Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 16

s
V
Sechszehntes Gapiies --
-=- -
=-
Die Männer hatten eben. indem-- großen' Saale
des Erdgeschosses die Billard»Partie beendet,' die Je
nach der Tafel- zu spielen- pflegten, und wollten sich
bei der hereinbrechenden -Dmunkelheit für ein paar
Stunden in ihreZimmer zurücziehen, als man Emnanuel'
einen Brief überbrachte. äDa es nicht der Posttag
war, bemerkte der Fürst es als etwas. Besonderes;
Emanuel jedoch, der die Handschrift-kannte und nach
dem Umfange des Briefes den Inhalt errathen zu
können glaubte, steckte ihn ruhig ein. Man stieg ge«
meinsam plaudernd die Treppe hinauf und. trennte
sich erst oben in dem Korridor. -
In seinem Zimmer angelangt, eröffnete Emanuel
das Päckchen, und kaum hatte er die Augen auf Miß
Kenney's Schreiben geworfen und Hulda's Nanen in
demselben bemerkt, als er die pergilbten Blätter von
seiner Mutter Handschrift schnell zur' Seite legte, um
ben Brief der Kenney zu durchfliegen..
,Das also war es!! rief ers zornig; mit dem
Fuße aufstampfend; , da muß Hilfe geschäfft Eerden
ö
! - nach beiden Seiten hin, und zwar sogleich!! Uid ohne


s
:


s

s

z
e
d
!
-
s
1
---
- Fich weiter aufzuhalten, schritt er eilig durch das kleine
. Vorgemach, welches seine Zimmer von denen des
Fürsten trennte, klopfte an dessen Thüre und meldete
sich selber an.
- -
n- Es war noch dunkel in dem Gemache, nur in
- ds anstoßenden Schlafzimmer standen die Kerzen be-


e
E
reits angezündet,, dex;Fangegßßzgg,gr in demselben
-beschäftigt. Als der Fürst die- Stimme des Barons
vernghm, erhob er sich, ihm entgegenzugehen, und be-
fähl Michäel,, die: Lichter zu bringen. -Da man im
- Schlosse. .daraufi hieltzh einander-in, den Stunden,
nelche.iricht dem Beisammnensein! gewidmet waren, z
nicht zustöreii, entschuldiFte Emanuel .sein Kommen.
FEs isk obenein: ein' äigerlicher Vorfall?sagtu:er,
- ,der mich veranlaßt, gegen alle Drdnung?bei. Ihnen
?? - ? -
einzudriügen.b
Bn Michael: hörte; das, während er die Armleuchter
E

auf deitTisch' stellte; er' sah auch den Brief, welchen
man- dem Baron. vorhin überbracht -hatte, in dessen
Hand,' und es mochte eine böse Ahnung in: ihn auf-
sßeigen, denn er erkundigtersich,i -ob der Fürst noch -
Etwas jü befehlen habe, oder ober sich entfernen' dürfe.
-' Der Baron kam des Fürsten Entscheidung. zuvor.
- ;HeißenlSie ihn warten,! sagte er, wir. könnten seiner
noch bedürfen.?
,So warte!!: gebot -der Fürst, dem Ennanuels
Verhalten auffiel: Michael zog sich zurück, der Fürst.
nöthigte seinen Gast, sich nniederzulassen, und der Baron,
dem die Befremdung-seines Freundes- nicht entging.
z
l
s
F
j


erklärte ihm sofört, er konime geradedieses Menschen
i
!

t
;

Ae
wegen.-
-
,Ich befinde mich Ihnen' gegenüber, in einer mir
sehr peinlichen Lage!' sagte er. ,Ich bin,igezwungen,
Ihnen Fragen vorzulegen, die mir- niht zustehen, und
von denen ich im Voraus sicher bin,wwie Sie sie mir
beantworten werden. Undb doch muß ich die Ant-
wort von Ihren Lippen hörenf?I I
Der Vorgang wurde deni Fürsten dadurch nur
noch räthselhafter. Er ,war ernsthäft ehborden wie
jeder Mann; dessen Fersönliche. »Veihältisse män
unberufen -anzutasten unternimmt, -aber sein.- Auge
ruhte mit offener Festigkeit auf. dem. Oheim seiner
Braut. ;ch stehe zu jeder Aüskunft bereit,k sagte
er, ,die Sie von mir begehren können!? -
- ,Nun denn, mein Freund,sind -Sie Ihres
Dieners völlig sicher? fragte der Baron. .
,Die Frage ist weitreichend und nicht einfach mit
einem Ja oder Nein zu beantworten. Seiner Fhr-
lichkeit bin ich durchaus versichert;.imebrigen.ist er
ein Diener! Ich känn ihn benüzen, Sie Jeden, dessen -
Eigenschaften und- Fehler ich kenne. Er liebt es, sich
ein Ansehen zu geben, und das zwingt mich, ihn kurz
zu halten, sonst ist er brauchbar. Aber- welch? eine
Bedeutung kann das für Sie haben? Ich verstehe
Sie in Wahrheit nicht.! --
,Nur noch das Eine! -' Hat Ihr Diener etwa
Kunde von Clarissens Plan beksmmen, die Tochter
unseres Pfarrers mit sich in ihr Haus zu nehmen?!
,Es ist möglich, daß er uns davon reden hörte!r

--.
-

-
s
ML
, - ete
e
-unterbrach ihn der Fürst, der seine Lebhaftigkeit''und
Ungeduld nur schwer bemeisterte.
,Und: haben- Sie vielleicht. zufällig einmal in
seinem: Beisein Ihre Bewunderung für Hulda's Schön-
-heit ausgesprochen? Haben Sie irgend eine Aeußerung
gethan, die glauben machen -könnte, daß Ihnenf =
-Emanuel betonte: seine Worte nachdrücklich -- , daß
Ihnen persönlich daran gelegen wääre, Clarissens Vor-
haben ausgeführt zu sehen?!
-- . Der Fürst fuhr auf. , Die Frage tastet meine
-Ehre än!? rief er. Aber sich schnell und gewaltßam-
- bemneisternd, setzte er. hinzu: , Und Sie, Clarissens
Onkel, Sie, mein Freund, können mich das fragen,
s
!
!
,

h
.,
Iers Sies wissen, wie. ich Clarisse liebe und ihr zu
, -
eigen bin? -
Emanuel reichte ihm die. Hand hin. ,Verzeihen
Sie mir, Severin!r sagte er. - ,Ich hatte es- Ihnen
ausdrücklich gesagt, daß ich die Antwort von Ihren
Lippen hören müsse, obschon ich im Voraus überzeugt
sei, wie sie lauten werde. Trotzdem war ich gezwungen,
- die Frage an Sie zu stellen, ehe ich Ihnen zumuthen
sduxfte, den Brief einzusehen, den jh vorhin von der
-euen. Kenney empfangen habe. - Ich bitte, lesen Sie
ihn und entscheiden. Sie dann selber!?- ,
. -
- - Er? erhob- sich, sie wechselten noch einige aus-

gleichende Worte mit einander,-dann entfernte sich
Enanuel, wweil der Fürst endlich zu erfahren wünschen - I
- Der Fürst trat sogleich an das Licht heran und ?
Imußte, was, geschehen sei. --
ene == He s= wa= == =»ik E
. - va
z
--

n

-
1s
Zeile zu Zeile, seine Wangen färbten .sich in zorniger
Erregung, die Adern aufi seinex Stirne-schwollen
mächtig an, und das Blatt, als er es durchflogen, ;mit
heftigem Ausruf auf die Erde werfend, schritt er auf
die Thüre des Nebenzimmers zu. Auf halbem Wege
jedoch hielt er inne, Sein Selbstgefühlh sträubte sich
dagegen, es einen Diener sehen zu lassen, daß er im
Stande gewesen sei, ihn zu beleidigen, ihn. zu ver-
wunden. Er ging in dem Zimmer auf und nieder;
was ihm zu thun oblag, darüber war er nicht im
Zweifel, aber er wollte und mußte yrt jich beinig
werden, wie es gethan werden sollte,und eswährte
auch nicht lange, ehe er, mit. einer Stimme, der man
nicht mehr die geringste Bewegung anhörte, den
Kammerdiener mit seinem Namen anrief,
Ein Blick auf das Antliz seines Herrn, belehrte
Michael, daß ihm ein Gericht bevorstand. - Er blieb
mit der Frage, was Durchlaucht zu befehlen habe, an
der Schwelle stehen.
- -
, Hier heran!r befahl. der Fürst, und auf den
Brief hinweisend, herrschte er: ,Lies den Briefl?:
Michael wollte mit dem Briefe an den Seiten-
tisch gehen. So aber hatte sein Herr es nicht gemeint.
,Hier heran! und laut und deutlich!? gebot er
,noch einmal.
Alles Blut wich aus Michael's Gesicht.. Er hatte
aus den ersten Zeilen, die er- schweigend -gelesen,
augenblicks erfahren, was geschehen war, und er-kannte
seinen Herrn. Vor den Aufwallungen desselben ngr
ein Ausweichen nicht schwer, vor seiner Entschlossenheit


! -
!
!
!
-
.
- -
s

s -
l
!

!
s
s
s
»E
-- -
DF
z
E

h
-
war es unmöglich.: Michael. wußte, daß er gehorchey
müsse, und wenn schon ihm die Lippen zittexten, wie
eri lesend dasAuge des Fürsten so kalt und fest auf j
sich gerichtet sah, gab er. sich doch noch nicht verloren.
Sls. er:jedoch an die Stelle des. Briefes kam, die es
aussprach, wie;er den Fürsten geheimer und unedler
»AAlbsichten- auf;Hulda bezichtigt, verstummte er, -nd
-die Hgnd, sankmuieder, mit det er den: Brief gehalten
hatte. - -

et: j,Weiter; nurt weiter!n rief der Fürsßß, und das- s
Fächelhrides Grimimnes in. seinen Mienen war fuchtbar
-anzusehen. ,u sollßt - mir wiederholen., was Du
-gestexzsa geläufig demMädchen zu erzählen wwußteßt.!
- z,Durchlaucht, ein Scherz, den ich mir mit dem
Mädchen machte -! stammelte Michael, näch Fassüng- y
ringend. -

T
-
- , ,Du unterfängst Dich, Elender, zu. scherzen mit z
-der. Ehre: -Deines Herrn! rief der Fürst -empört.
,Du untexfängst Dich, Lügen auszuhecken, zu welchem
WDirguch der Schatten. eines Anlasses. gebricht? Woher
nahnst Du die Frechheit, Dich dem Mädchen nur zu
nahen, das unter dem Schutzes -
. - Da schoß es wien ein Bliz.über Michaells Gesicht.
Er dachte;sich mit einem frechen Wagnisse. doch vielleicht
noch behaupten zu können, und gegen ale, Ordnung
Ien Fürsten gnterbrechend, stieß er die: Worte:hervor:
,.Ich wußte, ja' nicht, daß der Herr Baron sich das
Mäöchenausersehen hat!? -
- Aber. noch ehe er geendet, hatte ihn des Fürsten
mervige Hand bei der Brust gefaßt und ihn zu Boden
z

z
s

?



i?

z -- -
y
14s
gedrückt, daß er in die Knie sank. Ein Hieb mit der
Reitgerte, die auf -dem Tische gelegen, fuhr' durch
Michael's Gesicht, und ihn von sich stoßend, rief der
Fürst, indem er nach der Thüre wies: ', Hinaus,
Elender, hinaus, auf Nimmerwiedeikehr!' Johann
wird Dir meine Befehle: bringen. In einer Stunde
bst D au ö=z Fßhz.?.«
Der Fürst wendete' shch- pih ging; rasch
in das Seitengemach. -Michael-sßrangs emjor, sschien
ihm folgsn-zuwollen, Gllebersten.=Nuh; jein
Blick schoß dem Fürstenfwild-ah, -Fässhwenn hr?ihn
durchbohren wollte. anngvaEf erssichlfäit? Geflhssen-
heit in, bie Brust, und -fuhx, in den Spiegel blickend,
mit der Hand durch, seinschwarzeszrkrggses Hagr. -
. zlso zndlich frei!? pief zn«. ,Fezilich auf die
etwas brutale Art, welche solche Pexxen htehen, -Aher
er soll sich einst noch wwundernn, mejnzduxclauchtiger,
reitpeitschender Herr Milchhruderhfdäß,ich, ihm ;emals
diente! Pnd jch. kenne Semanden,sder gn?mich, und
an siese Stunde, denkensoll!? ; -
b -
Fanny Lewal, Die Ertsseri. t.-
=-
i