Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 24

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Bierundzwanziglles Gapiies.
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Es war spät am Abend. Das Jahr hatte vot
seinem Eide nur noch -ein paar Stunden' zu durch-
laufen. -Emänuel' hatte sichden Tag über mt seinen
gewohnten Studien zu beschäftigen- versucht; aber es
hatteihm nicht gelingen wöllen. - Er sehnte' sich nach-
einen Meirschen, demi er vertrauen konnte;' was ihn -
heute erschüttert, dem er von seinem Hoffen,-seinem ,
Fürchteninbefreiendem Gespräche reden konnte, dessen- -
irterhaltung ihn abzöge von demt ermüdenden eigenen ;
Denken. Aber woher sollte ein solcher Gast ihm kom-
men, hier und in dieser kalten Winternacht?
Im Schlosse war Alles still. In dem großen I
Dfen prasselte das Feuer, die Funken stoben knisternd
hervor, wenn ein Windstoß die Flamme in das Zim-
mer trieb, auf dem altväterischen Schreibtische tickte
die Uhr, die hier schon vielen Geschlechtern die Stunde
der Geburt und des Todes, sowie das Kommen und
Gehen der Jahre angezeigt und geschlagen hatte.
Draußen fiel der dichte Schnee hernieder.

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Vor einem Jahre hatte er den Sylvesterabend
freilich anders, im Hause seiner Schwester, in Italien,
in heiterer, erfreulicher Gesellschaft' zugebracht: der
Graf damals in voller rüstiger Gesändheit; Fürst
Severin und Clarisse eben erst verlöbt, des - Fürsten
Vater heiter über des einzigen Sohnes Wahl und
Glück, und dazu ein kleiner landsmännischer: Kreis,
in welchen auch ein paar Familien aus den russischen
Ostsee-Provinzen eingerechnet waren, die sich, obschon
seit Menschenaltern in Esthland und Finnland an-
gesessen, um ihrer deutschen Abstammung willen immer
noch zu den Deutschen zählten, und sich Etwas damit
wußten, das deutsche Blut und den alten deutschen
Adel in aller Reinheit unter sich aufrecht erhalten zu
haben.
Es hatte so viel fröhliche Zuversicht zum Leben
. in dem kleinen Kreife geherrscht; Alles. hatte so gut
zusatnmengestimmt. Nun: hatte: der- Tod schon zwwei

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der damals Versammelten: hinweggeraft, und wo
mochten die. Anderen sich befinden, denen die schöne
Konradine in der Verkleidung eines WPostillons an
jenem Abende die kleinen sinnreichen Geschenke über-
bracht, welche ihre Mutter mit heiteren dichterischen
Briefen begleitet hatte, in denen sich ihr schärfer Geist
in seiner ganzen epigrammatischen Eigenthümlichkeit
verrathen.
- Emanuel hatte -in den letzten - Monaten an
diese Familie kaum einmal gedacht, obschon er zu
verschiedenen Zeiten und an verschiedenen: Orten
- auf seinen Reisen mit ihr zusamnengetrofen war.

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Die-Mutter , sie war eine Jugendfreundin der
Gräfin'und , sehr jung verheirathet worden, hatte den
Ruf einer loriginellen, geistreichen iFrau.- Sie war!
früh?zursWittwbe geworden, hatte mit ihrem einzigen?
KindeiZimmer.ein. Wänderleben: -geführt, und ihres-
Reisenhätten dazu beigetragen, jenem Mdufe ihrer
Originalität. eine möglichst weite Verbreitung zu geben.
Eskaften -daneben wohl auch Gerüchte von mancherlei
Verpicklungen - zur Sprache,' in welche fremde ünd
eigeneLeidenschaft die junge, ihrerzeit vielumworbene:

und. reichbegüterte Frau gebracht haben: sollten,-aber.
da man sie: nur für unbedacht, nicht für eigensüchtig
oder intrigant hielt, ging man gutwillig darüber hinweg.
Ihr Ruf- war- durchaus nicht angetastet;' undweis man
, sich nun einmal daran gewöhnt hatte, die Mutter:
gelten. zu lassen, wie sie eben war, besonders da sie,
wie, sie lachend zu behaupten pflegte, nicht im ent-
ferntesten. Anspruch darauf. machte, als das Musterbild;
einer ehrwürdigen Matrone angesehen zu werden, so
- fandz man' es nur natürlich, wenn Konradine auch ihre
eigenen.egehging,' wwennsie, die- den Oreißigern nichs ?
mehr: fexnek-par und diesigeflissentlich hervorhöb;xun- -
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umwounden -erklärte, ihre Freiheit gehe ihr über Alles. -
An,das.iSusgmmenleben mit: der Mutter seis sie. bon -
Sgend:tauf gewöhnt, sie verstäänden es daher sehi-gut. -,
sich in die gegenseitigen Launei wohl zu schicken,t ohne. ;
einander zu beeinträchtigen; fremde Launen und die -
Tyrannei eines Ehemannes zu ertragen, fühle sie sich;
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aber nicht. gemacht, weil sie es ohnehin schwer genng ;
finde,' mit sich selber fertig zu werden. '
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Die beiden Frauen waren es auch gewesen, duxch
die vor Jahren Emanuel zuerst auf die lettischen,
esthnischen und lithauischen Lieder aufmerksam gewor-
den war. Er hatte in Italien Frauvon Wildenau
und die Tochter einmgl in einer Sprache, sprechen
hören, die, an Wohlklang keiner südlichen,nachstehend,
doch gewisse, nur dem Norden angehörende Töne in
sich geschlossen hatte, und, auf sein Befcagen aufahren,
daß es esthnisch, daß es die Sprache sei,b welche auf
ihren Gütern gesprochen werde. Er erinnerie sich deut-
lich des ersten Liedchens, das er auf jeine Bitte da-
mals von Konradine, hatte singen-hören. Es war
eine sanfte Liebesklage um einen jugendlichen Kranken.
Tio war so lieb und' gut, -?! -
Tio war mein einzig Gut.
Tio ward so krank, so krank,-.;-
Tio weltte, Tio sank.
Heute rührten ihn die schlichten Porte noch ganz
anders, als an jenem sonnnigen Nachmittage guf dem
Balkon über den Wassern des großen Kanales in
Venedig. Er hatte seit Monaten selber- oft genng
jenes: ,so krgnk, so krank!? in schwerer. Sorge seuf-
zend ausgesprochen, und wer wollte ihm verbürgen,
daß ihm Hulda nun pirflich erhalten pleiben, daß sie

nicht wie Tio welken- und in die Grube sinken würde?
Er ging an den Flügel, um die Melodie zu ver-
suchen; da meinte er mit einemmale ein Posthorn,er-
tönen zu hören. Er traute seinen Sinnen nicht. Es
ging um diese Stunde keine Post an dein, Schlosse
vörüber. Er horchte auf, er hatte sich nicht ge-

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täuscht. Das Signal wiederholte sich in nächster
Nähe. Die Klingel am großen Hofthore wurde ge-
zogen,-das Thor geöffnet. Bei der Stille; die imi'
Hofe herrschte, unterschied man jeden Laut. -Ein Reiter
sprengte? über den nachb dem Schlosse führenden ge?
pflasterteiWeg. -Der Hufschlag kang Pell in dei!!
Säal hinauf. Der Poftillon hielt auf der Rampe
an. Emgnuel. trat an das Fenster.
- Weil. er die Phantasie voll trüber Vorstellungen
hatte, weibihm jener schreckliche Abend, an welchem;
dem Fürsten die Estaffette die Botschaft von seinemti!
Vater gebracht, durch den Schall' des Posthornes wie-
der vergegenwärtigt wurde, schreckte er davor züsami-
men; und es war. mit unheilvoller Ahnung, daß er .
den Brief eröffnete, den sein Diener dem Expressen ab-
genommen hatte.
Er trug als Aufschrift den Namen des Barons
und war von einer Frauenhand geschrieben, die Emanuel
sofort erkannte. Was konnte die Baronin ihmi so-
Eiliges zu melden haben. Mit hastiger Neugier öffnete -
er den Brief. -
- ,Man muuß Glück sögar in Unglück haben!?
hieß es in- der ersten Zeile. ,Zwei gute Bekannteer-
bitten 'von Ihnen ein Asyl für eine Nacht und freund-
lichen- Empfang. Alles Andere mtit dem Neujahrs-
gruße, wie im verwichenen Jahr äs rirs roos; wenn-
gleich der Postillon, der diez Blättchen zu Ihnen
bringt, ein gut Theil robuster ist als Jener, welcher I
Ihinmni am lezten Sylvesterabend unsere guten Wünsche ?
aussprachi!

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Das Briefchen war mit dem Namen der Frau
von Wildenau unterzeichnet und von der nächsten
HPosthalterei datirt. Er begrif nicht, wie die Baronin
und ihre Tochter dorthin gekommen seinhnochten; aber
die Aussicht, diese beiden Frauen,-an die, er eben in
freundlicher . Erinnerung gedacht hatte, so völlig un-
erwartet wieder zu sehen, sie im- Schlosse- zu beher-
bergen und zu bewirthen, erschien Emanuelt sehr an-
genehm.
Auf die Nachfrage, die Emanuel' machen ließ,
hatte man von dem Postillon erfahren, daß der
, Wagen der Damen jenseits der Station umgeworfen
und schwer beschädigt worden, daß der Postillon, der
sie gefahren, nach der Posthalterei gekommen sei, um
Hilfe und eine Kalesche zum Fortbringen der Rei-
senden herbeizurufen. Danach, so berichtete der Bote,
hätten die Herrschaften in der Posthalterei nächtigen
woklen, und es sei schon Alles' dazu' bereit ?gewesen,
als sie gehört hätten, daß sie nur anderthalb Stun-
den von dem Schlosse der Gräfin entfernt wären.
Das hätte sie anderen: Sinnes gemacht. Sie hätten
den Brief hierher geschickt, und es wäre sofort ein Post-
wagen angespannt worden, weil die -beiden Damen
mit der Kammerjungfer gleich näch dem Schlosse fahren
gewollt.
Emanuel sah nach der. Ühr. Ncch den Angaben
des Postillons konnte man die Reisenden in einer
Stunde, also noch vor Mitternacht erwarten. Im
Amte und in den Domestikenstuben war. mün des
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. L

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Sylvesterabends wegen noch wach und auf den Beinen;
und der Baron' kannte seinen Diener und kannte auch
Mamisell' Alrlke darauf, daß sie ihren Stolz und ihre
Ehre - darein setzen würden, in außergewöhnlichen
Fällen' Außergewöhnliches zu leisten.
- - Er befahl, daß ein Reitknecht mit einer Laterne
den Erwarteten entgegenreiten solle, dann schickte er
in das Amt hinüber und ließ Mamsell Ulrike zu sich
entbieten, ihr die Ankunft der Gäste anzuzeigen, von
der sie natürlich schon Kunde erhalten hatte, und ihr, -
seine Wünsche für deren Aufnahme und Bequemlich-
keit an das Herz zu legen.
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Das war aber recht ein Ereigniß, wie die Mamsell
es liebte. Fremde, die noch nie im Schlosse gewesen - -
waren,' von' deren Leuten man Meues hören komnte; ?

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ein Anlaß, mitten im Winter einmal zu zeigen, was
das ;Schloß vermöge, und wenigstens doch wieder einen
Theil- von' all den Vorräthen und Herrlichkeiten zum
Vbrschein zu bringen, die sie in Bereitschaft gehalten,
weil: man auf einen längeren Aufenthalt der Gräfin
und auf die Möglichkeit gerechnet hatte, daß die Hoch-
zeit von Comtesse Clarisse im Schlosse gefeiert wer-
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den würde, das Alles war ihr eine große Genug-
thuungä Sie war es satt und müde, all' die feinen !
Früchte immer nur einzupacken, wenn der Baron nach -
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Man konnte es ihr ansehen, wie viel Vergnügen -
ihr die Aufforderung und die freundliche Bitte Ema-
muels machten. Die große Glocke in ihrer Wirth- ?

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schaftsstube brachte Alles in Bewegung, die Fenstet des
Schlosses erhellten sich nach wenig Augenblicken. In
kürzester Zeit brannten die Feuer in den Defen und
in den Kaminen, der Diener des Barons ging der
Beflissenen bei den Zurüstungen fleißig und -mit um-
sichtiger Erfahrung an die, Hand, und Emanuel selber
ließ aus seinen Zimmern die Bumenstöcke in,den
kleinen Saal tragen, in welchen die Lichter bereits
auf der schweren alten Gaskrone über den; Eßtisch
leuchteten. Denn er wollte die Gäste. nach alter nor-
discher Sitte, mit einem Nachtessen und, einer dampfen-
den Bowle, zum Jahresschluß begrüßen!! ;-
Auch war in der That die letzte Stunde des
Jahres noch nicht angegangen, gls der Wagen vor
dem Schlosse eintraf. Emanuel wgr hinuntergeeilt,
die Gäste gleich an dex Thüre pillfommen zu heißen,
und das helle Lachen, der freundliche, Anruf, die ihm
entgegenschallten, als die Frauen ihn exhlickten, waren,
ihm eine wirkliche Erquickung. Er hatte seit so lange
nicht mehr lachen gehört, seit so Pange nuur mit Trüb-
sal, mit Leiden, mit, bangen, Sorgen und peinlichen
Erörterungen zu thun gehabt. -
Scherzend und erzählend und eingnder die Freude
aussprechend, welche man durch das unyerhoffte Wie-
dersehen genoß, so war man in den Eßßsaal gekommen.
Die beiden Frauen konnten sich gar nicht genug thun
-in dem Ausdrucke des Vergnügens, welches die glück-
liche Wendung und der Ausgang ihres eben erlittenen
Unfalles ihnen verursgchten. Sie wollten Nichts dävon
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hören, daß sie sich erst in den für sie bereit gehaltenen
Zimmern erholen, die Kleider wechseln, es sich bequem
machen sollten.
- ,Die Kleider wechseln,! rief die Mutter, ,wie
sollen wir das machen, lieber Baron, haben wir denn
Kleider? Das liegt ja Alles über drei Meilen weit
von hier noch mit unserem Wagen tief im Graben,
und Gott mag wissen, wie man es herausbringen,
wie es zugerichtet sein wird. Wir haben den Diener
dabei zurückgelassen und sind wie die Schiffbrüchigen
zu Ihnen geflüchtet, um Ihnen hier das Sprichwort:
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Sie warfen mit den Worten rasch die Reisepelze
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und Kapuzen ab, und Mutter so wie Tochter, die
immer wie ein paar Schwestern ausgesehen, man hatte
sie auch' meist für Schwestern angesprochen, erschienen
ihm dabei noch schöner als in früherer Zeit. Die ,
Mutter war stärker geworden und sah dadurch noc F
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Jacke von pelzverbrämtem schwarzem Sammet, und
dem vielfarbigen seidenen Tuche, das sie nach Art der j
nordischen Landleute se um den Kopf gebunden, daß ?
es ihr Haar verhüllte und ihr ganzes Gesicht fest ein-
schloß, hatten die vollendete Regelmäßigkeit ihrer Gestalt j
und ihrer Züge, wie der Glanz ihrer dunkelbraunen s
Aigen und ihres ungemein hellen Teints wirklich etwas -
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Dabei fiel ihr der Kamm aus dem Haare, es floß
prachtvoll wie ein Strom von -rothem Golde an
- ihrem Rücken und über ihre Schultern nieder, ünd
bie Mutter trat schnell heran, es zusammenzudrehen
und aufzustecken.
Emanuel konnte nicht umhin, die Schönheit ihres
Haares zu bewundern. - Konradine nannte. es ihre
Lebenslast. ,Ich kannn den Kopf nichtgzum. Schlafen
anlehnen, wemn mein Haar geflochten ist,! sagte sie,
,und ich bin also genöthigt, es auf Reisen immer
ungeflochten zu tragen, wodurch ichdenn gelegentlich,
wie jetzt, Unbequemlichkeiken habe und verursache.
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Aber das kleine Zwischenspiel war bald zu Ende,
und wie man dann wenige Augenblicke später sich an
der wohlbesezten Tafel niedersetzte, wie man die ersten
Glser Wein zum Willkommsgruße äneinander klingen
ließ, und Frau von Wildenau, umherblickend die
blühenden Blumen und die flammenden Kerzen und
das lodernde Feuer im Kamine betrachtete, meinte sie:
,Wenn dies nicht ein reizendes Abenteuer, ein ro-
mantisches Begebniß und Ereigniß- ist, so hat es nie
eines gegeben. Wer hätte denken sollen, als wir
wirklich mit einem Todesschreck uns -plötzlichh in dem
Schnee des Grabens fanden und mühsam herausgeholt
wurden, daß wir gegen all unser Erwarten einen so
köstlichen SylvesterAbend feiern könnten!?-
Emanuel, der an ihrem Behagen selber große
Freude hatte, fragte, auf welche. Weise sie von seiner
Anwwesenheit im Schlosse erfahren hätten, und sie er-
zählte mit jener leichten Heiterkeit, welche. den Personen,


die' vielJund rasch-zü erleben gewohnt sind, üieist zu



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eiggn ist;iesi als sie in der Posthalteret zur Be-

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lassen, un sich- zu erkundigen, 'Fo sie sich - denn
eigentlich befänden. Sie habe dann wissen' wollen,.
obinanvön der näächsten Stadt sehr weit eitfernt
seikkob- mau. Handwerker in derNähe habe, die den


sinüung -gekommreü wwäre, den Posthalter habe rufen
WägeiFiStand sezen könnten, und wie sie endlich, -
da der Hosthalter gemeint, die Reparatur würde sicher-
lich- ein, paar Tage hinnehmei; auf den Einfall-ge-
konümen,wäre, daß das Schloß der Gräfin in dieser
Gegend liegen müsse. Sie scilderte darauf die Freude,
die sie gehabt habe, als sie erfahren, daß sie dem
Schlosse Jo nahe wären und daß Emanuel in dem- -
selben weile. Mit beste Laüne beschrieb siedas: Er-
staunen des Posthalters über die Verschwendung, mit
welcher sie das bestellte Nachtquartier und Nachtessen
im- Stiche' gelassen habe. Sie freute sich, daßdie
Pösthalter-Familie dadurch zu, einem für' sie- gewiß -
ungewohnten Sylvesterschmäuse gekommen wäre,. und -
sagte: Nun wisset Sie'Alles, was uns zugestoßen
ist; nun erklären Sie mir, aber auch-das Räthsel
Ihrer ihiesigen Anwesenheit. Wie kommr es, daß:Sie
hierz; daß Sie, ini Norden und allein sind? Waen -'
Siet;deiin nicht Bei Plarissens Trapung- anwwesend?
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N,Das zind:viel. Fragen auf einmal, und mehr
, als ich Ihnen in diesem Jahre' beantworten. kann!?
entgegnete Ematuuel, denn' in den Augenblicke schlug.

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der Hammer der großen Uhr den ersten Schlag der
lezten Jahresstunde an, und sein Glas emporhebend,
sprach er: , Eassen Sie uns hoffen, daß dies schöne
unerwartete Zusammentreffen am Schlusse des Jahres
uns gutes Beisammrensein für, das beginnende Jahr
bedeute, und daß dies Jahr uns ;die Erfüllung unserer
Wünsche bringe!?
,Sofern Sie vernünftig und uns heilsam sind!'
schaltete Frau von Wildenau leichthin ein, während
man die Gläser gegen einander gnstieß. Aber so
allgemein die Worte gehalten waren und ;so nctürlich
im Grunde dieser kleine Nachsaz schien, fiel er Emanuel
auf, weil solche Gedailen sonst nicht in Frau von
Wildenau's Weise lagen. Als er sich zu Konradinen
neigte, kam es ihm auch vor, als habe deren Angesicht
fich wesentlich verdüstert. Sie vermochte es nur
mühsam, die zusammengepreßten Eippen zu einem
lächelnden Danke zu- öfnen, als Emanuel ihr und
der Mutter die Blumensträuße anhot, die er als
Neuahrsgabe für sie bereitgehalten, hatte, und wie sie
wieder und wieder, das Haupt neigte, um sich an dem
Duft der Blumen zu erquicken, neinte er, zu sehen,
daß in ihren langen Wimpern Thränen schimmerten,
die, sie mit rascher Handbewegung zu verbergen strebte.
Kaum aber hatte man nach den, Glückwünschen,
welche man für die entfernten Freunde und Lieben in
den ersten Minuten- des neuen Jahxes aussprach, von
demselben Besiz genommen, als Frau yon Wildenau
die bei aller ihrer Rgschheit und Leichtlebigkeit an,
ihren Gedanken, festzuhalten pflegte, noch einmal auf




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die Frage zurückkam, welches Wunder den Baron zu
seinem Verweilen- im Schlosse veranlaßt habe.
,Ein Wunder allerdings,! entgegnete Emanuel,
um sich mit raschem Entschlusse gegen ein inneres
Widerstreben fortzuhelfen, ,ein Wunder insofern, äls
der Mensch sich oftmals zu Entschlüssen geführt und
zu Handlungen gedrängt findet, die außer dem Bereich
desjenigen' liegen, was er für sich als wahrscheinlich
und möglich angesehen hatte. Ich habe mich verlobt,
sagte er mit einer gewissen Hastigkeit, , aber meine .
Braut ist schwer krank und ich bin hier geblieben, um
in ihrer Nähe ihre Genesung abzuwarten.!
,Kommt denn heute aber alles Gute, alles Un- -
erwartete und Erfreuliche auf einmall' rief die Mutter, .
und aüch Konradinens schönes Gesicht hatte, sich er-
hellt und ihre Augen leuchteten ihm freundlich ent-
gegen, als sie ihm mit ihrem Glückwunsche die Hand -
gab. ,Das ist endlich einmal ein höchst vernünftiger
Entschluß! sagte die Baronin. ,Ihre Familie hat
das;ja mit Recht so sehr gewünscht! Die Gräfin vok
allen Anderen! Wie wird sie damit zufrieden sein! ?
,Weniger, als Sie glauben,! entgegnete der-
Baron, , denn meine Wahl hat nicht das Glück, nach
dem Sinne meiner Schwester zu sein. Ich habe mich
mit einem bürgerlichen Mädchen, mit der Tochter
unseres Pastors verlobt und-?
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,Aber was wird denn aus Ihrem Majorat, z
Baron? fiel die Mutter ihm gegen alle ihre gute
Sitte in die Rede. ,Sie können doch - wenn Sie Z
sich überhaupt verheirathen - nicht daran denken,

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- - -- ? '=
--- - skueerwesm = '
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den herrlichen Besiz auf Andereübexgehen zu lassen?
Er verbarg ihr, wie unangenehmibie Bemerkung
und die Frage ihm waren. ,Würden Sie mich
trdeln,! sagte er, ,wenn ich Ihnen bekenne, daß ich bei
meiner Wahl: mehr ans mich und? an nein Glück als
an das Majorat gedacht habez mit, dessen Gründung
es unserem Anherrn gefallen hat; uns zu einer fort-
dauernden Abhängigkeit von seinen' Vorurtheilen und
den Vorurtheilen seiner Zeit zu'vedazzimen?! ;
,O, die Verdammung: zu -einem solchen Ein-
kommen wie das des Masorates,? meinte die Baronin,
, die ist schon zu ertragen; diefinde- ich nicht eben be-
klagenswerth.?
,Ich habe aber den Besiz des Majorates, das
mein Bruder inne hat, nie entbehrt,? gäb er ihr zur
Antwort, ,und nur zu bedauern gehaht,i daß ihm die
Söhne fehlten, denen er es vererben könnte!?
,Natürlich,! rief Frau von Wildenau, , das
AllobialVermögen Ihrer Fämilie ist ja, groß! Aber
Ihr Bruder hat keine Kinder- undi Sie' werden die
Sache fraglos anders ansehen; wwennsie' erst eine
eigene Familie haben werden. Ein guter' alter Näme,
der auf festem Grund und Boden ruht, ift gar' ein
köstlich Ding. Dazu wird er es immer mmehr,, seit die
reich gewordenen Bürger sich üitihreii oft'so: rasch
vergänglichen Reichthune äls Gleichberechtigte an unsere
Seite- stellen möchten. - Ich habe mich des Gedankens
nie entschlagen können, daß ein Fanilienleben niemals
glücklich sein kann, wennn die Söhne wissen; daß sie
durch ihre' bürgerliche Mutter-' un den hnen zu-

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stehenden Besiz gebracht worden sind, und ich bin
gewiß,i auch für den Vater müssen manche Stunden
kommen, in denen er es bedauert, um einer augen-
Vortheile aufgeopfert zu haben. Denn im Grunde
--- wer glaubt nach zehn, nach fünf Jahren noch


Hlicklichen Gemüthsbefriedigung willen, große, dauernde
daran, daß er ohne diesen Mann, ohne dieses Mädchen -
mit einem anderen Manne oder einem anderen Mädchen
nicht ebenso glücklich hätte werden können? Ich bitte
Sie; Baron, entweder man ist für die Ehe geboren,
oder man ist es nicht. Ist man es, ist man leicht-
lebig und verträglich und beständig, so wird man in
jeder Ehe glücklich. Ist man es nicht - sie lachte
-=- ,nun, so wählen Sie die Venus von Milos ,huit
den Eigenschaften einer Heiligen und dem Geiste einer
! Korinna, und Sie werden nach drei Jahren eine Fülle
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von Mängeln und Fehlern an der geliebten Voll-
kommenheit gefunden haben. Sie werden sich nach
drei Jahren mit dem vollständigen Ideale langweilen, P

und sich zur Abwechslung vielleicht mit der ersten A
besten Maritorne besser unterhalten als mit Ihrem
einst eißgeliebten und begehrten Idol. Es giebt gar-
Nichts, was so trügerisch, so vergänglich wäre als die !
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sogenannte Liebe, und Nichts, was weniger der Prüfung P
werth ist, als die Person, mit der man sich verbindet. s
Ich wiederhole es Ihnen aus voller Neberzeugung?
nur: sich selber muß man prüfen, ob man für die ?
Ehe geschaffen ist oder nicht, und dann die Person -
erwählen, die uns die meisten Vortheile zu bieten hat. Z
Wer anders handelt, bereitet sich Enttäuschungen. Die
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Zeit ist auch gewiß nicht fern, in der man über die
sogenamnteniebesheirathen wie überKinderspiele lachen,
und in der kein Mensch mehr glauben pird, daß
man aus Liebeskummer sterben oder sich das Leben
nehmen könne.!
Sie hatte das Alles in - jener Weise rasch hin-
geworfen, in der sie ihre. augenblicklichen Einfälle
gelegentlich wohl, an den Mann zu, bringen pflegte,
aber Emanuel konnte es nicht begreifen, wie sie, die-
selben eben gegen ihn und in dem Augenblicke geltend
machen konnte, da er ihr mitgetheilt hatte, ;daß er
entschlossen sei, eine Liebesheirath einzugehen. Die
Freundschaft für die Gräfin allein, entschuldigte diesen
Mangel an Rücksicht nicht, am wenigsten bei einer
Frau, zu deren liebenswerthen Eigenschaften jene Gut-
müthigkeit gehörte, welche eine Befxiedigung darin
findet, den Anderen Angenehmes gy erweisen., Es
mußte ihrer Härte etwas Besonderes zu Grunde liegen;
und hart wie die Worte der Mutter klang es, als
Konrkdine die Bemerkung machte: , Schade nur, daß
nicht in allen Naturen dieSebenslust ,ho gxoß-gnud die
Freude am Genusse des Daseins -stärker ift, als alle
anderen Empfindyngen.?!-
Sie brach damit ganz plözlich von dem Gegen-
stande ab, um Emanuel mit Wärmes den.Antheil. aus-
zusprechen, den sie;gn, seiner ßerlobuauug mmähme. Da-
mit kam auch die Mutter auf den rechtenSeg. zurück.
Die Frauen fragten um den Namen seinex, Braut,
man erkundigte sich um ihr Befinden, er mnßte pon
ihrem Aeußeren, von ihrem Wesenz Auskunft geben,

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Das erwärmte ihm das Herz und löste den unbehag-
lichen Bann, der auf ihm gelegen hatte. Frau von
Wildenau nannte ihn einen Mann, dessen maßvolle
Güte' ihn recht' eigentlich für die Ehe bestimme, einen
Mann, mit dem jede Frau sich einer glücklichen Häus-
lichkeit versichert fühlen dürfte: Er sagte, daß er auf
eine solche für sich auch zuversichtlich hoffe. Er sprach
mit Freude von Hulda's Schönheit, von ihrer musika-
lischen Begabung, erwähnte, wie lieblich fie die
lithauischen Volkslieder finge, und es machte sich fast
von selbst, daß Konradine an das Klavier ging, um
ihm wieder einmal das Liedchen von dem armen -
kranken Tio zu singen, das ihn heute an sie erinnert -'
und das er sich vor ein paar Stunden mit so weh-
müthigem Empfinden selber vorgespielt hatte. Er -
fand es, da er es jetzt von ihrem Munde hörte, noch
- lieblicher, und ihre Stimme klang ihm ergreifender ?
als in früherer Zeit. Sie war seelewvoller, ihr Ton
bei aller Fülle milder, ihr Vortrag natürlicher ges
worden.
- Einmal am Klavier und im Musiciren, kamen
fie von einem Liede zu dem anderen. Franzöfische
und spanische Romanzen, italienische Ritornell und
Canzonetten, das russische und deutsche Volkslied
wechselten mit einander ab, und die ersten Stunden -
des Jahres vergingen ihnen schnell und schwungvoll
in heiterer Gemeinsamkeit.
Emanuel geleitete die Gäste bis in das Vor-
gemach, als sie sich zurüchuziehen hegehrten. Als sie -
sich trennten, reichte die Tochter ihü die Hand. ,Gute -
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Nacht, mein theurer Freund!! sagte sie, , möge dies
Jahr wenigstens Ihnen zu einem glücklichen werden!'
Die Worte und ihr Ernst,' sowie der feste, ver-
ständnißvolle Händedruck, mit welchem sie dieselben
begleitete, thaten ihm wwohl. Aber was war ihr ge-
schehen, daß sie ihm ein Glück erwünschte, welches sie
für sich offenbar nicht zu erhoffen schien? - Hatten
die ihm mißfälligen Aeußerungenn der Mutter sich auf
die Tochter bezogen? Das Verhalten der beiden
Frauen gegen einander war immer ein besonderes
gewesen; jetzt traten die Unabhängigkeit Konradinens
und ihre Reizbarkeit, welche die Mutter nachsichtig
ertrug, sehr auffallend hervor. Hatten Herzens-
erfahxungen Konradine so: verwandelt, ihre Stimme
so seelewwoll, ihre Augen so viel anziehender gemacht?
Er konnte sich ngch dem, was er vernommen
hatte, keine bestimmte Antwort auf diese Fragen geben,
und eben diese Ungewißheit hielt seine Gedanken
antheilvoll an Konradine fest, bis der Schlaf ihn
übewwältigte.
RweGaouo -''