Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 07

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. Fli fou im Zorn nicht handeln, im Zorn tine Emt-
schlisse fassen! so' latet eine alte Regel; aber jede Regel scheint
uur um ihrer Ausnahme willen da zu seu, und Jeder erfährt
es wohl einmal in seinem Leben, daß sein Zorn ihn aus dem
trägen Gange seiner Unentschlosenheit emporgerissen, und ihn
wie mit einem heftigen Spornstoße zu einem Ansprunge und
in einen neuen Weg getrieben hat, den eingeschlagen zu haben
man sich spääler freut. Renatus wenigstens meinte, an sich eine
solche Bemerkung machen zu können.
Sieben ganze Jahre hatie er sich in dem völlig unwahren
Verhältnisse zu Hildegard bewegt, weil er sich es beständig vor-
gehalten, daß es einein Manne, einem Edelmanne, nicht anstehe,
ein gegebenes Wort zu brechen. Nun es geschehen war, nun
da er Hildegard, er täuschte sich darüber nicht, endlich dazu ge-
nöthigt hatte, ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen,
nun fühlte er sich so leicht, so frei, und trotz seines edelmännischen
Bewußtseins so völlig in seinem Nechte, daß er dieses Wohl-
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Siebenteö Capite l.
behagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte.
, Mag zum Teufel gehen, was nicht mehr zu halten ist!?
hatis er in seiner Entrüstung zu Hildegard gesagt, und je mehr
er auf seinem Nitte darüber nachsann, um so mehr beschloß er,
jenen in der Zorneshize gethanen Ausspruch zu einer Wahrheit
zu machen. Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht, das
ihm jene Worte eingegeben hatte; weßhalb sollte er anstehen,
es zu wahren?=-
F. Le wald, Von Geschlech! zu Geschlecht. 1.

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Die Zeiten, in welchem der Adel selbstherrlich auf seinen
Gütern gesessen hatte, waren in seinem Vaterlande für immer
dahin. Er haite keinte Unterthanen mehr, die von ihm abhingen
und isber die er zu Gerichi susi. r uid sle wa ren glelchmüissig
Biirger des Staates geworden, fast in allen Fällen derselben
Gerichisbarkeit unterworfen; aber Einen Weg gab es noch, auf
welchem der Edelmann sich der Vorrechte seines Standes, denn
solche waren freilich noch genug vorhanden, voll bewußt werden
konnte: es war die militärische Laufbahn. Der, Offizierstand,
war noch eine besondere Kaste, der Offizier hatte noch seinen
besonderen Gerichtsstand, und je mehr die bürgerliche Gesell-
schaft seit der französischen Revolution im Staate an Bedeutung
gewonnen, um so entschiedener hatten in Deutschland, und
namentlich in Preußen, die Edelleute sich im Heere zusammen-
geschlossen.
Weßhalb sollte Nenatus sich mit der Sorge für einen
großen, ihm zwar Ansehen verleihenden, aber auf lange hinaus
keine Vortheile versprechenden Besiz belasten, wenn Ansehen und
Ehre ihm schon aus der großen Adelsverbindung im Heere
erwuchsen, der er sich auch künftighin nur anzuschließen brauchte,
um neben seinen angeborenen Ehren auch noch? Mer ganz be-
sonderen sogenannnten militärischen Ehre theilhaftig zu werden
und für sich eine Menge von Rechten und von Schranken auf-
gerichtet und benutzbar zu finden, die alle darauf berechnet waren,
auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu er-
halten, die auf natürliche Weise vor dem Urtheile der gesunden
Vernunft und vor dem Bewußtsein des Bürgerstandes nicht
mehr zu behaupten war.
Sein Vater hatie die Giter mit Schulden belastet, halte
des Sohnes müttterliches Erbe aufgezehrt; aber er hatte ihn,
wie Renatus jetzt erkannie, wahrscheinlich eben deßhalb frühzeitig
in das Heer, als in die ihm angemessene Laufbahn, eingeführt.

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F Es war nicht des jungen Freiherrn Schusd, wenn seine Vor-
F fahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen
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Wilifiie des Einzelnen Schranken gesezt hatten, es konnte also
achh ni hi seie Pslihl sein, herzuuslellen, wus er nicht zerslöri,
auufzuurichten, was er nicht untergraben haite. Es war getutz,
dasß er unter der Verschwenduung seines Vaters litt, daß er
, Fehler büßte, die er nicht begangen hatte. Und endlich, was --
-änderte sich denn in seiner Stellung, wenn er jene Rathschläge
befolgte, welche ihm von Erfahrenen gegeben worden waren?
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Richten noch Neudorf und noch Nothenfeld gehörten oder nicht.
Und wenn es vollends möglich war, sich, durch Entäußerung der
beiden andern Güter mit weniger Sorgen zu einem größeren
Wohlstande als dem gegenwärtigen emporzuarbeiten, so wäre es
ja gegen alle Klugheit und Vernunft gewesen, sich nicht dazu
entschließen zu wollen.
Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten;
aber je weiter er sich von demselben entfernte, je mehr ließ er
dem Pferde Freiheit, seinen Schritt zu wählen, und während
er so langsam durch den Wald hinrikt, gediehen seine Meinungen:
, und Vorsätze immer mehr zur Reife. Auf den Beistand des--
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Er blieb der Freiherr von Arten-Richten, gleichviel, ob zu diesem
Königs, auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen
und den zu erbitten, beide ihm Hoffnung gemacht hatten, durfte:
er jetzt nicht rechnen. Er selbst war dem Könige ganz unbe-
kannt, und sein Vater hatte seit den Religionswechsel der Ba-
ronin Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers
niHht mehr besessen. War dem jungen Freiherrn daran gelegen,
sie wieder zu erwerben, so bot sich ihm, bei der entschiedenen
Vorllebe, welche der König für den Soldatenstand hegte, in dem
Heere die beste Gelegenheit dazu; kurz, Renatus mochte die Sache
ansehen, wie er wollte, er konnte nach seiner Ansicht gar nichts-
Angemesseneres thun, als im Heere bleiben; und in diesem Falle
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war der Verkauf der Nebengüüter, die Verpachtung von Richten
durch die Umstände geboten und nothwendig, und das Noth-
wendige mußte er thun, gleichviel, wer es ihm zuerst als ein
solches dargestellt hatie.
Es war am Abende, als der Neitknecht seines Freundes
mit dem von Richten herbeigeholten Mantelsacke des jungen Frei-
herrn nach Brastnick wiederkehrte. Er brachte ihm ein kurzes
Schreiben der Gräfin Rhoden mit. Renatus saß in dem Fa-
milienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen, als der Diener
ihm den Brief auöhändigte. Er erkannte die Handschrift und
steckte ihn in die Brustiasche.
Ein Billetdoux? scherzle der Hausherr.
Durchaus nicht! eutgegnete Renatus, nur irgend eine Nach-
richt von meines verstorbenen Vaters alter Freundin, von der
Gräfin Rhoden!
Erst später in der Nacht, als Nenains sich in seinem Zinmer
allein befand, die Männer haiten lange beim Weine gesessen, öffnete
er den Brief der Gräfin. Er enthielt nur die wenigen Neihen:
, Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird meine Tochter
Richten bereits verlassen haben. Mit welchen Empfindungen ich
Ihnen dieses schreibe, sage Ihnen .r eigenes Herz .g habe
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mir erlaubt, meine Tochter in Ihrem Wagen nach Namsdorf
fahren zu lassen: sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten.
Für einige Tage bin ich, wegen der Ordnung meiner Angelegen-
heiten, noch auf Ihre Gastfreundschaft angewiesen, die mir jezt
nicht leicht zu tragen sein wird; und ist es mit Ihren Ge-
schäften nicht unvereinbar, so wäre es vielleicht für uns Alle
eine Erleichterung, wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde
so lange ausdehnen wollten, bis ich mit meiner jiingeren Tochter
Ihr Schloß verlassen haben werde. Ich will dazu thun, diesen
Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen.-
Anrede und Unterschrift wara durchaus förmlich gehalten,
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aber in der Stimmnng, in welcher Renatus sich befand, focht
der Brief ihn wenig an. Man hatte mit ihm über seine in
Aussicht stehende Heirath mit der ältesten Gräfin Nhoden ge-
scherzt, und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit
der Versicherung zurückgewiesen, daß davon gar nicht die Rede
sei. Als man derselben nicht glauben wollen, hatte er unum-
wunden eingestanden, daß er vor dem Feldzuge allerdings eine
- Anhänglichkeit fitr sie gehabt habe, aber die Gräfin sei jg älter
als er, sei kränklich, und daß nach seiner Heimkehr von jener
blöden Jugendschwwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei, könne
man am besten daraus abnehmen, daß er sich eben noch völlig
frei befinde, während ihn doch nichts abgehalten haben wüürde,
sich zu verloben und zu verheirathen, hätte er dazu irgend einen
Antrieb in sich verspürt. Er rühmte dabei die Mutter als seine
älteste und theuerste Freundin, welcher Gastfreundschaft zu ge-
währen ihmn ein Glick gewesen sei. Er sprach von den un-
schäzbaren Eigenschaften der ältesten Tochter, erwähnte der ihn
entzückenden Fröhlichkeit derjüngeren Gräfin, sagte, daß er die beiden
Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe, und die
Aufnahme, welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden,
ließ ihn deutlich erkennen, daß man im Allgemeinen seine Ver-
heirathungmit Hildegard als eine unpassende betrachtet haben würde.
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Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit, sich in der Vor-
aussetzung getäuscht zu haben, daß Renatus sich in der Neber-
zengung bestärkte, das Richtige und das Berechtigte gethan zu
haben; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu dieser
und zu jener Heirath anrieth, ihm diese und jene Tochter aus
den Familien des benachbarten Adels als die für ihn schickliche
Frau bezeichnete, genoß er seiner Freiheit mit wirklichem Ver-
aTPce ==- ==-
Auch am Morgen, als er frischen Sinnes erwachte, fühlte
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er keine Reue über seine Handlungsweise. Er beklagte Hildegard,
als ob er gar nicht an ihrem Misgeschicke beiheiligt wäre, und
als er dann den kleinen Brief der Gräfin wieder in die Hand
nahm, that es ihm leid, daß diese von ihm gehen wollte. Er
hatte eine Weile sogar den Gedanken, noch an demselben Tage
nach Hause zu reiten, um es zu verhindern; aber das Wieder-
sehen nach dem eben Statt gehabten Bruche und die unver-
meidlichen mündlichen Erklärungen mußten nothwendig eine er-
schüütternde Scene herbeifiühren, eine jener Scenen, vor denen
Renatus eine wahre Scheu trug. Er beschloß also, schriftlich
abzumachen, was er der Gräfin zu sagen wiinschte, und wie sie
sich kurz zusammengefaßt hatte, that er es auch.
,Meine theure Mutter!' schrieb er ihr, , denn eine Mutier
sind Sie dem verwaisten Knaben ja gewesen, lange ehe er daran
denken konnte, diesen Namen durch ein engeres Anschließen an
Sie sich zu verdienen, gehen Sie nicht im Unmuthe von, mir
fort. Der Bruch, der gestern geschehen ist, wie plözlich er Ihnen
auch erschienen sein mag, war nach meinem Empfinden längst
ein nothwendiger geworden, und ich zweifle nicht, daß selbst
Hildegard und Sie ihn als einen solchen anerkennen müssen.
Wenn mich mit Necht der Tadel trifft, daß es mir an Muth
gefehlt hat, gleich, als ich den Irrthum meines Herzens einsah,
und das ist lange her, ihn auch auszusprechen, so trifft Sie,
theure Mutter, doch auch der Vorwurf, daß Sie, die Sie des
Menschen Herz und die Welt, und meine und Hildegard's Un-
erfahrenheit wohl kannten, uns vor sieben Jahren nicht abgehalten
haben, ein Bündniß einzugehen, das so wenig Aussicht auf eine
baldige Erfüllung darbot. Aber wir leiden in diesem Augen-
blicke Alle gemeinsam, wir dürfen nicht mit einander rechten.
Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach streben, dieses noth-
wendige Leid so viel als möglich zu mildern und so viel als
möglich dem Auge der Welt zu entziehen.
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, Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen. Gönnen Sie
mir die Gunst, Sie bis dahin in meinem Schlosse zu behalten.
Wir waren Freunde, ehe wir Verwmmdte zu werden hofften;
lassen Sie uns Freunde bleiben, da jene Hoffnung sich leider
nicht erfüllt, und mein Herz wird bemüht sein, Sie und die
geliebte Cäcilie, und hoffentlich einst auch Hildegard, mit mir
und meiner Handlungsweise auszusöhnen. Lassen Sie mich Sie
- in Richien wiederfinden! Aber was Sie auch beschließen, rechnen
l-
Sie auf mich wie auf Ihren Sohn, denn ich werde nicht auf-
hören, mich als Ihren Sohn zu fihlen.?
Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden, ein Bote
war schnell bei der Hand, znd ohne weiteren Aufen:halt machte
man sich darauf gegen Mitiag zu dem beabsichtigten Besuche
auf den Weg.
Weil die ganze Familie seines Wirthes Theil an dem
Ausfluge nehmen sollte, hatte man in dem viersitzigen Wagen
nicht Pläze geng; man nahm also ein Gig zu Hülfe, dessen
Renatus und sein Freund sich bedienten.
Der schöne Sommertag, die hübsche Hausfrau, die fröh-
lichen Kinder, die aus dem rasch dahin rollenden Wagen so
neugierig und so ungeduldig wie flügge werdende Vögel aus
- ihrem Neste in die Welt hinaussahen und mit ihren Antufen,
Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses
und bald auf jenes Wunder aufmerksam machten, belustigten
Renatus. Es lag in der Unschuld dieser Kinder für ihn, der
an die kecke Frühreife Valerio's gewohnt war und sonst mit
s Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte, etwas ungemein
Reizendes; und nur wenn es ihm einfiel, daß Hildegard jetzt
unterwegs sei und daß die Gräfin in Richten nun seine Antwor
bald erhalten werde, legte sich ein Schatten über seine Heiterkeit
Pg und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz, daß er aufathmen
F und sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne fahren
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mußte. Indeß sein Gefährte merkte nichts von dem dunkeln
Boden, über dem die Fröhlichkeit des jungen Freiherrn aufwuchs,
und man war im vollen Genusse des schönen Tages, des ange-
nehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins, als ein
schwerbeladener Lastwagen, der von der Höhe herunterkam, den
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Fahrenden nöthigte, scharf zur Rechten auszubiegen. Aber der -'
Landweg war nur schmal, der Wagen mit Fässern und Kisten -
in der Mitte ungewöhnlich breit beladen, und wie der neben dem
Wagen gehende Fuhrman seine Pserde auuch nach der linlen
Seite hinüberzerrte, die Räder des Frachiwagens und des Gig
geriethen in einander, die Pferde des Frachiwagens zogen auf
des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an --- ein Knack,
und das leichte, schwache Nad des Gig fiel in Stücken von
der Achse.
Es war ein unangenehmer Vorfall. Man war ein paar
Meilen von dem Orte der Ausfahrt, ein paar Meilen von demze
Gute entfernt, nach dem man sich begeben wollte. Einen be-
sonderen Kutscher hatte man fiür den kleinen, nr zweisizigen
Wagen nicht innegehabt, und den Diener, der auf dem Wagen
der Frauen und der Kinder saß, mochte man nach der eben ge-
machten Erfahrung nicht mit dem Pferde nach Hanse senden,
um ihn für alle Fälle zur Hand zu behalten.
Man fing an, sich in der Gegend umzusehen; man war
kaum eine Viertelstunde von Marienfelde enlfernt, und eben als
der Besizer des zerbrochenen Gefähres darauf dachte, sich dorthin
zu wenden, um seinen Wagen unterzubringen, und wo möglich
irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen, ward
in der Entfernung zwwischen den Feldern ein Neiter sichtbar, der,
als er die beiden Wagen auf der Landstraße halten und einen
derselben zerbrochen sah, mit seinem tüchtigen Pferde schnell
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herankam.
Der Mann und sein Pferd sahen wie ans Einem Gusse

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aus, so fest saß er in seinem Saitel, so gut paßten der große,
starke Neiter und sein Schimmelhengst zusammen. Es war ein
schönes, ein erbeutetes Pferd; und der Gutsbesitzer Steinert
wußte sich etwas mit dem fenrigem Andalusier, in dessen stark
hervortretenden Aern unter der feinen Haut das arabische Blut
ganz unverkennbar war. Es kam seiner Pfepdezucht zu Statten.
Steinert erkannte seinen adeligen Gutönachbar schon aus
änsehnlicher Feune, und mit der weithin schallenden Stimme,
welche in manchem Kamfe ermuthigend an seiner Leute Ohr
s und in ihr Herz gedrungen war, rief er: Guten Morgen, Herr
von Brinken! Haben Sie ein Unglck gehobt?
Steinert war während dessen nahe heran gekommen und
; erst jezt erblickte er auch Nenatus, der hinter dem Gig gestanden
s hatte. Ohne irgend an die Zurückweisung zu denken, welche er
, von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der Landstraße er-
, fahren hatte, reichte er ihm die Hand hin, und mit einer Freund-
lichkeit, welche sein dunkel gebräuntes Gesicht angenehm erhellte,
und seine Lippen unter dem dicken, bereits ergrauenden Schnurr-
s barte schön umspielte, rief er: Willkommen zu Hause, Herr von
j Arten! Ich hörte schon, daß Sie zurücgekommen wären.
, Nenatus konnte nicht anders, als die dargebotene Hand
h ergreifen und den Handschlag Steinert's erwiedern; aber es fiel
h ihm auch jetzt noch auf, daß Steinert ihn völlig als seines
s Glelchen behandelte. Nicht einmal Herr Baron nannte er ihn,
F sondern Herr von Arten, ganz schlechtweg. Es war jedoch für
F Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht
F die Zeit. Denn Steinert war vom Pferde gestiegen, besah mit
F Kennerblick den Schaden an dem Wagen, und machte sofort
F den Herren den Vorschlag, mit ihm nach Marienfelde zu kommen,
F von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage für
F das Gig abschiken wolle, damit man dasselbe nur erst nach dem
ß Dorfe brigen löne, und spdter stehe dann den Herren sein

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Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten. Man nahm das
dankbar an.
Ein scharfer Pfiff, den Steinert über die hohlen Hände
that, rief einen seiner Arbeiter vom Felde herbei, den man bei
dem Fuhrwerke zurückließ; der Wagen, den Frau von Brinken
und die Kinder inne hatten, setzte seinen Weg fort, und den
Zügel seines Pferdes über den Arm nehmend, führte Steinert
die beiden Edelleute den Weg nach seinem Hause zu.
Es ist hier siir uns auf dem Lande nichts mit diesen
kleinen, zerbrechlichen Wagen, sagte er, als Herr von Brinken
die Bemerkung machte, daß nicht nur das Nad zerbrochen sel,
sondern daß auch das Gig selbst bei dem Zusammenstoße eine
Beschädigung erlitten habe, welche es nöthig machen werde, es
zur Herstellung nach der Hauptstadt zu schicken. -- Soll dem
etwas Fremdes bei uns eingebürgert werden, so lasse ich mir
noch eher den englischen oder den vlaemischen zweirädrigen Txans-
portkarren gefallen; dessen Räder halten etwas aus, und unsere
Pferde sind stark genug, ihn selbst die Höhen hinaufzuziehen,
obschon er für die Ebene besser paßt. Ich habe mir, als ich aus
dem Felde kam, ein paar solcher Karren versuchsweise zusammen-
schlagen lassen.
Herr von Brinken wünschte, sie zu sehen; Steinert war
bereit, sie ihm zu zeigen. Er meinte, der Herr von Arten müsse
diese Karren zur Genütge gesehen haben, und wie von selbst
knüpfte sich daran die Frage, ob Renatus während der Feldzüge
wohl Gelegenheit genommen habe, auf die verschiedene Art und
Weise der Wirthschaft in den verschiedenen Gegenden und Ländern
Acht zu geben.
Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung, er
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sei darauf nicht vorbereitet gewesen.
Schade! sagte Steinert. Da man denn doch zulezt jeder F
Sache eine gute Seite abgewinnen soll. so kann es nicht in F

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s Abrede gesteslt werden, daß es uns und unsern Leuten vortheil-
j haft gewesen ist, uns auch einmal auf fremdem Boden und in
s fremder Wirthschaft umzuthun. Mir zum Beispiel sollen die
! mannigfachen Erfahrungen, die ich bei dem Hin- und Hermar-
f schiren machen konnte, wie ich denke, nicht verloren gehen.
Wie sich das von selbst versteht, kamen die beiden Männer
s, von den Feldzügen im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen
j - Erlebnisse zu ßnechen, und man war mitten in den besten Kriegs-
s geschichien, als man auf dem Hose in Marienfelde anlangte.
Von dem einstigen Schlosse stand jezt nnr der Mittelbau,
j und selbst der Thurm war von demselben abgebrochen. Das
s Hauus sah dadurch eigeutlich plump und unschön aus, dafür
! aber stand links von dem Teiche die große Brennerei. Die
f Scheunen, die Ställe und die Insthäuser waren aus guten
e Ziegeln gebaut, und was der Krieg auch hier zerstört hatte, das
? war, wie die vielen neuen Dachsteine, Fensterläden, Thüren
h und Zäune verriethen, längst wieder vollständig hergestellt worden.
Es war still auf dem Hofe, auch im Hause ließ sich Nie-
, mand sehen. Erst als der große Huund hell anschlug. guckte ein
s Mädchenkopf zum Fenster hinaus, und den Vater erblickend, trat
,. die Tochter schnell zurück, um ihm entgegen zu eilen oder um
h der Mutter zu melden, daß er Fremde mit nach Hause bringe.
Steinert war unterdessen mit den beiden Gästen in dem
F Flur seines Hauses angelangt. und enatus, der nie zuvor in
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diesem Hause gewesen war, fühlte sich mit Neberraschung in einer
ganz vertrauten Umgebung.
Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den
Wänden, die Erntekränze jeden Jahres, wie Renatus sie in
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seines Vaters Amtshause hatte hangen sehen, als er noch ein
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Kind gewesen war; hier wie dort stand. sie der Hausihüre ge-
genliber, die große englische Stehuhr, das Erbstlck der Steinert!-
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schen Familie, und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage

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von Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg. Und
als dann aus dem Zimmer zur Linken das große, starke, kaum
siebenzehn Jahre alte Mädchen, die blonden Zöpfe um das
Haupt gewunden, zum Vorschein kam und sich mit unbefangener
Freundlichkeit vor den Gästen verneigte, glaubte Nenatus vol-
lends, einer Verzauberung zu unterliegen, denn gerade so, aber
gerade so, hatte, wie er sich zu erinnern meinte, einst Steinert's
Schwester ausgesehen, als sie- jung gewesen war.
Und nmn willkommen unter meinem Dache, mein lieber
Herr von Arten und mein verehrter Herr Nachbar! sagte Steinert,
während er den Beiden die Hüte abnahm. Lassen Sie Sich's
bei uns gefallen, bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen
Ihr Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird; treten Sie
näher, ich bitte! Nach dem Garten hinaus haben wir jeßt
Schatten. Treten Sie näher! -- Und sich zur Tochter wendend,
fragte er: Eveline, weiß die Mutter, daß ich zurückgekommen bin?
Eveline hate nicht zu antworten nöthig, denn die Haus-
frau erschien bereits in der Thüre, und der Tochter den Knaben
hinreichend, den sie, um schneller fortzukommen, auf dem Arme
getragen hatte, bewillkommte auch sie die Gäste mit guter Art.
Als das Kid des Vaters ansichtig wurde, rief es ihn laut
an und streckte, sich von der Schwester losmachend, die derben
Arme nach ihm aus, so daß Steinert ihn zu sich und bei der
Hand nahm.
Der Bursche ist ein Nachschößling, sagte er lachend, während
er ihn küßte und ihn mit Vaterfreude in die Höhe hob. Er ist
unser ganz besonderes Friedenspfand, und- weil er sich gleich bei
seiner Geburt als einen tüchtigen Kerl erwiesen hat, habe ich
ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht.
Herr von Brinken, selbst ein zärtlicher Vater, freute sich
des Jungen, der kaum zwei Jahre zählte und auf seinen Beinen
schon wie eingewurzelt da stand.
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Wie heißt er denn? fragte Renatus.
Juunge, wie heißt Du? wiederholte der Vater. Sag's selber,
F aber deutlich, damit man Ehre mit Dir einlegt!
Gebhard Leberecht Steinert! brachte der Kleine zwar noch
! mit schwerer Zge, aber mit so dreister Entschlossenheit hervor,
j daß er die Erwachsenen alle lachen machte, und Renatns un-
willkürlich ausrief: In Dir steckt ja der ganze Husar!
Steinerh nickte mit dem Kopfe. Ja, für den Nothfall, Herr
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! von Arten. - Im lebrigen haben wir des Krieges und ich für
mein Theil des Soldatenwwesens nun genng gehabt, und ich
denke, meine Jmgen sollen, es nicht nöthig haben, sich lange
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ruhig bei der Arbeit bleiben könen.
Während sie noch sprachen, schlug die Uhr im Hausflur
die Mittagsstunde und auf dem Hofe läutete die Glocke. Eveline,
welche bald nach dem Eintritte. der Mutter das Zimmer ver-
lassen hatie, kehrte jetzt zurück
Ist angerichtet? fragte Steinert, und auf die bejahende
Antwort nöthigte er die Fremden, es sich auf gut Gllck an
seinem Tische gefallen zu lassen. Man nahm den Vorschlag
dankbar an.
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Der Tisch war in dem großen Saale zu ebener Erde ge-
deckt, und seine Größe und Schwere zeigten, daß er hier seine
feste Stelle haben mußte. Glänzendes, selbstgewebtes Leinenzeug
bedeckte ihn; man hatte den Gästen zu Ehren auch einen Blu-
menstraus; auf die Tafel gestellt, aber Silberzeug war nicht,
wie sonst, vorhanden. Was man davon besessen hatte, und der
Vorrath im Hause war ansehnlich genug gewesen, das war beim
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Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes nieder-
gelegt worden, und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu
anderen Dingen, als zum Ankaufe von Werthgegenständen, die
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mit dem Wehrstande abzugeben, sondern im Nährstande und
sch nicht verzinsten.
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Die Wirthin, welche troz ihrer fünfundvierzig Jahre noch
wie das Leben selber aussah und durch die Geburt ihres Lebe-
recht, auf den beide Eltern einen wahren Stolz besaßen, eher
erfrischt als angegriffen worden war, die Wirthin und Steinert
nahmen die Mitte des Tisches ein, die beiden Fremden saßen
zu ihren Seiten, und außer den Kindern kamen einer nach dent
andern noch einige junge Leute in ihren Arbeitsröcken, mit hohen -
Sliefeln in das Zimmer, die sich mit fliichligem Gruße auf ihre ,
Plätze setzten. Nuur Einen von ihnen, einen hibschen, kräftigen -
Mann, der von Eveline mit einem Händedrucke begrißt ward,
stellte Steinert, ehe Jener sich neben der Tochter niederließ, als !
deren Verlobten vor, für den er sich hier in der Gegend schon
seit längerer Zeit nach einem passenden Ankaufe umsehe.
Kenatus wurde es bei der Bemerkung plötzlich heiß. Der
also ist's, dachte er, fiir den sie auf meine Giter spekuliren!
Und er konnte sich der alten, feindseligen Empfindung nicht er-
wehren. Aber Niemand ahnte, was in seiner Seele vorging, sie
waren Alle munter und gut aufgelegt.
Die Hausfrau hatie in der Eile noch rasch einen Fisch
aus dem Teiche nehmen und herrichten lassen, eine süße Speise
war eben so schnell bereitet worden, an Erdbeeren und Kirschen.
gab es eben jetzt Neberfluß, und so war denn mit der tüchtigen
alltäglichen Kost des Hauses ein vollständiges Mahl zu Stande
gekommen, das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gästen
darbot, und auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht.
Eveline selbst war aufgestanden, ihn aus dem Wasserkübel.
herbeizuholen, und als Steinert die erste Flasche entkorkt und-
den goldig klaren Rheinwein in die Gläser gefüllt hatte, welche
die Tochter herumgab, erhob er sich und sagte, sich zu Renatus
wendend: Es ist das erste Mal, Herr von Arten, daß Einer
von Ihnen auf meinem Grunde und Boden an meinem Tische
sitzt, und ich freue mich darüber. Wir sind jetzt drei Jahre
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lang Kriegskameraden gewesen, lassen Sie uns nun auch künftig
gute Nachbarn werden und stoßen Sie mit mir darauf an --
er hielt das Glas mit dem funkelnden Weine hoch empor -
daß wir hier zu Lande diesen Wein immer und immerdar für
uns allein trinken! Es hat Blut genug gekostet, ihn uns wieder
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zu gewinnen! Der freie deutsche Rhein und der Friede! -
Hoch, hoch! erklang es von allen Seiten. Die Mutter, der
küinftige Tochtermanu, die Wirthschafter, von denen auch zwei
in dem letzten Feldzuge mitgewesen waren, erhoben sich und
kamen zu dem Hausherrn und zu den Gästen, mit ihnen an-
zustoßen. Eveline, welche die,eigentliche Wärterin des Jüngsten
machte, war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Lebe-
recht herbeigeholt, damit er sein Hoch auch mitrufen und seines
Tröpfchens Wein nicht entbehren solle; und als Steinert ihm
sein Glas hinhielt, that der Bursche einen langen Zug und
wollte sich zu des Vaters Freude das Glas, das er mit beiden

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Händen fest umklammert hatte, nicht entreißen lassen.
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Die Zufriedenheit, der Lebensmuth, die Herzensgüte keuch-
teten jedem Mitgliede des Hauses aus den Augen. Man mußte
mit diesen Menschen fröhlich werden, man konnte der kleinen
Verstöße gegen die höhere Gesellschaftssitte und ihren sogenamnten
Ton gar nicht gedenken. Es war Alles anders, als Renatus es
in seinem Hause gewohnt war, Alles derber, naturwüchsiger,
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aber es schien dafür auch Alles auf eine lange, gesunde Dauer
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F angelegt und berechnet zu sein, und während Steinerts männlich
F schöner Freimutth und seine Würdigkeit des jungen Freiherrn
F Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen, meinte
. ß er zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle
F Lachen der Hausfrau und ihrer Tochter, doch immer die schweren
z F Pendelschläge der alten englischen Uhr zu hören, und es klang
; ß ihm, als riefen sie immerfort: Sie kommen empor und Du herab!
Er suchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es gelang
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ihm nicht. Das Landleben, die Einsamkeit machen mich schwer-
müthig, und Hildegard's krankhafte Melancholie hat mich an-.
gesteckt und schwarzsehend gemacht. sagte er sich endlich. Es ist
Zeit, daß ich unter Menschen und in die Welt und in das
Leben zurückkehre!- Und doch entging es ihm nicht, wie
Steinert, als man von der Tafel aufgestanden war und die
Wirthschafter sich entfernen wollten, sie zurückhielt, mit Jedem
von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm, wie sie alle voll
Eifer und voll Theilnahme bei der Sache waren und dann still
geschäftig ihres Weges gingen. Darin war freilich auch ein
Leben, und Steinert's Welt war unter diesen Menschen, die er
heranbildete, während sie seine Angelegenheiten in seinem Dienste
förderten. Aber, dachte Renatus, man muß nichts Höheres
kennen, um sich darin zu befriedigen, man muß sich nicht als
einer bevorzugten Kaste angehörend empfinden, um seine Unter-
gebenen als seines Gleichen behandeln zu kdnnen, und man muuß;
als ein Arbeiter geboren sein, um vorauszusetzen, daß Jedweder
für die Arbeit auf der Welt sei.
. Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von
Brinken in den Hof gekommen und Steinert hatte den Befehl
gegeben, das Pferd, wenn man es gefütiert haben werde, vor
einen seiner kleinen Wagen vorzulegen. Während man noch
damit beschäftigt war, erkundigte Steinert sich bei dem jungen
Freiherrn, was er denn wegen seiner Wirthschaft beschlossen
habe; und von dem klugen und ehrlichen Gesichte des Mannes,
wie von seiner unverkennbaren Theilnahme doch allmählich über-
wunden, sagte Renatus: Es sind mir Rath- und Vorschläge
der verschiedensten Arten zugekommen, noch aber bin ich unent-
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schieden. Sie kennen ja die Güüter. Anfangs der nächsten Woche
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bin ich bestimmt in Nichten. Kommen Sie herüber, sehen Sie F
Sich die Güter und die Wirthschaft einmal an. Ich möchte
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Ihre Meinung hören, ehe ich mich endgüültig entscheide.

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Steinert lächelte. Der verstorbene Freiherr stand ihm in
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f diesem Augenblicke leibhaftig vor Augen. Es war die alte, fürst-
I liche Weise des Edelmannes, zu befehlen, wo er zu bitten nicht
j für angemessen fand, und sich einzubilden, daß er demjenigen
! eine Ehre erweise, dessen Meinung er zu hören fordere, um
F dann mit der eigenen, weit geringeren Einsicht über jene zu
F Gericht zu sizen. Aber er ließ den jungen Mann seine ble
F Angewohnheit nich, entgelten, und von einer gewissen Anhäng-
lchkeit an das Arten'sche Geschlecht, von der Liebe fie die Güter,
F welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre
P Kraft ud Arbeit zugewendet hatien, wie von deu Gedanken
an seinen eigenen Vortheil gleichmäßig bestimmt, versprach Stei-
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nert dem Freiherrn, wenn es seine Zeit erlaube, an einem fest-
gesezten Tage nach Richten zu kommen, obschon, wie er sagte,
dies kaum nöthig sei.
Denn, fügte er hinzu, ich weiß, Sie haben meinen Freund
Tremann in der Stadt gesprochen, und seine Ansicht ist auch
die meinige. Sie haben keine Wahl, Herr vcn Arten! Sie
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können die Güter nicht wohl mehr halten! Verkaufen müssen
Sie! Wir wollen aber einmal sehen, ob wir über Rothenfeld
nicht Handels einig werden können. Das Gut ist groß, es
ließe sich sehr wohl in zwei hübsche Theile heilen. Den einen
Theil möchte mein künftiger Schwiegersohn gern übernehmen,
der eigenes Vermögen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen
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Herde schnt, und auf dem andern könnte man allmählich zu
bauen beginnen, damit mein Sohn bei seiner Heimkehr doch
auch Dach und Fach vorfindet. Die Kinder sind arbeitsam,
fortkommen werden sie, wenn's auch Anfangs Mühe kosten
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wird, und wir behielten sie doch gern in unserer Nhe!
Der Wagen, welcher die Gäste weiterbefördern sollte, war
nun vorgefahren. Die ganze Familie begleitete sie vor die Thlre
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hinaus. Steinert selbst sah nach, ob Alles in Ordnmng, ob von
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
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dem kleinen Gepäck der beiden Edelleute nichts vergessen worden z
sei. Man sagte ihnen herzlich Lebewohl, die Hausfrau bat, bald
wieder, wo möglich auf der Rückfahrt vorzusprechen, auch Lebe-
recht blieb ihnen sein Adieu und seinen schönen Gruß mit der
Hand nicht schuldig, und Nenatus wie dem Herrn von Brinken
die Nechte schittelnd, rief Steinert ihnen noch ein ,Auf Wieder-
sehen!'' nach.
Rdenatus aber trng jezl nach demselben kein Begehren mehr.
Sein eben erst erwachtes Wohlgefallen an dem früheren Diener
seines Hauses war schnell vorübergegangen. Sein Verlangen,
aus dieser Gegend fortzukommen, war lebhafter als je.
Ein wackerer Mann, sagte Herr von Brinken, nachdem sie
den Hof verlassen hatten, und es war hübsch, wie er sich durch
Ihren Besuch geehrt fand. Ich liebe es an- solchen Leuten,
wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen, und, wie er es that,
besonders vor denjenigen, welche ihnen dienen, daran denken. ,e
Alles Berechnuung! entgegnete der junge Freiherr mit weg-
werfendem Tone. Er speculirt auf Rothenfeld und möchte mein
Zutrauen gewinnen.
Er ist übrigens ein tüchtiger Wirth, bemerkte darauf Herr
von Brinken.
Ja, es scheint ihm wohl zu gehen, er hat Glück, versetzte
Renatus, während der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte.
Der junge Freiherr rauchte nicht.
Herr von Brinken paffte seinen Taback an. Er hatte manche
bürgerliche Gewohnheiten angenommen, seit er während des
Krieges selbst zu wirthschaften angefangen hatte, weil es ihm
an Wirthschaftern gemangelt.
Sie fuhren gegen den Wind,' es dauerte lange, bis der
Schwamm Feuer fangen wollte, bis die Pfeife brannte, und
den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem Behagen genießend,
wiederholte Herr von Brinken: Ein tüchtiger Wirth! Wenn Sie
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, verkaufen wollen, Arten, so werden Sie mit dem Steinert
F vielleicht am besten fahren. Denn was aus einem Gute zu
F machen ist, das weiß er daraus zu machen. Er wird nicht leicht
F zurücgehen, wenn er ein Angebot gethan hat, und wird zahlen,

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was er kann.
Nenatns antwortete darauf nicht. Eö war auch von der
gauzen Angelegenheit weiter nicht die Rede.
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