Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 25

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Fünfundzwanzigstes Gapites
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- Man war, als man sich in der Nacht getrennt
hatte, übereingekommen, daß die beiden Frauen un-
gestört ihrer Ruhe pflegen sollten, um sich von' dem
Schrecken und der Ermüdung zu erholen, und- es
waren die Vorkehrungen getroffent worden, ihr Gepäck -'
vondem verunglückten Wagen nach dem Schlosse zu -
schaffen. --
- Emanuel' war also für den Vormittag sich selber I
äiberlassen. Das Neujahr hatte sich'mit hellem Sonnen-
schein und schöner Schlittenbahn eingestellt; er ließ-
also den Schlitten vorfahren, um sich in der Pfarre z
schon bei guter Zeit nach Hulda's Ergehen zu er- ?
kundigen.
Als er durch den Vorsaal schritt, kam ihm zu
seinem Erstaunen Konradine schon entgegen. Sie
war völlig ausgeruht und sah leuchtend wie, der,
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Morgen jelber aus. Sie versicherte, sie bedürfe immer
nur sehr wenig Schlaf, sie sei schon lange wach und -
habe Abrechnung mit sich und mit dem Jahr ge-
halten.

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Wie sie darauf: bemerkte, daß er zu einer Aus-
fahrt gekleidet und sein Schlitten vor der Thüre sei,
fragte sie ihn, ob er seine Braut besuchen, und ob er
fie mit sich nehmen wolle. Er bejahte Beides; Sie
ließ sich ihre Pelze bringen, man machte sich augen-
blicklich auf den Weg, und als der Schlitten dann
den Hof verließ und in die lange Allee einbog, deren
mächtige Bäume schneebeladen nur noch höher schienen,
während die im Somnenlicht leuchtenden. Aeste;einen
flimmernden Schneeregen über den Weg. hernieder-
fallen ließen, sagte Konradine: ,Gie prachtvoll das
aussieht! wie leuchtend und flimmernd! und ist doch
Mlles so kalt! und zerfließt in Nichts, sowie wir es
berühren!. Aber weil wir gewöhnt sind, überhaupt
nur im Scheine zu leben, so lieben wir den Schein
und freuen uns an ihm, bis die-iackte Wirklichkeit
uns einmal rauh und,hart begegnet Luund uns die
Augen öffnet. Dann ist es freilich-aus!?-
Emanuel konnte nicht umhin, diese Worte mit
den Bemerkungen in: Zußammenhang zu hringen,
welche die Mutter am verwichenen -Abende -gemacht,
als er ihr von seiner Verlobung gesprochen hatte.
Weil er aber dauüber in das Klare kommen, und zu-
gleich seiner Gefährtin die Möglichkeit eröffnen wollte,
sich weiter mitzutheilen, wenn sie eben danach Ver-
langen trüge, antwortete er ihr, mmuan habe bei einem
verständnißvollen und liebevollen Erfassen der Wirk-
lichkeit es gar nicht nöthig, sie ihres schönen Scheines
zu entkleiden.






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. ,Das, was wir bisweilen unmuthig und ungerecht
nur als einen schönen Schein bezeichnen, ist oft ein
wesentlicher, Bestandtheil der Dinge und ein dem,
Menschen Angeborenes,! sagte er. ,Mdir ist die Schön-

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heit etwas so Nothwendiges, daß ich selbst den Schein -
der Schönheit nicht entbehren mag; und fragen Sie
sich. zum Beispiel ehrlich: würden Sie Sie selber sein
ohne die Schönheit, welche wir an Ihnen bewundern,
und ohne den Schein jener immer gleichen Heiterkeit,
den wir an Ihnen lieben, selbst wenn es nur die Er-
ziehung wäre, welche Ihnen diesen Schein der Heiter-
keit zur Gewohnheit und damit zu einem Theile Ihres
eigentlichen Wesens hätte werden lassen? -
- - Sie blieb ihm die Antwort auf seine schmeichel-
haften Worte schuldig. Das war ihr sonst nicht leicht
begegnet, denn sie war Meisterin im Gespräch, und
von sich jelber absehend, sagte sie: ,Ihre Braut ist
also eine Schönheit und besizt die geistige Anmuth
einer solchen?! -
- ; ,Ja, sie ist schön, entgegnete er mit Befriedigung,
,und ihr Liebreiz beruht vor Allem in ihrer völlig
kindlichen Natürlichkeit. Sie ist das wahre wilde
Heideröschen, von dem der Dichter singt.!
,So werden Sie's wohl. brechen!! rief Konradine.
- Die Worte und ihr Ton machten Emanuel stuzig
und verlezten ihn. ,Was wollen Sie damit sagen?!
fragte er.
,Nichts und Alles!r entgegnete sie. ,Eö war
, ein Einfall, dem ich unbedachten Ausdruck gab.!

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,Dem aber doch eine bestimmnte,Ansicht zu Grunde
liegen muß!!- -
. ,Insofern,wohl; als ich an Liebesglück nicht glaube,
wo es darauf ankommt, daß ein Mann eing,Opfer
bringt; und Sie hahen ,es gzesternzzon meiner Mutter
hören können, die Frauen z selber jinden -es -in der
Ordnung, daß man dem ,ldange und dem Gesize die
Liebe nachstellt.? -
Sie warf dabei den Kopf stolz in den, Nacken,
ihre ippen schwellte dex Zoxn, daß das Lächeln, zu
dem sie sich zwwang, bitter und trozig ward wie eines
Mannes Lächeln. Emanuel hatte sie niemals so ge-
sehen, sie einer so heftigen Empfindung nicht füx fähig
gehalten. Die Veränderung, die er, schon gestern an
ihr wahrgenommen hatte, trat ihm noch viel deutlicher
entgegen.
,Sie sprechen in Räthseln zu nir,! jgte er,
, die mich ,erschrecken.- zehen Sie, muir die Lösung
derselben, damit meine Freundschaft sie nicht vergebens
sucht. Sie haben, seit., wwir uns nicht gesehen, den
Glauben an Ihr Selbstgenügen eiygehüßt, ;Sie haben
also geliebt - und. jch fürehte,, znglücljch geliebt.
Sagen Sie. mir es, wenn, meine Permuthungen mich
täuschen. Ich will wünshen, dgßäsie zs hhun. Ich
fürchte, Sie sind auicht mehr glücljch, Fgyxadine?
,Glückllch? rief sie und fßlug, mit beiden Hän-
den den schwarzen Schleier zurück,, ,wer ist denn glück-
lch? Sind Sie glücklich? Ich gßube ;nicht daran.
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verschleieit Sie' iü mein Gesicht. Gleich, gestern kam
mir es wie des Himmels Fügung vor, daß ich auf
der: Greüzscheide dieses mir unheilvollsten Jahres Sie,
bei-Sie' und nöch obenein als den Verlobten einer
Ardein fiüden miußte. Denn ich bedarf einesMen-
schenß !dem ich sagen kann,' was mir das Herz abdrückt,
zu dem ich sprechen kann von dem, was mir geschehen
ist, und der mich sicher nicht verachten wird, weil ich
meine' ganze Liebe einem Manne hingegeben'habe, dem -
ich Nichts gewesen bin als ein Spiel' wie jedes andere,
Nichts als ein Zeitvertreib, zu dem er sich berechtigt
hielt, weil'er'an eines Thrones Stufen geboren worden.
Nichts äla- sie lachte, während ihre Lippen bebten
--- ,als das arme Heideröschen, -das der. freche Kygbe
brach. N-Daß ich ihn nicht stechen konnte,. daß ich's
leiden mußte, und ihn noch nicht hassen kann, daß sie
ünich' verlachen, mich tadeln, selbst die eigene Mutter,
weil''ich mrich nicht für zu gering hielt, einer Fürsten-
kochter' vorgezdgen zu werden, das -das, mein-Freund,
das ist, es,' was mir däs Blut vergiftet ünd das Leben
zg'einerschweren Bürde macht. - Wie eine Last:' liegt
et'jetzt äuf!neinem Nackei, mein schöner;' prächtiget,
Fschlägee Stolz! ch beuge ntich mnter ihm; -ich
tkage äß'ihin, daß' niir die Kine brechen - ich schäme-
mich Sor mir, selber, ich hasse mich, weil ich so thöricht,
FoFindisch gläubig lieben konnte. Und man geht achsel-
zuckend'' än' mir' -vorbei-- Jeder, Jeder!-- Keiner
Höch'hat mir dieHand gereicht und mir gesagt:',Steh';
düf ünd wwändlel? Und' ih köinte ihn doch wie mei-
nen Heiland lieben, den Menschen, der mir die Hoff- I

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nung gäbe, daß Aufstehen undWandeln für mich noch
möglich sei!? -
Ihr Gesicht flammte; sie brach plözlich ab, und
-- mit einer Nichtachtung des eigenen, eben, erst- kund-
gegebenen Schmerzes, die etwas Furchtbares -Zatte,
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sagte sie im Tone der gleichgiltigsten Pnterhaltung:
,Wie man sich. nur bei solcher Kälte, so. unöthig er-
hizen kann!. Es -ist'im Grunde-doch zum Fachen.!
, Welch ein entsezliches Wort:ist das!r, rief Ena-
muel. ,Ihnen ist nicht zum Lachengund Fmir-auch nicht.
Vulkanische Flammen, die aus, dem-'stillenz schneeigen
Boden einer Ebene jählings gen Himmel - lodern, find
erschreckend, sind furchtbar, und nicht lächerlich: Fügen
Sie zu dem Grausamen, das Sie erlitten haben, nicht
die Grausamkeit der Selbstverspottung -noch hinzu.
Halten Sie Ihren Schmerz in -Ehren, -wwie ich Ihr
Vertrauen ehre. -Sie werden mir anehr, Sie-werden
mir Alles sagen, Konradine, was Sie drückt; gnd Sie
wissen es, ich pürde glücklich sein, Shnen tragen zu
helfen, Sie stüzen und trösten, zu können.!--
,Das weiß ich!! sagte sie,: und darauf schwiegen
sie Beide: Sie hatten das Dorf erreicht und hielten
vor der Pfarre. Nun Emanuel. ihrnaus dem,Schlitten
half und sie in das Haus zu führenhatte, bereute er
es, sie mit sich genommen zu haben. Sie zugr den
Pfarrer fremd, eine-Vorstellung,. eine Bekanntschaft
einzuleiten, war, das Zimmer neben. der Krankenstube,
- deren Thüre immer ofen stand, nicht der Ort, und
waren sie auch Alle nicht gestimmt. Indeß der Zufall
war ihm günstig.
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Der Neujahrs»Gottesdienst hielt den Pfarrer noch
in der Kirche fest, und Miß Kenney hatte Koinadine
won deren Kiüdheit an gekannt. Ihre Freude, sie so-
völlig-unerwartet vor. sich zu sehen, die Fragen um
,dieUrsache ihrer Anwesenheit halfen der an Selbst-
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eherrschung ohnehin gewöhnten Konradine über den
ersten. Augenblick' hinweg, und die Nachricht,: daß die
Kranke sich sehr gut befinde, daß sie kräftiger und Herr
ihrer' Gedanken und Erinnerungen sei, that. Emanuel
--wohl! -Hulda war am verwichenen Abende zum ersten-
- male. -mit Bewoußtsein auf den: Tod der Mutter zu
sprechen gekommen, hatte in der Frühe nach Emanuel
verlangt, und sehnsüchtig von Stunde zu Stunde auf
seine Ankunft gewartet.
Da Miß Kenney. bei dem Gaste blekben mußte,
ging Emanuel allein zu seiner Braut. Man hatte
-' den Vorhang am Fenster aufgezogen, das Licht, das
durch die dicht beeisten Scheiben drang, streifte Hulda's
Bett. und ihre. weißen schmalen Hände,. in denen sie-
eine Monatsrose hielt, die man ihr gezeigt hatte. - Sie
war ebeu erst am Morgen aufgeblüht. Hulda hatte-
Fie äbschneiden lassen,' um sie ihm geben zu können.
- -Er, sezte sich zu ihr, sie reichte ihm die Rose und -
woünschte hm Glück.
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- --, Ist' es denn nicht schon ein Glück,! sagte er, -
indem er ihre Hände in die seinen nahm, ,und; ein
-schönei Sahresanfang, daß Du lebst, daß Du uich
wieder kennst??

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Er that, was er konnte, sie zu, beruhigen. End-
lich zog er ein kleines Kästchen aus der Tasche, das
er öffnete und ihr darbot. Es enthielt einen ein-
fachen Goldreif, dem Ringe ähnlich, den er selbst an
Finger trug, nur daß statt des- Rubins ein Türkis,
von Diamanten umgeben, in denselben eingeschlossen
war. In der Innenseite waren die Worte: , Dich
und mich trennt Niemand!=- schön und klar gravirt.
Es flog ein seliges Lächeln über Hulda's bleiches
- Gesicht, wie er ihr die Worte vorsprach, sie hatte es
ihm oftmals singen müssen, das Volkslied:
eines Lieb, halt feste,'
Wie der Baum die Aeste,
Wie der Ring den Demant,
Dich und mich trennt iemand!
,Niemand! Niemand!? wiederholte sie, leise und
s heng, als er ben Reifew an ihren Ringer stecte; ,aber,
k fügte sie hinzu, ,ich kann, von hier nicht: fort. Wer
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; soll bei meinem Vater bleiben? Er ist ganz allein.?
Emanuel tröstete sie mit der Zusage, daß davon
nicht die Rede sei, daß der Vater mit ihnen gehen,
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mit ihnen leben werde. Sie achtete nicht recht darauf,
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sondern schien in ihren Erinnerungen irgend Etwas -
auffinden zu wollen. Mit einemmale sprach sie: ,Ich
hab' es wohl geträumt, aber so deutlich! Alles so
deutlich!-- Ich kniete. am ,Altare wie -- wie zur
Hochzeit -- sagte sie mit leblicher Verschämtheit. --
,aber ich war ganz allein in der Kitche.-Ich -hörte
die Trauungsworte, ohne daß ich Jemanden sah. Wie
ich damn um mich blickte, stand mein' Vater an meiner
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Seite, meine verkläärte Mutter schwebte über uns und
hatte mich dem Vater angetraut!? -
-- Sie-schauerte zusammen bei der Vorstellung, auch
Emanuel überlief es wider seinen Willen, wenn schon
er's ihr verbarg und sie durch freundlichere Bilder zu
zerstreuen suchte. Leise und langsam, wie ihre Schwäche
es erforderte, sprach er ihr von? dem Emporsteigen des
Jahres; von ihrer wachsenden Genesung, von dem
nahen Frühlinge, in' dem er sie und ihren Vater gen
Süden' führenwerde in sein Haus an dem schönen
blauen Bergsee, und lächelnd seinen Worten lauschend,
während ihre Hände noch in den Feinen xuhten, schlum-
merte sie ein.
Um sie nicht zu erwecken; blieb er an ihren Bette,
sizen. Sie lag da, schön und weiß und regungslos,.
als--wäre sie in' ein Gebild verzaubert,i aber auch er
hätte diesen Winter wie unter-demZauber des schla-
fenden Schlosses' zugebracht, und es war Seit,. hohe
Zeith daß er denselben endlich brach. Nicht nur sich,.- -
auch Hülda hatte er zu befreien, die ihm eine Erlöserin
gewesen war. Er mußte sie sobald als möglich fort-
bringen' von dem Orte, an- dem Alles ihr das schreck-
liche Ende der Mutter in dasrGedächtniß! rief, fort
aus' demengen Kreise, den ihre lebhafte Einbildungs-
ckraftmit spukhaften Erscheinungen, mit märchenhaften'
Vorstellungen bevölkerte: Ps mußte nur,:selbst im glück-
kichsten Fallenoch viel Zeit vergehen, ehe man darauf
rechnen dürfte, Hulda von. hier. entfernen zu können.
Rk Er sh den Ring an, den er ihr heuteals Pfand:
Jjeiner Liebe und seiner Treue gegeben hatte, und jeine
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Gedanken wandertn dabei so unruhig hin und her,
daß das Stillesizen ihm zur Qual ward. Er sah nach
der Uhr und steckte sie wieder ein. Er hatte geglaubt,
daß es weit später sein müsse. Er betrachtete Hulda's
sanften Schlaf und dachte an -Eonradinens, wilde
Leidenschaft. Endlich machte ex sich behutsam von
Hulda los. - Er konnte Konrading niht so lgnge auf
-'- -?
sich warten lassen!? -
Als er sie wieder vor sich säh, als er mit ihr
aus den kleiien niederen Zimmern, aus dem engen
Hause wwieder -in das Freie, in den(hellei Sonnenschein
hinaustrat, athmete er erleichtert auf:;-
Die stolzen Rappen wieherten Fn ,der. jcharfen
Kälte und warfen die mit ederbüschen- geschmückten
Köpfe in den Nacken. Wie, auf Windesflügeln brausten
sie vorwärts, als es nach Hause zurückging; und guch
Emanuel freute sich, gls er -in -dem leichten Gefährte
über die schneeige, funkelnde Ebene,, durchsdie, im Reife
flimmernde Allee wieder -dem mächtigen, breit hingela-
gerten Schlosse entgegenfuhr.. -
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