen
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und in das Leben, in die kalte, fremde Welt hinauszugehen,
das, mein theurer Freund, das ist sehr schwer, sehr bitter, und
ich habe es ertragen.
, Unsere Neisetage gingen still dahin. Ferdinanden's Ver-
lobter war auf dem Schlachtfelde gefallen, sie war vereinsamt
wie ich, und doch die Glücklichere, denn hr Schmerz war rein.
Wir fuhren die ganzen Tage, wir rasteten die Nächte; sie fühlte
keine Neigung ud ich hatte nicht die Kraft, unsere Freunde
in der Hauptstadt wiederzusehen. So langien wir im heiligen
Grabe, im Stifte an, und so habe ich es nach kurzem Auf-
enthalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen wieder ver-
lassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter fir
den Besuch von Pyrmont angeschlossen. Meine Gesundheit, die
nie starl gewesen ist, hat sehr gelitien, der Arzt verlangte fiir
mich den Gebrauch jener Quellen, und ich durfte mich seinem
Raihe nicht widersezen, denn ich habe eine Multer, die von
meinem Siechthume leiden, die mein Tod betrüben würde. Ich
muß ein Leben zu erhalten suchen, das mir völlig werthlos ist.
, Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerz-
licher Ermüdung: was soll mir dieser Tag? Ich werde mich
dies fragen bis an mein Lebensende! Die Liebe, wie ich sie
fühlte, ist eine Blüthe, die, einmal entblättert, nicht wieder blüht,
und wenn ich zurückblicke in die Vergangenheit und ich finde
alles verwelkt, was ich in mir gepflegt um seinetwillen, der es
nicht verdiente, und wenn ich mich frage: wie konnte das ge-
schehen, wie durfte er es wagen, wie vermochte er es zu thun?-
so fimde ich keine Antwort in mir, wie ich kein Verschulden in
mir finde. Nur das Lied des Dichters fällt mir immer ein,
und Tag und Nacht klingt sein trauriges Wort: ,Mußt es eben
leiden !'' in meiner Seele wieder.
, Wenn Gott Erbarmen mit mir hat, wenn er mein Gebet
f erhört und mir es nicht zu fern steckt, meines Daseins Ziel,

-- Iß --
dann, mein verehrter, mein theurer Freund, Sie Einziger, der
schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Güte zu iheilen ,
nicht verschmähte und gegen den mein Herz zu erschließen mir
jetzt ein trauriger Genuß ist, dann lassen Sie mir diese Worte
auf den Grabstein setzen; und so lange der rohen Willkür und
dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist über s
eines Weibes liebend Herz, wird ihnen der Wiederhall in mancher ;
Brust nicht fehlen.
, Leben Sie wohl, mein theurer, väterlicher Freund! Sie j
haben mir einst gestanden, daß ich Ihnen den Glauben an die z
höchsten Güter des Menschen wiederzugeben so glicklich gewesen
bin, und Sie haben mir damit einen Trost gewährt, an dem
ich mich jetzt oft zu halten genöthigt bin, wenn mein ganzes
Dasein mir als ein verfehltes vorkommt, wenn ich mich frage:
Wozu habe ich gelebt und wozu soll ich leben? -
, Ihnen, mein Freund, bin ich doch etwas werth, zu etwas ,
gut gwesen, und ich weiß Ihnen fiir die Ermuthigung, welche
diese Gewißheit mir gewährt, nicht besser zu danken, als indem
ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe. Nehmen Sie,'
der, wie Sie mir selber sagten, das Leben von seinen Höhen
bis zu seinen Tiefen kennt, und den diese Kenntniß nachsichtig
gemacht hat, nehmen Sie mich duldsam auf und denken Sie
in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegar d.?