Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 02

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Alles im Pfarrhause war alt, Alles war so ge-
wesen und geblieben seit drei Menschenaltern und
darüber. Mlles hatte seinen immer gleichen täglichen
Verlauf.
Der Pfarrer und sein Vater und sein Großvater,
der eines gräflichen Jägers Sohn gewesen war, hatten
alle Drei mit gräflichen Stipendien in Königsberg
studirt, und nachdem der jetzige Pfarrer seine theologi-
schen Prüfungen bestanden, hatte er der gräflichen
Fämilie als Erzieher des ältesten Sohnes gedient, so
daß der gegenwärtige Majoratsherr und Kirchenpatron
einst durch Jahre sein Schüler gewesen war. Daß es
ihm vergönnt gewesen war, diese lange Zeit in völliger
Sorgenfreiheit, in dem vornehmsten Hause der Haupt-
stadt zu verleben, sich dört in den Wissenschaften zu
vervollkommnen und sich daneben in der gräflichen
Familie eine Bildung anzueignen, wie nicht viele
seiner Standesgenossen ihrer theilhaftig wurden, das
sah des Pfarrers fromme Seele als eine der beson-
deren Gnaden Gottes an, für die er und die Seinen
dem Herrn alltäglich noch zu danken hatten.
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Es war in den Zeiten seiner Hauslehrerschaft
Sitte gewesen, die jungen adeligen Herren mit ihren
Erziehern auf Reisen gehen zu lassen, und wweil man
mit dem Kandidaten und Gouverneur im gräflichen
Hause so wohl zufrieden gewesen war, und Zutrauen
zu ihm gehegt, hatte man beabsichtigt, ihn dem
jungen Grafen bei der großen Reise als Begleiter bei-
zugeben. Aber, pflegte: der Pfarrer zu sagen, Gott
hatte es anders über ihn bestimmt. Sein Vater war
in einer Weise erkrankt,. die ihm einen Adjunktus
nöthig gemacht hatte. Der Graf hatte also, um die
Einkünfte der Pfarrers-Familie nicht zu schmälern, den
Sohn des Pfarrers zu dessen Gehilfen ernamnnnt, und
wie große Hoffnungen' der damalige Kandidat auch
auf die Reise mit seinem Zöglinge gebaut haben
mochte, war er doch bereitwillig. und freudig in die
Einsamkeit seines Geburtsortes zurückgekehrt. Sein
bescheidener Sinn und. fein ergebenes Herz hatten nie
einen eigenen: Willen neben demGlauben an die gött-
liche Allweisheit gekannt, und sein festes Vertrguen in
die Wege der Vorsehung zvar auch die. Quelle ge-
blieben, aus welcher durch sein ganzes Leben seine im-
mer gleiche Zufriedenheit entsprungeu war.--
- Troz seiner unheilbaren Krankheit hatte des Pfarr-
Adjuncten Vater aber noch länge gelebt, und erst nach
dessen Tode, als er selber die Pfarre angetreten,' hatte
der Sohn daran denken können, sich eine Frau zu
nehmen, denn die Eiükünfte der Pfarre waren sehr
gering. Damals hatte er schon in seinem sechsund-
dreißigsten Jahre gestanden, und die schöne Simonene,

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gerichtet; seit:er sie im Konfjrmanden-Unterrichte ge-
habt und: sie eingesegnet hatte, war bedeutend jünger
der Gräfin in Litthauen, zu Hause, war armer Leute
Kind gewesen, war frühzeitig verwaist, und weil sie
. ungewöhnlich schön gewesen war, hatte die Herrschaft
sich'ihrer angenommen und sie dem Amtmanne zu er-
ziehen -gegeben, der im Amtshause neben - dem gräf-
lichen Schlosse mit seiner Schwester haushielt.
Daß ihr Lehrer, daß der Herr Pfarrer sie zur
Ehe begehren könne, das hatte die schöne Simonene
nie für möglich gehalten, und auch nachdem sie seine -
Frau geworden war, sah fie zu ihm immer wie zu
einem höheren Wesen empor, obschon er, des Lehrens
und Erziehens sehr gewohnt, sie liebevoll zu sich
herangebildet hatte.
-? Zwei Kinder, welche sie ihrem Manne, in den
ersten Jahren der Ehre geboren hatte, waren bald ge-
storben, und man hatte kaum gehofft, diesen Verlust
ersetzt zu sehen, als die Pfarrerin zehn Jahre später
noch einer Tochter genesen war. In der Einsamkeit,
in welcher die Gatten lebten, und bei der bedeutenden
Altersverschiedenheit, welche zwischen ihnen herrschte,
war das besonders für die Mutter ein großes Glück
gewesen. Als daher der Pfarrer in seinem Dankgebete
für die Wöchnerin der Huld und Gnade gedachte,
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auf, die sichsein Auge und seine heimlichen Wünsche
gewesen :als er. - Sie war auf den Familiengütern
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mit welcher der Himmel ihnen diesen Ersaz für die
verlorenen Kinder gewährt, hatte er seiner Neu-
geborenen- neben dem Namen der Mutter, den sie
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eigentlich hatte tragen sollen, in der freudigen Auf-
wallung seines Herzens noch den Namen Hulda zu-
gelegt, bei dem man die Kleine dann auch rief.
War das Leben im Pfarrhause bis dahin sanft
und friedlich gewesen, so wurde es nun noch glück-
licher, und wie in der milden Wärme' eines von be-
ständigem Lichte überglänzten Frühlingstages, wuchs
das einzige Kind des Hauses schön heran. Was die
Zärtlichkeit der Elternliebe ihr in den beengten Ver-
hältnissen gewähren könnte, wurde Hulda unausgesetzt
zu Theil. Ein Tag ging gleich dem andern, hin.
Sie hatte ihre Unterrichtsstunden von dem Vater,
lernte es frühzeitig, der Mutter geschickt: zur Hand zu
sein, half im Sommer den Eltern Beiden in der Be-
stellung und Pflege ihres Gartens, und las zur
Winterszeit, als sie herangewachsen war, gm Abende,
wenn der Vater studirte und sie mit der Mutter an
dem großen, grünen Kachelofen saß, in dem die Abend-
suppe kochte, eine Stunde aus denjenigen Büchern
und Dichterwerken vor, welche die Pfarrerin unter
ihrer besonderen Obhut hielt. DerVater' hatte sie in
den guten Zeiten angeschafft, in denen er, in der gräf-
lichen Familie lebend, Geld für solche Ausgaben hatte
verwenden können, und später hatten die Herrschaften
bei anderen besonderen Anlässen den bescheidenen Bücher-
vorrath ihres Pfarrers mit einem -oder dem anderen
guten Dichterwerke bedacht.
Es war Hulda's Ehrenamt, diese Dichterwerke,
die auf einem eigenen, mit einem Vorhange von
grünem Rasch. geschüzten, Borde in der Wohnstube

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über der Komode der ßfarrerin hingen, allwöchent-
lich vom Staube zu säubern; und in einem dieser
Bücher, welche, selbst die Mutter immer nur mit einer
Art von Ehrfurcht in die Hand nahm, allein und nach
Belieben lesen zu können, war an des Winters Sonn-
und Feiertagen Hulda's größte Freude. Schon sie in
Händen. zu haben, war ihr ein Genuß; und wenn
draußen der grause Schneesturm die dicken weißen
Flocken gegen die niederen Fenster trieb, daß die bleich-
gelbe Nachmittagssonne kaum hineindrang, während
das Meer in dumpf rollenden Schlägen auf die zu
Eis gefrorenen Ufer niederfiel, konnte sie oft lange
sizen, und ohne zu lesen die aufgeschlagenen Vände
ansehen,: als müßte aus dem rauhen -grauen. Papiere
und zwischen. seinen Linien noch etwas ganz Anderes
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herauszulesen sein, als was darin gedruckt stand: -Es
schien ihr immer, als wäre ein Zauber darin verbor-
gen, zu dem sie nur den Schlüssel aufzufinden brauchte,
um - sie wußte selber nicht, welcher Herrlichkeit theil-
haftig zu werden.
z -Man besaß überhaupt im Pfarrhause noch jene
- Liebe ,Für, die Bücher und jenen wahren unbewußten
-Cultus ;des Genius, der nur von den. Armen und von
den. Einsamen in seiner ganzen Reinheit ausgeübt
wird. : Wenn es sich aber einmal fügte, daß nach
solchem stillen Sinnen der Postmeister sich zufällig
in der Pfarre einstellte, wenn er wie immer auf die
Wergangenheit und auf seine Erlebnisse zu sprechen
kam, so tauchten vor des jungen Mädchens Geist un-
bestimmte und doch verlockende Bilder einer Welt
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auf, die ihm fern und fremd war, pie die Sterne,
die am Himmel leuchteten, und zu Ider. es hinaufsah
wie zu den Gestirnen: neugierig - danach verlangend
und sicher, sie nicht erreichen zu können.
War dann der Winter wieder, einmal' überstan-
den, kam der Sommer heran, die MMenschen aus den
Ketten und Banden des Eises und der Fälte zu er-
lösen, zogen am fernen Horizonte wieder.die Segelschife
wie Riesenschwäne auf den Fluthen,. und die Schwal-
ben und, die wilden, Gänse pieder, durch die blauen
Lüfte hin, senkten des Pfgrrers Störche sich wieder
auf das Dach der Sakristei herab, dann - kam auch
neues Leben in das Dorf. Dann stachen die Kähne
wieder in See, dann ging die Pfarrerin mit, ihrer
Tochter sehen, was der Fang gebracht hatte,' dann
fuhren dieFischer, die so glücklich waren, ein Pferdchen
zu besizen, in den hellen Nächten bis nach der Haupt-
stadt hin, ihre frischen und geräucherten Fische zu
Markte zu bringen; und sie waren es dann auch, die
des Pfarrers Haushalt mit manchem Nothwendigen
versahen. Denn ein Pferd zu halten, xeichten die
Einkünfte des Pfarrers weit nicht aus, und in dem Dorfe
konnte man Nichts kaufen und Nichts haben, was man
nicht selber dem Boden abgewann. Der brachte aber,
so hart am Meere, außer den gewöhnlichsten Kräu-
tern, außer der Stachelbeere, der Johannisbeere und
der kleinen sauren Kirsche, in seinem Dünensande
Nichts hervor.
Die vier Kiefern in dem Pfarrhofe, die Hollunder-
Büsche, welche vor der Thüre die Bank beschatteten,

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der Sonnenglanz, das Tausendschön und der Lavendel,
das waren des Pfarrers und der Seinen ganze Freude.
Die beiden Rosenstöcke, welche Mamsell Ulrike, des Amt-
manns Schwester, ihrerPflegetochter aus demAmtsgarten
indiePfarre mit gegebenhatte, kamen nicht injedeniJahre
zu ihrer vollen Blüthe, weil der Garten dem Seewindezu
sehr offen lag, und nicht in jedem Jahre genoß die schöne
Hulda den Triumph, mit einem Strauß von Rosen
vor der Brust, zur Kirche gehen zu können, und sich
dabei in einer poetischen Verklärung zu empfinden,
die ihr noch das Herz erwärmte, wenn der Duft der
welken Rosenblätter ihr im Winter bei dem Deffnen ihrer
Lade, des Sommers und der Rose Pracht in das Ge-
dächtniß rief.
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