Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 09


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- In jenen Gegenden ist das Wetter, wie überall
am Meere, auch in der guten Jahreszeit sehr wechselnd,
und dem klarsten Abende folgt oft ein trüber Tag.
Die Sterne hatten hell gefunkelt,. als Hulda nach dem -
- Wbendessen in ihr Stübchen eingetreten war; am Mor-


Aeuntes Gapites.
gen -fjel ein dichter Regen nieder und eine ganze Reihö

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von nassen, kalten Tagen folgte diesem Morgen. Alle
Fenster waren im Amte geschlossen, der Amtmann, -
dem das plözliche Regenwettter Sorge machte,' weil
das Getreide noch Alles in Garben auf dem Felde
-stand, ging -mißmuthig in dem Hause hin und her.
Hie Wirthschafter kamen verregnet aus den Scheunen
aund StMllen in die Schreiberstube, der Schäfer lehnte
unter der ofenen Thüre des Stalles und sah zur
Rechten und zur Linken nach den Wolken; und Tante
Ulrike, wie sie ausdrücklich von ihrer neuen Haus-
genossin genannt zu werden forderte, war noch ver-
drießlicher als ihr Bruder, denn sie hatte eben in
diesen Tagen für ihre Haushalts-Verrichtungen gutes
Wetter nöthig, und der Regen machte ihre ganze Seit-
eintheilung nun mit einemmale zu Wasser. Alles ge-

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rieth in Stillstand. Und, sagte die, Tante, , Stillstand
ist der Tod.
Von Stunde zu; Stunde traten der -Amtmann
und die Schwester an -das Fenster und klopften, an
das Wetterglas, um sich zu überführen, ob das;Qmeck-
silber noch fnicht steigen, ob das trockene Wettex nicht
bald kommen wolle; und Hulda ging der Tante nach
und sah auch nach dem Wetterglase, denn die Herr-
schaften hatten einen Boten geschickt und mielden;lassen,
daß sie nicht wiederzukehren gedächten,, bis die Regen-
kage vorüber wären.
Das gab denn neue Unterbrechung in den An-
- ordnungen und Maßnahmen der Tante, aber ss ver-
ursachte auch Arbeit aller Art, und für das in der
Enge und in der stillen Einfömigkeit des Pfarrhauses
herangewachsene Mädchen hatte ,das Umhergehen in
dem weiten Hause, hatte die wechselnde' Thätigkeit, ja
selbst das laute Wesen, mit dem, der Amtmann und
die Mamsell in demHause und in demHofe schalteten und
walteten, um des Lebens und der Neuheit willen ihren
Reiz. Freilich merkte es Hulda jetzt. sehr bald, daß
nicht nur die langen Korridore den Flügel des Schlosses,
den der Amtmann innehatte, von dem-Schlosse selber
trennten; indeß sie konnte aus dem Stübchen, das
Ulrike für sie hergerichtet hatte, weit hineinsehen in
den Park, der sich an der hinteren Seite des Schlosses
ausdehnte; sie konnte auch hinübersehen in die Fenster
des Schlosses, und wenn die Herrschaften nur erst nach
Hause kamen, mußte ja Alles noch ganz anders wer-
den, mußte alltäglich Neues' und Besonderes geschehen.
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-hatte, äüch Ulrike war mit ihrer Anwesenheit schon
nach wenig Tagen sehr zufrieden. Das sichtliche Ver-
gnügen, mit welchem das junge Mädchen zu ihr und
in ihr Hais gekommen war, hatte ihr ndhl' gefallen,
denn troz der Gastfreiheit, auf die ihr Brgder hielt,
war die Mamsell sich's wohl bewußt, daß die Leute
kein rechtes, offenes Zutrauen zu ihr hegten, und sie
hatte auch immer viel zu viel mit ihrem Haushalte
zu thun gehabt, um sich mit den Menschen nachhaltig
-schafft, Jedem seine Arbeit zugewiesen; hatte eisern -

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keit der Jugend schnell in dem Amthause zurechtgesetzt
Hause lebten. Sie hatte für Jeden das Nöthige be-

-Aber nicht nur, daß Hulda sich mit der Leichtig-
. zu beschäftigen, die in ihre Nähe kamen und in ihrem
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darauf' gehalten, daß diese Arbeit auch geleistet ward,
hatte eben so eisern auf Zucht und Recht gesehen, und
es war ihr nie daran gelegen gewesen, was die Leute
wwon ihr sagten und dachten, wwenn sie nur gehorehten
und thaten, was sie sollten. Daß sie es besser, Alles
Desser als die Anderen verstand, dessen war sie ganz
- unfehlbar sicher. Sie fand es deßhalb nur natürlich,
daß man ihr mehr zutraute als jedem Anderen, daß
män meinte, sie wisse ganz besondere Dinge und könne
noch weit mehr, als sie kundzugeben nöthig finde. Daß
man sie scheute, daß man sie fürchtete und sie reden
ließ, das war ihr eben recht. So war es gehalten
worden zwwischen ihr und ihren Leuten von altersher;
so war es auch gehalten worden mit der Simonene,
die immer eine geheime Scheu vor ihr gehabt hatte.
Alrike war daher verwundert und erstaunt, alssie nach

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wenigen Tagen es gewahrte, daß Hulda sie nicht fürchtete,
daß sie frei und offen mit ihr umging, daß sie heiter ihren
Tadel hinnahm, daß sie gern in ihrer Nähe war, sich
freiwillig zu ihr hielt, und daß sie die Erzählungen, in
denen die Mamsell sich zu ergehen liebte und zu denen
die Herrschaften und deren -Gäste meist den Anlaß
gaben, mit staunender und glaubensvoller Neugier in
sich aufnahm.
Sonst, wenn man das Abendbrod gegessen, wenn
der Amtmann sich mit den Wirthschaftern und den
Hofleuten zur Abrechnung in die Schreiberstube be-
geben, und die Mamsell ihr großes Stricheug in die
Hand genommen hatte, war sie' in den letzten Zeiten
bisweilen eingenickt. Jetzt, seit Hulda mit ihr lebte,
hielt sie sich aber wieder munter. Denn, meinte sie,
,man kann mit Dir im Grunde weit besser reden gls
in früheren Jahren mit der Muttet. Die Mutter,
Du mußt nicht denken, daß ich Eiwas gegen Deine
Mutter habe. Gott bewahre! das würde ich Dir ja
gar nicht sagen, aber die Mutter wär nicht herzhaft,
hatte nicht Courage; und wenn es die' Männer auch
nicht wahr haben wollen, ohne Courage kommt ein
Frauenzimmer nicht durch die Welt. Courage, das
ist Mlles! Das kann man ja an unserer Frau Gräfin
bemerken. Die nimmt es mit einem Jeden auf, die
ist so wie ich. Die weiß an jedem Mörgen, was sie
will, und hat's am Abend fir und fertig so wwie ich.
Und darum glückt ihr Allea.
Hulda hörte ihr ernsthaft zu. -, Wenn Ihnen nie

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Etwas mißlungen ist,! sagte sie nach einer Weile, da
müssen Sie doch eigentlich recht glücklich sein.?
- Ulrike sah Hulda mit ihren dunklen Augen for-
schend gn, dann versetzte sie, langsamer und gemessener
sprechend als sie sonst pflegte: , Freilich! Freilich!
nur -= und sie hielt eine Weile inne, und sagte da-
nach, als müsse sie es doch einmal vom Herzen haben
-- nur einmal ist mir es nicht geglückt, und ist nicht
geworden, wie es hätte sein müssen und wie es gut ge-
wesen wäre für alle Theile; und das nur, weil ich
nicht die richtige Courage gehabt und gesprochen und
gehandelt habe, wie es an der Zeit gewesen wääre.
Aber' das ist nun einmal so, das ist nicht zu ändern,
und Du sollst es nicht entgelten - nicht entgeltey, da .
verlass! Dich fest darauf.?
Sie schien zu glauben, daß das Mädchen sie ver-
stehen werde; Das aber sah sie ganz verwundert an
und sagte: ,War ich denn schuld daran, daß Sie da-
mals nicht die nöthige Courage hatten? -
- Mamsell Ulrike wurde ärgerlich. ,Gerade wie
die-Mutter! rief sie und brach plözlich ab.
Hulda fürchtete, daß sie böse sei. , Was ist Ihnen
denn, mißglückt und weßhalb hatten Sie denn das eine
Mal nicht den rechten Muth? fragte sie, um die
Tante zu begütigen und die Unterhaltung wieder in
den Gang zu bringen.
,Weil!= sie hielt inne - ,weil,! stieß sie
dann hervor, , weil ich eine schwache Seite hatte.!
Aber das erklärte für Hulda das Ereigniß vollends
nicht, und die Mamsell, die es bemerkte, daß das

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Mädchen sie immer weniger perstand, und die es gar
nicht besser verlangte, als immer wieder von sich selber
sprechen zu können, sagte: , Hat denn die Frau Gräfin
nicht ihre schwache Seite, so wie ich? Geht es ihr
mit dem Bruder, mit dem Baron Emanuel, denn
anders? Kann sie denn den, wie alle Anderen, zu
ihren Absichten bewegen?-- Aber mit dem Herrn
Baron hat es freilich auch sein Bewandtniß, und die
alte Miß hat Recht: der Baron Emanuel ist nicht
wie ein Anderer, der Baron ist heilig.!
- Hulda horchte freudig auf. Wie ein Stern, der
durch die Trübe wirrer Nebel aufblickt, tauchte dieser
Name endlich aus den ihr völlig räthselhaften Worten
der Tante auf; wenngleich diese letzte Aeußerung ihr
ebenfalls ein Räthsel blieb. Weßhalb sollte gerade der
Baron, der einzige von allen Schloßbewohnern, der
den Gottesdienst versäumte, besonders heilig sein? Sie
konnte nicht umhin, den Zweifel auszusprechen.
,Cch!r rief die Mamsell, ,wennn ich sagte heilig,
so heißt das ja nicht heilig, wie es Dein Vater von
der Kanzel nennt, sondern heilig! - heilig, wie ein
altes Erbstück oder wie die gräfliche Familiengruft.!
Sie besann sich, weil sie mit all ihrer Beredtsamkeit
das rechte Wort nicht finden konnte, und sagte dann
leise und geheimnißvoll: , Hast Du denn nie davon
gehört? Hast Du es denn nicht gesehen? Auf ihm
ruht ja der Fluch!
Hulda fuhr erschrocken auf. ,Tante!! rief sie
voll Entsetzen, , doch nicht auf Baron Emanuel?

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Das kann ja gar nicht sein. Was kann der denn ver--
brochen haben?
-,Er? wiederholte die Mamsell und ihre Blicke-
wurden immer ernster und ihre Redeweise langsamer,
,er hat Nichts verbrochen, gar Nichts auf der Welt.
Du hast es ja gesehen drüben in dem Saale. Er ist
schön gewesen wie ein Engel, und ein Leben und eine
Heiterkeit, wie er als kleiner Knabe mit der Mutter
hier gewesen ist! Gar nichts ist zu merken gewesen
an ihm und seinen Gliedern; und gekommen ist es
doch. Denn kommen thut es immer bei Einem aus
dem Geschlechte. Die Kleinen lassen nicht mit sich
spaßen und spaßen selber nicht. Das weiß Baron-
Emanuel und darum allein kann die Gräfin ähn nicht
bewegen, eine Frau zu nehmen. Das Geschlecht stirbt
mit ihm aus.!
-- Die Stimme der Mamsell klang fremd und wie
von fern an Hulda's Ohr. Es, überlief sie heiß und
kalt. Die Tante, die Stube, das Schloß und der
Baron wurden ihr mit einemmale unheimlich. Sie
hatte das größte Verlangen, zu erfahren, was das
Mlles heißen solle, und sie scheute sich doch, danach zu -
fragen, denn jetzt begriff sie, was ihr Vater damit
gemeint hatte, als er sie an dem Abende vor ihrer Neber-
siedlung in der Tante Haus nachdrücklich davor ge-
warnt, auf Mamsell Ulrikens abergläubige Phantasien
und Grillen nicht zu achten und sich davon fernzuhalten.
- Aber, als läse diese in des Mädchens Seele, rückte
fie ihren alten Lehnstuhl näher an die Erbangende
heran, und ihre schmale, magere Hand auf Hulda's

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Arm legend, so daß diese nicht. entweichen konnte, sprach
sie, sich nahe zu ihr überneigend: ,Gehört wirst Du
, schon von ihnen haben, wenn das dumme Menschen-
pack jetzt auch behauptet, sie wären weggezogen, über
das Wasser binweg, seit die Kirchen bier im -Lande
stehen, und diesseits der See gäbe es jetzt keine kleinen
Leute mehr. Die brauchen sich aber vor den Kirchen
nicht zu fürchten, denn sie glauben an Gott und sind
nicht gottlos. Aber sie gehen nicht über das Wasser
und gehen nicht. wweg, wo sie sich angesessen haben, so
lange man sie in Frieden läßt. Die sind hier im
Lande gewesen von Anfang an, und vor, wem sis sich
blicken lassen, mit dem meinen Fie-es gut. - Es ist
fester Verlaß auf sie, wenn man sich mit ihnen stellt.
Nur reizen und schädigen muß man; sie nicht, denn
bei ihnen ist kein Verzeihen und kein Vergeben.!
, Aber Tante!'' rief Hulda ungläubig und doch
von dem geheimnißvollen Ernste der Erzählerin, wider
ihren Willen so erfaßt, daß sie nicht zu lachen wagte,
,Tante, das sind ja doch nur Kindermärchen! Has
ist ja Mlles Aberglauhen!! -
,Meinst Du? entgegnete die Mamsell, und ihre
Augen richteten sich fest auf die Ecke; Fn welcher seit
Urväter Zeiten der große grüne Kachelofen standh mit
der breiten Bank dahinter, diean dem Boden fetgenggelt
war. ,Meinst Du? wwiederholte sie.. Ja, es meinen
Viele, daß das Alles nur Märchen wären, weil sie auch
an das, dumme Sprichwort glauben,,das -aus, den
Städten stammt, die voller Menschen! sind, an- das
Sprichwort: ,,Die Nacht ist keines Menschen Freund!r

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Wenn man jedoch hierzulande und in den alten

- Schlössern lebt, in denen und unter denen noch die
weit älteren Keller und Mauern liegen, und wenn
man denn doch seine Schuldigkeit thut, und ab und I

,, zu auch bei nachtschlafender Zeit einmal herungeht,
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um nachzuhören und nachzusehen, ob Alles so ist; wie

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es sein soll, dann kann man mehr davon erfahren, J
-' wie die- Kleinen ihr gutes, stilles Wesen treiben und
- Wache halten und warnen, wwenn die Menschen sie
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in den schweigenden Stunden schweigend walten, lassen
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-' am Abende in die Ecken setzt, und das Bischen Baum- -
und Feldfrucht, das sie nehmen.'
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Hulda wurde von den Worten der Erzählerin
mehr und mehr befangen. Sie mußte unwillkürlich
ihren Blicken folzen, die nicht von der dunklen Ecke
wichen, indeß sie konnte in derselben Nichts entdecken
als die beiden großen gelben Kazen, die dort an jedem
Abende ihr Lager suchten; und um sich aus dem Banne
herauszureißen, der troz ihres Widerstrebens ihre Ver-
nunft gefangenzunehmen drohte, sagte sie: ,Was hat
denn das Alles aber mit dem Herrn Baron zu
schaffen?
,Was es mit dem Baron zu schafen hat, das
könnte Deine Mutter Dir am besten sagen, wwenn sie
wollte, denn sie ist auf den Gütern der Herren von -
Falkenhorst geboren, und dort weiß es jedes Kind, daß
in der alten Preußenburg, die schon gestanden hat,
als die Herren von Falkenhorst mit den Deutschen
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in das Land gekommen sind, die kleinen Leute ge-
haust haben und mit den Baronen in das neue Schloß
gezegen sind, das sie über den Trümimnern des alten
Schlosses aufgerichtet haben. Die Falkenhorst haben
die Kleinen hundert Jahre lang und darüber -als
Freunde gehalten und sich gut dabei geständen. Ihr
Geschlecht ist gediehen und es sind lauter schöne Menschen
gewesen, die Männer- wie -die Fräuen;. Einer immer
schöner als der Andere, daß sie' dafür berühmt worden
sind allerbegen in der Welt. Die Kleinen haben sich
still gehalten, daß man von ihnen Nichts -gehört und
gesehen, und nur überall ihren Segen'gemerkt hat.
Mit einemmale, zu den Zeiten des Baröis Wilde-
brand, welcher der Urgroßvater von unserer Frau
Gräfin gewesen ist, hat man ab und- zu, bei Tage
wie bei Nacht, allerlei ungewohntes Geräusch' in dem
Schlosse vernommen. Die Einen haben gesagt, es
hätten sich Fledermäuse in den Schloten perfangen;
die Anderen haben gedacht, weil es ein kalier Winter
gewesen war, so hätten die Marder sich in den alten -
Mauern festgesetzt. Es ist aber nirgend ein Schaden
zu bemerken gewesen, und der Herr- Baron, der ein
sehr kluger Herr gewesen ist, hat gleich seine beson-
deren Gedanken darüber gehabt. - Eri hat Alles- ruhig
gehen lassen. Darüber ist der Tag vor Johannni
herangekommen, und an dem Mittage sitzt der- Baron
unter der Linde in seinem Garten, welche die größte
und älteste in unserem ganzen Lande ist. Es war keine
lebendige Seele außer ihm in dem ganzen Garten,
denn es war Alles zum Essen gegangen und es war
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im Garten Nichts zu sehen und zu hören als die
, Käfer,, und die Bienen. Mit einemmale kommt es
ihm vor, als hörte er es rund um sich ganz leise
klingen. Er blickt auf, da hebt sich zwischen deg
großen- Wurzelarmen der Ainde die EErde auf, als
wenn ein Maulwurf darunter arbeitete. Der Baron -
sieht hin, die Erde fällt gach beiden Seiten pon den
Wurzeln zurück, und ein kleines Männchen steigt - F
daraus hervor, als wenn es von unten in die,Höhe ge-
hoben würde.- So klein es war, sah der Baron -es
ihm gleich an, daß es ein König war. Der -Kleine
- hatte eine kleine Königskrone auf dem Kopfe, einen
goldenen Mantel um die Schultern und ein Scepter
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in der Hand; und das Alles leuchtete und funkelte.
daßIder Baron sich darber exschreckte, und peiwun--
derte. Der Kleine nickte, ihm abex, mit dem kleinen
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Köpfchen freundlich zu und sagte, er, solle ganz -un-
hesorgt-Fein, er und seine Peute wären doch nicht erst
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yan'gestexn in dem Schlosse, und die Barone wüßten
auch nur, um einen Freundschaftsdienst von ihm zu
fordern.-Seine junge, schöne Königin sei ihm ge-
- stotben, er müsse nun eine andere nehmen. Dazu
habe er sich das schöne, fünfzehnjährige Küüchenmädchen
ausgewählt. Mit dem wolle, er morgen Mittag, am
Johannistage, wenn die Sonne am höchsten stehe im
ganzen Jahre, in, dem großenSaale seine Hochzeit halten.
,Sieh! also darauf,! hat er zum Baron gesagt, ,daß,
ich um diese Zeit die junge Magd in Deinem Saale
, finde, daß kein aideres lebendes Wesen in die Rähe
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des Saales kommt und keines Menschen Auge sieht,
was dort geschieht. Wenn Du das thust, so soll
es nicht Dein Schaden sein. Aber wehe Dir, wenn
Du uns verräthst, denn wir sind, treu in Lohnen und
im Strafen.'-- Wie er das gesagt hat, ist er ver-
schwunden, wie er gekommen war; und so schnell ist
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es gegangen, daß der Baron geglaubt hat, er sei viel-
leicht bei der Mittagshize ein wenig eingeschlafen und
hätte das Alles nur geträumt. Er war aber ein vor-
sichtiger Mann und beschloß -Alles zu thun und zu
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ihrem Essen in den Häusern oder auf dem Felde
waren, er befahl der Baronin, bei ihren Kindern zu
bleiben und darauf zu achten, däß, keines derselben die
Stube verlasse, ehe die Mittagsstunde nicht ganz
vorüber sei, denn ihm habe geträumt, um Mittag am
Johannistage wwerde ein Unglück' geschehen. Wie sr
denn das Alles angeordnet hatte, schickle er das Küchen-
mädchen in den Saal hinauf, schloß hinter ihm die
Thüre zu und steckte den Schlüssel' in seine Tasche,
wonach er sich in sein Gemach begab. - Darüber kam
die Sonne hoch am Himmel hinauf, und wie die
Baronin so allein bei ihren Kindern saß und Alles
still blieb, und auf der weiten Gotteswelt und in dem
Schlosse Nichts, gar Nichts geschah, fiel ihr das schwer
auf das Herz, und es kam eine Angst und ein Miß-
trauen über sie, weil ihr Mann sonst keine Geheim-
nisse vor ihr hatte und ihr Nichts verbörgen hielt. Sie
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. L.. -

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schloß deshalb ihre Kinder, es waren ihrer drei, zwei
Töchter und ein Sohn, und das vierte war im An-
zuge, in die Kinderstube ein und schlich sich vorsichtig
loch zu gucken. Verwundert sah sie, daß ihr Mann
- - Jgllein' seik'. es war auch sonst nichhs Besonderes zu
?- sehen.. - Nun wußte sie sich aus dem Verbote vollends
. - Herz und sie fiel mit solchem Schlage zu Boden, daß
Worten ausgesprochen; jedoch es steht von seiner Hand
- geschriehen, noch heute in einem alten- Pergament zu
lesen.. Die Thüren des Saales standen offen; mitten
in dem großen Saale lag starr und todt. das junge
- Küchegmädchen, wie eine Königin angezogen, zu den
- Füßen eines scharlachrothen Thrones. Auf dem Throne
- sgßsder König, und so klein er:war, war er schreck-
-' lch anzusehen. Er streckte- zornig und mit finsterem
- Blcke sein flammendes Scepter gegen den Baron aus;
-' ,Weih, Ou,nicht Herr gewesen bist in Deinem eigenen
- Hause,' sprach ;er mit lauter vernehmlicher Stimme,
-- ,,wwollen,, wir; nicht mehr unter Deinem Dache wohnen;
z Weil ;u die Aygen Deiner Frau nicht. in Zucht ge-
, - hahen hast, sgllen meine Augen. nicht' mehr über Dei-
- nem Hause -wwachen, und weil Deine falsche Frau mir
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ihr Mann es in dem stillen Schlosse unten in' seinem
. er -dg gesehen undi gehörtn hat, das hat er nie üüit


-- Thüre, bis sie an den großen Saal kan. NAber wie
. - -Joch hindurchgucte, ;fuhr es ihr plözlich durch das
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-- keinen Pers zu machen, und ging von Thüre zu
- - Fe- sich daniederhückte: und wieder durch das Schlüssel-
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. nach ihres- Mannes: Zinmer, um durch das Schlüssel-
. - Zimmer hörte und die Treppe rasch hinauflief. -Was
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die Hochzeit mit meiner jungen Königin nicht ge-
gönnt hat, soll Dein Geschlecht nicht mehr wachsen wie
bisher, wenn ihr es nicht mit jungem, frischem Blute
erlöst. Der Sohn, den Deine Frau jetzt unter ihrem
Herzen trägt, soll so krumim werden, wie sie sich vor
dieser Thüre gebückt hat. WievielSöhne die Männer
Deines Hauses zeugen mögen, essollen Eures Namens
nie wieder sieben auf einnial' leben so' wie jetzt, und
Einer von ihnen soll, so lange Euer Naine fortbesteht,
zur Erinnerung an Deiner- Frauen Missethat einen
Höcker mit sich durch dasrLeben tragen! -Daniit Ihr
aber meiner Worte eingedenk bleibt, nimm hier den
Ring! - Den Ring- sall immer der Verwachsene
tragen, und wehe Euch Allen, wenn er ihn jemals
von sich thut!'-- Damit ist der Kleine und sein
Thron und das Küchenmädchen verschwunden.'' Ein
Bliz aber ist aus hellem Himmel niedergefahren in
das Schloß und in den Saal, daß er gleich in lichten
Flammen gestanden hat, und man die größte Noth
gehabt hat, des Feuers Herr zu werden.- Der Baron
und seine Frau haben, wie. Du Dir denken kannst,
zu Niemandem ein Wort von dem gesprochen, was
eigentlich geschehen war. Es hat im ganzen Lande
geheißen, der Bliz habe eingeschlagen und das'Küchen-
mädchen sei verbrannt. Als die Baronin dant aber
mit einem Knaben niederkam, und an dem nämlichen
Tage der eine Bruder des Barons ganz plötzlich mit
dem Tode abging, und vollends, als der Neugeborene
zu verwachsen anfing, da hat der Baron Mlles in dem
pergamentenen Familienbuche für ewige Zeiten auf-
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geschrieben und auch wegen des Ringes Alles fest-
gesetzt. Es ist auch Mlles so gekommen, wie der
Kleine prophezeit hat. Es haben nie wieder sieben
Herren von Falkenhorst zu gleicher Zeit gelebt, und
- unter ihnen ist immer ein Perwachsener gewesen, der
den Ring getragen hat. Ja, es sind mit jedem
Menschenalter der Falkenhorste immer weniger gewor-
. den, bis nun nur, ihrer Zweie noch am Leben sind:
der kinderlose Majoratsherr und der Baron Emanuel,
an dessen Aeinem Finger den Ring ein Jeder sehenu
kann.-Er trägt ihn an der linken Hand, und jein
- Diener sagt, er lege ihn selbst bei Nacht nicht ab,
-denn er ist eng und ist ihm wie angewachsen- an
dem kleinen Finger.
Sie erhob sich bei den Worten, fing in dem Zim
mer in dem großen Schranke aufzuräumen an, ging
? dann wie an jedem Abende noch durch ihre ganze
- Wirthschaft, wobei Hulda sie zu begleiten und die
nöthigen Handreichungen zu machen hatte, und sie be-
merkte es gar nicht, wie stumm das Mädchen war,
wiezängstlich es sich heute in ihrer Nähe hielt, wie
es geflissentlich vermied, allein in die dunkeln Wöl-
bungen des Kellers, allein denKorridor entlang zu gehen.
- Hulda schämte sich vor sich selber, aber sie hätte
viel. darum gegeben, hätte sie an dem Abende nicht
in dem Amthguse gewohnt, sondern -in dem engen
Kämmerchen des Pfarrhauses neben ihrer Eltern
Stube zur Ruhe gehen können. Ihr war angst und
hange, als sie sich, allein in ihrer Stube fand. Es
war vergebens, daß sie sich diese Furcht als eine Thor-
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heit vorhielt, daß sie sich sagte, die Erzählung von
Mamsell Ulrike sei im Grunde gar Nichts weiter als
das Märchen von Schneewittchen und den Zwergen,
das sie wer weiß wie oft vernommen hatte. Es klang
ihr heute nun einmal Alles anders, Mlles wunder-
barer und doch viel wahrscheinlicher als sonst. Es
war ihr nahegerückt, so nahe, daß.- es huschte Etwas
an der Außenmauer hin und schlug wwie mit breitem,
leisem Flügelschlage gegen die kleinen inBlei gefaßten
Scheiben, daß sie, sich schwingend; klirrten.? =- Was
war das? Auch auf dem Boden huschte etwas hin.
Was war das? Sie stand' vor dem kleinen Spiegel
und zog die Nadeln aus den' reichen blonden Flechten,
daß sie ihr tief und lang an dem schlanken Rücken
niederfielen. Wenn es nun nach ihren Flechten grife
-- oder wenn sie jezt in ihrem Spiegel das Gesicht
des kleinen Königs oder das bleiche Antliz des kleinen
todten Mädchens sehen würde? Sie fuhr' erschreckt
zusammen. Sie sah sich um, es war. Alles still, es
war Mlles dunkel in der Stube, und als wäre sie in
demselben geborgen, warf sie sich auf ihr Bett und
hüllte sich tief in ihre Decke ein.
Indeß der Schlaf, der treue Gefährte der gesun-
den Jugend, ließ fie zum ersten Male auch im Stiche.
Sie lag und lag und horchte und horchte, obschon sie
sich sagte, nicht in diesem Schlosse, sondern viele
Meilen weit von hier, in dem Stammschlosse der
Gräfin, hätten, nach der Tante Berichten, die Kleinen
gehaust. Für wen füllte aber die sonst so sparsame
Ulrike in der Kammer das kleine Näpfchen allabend-

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Lch mit Milch? Für wen streute sie, der. sonst jedes
Stäubchen, im Wege ein Aergerniß gab, die Körnchen
guf die Kellertreppe, wenn es nicht für die Kleinen
war? Wer, konnte es denn auch wissen, ob sie nicht
, demFerfluchten durch, das Leben. folgten, über den Ring
zun wachen, der ihn und seine Brüder an sie band?
wollte sie gewaltsgm von sich weisen, aber sie konnte
ihm, wenn er den Ring verliert?-Nicht einmal beten
- konnte sie, sie- hatte über ihre Gedanken nicht Gewalt.
ss flogen lauter fremde Bilder unfaßbar durch ihren
Sinn. Sie glaubte zu wachen und fuhr erschreckend
aus wirrem Kraume auf, um bald wieder in neues
räumen! zu versinken; und immer und immer wieder
sah -sie den Baron und seinen Ring, bis der helle
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- Morgen-- ihr' in die Augen schien und allem Spuk
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----Und doch, auch am Tage dachte sie daran, auch-
am Tage konnte sie, es nicht vergessen, daß ein böser
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und Machtgebild ein Ende machte.
-Zauber ; auf ihm ruhte, dem er schuldlos unter-
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? - Sie schauderte zusammen bei der Vorstellung, fie
sich gricht losmachen von der Frage: Was wird aus
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legen war.
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