Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 14

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Vierzehntes Gapitel. -- -

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-. Miß Kenney war noch nicht zu Hause. Sie
- pflegte, wenn die Gräfin nicht anderweit beschäftigt
-war, immer gegen den Abend zu ihr hinüberzugehen,
und je nach den Wünschen derselben in dem Schlosse zu
bleiben oder sich zurückhuziehen.
Weil es durch den Regen in den Stuben dsa
, tief gelegenen Erdgeschosses kühl' und feucht war, hatte
die Gärtnersfrau, welche Miß Kenney zu bedienen
hatte, ein Feuer angezündet, die beiden Lichter auf den -
Tisch gestellt und sich danach entfernt. Wie dann
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Hulda sich umgekleidet hatte und sich allein fand, über-
fiel: sie eine wahre Herzensangst.

Sie nahm das Licht. und leuchtete in den beiden

-- keinen Stuben rund umher. Sie öffnete die Thüren
- der Schränke, sie schob, obschon sie es selber kindisch
und unwernünftig nannte, die Vorhänge an den Fen-
stern zurück, sie schloß die Laden an der Hinterstube
und hätte auch gerne die an der vorderenSeite zuge-
, macht, hätte man fie nicht immer offen gelassen, bis
-- das alte Fräulein von dem Schlosse zurückgekommen
war. Jedes Gefühl des Behagens, ja der einfachsten

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Sicherheit war von Hulda gewichen, sie war in einer
Aufregung, die ihr keine Ruhe ließ. -
Um sich zu beschwichtigen, nahm sie eine Stickerei
zur Hand. Miß Kenney hatte dieselbe zu einem Hochzeits-
geschenke für Clarisse. bestimmt; Hulda sollte:ihr bei
deren Vollendung behilflichl sein. IndeßdienGeängstete
vermochte nicht zu nähen. Sie kan iichtshon-der Stelle.
Sie verzählte die Stiche,. sie versahles in den Farben
über dem Gedanken,: wem -jie. es sagen sollte, daß sie
nicht im Schlosse. bleiben. könne. Am liebsten' hätte
sie es den, Eltern unumwunden. -angezeigt, wäs ihr
geboten worden war; aber sie hatten- sie Geide: so ernst
verwarnt, besonders. die-Mutter lhatte. es ihr so nach-
drücklich vorgehalten, daß ihr, einem: Mädchen aus
guter Familie, des Pfarrerst Tochtety -keine Kränkung
widerfahren könne, wenn ihr Betragen nicht dazu den
Anlaß gäbe, daß sie troz ihres guten Gewußtseins sich
vor ihrem Tadel ifürchtete! Sich. an die junge Gräfin
oder an die Gräfin-Mutter zu wenden. und ihnen zu
sagen, daß sie sich nach Hause-sehne, schien ihr ebenso
unthunlich. Ihre bisherige heitere:Zufriedenheit mußte
die Unwahrheit solchen, ßorgebens ghne weiteres ent-
hüllen; und wenn ihr, Baron Emanuelauch angeboten
hatte, sie in Schutz zunehmen, -gerade' in diesem Falle
konnte er ihr nicht helfen, weil ihm zu bekennen, was
sie eben jetzt erlittenß hatte, vollends. ganz unmöglich
war. Es blieb also Niemaid als Miß Kenney übrig,
und eben. heute ließ die Kenney auf- sich warten,
und mit jeder Viertelstunde wuchsen Hulda's Ungeduld
und Pein.


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- Sie war schon zu, verschiedenenmalen: än däs
Fenster getreten und -hatte auf den Weg hinaus-
gesehen. -Der .Abend war sehr dunkel, das Licht in
der-kleinen Handlaterne, mit welcher Miß Kenney sich
vonr gSchlosse in ihre Wohnung- hinüber 'zu leuchten
pflegte, wollte sich nicht blicken lassen. Hulda' mnuußte
gfehen, wwie sie sich über das -Alleinsein und das
lange' Warten forthalf. Glücklicherweise fiel es ihr
ein, daßn der Vater ihr ein paar neue Nebersetzungen
vonl lithauischen Liedern mitgegeben hatte, die sie für
den Baronin das Reine schreiben sollte, und weil dies
in jedemFFalle gethan wwerden mußte,ehe sie das
Schloß' berließ, wwollte sie des lieber gleich besorgen.
Es war aber' wirklich, als sollte ihr heute Alles schwer
, und. Alles nur zum Schmerze werden; als hätten die-
Lieder, die sie wer -wweiß wie oft von ihrer Mutter
hätte singen hörew und die sie selbst pon Kindheit än
hnvollex. Seelenheiterkeit gesungen hatte, sich mnit
einemmal''verwandelt. - :
- -- Wie: eiw altvertrautes Wiegenlied, fast bedeutungs-
- los waren die Verse:
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-Aröhlich in der vielgeliebten. Deimat,
-- Eine rothe Preiselbeere, sproßt' ich; --
..- - - In der Eremde,liebeleerem Lufthauch,. --
- Weh, zu welkem Birkenlaube werd' ich!
vön Kindheit auf an ihrem Ohre hingeglitten;' jett,
da-sie Hie niederschreiben sollte, gingen sie ihr tief zu
Herzen, Ehe' sie es hindern konnte, fielen ein paar
, Thränen, die lezten Worte verlöschend, auf das Blatt;
- und da die Jugend es liebt, sich in ihrem Schmerze

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zu steigern, weil der Schmerz sie noch - wie älles Neue
reizt, gefiel sie sich darin, sich den Abstand ihres
früheren und ihres gegenwärtigeü Zustandes in grellstem
Gegensaze auszumalen, bis die Vorstellung, wie es
ihr sein werde, wenn sie nicht mehrin diesenhübschen
Stuben wohnen, nicht mehr die Personen sehen und
sprechen werde, die sie Alle so gütig-behandelt hatten
und die ihr Alle; Alle so werth -geworden waren,
die Oberhand über sie gewann und'sie zu neuen
Thränen rührte.
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vor der Schwelle vor demHause. -Sl ?Ftand äuf,
trocknete rasch die Augen-und öffnetes die Siubethüre,
um ihrer Beschützerin sogleich zur Hand zu sein. Statt
der Erwarteten stand jedoch Baron Emanuel 'vor ihr,
und den leichten Mantel von sich werfend; den er des
Regens wegenumgenommen hatte, sagte er: ,Machen
Sie die Thüre zu, damit Miß Kenney- keinen Luftzug
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In dem Augenblicke hörte fie Schritte draußen
fühlt; ich trete augenblicklich ein!r .
Hulda, die das uwvorhergesehene Kommen des
Barons sehr überraschte, denn er wax' noch niemals

am Abende bei ihnen gewesen, bemerkte, daß Miß
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Kenney noch nicht vom Schlosse heimgekommen sei.
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,Wäre ich denn zu früh gekommen?n fragte der
Baron, indem er, eintretend, die Ühr herauszog. , Sie
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hatte mir gesagt, sie würde um sieben Ühr zü Hause

sein, und ich wollte einige Briefe von meiner Mutter
und verschiedene kleine Aufzeichnungen derselben, die
sich auf uns und unsere Erziehnng beziehen,' bei, ihr
- einsehen.!
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---? Er ;sezte sich auf den Lehnstuhl neben dem Tische
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nieder, Nder wwor dem Sopha stand, und wie er. nun
imLichtezu Hulda hinüberblickte, die an dem Tische
stehen. geblieben war, fiel ihm die Thränenspur an
ihren' Augen und der Ausdruck ihrer Mienen auf.
?- - Sie bemerkte, daß er sie beobachtete und wendete: sich
-, gon?ihm; ab. !-Aberser-ließ' es nicht dabeibewenden.
-lnge nichti gesehen. Sie waren heute uund gestern
nicht im Schlosse?- - -
I,Miß Kenney war gestern. leidend!! bedeutete.sie.
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- , Und heute?! fragte er.
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. - Er, erkundigte sich nach dem Ergehen des Vaters,

sie, gab Iefriedigenden -Bescheid, aber weil ihr das
Herz so schwer war, fielen ihre -ntworten. so kurz
und -so.: befangen aus,. daß es Emanuel befremden
muußte- Er neigte sich zu ihr, sah ihr mit dem Wohl-
pollen, das er. ihr stets bewiesen hatte, voll und
freundlich in, das Auge- und fragte: ,Haben. Sie
einen:- Verdruß gehabt? Hat Mamsell Ulrlke Sie
gekränkt? Denn geschehen. ist Ihnen Etwas. Ich
kenne Sie. gar nicht wieder.. Wo haben Sie denn
heute Ihre fröhliche Stimme und Ihre hellen Augen,
liebes. Kind?? -.
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- - . Heute bin ich bei den,Eltern. gewesen!! gab -jie
ihm zur, Antwoxt. -'
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es, indeß sie, beruhigte ihn damit nicht. -
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- Sieschwankte, schien ihm Etwas sagen zu wollen,
'unterdrückte es dann gewaltsam, und weil ihr dgs so ,
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schwer ankam, sezte sie sich, niedex und jtüzte ihre
Stirne auf. die Hand.
So hatte Emanuel' ie nie, gesehen. - Er, wußte
nicht, was er von ihr denken -sollte und Frug doch
Scheu, noch weiter in jie zu Iringeg, wejl seine
Kragen ihre traurige Befangenheit gesteigert ,hatten.
Er erhob sich von, seinem Sessgl,zaud, übex sie ge-
beugt, auf das Blatt herniedersehend, gn- dem sie ge-
geschrieben hatte, sagte ler, um ihr gu Hihße zu kommen:
,Oh, Sie waren für, mich. beschäftigt? Dafür bin ich
Ihnen dankbar.! Hr' gmuahm dgbei, das Blatt zur
Hand und las die Verse, laut. - y
,Wie einfach und wie schön ist das,hny Alusdruck
und in dem Heranziehen, der, nächstliegenden Ver-
gleiche!! bemerkte. er, indem er; diePerse,atoch einmal
wiederholte. ,Wenn die Melodie dem Porte entspricht,
ist das wirklich ein Muster, von einemt Polksliedchen.
Hat Ihr Vater mir die Melodie wuielleicht guuch auf-
geschrieben?-
Sie verneinte es; da sie,aber sagte, daß Fie sje
kenne und daß die Melodie sehr weich und traurig sei,
verlangte er sie zu hören, und ging selbst, nach der
Ecke, in welcher Hulda's Guitarre an der Pand hing,
um sie ihr zu reichen..
Es kam ihr schwer an, eben jetzt, und eben:dies
Liedchen singen. zu sollen, das -sie cheute selbst so sehr
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gerührt hatte, doch gab sie der Forderung des Barons
in der Gewohnheit des Gehorsams, nach, ;und gtachdemt
sie mit leichter Hand den Saiten! ein, pagx, Akkorde
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Fanny Lewald, Die Erlöserin.; F-
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zür Einleitung entlockt hatte, sang sie ihm das kleine
Lied. Indeß die Gemüthsbewegung, die sie bis dahin
zu'untekdrücken getrachtet, ließ sich, nun sie derselben
in Tönen wider ihren Willen den rechten Ausdruck
geben mußte, länger nicht bemeistern. Ihre Stimme
Fitterte, ihr ganzer Kummer - und der erste Kummer
eines jungen Herzens ist immer leidenschaftlicher und
tiefer; als sein Ailaß es erfordert. = klang aus den
Tönen wieder. Emanuel, völlig hingerissenvon dem
Tiede und von ihrem Vörtrage, wollte ihr eben' mit
währer Künstlerfreude seine Bewunderung aussprechen,
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da legte sie die Guitarre'fort, und rasch aufstehend,
wollte siesich in die andere Stube flüchten.-
- Er vertrat ihr den Weg, um sie zurüchuhalten.
Er wußtesich ihr Betragen nicht zu deuten, und tkoz -
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jungfräulichen - Verschlossenheit des Mädchens immer'
ein Zug von Leidenschaft verborgen, der, wenn er ein-
mal'' hervorbrach, ihn überwältigte und hinriß. Hulda
war ihm inzmer schon wie die verkörperte Volkspoesie
erschienen. Ihr ganzes Wesen stimmte für sein Em
-pfinden nit ihrer eigenartigen Schönheit vollkommen
zusammen, und alle Jugendschöne erfreute ihn doppelt,
»weil er die seinige einst so schwerZverschmerzen lernen.
Wäbeinkonnte er sich jenes Mitleides nicht entschlagen,
Adaser mit Hulda von Anfang an' gefühlt hatte, seit -
die' Gräfin:' sie aus dem Elternhause fortgenommen, -
-undümwdillkürlich seinen Gedanken Worte gebend, sagte
er: , Sie gehören nun einmal nicht hieher.
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-seiner Welterfahrenheit fühlte er sich nicht frei wie
-sonst. Es lag in der völligen Natürlichkeit, in der


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Das wär'mehr, älssie erträgen konnte. - , Nein,
nein!r rief sie, indem sie sich niedersetzte und. ihr Ge-
sicht' mit den! Händen verhüllte. =ch muuß auch fort,
ich mnuuß zu meinen' Eltern! Morgen! mnorgen gleich!
Und Sie; ach Sie werdenSwohlösot-gut sein-und, es
der Frau Gräfin sagen?!tSie- brachten weiter Nichts
hervor.
,Cber was denn? Was soll ich neiner Schwester
sagen?
,Daß ich nach Haass' muß!! sagtezsie- kaum ver-
nehmbar: -? -
Er schüttelte,in-schweigender Besoxgniß das Haupt.
-, Wenn Sie nur.Vertrauen zu gnirghären!k sprach er
nach einerWeile -und fügte dann hggzu: ,Eie kann
ich Ihnen helfen, wenn ichicht einmgl weiß,-was
Sie so quält?? .Er hatte ihre-Hand ergrifen und
mit der anderen Hand ihren Kopf leise emporgehoben.
Wie er sie so ansah, wie sie die; schönen, kummer-
vollen Augen auf ihn richtete, wallte ihm das Herz
von einer Zärtlichkeit äuf, die er nie empfunden hatte,
und sich zu ihr niederbeugend, küßte er ihre Stirne.
In dem Augenblicke trat Miß Kenney. in die
Stube. ,Ich habe Sie ohne mein Verschulden
warten lassen, Herr Baron!' sagte sie; aber als sie
Hulda in der Ecke an der Thüre des Nebenzimmers
sizen sah, als sie ihre Aufregung, und die Bewe-
gung Emanuuels gewahrte, hielt sie inne. Sie war
zu vorsichkig, -um -eine Frage thun zu wollen, auf
welche sie die Antwort nicht zu hören, oder doch wenig-
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,steüsanicht jetzt zunhören wünschte;: und Emanuel' kam
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. J;Wiesgut, -daß Sie. nur endlich,. kommen!! rie
Näsüigt-eineräEahrhaftigkeit, die hre Besorgniß schnell
Gbeischsuchte lyIch häbe Sie. schon lange. undfmit An-
dgebüld?eiwärtet? Den armen Mädchen' muß irgend
Etwas zugestoßen sein, und ich konnte mich nicht ent-
-chließei, es sich selber zu. überlassen.. Nün, Sie wer-
denja erfahren, was es ist, und besser zu helfen ver-
- stehen,t als äich in meiner: Unbehilflichkeit.! -
-- Er lächelte dabei, gab der alten Freundin die
-Hand, prach Hulda noch freundlich zu, und sagte im
-Hinausgehen: ,Wegen der Briefe meiner-Mutter
komme ich morgen wieder, nnind. .dann höre. ich auch
?wohl- von Ihnen, liebe Kennney, was hier geschehen
ist, und- ob und wie man helfen kann. -
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