Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 29



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-'Aeunundzwanziglles Gapites
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- Noch einen Tag hatten die beiden; Frauen -in
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Emanuels Gesellschaft zu - vexweilen, eß, ging äußerlich
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Alles, den guten hergebrachten Gang. Man Jam an
den bestimmten Stunden in den gewohnten Räumen-
sg wie, bisher zusammen, allein die zuversichtliche un-
befgngene Heiterkeit, welche den Freunden die Stunden
perschönt, hatte, wwaltete nicht mehr zwischen ihnen.
? Man; sgß einander-noch gegenüber, und war innerlich
doch nicht mehr beisammen wie bisher.
.- Frau von Wildenau ggatte sich in ihrer Phgntasie
! ein, Fest dargus gemacht, ihrer, Freundin den Bruder
zuzuführen, gmnn damit die ;grsten Schritte zur Lösung
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z jener ßexlobung zu thun, welche der Familie so wenig
paßte. ,Daß dies Vorhaben ihr nicht gelungen war,
das wwerstimmte sie, und dg jie von den Männern sehr
verwöhnt war, fing die kleine Zurückweisung, die sie
von Emanuel erhalten hatte, sie nachträglich zu ver-
drießen an.-- Konradine ihrerseits scheute sich, wie
sie es Emanuel gestanden hatte, vor der Rückkehr in
die große Welt, und sie verhehlte es sich auch nicht,

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daß sie die Gesellschaft des Barons, auf dessen ver-
ständnißvolle und nachsichtige Theilnahme sie in jedem
Augenblicke hatte rechnen dürfen, sehr vermissen werde.
Emanuel aber war völlig in sich selbst vörsunken.-
Hulda's Leidenschaft, die Tiefe ihres Empfindens,
die Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich kundgab, das
eigentlich Dämonische in ihrer ganzen Natur, das ihn
immer so mächtig angezogen, hatteihn auch jtzt wieder
überwältigt. Ihre Eifersucht hatte sie mit ßeherischem
Blick in seinem Herzen lesen, und errathen lassen,
was er selber, nicht vermuthet, nicht erkannt. Und-
doch wußte und fühlte er, daß seine Liebe,ihr unver-
ändert eigen war, obschon Konradinens. Schicksal ihn
sehr beschäftigt, und er eine sehr große Theilnahme für
sie gewonnen hatte. Daßß Hulda's Wesen jo aus
Einem Gusse war, daß es ihr unmöglich fiel, sich. zu
beherrschen, um sich zu verstellen,' dgs gehörte zu dem
Bilde, welches er von ihr im Herzen trug; aber eben
diese tiefe wilde Gewaltsamkeit hatte doch im Augen-
blicke, wie jede ungezähmte Naturkraft, etwas Er-
schreckendes und Unheimliches für ihn gehabt, und er
verhehlte es sich nicht, daß Hulda's Eigenartigkeit unter
Verhältnissen für sie und ihn, eine Quelle manches
Leidens werden könne, daß sie schwer in die nothwen-
digen Schranken zu bannen sein würde, . in welchen
alles Empfinden innerhalb unserer geselligen Verhält-
nisse sich zu bewegen hat.
Er dachte immerfort an Hulda, auch wenn er
mit Konradinen und ihrer Mutter war. Er fand es
gut und nöthig, daß seine Gäste morgen von ihm

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schieden, trozdem that es ihm leid und wehe, daß er -
leisten und zu sein.
. -Es fiel ihm- an dem Tage und an dem Abende
samkeit zu üben. Es glückte Alles nicht wie sonst.
Mai fing die Gespräche an und ließ sie fallen, keine
Unterhaltung wwurde nachhaltig. Man versuchte, Ab-
reden für die Zukunft zu nehmen, und auch damit,
wollte es nicht gelingen, weil Emanuel keine be-
stimmten Anhaltspunkte zu bieten vermochte. Am
Abende versuchte man noch einmal Musik mit einander
zu machen, aber auch das wurde bald wieder aef-
gegeben, denn Konradine fühlte sich nicht aufgelegt
zum Singen, und so trennts man sich früher, als es

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je geschehen - war. Die zeitig angesetzte Abreise der -
Gäste bot dafür, den Vorwand.
-Emanuel schlief wenig in der Nacht, der rauhe
Nördwind, unter demi die Fenster klirrten, ließ ihn -
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dann nicht mehr vergönnt sein werde, ihr Etwas zu
schwer; die: Rolle des Hausherrn mit gewohnter Acht-
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dann Konradinen nicht mehr sehen und daß es ihm -


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die Fieundinnen beneiden, die gen Süden- zogen.' -Am -
Morgen, da man sich zu demr letzten gemeinsamen
Frühstücke zusammenfand, war es draußen noch völlig
dunkel. - Glücklicher Weise hatte Frau vou Wildenau
ihre gute Laune wiedergefunden. Die Aussicht, in-
einer verhältnißmäßig kurzen Zeit in wärmerem k
Himmelsstriche und in einer ihr zusagenden befreun-
deten Geselligkeit zu sein, lockte sie vorwärts. - Das
kleine angenehme Zwischenspiel dieses einsamen Schloß-
lebens hatte nun lange genug gewährt, und weil sie

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wußte, daß uns von einem Erleönisse kaum Etwas so
deutlich und über seinen Werth entscheidend in der
Erinnerung bleibt, als seine letzten Stünden, war sie
bemüht, ihre volle Liebenswürdigkeit' zum Schmucke
derselben aufzuwenden.- Selbst--diese wollte jedoch
heute nicht die gewohnte Wirkung thun. - Konradine-
und Emanuel sprachen Beide wenig, aber der Letztere
war in so herzlicher Vorsorge für die Scheidenden
bemüht, daß Beide ihrer Anerkennung und - ihres
Dankes gar kein Ende finden konnten. Auf Hulda
kam Keine von ihnen auch nur mit einem Wörte
, zurück. Emanuel erwähnte ihrer auch nicht.
Als er die Frauen endlich die Treppe hinunter
und nach dem Wagen geleitete, war ihm noch -schwerer
um das Herz als in der Stunde, da die gräfliche
Familie das Schloß verlassen hatte. Damals- hatten
ein ihm neues Empfinden und eine leidenschaftliche
Erregung ihn getragen, heute fühlte er sich von Sorge
mancher Art bedrückt.
Die Sterne standen noch am Himmel, es war
schneidend kalt, man hörte den Schneekiistern unter -
dem Tritte der Leute, welche bei der Abieise behilflich
zu sein hatten. Der Amtmann in seinsn Pelzrocke
und die Mamsell miit ihrer schwarzen Sammtkappe
waren zeitig in das Schloß gekommen. Die lebhafte
Freundlichkeit der Fremden, welche von der Zurück-
haltung der gräflichen Frauen weit verschieden war,
hatte dem Amtmanne wohlgefallen; die' reichen Ge-
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dacht, hatten die hohe Meinung, welche diese von
ihnen hegte, noch gesteigert. Sie erschöpfte sich, als
oh sie des, Hauses Herrin gewesen wäre, in der. Bitte;
man möge gn dem Schlosse nicht vorübergehen, wenn
man wieder dieses Weges komme; man möge ihr die
Ehre gönnen,, die vortreffliche gnädige Frau und das
liebe -schöne Fräulein wieder einmal bedienen zu
können.-
Sie war ganz außer Athem vor Diensteifer und
vor, Bewunderung, als Emanuel die Mutter in den
Wagen hob, als Konradine ihm noch einmal die
Hand darbot.- ,Seben Sie wohl, mein Freund, ver-
gessen Sie meiner nicht!? sprach Konradine noch zu
ihm. ,Wie könnte ich das! gab er ihr zur Antwort,
und der Wagen entführte sie seinem umwölkten Blicke.
. Schweigend ging er in das Schloß und in seine
Gemächer zurück. Ulrike sah ihm nach und schüttelte-
mißbilligend den Kopf.
,Das schöne Fräulein,! meinte sie, , das wäre
eine andere Frau für den Baron gewesen, als des
Pastors Hulda!?
Sie hatte das zu ihrem Bruder und, nach ihrer
Art, nicht laut gesprochen; aber bei ihrer hellen scharfen
- Stimme ging in dem stillen Raume kein Wort davon
verloren. Emanuel. wollte, er hätte es nicht gehört,
denn, jn seiner Gewissenhaftigkeit zürnte er sich selbst
darüber, daß dies Scheiden ihm so schwer geworden
war, daß er sich des Wunsches nicht zu entshlagen
vermochte, er hätte Konradinen so gekannt wie jezt,
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bevor der Schmerz zerstörend in ihr Leben eingegrifen
hatte, oder er wäre ihr gar nicht mehr begegnet.
Er ging durch die Zimmer, welche die Frauen
bewohnt hatten, er ging in das Frühstüczimmer, es
war Alles leer. Selbst als er in seine stille Stube
kam, fehlte ihm Etwas, denn die Notenhefte, die er
von Konradinen entliehen, und ein, paar Bücher, die
sie ihm gegeben, lagen nicht üiehr an derselben Stelle:
Er sezte sich an den Schreibtisch nieder und fing in
seinen Papieren zu kramen und sie zu, ordnen an,
aber er hatte auch dazu keine Ruhe. Er war kieder-
geschlagen und traurig, und der Tag kam ss, langsam
herauf.
Er sah in tiefem Sinnen in das Moigengrauen
hinaus. Wie Schatten- zogen die Gedanken an ihm
vorüber. Er, bemerkte jeden einzelneni und konite sie
doch nicht festhalten-- und hätte-er's Pekonnt, er
hätte es nicht gewollt..
Als die Hähne zu krähen dnfingen, als der Sturm
sich draußen legte und der gelblich blasse Schein am
Horizonte sich zu färben und zu röthen,i und als es
-dann im Osten über dem Meere flammend aufzuleuchten
anfing, wurde er endlich freier. - Er mußte aufathmen,
er mußte eine Pause machen, ehe er weiterleben konnte,
und wie er sich niederwarf, um womöglich noch eine
Stunde der Ruhe zu genießein, sagte er, ohne es zu
wollen: , Das ist nun vorbei!? - Er erschrak, als er
die Worte hörte.
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