Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 12

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Bwiftes Gapites
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Es kam der Gräfin sehr gelegen, daß' ihre'Tochter
in der fröhlichen Laune jener Morgenstünden eine Ein-
richtung vorbereitet hatte, die zu treffensie selber willens
gewesen war, und die. gute: Kenney z wa -- keine pon
den Naturen, bei denen man auf einen ernstgemeinten
Widerstand gegen die' Wünsche der Heiden Gräfinnen
-zu rechnen hatte. Sie wagte freilich ihre: kleinen Ein-
wendungen, erhob verschiedene: Bedenken, machte auf
mancherlei Schwierigkeiten' aufmerksgm, aberz da die
Gräfin von vornherein einschlossen wax, sie sammt
und sonders nicht anzuerkennsn, uitd- da ßlarisse, weil
sie durch Hulda's rasche Dienstwilligkeit einen an-
- - genehmen Morgen genossen hatte;, für dieselbe mit

größer Wärme eintrat, ja sie als zihren Schüzling
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erklärte, ward die Sache noch an' demn nämlichen Tage-
abgemacht, und Mamusell Alriken der Befehl gesendet,
Hulda zu Miß Kenney hinühegzieheß, zu;lassen.
JndeßMamsell Ulrlkefßte dieDingeaüf ihreWeise
auf. Sie wollte sich nicht vergebens überwunden, nicht
vergebens das Zugeständniß gemacht haben, Hulda bei
sich aufzunehmen. Sie hatte sich in den' wenigen

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Wochen daran gewöhnt, das Mädchen, das man ihr
als Stütze zugewiesen hatte, um sich zu haben, und
Hulda war ihr so zu sagen lieh geworden. Sie
- empfand es daher als einen Eingrif in ihre Rechte,
ja geradezu als eine Beleidigung, die sie sich nicht ge-
ließ, ihre neue Pflegetochter solle fortan Miß Kenney
zugetheilt und zu dieser übergesiedelt werden, und sie
ließ sich sofort bei der Gräfin melden, um ihr vorzu-
stellen, daß ; dies ganz unmöglich sei. Ihr habe der
- Pfarrer seine Tochter anvertraut, damit sie bei ihr den
- Haushalt erlerne und ihr zur Hand gehe, denn sie
brauche jetzt, wo das Schloß voll Menschen sei, und
- die Hochzeit noch mehr Gäste bringen werde, .eine .
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- Hilfe:. Ohne daß sie mit dem Pfarrer gesprochen habe,
könne und dürfe sie das Mädchen so wenig von sich
lassen, wie sie etwas von dem Inventarium, das ihr
- übergeben sei, aus der Wirthschaft in fremde Hände
- überweisen könne. Aber sie wolle noch am selbigen
I - Abende, in das Pfarrhaus fahren, und wenn der
- ? Vater dämit' zufrieden sei, so möge Hulda in Gottes
?- Namen zu der Engländerin ziehen, obschon es, nach
hrer bescheidenen Meinung für ein Mädchen, das auf
.; der Gotteswelt Nichts habe und besize, weit besser sei,
ordentlich in der Wirthschaft Bescheid zu wissen und
bei Leuten zu sein, die hierorts heimisch wären, als
feine Manieren und eine Sprache zu erlernen, die hier
herum kein Mensch rede, nach der auch weit weniger
- Nachfrage zu erwarten sei, als nach einer Wirthin, die


fallen lassen wollte, als man ihr ohne Weiteres sagen
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ihr Fach verstehe, und obendrein zu einer Person ge-
than zu werden, die doch wieder bald von dannen gehe.
Die Gräfin hatte fie ruhig sprechen, hatte sie alle
ihre Einwendungen völlig erschöpfen lassen, und weit
entfernt, sich ungehalten darüber zu, zeigen, sagte sie
sehr freundlich: , Ieh hatte das nicht anders von Dir
erwartet und Deine Gewissenhaftigkeit, die sich auch
hier bewährt, erfreut mich. Aber sei unbesorgt. Mit
dem Pfarrer werde ich selber sprechen; Wird Dir zu
schwer, was Du zu leisten hast, so kannst Du Dich
zur Ruhe sezen, sobald ich jemand Anderes sür Dich ge-
funden habe. Im Nebrigen ist es noch nicht gesagt,
ob Miß Kenney nicht für längere Zeit hier in dem
Schlosse bleiben wird. Mache Hir also keine un-
nöthigen Gedanken um das Mädchen, sondern sieh zu,
daß ich es morgen bei Miß Kenney finde, die ich eben
heute damit beauftragt habe, Hulda fortan in ihre
ausschließliche Obhut und Aufsicht zu nehmen.!
Sie fügte darauf mit freundlichem Worte eine
Anerkennung für Ulrikens bisher geleistete Dienste
hinzu. Die Betroffene war also genöthigt, sich dafür
zu bedanken; aber die Andeutung, daß sie allenfalls
zu ersezen sein würde, die Aussicht, daß Miß Kenney
länger als die Herrschaften auf dem Gute weilen könne,
hatten ihren schwersten Zorn erregt. Und wem Anderes
als Hulda hatte sie es zu verdanken, daß die Frau
Gräfin ihr sozusagen den Stuhl vor die Thüre gesezt,
und sie auf die Seite geschoben hatte, als ob nicht sie
und sie allein den ganzen Haushalt so im Gange ge-
halten hätte, alle die langen Jahre und Jahre hindurch.

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. Die Lippen fest aufeinandergepreßt, die Zähne zu-
sammengebissen, und Allem aus dem Wege gehend,
was ihr begegnete, so kam sie nach der Amtswohnuung,
um sich mitten in der Stube auf einen Stuhl zu
setzen und bitterlich und laut zu weinen.
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Hulda und der Amtmann eilten erschreckend zu
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r. Der Bruder wußte es, daß keine Rührung jenals
der Schwester Augen feuchtete, daß nur der bittere
Zorn sie weinen machte, aber es war lange Zeit ver-
gebens, daß man in sie drang, nur wenigstens zu
, sagen, was ihr widerfahren sei.
- Mit harter Hand stieß sie Hulda von sich, als
diese sich ihr zu nahen wagte. Sie nannte sie schel-
tend ihrer Mutter wahres Kind. Sie betheuerte, daß,
sie sich ihr ganzes Leben lang von keinem Menschen,
in dem auch nur ein Tropfen lithauischen Blutes sei,

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eines Anderen als - der Falschheit zu versehen gehabt
habe. Sie machte es dem Amtmanne zum schweren
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Vorwurfe, daß er sie überredet habe, der Gräfin zu
Willen zu sein und der falschen heuchlerischen Si-
- - monene und des unüberlegten, undankbaren Pastors
. Kind in ihr redliches Haus aufzunehmen. Weder des
Amtmanns Begütigen noch des Mädchens stummes,'
schmerzliches Erschrecken konnten die maßlose Empö-
rung der Mamsell besänftigen. Der Amtmann schickte
also' endlich Hulda fort, und als sei damit ein Bann
von ihr genommen, legte Ulrike mit einemmale beide
Arme auf den Tisch, senkte ihr Haupt darauf nieder,
als wolle sie die Welt, in der ihr so Etwas geboten
werden konnte, keines Blickes weiter würdigen, und
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wiederholte nur von Zeit zu Zeit ingrimmig: , Mir
zu sagen, daß eine andere an nieine Stelle kommen
könnte! Mir das zu sggen, das ist mein Todesstoß!
So hatte der Bruder sie noch nie gesehen. Kein
Zureden, keine Vernunft fanden Eingang bei ihr, und
was das Schlimmste war, der ganze Ingrimm, den
sie gegen die Gräfin empfand - und nicht zu äußern
wagte, richtete sich gegen den armen Pfarrer und die
Seinen. Sie verschwor sich hoch und heilig, die Kirche
nie wieder zu betreten, selbst wenn ihr ewiges Seelen-
heil dabei verloren gehen sollte. Sie versicherte, daß
weder der Pfarrer noch Simonene oder deren Tochter
jemals wieder ihre Füße unter ihren Tisch setzen,
oder auch nur über ihre Schwelle kommen sollten;
und da ihr bei der Gewohnheit, thätig zu sein, der
müßige Zorn bald beschwerlich zu werden anfing,
sprang sie urplözlich auf und erklärte, wenn man denn
Hulda von ihr nehmen wolle, so solle es auch gleich
geschehen. Noch an diesem Abende solle das Mädchen
zu der englischen Mamsell, hinüberziehen, - bei der das-
selbe es besser als bei ihr zu haben: glaube.
Es half Nichts, daß der Amtmann, daß Hulda sie
daran erinnerten,' wie diese Letztere. jar gar keine
Schuld an den neuen Anordnungen, der Gräfin trage.
Es war vergebens, daß der Bruder ihr bedeutete, wie
sie gar kein Recht habe, Hulda eher,- als sie dort er-
wartet werde, zu der Engländerin hinüberzuschicken,
wie sie damit dem Mädchen einen: üblen Empfgng
und sich selber Verdruß mit. der Gräfin bereiten könne.
Sie ging, ohne sich aufhaltenzu lassen, in Hulda's

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Simmer, befahl ihr, ihre kleine Habe sofort zusammen-
zupacken, und es blieb dem geängstigten Mädchen denn
Nichts übrig, als nach einer flüchtigen Verständigung
-- mit dem Amtmamne sich an Miß Kenney zu wenden,
sie ihr nicht schon für diese Nacht das Obdach gewäh-
ren möchte, das sie in Zukunft neben ihr finden sollte.
- Hulda war sehr verzagt, als sie über die Schwelle
? - des Amthauses hinausschritt. Es war die erste Un-
gerechtigkeit, die erste Härte, denen sie zu stehen hatte,
und die ersten bitteren Erfahrungen sind schwer. Der
- kleine Weg, den sie zu machen hatte, kam ihr so weit
- vor, so weit, daß sie sich fragte, ob es nicht besser sei,
- -' sich nach der anderen Seite hin zu wenden und üach
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ihr das Geschehene mitzutheilen und sie zu bitten, ob

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dem Elternhause zurückzugehen, wo warme Liebe, wo
ein herzlicher Empfang ihr sicher waren, wo sie nicht
dem Schlosse? Das war die Welt, in die einzutreten
sie so sehr verlangt hatte? Jezt verstand sie, was der
Vater gemeint hatte, als er mit ihr, da sie fortgegan-
gen war, von dem festen Herzen und dem bescheidenen
Sinne gesprochen hatte, die man haben müsse, wenn
man unter Fremden lebe. Nun erinnerte sie sich;
was es auf sich gehabt habe, wenn die Mutter es bis-
weilen-hervorgehoben, wie das trockene Brot im Eltern-
hause ein Läbsal und ein Glück sei gegen den Lecker--
bissen;in fremder Dienstbarkeit. Sie konnte nicht vor-
wärts gehen, so schwer fiel ihr der Gang.' Es war ihr
gar zu bitter, so auf die Straße gestoßen zu werden;
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zu bitten brauchte, um des zärtlichsten Willkomms
theilhaftig' zu werden. Das also war das Leben in

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und weil sie trotz ihrer Stattlichkeit doch noch ein un-
erfahrenes Kind war, setzte sie sich nieder, und weinte
inbrünstig. Sie ward sich selber rührend, es kam ihr
vor, als sei sie von einem schweren Schicksal ,schwer
verfolgt, und tief aufathmend rief sie plözlich aus:
,Ach! Er hat es wohl gewußt! Er' hat es jä Alles
vorausgesehen! Er hat mir es ja gesagt, wenn mir
einmal zu viel geschähe, solle ich ihm ein Zeichen geben,
dann werde er kommen, dann werde er mir helfen!?
Kaum aber hatten ihre Gedanken diese Richtung
eingeschlagen, als sie sich sofort ermuthigt und, wie sie
es in der unschuldigen Phantastik ihrer:Jugend nannte,
entschlossen fühlte, auf dem Plaze auszuharren und zu
dulden, auf den der Wille Gottes sie gestellt: Sie kam
sich damit plötzlich wie verwandelt vor. Sie hatte
keine Ahnung von dem raschen Selbstbetruge, mit wel-
chem sie ihr eigenes Sein und Wesen zu einer Roman-
figur verklärt, um es arglos bewundern zu kön-
nen. Sie ahnte es ebensowenig, daß damit eine neue
bewegende Kraft in ihr rege und zugleich Herr über
sie geworden war.
Als sie an die Thüre von Miß Kenney. klopfte,
als diese Hulda's Augen von Thränen geröthet fand, als
sie, deren weiche Seele Niemanden weinen sehen konnte,
die Frage an sie richtete, was ihr geschehen sei und
was sie zu dieser ungewohnten Stunde zu ihr führe,
da kam jenes phantastische Empfinden des Verstoßen-
seins auf's Neue über Hulda, und die Arme um den
Hals der Greisin werfend, während sie das schöne
Antliz an der Brust derselben barg, bat sie dieselbe


so dringend um ihren Schutz, als stünde ihr nicht in
nächster Nähe das liebevollste Vaterhaus noch offen.


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- Auch Miß Kenney schien daran nicht zu denken.-
Der Anblick, die Lage, die Bitte des Mädchens gingen
ih. zu Herzen. Sie verlangte es ja im Grunde gar





KKE

nicht besser als helfen, trösten, lieben und sich in
Sorge für Andere selbst vergessen zu können. Alle
ihre kleinen Bedenken, alle ihre Scheu vor. unbeque-
mer Störung ihrer Ruhe traten schnell davor zurück.
Sie umfaßte Hulda, sie schloß sie mit Zärtlichkeit an
ihre Brust. Sie nannte sie ihr Kind, ihre Tochter,
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sie:wußte, was der Jugend wohlthat: und wie dann

nie. zuvor gefühlt zu haben, selbst gegen die eigene
. Mutter nicht.
-. -- Was die Gräfin geplant und allmälig zu er-
? - reichen gewünscht hatte, das hatte ganz unerwartet der
- Eine Tag geschaffen. Die fröhliche Willkür der Ver-
- lobten, die eifersüchtige Reizbarkeit von Mamsell Ulrike
J - hatten Hulda und Miß Kenney schnell zusammen-
- geführt; denn daß sie das junge Mädchen im entschei-
denden Augenblicke aus freier Entschließung bei sich
aufgenommen hatte, das machte der an Abhängigkeit
Gewöhnten, der man selten eine freie Wahl gelassen
hatte,' ihren Schützling nur noch lieber und noch werther.
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derselben emporsah, meinte sie ein so volles Vertrauen

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