Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 28

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Achtundzwanzigstes Gapiiet.
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- Emanuel war beschäftigt, als am Nachmittages
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Miß Kenney zum Besuch der Gäste in das Schloß
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kam, das sie seit der Abreise der Herrschaften nicht
wieder betreten hatte. Die wöchentliche Briefpostging
am folgenden Tage des Weges, es mußten also' alle-
Briefe,' die man' abzusenden- hatte, bis zum -Abende -
nach der nächsten Posthalterei befördert werden, und?
dex eben!-' erfolgte Jahreswechsel gab ihm mehr noch?-,
als sonst zu thun. Aber die Frauen vermißten seine
Anwesenheit eben heute nicht. Es war in der gräf-; -
lichen Familie in diesem Jahre so viel vorgegangen,
worüber Niemand besser Auskunft. geben konnte als? I
Miß Kenney, die treue Anhängerin des Hauses, und! ?
wie man sich denn nur erst zusammengefunden hatte, -
war' die Verlobung des Barons nicht der letzte Gegen- -I
stand, auf den die Unterhaltung sich hinwendete. '
Miß Kenney fand sich indessen diesen Fragen
gegenüber in einem Zwiespalt, der ihr lange schon
peinlich gewesen war, und der ihr nur noch deutlicher
wurde, da sie nun ihren Gedanken Worte geben

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sollte. Die aufopfernde Sorge und Pflege, welche sie
Hulda angedeihen lassen, hatten sie ihr noch viel wer-
ther gemacht. Sie fand eine Freude darin, vor den
beiden Frauen der guten Eigenschaften ihres Schüz-
lings rühmend zu gedenken,: und. ; aus -voller Neber-
zeugung die Verdächtigungen zurüchuweisen,?mit denen
das grillige Nebelwollen von Mamsell. Ulrike den guten
Namen und die Sittenreinheit Hulda's vor den Frem-
den anzutasten gewagt hatte.-Sie -sprach es sogar
offen aus, daß für sie in der demüthigen Aiebe, welche -
, das junge Mädchen Emanuel, weihe, etwas: poetisch
Erhabenes läge, aber es war, als höbe sie das Alles
nur hervor, um es doppelt zu beklagen,. daß diese
Heirath dennoch eine unstatthafte sei, und um es da-
neben doch wieder traurig und hart zu finden, daß
nicht nur Frau von Wildenau, sondern auch Kon-
radine sich in diesem letzten Punkte mit ihr wuollkom-
men einverstanden zeigken. - -
,Oh!r rief Konradine, ,es sind aach meiner An-
sicht gar nicht die Standesrücksichten, welche mir gls-
das eigentliche Hinderniß bei dieser Heirath! etscheinen.
Ob ein Mann für sich, und seine Nachkommenschaft
auf die Vorzüge verzichten zwwill,' zu deren,Genuß,seine
Geburt ihn berechtigt, das muß. er für sich, selbst ent-
scheiden - und in der Beziehung -pflegt ähr Eggis-
mus den Männern ein ausreichender Bergther zu sein.
Aber Miß Kenney rühmte die lebhafte Phantasie, und
die poetische Richtung der, Pfarrexstochtex als eine
ihrer Eigenschaften, und solchen Eigenschaften gegen-
über macht die Eitelkeit die Männer nicht -nux, un-

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vorsichtig, sondern völlig blind. - Gerade die Phan-
-tastik, auf. deren Böden des Mädchens Liebe erwachsen,
-ist die gefährlichste Mitgift für die Ehe. Wie soll ein
-Mann den Anforderungen-entsprechen, welche eine
-solche geistergläubige Unschuld an ihn macht, die, ihn
in dem Lichte' eines Feenprinzen betrachtet? Sie- träumt
von einem Paradiese -mit ewigem Sonnenschein, sie
hofft- in demselben mit dem Geliebten in immer glei-
cher' Jugendschöne -und Heiterkeit- zu wällen -- und
-das Jahr -seztNsich aus vier Jahreszeiten zusammen,
mit dumpfer Schwüle,' mit Sturm und Schnee und
Regen. - Es seztisich zusammen aus finsteren Nächtei
und aus all- den Tagen'' voll Widerwart und Hinder-
niß, voll Unmuth und Mißlingen; und' jedes Jahr
-macht den Menschen älter und unliebenswürdiger, wie
er sich V auch- dagegen sträübt. Da legt dann Einer
dem--Anderen zur' Last,' was' der -ganz natürliche Lauf
unseres höchst prosaischen Lebens ist. - Da gibt es
Thränen, wenn die Ereignisse dem Manne den gol-
denen Schimmer der Bräutigamslaune von den ge-
knickten Flügeln streifen; da fühlt sich solch ein poeti-
-sches Frauengemüth in- seinen idealen Erwartungen
betrogen und enttäuscht, weil' man nicht im Himmel,
sondern auf der Erde lebt, deren Gottheit nicht die
Liebe, sondern die Selbstsücht ist. Und Baron Ema-
nuuel vollends -ist recht dazu geschaffen,' durch die
Fidealische Unerfahrenheit eines Mädchens unglücklich
zu werden. Er vor Mllen!?
Die Kenney meinte, Baron Emanuel sei selber
ein Jdealist.

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,Ulm so schlimmer!' sagte Konradine.
, Ulnd, fügte die Kenney hinzu, wwelche Konra-
dinens Herbigkeit dazu verleitete, dasjenige vermittelnd
zu vertheidigen, was sie selber als unstatthaft bezeichnet
hatte, ,Baron Emanuel ist nicht. selbstsüchtig!? -
,Nun, dann lassen Sie ihn auf den Straßen
und Pläzen als ein Wunder sehen!' lachte Kon-
radine. ,Ein Mann und nicht selbstsüchtig! Freilich,
er ist kein roher Egoist. Aber der feine Egoismus der
Männer ist der gefährlichste, weil er sie und uns zu--
gleich betrügt. Fühlen Sie es denn nicht, hören Sie
es denn nicht aus jedem Worte, daß es nur das Gott-
gelüsten des Glücklichmachens ist, welches Emanuel
zu diesem jungen Mädchen hinzieht? Es hebt ihn
über die Schranken der gemeinen Wirklichkeit hinaus,
ein Wesen vor sich zu sehen, das ihn Alles dankt,
das in ihm, wie es in der griechischen Kirche
von dem heiligen Johannes heißt, seinen Er-
wecker und Erleuchter anbetet. Wer jedöch will es
dem Baron verbürgen, daß dem immer so sein werde?
daß er das Ideal des Mädchens bleiben wird, wenn
es später in der Welt Männer kennen lernt, die
schöner sind und glänzender als s? Und welcher
Mann wäre geduldig genug, nicht ungedüldig zu wer-
den und nicht empört darüber zu sein, wenn er denn
doch einmal bemerken muß, daß die Opfer, die er
gebracht, das große Glück, welches er zu hereiten ge-
glaubt hat, nicht so glücklich machen, als er es er-
wartet hat? Sehen Sie, rief sie, , Menschen, die
das Leben kemnen, müßten einander vor dem Trau-

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altare schwören,, daß sie für sich und von einander in -
der ßhe kein besonderes Glück erwarten, ja sie müßten ,
eigentlich das Dante'sche;, Laßt jede Hoffnung draußen!?
zu ihrem Wahlspruche machen, um mehr zu finden,
als sie -geträumt haben, um zufrieden und glücklich
zu werden und glücklich zu machen. Aber zwei Jdealisten
in einer Ehe, da wird das , Laßt jede Hoffnung
draußen! mit Naturnothwendigkeit zu einer unerbitt-
lichen Wahrheit.?
Die Mutter bemerkte mißbilligend, Konxgdine s
gefalle sich in solchen übertriebenen Behauptungen,
auch. die Kenney, welche ohne alle Kenntniß von Kon-
radinens Erlebnissen war, meinte, wenn diese sich bis-,
her auch niht zur Ehe habe überreden lassen, sg,hahe
sie doch früher weniger hart über dieselbe, geuxtheilt.? ,
.. ; ,Erüher, früher!r wiederholte. Konradfne,g,das I
ist hgnge her. Glauben, Sie dennn, daß ih nicht bis- -
wweilen, jene früheren Zeiten zurückwwünsche, in denen
ich selbst noch wie ein, Kind zu glauhen, zu vertrauen
zund zu hoffen vermochte? Aber kann ich mein Be-
wvußtsein rückwärts schrauben? Kann ich meiner Ein- -
sicht gebieten, nicht zu sehen und zu verstehen? Oder
soll ich mich zum Selbstbetrug yerdammen, ym Andere;
nicht zu enttäuschen? Früge mich Baron Emianuel um
meine Meinung, ich würde sie ihm nicht vorenthalten,
ud er, ßßt guch viel. zu gescheidt, um ohne, Ahnung -
über das Bedenkliche seinex Wahl zu fein!?-
Miß Kenney wollte das nicht gelten lässen. Sie ;
sagte, er habe alle Einwendungen, welche man ihm ;
gegen diese Verbindung gemacht, zurückgewiesen und --

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es schließlich beleidigend genannt, daß man ihn eines
Wortbruches fähig glaube. Trozdem, habe sie öfters
daran gedacht, welche Wirkung es auf Hulda's em-
pfindsame Seele machen müßte, wenn in der Thgt
Emanuel jemals dahin kommen sollte, seine Verbin-
dung mit ihr nicht mehr als etwas ihm Nothwendiges
zu betrachten. Ihn von seinem Vorhaben abzubringen,
das werde jedoch in keinem Falle möglich sein.'-
,Mit offener Widerrede sicher nicht,! warf Frau
von Wildenau ihr ein. , Es käne indessen auf den!
Versuch an, ob die Bande, welche ihn gn das Mäd-
chen fesseln, einer Trennung widerstehen.- Ps iß schon
mancher Faden zerrissen, wenn man ihn ,weiter aus-
dehnte, als sein Gehalt vertrug; und der. Baron
hat uns halbwegs die Zusage -gethan, uns eine Strecke
zu begleiten.! -
,Er wird nicht gehen!! seufzte Miß Kenney,
auf das Neue zwischen ihren Neberzeugungen,zuud ihren
Wünschen schwankend.
, Ein Mädchen, das ihn liebt, wäre auch sehr
thöricht, wenn es ihn nicht hielte!r meinte. Konradine.
, Hulda ihn halten? rief die Kenney, und ihr
ganzes Vertrauen in des Mädchens Charakter klang
aus diesen Worten wieder, ,ihn halten, wenn man ihr
sagt, daß das Fortgehen für ihn dienlich sei? -- Sie
kennen Hulda nichtl?
,Sie machen mich begierig, sie kennen zu lernen!?
sagte Konradine. Die Kenney äußerte ihre Bedenken
dagegen, Konradine blieb jedoch bei ihrem Einfall und

Fanny Lewald, Die Erlöserin. L

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wiederholte ihr Verlangen, als der Baron sich danach
zu ihnenn gesellte. - Emanuel entgegnete, er hätte wohl -
gewünscht' ihr Hulda zeigen zu' können, wie er sie- zu-
erst erblickt. Jezt sei sie nur der Schatten ihrer selbst,
- obschon selbst die Leiden der Krankheit die Reinheit
ihrer Gesichtsformen nicht angetastet habe.: Er hoffe
aber, sie ihnen in nicht ferner Zeit wieder in aller-
ihrer Frische vorstellen zu können. Von solchem Auf-
schub wollte Konradine jedoch nicht hören. -
- ,Wer weiß,- sagte sie, ,wie Ihre und. unsere -
Südergänge- und Weltfahrten uns wieder auseinander Z
führen. Eine kleine Zerstreuung ist jedem Kranken
gut. Es muß Hulda ja auch freuen, wenn eine lang--
jährige Freundin des Barons ihr die Hand zu geben
wünscht. Sagen Sie ihr, liebe Kenney, ich würde;
da die Kälte den Baron hier noch gefangen hält, in
den' nächsten -Tagen zu ihr kommen, ihr seine Grüße
selbst zu bringen.!
Emanuel freute sich der Theilnahme, welche Kön-
radine' für die Kranke zeigte. Auch die Kenney fühlte
sich allgeniach' geneigt, ihr zu willfahren, ohne es aus-
zusprechen, welche heimliche Hoffnung sie darauf baute.
Man verabredete also, daß der Pfarrer, der seinen
Besuch für einen der nächsten Nachmittage perheißen
hatte, Bescheid darüber bringen sollte, ob seine Tochter -
sichi die Kraft zutraue, die Freundin der gräflichen-
Fämilie' zu empfangen, und man blieb noch eine WeileZ
mit Hulda und ihrer Eigenartigkeit beschäftigt, nach-
dem die Kenney bereits den Heimweg angetreten hatte.

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Aber die selbst für jene nordischen Gegenden un-
gewöhnlich harte Kälte hielt den Pfarrer und Miß
Kenney, die in ihrem vorgeschrittenen Alter die Un-
bill des Wetters doppelt zu scheuen hatten, an den
folgenden Tagen von dem Schlosse fern. Nur der
Bote, welchen Emanuel täglich nach der Pfarxe sen-
dete, brachte Kunde, und zwwar gute Kunde aus der-
selben, und Miß Kenney meldete in einem besonderen
Briefchen, daß es Hulda freuen würde, wenn Konradine
sie besuchen wollte. Diese war' mit ihrer Igewohnten
Lebhaftigkeit augenblicks dazu bereit. Eniamuel jedoch
sprach nun Bedenken dagegen aus, welche den Frauen
nicht stichhaltig erschienen, die: sie indeß gelten zu
lassen hatten; und in einem angenehmen Beisammen-
sein waren wieder mehrere Tage hingeschwunden, als
man aus dem benachbarten Städtchen die Meldung
erhielt, daß der zerbrochene Wagen hergestellt und
wieder zu benützen sei.
Kein Tag war seit der Ankunft der Gäste ver-
gangen, ohne daß von dem Wagen und von der Ab-
reise der beiden Frauen die Rede gewesen wäre; den-
noch empfand Emanuel es wie eine unerwartete und
unangenehme Unterbrechung, als Frgu von Wildenau
ihre Zufriedenheit mit der Botschaft aussprach und
Tag und Stunde ihres Fortgehens bestimmnte. Man -
hatte die Zeit, welche man zusammen verlebt, jo be-
auem und behaglich zugebracht, und war einander
in ganz neuer Weise nahegetreten; Emanuel hatte. in
der Mutter mehr Ernst und mehr besonnene Er-
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fahrung gefunden, als er ihr zugetraut, und Konradi- -
nens trotzige Herzzerissenheit, der wilde Zorn, mit
welchem sie sich gegen ihr Geschick wie gegen den
Schmerz empörte, den sie wider ihren Willen fühlte
und doch nicht zu besiegen vermochte, hatten ihm eineI
fo lebhgfte Theilnahme eingeflößt, daß er sie zu längerem
Verweilen zu überreden strebte. Indeß er erreichte da- ,
mit Nichts, als daß man ihn mit Lebhaftigkeit dazu be- s
stimmen wollte, das Schloß so bald als thunlich mit -
einem südlicheren Aufenthalt zu vertauschen.
,Ich bin mein Lebenlang nicht ängstlich um das I
Urtheil der Leute besorgt gewesen,! sagte die Mutter, I
als sie sich mit Emanuel allein befand und man wieder
auf das Thema zu sprechen kam; ,aber wir. sind in
diesem Augenblicke in einer Lage, welche uns doch -
Rücksicht zu nehmen zwwingt. Konradinens Herzens--
angelegenheit hat Aufsehen gemacht. Neben den Gut--
denkenden, welche sie beklagen, finden sich, wie in allen
solchen Fällen, auch Nebelwollende und Personen,
welche ihr den Antheil. neiden, den die beiden Höfe --
hr bewiesen haben. Diesen würde Nichts willkommener,
sein, als irgendwo einen Anlaß zu der Behauptung I
zu finden, daß meine Tochter nicht eben schwer von
dem Bruche jenes Verhältnisses betroffen worden sei,
daß nur ihr Ehrgeiz unter demselben leide. Wer will
voraussehen, welche Absichten man mir unterlegen
würde, wenn wir länger, als es durchaus erforderlich
ist, hier die Gastfreundschaft eines unwerheiratheten
Mannes annähmen, der nicht einmal der Herr des
Hauses ist. Es gibt Leute genug, die es bezweifeln

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werden, daß wir von Ihrer Anwesenheit im Schlosse
nicht unterrichtet waren, daß uns wirklich nur ein Un-
glücksfall hiehergeführt hat; und von allen thörichten
und unwürdigen Rollen, welche ich im Laufe meines
Lebens von Frauen habe spielen sehen;' ist mir keine
widerwärtiger erschienen, als die Rolle jener Mütter,
die ihre Töchter, wie es in der Volkssprache heißt, an
den Mann zu bringensuchen. Selbst vor den Schatten
eines Verdachtes möchte ich mich nach dieser Seite hin
bewahren - mich und Konradine!? fügte sie hinzu.
, Im Nebrigen mag man von mir und. von meiner
Tochter denken, was man will. Wir beruhen, Jede
von uns in ihrer Weise, in uns selbst, und was wir
vielleicht an einander im Einzelnen auch anders wün-
schen muchten- wir dürfen uns auf einander ver-
lassen. Und das ist immerhin schon Etwas in der Welt,
wie sie nun eben ist,? -
Frau von Wildenau setzte Emanuel mit dieser
Unumwundenheit in Erstaunen, so daß er im ersten
Augenblicke um die Antwort darauf verlegen war.
Daß sie ihn, eben ihn, zu den Männern zählte, wwelche
der Welt geeignet scheinen könnten, ihier Tochter Trost
und Ersaz für das zu bieten, -was sie erlitten und
verloren hatte, das schmeichelte, wenn er sich dessen
auch nicht klar bewußt war, seiner Eitelkeit. Es brachte
ihm plözlich den Ausruf: ,Als ob es solch ein Wun-
der wäre, wenn man Sie liebtl' in das Gedächtniß,
den Konradine gethan, als er ihr berichtet, wie er
und Hulda sich gefunden hätten.'

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- -- War es denn möglich, daß er sich über sich selbst -
getäuscht hatte, war er nicht so unschön, als er es bis- ,
her geglaubt? Konnte er Neigung gewinnen, Liebe
erwecken, und war es wirklich nicht ein Wunder, wenn
ugend und Schönheit sich zu ihm wie zu anderen
Glücklicheren wendeten?
Die Gedanken schossen. ihm mit Blizesschnelle ,
durch' den Sinn, während er sich gleichzeitig den Vor-
wurf-machte, daß er, von dem oberflächlichen Uriheil ?
oberflächlicher Menschen verleitet, Fraü von Wildenau z
früher nicht nach Gebühr geschäzt habe, daß auch er -
in den Fehler verfallen sei, nach fertigen Maßenn und ß
hergebrachten Vorstellungen zu messen und zu urtheilen, -
und wie er nahe genug daran gewesen sei, zus vet- ?
urtheilen und nicht für vollwichtig zu halten, was in ,
irgend einer Weise gegen das Hergebrachte anstieß, oder
mit dem Mittelmaße nicht genau zusammenstimmen -
wöllte. Er erfuhr dadurch eine innere Wandelung h
und zugleich eine völlige Umgestaltung seines Verhält- s
nisses zu den beiden. Frauen. Er konnte nicht mehr I
daran denken, sie zu längerem Verweilen aufzufordern,ß
nur daß ihre Anwesenheit ihm ein Glück gewesen und
ihr Fortgehen ihm sehr leid sei, das sprach er mit
großer Wärme ihnen aus. Frau von Wildenau knüpfte
daran die Hoffnung auf ein baldiges Wiederbegegnen. ,
Emanuel sagte, daß er, wie sie sich nun selber über- -
zeugt haben werde, über seine nächste Zukunft und
Feine nächsten. Entscheidungen nicht Herr sei.
- Die Baronin hörte das an, schwieg eine Weile,
dann sagte sie: ,Ich habe mich so freimüthig über

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mich und unsere Lage gegen Sie ausgesprochen, lieber
Freund, daß ich aus dieser Hffenheit den Muth schöpfe,
Ihnen die Entfernung von hier noch einmal -pecht
dringend anzurathen. Sie dürfen den Winter -und
das verderbliche Frühjahr hier nicht' ahwarten; und da
ein Augenblick, ich möchte sagen, ein bloßer Zufals,
Ihre Perlobung veranlaßt -hat, ist es pirklich eine
Nothwendigkeit, daß Sie von dem Poden Ihrer glten
früheren, Lebensverhältnisse aus, Fie Prghe; gachen,
welchen Werth. diese so -plözlich- erfolgte ßexhindung -
und dieses Mädchen thatsächlich für Sie besizen, Ich
hatte Sie in der ersten heiteren Erregung unseres hie-
sigen Wiedersehens überreden wollen, mit uns zusam-
men von hier aufzubrechen. »ieselben Gründes pelche
unser längeres Verweilen unzulässig machen,; hindern
mich natürlich, auf jenem früherenWßorschlage zu be-
stehen. Aber gehen Sie bald, von hier ?fort, lassen
Sie die Zeit, die Entfernuung, beruhigend guf. sich
wirken. Sorgen Sie sich um das junge, Mädchen
uicht zu sehr. Selbst die Kenney, die, doch -mupfind-
sam- genug ift, und an dem Mädchen- hängt, ist , be-
denklich und hat uns gebeten, Sie zu einerspotkäufigen
Entfernung zu vermögen. - Wiederzukehren;steht, jg in
jedem Augenblick in Ihrer Macht; und wenn nicht? -
=-- Nun, man stirbt wirklich nicht aus-Liebesgram, ob-
schon Ihr Männer dieses gerne gsauben möchtet. Aher
an einer unpassenden Ehe sind schon viele der Besten
zzu Grunde gegangen. - - Unter allen, Dichterworten- ist
sicherlich keines von einer unwwiderleglicheren Wahr-
heit als jenes: ,Orum prüfe, wer sich ewig bindet

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-- - der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang!? Es
gibt nach meiner Erfahrung pirklich gar keine bedenk-
licheren' Verbindungen als - diejenigen, in welche die
leichte Bestechbarkeit der Männer durch kindliche Neber-
runpelungen hineingetrieben wird, und -- ein wenig,-
lieber Freund, ist das auch Ihr Fall gewesen.! ?
- - Sie' lächelte bei den letzten leichthin gesprochenen
Worten, aber gerade diese traten ihm zu nahe und
zerstörten den Eindruck, welchen die wiederholtenVor-
stellungen' duf' ihn zu machen begonnen hätten.' Er -
hatte die' ganze Selbstbeherrschung seiner Wohlerzogen-
heit nöthig, ihr nicht kundzugeben, daß sie zu weit ge-
gangen sei; aber nachdem er sich bis dahin dem Be-
suche nicht geneigt gezeigt, den Konradine der Kranken -
hatte machen wwollen, erinnerte er plözlich sich jetzt an
denselben, ünd schickte fragen, ob das Fräulein viel-
leicht den Sonnenschein eben dieser Mittagsstunde zu
der Fahrt benützen wolle.
- Konradine war sofort dazu bereit. Als sie in den
Saal' trat, fand sie zu ihrem Erstaunen den Baron
ebenfalls für die Ausfährt angekleidet.- Sie versuchte
ihm Einwendungen gegen seine Begleitung zu machen;
er entgegnete, er wolle und müsse die kleine Fahrt doch
einmal wagen. Man könne die Dauer der Kältenicht
poraus berechnen, er trage. Verlangen danach, seine
Verlobte wiederzusehen, und mache sich einen Vor-
wurf darüber, der selbstsüchtigen Sorge für seine Ge-
sundheit schon zu lange rücksichtslos nachgegeben zu
haben.

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Frau von Wildenau wußte, wie sie sich diese Be-
merkung zu deuten hatte und- nahm sie gelassen hin.
Da sie in bester Absicht, ohne einen Nebengedanken
gehandelt, hatte sie sich nur den Vorwurf. zu großen
Eifers zu machen,' und sie verschwieg selbst der Tochter
die Zurechtweisung, welche sie durch Emapuel in diesem
Augenblicke erfuhr.. Indeß, es war vonn dem Hespräche
eine innere Erregung in dem Baron zurückgeblieben,
und wie er nun an der Seite seines -schönen. Gastes
abermals wie an dem Tage nach, der FrauenAlnkunft,
jber die weite weiße Fläche ,inflog, kanes ihm vor,
als sei seit jener Fahrt schon eine lange- Zeit ver-
gangen, als stehe er an dem- Vorabende eines unab-
weislichen Schmerzes.
Es verwirrte ihn, wie er sich auf dieser Empfin-
dung betraf. Er nannte sie wunderlich, schalt sich um
seiner Weichheit willen, denn jedes Abschiednehmen war -
ihm von Jugend auf eine Pein gewesen, und weil- er
meinte, seiner Gefährtin über Fein Schweigen eine
Aufklärung zu schulden, bekannte er ihr seineSchwäche,
indem er es ihr herzlich aussprach, wie viel das Bei-
sammensein mit ihr ihm werth gewesen sei.
Sie sah ihn mit ihren schönen Augen ernsthgfi
an. , Das ist mir eine große Genugthuung,! ver-
setzte sie darauf, , denn wenn man sich selber Nichts
mehr gilt, hat man doppelte Fkeude daran, für An-
dere doch noch Etwas sein zu können, und ich vetberge
es Ihnen nicht, ich gehe auch nicht gerne fort. Um
ein Wanderleben wie das unsere. angenehm zu finden,
muß man Wünsche, Lebenslüst und Hoffnung haben,

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die- mir sammt und sonders fehlen. Schmerz will
stille sigen! Die Ruhe hier bei Ihnen hat mich wwider
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mein Erwarten so erguickt, daß ichi förmlich Sehnsucht
nach einem festen' Heim, mnach einem Orte Iekommen
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habe, an dem ich wandellos verweilen könnte;'und so
müde bin ich, daß mir die Aussicht auf das Stifts-

kreuz uid das Fräuleinstift, die mir vor wenig Wochen
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trostlos' dünkte, allmälig lieb zu werden anfängti!
,Die Einsamkeit täuscht Sie über sich selbst,?
entgegnete Emanuel. ,Sie werden anders denken,
wenn Sie wieder in Ihren gewohnten Kreisen leben
- werden. Naturen wie die Ihre brauchen Raum und
Licht, sich zu entfalten und ihrer selber froh zu
werden.?
deren Gedanken, bis sie an das- Dorf kamen und das
Pfärrhaus wieder vor: sich liegen sahen.-.

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e - Der Pfarrer war zu: einem Sterbenden in das
nächste- Amt gerufen worden, nur die Kenney empfing -
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f Er fand: Hulda seiner bereits wartend. Sie hatte
den Schlitten' komnen hören, seine Stimme schon ver-
nommen. . ?
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,So länge Sie noch Sie selber sind! warf
Konradine-ein, und sie versanken Beide in ihre beson-


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- ,Ech, wie habe ich mich nach Ihnen gesehnt;!
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riefusie: ihin entgegen, ,aber es ist so kalt. Sie hätten
döch nicht kommen sollen!
Wie er an sie. herantrat und ihr die Hand gab,
zog sie, diese, ehe er es hindern konnte, an ihre Lippen,
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und bot ihm dann mit schüchternem Lächeln ihren
schönen Mund.
Er küßte sie sanft, sprach ihr seine Freude aus,
sie so viel kräftiger zu finden und fragte, wie ihr sei.
,Wie soll ich's Ihnen sagen? entgegnete sie.
,Ich begreife es noch Mlles nicht, denn seit ich meine
Gedanken wieder beieinander habe, ist'es mir erst völlig
wie ein Traum. - Aber wenn die Kälte- Ihnen nur
nicht schadet! Wenn Sie krank würden und ich läge
hier gebannt, und müßte Sie den Fremden über-
lassen?
Ihre ganze Seele lag in diesen Worten.! Emanuel
versicherte ihr, daß er wohl sei, daß er die Kälte-heute
gut ertragen habe, und daß er hoffe, sie von nun an
wieder an jedem Tage sehen zu können. Aber die
Unterredung, welche er während der- Fahrt gehabt
hatte, klang noch in ihm nach. Sie hatte ihn, wie
Alles, was Konradine that und sprach, eigenthümlich
ergrifen. Er fühlte sich zerstreut, und weil er dies
nicht merken lassen' wollte und doch die warme Zäxt-
lichkeit des Mädchens nicht, wwie sie es verdiente, zu
erwidern vermochte; fragte er Hulda scherzend, indem' er
an ihre Worte anknüpfte, ob sie eifersüchtig sei?-.
,Ja!' entgegnete sie mit ihrer gewohnten Wahr-
haftigkeit, ,es sind ja Alle mehr als ich!' und
ihr schlichter, knapper Ausbruck traf ihn wieder bis
,- -
in das Herz.
Da er ihr nicht gleich die Antwort gab, wurde
sie besorgt. Er sollte sagen, ob er ihr böse deshalb sei

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,Nein, nein!! versetzte er, ,ich bedauere nur, daß -
Du Dich solchen Grillen überläßt und ich weiß jezt
nicht, ob Du das Fräulein, das mit mir hieher ge-
fomnmen ist, guch wirklich sehen willst!?
,Ich habe ja alle die, Tage darauf gewartet!?
sagte, Hulda und richtete sich empor, als Emanuel die
Thüre öffnete, und Konradine, begleitet von der Kenneyz
fxeundlich an das Bett der Kranken trat. Neber Hulda's
bleiche Pangen, flog eine jähe Röthe. Sie sah die
Fremde an, sah Emanuel. an,- die Thränen traten ihr
in die Augen, und ihre Arme mit Heftigkeit um den
Hals des Barons schlingend, der an ihrem Bette saß,
rief Fie:-, Emanuel, ich will, Niemgnden sehen als
Dich, als Dich,allein! Schick sie fort, schlck sie fortlr
und damit barg sie ihr Gesicht an seiner Brust, während
sie ihn heftig an sich preßte.
, -. Er gund die beiden Frauen waren sehr erschrocken.
Konradine, zog sich gleich zurück, die Kenney folgte
ihr, Emanuel hielt das Mädchen in seinen Armen
und, vexsuchte es zu beruhigen,. ohne daß es ihm ge-
lingen wollte. Sie weinte und bat ihn um Ver-
gebung, sie nannte ihn Emanuel und Du und ihren
Geliebten, gvas sie nie zuvor gethan hatte. Sie hing
sich fest und fester anihn, und küßte ihn mit Leidenschaft.
Dazwischen verlangte sie, Konradinen noch einmal
zu sehen.- Sie wollte wissen, wann die Fremden das
Schloß verlassen würden, und dann wieder rief sie,
lautaufweinend: ,Sie wollen mich ja Alle von Dir-
reißen, die Gräfin und der Vater und die Kenney
und gewiß die Fremden auch! Ich habe Niemanden

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auf der Welt als Dich allein, Dich allein! Du darfst
mich nicht verlassen und ich lasse nicht von Dir, dennin
dem Ringe da steht es geschriebei: , Dich und mich
trennt Niemand!?
Sie war außer sich, Emanuel war erschüttert bis
in das tiefste Herz. Er that, was er immuex, konnte,
sie zu beschwichtigen, die Fenney,nugf;-auch hinzu-
gekommen, aber Hulda wies sie mtut Heftigkeit zurück.
,Niemand! Niemanden will ich sehen als ihn
allein, als Dich!' rief sie laut und leidenschaftlich ein
um das andere Mal. Sie blieb jedem berühigenden -
Zuspruche Emanuels unzugänglich, bis sie sich erschöpft
hatte, und eine ohnmächtige Ermattung sie in Schlum
mer fgllen ließ.
Man konnte es sich nicht verbergen, man hatte
einen großen Fehler begangen, indem man Konradinens
Wunsch, die Verlobte Emanuels' kenneii' zu lexnen,
nachgegeben hatte. Emanuel konnte es sich nicht ver-
zeihen.
Diesmal war der Heimweg von der Pfarre für
den Baron und Konradine nicht so heiter und so an-
genehm als am Neujahrstage. Konradine machte ein
paar flüchtige Bemerkungen über Hulda's Schönhejt;
nur einige Worte über die begangene Unvotsichtigkeit
wechselten sie mit einander, und im Schlosse angelangt, -
trennten sie sich schweigend.
wwGaGSGSzuzössgsspppugpsssHgspGösss