Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Ersles Gapiles
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Was Einsamkeit ist? wer weiß das noch, seit hie
Dampfschife und die Lokomotiven den Erdball um-
sausen, seit der elektrische Funke auf dem die Erde
umspannenden Drahte die Welttheile mit einander ver-
bindet, seit die Begüife von Raum und. Zeit sich in
einer Weise verwandelt haben, daß Diejenigen, die
noch unter anderen Lebensbedingungen, geboren wor-
den sind, Mühe haben, sich dareinzufinden.
Aber in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhun-
derts, da konnte man noch in gar vielen Gegenden
unseres Vaterlandes von tiefer Einsamkeit sprechen.
Und vollends in den nördlichsten Theilen von. Dst-
Preußen, da, wd die Fluthen des Baltischen Meeres
den Strand bespülen, da war es einsam, sehr einsam,
vor jenen fünfzig Jahren in dem Dorfe ain Strande
und in dem Pfarrhause desselben.
Das Pfarrhaus üoar sehr klein und eng und
niedrig, und das Leben, welches der Pfarrer und die
Seinen in demselben führten, war ebenso beschränkt.
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-- - hatten die Pfarre inne gehabt und hatten das Pfarr-
-- haus ganz in demselben Zustande bewohnt, in welchem
- es sich noch befand. Das weitete für das Bewußt-
- . sein der Familie die engen Räume aus, und der
Pfarrer fühlte sich in seinem Hause ebenso fest ein-
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. gewurzelt, wie die Grafen, die seine Patrone waren
-und seiner: Väter Patrone gewesen waren,, in ihrem
, alten Schlosse, das eine halbe Stunde voit dem Dorfe
- und von öem Meere, auf der einzigen Erhöhung des
Landes, auf der bewaldeten Düne gelegen war, von
der man' die beiden Wasser, die Ostsee und das Kurische
Haff, und zugleich die Landenge, man nennt sie die -
; KurischeNehrung, übersehen konnte, welche die peiden
- Wasser trennt.
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- Auch das Dorf war nur klein und- die Kirche
war klein, abex für die öde und menschenarme Gegend
- war sie groß gennng, und obgleich sie unschön und nur
aus rohen Feldsteinen gufgerichtet war, -galt sie für

eine' der Merkwürdigkeiten des Landes und wurde
- hoch -in Ehren gehalten. Es hieß, der heilige Bischof
- Adalbert; ber Bekehrer der heidnischen Preußen, habe
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sie-erbaut und mit. seiner Predigt eingeneiht. Durch
- Dokumente: zu erweisen war das freilich nicht; aber
alt war die Kirche wirklich. - Und wem that es denn
zu nahe, wenn den Pfarrer in seiner Einsamkeit und
- - Armuth die Vorstellungi beglückte und erhob, das Wort
des »Herrn an einer besonders geheiligten Stelle zu
perkünden?
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- -. Die Gegend um das Dorf herum war nur schwach
bevölkert, des schlechten Bodens wegen fpärlich an-
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gebaut, und in den ohnehin armseligen, am Meeres-
straide liegenden Fischerdörferß hatten die einander
folgenden Durchzüge der Franzosenf und der Russen
noch verwüstet, was dort irgend, zu' verwüsten ge-
wesen war. ?
Man konnte lange fahren, ohne an ein Dorf zu
kommen, selbst die Posthaltereien wwarsn immer drei
Meilen weit von. einander- entfernt. Rur zweimal in
der Woche legte die sogenamnte Reitpost, ein Postillon,
welcher nit einem Pferde einen Briefkarren fuhr, den
Weg zwischen der Hauptstadt und- der -Grenze über
die Nehrung -zurück, und kein-Herbst und. kein Früh-
ling vergingen, in denen ;mgn nicht, davon sprechen
hörte, daß wieder ein Postillon bei der Fahrt am
Ufer auf Triebsand gerathen, aund init Pferd und
Wagen spurlos verschwunden sei.
Im Frühjahr und im Herbste jagt der Sturm
dort wildschnaubend über die schmale Sandscholle von
Meer zu Meer, und die Winter;find oft unbarmherzig
kalt. Das Haff bebeckt sich fest niit Eis, Felbst das
Meer gefriert eine Strecke. weit hinein, und, nur über
die beschneite Eisfläche hinwweg, Jieht' man dann den
dunklen Streif des Wassers oder das Funkeln des
Sonnenlichtes auf demselben, in, der Ferne;den Horizont
begrenzen.
Unter diesen. Umständeniwurde der Verkehr mit
der Umgegend und mit der Hauptstadt zu-jenen Zeiten
im Winter für Monate und Monate ein sehr seltener.
Selbst die Post kam dann nicht mehr durch das Dorf,
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fondern wurde zu Schlitten über das gefrorene Haff
befördert; und so gleichförmig wurde dann das Leben,
daß es in dem Pfarrhause in folchen Tagen zu den
Ereignissen gehörte, wenn man bisweilen die langen
Reihen kleiner Transport - Schlitten, von kurischen
Bauern oder von polnischen Juden geführt, in weiter
Ferne durch die mühsam aufgethauten Fensterscheiben
worüberziehen sah. Fuhr dazwischen einmal eine Extra-
Post' durch das Dorf, hatten in der nächsten Post-
haltereig-die weit genug von dem Pfarrhause entfernt
war, Reisende sich ein paar Stunden aufgehalten
oder gar bei besonders schlechtem Wetter eine Nacht
dort zugebracht, so kam gewiß nach einigen Tagen
der -Posthalter, - ein lahmer und als Hauptmann .
entlassener Offizier, in die Pfarre zum Besuch, um von
der Begebenheit zu erzählen, und zu berichten, was er
über die Reisenden, oder von ihnen erfahren hatte.
Das gab dann immer einen schönen Abend. Der
Pfarrer und der Hauptmann zündeten ihre Pfeifen an,
und wenn die außerordentlichen Neuigkeiten abgethan
waren, ging man weiter und weiter auf frühere
-Ereignisse zurück. Der Hauptmann erzählte von den
Feldzügen und von Paris, wo er nach dem Einzuge
eder Alliirten als Verwundeter viele Monate lang ge-
wesen war, von seinen Verwandten, die am Rheine
lebten. Der Pfarrer, der schon ein Mann in Jahren
-war, sprach von den Zeiten, in denen er auf der
Universität gewesen, und von seinem Leben als Lehrer
in der gräflichen Familie, und die Pfarrerin und des
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Pfarrers einzige Tochter hörten diesen Erzählungen
immer wieder zu, als hätten sie sie nicht schon wer
weiß wie oft vernommen. Sie waren ihnen jedesmal
ein neuer poetischer Genuß, weil rsie sie in ferne und
ihnen völlig fremde Zustände versetzten.
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