Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 30



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Dreißigstes Gapites
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Da ihm die Ausfahrt nicht Schaden gethan hatte,
wollte Emanuel am Mittage abermals nach der Pfarre
hinüber, um Hulda zu sehen. Er war sicher, daß sie
nach ihm - verlangen mußte. Denn er selber- fühlte
das Bedürfniß, das gestrige Erlebniß in einem neuen,
friedlichen Beisammensein aus ihrer Seele zu ver-
scheuchen. Sich und sie wünschte er zu beruhigen. Er
hoffte zum erstenmale auf ein eigentliches Gespräch
mit ihr, zu dem es bisher nie hatte kommen können,
und er wollte, nun sie auf dem sicheren WZege dex
-Genesung war, auch endlich die übliche Zusage ihres
Vaters fordern, welche derselbe bis dahin zu geben
wermieden hatte, weil, wie er gesagt, des Menschen,
Entscheidung nutzlos sei, ehe Gott nicht selbst ent-
schieden- habe.--
-- Gegen alle seine Gewohnheit kam der Pfarrer
aber schon in den ersten Morgenstunden zu Emamuel
in das Schloß. Er sagte, es habe sich ihm öurch den
Postmeister eine Gelegenheit zu der Fahrt geboten,
und er habe sie sofort benüzt, um Emanuel zu sprechen,

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um sich mit ihm zu verständigen, und ihm und seinem
Kinde neue Aufregungen zu ersparen.
Es war eine Reihe von Tagen vergangen, seit
Emanuel den Vater nicht gesehen hatte, und er fand
ihn auffallend verändert. Erst jetzt, da er ihn zum
erstenmale nach der Unglücksnacht in den Kleidern vor
sich sah, welche der Pfarrer außerhalb seines Hauses
zn tragen pflegte, benerkte .er, wie der-bis dahin
immer noch rüstige und verhältnißmäßig. wohlerhaltene
Mann verfallen und abgemagert, wie der sonst so -
helle Glanz der alten Augen matt' und trüb geworden
war. Es lag unverkennbar ein schwerer Druck auf
ihm, der nicht allein von der Trauer um die perlorene
Lebensgefährtin stammte. Emanuel. konnte sich nicht
enthalten, es dem ihm sehr werth gewordenen Manne
auszusprechen, daß er ihn angegriffen finde, und wie
er sich getröste, daß Ruhe und Pflege und die Gunst
eines milderen Himmelsstrichs herzustellen vermögen
würden, was Sorge und. Leiden ihm genommen
hätten.
Der Pfarrer sah ihn freundlich än. ,Ja, sagte
er, , ich habe das gleich gefühlt; um solches Geschick
ungebrochen zu ertragen, muß man jünger sein. Für -
mich alten Mann war es allzu schwer. Aber der Herr
hat mich doch nicht sinken lassen. Ich habe mein Amt
versehen können bis auf diesen Tag, und ich hoffe,
Gott wird mir dazu auch die Kraft verleihen,' bis an
mein Ende, das mir -ja nicht ferne sein kann.'!
Emanuel wollte dieser Voraussicht keinen Glauben
schenken. , Lassen Sie mich hoffen, mein Freund,!

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sprach er mit Wärme, ,daß Sie sich über ihre Kräßte Z
täuschen, und eben deshalb lassen Sie es uns be-
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denken, ob es nicht gerathen für Sie wäre, Ihrer
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anstrengenden Amtsthätigkeit baldigst zu entsagen, um
fortan in beschaulicher Ruhe mit uns zu leben, und- j
Ihrer Tochter den Schmerz der Trennung zu er-
spären;!

Dee Pfarrer machte eine leise abwehrende Be-

wegung mit der Hand. , Nicht weiter, Herr Baron!?
bat er. , Nöthigen Sie mich nicht, Herr Baron, däs
großmüthige Anerbieten, welches Sie mir, für Hulda
und auch für mich zu machen denken,' mit aus-
gesprochenem Worte abzulehnen. Führen Sie mich
nicht in die Versuchung, mich in der Schwäche meiner
Vaterliebe gegen die große Dankbarkeit zu versündigen,
welche wir seit drei Menschenaltern der gräflichen
Famile schuldig geworden sind, oder dem Wunsche
meines Kindes zuliebe meiner Pflicht untreu zu werden,
und wie ein fauler Knecht von dem Posten fortzugehen,
die Arbeit aus der Hand zu legen, ehe der Herr
mich abruft, der sie mir zugewiesen hat. Ich kann
- nicht-darein willigen, daß meine Tochter Ihre Frau
- wird, und ich darf ebenso wenig daran denken, mein

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meine Absichten, seit der ersten Stunde, in welcher sie
in mir rege geworden waren.!
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n ,Aber Ihre Tochter liebt mich,! fiel Emanuel
ihm in die Rede, , und Sie kannten meine Wünsche;


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,Ihr Vorwurf ist gerecht, ich habe ihn mir selbst
gemacht,! entgegnete der Pfarrer sanft, ,und gerade
heute war ich gekommen, Ihnen mein Verhalten zu
erklären, für meine Schwäche die Verzeihung von -
Ihnen zu erbitten.! Er hielt inne, als falle es ihm
schwer zu sagen, was ihm noch zu sagen blieb. ,Ich
war überwältigt von dem Schlage, der mich getrofen
hatte, als Sie Hulda zu mir brachten', hub er darauf
an. In solchen Augenblicken sieht man über ldie nächste
Stunde nicht hinaus. Dann brach mir auch das Kind
zusammen, und weil Hulda in ihrer Krankheit bitterer
Noth so angftvoll nach Ihnen, und immer' nur nach
Ihnen rief, weil ich an ihrem Aufkommen verzweifelte
und weil es mir auch selbst ein Trost war - ich klage
mich dieser Schwäche offen vor Ihnen an -- daß Sie.
mit mir Vereinsamten um das liebe junge Leben
trauerten und sorgten, that ich und ließ ich geschehen,
was ich nicht hätte zugeben dürfen, und was die Frau
Gräfin in dem, Briefe, den sie mir auch an' diesem
Neujahrstage nicht entzogen hat, mir mit Recht zum
Vorwurfe macht; denn sie hatte es mich gleich anfangs
wissen lassea, daß sie dieser Verbindung nicht geneigt
sei, und sie konnte-es auch nicht sein.! --:
- - Troz der Demuth, mit welcher, der Pfarrer zu
ihm sprach, kränkten seine Worte denBaron, wwährend
die Gewißheit, daß seine Schwester heimlich seinenn
Wünschen entgegengearbeit hatte, ihn obenein beleidigte
und reizte. , Sie übersehen in Ihrer Anhänglichkeit
an Ihre Patrone, wie mich dünkt; mein Freund, daß

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es sich hier um mich und nicht um die gräfliche Familie
handelt!' sagte er mit Lebhaftigkeit.-
. ,Ich weiß das, Herr Baron! Aber darf ich
der Gemeinde Entsagung, Selbstbeherrschung, Deniuth
predigen-=!
-- ,Ihre Demuth schließt ein stolzes Selbstgefühl
nicht aus!' warf Emanuel ihm ein.
Neber des Pfarrers bleiches Antliz flog ein leises
Roth, und die Augen zu dem Baron erhebend; sprach
er. ,Könnten Sie dies Selbstgefühl Demjenigen miß-
gönnen,' der sonst nichts Anderes besizt? Dder soll
ich Denen, von welchen ich Gutes empfangen habe
mein Lebenlang, mein einzig Kind aufdrängen, das
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sie. nicht unter sich aufzunehmen wünschen?? - -
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Unterredung' steigerte; , meine Frau wird nie die
Schwelle eines Hauses überschreiten, in welchem man
sie nicht mit offenen Armen und offenen Herzens auf--
nimmt.! -
,Gewiß nicht, Herr Baron, aber das ist es ja
eben. Soll: der Bund Ihrer Ehe über den Trümmern
einer schönen, heiligen Geschwisterliebe, eines ein-
trächtigen, würdigen Familienlebens aufgerichtet werden?
Es ist ja nicht die Frau Gräfin allein, es. ift ja auch s
- Ihr verehrter Bruder, von welchem Siesich loszureißen,
es sind großer Besiz und große Vortheile, die in
Ihren Händen einst für Viele nutzbar wwerden könnten;
denen Sie zu entsagen hätten, um eines jungen Kindes ;
willen, welches Sie für solche große Dpfer nicht ent-

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schädigen kann. Das hat Hulda gestern in ihrer auf-
zuckenden Leidenschaft instinctiv gefühlt, das wird sie
immer wieder fühlen neben den Frauen Ihres Standes-
und Ihker Lebenskreise.
, Ich wußte, was ich that,! entgegnete ihm
Emanuel, ,als ich mich entschloß, ein so junges
Mädchen in meine Zukunft aufzunehmen. Ich kenne
auch die Aufgabe, welche diese Wahl mir stellt; aber
ich kenne ebenso auch Hulda und weiß, daß es mir
gelingen wird, ihre Fortentwicklung glücklich zu voll-
enden. Haben Sie doch einst in Ihrer Ehe das
Näämliche vollbracht.
Der Pfarrer schüttelte ablehnend das Haupt.
,Nicht das Nämliche! Ich stand ganz allein, ich hatte
keine Angehörigen, die meine Wahl betrübte, die ich
zu opfern, von denen ich mich abzutrennen hatte. Die
angebornen Bande der Verwwandtschaft zerreißt man
nicht, ohne sein Herzblut daran zu setzeno. Ich habe
gerade deshalb der Frau Gräfin erst vor. wenigen
Tagen freiwillig und aus eigener Neberzeugung ein-
geräumt, daß Ihre Verbindung mit meinem Kinde
nicht zu wünschen ist, daß ich nicht in dieselbe willigen
werde. Und Sie werden doch nicht wollen, Herr
Baron, daß ich an des Grabes Schwelle zum Ver-
räther werde an meinem freiwillig gegebenen Worte
und an meiner Gönnerin?? --
,Eieber zum Verräther an des eigenen Kindes
Glück! Lieber zum Verrääther an dem Manne, der
Ihnen wie ein Freund vertraute, Ihnen eines Sohnes
Herz entgegenbrachte!r rief, empört über des Greises

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demuithige Gewaltsamkeit, Emanuel. zornig aus, und
es flammmte,da män sie ihm versagen wollte, diejtärke
Zuneigüng, idie er für Hulda gefühlt hatte, wieder so
mächtig in ihm auf, daß er darüber der abweichenden
Enipfindungen, derr verwirrenden- Erlebnisse seiner
letzten! Tage gar nicht-mehr gedachte.
--i -Der,Pfarrer? neigte sein Haupt vor jenen Worteni.
,Ich war gefaßt auf -diesen Vorwurf, auf Ihren Zorn;
und ich -wiederhole es, ich verdiene ihn für meine
Schwäche!k: sagte er. Das entwaffnete Enanuel, und
Vergebung für, sich selber fordernd, reichte er dem
Greise seine Hand. Der Pfarrer hielt sie fest. .. ?
FLassen Sie dasn einenHaidschlag,. lassen Sie
es-eine Zisage: sein, bat. er dringend, ,daß Si?
meiner MchnungIcolgen. -Vertrauen Sie mit mir,
daß Gott-miriidie Kraft. verleihen werde, mein Kind
auf deüi-Weg undin-die Bahnen zurückzuführen, die
es nie' Lerlassen haben würde, hätte ich dem. besorgten
Sißne.seiner klugen;nhfrömmen -Mutter mehr vertraut
als meinext Einsicht, und als des jungen Kindes welt-
lichem Verlangen.? -
n -iEmanuel hatte ihm die Hand entzogen. ,Das
Veösprechenr gebe ich nicht und Sie dürfen es nicht
fordern!k- sagte: er. ,Sie dürfen Hulda, Sie. dürfen
unsnicht dahin bringen! =- er' hielt inne und jagte
dann: , eine Hoffnung an: die Stunde zu knüpfen,
die :Sie uns,' dereinst entzieht. Drängen Sie das
theure Mädchen nicht zu der' Wahl zwischen seiner
Kindespflicht und seiner Liebe, zwischen mir undIhnen.
Das dürfen unds das werden Sie nicht thun.!
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,Nein,' entgegnete der Vater, ,,nein! Auf diese
Probe durfte ich sie allerdings nicht stellen, und -ich
habe es auch nicht gethan.'!- Emanuel verstand
nicht, was er damit sagen wollte.
,. Heute in der Frühe,' hub darauf: der Pfarrer
wieder an, ,,hat meine Tochter nach mnir;'verlangt.
Sie wollte mir ihr Herz ausschütten, wolte mir be-
kennen, welche wilden Leidenschaften gestern. in ihr
aufgestiegen waren. Sie wollte Ihnen schreiben und
dem Fräulein schreiben, Beide um Verzeihung an-
gehen. Da habe ich zu ihr gesprochen j in: meiner
doppelten Pflicht, als ihr Vater und als dex iMann,
dem Gott die Sorge für ihre junge Seele anvertraut hat,
und Gott ist mit mir gewesen und mit meinemr Worte!'
, Weiter, weiter!'' rief Emanuel, dem; die zu-
versichtliche Gelassenheit des Greises marternd das
Herz bedrückte. Sie haben Hulda zum - Entsagen,
zum Verzichten hingedrängt!!!-
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,, Ich habe sie nur daran erinnert, daß mein Amt
mich nach des Herrn Rathschluß an dieser Stelle fest-
hält. Ich habe sie daran erinnert, daß ich alt und
einsam bin.. Ich habe: sie gebeten, nicht von ihrem
alten Vater fortzugehen, und das hat sie mrir ver-
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sprochen!'
Ein schweres, hartes Wort der, Anklage schwebte
auf den Lippen des Barons,, nur die Achtung vor dem
greisen Manne hielt es zurück. - Er- stand auf; und
wendete sich von ihm, seiner Erregung Herr zu werden,
seine Gedanken erst zu sammeln und zu klären. Bald
dünkte ihm die Handlungsweise des Pfarrers erhaben

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und verehrungswerth, dann wieder erschien sie ihm wie !
eine Arglist; wie eine jesuitische Berechnung, zu der
die. Gräfin ihm die Anweisung gegeben habe. Tiefes
Mitleid mit Hulda, deren Liebe er gewiß war, Miß-
trauen? gegen ihren Vater und gegen die Kenney,
zornige Empörung gegen seine Schwester wechselten in
rascher Folge in ihm ab. Nur das Eine stand in
ihm fest, wie Hulda den Bann von seinem Sinne
genommen, so mußte er jetzt sie befreien aus den
Banden einer Entsagung, von der, wie er überzeugt
war, ihr Herz Nichts wußte, und die auf sich zu nehmen
man sie' nur in ihrer jetzigen Schwäche überredet haben
konnte.
- - Er sagte dem Pfarrer, daß er Hulda sprechen
müsse, und daß er sich jedes Urtheiles enthalten wolle,
bis er sie gesehen haben würde. Der Pfarrer ent-
gegnete, Hulda habe auch nach ihm verlangt, aber sie
bäte ihn, erst am nächsten Morgen zu ihr zu kommen,
die- Unterredung mit demVater habe sie angestrengt
und sie bedürfe noch des' Ruhens. -
e- Der Aufschub mißfiel Emanuel. Er besorgte, da
sein Mißtrauen -rege geworden- war, daß der Vater
ihn'benützen' werde, Hulda in ihrer von ihm angeregten
Geistesrichtung zu befestigen; doch durfte er nicht daran -
denken, die mühsam Genesende einer Anstrengung aus-
zusezen, der sie sich nicht gewachsen glaubte. Er mußte
sich also noch einmalzu jenem Abwarten entschließen, das
durch alle die Monate so schwer auf ihm gelastet hatte;
däs''ertragen zu haben er sich vorwarf, während er
doch bis zu den allerletzten Tagen kaum eine andere

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Wahl oder die Möglichkeit eines entschiedeneren Han-
delns besessen hatte.
Als der Pfarrer sich entfernen wollte, hielt
Emanuel ihn noch zurück. ,Ich hatte gehofft,. sprach
er, , daß nach dem heutigen Tage unsere Zukunft eine
gemeinsame sein sollte und daß wir in gegenseitiger
Neigung einander stützend, tragend, fördernd verbunden
sein würden. Mit Ihnen gemeinsam hatte ich Hulda's
schöne Natur heranzubilden'' üid üiis an ihrer Ent-
faltung zu erfreuen gedacht. Mit Hulda! vereint hatte
ich Ihr Alter zu verschönen gewünscht. Nun drängt
- verzeihen Sie mir, daß ich es Fage- Ihre, vor-
urtheilsvolle Unterwerfung unter die Gräfin- mich
zu einem Kampfe, bei dem, ich nicht für mich allein
einzutreten, habe, und. bei welchenich guf IhreRedlich-
keit vertrauen muß. Sie haben Ihrer Tochter Herz
in Ihrer Hand. Sie sehen sie heute und ich bin fern.
Wer bürgt mir - dafür, gvie Sie diese Freiheit gegen
meinen Wunsch, benüzen?-- Wollen Sie. mir ver-
sprechen, Hulda sich, selbst und ihrem--eigenen Nach-
denken und Empfinden zu, überlassen, bis ich morgen
komme und sie: selber spreche?-
Der Pfarrer sagte- ihm das mit einen Hand-
schlage zu.
-- --- -
,,Dannn bin ich ruhig!'sprach Emanuel, und so
schieden sie von einander. -
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