Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 31

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-- Einundreißigstes Papites,
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-- Ein Tag und eine? Nacht sind eine lange Seit,-
wenn mans sie wie Emanuel' einsam -mit sich und
seinen Gedanken hinzubringen hat, und er war froh,
als! er amMorgen sich endlich auf den. Weg' machen
konnte. ?. -
Der Tag war hell;; die Luft von wundervoller
Klaxheit.I Er selber hatte sich aus der Trübe' heraus-
gerungen, welche seit gestern auf: ihm gelastet hatte,
und- da er, rückblickend auf die hier im Schlosse ver-
lebte Zeit und: auf sein ganzes Verhältniß zu Hulda,
zu jenem freien Neberschauen! der Zustände gelangt
war, mit welchem man der befriedigenden Entwicklung
einer Dichtung entgegensieht, wenn die Träger der-
selben, von keiner wirklicheit Schuld beladen, zur Er-
kenntniß ihrer Irrthümer und ihres eigentlichen Be-
dürfens und Verlangens gekommen sind, so fühlte er
sich gewiß, auch das geliebte Mädchen über sich selber
beruhigen und aufklären, und Alles zu einem glück-
lichen Ende führen zu können.

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Als er in dem Pfarrhause anlangte und in die
Stube eintrat, kamen der Vater und Miß Kenney
ihm zugleich entgegen. Sie waren Beide schwarz
gekleidet, wie zu einer feierlichen Handliüng, und sahen
heiterer aus, als er sie in allen diesen letzten Monaten
gesehen hatte. Es lag, eine wahre Sonntagsruhe über
den beiden alten Gesichtern.: Sie drückten. ihn mit
ganz besonderer Herzlichkeit die Hände; sie sagten ihm
Beide, wie wohlaussehend und wie ruhig er Hulda
heute finden werde, aber es war in dem Allem eine
Geflissentlichkeit, die ihn besorgt und unbehaglich
machte.
Der Vater selbst führte ihn zu Huldä und ließ
ihn dann mit ihr allein. Sie saß, von Kissen gestützt,
aufrecht auf ihrem Lager, ihre iAugen voll aufn ihn
gerichtet. Ihre Stimmenhatte schon:wwieder den r alten
schönen Klang, als sie ihn'willkomien: hieß, aber sie
reichte ihm nicht wie sonst die Hand entgegen. - Es
war etwas Fremdes in ihrer Haltung. Wie Emanuel
sie jetzt vor sich sizen sah, fielen ihn die Worte
Shakspeare's ein:,Sie sizt wie die Geduld auf einem
Grabdenkmal.r'
Er sprach es ihr aus, wie es ihn gefreut. habe,
zu hören, daß sie sich gut befände, und er wollte sie
dazu, ie stets, umarnen. Sie' aber hielt ihn mit
sanfter Abwehr von sich ferne.
,. Ja, es ist mir wieder wohl,. sagte sie?,Es
war so lange her, daß ich nicht mehr beten konnte.
Alle die letzten Wochen im Schlosse nicht!-- Dann
kamen meiner armen Mutter Tod und meine Krankheit!

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Ich war gar nicht mehr ich selbst, und vorgestern vollends
nichtl'? sezte sie sanft hinzu indem sie die Augen
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schüchtern- zu' ihm emporhob.
.- Er:bat, sie möge nicht mehr daran denken. Er
allein träge die Schuld. Er habe Unrecht gethan, das
Fräulein: zu ihr zu' führen, Konradine habe das auch
selbst gefühlt; pindeß,. fügte er hinzu, lass' Dich's
nicht geregen, daß. die Leidenschaft Dich übermannt;
konnte ich doch die: Stärke Deiner Liebe daran er-
messen.'!.
-,,Nein,' versetzte sie,,,es war Alles gut und Gott
hat es ja auch zugelassen, damit ich Alles einsehen
lernte. Sie sah gedankewvoll vor sich hin und sprach
danach: ,Ich sagte es Ihnen schon neulich; seit ich
meine Sinne erst wieder zusammenhalte, kam mir
es uimmer wiei ein Traum und' ganz unmöglich vor.
Als:ich dann neulich das Fräülein mit Ihnen sah,. so
schön, so: vornehm wie,. die junge Fürstin; und jah
dann auf mich selbst. = da!? sie stockte, nahm sich
zusanimen und sagte dann mit Neberwindung - , da
wußte ich, daß es nicht sein könne --- und das brachte
mich so außex mir.!
,,Hulda!'' rief Emanuel in gerührtem Staunen
über ihre Charakterstärke. und Seelengröße, ,,besinne
Dich doch, Mädchen! Du sprichst zu mir, zu mir, der
sich Dir anverlobt hat, der Dich liebt! Dein Herz
weiß Nichts vgn Allem, was Du mir jeyt sagst. Sieh',
ich bin ja hier'! er schlang seine Arme um sie -
,und hast Du denn vergessen, ,,daß Du meine Braut
bist? : Hast Du das Alles ganz vergessen?
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, Ja!'' versezte sie, , Alles hatte ich vergessen ---
Alles!- Aber das ist nun vorbei, denn mein Vater
hat mir es wachgerufen durch sein Wort. Ich habe
nur an mich und an mein Glück gedacht, und nicht
an ihn und meine Pflicht und seine, Ich kann nicht
von ihm fort.r!
Sie trocknete sich die Augen, ihre Stimme wurde
matter. Emanuel sprach ihr mit sanftem Worte
dringend zu. Er wünschte sie zu überzeugen und
wollte ihr doch keine Aufregung veranlassen. Sie
hörte ihm zu, sie lächelte zu seinen Woxten; aber als
er meinte, sie überredet zu haben, schüttelte sie ab-
lehnend das schöne Haupt.
,,Es kann nicht,i sprach sie,,,es kann nicht sein.
Ich hatte keine Ruhe seit der Stunde, in der meine
Mutter umkam gmnnd nach mir xief -- einmal, zwwei-
mal. Ich sagte es ja dgmgls gleich. In allen den
langen Nächten voll schreclicher Gebilde kam es wieder
und immer wieder. Ich hörte jie rufen und rufen
--- auch neulich am Tage, als Sie fortgegangen waren
und ich schlief. Sie hat es nicht gewollt, daß ich aus
dem Pfarrhaus ginge, sie könnte es: jetzt noch weit
weniger wollen, und mein-Väter will es aüch nicht.r
,, Dein Vater ist bejahrt!'' wendete Emanuel ein.
, Das gerade ist es!'' xlef sie. , Er kann von
seinem Amte nicht fort. Wie könnte ich also von ihm
gehen, da er Niemanden hat als allein mich? Wie
er mir das gesagt hat und wie mir es wieder ein-
gefallen ist, daß meine Mutter mich im Traume ihm
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. l.

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angetraut hat - da habe ich es gefühlt - ich kann
nicht fort von ihm.'
, Und mich, mich willst Du lassen? fragte
Emanuel, der sich überzeugt hielt, daß Hulda aus
dem Bereiche der Phantastik, in den sie wieder hinein-
gerathen war, sich zurückfinden würde zu ihm und
seiner Liebe.,Hast Du mir nicht Dein Herz ge-
schenkt, hast Du mich nicht befreit von dem Unglauben
an mich selbst? Liebst Du mich denn nicht mehr?'
- ,Alch!'' stieß sie hervor mit einem Tone, der ihm,
bis in das Herz drang; aber im nächsten Augenblicke-
ergrif sie seine Hände, und sie an ihre Brust drückend,
flehte sie:,Machen Sie es mir nicht schweret, es-
ist schwer genug. - Wenn er stürbe,' fuhr sie lebhafter
fort, ,wenn er mich riefe in seiner lezten Stunde,
wie die Mutter mich gerufen hat, und ich wäre nicht
bei ihm, der Niemanden hat als mich- es würde
mir nicht Ruhe lassen mein Lebelang, auch im Paradiese
nicht! Ich hatte ßeute das Abendmahl genommen,
ich hatte Verlangen danach, und mein Vater hat es
mir gereicht. Da habe ich mir gelobt und ihm in
seine Hand gelobt, nicht von ihm zu gehen, und für
ihn zu leben = für ihnn ganz allein -- und nicht für
mich!?- setzte sie mit unterdrücktem Weinen still
hinzu -- ,so lange Gdtt ihm noch das Leben schenkt.!
- Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Er
wußte sich keinen Rath. Er hatte sie nie mehr geliebt als
eben jetzt und durfte doch bei ihrer eigenthümlichen
Geistesrichtung nicht daran denken, in diesem Augen-

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blicke mehr in sie zu dringen. Er fühlte das tiefste
Mitleiden mit ihr.
Er sah sie einsam in dieser Dede, an des Vaters
Seite Tag um Tag, und vielleicht Jahr um Jahr
trauernd und verblühend in aufgezwungener Entsagung,
und er sah auch in die eigene Zukunft, und sie kam
ihm farblos vor nnd leer, da die schönen Plane nnn
zusammenbrachen, mit denen ex sie ausgefüllt.
Wie er noch so dasaß, ihre Hände in den seinen,
trat der Pfarrer ein. Emanuel- machte eine leise Be-
wegung, Hulda glaubte, er wollte sich entfernen, und
die Augen weit öfnend in starrem Schrecken, rief sie:
,Du gehst, Emanuel?
,Sage, daß Du mir folgst -- und ich bleibe!
entgegnete er voll Liebe.
,Seien Sie barmherzig!! mahnte der Vater.
,Stellen Sie sie nicht auf jene harte Probe, die Sie
selber grausam nannten. Sie war ruhig, seit sie sich
zu ihrem Heiland hingewendet hatte, und sie wird den
Frieden in sich finden, wenn kein neuer äußerer Anreiz
sie mehr stört.
Hulda hatte die Hände gefaltet, ihre Augen hin-
gen an Emanuel, aber des Vaters Worte und ihr
Schweigen schnitten ihm durch das Herz. Er erhob
sich, um zg gehen, Hulda streifte mit zitternder Hand
den Ring vom Finger, den er ihr gegeben hatte.
Davor konnte er sich nicht halten.
,Nein! rief er, ,nein! wir scheiden nicht für
immer! Der Ring sei Dir ein Pfand! wir sehen uns
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wieder!?- und einen Kuß auf ihre Stirne drückend,
eilte er hinaus.
Er hörte nicht, was der Pfatter, der ihn geleitete,
zu ihm sprach, nicht wie Miß Kenney ihm mit sanf-
tem Wört versicherte, er möge ihr in voller Zuversicht
das theüre Mädchen überlassen. Er war in das Schloß
gekommen und in seine Zimmer, und die Augen der
Geliebten, die so thräneiischwber, so schmerzvdll an ihm
gehgngen' hatten, und die Lippen, die der Schmerz
zusammengepreßt und die sich nicht' zu öffnen' gewagt
hatten, er säh sie imnier vor sich. Er wai traurig
bis in däs tiefste Herz. Schöne, saifte Hofnungen,
in denen er sich gewiegt, waren ihm zerstört worden,
und auch der Glaube an die Seinen war für ihn zer-
stört. Er grollte ihnen, dem Pfarrer, der Kenney,
sich selbst und seinem Schicksal; und dazwischen dachte
er, die echte Liebe, die Liebe, wie er sie in Hulda zu
besizen geglaubt, wie er sie ihr zugetraüt hatte, der
würde kein Eid und keiiies Vaters Machtspruch den
Mund geschlossen haben, die hätte nicht geschwankt
zwischen dem Vater und zwischen dem Geliebten, wenn
dieser bittend vor ihr gestanden hätte, jo wie er. Und
wenn er dieses dachte, ward ihm das Herz noch' schwerer.
Er ließ den Diener kömmen, befahl zu packen
und Mlles für die Abreise herzurichten. Hier hatte er
jetzt Nichts mehr zu erwarten und zu hoffen, hier war
seines Bleibens nun nicht mehr.
In wenig Stunden war Alles geordnet und ge-
thän. Es war gegen den Abend hin, als seine Kalesche
voufuhr. Er ging noch einmal durch die lange Zimmer-

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reihe, wie an dem Tage, an welchem er die Gräfin
und larisse hier erwartet hatkei Es kam ihm vor,
als lägen Jahre zwischen jenem Sommertage und
dieser Abendstunde, so weit' war der Schmerz, der auf
ihm lastete, von dem rühig entsagenden Gleichmuthe
entfernt, mit' welchem er in diese Gegend und in das
Schloß gekommen war. Heute begrif er die Ent-
muthigung und den -Widernillen, mit welchem Kon-
radinie daran - dachte, in die Welt und in' die Gesell-
schaft zurückzukehren - uid doch - auch die Ein-
samkeit ward ihm hier zu eiiier Tual! -
Der Aintmann und Ulrike fehlten natürlich auch
an diesem Nachmittage nicht. Die Abreise des Barons
hatte Beide' überrascht. Es war vorher' die Rede nicht
davon gewesen, es war auch kein Brief gekommen,
auf dessen Nachrichten man die plözliche Eütschließung
hätte schieben können. Maisell Ulrike sagte, man
komme sich ganz dunnim vor, wenn man so Etwas ge-
schehen sähe, ohne doch zu wissen, was es zu bedeuten
habe. Der Antnnänn meiite, was nicht seine Sache
sei, darüber mmache er sich keine Sorgen, aber gut und
gerathen sei es' freilich nicht, daß -der Baron bei dieser
Kälte reise.
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Ulrkke wendete sich an den. Kammerdiener. Er
gab ihr keine Auskunft. Er war zu gut geschult
und seineni Herrn zu ergeben, umi sich gegen Fremde
auf seine Vermuthungen einzulassen.
Ehe der Baron zu seinem Wagen ging, ließ er
Ulrike zu sich rufen und legte ihr dringend die fort-

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gesetzte Fürsorge für Hulda an das Herz. Es solle
Mlles für sie geschehen und geliefert werden wie bisher.
. , Gewiß, gewiß, Herr Baron,' fiel, die Mam-
sellihm freudig ein, weil sich ihr damit die Möglichkeit
zu einer Frage aufthat. , Herr Baron jollen sich bei
Ihrer Rückkehr äberzeugen, daß ich das Meinige gez
than habe. Aber wann denken der Herr Baron denn,
wieder zurückzukehren, damit man sich doch danach
richten kann? sezte sie neugierig und diensteifrig hinzu.
,Ich werde es Sie wissen lassen!!. entgegnete ex, -
,Man wird es ja auch im Pfarxhguse erfahren
können, denn dahin werden der Herr, Baron ja schrei-
ben!?, mpeinte die Mamsell.-
- Kr gab darauf nicht Antwort. Ulrike wurde stutig.
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Als zr fortgefahren war, als man das Hofthor
schloß und ,sie noch auf der Raywe neben dem ßruder
stand, zog. sie ihr Gesicht,in. Falten, daß der Amtmann
dachte, fie; fange, an zu weinen, was sie doch immer
nur vor ;erger that. -
,Ordentlich wie ein Todtengräber kommt man
sich por, wenn Einer nach dem Anderen geht, und
man. sieht-ihm nach und schließt- hinter ihm Thor
und Thürengu!' klagts sie. ,Still wird eOnun wie-
der; werden hier, -bei uns; und Ruhe wird man
haben und Zeit mehr als genng. Aber,! setzte sie rasch
hinzu und Iit ihrer, Rührung war es vorüber, ,mit
dem Baron und Deiner, Mamsell Hulda, Bruder, ist
es aus. Gestern mit einemmale früh Morgens der
Pastor hier im Schlosse! Heute der Baron in aller
Frühe schon wieder in der Pfarre - und nun mit
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3L
einemmale bei der Kälte fort, und gleich heute noch
auf und davon; und keine Ankwort, als ich sagte, daß
er doch nach der Pfarre schreiben würde! Nicht ein-
mal ein Gewiß! oder ,Ja freilich, freilich, Mamsell!
Da steckt etwas dahinter. Mit der vornehmen Heirath
ist es vorbeil?
Bist Du schon wieder auf der Unglücksjagd? Be-
halte Deine Weisheit doch für Dich, bis man sie von
Dir fordert!! zürnte der Amtmann, und sie hörte es
ihm an, daß es gerathen für sie sei, zu schweigen, und
so wie er selber ihres Weges zu gehen.
Emanuel aber fuhr schwermüthig und brütend
in die sinkende stille Nacht hinaus, über die weite,
unabsehbare Ebene hinweg, die der Schnee farblos und
kalt bedeckte; und in der Pfarre wgchte die arme Hulda
die ganze Nacht hindurch auf ihrem Lager und ver-
suchte es vergebens, sich an ihrer Pflichterfüllung empor-
zurichten, und vorwärts zu blicken auf den Weg durch
das Leben, das auch so kalt und farblös und so un-
übersehbar lang und traurig vor ihr lag.
Ende des ersten Bandes.
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