Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 08

Achtes Capitel.
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,Mioch vor der von ihu seslgesezle Zeil langle der Frei-
herr in Nichien wieder an. Er hatte nirgends rechte Nuhe.
Vittoria empfing ihn, wie immer, mit der größten Zärt-
lichkeit; sie und Valerio hatien es kein Hehl, daß sie sch der
Euntfernung Hildegard's erfreuten, und Renatus war zum Oefteren
gendthigt, die übermithige Laune des jungen Buurschen zurück-
zuweisen, der sich darin gefiel, Hildegard in allen ersinnlichen
kragikomischen Stellungen zu zeichnen, und ihre Mienen wie
ihre Ausdrucksweise mit der Meisterschaft nachzuahmen, die ihm -
von früh auf eigenthümlich gewesen war.
Die Gräfin hatte iroz des Schreibens von Renatus die
Vorkehrungen für ihre Abreise von Richten gemacht; indeß da
dieser eben unerwartet zeitig von seinem Ausfluge heimkehrte,
fand er sie und Ceilie noch im Schlosse. Er begab sich, sobald
er Vittoria begrüßt hatie, zu ihr. Sie schrieb grade an die
entfernte Tochter. Cäcilie saß am Fenster und machte einen
Hut zurecht, den sie auf der bevorstehenden Reise zu tragen dachte.
Wls Nenatus gemeldet wurde, entfuhr ihren Lippen ein
freudiger Ausruf. Sie stand auf, um ihm, wie sie das ge-
wohnt war, entgegen zu gehen, aber ein Blick der Mutier bannte
sie an ihren Plaz und hieß sie schweigen.
Nenatus bemerkte das im Eintreten. Sie thun mir Un-
recht, liebe Mutter! war alles, was er sagte, nachdem er ehr-
erbietig ihre Hand geküßt und sich auf dem Sessel zu ihrer Seite
niedergelassen hatte.
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Die Gräfin war eine gefaßte und viel erfahrene Frau, in
s Des Herzelesd hrer Tochter hane se sehe k erschütter unn
diesem Augenblicke konnte sie jedoch den rectenn Ton nicht finden.
h trotz dem Briefe des jungeu Freiherrn drickte es sie, daß sie
j Nichten noch nicht hatte verlassen lönnen.
Ich hatie gehofft, sagte sie, gehofft und gewünscht, uns
P diese Begegnnng und dieses Wiedersehen ersparen zu können;
! indes: Sie wissen, es, ich habe keine Wohung in Berkin, und
ich kann die Antwort meiner Cousine Welding, bei der ich ab-
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Es lag in dieser Mittheilimg der Gräfin das stillschwei-
gende Geständniß ihrer beschränkten Vermögensverhältnisse. Ob-
wohl Nenatus diese von jeher kannte, kränkte es die Gräfin,
derselben gerade jetzt gedenken zu müssen, und es nahm sie gegen
den jungen Freiherrn ein, daß er ihr auch diese Mißempfindung
verursachte.
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Renatus ließ sich jedoch durch die geflissentliche Kälte und
Zurückhaltung der Gräfin nicht beirren. Seine im Grunde
gute Natur machte sich in diesem Falle, wie iberall, wo er sich
nicht durch fremde Ansprüche beeinträchtigt und deßhalb zur Ab-
wehr und Vertheidigung gezwungen glaubte, liebenswürdig geltend.
Sie thun, liebe Mutter, sprach er, als hätten Sie mein
Schreiben nicht erhalten. Ist es denn nicht genug, daß ich
sehen muß, wie sehr das beklagenswerthe Erlebniß, das uns
Allen nicht zu ersparen war, Sie angegriffen hat, daß Cäcilie
sich von mir wendet? Glauben Sie, daß ich mit leichtem Herzen
vor Ihnen stehe, daß es uich nichts kostet, Sie nach Hildegard
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für uns gefunden haben werde, por acht bis zehn Tagen nicht
erhalten.
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, zusteigen und zu bleiben denke, bis ich eine passende Wohnung
zu fragen?
Die Augen wurden ihm feucht. Er seufzte, reichte der
Gräfin seine Hand hin und sagte bittend: Bestrafen Sie mich

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nicht dafür, daß ich mit zwanzig Jahren mich selbst nicht besser
kannte, nicht weiser war. Ich glaubte in jenem Augenblicke,
nach innerster Nothwendigkeit zu handeln, ich handle jetzt nach
reifster Neberlegung, und - liege ich denn auf Nosen?
Die Gräfin schwieg, aber sie entzog ihm ihre Hand nicht.
Sie hatte den andern Arm auf die Lehne des Sopha's gestützt
und verbarg ihr Gesicht in ihrem Tuche. Die zerstörten Hoff-
nungen ihres ältesten Kindes machten ihre Augen fließen. Die
Mutter in Thränen, Renatus so unglücklich zu sehen, das konnte
Gäcilie nicht ertragen.
Sie stand auf, lnieeie vor der Muiier auf dem Nuhe-
kissen nieder und sagte, während sie zärtlich ihre Arme um sie
schlang: Liebe Mutter, sieh ihn doch nur an, er weint! -
Und da die Gräfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach,
rief Cäcllie mit jener anmuthigen Zuversicht, welche die Kinder
so unwwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das,-
Alter nicht verläsßt: Komm, Nenatus, komm, umarme die Mutter!
Sieh ihn nur wieder an, liebe Mutter, es ist ja unser Renatus!-
Er kann ja nicht dafiir, wenn er die arme Hildegard nicht liebt!
Wenn er nun im Kriege geblieben wäre, hätte Hildegard sich
doch auch beruhigen müüssen, und wir wären noch weit, ach,
weit unglücklicher gewesen! - Er lebt jg doch! - Sie wendeie
sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die Hände auf
seine Schultern. Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das
Antliz.
Du bist sehr gut, Cäcilie! sagte er, während er ihre Hände
ergriff und klsßte.
Du auch! entgegnete sie, indem sie ihn umarmte und ihm
ihren Mund darbot.
Liebe, liebe Cäcilie! wiederholte er, und sie küßten ein-
ander herzlich.
Wir können ja nicht in Unfrieden' von einander gehen,
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rief sie, es wird ja ohnehin schwer genug s:in, wenn man sich
künfiig nicht mehr sieht!
Ihr geht nicht fort, die Mutter bleibt noch bei mir! ver-
sicherte der junge Freiherr.
Ich muß wohl! erwiederte die Gräfin; aber die Antwort
hatte nicht mehr den fremden, gezwuungenen Ton, mit welchem
sie Renatus zuerst empfangen hatte, und da eine Bewegung,
zie man sie eben durchgemacht, nicht lange bauern kann, so ge-
wann man demi jetzt auch, bald wieder so viel Ruhe, daß der
Freiherr die Frage ihun durfte, ob Hildegard lange im Stifte
zu bleiben denke und ob man schon eine Nachricht von ihr habe.
Die Gräfin verneinte das Peztere und gab ihm die begehrie
Auskunft. Eine Frage, eine Antwort knüpfte sich an die andere.
Da Nenatus sich von der Verpflichtung befreit sah, sich mit
Hildegard verheirathen zu müssen, beuriheilte er sie nachsichtiger
als sonst, ja, er dachte mit sorgendem Mitleid an sie. Es that
ihm leid, daß es ihm nicht möglich gewesen war, sie glücklich
zu machen; alle seine Aeußerungen waren mild, er klagte nur
sich selber an, forderte Rachsicht für sich, und obschon die Gräfin
entschlossen gewesen war, auch zwischen sich und dem jungen
Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten, die zwischen ihm
und seiner Braut erfolgt war, wurde im Verlaufe des Gespräches
ihr Ton doch völlig umgestimmi. Es geschah ihr unwillkürlich,
daß sie Nenatus, wie sie es seit seiner frühesten Kindheit ge-
wohnt gewesen war, wieder mit Du ansprach. Sie verbesserte
es sofort, aber Nenatus beschwor sie, ihm diese Gunst nicht zu
entziehen.
Wenn über einem Hause, sagte er, lange ein Unwetier ge-
droht hat und der Bliz, den man gefürchtet,
niedergefahren, ist es dann weise, daß man
brochenen Verwirrung blindlings aus einander
es nicht besser, daß man sich verbindet, um
endlich zerstörend
in der hereinge-
lauft? Oder ist
den Folgen des

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geschehenen Unglücks so woeit nur immer möglich ihre Macht zu
rauben?
Er erinnerte die Gräfin daran, dasß sie ihm einst, lange
ehe er sich mit Hildegard versprochen, eiumal zugesagt halte, er
solle die Stüze ihres Alters, der Freund und Bruder ihrer
Töchter sein. Er nahm dics auch jetzt noch als sein Recht in
Anspruch. Er bestand daraus, das; die Gräsin Nichien nicht jezt
gleich verlassen diirfe; er versicherie, dass nichi er allein, sondern
duss uuc Billoria buurlsler üiulrbstlich sei wüsrde, bie il Liele
an Cäcilien, mit Verehrung an der Gräfin hange und gege
welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefihl wirklich nicht
imimer gerecht gewesen sei. Er sprach und sagle uur, was er
in der That empfand, und er erreichte damit, was die größte
Berechnuung vielleicht nicht errungen haben würde.
Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an, und
mußte viele seiner Behauuptungen gelten lassen. Sie hatte ohnehin
ihrem gekränkten Mutterherzen und ihrem beleidigten Ehrgefihle -
den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht gestatien dürfen,
weil sie sich genöthigt fand, noch einige Zeit in dem Schlosse
, zu verweilen, wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende
verlassen und den böswilligen Vermuthungen einen noch größern
Spielraum vergönnen wollte, die nach jedem ähnlichen Zer-
würfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschießen, daß
man Mühe hat, sie zu zertreten, um ihr Wuchern nicht über-
hand nehmen zu lassen. Wer aber, sei es durch was es wolle,
unfrei ist, nimmt an seinem Nechtsgefühle Schaden, ist gezwuun-
gen, bald hier, bald dort ein Zugeständniß zu machen, und
kommt dann allmählich dahin, sich seine Unfreiheit wegläugnen
zu müssen, um als freie Entschließung gelten zu lassen, was
man von der Nothwendigkeit zu thun getrieben wird. Sich frei
erhalten, ist daher ohne alle Frage das erste und das höchste
Gebot der Sitilichteit.
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Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach, weil sie
, es mußte, aber es kam ihr hart an. Sie ging mit ihm und
mit Ceilien zu Vittoria hinunter, sie ließ es sich gefallen, daß
ß man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal
durchsprach, sie iberwand sich sogar zu einem Danke, als die
f Baronin ihr versicherte, wie glücklich sie sich fühlen würde, wenn
s die Gräsin und Caeilie auch nach der Enisernung ihres Sohnes
f noeh bei ihr verwweslen woslten.
Dle Gr isi war eben eie millellose Frau, und es war
s eine stillschwveigende Eutihronung vor sich gegangen. Sie war
f plözlich wieder der Heimath beraubt, deren sie sich finn ihren
Lebensabend sicher geglaubt hakte, und die Sorge für ihre und
? ihrer Töchter Zukunft drückte sie jezt weit schwerer, als in jenen
s Tagen, in welchen sie mit ihnen, ohne bessere Aussichten als die
z gegenwwärtigen zu haben, in der Residenz gelebt hatte. Sie
F war eine Matrone geworden, Hildegard war nicht mehr jung,
F beide Töchier hatien sich an eine Menge von Bedifnissen ge-
j wöhnt, die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten, und
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beide waren also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirath
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angewiesen. Fin Hildegard war auf eine solche vernünftiger Weise
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jetzt nicht mehr zu rechnen, und wo würde sich für Cäcilie eine
solche bieten? Man saß schweigsam und verstimmt beisammen.
Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, nun am Abende
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F? ließ der Negen nach, aber das Erdreich war naß und dampfte
Fß im Sonnenuntergange; von den Bäumen tropfte es langsam
, hernieder. Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül,
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gF Vitioria hatte sich an das Klavier begeben. Sie sang nßit
F Selbstgenuß italienische Stanzen, zu welchen sie die Melodieen
F, während des Singens erfand. Weder die Gräfin noch die beiden
FF anwern boren r -
F Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach, in
hf welcher Weise sie das Geschehene ihren Freunden darstellen, wie
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sie vor ihnen ihr gegenwärtiges Verweilen in dem Schlosse recht-
fertigen solle. Dazwischen beschäftigte sie der Wunsch, fir ihre
dlteste Tochter in einer der fitrstlichen Hofhaliungen eine Auf-
nahme, eine Austellung zu finden, und so dem nicht mehr jungen
Mädchen einen Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaft-
liche Stellung zu verschaffen, was durch die Gnade, welche die
Prinzessin für sie hegte, nicht unmöglich schien, sobald sich nur
eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand.
Nenatus und Cäcilie standen an dem Fenster und sahen
in den Garten hinaus. Er fragte, ob man während seiner
Abwesenheit Vesuche im Schlosse gehabi habe, ob sie mit Valerio
ausgeritten sei. Die Fragen lagen ihm aber offenbar uicht sehr
am Herzen. Cäcilie, die ihre Schnellkraft bei der Begegnung
zwwischen ihrer Multer und deu juugen Freiherrn erschöpsl haile,
gab kurze Antworten, und das Gespräch war allmählich ganz
in's Stocken gerathen, als mit Einem Male die untergehende
Sonne plözlich aus den Wolken hervorhrach, mit ihrem glühen-
den Noth die ganze Gegend überstrahlend.
Grade den Fenstern von Vittoria's Zimmer gegenüüber
stand in einer gewissen Entfernung ganz einsam die schönste
Edeltanne des Gartens, ein Baum, der in der ganzen Gegend
eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmäßigen
Wuchs und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berühmt
war. Wie nun die Sonne sich tief und tiefer neigte, daß sie
hinter der Tanne zu stehen kam, brachen sich ihre Strahlen in
den Tropfen, die an jeder Nadel hingen, und schnell, wie durch
einen Zauber angefacht, schimmerte und funkelte der Baum von
seinem breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem viel-
farbigen Glanze von Myriaden Lichtern. Es war ein wunder-
voller Anblick, eines jener Zauberfeste, in welchen die Natur
vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht, das
sie in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu

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s wiederholen braucht, weil Niemand, der es gesehen hat, es je
ß vergist. Entzückt von dieser Herrlichkeit und gleichsam firchtend,
s die Schönheit, wie das im Märchen und im Traume geschieht,
s mit dem Aussprechen eines Wortes zu zrstören, hatte Nenatus
F schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen, und selbst von
dem Lichte des scheidenden Tages übergossen, rief Cäcilie: Ach,
F ein Weihnachtsbaum - und am Johannisiage! Das muß Gluck
F bedeuten! sezte Fe hinzu. Indeß ihr fröhlicher Ausruf schien
F- wirklich den Zauber aufzuheben, denn der Lichtglanz verminderte
F sich, die Farben wurden blasser, die einzelnen Flammen er-
F loschen; schiell, wie die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht
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merung hiillte die ganze Gegend ein, noch eho Cäeilie ihre Er-
wartung, daß dies sicherlich ein Glck verkünde, zum zweiten
Male völlig ausgesprochen hatte.
Gllck? wiederholte ihr Gefährte, und schwermüthig gewor-
den, fügte er hinzu: Wir könnten es brauchen!
So standen sie noch eine kleine Weile neben einander,
aber länger hielt es Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus.
Komm in's Freie, sagte er; es liegt mir wie ein Reifen um

aas Haupt, wie ein Reifen um das Herz! Komm hinaus -
ich denke, draußen muß mir besser werden!
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war, enlschwand sie auch wieder, und eine graue matte Däm
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gingen neben einander in den breiten Wegen zwischen den Beeten
hin. Indeß, obschon sie die Alleen und die buschigen Gänge
mieden, kam keine Erfrischung über sie. Die Luft war voller
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Er trat in den Garten hinaus, Cäcilie folgte ihm. Sie

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Elekteicität, sie lastete schwer auf ihnen, selbst sprechen konnte
Nenatus nicht. Er wußte nicht, was ihm war, er war aufge-
regt und abgespannt zu gleicher Zeit. Nun er mit Cäcllie im
Garten war, meinte er, es sei vorher im Zimmer besser gewesen;
aber auch das mochte er ihr nicht sagen, und dazwischen fiel es
ihm ein, daß es schon dunkle und daß er mit ihr allein sei.
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Er war freilich oft genug mit ihr Abends einsam umhergegan-
gen, ohne daran besonders zu denken; indeß damals war sie
auch seine Schwägerin gewesen. Jetzt war sie das nicht mehr.
Es that ihm leid, das er dieses Atrecht an sie verloren hate.
Er stellte sich vor, wie es sein werde, wenn die Gräfin und
Cäcilie von Richten fortgegangen sein würden, wie sie in der
Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort vortheilhaft ver-
heirathen werde, denn sie war liebenswüürdig und gut und hübsch,
sehr hiibsch. Sie ging auf den schmaler gewordenen Pfade,
ihre Kleider mit beiden Händen in die Höhe hebend, um sie
vor der Nsse des Weges zu bewahren, schweigend vor ihu her.
Obschon es dunkelte, konnte er doch noch sehen, wie fein der
Hals auf ihren Schultern saß, wie kcäftig ihr Oberleib sich aus
den vollen Hüften hervorhob, und wie schön ihr Fuß und ihr
Knöchel gebaut waren. Sie war recht ein Mädchen, wie ein
Mann sich es zum Weibe wüünschen mußte: froh, gut und gesund-
Hätte ich sie statt Hildegard's mir erwählt, wie Manches
wäre nicht geschehen, wie Vieles wäre anders, wäre besser ges
worden! dachte er, und er wußte es nicht, daß sich ein lautes
Ach! seiner Brust entrang.
Cäcilie aber hörte es, und sich umwendend, fragte sie ihn:
Was fehlt Dir, Nenatus?
Ach, rief er noch einmal, ich sollte es nicht sagen, dennt es
ist unmännlich, es auszusprechen, aber ich bin schon lange mit
mir selbst zerfallen, ich bin recht unglicklich!
Du? Du bist unglücklich - aber weßhalb denn jetzt noch?
erkundigte Cäcilie sich, während sie sich zu ihm gesellte und ihren
Arm unaufgefordert in den seinigen legte.
Er antwortete ihr nicht, und so gingen sie mehrmals um
den großen Nasenplatz herum. Er fühlte mit Vergnügen ihren
schönen entblößten Arm auf dem seinen ruhen, er bog sich zu
ihr, um ihre Schulier zu berühren, und wenn sie den Kopf zu
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ihm emporhob und er sich neigte, so daß seine Lippen nicht fern
über ihrer Stirn schwebten, mußte er sich zurückhalten, daß er
sie nicht küßte. Er hatte bisher diese Empfindung überströmender
Zärtlichkeit niemals neben ihr gehegt, er hatte sie oft genng
geküüßt, ohne dabei etwas zu denken, ohne dabei besonders warm
zu werden. Heute, wo er ein wahrhaftes Verlangen danach
trug, sie zu umarmen, wagte er es nicht, und seine Unruhe
wurde immer größer. Er schlug den Nückveg nach der Terrasse
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s ein. Ceilie schilielie nisilligend ihr Haupi.
! - Hildegard halie doch Necht, sagte sie mit Einem Male;
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Ihr Mäner wißt ulcht, was ihr wollt, und zwar weder im

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Kleinen, noch im Grosßen. Erst konntest Du's im Zimmer nicht
ertragen und wir mus;ten in den nassen Garten hinaus; nun,
da es hier draußen aussieht, als wollte es frischer werden, als
köinte der Wind aufstehen und man könnte Luft schöpfen, nun
soll man hinein! - Sie zuckte mit den Schultern, schien weiter
sprechen zu wollen, unterdrjckte ihr Wort und sagte dann nach
einem längeren Schwanken dennoch: Und hast Duu es denn mit
Dir selbst nicht eben so gemacht? Erst bestandest Du darauf,
Dich mit Hildegard zu verloben, die für Dich viel zu alt war
und, so gut sie sonst auch ist, nie für Dich gepaßt hat; dann,
als sie Deine Braut war, liebtest Du eine Andere, wolltest frei
werden --- das merkte auch ich Dir an, sobald Du den Fuß
nur aus dem Wagen gesetzt hatiest - und nun Du frei bist -
und
nicht
Was
Dir die Gräfin Eleonore holen kannst, nun bist Du auch
glücklich! Was willst Du denn eigentlich?
Wie kommst Du auf Eleonore? rief Renatus auffahrend.
weißt Du von ihr?
Alles! entgegnete Cäcilie von seinem Tone ganz betroffen.
Hildegard hat ja der Mutter Alles anvertraut, und sie am letzten
Täge noch darum gebeien, dasß sie jezt es mir auch sagen sollte.
Daran erkenne ich Hildegard! sties Nenatus hervor.

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Sie waren während dessen ganz in die Nähe des Schlosses -
gekommen, ohne weiter mit einander ein Wort zu wechseln. Als Z
sie auf dem Punkte standen, einzutreten, sagte Cäeilie: Siehst
Du, Nenatus, Ungliick habe ich, nicht Du! Ich wollte Dir eine P
Liebe thun, Dich erheitern, Dir sagen, daß ich mich freuen o
würde, Dich endlich einmal recht froh, recht glücklich und auch P
recht reich zu sehen, und statt dessen erzürne ich Dich gegen mich.
Ich mag's im Leben machen, wie ich will, ich treffe nicht das
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Rechle. Nichl bel der Meiler, nichl bei Dir! Ich habe eben
kein Gllck und lein Geschick!
Es kam ihm vor, als bebe ihre Stimmie; er machie sich
einen Vorwurf daraus, daß er ungerecht, daß er hart gegen sie
verfahren sei, und sich zu entschuldigen und sie aufzuklären,
sprach er: Ich habe Eleonore Hanghton nie geliebt, Ceilie! Sie
hat mich beschäftigt eine kurze Zeit hindurch, sie hat mich ver-
wirrt durch wenig Stunden; aber sie hat mich nie geliebt uud
ich habe sie nie geliebt - niemals, Cäeilie, betheuerte er, und
Hildegard hat das sehr wohl gewußt!
Aber weßhalb hat sie mir's denn sagen lassen? rief Ccilie.
Weißt Du's nicht? fragte er und schlang den Arm um
ihren Leib.
Sie antwortete ihm nicht; er fühlte aber, wie das Herz
ihr unter seiner Hand erbebte. Sie konnte nicht vorwärts, nicht
zurück. Sie wollte ihn verlassen, aber obschon es ihr ein Leichtes
gewesen wäre, sich von ihm los zu machen, kam sie nicht von
der Stelle.
Weißt Du's nicht? fragte er noch einmal; und sie fester
umschlingend und sie an sich ziehend, sprach er, nur für ihr
Ohr vernehmbar: Wie solltest Du, da ich's ja selbst erst jezt
erkenne!
Ach, rief Cäcilie, ich war ja so unglücklich, als Du in's
Feld gegangen bist!
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===, Je F =
Damals, damals schon hast Du mih geliebt? klang es mit
F unterdrücktem Jubel aus seiner Brust hervor.
Immer, immer! das war alles was Cäcilie unter seinen
j glihenden Kissen hervorzubringen vermochte.
Er hatte sich in der Nische unter dem Portale, die der
s Regen am Tage nicht hatte erreichen können und die tief im
j Schalten lag, niedergelassen und Cäcilie auf sein Knie gezogen;
s - sie umfaste ihn mit beiden Armen. Der letzte Sang der Nachti-
, gall, der voll euporslrömende Dust der Rtosen und Levkojen
h, berauschten ihn, und sie iner und immer wieder an sich
g pressend, rief er: Komme jetzt, was mag, wenn Du mir nur
h bteuf
Er mußte sich endlich mit Gewalt ermannen, um Herr
! über sich zu bleiben, und mit einer nie gelannten Seligkeit im
F Herzen umschlang er Cäcilie noch einmal, ehe er mit ihr in das
ß Zimmer trat, in welchem Vitioria und die Gräfin beim Scheine
F der Lampe ihrer warteten.