Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 03

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Drittes Vapiies.
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Der Frühling; in wwelchemu der Pfarrer seine
Tochter eingesegnet hatte,' versprach durch seine Wärne
ein fruchtreiches Jahr, und mit den Pfingsten, die
vor der Thüre waren, stand der Familie das -große
Ereigniß jedes Sommers, der Tag bevor; an welchem
alljährlich der Amtman und seine Schwester, man
hieß sie in der ganzen Umgegend nur Mamsell Ulrike
oder schlechtweg die Mansell, zun Essen in -die Pfarre
kamen. Freilich sprachen der Amtnann und die
Mamsell auch sonst bisweilen nach der Kirche bei deb.
Pfarrerin vor, denn sie. hatten -sie ja' erzogen, hatten -
also bei der Tochter auch Gevatter gestanden, aber das
-aren doch' immer nur kurze Besuche. - Sie hielten
außex dem Hause überhaupt nicht biel Werkehr, ob-
schon sie überall sehr hoch in Aisehen standen. und im
Amte die Thüre immer offen und der Tisch für Gäste
stets gedeckt war.
Jn der Gegend' legte man dem Amtmanne und -
seiner Schwester diese Zurückhaltung als Hochmuth
aus, und zu leugnen bar es nicht, daß sie auf sich
hielten, als wären sie die Herrschaft selber. Das war

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- h Grunde aber ganz natürlich. Der Graf lebte seit
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vielen Jahren auswärts als Gesandter, war seit dem
Tilsiter Frieden nicht wieder auf das Schloß gekom-
men, und Mamsell Ulrike hatte Recht, zu sagen, sie
wisse nicht, weßhalb sie Besuche machen sollte, die
Leute kämen ja zu ihr, wenn sie dieselben haben wolle.
Dazu gebe es immer irggnd wie, Verdruß, wenn sie
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. z. Sie hatte überhaupt ihre Wunderlichkeiten, und
es; ging allerlei Gerede über sie, weil in ihrer Wirth-
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schaft keiner: von den üblen Zufällen vorzukommen
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pflegte, die doch sonst nicht leicht in einem Hause
fehlen.. Was sie in die Hand nahm, schlug -ih ein. .
Sie hatte. Glück mit Menschen und mit Vieh, sie
wußte in Krankheiten besser Rath als selbst der Doktor,
zund auf das Wetter verstand. sie sich besser als irgend
ein anderer Mensch. Der- Amtmann behauptete, das
komme, weil. sie die Augen überall. und immer, ofen
habe; die Leute aber sagten, sie schlafe auch mit
offenen Augen, und sehe deshalb ganz besondere Dinge,
won denen sie nicht rede und vgn denen auch nicht
gut zu reden sei. War man in Noth, so wendete
-man jich an sie; beliebt aber war sie deshalb nicht,
- -ünd- sie wußte das auch selber und machte sich gar -
, Nichts daraus.
:-Gerade deshalb wurde aber in der Pfarre für
-den Pfingstsonntag Alles aufgeboten, was der dürf-
- Jtige, Haushalt nur zu leisten im Stande war- Für
die Pfingsten wurde aufgespart, was man als seltenen

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Leckerbissen erachtete, -und von dem Pfingstsonntage
rechnete die Pfarrerin vorwärts und. rückwärts wie

von des Heilandes: Geburt.
In dem Jahre fielen die Pfingsten ganz beson-
ders spät. Das Wetter war sehr schön. Man hatte
die ganze Woche hindurch im Hause; gescheuert und
geputtzt, und Hulda's weißes Kleid, das zu dem Tage
zum erstenmale wieder angezogen werden sollte, weil
Tante Ulrike die wweißen Kleider liebte, flatterte be-
deutend verlängert und wohlgewaschen; auf. -der Leine
zwischen den blühenden Kirschbäumen: im frischen
Frühlingswinde. Es war Freitag gegen -Abend, der
Pfarrer studirte seine Predigt ein, die Pfarrerin schnitzte
neue Lichtmanschetten zu den beiden Leuchtern, die im-
mer auf ihrer Komode vor dem- Spiegel ftanden
und deren Lichter niemals angezündet wurden, und
Hulda fältelte, ihr gegenüber an demMNähtisch sizend, die
Tüllstreifen um ihrer Mutter Sonntagshaube, als sie,
von der Arbeit aufblickend, von ferne einen Wagen in
raschem Trabe auf das Dorf zufahren sah.-
Des Mädchens scharfe Augen erkannten ihn so-
fort.,Amtmann's Wagen!'! rief sie, indem sie auf-
stehend die Arbeit niederlegte. Die Mutter wollte
es nicht glauben. Als der Wagen jedoch näher heran-
kam, erkannte auch sie des Amtmanns kleine Lithauer
Falben, und Mamsell Alrike, die im Wagen saß.
, Da muß Etwas geschehen: sein,.rief sie. ,Die
Mamsell so dicht vor den Feiertggen unterwegs und
von der Wirthschaft fort! Was kann das nur be-
deuten?'

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- Aber es blieb den Beiden keine lange Zeit zum -
Neberlegen.. Der Wagen hatte dazwischen in dem
tiefen Sande lautlos das Haus erreicht, der Kutscher
ließ die lange Peitsche kunstgerecht im Doppelzuge
durch dieCSuft jausen, damit Niemand daran zweifeln
könne,: daß - der Christian vom Herrn Amtmann da
sei;-und von dem Peitschenknalle aus seinen Betrach-
tungen aufgestört, trat der Pfarrer fast gleichzeitig mit
den beiden Frauenzimmern vor die Thüre hinaus, zu
- sehen, was es gäbe.
n? '' Indeß gleich der erste Anblick von Mamsell
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Ulrike bestätigte. die. Vermuthung der Mutter, daß
etwas ganz Außerordentliches, daß ein Unglück ge-
schehen sein müsse. Die Mamsell - sie war Lein
und mager und troz ihrer vorgerückten Jahre noch
berührsam wie die Jüngste - war schon aus dem
Wagen heraus, ehe man ihr nur die Hand zum Aus-
-Feigen hatte bieten. können, und die ßfarrerin be-
merkte, daß Ulrike sich nicht einmal die Zeit genom-
men hatte,-sich, nach ihrer Redeweise, reputirlich

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anzuziehen, was zu thun sie sonst nie versäumte, ehe
fie ihr Haus verließ. Sie war in ihrem Hausrock
von -gestreiftem, selbstgewirktem Leinen, nicht einmal
eine von den großen Hauben hatte sie aufgesetzt, ohne
die sie den Bereich des Hofes sonst nicht überschritt,
weil es sich gehörte, daß des Amtmanns Schwester
sich vor den Leuten nur wie sich's gebührte sehen ließ.
,,Erschrecken Sie nicht, Herr Pfarrer,.' rief sie,
sowie sie des Pfarrers nur ansichtig wurde, ,erschrecken
- Sie ja nicht und wundere Dich nicht, Simonene,.!
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sagte sie zur Pfarrerin, ,daß ich gekommen bin, so
wie ich ging und stand. Aber es wird Ihnen gerade
so in die Glieder fahren wie dem Bruder und
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, Also, dem Herrn Amtmann ist kein Unglück zu-
gestoßen?' unterbrach sie der Pfarrer, dessen sanfte,
würdevolle Haltung Mamsell. Ulrike doch sonst immer
zu einer verhältnißmäßigen Ruhe nöthigte. -
, Nein, Gott sei gedankt, nein; Herr Pfarrer!
Der Herr Bruder ist ganz wohl. älber ich kann
Ihnen denSchrecken einmal nicht ersparen, und Ihnen'
wird's noch doppelt yahe gehen, wweil er ja Ihr
Schüler und zehn Jahre jünger gewesen ist als Sie!'
, Der Herr Graf ist doch icht todt?' fragte der
Pfarrer tonlos und erbleichend.
, Ja, leider, ja leider, werthester Herr Pfarrer!
Sie haben es getroffen! Der Herr Graf sind todt!
Gestern früh it die Staffette än den Herrn Bruder
der Frau Gräfin, -an den Herr Baron Emanuel nach
Königsberg gekommen, und heute hat der Herr Baron
einen Reitenden hieher geschickt. Er hat, Alles ganz
genau geschrieben, ganz genau! Nur ein paar Tage
sind der Herr Graf zu Bette und krank gewesen. Es
ist gekommen, sie wußten selbst nicht wie. Uid ein-
balsamirt haben sie ihn, weil er doch hierher muß, auf
das Gut, in die Familiengruft. Der bleierne Sarg
ist jezt schon unterweges. Auch die Herrschaften haben
sich schon aufgemacht. Der Herr Baron it ihnen gleich
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sonders: die Frau Gräfin und Comtesse Clara und
der -Herr Baron Emanuel, der jüngste Bruder
der Frau Gräfin. Der war seit seiner frühesten Kind-
heit nicht mehr hier. Auch die ganze Dienerschaft- kommt
mit --Sogar' der: Koch und die alte englische Miß,
die: immer noch bei der Herrschaft ist, und die guch
bleiben wird bis an ihren Tod. Nur der Bräutigam
unserer Comtesse, der kommt erst später, und der junge
Herr Graf muß noch auf seinem Posten bleiben und
kann dem Vater nicht einmal die lezte Ehre anthun.r!
, Sie hätte noch lange fortsprechen können, denn
die, Pfarrer-Familie war wie verstummt im Schrecken
und in dem Schmerze über das jäh hereingebrochene
Geschick. Erst als Mamsell lrike innehielts stieß
die Pfarrerin mit einen Seufzer den Ausruf her-
vor: ,,Die arme Frau Gräfin! Die arme Comtesse
Elarlsse!?
, Freilich, freilich!' fiel Mamsell Ulrike augen-
bllcklich wieder ein, es ift gar zu schrecklich: So plöz-
lich, wwie aus der Pistole geschossen! Indeß die Herr-
schaften, die sizen nun im Wagen und können sich
ausweinen; und sich besinnen in aller Ruhe. Aber ich?
In Schloß und in der Gruft soll Mlles fir und fertig
sein, Alles soll parat gehalten werden. In vier Wochen:
spätestens. treffen sie hier ein. Mit den Pfingsten,
mit übermorgen Mittag ist es also Nichts. Ich kann
vom - Hause jetzt nicht fort. Ich bekomme morgen
schon das Haus voll' Leute!''
Sie sprach so heftig, daß ihr die hageren Wangen
brannten und die Augen funkelten. Man nöthigte sie
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einzutreten, bat, sie möge doch wenigstens Plaz neh-
men, aber sie ließ sich nicht dazu bewegen, und ohne
auf die Bestürzung ihrer Freunde, auf des Pfarrers
Schmerz zu achten, ohne irgend wem die Möglichkeit
zu einer Frage zu vergönneu, erzählte sie stehenden
Fußes. wie viel Männer und Frauen sie zur Arbeit
in dem Garten und in dem Haüse angenomnen habe,
wie der Hofmann fortgeschickt wördei sei, gleich mor-
gen die nöthigen Handwerker herbeizuholen und in der
Umgegend von Geflügel aufzükaufen, waönüur zu haben
sei. Sie rechnete darauf ihrer' ehemaligen! Pflege-
tochter noch in aller Eile vor, was das Amt trotz
der vorgeschrittenen Jahreszeit noch an Vorräthen ent-
hielt, und war eingestiegen und wieder fortgefahren,
ehe man sich deß versah.
Der Pfarrer ging still in das Haus' zurück. Als
die Seinen ihm dorthin folgten, fanden sie ihn' in
seiner Stube an dem Fenster stehen. Er schäute ge-
dankewvoll auf das Meer hinaus,in dessen leise
wogende Fluthen die Sonne eben niedertauchte. Die
Mutter trat an ihn heran. - Er legte seinen Arm
um ihren Hals und gab der Tochter die andere Hand.
Sein Antliz war ruhig, aber von Traurigkeit be-
schattet.
,,Seinen Vater habe ich gebettet zü der ewigen
Ruhe,. sprach er wie zu sich selber, ,,und meinen
Vater; seine beiden' ältesten Söhne und den meinen
-- und nun ist er auch dahingegangen!f! Er fuhr
sich mit der Hand über die thränenschweren Augen, und
langsam das Haupt bewegend, sagte er: , Unser Leben
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fährt dahin wie ein Traun und wie ein Rauch! So
steht es geschrieben, und das wissen wir; und doch ist
er-unsmmer' überraschend, immer geheimnißvoll, des ,
Menschen' Tod! Doch ist er uns ein Gegenstand der
Trauer, wie' dort drüben der Sonne Niedertauchen in
das Meer, so gewiß wir auch ihrer strahlenden Wieder-;
kehr und unserer verklärten Auferstehung sind.'!
-- Er versank in ein tiefes langes Schweigen, dann
-' sprach er seufzend: ,Ich hätte ihn noch wiedersehen
mögen hienieden! Gern, sehr gern! Auf ihn hatte ich
für Euch gehofft. Es hat nicht sein sollen!f' Er ließ
- Frau und Tochter aus seinen Armen, nahm sein
Käppchen ab, faltete die Hände und sprach:,,Der
Herr hat es nicht gewollt, sein Wille sei gepriesen,
immerdarl'! Darauf blieb er im stillen Gebete noch
eine Weile stehen. Dann ging er fort und sezte sich
still an seinen Arbeitstisch.
Die Mutter hatte den Kopf gegen die Scheiben
gelehnt und blickte in die beginnende Dämmerung
hinaus; Hulda mußte weinen. So ergrifen hatte sie
den Pater nie zuvor gesehen, so lebhaft war die Vor-
stellung ihr noch nie gekommen, daß ihr Vater schon
-bejahrt sei, daß auch er bald sterben könne, daß dies
alte kleine Haus einmal plötzlich aufhören werde, ihre
Heimath zu sein, und' daß sie und ihre Mutter dann
- würden fortziehen müssen, arm und ganz allein, sich
- einenneue Heimath aufzusuchen.
--gfSie klammerte sich an die Mutter fest, in deren
, Seele sich Aehnliches bewegen mochte, denn sie küßte

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Tochter und drückte sie zärtlich ai das Herz.
sie sprach kein Wort, als fürchtete sie, das leben-
dige Wort könne das Unglück' hexaufbeschwören, das,
näher oder ferner, doch- unabweislich über ihren
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Häuptern schwebte.
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