Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 22

Bweiundzwanzigstes Gapiies.
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Die Nacht war ungewöhnlich duükel! der Sturm
heulte, vom Meere kommend, in weitem, wildem Zuge
über die große Ebene hin, daß die starken Pferde
mühsam dagegen angingen und das Licht in den
wohl verwahrten Laternen des Vorreiters und des
Wagens nur flackernden Schein urch die Finsterniß
warf; aber weder die Gewalt des Windes, noch die
rauhe Nachtluft fochten Emanuel an.' Er war sehr
glücklich.
Unschuldig und vertrauensboll' wie ein Kind,
zärtlich und hingebend wie ein liebendes Weib, hatte
sich Hulda an ihn geschmiegt. Ihr Kopf ruhte an
seiner Schulter, er hatte seinen weiten Mantel auch
um sie geschlagen, er hielt sie in seinen Armen fest,
und mit einer sanften Wonne, die er nie zuvor ge-
kannt hatte, drückte er seine Lippen auf ihr Haupt,
auf ihre Stirne und auf ihren Mund.
Was ihm noch vor wenigen Minuten ein Gegen-
stand des Unbehagens gewesen war, das entzückte ihn.
nun er mit der Geliebten wie nit einem holden Raube
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durch das Toben der Sturmnacht einsam über die
nordische Haide nach dem Meere hinfuhr. Er hatte
Hulda in seinem Herzen und auch vor den Anderen
oftmals als die verkörperte Volksdichtung bezeichnet,
und nie hatte er sie reizender gefunden, als wenn sie
ihm die Lieder des Volkes zur Guitarre gesungen.
Nun fielen ihm plötzlich wieder die Verse ein, die er
von ihr gelernt, und Bei denen er»- er entsann sich
dessen deutlich - immer an sich und an sie gedacht
hatte, so oft er sie von ihr gehört. Es klang in ihm
-wieder, jezt, da er sie an sich drückte, jenes:
Din zu mir, dem Düstern,
Der es nicht bemerkte,
Spähte von der Seite,
Blickte still und sinnend,
Venes schöne Kind;
Und ich sah in's Aug' ihr
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Und es traf ihr Blick mich
Wie ein Strahl des Jimmels,
Tröstlich und gelind.
Allsofort ein Dringen
Am Gemüthe spürt' ich,
Daß mit ihr vertraulich
Holder Red' ich pflag'
Und erklingen hört' ich
Ihre süße Stimme,
Und entschweben fühlt' ich
Meiner, Geele Trübsal,
Aufgefunden war mir,
Was das Serz bedurfte,
Aufgegangen war mir
Tief in Nacht und Dunkel
Das ersehnte Licht.
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Die sanfte Schüchternheit, mit welcher sie seine
Liebesworte, seine Fragen beantwortete, das kindliche
Bangen, mit dem sie von den Eltern sprach, und da-
neben die stille Freude, mit -der sie seine Hände
drückte, wenn er ihr sagte, daß er sich neben ihr jung
wie sie selber und dem Leben neu gewonnen fühle,
ließen ihn es kaum beachten, wie zu dem, wilden
Sturme sich ein heftiges Schneetreiben, gesellt hatte,
in welchem seine Leute nur mit zgroßer Vorsicht vor-
wärts kommen konnten. Mit einemnüale schreckte
Hulda aus dem sanften Ruhen auf.
,Das ist Pluto! das ist unser Hund!r rief sie,
und das Gesicht an- das Wagenfenster lehnend, fragte
sie verwundert, ob man denns schon zu Hause sei?
Der Baron zog das Fenster herunter, man war
noch ganz im freien Felde. Hulda erkannte beim
Scheine der Laternen den alten Wegweiser, der unfern
vom Eingange in das Dorf. die drei Richtungen nach
dem Schlosse, nach- dem Dorf,' und nach dem Meere
anwies; aber es war des-Pfarrers. Hund, der, wie sie
ihn anrief, in hohen Sätzen- mit lautem Gebell. immer
und immer wieder in seinem Laufe innehielt, und an
dem Wagen emporzuspringen suchte.
,Wo er nur herkommt? sagte Hilda, als der
Baron das Fenster wieder geschlossen hatte. , Er
kommt um diese Stuide niemals von der Kette los!
- Und, fügte sie hinzu,' da sie inzwischen an den
ersten Häusern des Dorfes vorübergefahren waren:
,was muß denn hier geschehen sein? Gs ist noch
Licht in allen Häusern, und die Leute sind noch

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draußen! Noch in allen Häusern Licht! =- Wenn
nur nicht -Kähne in dem Sturme draußen sind.!


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,In dem Augenblicke hielt der Kutscher an. Es
war Jemand an den Vorreiter herangetreten, und
obschon der Wind darüber hinfuhr, hörte man Rede
und Gegenrede.
,Gas geht da vor?! fragte der Baron seinen
Diener, indem er sich zum Fenster hinausbog.
,Sie fragen,! gab der herbeigekommnene Reitknecht
zur Antwort, , ob wir vielleicht der Kalesche vom Post-
halter begegnet sind; wir kommen ja aber von der
anderen Seite:
,Wie kommt man denn darauf, das Fuhrwerk
zu suchen? erkundigte sich der Baron.
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Da trat, noch ehe der Reitknecht. Auskunft geben
konnte,' ein alter Mann in vielkragigem Mantel, die
Pelzmüze tief in die Augen gedrückt, eine Stalllaterne-
in der Hand,' an den Wagen heran; und ohne ?in
seiner angstvollen Eingenommenheit- von dem Er-
scheinen des Wagens, von des Barons und von Hulda!s
Kommen um solche Zeit und Stunde im entferntesten
überrascht zu scheinen, rief er, wie er die Leztere er-
kannte: ,Gottlob, daß Sie wenigstens nur da sind!
Da ist doch Einer, zu dem der Herr Pfarrer reden
kann!? - -
Es faßte Hulda wie mit Todesangst, als sie die
Worte von des Küsters Mund vernahm.
' ,Wo ist denn meine Mutter?! rief sie, ,Herr

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Falk! wo ist die Mutter? Sie ist doch nicht krank?
Wer soll denn kommen in des Posthalters Kalesche??
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,Die Frau Pfarrerin sollte kommen!! sägte der
Küüster. ,Die Frau Posthalterin ist krank und hat
heute Morgens nach der. Frau Pfarrerin geschickt, und
sie hatte von dort gleich nach dem Mittag abfahren
und um die Kaffeezeit zu Hause sein wollen. - Und
sie ist noch nicht da.!
,Sie wird des schlechten Wetters wegen zurück-
geblieben sein!! meinte der Baron, umu Hulda zu be-
schwichtigen und fortzukommen, obschon ihn selber eine
schwere Bangigkeit befiel.-
,Nein!! sagte- der Küster, ,abgefahren ist sie,
lang vor der Reitpost, die um fünf Ühr hier vorbei-
gefahren ist!?
Hulda stieß einen Schrei des - Entsetzens aus,
troz der Kälte brannten ihre Hände wie im Fieber.
Der Baron befahl, rasch zuzufahren,uin wenig Minuten
hielt man vor der Pfarre. - .
Die Gartenpforte und. die-Hausthüre standen
offen, der Pfarrer, die Magd,ein paar Frauen kamen,
als sie den- Wagen hörten,. aus dem Hause rasch
heraus.
,So weißt Du's schon!r rief der Pfarrer, als
fich Hulda ihm in die Arme warf, ,Du weißt es
schon?
,Nichts! Nichts wissen wir!! entgegnete Emanuel,
während er sich bemühte, den Greis und das Mädchen,
dgs sich kaum auf den Füßen halten -konnte, der
Unbill der Sturmnacht zu entziehen und sie in das
Haus zu führen.

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, Sie ist am hellen Tage um drei Ühr -abgefahren,!
klagte der Pastor. ,Es ist nicht anders, sie sind auf
Triebsand- gerathen, sie ist hin!?
- Hulda rief in lautem Schmerze nach der Mutter,
sie war wie außer sich. Däs Entsetzen, das an den
Vater langsam schreitend herangetreten war, überfiel.
sieplötzlich und warf sie nieder. Emanuel. strebte
vergehens, die Hoffnung in den beiden Verwaisten,
wenn auch nur noch für Stunden, lebendig zu' erhalten,
um sie wie einen milden Vermittler zwischen die Sorge
und! die unabweisliche Gewißheit zu stellen; aber seine
Trostgründe fanden bei den Beiden kein Gehör. Er
wollte seinen Reitknecht aussenden; er schlug vor, auch
mit den vier Wagenpferden Leute beritten zu machen,
um, wie er es nannte, die Verirrten aufzusuchen.
Indeß, er; wußte in seinem Innern wohl, daß der
Pfarrer Recht hatte, wenn er behauptete, hier sei kein-
Verirren möglich, als in das Meer.
- ,Der Postillon, der die Briefpost fuhr, hat das.
Wagengeleise verfolgt, sagte der Pastor mit der Ruhe
der Hoffnungslosigkeit. ,Er ist es selber eine halbe!
Stunde lang gefahren, dann war -es zu Ende. Der
Strand kam ihm auch verändert vor, es war' ein:
Stück wie abgefallen, und er ist weiter landeinwärts
gefahren!?
,Der Wind wird den Dünonsand jherabgejagt,
die Spur verweht haben!! tröstete Emanuel, den die
Staörheit in des geliebten Mädchens Sügen ängstigte
und der allein ermessen konnte, wie die Schreckens-

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kunde es eben jetzt in dieser Stunde mit doppeltem
Gewichte treffen mußte.
Der Pfarrer schüttelte ungläubig das müde Haupt:
,Der Wind? Auf dem nassen Sande? - Ganz un-
möglich! -- Und wo sollten sie geblieben sein? Wir
haben sie ja gesucht von hier bis zu des Posthalters
Haus - seine Leute, das ganze Dorf, die Kreuz und
Quer, als ob es möglich wäre, sich hier zu verirren!
Und die gefalteten Hände gegen die -leiche Stirn
gepreßt, rief er: ,Gott hat' es-so gefügt und wird das
Weshalb wissen; aber es ist hart! Sehr' hart für
mich alten Mann und für das' Kind! - Das beste'
Herz! Die allerbeste Mütter!-- Das arme, arme
Kind!-
Die Thrären flossen ihm -über die gefurchten
Wangen herab, Hulda war vor ihm iriedergesunken,
er hatte seine Hände auf ihr Haupt gelegt. Emanuel
stand herzbeklommen ihnen gegenüber. -
,Gin ich nicht da, mein Freund? - Hulda, bin
ich nicht da?! sprach er, indem er'sich zu ihr beugte.
Aber sie wendete sich mit einer ihn inerklärlichen
Scheu von ihm fort und klammerte sich; fnit den Aus-
rufe: Hier! Hier! -- Ich kann nicht bon hier fbrt!?
an ihres Vaters Knie.
Er wwagte nicht, ihr weiter zuzusprechen, dem
natürlichsten Schmerze hingegeben, wie sie wwar; und
von dem Vater eben jetzt der Tochter Haid zu' fordern,
Verzweiflung und Hofnung so ineinander' zu mischen.
sein Glück unterzutauchen in diese Fluth von Leid und

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Schmerz, wäre ihm vollends als ein Unrecht, ja wie
eine doppelte Entweihung erschienen.
Erst als-unter den Kommen und Gehen der
Leute aus dem Dorfe, die, solcher Ereignisse mehr
oder weniger gewohnt, sich nur davon betroffen zeigten,
daß derlei auch ihrem Herrn Pfarrer begegnen, daß
die Frau Pfarrerin so gut wie jeder Andere ein so
grauses und -plözliches Ende nehmen könne, Emanuel's
Diener mit der Frage an seinen Herrn herantrat, ob
er in das Schloß zurückzukehren oder noch hier zu
bleiben denke, wurde der Pfarrer achtsam darauf, daß
das Kopnen seiner Tochter in nächtiger Stunde und
in ,der Begleitung des Barons einen besonderen Anlaß
haben müsse.
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Er fragte, was den Baron hierher geführt habe,
weshalb er Hulda zu ihm bringe: Emanuel berichtete
also, wie man auch im Schlosse eine Trauerpost er-
halten habe, wie man rasch aufgebrochen sei, wie nur
er d und. Miß ; Kenney noch zurückgeblieben wären..
Das zog die Theilnahme des Pfarrers auf sich, ohne
die Ankunft Hulda's zu erklären, und da Emanuel
bemerkte, daß es dem Greise wohl that, wenn auch
nur auf-Minuten von dem Gedanken an sein Unglück
abgelenkt zu werden, sagte er: , Weshalb ich Ihnen
diese Meldung selber mache, weshalb ich Ihnen Hulda,
die mir theuer ist wie -Ihnen selbst, noch an diesem
Abende nach Hause brachte, das sage ich Ihnen morgen,
weün wir Alle nicht mehr von dem Unglück; das wir
erlitten haben, so überwältigt sind, als jezt; wemn

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etwas Anderes Raum in unserer Seele findet, als die
Klage um die theure Todte.!- -
,Also Sie wußten es wirklich nicht? fragte der
Pfarrer noch einmal, da die Anwesenheit Emanuel's
ihm mehr und mehr zum Räthsel wurde.
,Ja!! rief Hulda, noch ehe Jener die Antwort
geben konnte. ,Ja!. Vater! Ja! Ich wwußte es! --
Sie rief mich einmal, zwweimal,. so laut, daß-ich an's
Fenster eilte und es öffnete - aber ich sah Fie nicht.
-- Jezt aber, jezt seh! ich sie! Dort! Dort! --
Mdutter! Ach liebe Mutter!? - stieß sie mit herz-
zerreißendem Jammer hervor, und,. mit ausgebreiteten-
Armen sich rasch nach dem Fenster hin bewegend,
brach sie bewußtlos zusammen, noch ehe sie es er-
reicht hatte.
Der Vater, Emanuel, die -alte-Magd jprangen
schnell hinzu. Man trug sie nach ihrer kleinen Kammer,
man brachte sie zu Bette; jie wvar' pöllig ohne Be-
wußtsein, ihre Phantasie warf die»Eindrücke, welche
sie zuletzt empfangen hatte, in Fiebergluth wirr durch-
einander, und was Emanuel dem Vater rst morgen
mitzutheilen gedacht hatte,- das perrieth ihm Jetzt die
Tochter, ohne es zu wissen, das machte ihm Emgnuel's
Sorge um die schwer Erkrankte -deutlich. »Abex der
Pfarrer wies jede nähere Mittheilung -zurück! --
,Gott hat den Todesengel herabgesendet auf mein
Haus , sagte er in schmerzlicher Ergebungi gwie
dürfen wir an das-Feben denken, sö. laitge, seine
schwarzen. Fittige noch über unseren HäupternFchweben!
Wie ziemte uns Entscheidung, ehe der Herr entschieden

Kind 'sich nachholt. Die Trennung fiel ihi schon
hienieden schwer genug.- Ich denke, der Herr wird'
baermherzig sein mit ihr und auch mrit' mir? Er wird
- nicht' lange trennen, wwas er einst vereint hät

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Die Fensterladen standen ofen, man hielt an dem
Gedanken fest, ein Zeichen damit zu geben, falls' die
Vermükßten wider alle Wahrscheinlichkeit dennoch etwa
kommen sollten. - Die Leute aus dem Dorfe zogen
sich allgemach zurück, sie wußten; daß zur Rettung
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der Verschwundenen -heut' nichts mehr - zu thun'war.
Ihren Pfarrer zu' trösten, warensie sich viel zu shlecht, -
spät war es schon und morgen war auch sin Tag.
Endlich lging äiich der ernste pflichtgetreue Küster stll
und traurig fort. Aber die Thüre des Hauses wurde
nicht verschlossen, der Hund lag auf der Schwelle und
I Emanuel' hatte'nach dem Arzt gesendet, er konnte
jedoch vor Tagesänbruch selbst im glücklichsten Falle

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nicht eintreffen. Von Schmerz und' Sorge überwältigt
unds'umhergetrieben, wanderte' der alte, müde Vater
von dem Fenster nach der Thüre in das Freie. Er
-sah hinaus- hinaus, so weit die alten Augen tragen
wollten aber es war nicht zu ersehen, was -er suchte.
Der Wind jagte langsam die Wolken vom Lande
nach' öem Meere, die Fahne auf dem Kirchthurme
drehte sich und drehte sich wie sonst, und wenn der
Mond durch die Wolken brach, leuchtete er auf das
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Draußen fing der Sturm sich zu besänftigen' an.
hielt spähend Wache. -
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zu denken, ehe wir wissen, ob die Mutter nicht ihr
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hat? Oder wozu könnte es frommen, an Ihre Absichten

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Gärtchen und auf die Kiefern und guf das kleine
Haus gerade so sanft hernieder, gls schliefe das treue
Weib wie sonst an ihres Mannes Seite, und läge, nicht
tief unten im kalten Meeresgrunde. Er konnte es
nicht aushalten, daß das Alles gerade so wär wie
sonst, es trieb ihn in das Haus zurück, wo sie ihm
fehlte.
Hulda merkte nicht sein -Komen, nicht sein
Gehen. Ihre unstäten Gedayken waren jn die Mär-
chenwelt gerathen, mit der sie Jich so oft beschäftigt
hatten. Sie hielt sich für das kleine Küchenmädchen,
das der König der kleinen Leute zum WZeibe nehmen
wollte, und flehte Emayuel gn,. dies nicht zuzugeben
und sie nicht von sich gehen zu: lgssen. ie habe ihn
ja erlöst pon seinem Flüche mit ihrer, Liebe, und er
;ei ja wieder jung und schön wie auf, dem Bilde im
Schlosse. Ihn wolle sie ;eirgten und Königin mit
ihm sein.
Wenn sie das Alles in, einzelnen abgerissenen
Säzen kundgegeben hatte;, djg, ahex sowohl der Pfarrer
als Emanuel, welche Beide die,alte Sage zur Genüge
kannten, sich leicht zusammenreimten, so schrie sie auf,
die Mutter komme, die Mutter steige aus dem Wasser,
blaß und todt, und nehme sie mit Hich in das kalte,
tiefe Meer, und sie puisse sterben wie das kkeine
Küchenmädchen, denn dieMdenschen hätten bös hinein-
gesehen in ihr Herz und in ihr Glück. -- Es war
eine entsezliche Nacht!. Die schleichenden Minuten
wollten und wollten nicht vorwärts. Der Tag ließ

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lange auf sich warten--und was konnte er auch
bringen, als traurige Gewißheit?
. Von der Pfarrerin, von dem Wagen und dem
Pferde und dem Postillon, der sie gefahren hatte,,
fand - sich keine Spur. Sie waren und blieben ver-
sunken. Der Arzt erklärte, was sich die beiden
Männer selbst gesagt hatten, daß Hulda von einem
Nervenfieber schwer befallen sei;es müsse abgewartet
werden, ob ihre Jugend und Gesündheit es besiegen
würden. Als ob zu solchem Abwarten nicht die feste
und muthige Geduld einer vorsorgenden Frau gehörte!
Und die Frau, die hier gewaltet hatte, die hier mit
sicherer Hand geholfen haben würde, war nicht mehr.
- Während die unbehilflichen Männer noch beriethen,
was hier zu thun sei, während Emänuel daran dachte,
sich zunächst in der Pfarre einzüquartieren, und der
Pfarrer ihm bewies, wie in dem verwaisten Hause es
nun vollends unmöglich sei, den nothwendigsten Be-
dürfnissen egtes solchen Gastes auch nur einigermaßen
zu entsprechen, langte ein Bote aus dem Schlosse mit
einem Priefe der Gräfin für den Bruder, und einem
anderen Briefe für den Pastor in der Pfarre an.
Ein drittes Schreiben hatte er für Miß Kenney mit-
gebracht. Die Gräfin hatte sie, während man u-
spannte, alle drei schnell auf das Papier geworfen,
und' sie ihren rückkehrenden Leuten zur Besorgung
mitgegebet. Sie waren alle drei nur kurz.
,Ich habe mir eine Nebereilung vorzuwerfen,
Dir, mein Bruder, eine Härte abzubitten, wie eben
nur der Schrecken sie entschuldigen kann,! schrieb sie

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dem Baron. , Dich verheiratet zu sehen =- Du weißt
es, wie sehnlich ich es wünsche. Abex das Mädchen,
auf das Deine Wahl gefallen, ist sehr jung und Dir
in keiner Weise ebenbürtig. Wird die- Neigung,
welche Du für dasselbe fühlst, stark genng sein, Dir
die Mühe seiner Erziehung nicht lästig und- die Un-
bequemlichkeit, die Namenlose in unserer. Gesellschaft
zu behaupten, nicht schwer werden zu lassen? Hast
Du kein Widerstreben bei dem Gedanken, daß Deinen
Kindern um ihrer bürgerlichen. Mutter willen die
alten, schönen Familiengüter verloxen gehen müßten,
von denen wir den Namen tragen? Du -siehst, ich
bin nicht eigensüchtig, denn das Majorat würde das
Erbe meines Sohnes werden. Ich wollte also mit
diesen Zeilen Nichts erreichen, gls Dich um Verzeihung
bitten, und Dich auffordern, Alles noch einmal reifllch
zu erwägen, ehe Du Dich bindest. Daß mir die
Aussicht, ein Mädchen, welches ichzugunserer Dienerin
heranzubilden meinte, als meines Bruders Frau zu
denken, nicht willkommen ist, habe ich Dir daneben
auch nicht Hehl! --
Noch unumwundener sprach sie sich gegen Hulda's
Vater aus. Da er sie kenne; sagte sie, wwerde er sich
nicht wundern, daß sie mit dem Vorhaben ihres -
Bruders nicht einverstanden sei. Sie' halte es für
eine flüchtige Aufwallung, an welcher Hulda's naive
Uwvorsichtigkeit gewiß nicht ohne Schuld sei. Sie
selber sehe es jetzt zu ihrem Bedauern ein, wie be-
denklich alle Erziehungsversuche blieben , wenn sie
darauf gerichtet sind, ein Mädchen aus dem ihm durch

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die Geburt zugewiesenen Kreise zu entfernen. Sie
perlgsse sich aber in diesem Falle auf die Weltkenntniß
des Pastors wie auf seine Anhänglichkeit für die
gräfliche Familie, und auf die Dankbarkeit, welche
Simonene ihr schulde. Sie hoffe deshalb, daß die
Eltern selber das Unstatthafte dieser völlig unpassenden
-Verbindung einsehen und, so viel an ihnen wäre, es
verhindexn pürden, ihre Tochter in eine Familie ein-
treten zu lassen, der sie Alle Gutes zu verdanken
hätten, und in welcher Hulda doch niemals freudig
aufgenommen werden könnte.
Ihrer Vertrauten endlich gab sie, wenn auch in
freundlichster. Weise, zu verstehen, wie sie dieselbe in
gewissem Sinne verantwortlich für das Gesgehene,
halte, und verantwortlich mache für das, was jetzt noch
geschehen könne. Sie sagte ihr, daß sie ihr nicht zu
erklären -brauche, wie unverträglich mit seinen Ver-
,hältnissen, dieses Heiratsprojekt Emanuel's ihr scheine,
und wie sie zuversichtlich darauf rechne, daß Miß
zFeggey thun gverde, was in ihren Kräften -stehe,' um
Emanuel von seiner Verblendung zurüchubringen und
die Pfarrersfamilie an ihre Pflichten gegen das gräf-
liche und das freiherrliche Haus zu mahnen.
Emanuel sowohl als der Vater lasen Jeder den
an ihn gerichteten Brief. Aber wo man dem Tode
erst das Leben abzuringen hatte, konnte man über das,
was der Augenblick erforderte, nicht weit hinaussehen.
Nur das Eine, daß Emanuel nicht in der Pfarre
bleiben könne, wie daß man nach einer Pflege für
die Kranke suchen müsse, stellte sich als unabweislich

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heraus, und Emanuel' ließ anspännen,' umninnach dem
Schlosse zu fahren- und von doit die nothwendige
Hilfe herbeizuschaffen.- -
Als ek dort anlangte, hate -sich. die Kunde
von dem Unglücksfalle; der' die- Pfarietin be-
troffen, schon im Schlosse' erbreitet' 'ünd - Ent-
setzen erregt. Selbst Mamsell Ulölkö hatte' Alles
vergessen, was sie seit langenJahrei gegen die
Pfarrerin auf dem Herzen' gehäbt hätte. -Sie fehlte
überhaupt nicht leicht, wo -es einfNnglück zu beklagen.
einer Noth entgegenzutreten galt,' denn sie genoß sich
selbst imr Hilfeleisten und in Verschontsein. Nur
dem fremden Glücke gegenüber fand Fie sich immer
vom Schicksäle nicht' nach Gebührä bedacht, und das
regte ihren Zorn und ihre Galls äuf.
Sie und der' Amitmann waren schvn in den
. Kleidern, um nach der Pfarre hitüberzufähren, als
Emanuel- auf den Hof kan!' Der Alte? der -die Hof-
wache hatte, hielt' den Wagen'an!: Diei englische
Mamsell, sagte er, häbe des GärtnersMbchen schön
zweimal' hinausgeschickt, zu hören, ob' der. Herr'Bäron
noch nicht zurück sei. -'
Es war Alles in Aufregung. Man dräiigte sich
mit sotgenvoller Neugier 'an Emamiel und seine
Leute heran; die anspruchslose, werkthätige Pfarrers-
frau war bei Jedermann beliebt gewesen. --
Emanuel begab sich geradenwegs'zg Miß Kenney
und beschied den' Amtmann und Mamsell Ulrike eben-
falls dahin, um über die bestmögliche Versorgung
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Fanny Lewalb, Die Erlöserin. 1. - -

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des Gxeifes, und der Kranken zu herathen;, aber die
Herzensgßteder pielbewährten Kenney half mit rascher
Eirtscheidung über jede Verlegenheit hinweg. -Man
hgttg,,dje ggnze,,weibliche Diegerschaft zur Verfügung.
welche wwährend der, Anwesenheit der Herrschaft und
zahlreicher, Gäste zu;Hilfeleistungen angenommen wor-
den,,wvar;;. Kines der jungen Mädchen hatte sich Pe-
sonders anstellig und vexläßlich erwiesen, und Miß
Kenney erkläärte sich sofort bereit, mit dem, Beistande
djesex, jungen Dienerin die Pflege von Hulda bis zu
deren zollständiger Genesung, auf die man bei- so
ungehrochenen Jugendkräften, rechnen dürfe, über sich
zu -yehmen. Für sie, sei leichter ein Unterkommen in
dem Pfgxxhause herzurichten, als für den Baron»und -
seinen Diener. Sie könne weit mehr-nüzen, Fagte -
sie ,: als der, Baron.., Nebenher finde der Pfarrer,
wenn er, dessen bedürfe, an ihr eine Unterhaltung und
eine. Gesellschafterin, -auf welche er weniger Rücksicht
- alaufEmanuel zu,nehmen habe; sie werde auchbei ihren -
gexjngen, Bedürfnissen weniger entbehren, als Emanuel.
in glejchem Falle. Zur» Vermittlerin zwwischen- dem-
Arzte und der Kranken sei sie geeigneter,- als die.
- beiden, Männer, sie könne dem Baron Ja so oft er
wolle, Nachricht, von der, Kranken. zukommen, lassen;
sieswerde'von, Mamsell Ulrike fordern, was,man für
Hulda nöthig habe, und komme, diese wieder; zur, Be-
sinnung, stellten ihre Kräfte sich ;wieder'her, so sei es
gerade, damns ?am nothwendigsten, jede Aufregung, vor,
Allem natürlich das Wiedersehen und das Beisammen- -
sein mit dem leidenschaftlich liebenden Geliebten, noch

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für die erste Zeit hinauszuschieben.! Ai däsj Be-
sammensein mit ihr sei Hulda seit den letzten Monaten
gewöhnt, und in diesem fortgesetzten Beißtmmensein
werde dieselbe also am leichtesten zu - jener -gleich-'
mäßigen Stimmung kommen, welche der Genesenden
nothwendig sei.
Es war. das gllesssa zyyßgegleglich richtig, es
fügte sich aüf bies- Telfs' Asä ss gut ineinander,
daß Emanuel mit warmer Dankbarkeit guf das An-
erbieten der alten Freundin einging. Selbst Maiselt
ulrike ließ sich zu' der Erkläryiig herbei, es sei er-
staunlich, wie solch!'AinesDgnüe,, die nicht bei der
Wirthschaft hetgekömmmen sei, ddch einmali auf das
Praktische verfallen könne, wobei freilich ßicht gesagt
sei, daß Hulda all das Aüfhehei'' serdiete, -üselches
man jetzt' um ihretbillen mäche! Däimu föas-äs mit
ihr und dem Baron Eüaüüel Juf'sich, gehabt habe,
schon die ganzen Zeiten het,. ögs reideh üuk' wohl
Jeder wissen; und'' jezt wepde äait öeän äuch wohl
einsehen, wie deüPünen'Meüschez, denMichael, das
schwerste Unrecht äügethän Gssiöeit sei --
- Dabei abee pgcte'sie! döch. Alles'züfäfmen, was
für Miß Kenney' Pnd für -die KSßkeüiothwendig sein
konnte;''und wär -tiit ihrem: Fiüdei Pld äuf dem
Wege, um nach' dem erwitteten!Pästöt zü''hören,
und sich in der Pfärxe selber'sdanäch''unzuthün, wo
es etwwa fehlen und Aüshilfe'ziBiinFensein üiöchte.
ae---? - -