Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 20

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- Hand gn, sogar Miß Kenney half nach besten Kräften,.
- aber ihre Kräfte hielten nicht' lange vor, und sich -
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niedersezend, rief sie: ,Wie schade, daß uns gerade z
heute Hulda fehlt!?
,Ich' muß auf jeden Fall noch zu ihr gehen, umI,
. ihr Lebewohl zu sagen,! meinte Glarisse, ,und Du ;
mnuußt mir in Deineni nächsten Briefe schreiben, wwie es-
mit ihr steht, denn ich' fand sie heute so verändert!r
.Da Du jezt allein bleibst, liebe Kenney, und- I

- es jezt still im Schlosse wird, schicke sie nicht nach z
Hause, sondern behalte sie auf alle Fälle bei Dir.
Die Ruhe wixd Euch Beiden heilsam sein!' sagte die,
Gräfin, der sich eben' heute'' eimmdl Alles ganz vor-
trefflich fügte. ,Macht es: Euch recht begtem und
? ordne Alles nach Deinem Bedürfen, bis Du von mir
' srfäährst, was mit uns Anderen wird.!
--? -Miß Kenney schien erst durch diese Mahnuung gn
die ihk bevorstehende Trennung von den beiden Frauen
, zu denken, denen sie ihr Leben seit so langen Jahren
- ausschließlich gewidmet hätte, und troz ihrer Ergebung
hn den Willen der Gräfin konnte sie die Klage über
die-Verlassenheit nicht ünterdrücken, der' sie jetzt; bei
demn Anbruche -der schlechten Jahreszeit, in der ihr
immerhin fremden Umgebung anheimfallensollte: Aber
muit sich und. ihien allerdings jetzt unabpeislichen An-
gelegenheiten ausschließlich beschäftigt, ächtete bie Gräfin
nicht darauf. Nur Clarisse mahnte tröstend: ,Nimn
- Dich Hulda's nur recht' an, Sie ist so begabtund gut,
und ich will nicht eifersüchtig werden, wenn sie mich bei
- Dir ersezt. Ich liebe sie, als gehörte sie zu uns, und

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sie wird gm Ende noch nicht, einmgl erfahren haben,
? daß wir von hier fortgehen!!
Die Gräfin meinte, die Estafette und die Unruhe
I auf dem Hofe würden das Jedem längst zu wissen ge-
J. than haben. Sie wundertesich, daß Hulda nicht herüber
-- gekommen sei, ihre Dienste anzubieten; denn ihr Nebel-
befinden sei wohl nur ein vorühergehendes gewesen.
? Man könne nach ihr schicken -odex Frch im Vorüber-.
- fahren an dem Hause halten, wennöClarisse daran ge-
z legen sei, ihr noch die Hand zu geben.
Aber nicht allein Clarisse, auch ein Anderer, auch
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Emanuel hatte daran gedacht, daß man -von Hulda
scheideamnud daß ihr die Trennung von dem Menschen- -
kreise, in den man sie ohne ihr Zuthun; hggeingezegen.
- und in welchem sie unverkennbar ein neues Leben be-
gonnnen hatte, schwer zu Herzen -gehen werde. Ihm
?- selber that es leid und doppelt leid, weil' er sie in der
f lezten Zeit nicht so wie sonst behandelt, weil er sie,
ß die Schuldlose, den unangenehmen Eindruck hatte ent-
h? - gelten lassen, den der -lästige.Handel mit des Fürsten
Diener ihm gemacht hatte.
Während er sich für die Abäise porbereitete,
j - während er eilig sonderte und anordnete, was in dex
! Beschränkung, welche man sih aufzulegen hatte,' mit-
genommen werden konnte, und was man nachzusenden
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hatte, fiel. sie ihm immer wieder ein. Er legte ein-
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paar Bücher zurück, die er ihr. zum Andenken zu geben
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dachte, und war eben, dabei, ein Wort, des Abschiedes
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und dek theilnehmenden Neigung als Widmung in -
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das Buch zu schreiben, als er ein Verlangen danach
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fühlte, sie noch einmal zu sehen. Er wollte von ihr,
die ihm hier zuerst in tiefer Einsamkeit und in so-
-- - eigenthümlicher Weise hegegnet, die ihm durch ihre;
Schönheit und- Eigenartigkeit so - lieb geworden war,
- nicht-scheiden, ohne sie noch einmal wie bei dem exsten
Zusammentreffen alletn gesehen,, sich noch einmal ihr
schönes Bild recht eingeprägt, und ihr gesagt zu haben, -
daß sie an ihm, wie immer ihr Leben sich gestalten -
möge,. einen Freund besizen werde.
Er warf den Reisemantel um und stieg die ?
Seitentreppe. schnell hinab. Der Abend war trocken, ?
im Garten regte jich kein -Laut. Das Licht aus- dem -
. Fenster von Miß Kenney's Wohnung leuchtete still und Z
- fimmernd hurch das Dunkel, und wie es heler und. ZF
- größer vor ihm wurde, ging er schneller und schneller- z
darauf zu. Er sagte sich, daß er sich nicht versäumen -

dürfe, daß er bald wieder in Schlosse sein müsse, daß-
der Augenblick der Abreise sehr nahe sei; und mit der F
Eile, die er sich auferlegte, fing sein Herz zu klopfen an,
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, daß er sich davgn beängstigt und bewegt fühlte, ja daß
er sich räthselhaft erschien. Er vermied sonst unnöthige
, Gemüthserregungen, wo er es konnte, und er war
nahe daran, es thöricht zu finden, daß er zu diesem
Aberteuer ausgegangen war. Trotzdem vermochte er
nicht umzukehren;, denn wie er nun- das Fenster in
nächster Nähe vor-sich sah, und durch die leichten

weißen Vorhänge die hohe schlanke Gestalt bes Mädchens
- -I gewahrte, da zuckte der alte, niemals überwundene
. Schmerz durch seine Brust. --
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, So jung! so schön!r rief er aus, und erschrak
davor, als hätte ihm nicht der alte Zweifel an sich
selber die Worte auf, die Lippen- gedrängt.; Aber
sehen, sprechen, mußte er sie doch noch einmgl. -
Bei der tiefen Stille hatte sie denTritt des Kom-
menden gehört, und sie kannte diesen Tritt. -Während
er die kleine Außenthüre öffnete und der Hund des
Gärtners anschlug, hatte sie die Stubenthüre schon auf-
gemacht, der Gärtner und die Frgu, waren auch aus
ihrer Wohnung auf den ;kleinen Flur sgetreten, denn
es kam sonst um diese Stunde felten Jemand in ihr,
Haus, Sie zogen sich mit Geflissenheit zurück, als
sie den Baron erkannten. Ihm.entging das nicht,
Hulda ließ ihre Unruhe nicht, die Zeit, es zu be-
merken, -
,Soll ich hinüber kommen?? elef sie, ihm ent-
gegen, während er eintrat und die Thüte; hinter- sich
znzeg. ,Ich habe gewartet und gewartet, ob mgn
mich nicht holen kommen' würde, denn, von jelbex
konnte ich doch nicht kommen. Eswar. znirt ja be-
fohlen, hier zu bleiben. Ist es denn wahr, reisen-die
Herrschaften wirklich heute noch? . -
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,Der Wunsch -des Fürsten zwwingt uns dazu,!
gab Emanuel ihr zur Antwort, ,Inn einer Stunde
- brechen wir Alle auf.! --
,Clle? fragte Hulda, indem sich ihre.Augen fest
auf die seinen richteten, , Alle, Herr Baron? Auch Sie?
Ihr angstvoller Blick, der bebende Ton ihrer
Stimme hatten etwas Erschütterndes und- trafen
Emanuel tief, denn er war bewegter, als er selbst -es

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für'niöglich gehaltsn hatte. Die Gewohnheit, sich den-
Frauen gegenüber zu beherrschen, die ihm zur anderen
Natur geworden war, kam ihm jedoch zu Hilfe, so daß er
in der freundlichen Weise, in welcher er stets mit ihr ver-
kehrt hatte, ihr sagen konnte: er werde mit den An-
dernb'gehen, um seine Nichte gn den Traualtar zu

-br.-
---Daflog es wie ein wildes Feuer durch-' des- F
- -. Mädchens Lüge, und sich mit ihren Händen an' die
---, ssinen klammernd,-' rief Hulda wie im Triebe der
- Selbsterhaltung: ,Nein! Nein! Sie nlcht!?
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F F Enianuel traute: seinen Sinnen guicht. ,Kind! ,
-- Was sdll das heißen?r fragte er, sich mühsani übet-
-- - windend, während ein nie' gekanntes WonnegefühFihn -
warm durchströmte. ,Was soll das heißen?! wieder-
- holte er,. und ließ sein Auge mit ahnüngsvoller Freude
-
auf ihren schönen Antlize ruhen.
-- ,Ich sterbe, wenn Sie gehen!'' sagte sie kaum
? - hörbar, und zusammenbrechend unter der Gewalt ihrex
- - eigenen Leidenschaft, sank sie, die Augen schließend,
ihm'an das Herz.
,Mädchen,! rief er, ,lage es mir, sprich es mir
aus==- liebst Du mich, Hulda? und sein Antliz
leuchtete, wie in den Tagen seiner Jugend, daß sein

Blick auuf sie niederstrahlte, wie von dem Bilde, wel- -
-- ches,ihre- Seele an sich gefesselt, noch ehe sie ihn je

inLeben selbst gesehen hatte. Aber sie vermochte nicht
.
zu sprechen. Sie war erschrocken über ihr Thun und
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, konnte sich nicht fassen, nicht in sich finden. Sie hatte


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den Kopf an ihn gelehnt, er hielt sie fest umfangen
er fühlte das Klopfen ihres Herzens an dem seinen.
, Und sie schreckenDich nicht, die Mißgestalt, und

die Narben, die mein Gesicht entstellen? fragte er.
Sprachlos schüttelte sie den.Kopf, und die Augen,
-aus denen ihre ganze Liebe strahlte, hoben sich in
stummer Anbetugg,zu zgziggEz?;, - -
,Ja!r ref er, ,läl'''DsAAiSese, die un-
eigemnüzige, die reine Liebe, die ich ersehnt und- nicht
erhofft; und was ich in der Jugend nie, exwerhen zu
können glaubte wasdie FFeite, Ftöße' Weli niie nicht
geboten, das bringst Dif mie ini- Sefmäisände'' jezt
entgegen ==? -'
,Erlösung!r sagte sie leise--FAebeerlösi!?
Er hörte es und es rührte ihn, obschon er es
nicht in ihrem Sinne nahm. ,Jä, sie etlöst und
bindet!r rief er,' inden eri nit neueni!'Kdüsse sich von
ihr trennte. ,Ja, sie bindet mich mit!schöein Bande
an die Heimat und das Leben. Denn jeht gehör'
ich Dein und bleibe hier!? -
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Fanny Lewalb, Die Erlöserin. L. -'

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