Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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- Dreiundzwanzigstes Gapites.
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--. Dem lebhaften Schrecken und der Angst dieser
schweren Tage folgte eine. Seit. voll stiller Sorge, im
Schlosse wie im Pfarrhause. Nur die regelmäßig
eintreffenden Briefe de Gräfin vexursachten ,für,
Emanuel eine Unterbrechung.
,,;; Bei, der durch die Gewohnheit verstärkten Sy-
nejßuyg,, welche die Gräfin und den Bruder verhand,
hei dem Einfluß, den ihre genaue Kenntniß seines
Henzens zmd seiner Anschauungen ihr über ihn, möglich
machte, war es, ihr nicht, schwer gefallen, eine Art von
ausgleichender Annäherung zwwischen ihnen herbeizu-
fühgen, Fesonders da die gefährhche und langwierige
Krankheit des von ihm erwählten Mädchens ein Ver-
bleihen,, im Schlosse für ihn zum Bedürfniß und da-
nehen die Peröffentlichung seiner Verlobung mindestens
bis zu, dem Zeitpunkte unmöglich mgchte, in welchem
man mit Sicherheit darauf rechnen konnte, Hulda dem
Leben zu erhalten.
Inzwischen hatte der Spätherbst sich mit seiner-
ganzen unheimlichen Trübe und Rauheit eingestellt.

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Die Sonne war oft wochenlang nicht. zu sehen, Regen,
Schneetreiben und Stürmelößten-einander in raschem
Wechsel ab, die Wege waren grundlös geworden. Die
adeligen Gutsbesitzer, welche auch' in der- Stadt an-
gesessen waren, hatten das öffene Lärd bereits ver-
lassen, ein paar andere, mit welchen- Emanuel einigen
Verkehr gehabt, wohnten so weit' ab,' daß man bei
dei übeln Wegen Aistand nahm, sie um - geringer
Unterhaltungen willen in solcher Entfermung aufzu-
suchen. Selbst die täglichen Fahrten?nach dem Pfarr-
hause nahmen allmälig die doppelts Zeit hin, wwelche
man in guter Jahreszeit dafür zu' verwenden pflegte.
Emänuel' hatte' es sich nicht nehmen lassen, Hulda
an jedem Tage zu sehen. Wenn er tief in seine
Pelze gehüllt in dem geschlofsenei Wagen; äus dessen
verschneiten Scheiben oft kaun ein-Ausblick möglich
war, den täglich gleichen. Weg pvni Schlosse näch dem
Dorfe fuhr, begegnete es ihm wohl bisweilen, daß er
sich selber fragte: Wie komme ich denn eigentlich
hieher und wieit es möglich,, daß ich hier im rauhen
Norden einsam lebe? -. --
- Er hatte seit seiner frühen Jügend nie einen-
Winter in det' Heimat zugebrachi, sich' ie in solch
völliger Abgeschiedenheit vgn der Welt befunden. Er
war an den Süden,l an die fortbausrnde Bunst und
Schönheit der Nätür' ebeüso Ngewöhnt wie an das
Leben in -den Kreisen derr' dürch ihre Herkunft' oder
durch eigene Bedeutung ünd Bildung ausgezeichneten
Menschen. Nun entbehrte -er das-?Beiöes plözlich;
nnd wenn er, an dem Läger Hulda's sizend, seine

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Augen auf. -das bleiche verfallene: Gesicht des ärniei

Mädchens; richtete, das ihn. in seinen. Phantasien mit
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sehnsüchtsvoller Liebe zu sich rief, und Beistand -und
Rettung aus den Gefahren, in die es sich versetzt
glaubte, -von ihm erflehte, war es ihm oft selbst zu

- täuschenden- Freuden und Leiden, als sei er wirklich
in- jene-Märchenwwelt verstrickt, mit welcher Hulda: seine
und ihre; Erlebnisse unablässig in Verbindung brachte!
--.Phne, irgend: einen Gedanken an sich -elbst, ohne
eine lebhafte: Hoffnung für seine Zukunft, nur-um
seinex Schwester willen,i war er nach langem Wander-
lebenzin, die, ihm,remdgewordene Heimat zurückgekehrt,
und- hier, -wo -er sie -am wenigsten gesucht, nwwar für
ihn die Blume der Liebe in schöner Naturwüchsigkeit
erblüht, um zu verwelken, da er sie berührte. -''
- - War das- der Fluch, der jeit Jahrhunderten, auf
seinem Geschlechte gelegen und sich inkmer an einem,
seiner, Sprossen kundgegeben hatte? Es war ein böset
- hrügexischerSchein des Glückes gewesen, der ihn äffte;
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-der ihm entzog, was er schon sein zu -nennen ge-
j- er, Fich so sanften Frieden und so süßes Ruhen er-

- glgubt; hsder: ihm -einen Widerstand bereitete; wo
hofft hatße. i -
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, daß. Niemand. sich ;der Fiebe freute, die ihm zu Thei!

geworden' zwwar: nicht die Seinen, nicht -einmal' der
Fater.des, Mädchens; dem-er :mit seiner:Hand-Reich-
thum und jede weltliche Ehre darzubieten hatte. - Frei-
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.?., Es schmerzte ihn und schloß ihm, essen weichem
Herzen- Mittheilung ein Bedürfniß. war, den Mund,

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Muthe, als -umfange ihn:: ein-: Traum t mit seinen
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lich vermochte er das Ehrgefühl des-Vaters nicht ein-
mal zu tadeln, der seine Tochter' einer Fämilie' nicht
aufzudringen wünschte, welcher er sich für' empfangene
Gutthaten, wie durch -seine langen Dienste angeeignet
fühlte, und deren Adelsvorurtheile er in seine eigenen
Lebensansichten aufgenommen' hatte. Er' konnte' Miß
Kenney auch kaum widersprechen, -wenn sie ihm in
Bezug auf Hulda zu bedenken gah, wie sehr' die Jugend
geneigt sei, einem Aufwallen ihreb Neigung mehr Be-
deutung beizulegen, als 'sie verdiene,' guid, wies leicht
solche Neigung oftmals zu überwinden Fej ! ,,
Aber wenn er' an Hulda's Sager saß, wenn sie
ihn rief mit aller- Kkaft ihrer jungen Seele wenn sie
zu ihm eilen wollte, daß man' Noth hatte,' sie auf
ihrem Lager festzuhalten, so hatte er'keinen änberen Ge-
danken als sein Verlangen, sie hergestellt' zu sehen.
Er erinnerte sich dänn -miit zärtlicher Rührung der
einzelnen Augenblicke, -in' welchen- die Ahnung ihrer
Liebe wie ein Meerleuchten flüchtig und bezaubernd
vor ihm - aufgetaucht war. - Er hieß - sie in seinem
Herzen, wie sie selber' sich gegen ihn' genannnt Fatte,
seine. Erlöserin; er fand eine Füße Genugthuüng in
ihrer Pflege, er sorgte' sich' üm siej indeß jene Ge-
wohnheit eines verständnißvollen Beisanimeiseins, durch
velche allein die Gellebke' äns zu einenUientbehr-
lichen, zu einem Theile'von gns selbstwird; hatte noch
nicht Leit gehabt, in ihm ihre ' Wüz.l -;uf Ig lag
Er liebte Hulda innig, ußd'!doch'hätts: sich, weil er
um seiner früheren Kräiiklichkeht ?illeü,, selbst sehr
lange der Gegenständ liebevollerVöksöige gewesen war,



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trotz seiner angebornen Herzensgüte ein Zug. von Selbst-
fucht in ihm ausgebildet, der ihn zu andauernder Hin-
gebung, -wo diese ihm keine Erwiderung eintrug, noch
ungeeignet muachte. Er litt daneben schwerer, als er
»gß; den Zdexen eingestand, von, dex, Unbill- des ihm
Fremd gewordenen Klimas, der er sich um Hulda's
willen täglich auszusetzen hatte; und wenn die Schwester
in, ihn drang, den Norden zu verlassen, wenn auch
der -Pfarrer und Miß Kenney ihm den - Vorschlag
mnachten, dem Winter auszuweichen und Hulda's Ge-
nesung im Süden gbzuwarten, so hielten bisweilen
nur, as Mißtrauen gegen die Quelle, aus welcher
diese Rathschläge entsprangen, und der Wunsch, Hulda
im Augenhlicke ihres Wiedererwachens nicht zu fehlen,
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. Das Weihnachtsfest war auf diese Weise traurig



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und melancholisch vorübergegangen. Die Briefe, welche
der Baron von den Seinen erhielt, hatten ihn auch
nicht zu erheitern vermocht. Der alte Fürst war-bäld
ngch der, Ankunft des Sohnes und nach dessen Trauung
mit ßlarisse gestorben; dgs yjunge Paar brachte, die
schönen ersten Tage. der Ehe in Trauerkleidern zu.
,ie: Gräfin -hatte sie pexlassen, Sie wollte das Bei-
sammensein der, Neuvermählten nicht durch ihre An-
wefenheit stören und wgx nach der Residenz gegangen,
um, dort die Anhunft. ihres, Sohnes zu erwarten, der
bei, semnex ,erseung zu, einer -anderen Gesgndtschaft
zßß ge geshägshndigen,Putter zusammentrefen und

mit ihr die, Erhschafts-Angelegenheiten ganz zum Ab-
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schlusse brängen sollte. -Indeß; seine Ankunft verzögerte
sich gegen seinen Pilen pon Fag zu Tag. Die
Gräfin, welche zum- erstenmale ihre,ganze Familie und
zugleich die Gesellschaft, ährer ' alten Begleiterin ent-
behrte, klagte darüber, wwie das Alter, den: Menschen
vereinsame, wie alle verständige Voraussicht durch den
Zufall zu Schanden gemacht werde, und wie thöricht
es sei, sich einzuhilden, -man müsse ernten, wo man
gesäet, und Liebe empfangen, wweil man sie gespen-
det habe.
Nur um die Verstjmmung los zu' wwerden, welche
der lezte am Morgen angelangte Briefeiner Schwester
ihm veranlaßt, hatte, fuhr der -Baron; am- Sylvester-
tage früher als sonst nach dem Dorfe hinunter.. Er
hatte seit Monaten keine einzige -erfreuliche Nachricht
empfangen, seit Monaten nur Trauer und Krankheit
yor Augen gehabt, seit-Wochen- keinen Sofnenstrahl
äus den grauen Wolken auftauchen, sehen, die Land
und Meer bedeckten. - Er fühlte, sich. niedergeschlagen,
und was; noch schlimmer, war, unentschlossenrund mit
sich selbst zerfallen. Zum erstenmale hatte. er sich heute
selbst gesagt, daß er- vielleicht, eine Thörheit begangen
habe, als er, seiner Neigung und der Leidenschaft von
Hulda nachgegeben- habe! Er-hielt es sich. vor, daß
er hier eine sonderbare Rolle -spiele, daß er sich in
einer Lage befinde, än die zu gerathenzer für unmög-
lich gehalten haben: würde.. .Fr-machte den yom Vater
nicht willkommen geheißenen, Gewerher um eineISter-
bende geringen Standes.- Das fielshni lästig,? so
lästig, daß er sich lebhaft sehnte, aus dieser Aage fort-
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- zukommen; und - doch widersprach in seinem Herzen ein
unwiderstehliches EEmpfinden allen seinen Gedanken
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und all den Einwänden, die er sich selber vorhielt.-


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- ,Wenn- sie jetzt vor mir stünde wie an jenem
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FFrühlingsabend! Wie gerne wollte ich geduldig harren,
wenn ich ihres Lebens sicher wäre!r rief er unwillkür-
lich aus. Da zuckte plözlich, als sein Wagen sich dem
Strande näherte, ein heller Sonnenstrahl' leuchtend' aus
den Wolken hervor, die kalten Meereswogen schim-
mmerten und glänzten, ein määchtiger Zug von' Möben
schwang'sich -mit schrillem Schrei vonr -Wasser auf,
und diei weißen Flügel -voll' entfaltet,' daß sie wie
Silbet funkelten, zogen sie ihm voian über den Kirch-
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thurm -und über das kleine -Haus-hinweg';'' wieder
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- -Er sah ihnen lange nach. Er hätte-sich mögen-
aufschwingen wie sie, sich emporschwingen über sich ,
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selbst? - Er fühlte ein unbeschreibliches Verlangen nach -
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Fichth -nach Wärme, nach dem Frühling' und nach -
Freude! Das -Herz -war ihm zun Springen voll,
als er wieder in die niederek kleine Stube trat, in die -
heute freilich die Sonne hineinschien, als wieder der
Pfarrer -- und die Kenney ihn mit geduldiger Miene- -F
- begrüßten- und er sich wieder an dem Krankenbette
niedersezte: Aber' war es die Sonne, die ihn, mit ?
ihrem Scheidegruße am Jahresende täuschte oder hatte - ?
die Ruhe der lezten. Nacht, welche die Pflegenden
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rühmten, ein Wünder an Hulda gethan?
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, Emanuel hatte sich ihrem Lager kaum genähert,
als sie die Augen aufschlug und sie an ihm haften
ließ. Miß Kenney gab ihm ein Zeichen, sich ruhig
zu verhalten; die Kranke wendete keinen Blick von
ihm. Es war, als traue sie ihren Sinnen nicht. Mit
einemmale flog ein Lächeln über ihre hleichen Lippen-
Der Baron konnte sich nicht länger halten. Er' nannte
leise ihren Namen, jie horchte auf und reichte ihm die
schwache, matte Hand. - -
,Ech, Sie sind's! Sie sinb'e!r rief sie mit einer
Zärtlichkeit und einer Freude, die ihren Wiederhall in
seiner Seele fanden. --
- Er,. kniete an- ihrem Lager nieder, seine Augen
füllten sich mit Thränen.' Er hießsie; sein holdes
Kind, seine Hulda, seine Geliebte.Kr kßßte -ihre
Hände, ihren Mund. Sie versuchte ?sich enporzu-
richteg, aher die Kraft. dazu gebrach ihr.ie Sinne
schwanden ihr, es war zu viel -für, sien gewesen, und
wie draußen der helle, -Sonnenblick wieder: in, :ie
Trübe versank, entschwand auch. wieder ihrBewußtsein.
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