Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 21

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Ginundzbänzigsiss Gapitet. ?
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,... Dee- schwere Reisewagen, den dis Knechte auf. die
Rgmpe zvgr;das Schloß Finaufgezogen hatten, war
schön vollständig bepackt. Die Kammerjungfer yteckte
die Flakons in die. kleine Settentasche zur linken,zd -
- des Platzes, den die.Gräfin einzunehmen gewohnt war.
Fex Vorxeiter hatte sein Pferd ;an einem der eisernen
Riyge gmten;an der Rampe festgebunden und ging
dem,-Futscher bei dem Anschirren der pier mächtigen
Fgunens an die Hand, -Die beiden ;großen Spize
waren aus dem Stalle mit hinaufgekommen ngch dem
Schlosse, und -sahen dem ungewohnten Vorgange mit
Verwunderung zu, demn in dieser Jahreszeit pflegte
man so spät nicht abzureisen. Sie liefenunruhig und
kläffend um den Kutscher, um die Pferde, um den
Wagen her; sie hinderten die Diener und die Kammer-
jungfer, an ihn heranzutreten, und selbst der Peitschen-
hieb, mit dem der Stallknecht sie fort und fort zur
Ruhe zu bringen suchte, schien ihnen kein vernünftiger
Beweisgrund für die ungehörige Reisestunde, für das
nächtige Fortgehen des Kutschers und der Pferde.
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Oben in dem Saale war man auch schon reise-
fertig. Die Mäntel und Pelze lagen bereit, die Gräfin
hatte die Chatulle, welche die Reisekasse und die
nöthigen Papiere enthielt, vor sich stehen. Miß Kenney
hielt sich, ihre Rührung mühsam unterdrückend, in
Clarissens Nähe, an deren Shawl und Anzug sie
immer noch Etwas fester zu ziehen und. zu verbessern
fand, während sie ihr dazwischen die Hände drückte
und sie umarmte. Clarisse war eben so bewegt.
Sie am wenigsten konnte es voraussehen, ob und
wann sie jemals in diese Räume, in ihrVaterhaus zurück-
kehrenwerde, und Mutter undTochter empfanden esBeide
schmerzlich, daß die Plözlichkeit ,der Abreise sie hin-
derte, die Grabstätte des verstorbenen Grafen noch ein-
mal zu besuchen. Aber man verbarg das dem Fürsten
rücksichtsvoll, der ohnehin -ergrifen genug war, und
da nun das Unerläßlichste besorgt, ein Weiteres zu
thun nicht mehr vergönnt war, suchte die Gräfin das
Fortgehen möglichst zu beschleunigen, um aus jenem
Zustande des müßigen Wollens herauszukommen, in
welchem man, unbehaglich schwankend zwischen dem
Hier und Dort, nach beiden Seiten vorsorglich ein-
greifen möchte, während man nur, noch zu denken und
zu wünschen, nicht mehr selbstständig Etwas zu thun
oder zu leisten vermag. -Man vermißte allein noch
den Baron, und doch war er, nach. Aussage der Leute,
früher als die Anderen mit seinen Vorbereitungen für
die Abreise fertig gewesen.
Die Gräfin gab endlich den Befehl, ihn zu be-
nachrichtigen, daß man bereit sei. Der Diener, den
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siei damit beauftragte, sagte, er habe den Herrn Baron
vor einer Weile nach dem Gartenflügel gehen sehen,-
sein Gepäck sei auf dem Wagen.
- - , So wollen wir einsteigen,! schlug Clarisse vor,
, ihn vonsdort' abzuholen, und ich sage dannn. gleich der
armen Hulda Lebewohl!?
-Der Gräfin, in deren feinem Mienenspiele schon
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eii der Auskunft, welche der Diener gegeben hatte,
ihr Mißfallen an derselben erkennbar gewesen, war die
Zumithung nicht recht. Da ihr jedoch vor Allem
daran lag, nuur fortzukommen, willigte sie ein, und
man hatte eben die. Mäntel umgenommen und den
Alnitmannund Mamsell Ulrike noch herein bitten
lassen, als der' Baron von der anderen Seite in das -
Zimmer trat.
,Wir haben Dich erwartet und waren eben daran,
Dich abzuholen!r sagte die Gräfin.
-- , Ich bedaure das umfomehr,! versetzte er, ,als ich
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genöthigt bin, Euch noch ein paar Augenblicke hier.
festzühalten, um Euch zu erklären, daß und weshalb
ich Euch erst morgen oder übermorgen folgen werde!?
Und gegen den Amtmann und dessen Schwester ge-
wendet, bat er sie, ihn mit den Seinen noch allein
zu lassen. -
- Sie gehorchten seiner Weisung, die Dienerschaft
ging ebenfalls hinaus, auch Miß Kenney wollte sich
entfernen, aber Emanuel hielt sie zurück.
,Sie, liebe Freundin,! sagte er, ,sind vielleicht
die Einzige, welche ich mit dieser meiner Mittheilung
weniger überrasche, als ich selber überrascht worden bin. s

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Denn nun ich mit schnellem Neberschauen rückwärts
blicke, meine ich, Sie müßten in meinem und des
holden Kindes Herzen längst gelesen haben, was des
geliebten Mädchens überwallende Empfindung mir zu
meinem Glücke in dieser Stunde klar gemacht hat.'? =
Er hielt inne, und setzte dann fest und bestimmt hin-
zu: ,Ich habe Hulda geliebt, seit ich, sie zuerst gesehen
habe. Ich werde von ihr. geliebt-ind ich bleibe hier,
um morgen von ihrem. Vater; ihre Hand, und. seine
Einwilligung zu unserer Verbindung zu fordern.!
Weil er sich ruhig zu erscheinen zwang, bekamen
.eine Worte und sein Tön etwasTrockenes und Kaltes
das im Widerspruche mit ihrem Inhalteßtand, und die
ohnehin sehr unerwartete Eröffnung noch befremdlicher
machte.
, Unmöglich!r rief die Gräfin, während der Fürst
betroffen schwieg und-selbst Clarisse, die nach allen
bisherigen Aeußerungen und nachk des Oheims ganzem
Verhalten an eine Verheiratung; desselben nicht mehr
gedacht hatte, sich versuchkfühlte, in den Ausruf ihrer
Mutter einzustimmen. Sie hatte, sich Hülda als die-
nende Gesellschafterin anzueignen -gewünscht; sich des
Pfarrers Tochter als des. Dheims Braut, als ihre
Tante vorzustellen, widerstrebte ihr nicht minder als
der Gräfin.
Der Baron empfand den Ausruf seiner Schwester
und das Schweigen der. beiden -Anderen, übel. Sein
leicht verleztes Selbstgefühl lehnte; sich dagegen auf,
und jenes Mißtrauen, das er immer gegen sich gehegt
hatte, trieb ihm das Blut in die Wangen.

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- ,Wohin zielt Dein Ausruf, Schwester? fragte
er, ,und wwäs dünkt Dich daran so unniöglich, daß ich,
meiner'Neigung folgend, mich zu heirathen entschließe?!
- -Aber es erging' der Gräfin woie den meisten Men-
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schen, die gewohnt sind, sich' zu beherrschen, wenn sie
ihre Fassung einmal verlieren; denn von ihrer heftigen
Enipfindüng foktgerissen, sagte sie:' , Unmöglich dünkt
niich, daß Du vergessen könntest, was Du Dir und

Deinem Namen schuldig bist, und wie Du nicht: allein
stehst inf der Welt!?
- , Unddoch läßt eben dieser:Augenblick es mich
erkenien,; wiesehr ällein ich stehe undwie verschieden
wit sempfinden!? sagte er.. ,Indeß -- davdn wird
spätsr ja'zu reden-sein.?--
-- tiee. -
- Es entstand eine Pause; sie steigerte die Miß-
- eiüfindung' in den Gemüätherü.? Jeder hatte Etwas
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auf, dein Herzen, wwas er auszusprehen wünschte, Reder
-
hielt es zurück. Endlich machte der Fürst die Be-
nerkung, daß die für die Abreisei festgesezte Zeit schon
überschritten' sei. Der Gräfinwwar das willkommen,
und doch' wünschte sie deit Bruder, wenn auch nur für
benige Minuten, noch- allein zu sprechen. Sie deutete
ihmu däs an, - er wollte es nicht verstehen. Wie sie es
dänn geradezu begehrte, lehnte er es ab. -
,Wirsind Beide erregt und der Augenblick drängt,!
sagte er; ,so -sind wir zu -keinen Erörterungen geeig-
netD= dieiohnehin Nichts fruchten würden! . -
- Daß er sie so' bestimmit zurücküies, kräkte die
Gräfin nur noch mehr: Sie hatte imnier viel Werth
auf den Einfluß gelegt, den sie über den jüngeren

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Bruder ausgeübt,. und der Schritt, den er zu thun ent-
schlossen schien, beleidigte ihren Stolz, vexstieß gegen
alle ihre Neberzeugungen. - Daß dieser unangenehme
Vorfall im Beisein von Clarissen undwvor -ihrem künf-
tigen Schwiegersohne zur Sprache gekommen war,
daß ihr Bruder in dem Augenblicke, in welchem er
ihre Tochter in dem Fürstenschlgsse Jzum »Altar führen
sollte, mit der Tochter -eines Pfarrexs; mit einem
Mädchen, dessen Mütter noch. alsußörigegeboten wor
den war, sich trauen: lässen wollte, war ihr' unerträg-
lich. Zwischen der Kränkung, die ihr die. Eippen zu-
sammenpreßte, und zwwischen demVerlängen schwebend,
das drohende Ereigniß abzuwenden, oder, mindestens
doch aufzuhalten,. wendete sielsich,, alsi die Verlobten,
von. Miß Kenney gefolgt, das Zimmet, bereits ver-
lassen hatten, noch einmal- zuEmanuel zurück, der am
Kamine stehen geblieben;war. --
- ,Du denkst also; wirklich hier Fu bleihen?. Du
gehst nicht mit uns? fragte die-Gxäfin; und ihr Ton
verrieth es, wie sehnlich sie aufeineerwünschte,Ent-
scheidung hoffte.-.
. ,Nein!s entgegnete er fest und unbewegt,. ,aber
ich hoffe, Deine Gastfreundschaft hier zicht lange mehr
zu mißbrauchen.! -
-- ,lso hate Michael doch Rechtl? stieß die.Gräfin
in ihrer Empörungfr fafts ohne es zu wissen, heraus,
so daß der Amtmänn: und die» Mapasell,, die an der
ofenen Thüre standen, es vernehmen Jonnten; und
dem Fürsten und Clarissen folgend, ßtiieg,sie, von dem







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Hausz und Gutspersonale geleitet, die stattliche Treppe
hingb gnd -in den Wagen.
- -- Der. Baron blieb oben in dem weiten Saale ganz
allejn gurück.. Die Worte seiner Schwester -hatten ihn
wie, ein Dolchstoß getroffen. Sie verriethen ihm zu-
gleich, daß Miß Kenney ein abgekartetes Spiel mit
ihm -getrieben. Die Jezte Stunde hatte viel Erleben
auf. ihn' gehäuft.
- Die, Thüren. standen offen, der scharfe Zugwind,
der. vom Vorsaale kam, wehte: die Flammew der Kerzen
unxuhig.hin und' her. Emanuel hörte, wie man den-
Schlag des Reisewagens zuwarf, er hörte den weithin
challenden Peitschenknall; mit welchem der Kutscher
und- der Vorreiter die Abfahrt einleiteten, das;,Adiau? .
und ,Glückliche Reise', welches die scheidenden'Herr-
schaften undz die zurückbleibenden Beamten und Diener
einander zuriefen und das der Hufschlag' der Pferde
und das Rollen der Räder in sich verschlang.. Dann
wurdel das Portal geschlossen. Auf dem wechen Boden,
des großen Hofes verhallte das Kommen und Gehen
der Leute. Es wurde Alles wieder still, nur der Wind,
der gufgestanden und heftig geworden war, zeg heu-
lend; durch die:Luft, und stieß gegen die Fenster, daß
fie klirrten. Im Schlote rieselte der. Ruß hexunter,
die. Eule, die- im Thurme nistete,' hatte sich auf dem
Balkon dicht vor dem Simmer niedergelassen, und ihr
Ruf tönte melancholisch durch die Stille. -
-- Pie der Baron. sich umsah und sich so verlassen
in dem Saale fand, überschlich ihn ein schmerzliches
Gefühl. In der Stunde, in welcher ihm zum ersten-

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male die Liebe eines Weibes, wie er sie sich ersehnt,
entgegengekommen war, wendeten die Seinen sich von
ihm ab, beleidigte ihn die Frau, die er mehr als eine
- Schwester, die' er fast wie eine Mutter geliebt, in der
er eine Freundin verehrt, und die sein volles Vertrauen
besessen hatts. Sie, die es wußte, wie die Entstellung
seines Aeußeren ihn von Jugend auf gedrückt, wie er
um dieses Mißgeschickes willen kein Glück für sich er-
hofft, gerade sie hätte ihm nicht' anthun dürfen, was
sie ihm nun gethan hatte. War: ee denn nicht der
Herr über sich selber nach seinem Ermessen und Be-
dürfen in aller Freiheit zu entscheiden? -- -
Weil sein Herz sehr weich, seine Anhänglichkeit
an seine Schwester lebhaft war, bliebihnMichts übrig,
als sich mit Zorn gegen sich und sie zuwwaffnen, Es
empörte ihn mit Recht; daß sie imn Augenblick des
Scheidens die nichtswürdige Verleumdung eines fort-
gejagten Dieners ihm in das Antliz zu schleudern,
- daß sie damit nicht nur ihn, sondern auch das Mäd-
chen zu beschimpfen gewagt hatte;' welches in kürzester
Frist den Namen führen sollte, den zu tragen die
Gräfin selber so stolz gewesen war. Auch er' hatte es
freilich niemals gut geheißen, wenn Mitglieder- der
alten Adelsgeschlechter Verbindungen mit Bürgerlichen
eingegangen waren und dadurch jene Reinheit des
adeligen Blutes getrübt hätten, die er ebenso. wie seine -
Schwester immer als einen Vorzug aitgesehen hatte.
Er hatte auch nie an die Möglichkeit gedacht,
außerhalb der adeligen Familien sich eine Frau zu
suchen. Aber hatte er denn hier- gewählt?=-- Wie

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aus der Hötter Hand, wie eine Huld des Schicksals,
so-ungesucht;iso unerwartet, -so plötzlich und so über-
wältigend -war die Liebe' des himmlischen Geschöpfes
- ihm zu Theil geworden, die. ihn vorahnend schon so-
sehribeglückt hatte! -Niemals hatte er -sich innerlich so
- ausgeglichen, so versöhnt mit seinem Loose empfunden,
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als seit dem Tage, an welchem Hulda ihm begegnet
war; und wie sie ihm damals als die: Tochter der
Segennspendenden Göttin erschienen, so war sie ihm
auch zu einem Segenrgeworden und mußte dies iwer- -
den mehr und mehr, je vollkommener ihre schöne-
Natur sich unter. der Pflege -entwickeln würde, welche
seine Liebe ihr zuzuwenden dachte.
- Siestand wieder vor ihm in aller ihrer Jugend- -
herrlichkeit. Er fühlte sie' wieder an seinem Halse
,. hängen, ihr Haupt an seinem Gusen ruhen, es trieb
ihn sie wieder aufzusuchen, um in- ihrem Anblick, in
ihrer Liebedie-peinlichen Eindrücke der lezten halben
Stiide zu vergessen: ! -
--? In dem -Vorzimmer kam sein Diener ihm ent-
gegen.. -Er wollte wissen, ob er auspacken solle, -er
hatte fich zu erkundigen, won der Baron das Nachtessen
einzunehmenwwünsche; ober-es im Speisesaale oder in
seiem Zimmer aufgetragen habenwwolle.. Dazwischen
gingen ein paar Hausmägde an ihm- vorüber; welche

? unter Aufsicht der Mamsell mit häuslichei Verrich-
tungen beschäftigt waren. Die Auflösung der bis-
herigen Zustände gab sich schon jezt in vielen kleinen
Zeichen-kund, und Emanuel sagte sich, morgen um
diese Stunde werde er wahrscheinlich das Schloß

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ebenfalls verlassen haben. Er hatte schöne Tage mit
den Seinen, mit der Schwester, mit'Clarisse und dem
Fürsten hier verlebt- schöne Tage, die nach dem
Vorgegangenen nie wiederkehren konnten.
- Wie er in das Freie' hinaustreten wollte,- drängte
der Sturm vom Meere her so heftigngegen die Thüre,
daß er Mühe hatte, sie zu öffnen, -und-Mühe, draußen
die kleine Strecke vorwärts zu kommen. Die Aeste
in der Tannenallee neigten sich unter Fem Orucke des
Windes tief hinab und schnellten sausendin die Höhe,
während es in den Kronen und Wipfeln knarrte, und
von dem Eichenkampe her, das scharfe, welke Laub wie -
ein hartes, braunes Schneegestöber durch die Lüfte
jagte. Er war froh, als sein Fuß die Schwelle des
schüzenden Gärtnerflügels betrat, froh der Aussicht,
in des geliebten Mädchens Nhe Alles zu vergessen,
außer dem Glücke, sich geliebt zu wvissen. - -
Aber auch hier fand er es nicht; wie-er's:erwartet
hatte. Er hätte gehofft, die'Holde würde jhw ent-
gegengekommen, den Widerschein der jungen Liebe auf
dem blühenden Gesichte: Statt dessenlsaß Mdiß-Kenney
in stillem, sich bescheidendem Schnerze versunken in
den Polsterkissen ihrer Sophaecke, und Hulda, erhob
sich von der anderen. Seite des Tisches undnblieb scheu
und ohne ihn auch nuur anzusehen,' aufihrem Platze
stehen.
,Was bedeutet das? Was ist geschehen, Geliebte?
fragt er, obschon er sich es. sehr wohl erklären konnte.
Er hatte ihre Hand ergrifen und seinenArm um -sie
gelegt. Sie entzog sich ihm mit Aengstlichkeit, und

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sich niederbeugend, um seine Hand zu küssen, brachte
fie mrühsam - die Worte: ,Verzeihen Sie mir, Herr
Baron!r über ihre bebenden Lippen.
,Ich soll Dir verzeihen, Geliebteste!? -rief er.
,Was für ein Wort ist das! Ich soll Dir, verzeihen,
daß ich glücklich bin,' daß Du mich llebst! Daß Du mir
Dein liebes Herz geweiht? = Welch ein Wahn, welch
ein Böser Zauber hat Dich denn ergrifen? Was könnte
ich Dir, ich Dir denn zu verzeihen haben, die Du die
Reinheit und die Liebe selber bist? -
- - ,aß ich mein!Auge zu Ihnen erhoben, daß ich
Unfrieden gebracht habe, wo ich Wohlthaten empfan-
gen,- daß ich-- daßichk sie konnte nicht' weiter
sprechen und verhüllte ihr Gesicht mit ihren Händen
, - zAlso dazu, hat meine liebe Freundin Kenneydie
kurze Zeit benüzt in der ich von Dir entfernt gewesen ?
bin? Diese Lektion hat man Dich lernen lassen?
sagte iEmanuele mit einem- Lachen,-dasi Feineö Ent-
rüstung nur schlecht verbarg. ,Welch ein Glück, daß
Dein,Gedächtniß nicht schneller ist, und daßDein' Herz
sicherlich keine: Silbe von der unvergleichlichenLektion
begrifen: hat. Aber ich sehe es, Deines Bleibens ht
hier nicht und auch des meinen nicht. Morgen in der
Frühe bringe ich selber Dich' nach Hause, bis dahin
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lebe' wohl, mein Kind!? -
, ,Verzeihen Sie mir,! sagte Miß Kenney, wäh- Z
rend sie ihn mrit. ihrem sanftesten Blicke freundlich an-
-
sah, - ,verzeihen Sie mir, wenn ich zum erstenmale
Ihren Anordnungen entgegentreten muß, Herr Baron, z
Hulda ist mir von ihren Eltern und von' der Frau,

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Gräfin awvertraut, und ich habe von der Letzteren den
ausdrücklichen Befehl: erhalten,. daß ich -sie morgen zu
ihren Eltern bringen und bis, dahin sie. unter meiner
alleinigen Obhut behalten soll.? -
Emanuel fuhr auf. Sich in solcher Weise be-
vormundet und gehindert zu sehen, war ihm unerträg-
lich. ,Die Gräfin ist sehrbesorgt füx meine. Braut,
sagte er, ,aber sie wird --mir das Vertrauen schenken
müssen, daß ich selbst bestimme, was mir in meinem
besonderen Falle als das Angemessenste erscheint. Hülle
Dich warm ein, !Geliebte, in einer halben Stunde bin
ich hier. -Du sollst schon diese Nacht unter dem Dache
Deines Vaters schlafen, das Du nie verlassen haben
würdest, hätte die Gräfin mir gefolgt. ? - -
Er schritt der Thüre zu. Hulda stand - willenlos
wie ein Kind inmitten. des kleinen. Gemaches. Ihre
Hilflosigkeit und die Empörung; des Barons gingen
Miß Kenney zu Herzen und warfen älle?ihre Vorsäze
über' den Haufen. Sie wußte,nicht, was sie wünschte,
was sie thun sollte. Sie war einst Felber jung, und
schön gewesen wie das Mädchen, das hier vor ihr stand,
sie war geliebt' worden von dem Sohne des reichen
Edelmannes, dessen Pächter ihr - Vater ;gewesen war,
hatte demüthig entsagend ihre Fämilie und. ihke Heimath
verlassen, um dem Wohlergehen der Ihrigen nicht
zum Hinderniß zu werden, und sie hatte Friedei und
Ruhe und eine. neue Heimat und eine neue Familie
in dem gräflichen Hause gefunden, n das sie ein-
getreten war. Warum. sollte diesen: Mädchen nicht
ebenso gelingen, wasi ihr gelungen wwar? Warum



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sollte sie: durch ihr Beispiel und ihren Rath nicht zum
z weitenmale'der Friedensengel: in einem edeleni Hause
werden können? Nachgiebigkeit und Entsagung lagen
so sehr in ihrer Natur, daß sie nicht begrif, wie
nichtein Jeder seine höchste Befriedigung in-der Selbst-
verleugnungfinde.
-- Sie hatte sich erhoben und ihre Hand auf Ema-



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nuel's Arm gelegt, um ihn zurückzuhalten. ,Lassen
Sie mich keine Fehlbitte thun,! sagte sie, ,zwingen ?
Sie mich nicht, zum erstenmale den Anordnungen der
Frau Gräfin zuwider zu handeln. Und wiegt, denn
die unbedachte Neigung eines Kindes die alten, heilhgen
Bande der- Geschwisterliebe auf? Denn=- Sie kennen
die Gräfin ja so gut wie ich- sie opfert Mlleseher
alsihke Neberzeugung!!
- Das ermahnende leise Bitten der Greisin, die-
Willenlosigkeit, in der er Hulda vor sich sah, regten
Emanuel's ohnehin an diesem Abende übermäßig an-
gespannte Nerven heftig auf, und die- letzten Worte
machten jdas Nebel ärger. , So wird die Gräfin es
-um so iratürlicher finden,! rief er, , wenn auch ich
meiner Neberzeugung folge. Halte Dich bereit, Mädchen!
In kürzester Zeit steht der Wagen vor der Thüre!?
---'- Er schritt rasch hinaus, Hulda setzte Fich wie be-
täubt in eine Ecke nieder. Die gute alte Kenney
schwankte zwischen ihrem Gewissen und ihrem Herzen,
zwwischen Pflichttreue und Empfindung, zwwischen ihren
Standesbegriffen und ihrer Gefühlsseligkeit. unschlüssig Z
hin. und her. Sie warf es. Hulda vor, daß ihr Mangel
an wahrer Sittsamkeit all dies Unheil verschuldet habe.
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und fühlte ihr ängstlich den Puls, denn das Mädchen
war sichtlich leidend. Sie erklärte, daß sie:Hulda nicht
mit dem Baron in Nacht und Nebel und oobendrein
in solcher Sturmnacht fortgehen lassen' könne. Sie ver-
langte, Hulda selber solle es aussprechen, daß sie bei
ihr bleiben wolle, daß sie erst morgen zu den Ihren
zurückzukehren wünsche, und daneben - rührte sie. das
Schicksal des jungen Mädchens und des Barons, denn
sie konnte es ermessen, welche Saiten- heute in dem
Herzen Emanuel's erklungen waren.. -Aber was sie
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auch sagte, um Hulda anderen Sinnes zu machen, es
blieb Mlles wirkungslos. .
,Ich gehe mit ihm! Und ich muß nach Hause
-- heute noch und gleich!!: sagte sie-wieder und, wieder,
als ob kein anderer Gedanke -daneben Raum - in
- ihrer Seele hätte; und plözlich aufspringend wie in
jähem Schreck, fügte sie; hinzu: ,Genn er nur erst
käme! Es zieht mir amHerzen, daß.ich nachiHause muß!?
Sie war in die Nebenstube gegangen, Fch zur
Abfahrt anzukleiden, Ndann' trat sie ian das Fenster,
sah in die Nacht hinaus, und gingugleich. wieder nach
der Ühr zu sehen. Ihre Unruhe, wurde ämmer größer.
Miß Kennney sagte ihr, sie sei ernstlich, krank, sie habe
Fieber.
,Nein!r versezte sie. ,Aber angst ;ist mir, so
unaussprechlich angst; äls müßter ich zu Fuß nach
- Hause, wenn's nicht anders wäre!.. Wenn- er nur erst
käme - so war mir noch nie!?=- -Mit peinemmale
eilte sie auf's Neue an das Fenster und: öffnete zs.
Der Wind schlug es mit Heftigkeit zurück. Das eine
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der, beiden Lichter, die auf dem Tische standen, erlosch
davor. -Miß Kenney, von dem eisigen Luftstrom
scharf getrofen, fragte, was das heißen solle.
- - ,Hörten Sie es nicht?! entgegnete Hulda, und
sah verwirrt um sich. ,Es war mir gerade, als
ob ich meine Mutter rufen hörte. Es ging mir
durch Mark und Bein! Ein lauter, ein entsezlicher
Hilferuf!
Miß Kenney schloß das Fenster und holte sie
zurück. Es wurde ihr selber bange, sie fürchtete, das
Mädchen sei- nicht bei- sich, so krankhaft war sein
Verlangen, fortzukommen, seine Sehnsucht nach der
Mutter.
Aber auch der Baron stand im Schlosse gm-
Fenster seines Zimmers und wartete in einer Ungeduld,
die ihn verzehrte, auf die Pferde, und das Schweigen
um ihn her machte seinen Zustand quälender.
- Er hatte den Befehl gegeben, Feinen Wagen an-
zuspannen, seinem Rdeitknechte, sich zum Vorreiten bereit
zu 'machen, denn obschon der Weg vom Schlosse nach -
der Pfarre kurz und völlig eben war, machten die tiefe
Dunkelheit und der Sturm die Vorsicht nöthig. Auf
die Frage seines Dieners, ob er den Mantelsack auf
den Wagen zu legen, ob er den gnädigen Herrn zu
begleiten habe, hatte er verneinend geantwortet, ohne
zu erwähnen, wohin er gehe und wann er wieder-
kehren werde. Der treue Mann, der den Baron seit
Jahren auf allen seinen Reisen begleitet hatte, machte
sich leisen in dem Gemache zu thun. Ihn drückte die
Vereinsamung, in der sein Herr zurückgeblieben, der

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Unfriede, in welchem die Gräfin von ihm geschieden
war. Er hoffte im Stillen, daß der. Baron sich eines
Anderen besonnen, daß er sich entschlossen habe, den
vorangegangenen Reisenden noch in dieser Nacht zu
folgen.
Emanuel bemerkte die Anwesenheit des Dieners
kaum. Es gingen ihm andere Dinge durch den Kopf.
Auch in ihm wogten Empfindungen und Gedanken in
raschem Wechsel hin und her. Denn erst jetzt, da er
für wenig ruhige Augenblicke sich' selber überlassen
war, kam ihm die deutliche Vorstellung, wie er eben
in diesen Stunden an einem Scheidewege auf seiner
Lebensbahn gestanden und über seine Zukunft gegen
- alle seine bisherigen Absichten entschieden. habe.
Er fühlte sich wie verwandelt. Das Glück, sich
geliebt zu sehen, hatte seinen Unglauben an sich selbst
besiegt; aber das drohende Zerwürfniß mit seiner
Familie dämpfte die Empfindung, mit welcher er an
Hulda dachte, und neben dem Unbehagen, das seinem
edlen und auf ruhige Entfaltung der Dinge gestellten
Sinne die Art und Weise verursachte, in welcher er
sich das geliebte Mädchen jett anzueignen hatte, konnte
er nicht darüber in Zweifel sein, wie man in den
Kreisen, in deren Gesellschaft er zu leben und auf
deren Meinung Gewicht zu legen er gewohnt wwar, den
Schritt beurtheilen würde, den er zu thun beschlossen
hatte.
Seine innere Bewegung steigerte sich an der
Nothwendigkeit des Wartens. Er war froh, als sein
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. L-


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Wagen endlich vor der Thüre hielt, als er Hulda
wieder vor sich sah und sie ihm, da er in das Zimmer
trat,. wie einem Befreier mit dem Ausrufe: ,Gottlob,
-daß Sie da sind!? um den Hals fiel.
Wie er sie fortgeführt, wie Miß Kenney, von
dem Ereignisse überwältigt, all ihrer Einwendungen
vergessen, und von ihrer Liebe für Hulda, von ihrer
Freundschaft für Emanuel- hingerissen, sie segnend um-
armt, wie sie trotz ihrer sonstigen Sorge für die eigene
Gesundheit die Beiden hinausgeleitet hatte bis vor die
Thüre er wußte es selber kaum. Und er vergaß es
völlig in dem beseligenden Gefühle, mit welchem er
das Mädchen in seinen Armen hielt.
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