Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 10

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Behutes Gapitel!!
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Um Bartholomäi beginnt in jenen Gegenden die
Jagd; drei Tage vor Bartholomäi träf deshalb die
Herrschaft, und zwwar gleich mit verschiedenei Gästen,
in dem Schlosse wieder ein. Man erwartete für den
nächsten Abend den jungen Fürsten, den Verlobten der
Gräfin Clarisse, deren Hochzeit durchgden Tod' ihres
Vaters hinausgeschoben worden war,! und erst gegen
das Neujahr hin in dem Schlosse bollzogen werden
sollte. Wenn man nun auch ders Trauer wegen zu
keinen lauten Festlichkeiten sich aufgelegt'fand, so
waren doch alle Theile voll. freudiger Erwartung. Die
Gräfin wünschte, daß ihr Schwiegersohn, der noch nie-
mals auf ihren Besitzungen gewesen! war, von dem
Schlosse am Meeresstrande einen guten- Eindruck. em-
pfange, daß der Stammsiz seiier künftigen- Frau ihm
in seiner ganzen Würdigkeit erscheine,' und sie wollte
daneben, daß der Tochter die letzten Tage und Wochen,
die sie als Mädchen in ihrem Vaterhause zu verleben
hatte, als freundliche Erimnerung:im Gedächtnisse blei-
ben möchten. -

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Es war ein klarer Nachmittag, die Sonne schien
sehr hell, die rothen Früchte der Ebereschen, die den

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Wirthschaftshof einfaßten, glänzten feurig zwischen ihren
grünen Blättern, als des Fürsten Wagen durch das
weit geöffnete Eingangsthor hereingefahren kam. Die
-- Gräfin und ihre Tochter standen an dem Fenster,
Glarissens weißes Tuch wehte dem Ersehnten schon aus
der Ferne ihre Grßße zu, und begleitet von dem
Baron, der dem Erwarteten eine Strecke entgegen-
geritten war, fuhr er freundlich grüßend an dem Amt-
hause vorüber.

- Hulda war neugierig vor die Thüre hinaus ge-
treten. Sie sah, wie der Fürst den Wagen rasch ver-
ließ, wwie- Clarisse ihrem Bräutigam auf der Ammpe
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des Schlosses entgegentrat, wie er sie umfaßte und an
seinem Arme in das Schloß hineingeleitete, wie die
Diener ; das Gepäck vomi Wagen nahmen und wie
Baron Emanuel's Augen den Reitknecht suchten, der
nicht gleich zur Stelle wax. Ohne sich zu besinnen,
eilte, sie über den Hof, ihn herbeizurufen; aber in dem
selben Augenblicke war auch der Reiter schon an ihrer
Seite,. und sich freundlich zu ihr niederbeugend,
während er stille hielt, um' dem herankommenden
Knechte sein Thier zu übergeben, sagte er:,Müssen
- Sie mich. denn immer durch Ihr- Erscheinen so liebens-
würdig überraschen?? -
- Er war abgestiegen, zog den Handschuh ab und
nahm die Erröthende freundlich bei der Hand.' So
ging er mit ihr über den Hof: und dem Amte zu.
Er fragte sie, seit wann sie in dem Schlosse sei und
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wie es ihr in demselben gefalle; aber sie antwortete
ihm verlegen und verwirrt, denn ihre Augen suchten
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den Ring an seiner Hand und brauchten ihn nicht
lange zu suchen. Der schmale Goldreif mit dem
dunkelrothen Steine war der einzige, den er;trug.
Es ward ihr sonderbar zu Muthe,, gls sie. ihn be-
rührte. Sie zuckte zusammen und hcb ihre Aügen zu
denen des Barons empor, daß sie seinem schönen
Bllcke begegneten.
, Wie Sie in diesen lezten Monaten gewwachsen
sind!r sagte der Baron. ,Als ich Ihnen zuerst be-
gegnete, reichten Sie mir noch nicht so Aug' inn Auge.
Sie werden bald die stattliche Höhe meiner Nichte
haben. Auch kräftiger und blühender sind Sie noch
geworden. Nun, ich hoffe, das Leben hier im Schlosse
soll Ihnen Nichts anhaben. Wenn aber,i' fügte er mit
einem so vertraulichen Lächeln hinzu, daß er ihr jung
wie sie selber und wie ein alter Freund erschien,
,wenn Ihnen aber dennoch von dem Einen oder von
dem Anderen hier einmal zu viel geschieht, so geben
Sie mir nur ein Zeichen, irgend eines-- ich werde
es schon merken, und dann komme ich und schaffe
Rath und Luft. Ich muß Ihnen doch den Dienst
vergelten, den Sie mir heute leisten wöllten.?! Er
schükkelte ihr mit Herzlichkeit die Hand und ging da-
von, ohne daß sie nur den Muth gewonnen hätte, ihm
zu danken. Es war für sie eben Alles so besonders,
was er sagte und wie er's sagte, daß sie darüber jedes
Mal das Antworten vergaß. --


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- Während sie aber in Küche und Keller hantierte
und der Mamsell beim Vapbereiten für die Lieferungen
zur Seite stand, welche jezt' reichlicher als je in die
Hände des Koches abgegeben werden mußten, dachte
Fie an den Baron. Was hatte er nur damit gemeint,
daß er ihr Hilfe bringen wollte? Was konnte ihr

denn- geschehen oder was konnte man von ihr begehren,
das über ihre Kräfte gehen möchte? Sie fühlte sich
zu jeder Arbeit fähig, und wie sie sich darauf im
Spiegel ansah, bemerkte sie es selber, daß sie groß
und Istark geworden war.
- lSie freute sich darüber, sie war überhaupt so -
fröhlich- und - so munter, daß sie an das Schlafengehen
gar nicht dachte. Die Nacht war noch so warm. Sie
machte das Fenster noch einmal auf, um Luft zu
schöpfen. Aus dem Schlosse tönte Musik zu ihr herüber.
Es war die schwermüthig pathetische Polonaise, welche
der polnische Graf Dginski der schönen Königin von
Preußen zugeeignet hatte. Man sagte, er, habe seine
Augen in verschwiegener Liebe bis zu ihr erhoben und
sei gestorben bald nach ihr.
Hulda hatte diese Polonaise immer gern gehört und
gern gespielt. DerVaterhatte sie mit ihrstudirt, sie kannte
sie genau, indeß so wie heute war sie ihr überhaupt noch
nicht in'sHerz gedrungen. Sie meinte es zum erstenMale
zu empfinden, wie die Musik zum Menschen spricht;
und zum ersten Male dachte sie mit Rührung an den
Schöpfer dieser Polonaise. Die Lichter verschwanden,
die Bogenfenster des Saales wurden dunkel. Dafür
begann es aus den Seitenfenstern herüber zu leuchten.

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Auch in den Stuben des Barons wurde es hell, bis
endlich die Lichter in dem ggnzen Schlosse erloschen
waren und der spätaufgehende Mond langsam über
den Bäumen emporzukommen und zwischen dem auf-
gestiegenen Gewölk seine sichere Bahn zu wandeln
anfing. Die vorüberziehenden Wolken parfen leichte
Schatten auf die Rasenpläze des weiten Gartens. Aus
der großen Kieferngruppe flog Nachtgevögel auf, das
Käuzchen rief vom Thurme, aus dem Weiher klagten
die Unken, und hie und da huschte wieder eine Fleder-
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maus dicht an dem Fenster hin wie gestern. Aber
heute erschreckte sie kein Naturlaut mehr, es störte äsie
nichts in ihrer stillen Glücksempfindung, keine Furcht,
auch nicht ein Bangen nach dem Vatexhause.
Sie war ja nicht allein, sie hatte den Beschüzer
hier in ihrer Nähe; und mit der Frage; ob sie. ihn
morgen wiedersehen werde, machte sie ihr Fenster zu, als
der Mond schon um das Schloß herum gezogen war
und sich zum Niedergange neigte.