Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 04

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Es war von der Stunde an im Pfarrhause nur
noch von den Herrschaften die Rede, von den Grafen
und von den Brüdern der Frau Gräfin, von den
Baronen, die auch, wie die Grafen, vor jenen Jahr-
hunderten mit den deutschen Rittern nach Preuzen gee;
kommen, und also alte Adelsgeschlechter waren.
Der Pfarrer sprach zum Defteren vgn dem schönen
Hause mit dem schönen Garten, welches die Grafen in
der Städt besaßen, und von der prachtvollen Karosse,
in welcher des jetzt verstorbenen Herrn Grafen Vater bei
feierlichen Gelegenheiten zu fahren gepflegt hatte, mit
zwei Heyduken auf dem Wagentritte und zwei Läu-
fern dicht voraus. Er erzählte dann auch, wie der
Graf ein gelehrter, in der Latinität sehr wohl be-
-chlagener Herr gewesen sei, in dessen Hause die Pro-
fessoren. von der Universität viel aus- und eingegangen
wären. Wie er eben deßhalb Sorge dafür getragen
habe, seinem Sohne die gründlichste Bildung zu ver-
schaffen, und er ließ es dann niemals unerwähnt, wie
schöne Manieren der jetzt verstorbene Herr Graf ge-
habt, wie er von Jugend auf das verbindlichste Wefen

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und eine solche Feinheit des Betragens besessen habe,
daß man schon früh gesehen, er sei geboren zum
Diplomaten. Die Frau Gräfin ihrerseits, eine Tochter
aus dem alten und reich begütexten Hause der
Freiherren von Falkenhorst, sei denn aber auch die
Frau gewesen, wie sie für einen solchen Herrn sich
gepaßt habe.
Ebenso sprach gtan von der Familie Ferer von
Falkenhorst, auf deren Gütern die ;Pfarrerin geboren
war. Es wurde damn jedesmal. erpähnt, wiesstattlich
und zahlreich das Geschlecht geweseß Fei, wie cber jezt
von den fünf Brüdern der Frau Eräfinunur noch der
leider kinderlose Majoratsherr und'der Jüngste, Baron
Emanuel, am Leben wären,?der seiner schwankenden
Gesundheit wegen sich meist -in Süden »aufgehalten
habe und auf dessen Verheiratung doch' die Hofnung
für das Fortbestehen des Geschlechtes beruhe:
Man lebte und webte. in der Pfarre nur in dem
Gedanken an die Herrschaften,.und in dem Anitshause
war es natürlich' auch nicht anders. ? -
Dort hatten alle Hände mit bden Vorkehrungen
für die Ankunft der gräflichen Besizei unter Mamsell
Ulrikens Aufsicht immierfort zü thun.. - Nicht einmal
den gewohnten sonntäglichen Kirchenbesuch gönnte sich
nach Pfingsten die Unermüdliche, und es waren nahezu
drei Wochen seit. dem Feste hingegangen, als die
Pfarrerin sich eines Tages- entschloß, mit ihrer Tochter
ihren früheren Pflege-Eltern einen Besuch zu- machen,
um zu hören, wie' weit man in dem Schlosse mrit den
Vorbereitungen gekommen sei -


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Ein Besuch im Amthause, das war an und für
sich ein Ereigniß, welches unaufgefordert selten genng
uund auch, dann nur an einem Sonntage stattzufinden
pflegte. Man hatte mehr als eine halbe Stunde weit
-von der Pfarre nach dem Schlosse zu gehen; es hatte
am Wochentage in seiner Wirthschaft Jeder vollauf
zu thun, und besondere Freunde waren die Mamsell
und ihre frühere Pflegetochter nicht. Ulrike hielt nicht
viel von Kindern und hatte seiner Zeit die schöne
kleine Simonene nur im Amte aufgenommen, weil
die Gräfin es glso befohlen. Sie hatte dem Mädchen
in ihrem Hause das Leben auch nicht leicht gemacht,
und Simonene's Heirath hatte später nicht dazu bei-
getragen, ihr dieselbe lieber oder werther zu gaehen.
W war immer das Gerede unter den Leuten ge-
gangen, die Mamsell habe selber ihre Absichten auf
den Pastor gerichtet gehabt, und Hehl hatte sie es bis
auf diese Stunde nicht, daß nach ihrer Ansicht der
Ffarrer seiner Zeit nicht klug daran gethan habe, ein
so junges und so armes Mädchen in sein Haus zu
Führen, da er ja Besseres hätte haben können. Wen
sie. damit meinte, das sprach sie niemals aus, so daß
es sich ein Jeder auf seine Weise deuten konnte, und
die Leute thaten es denn auch.
Diesmal aber war Mamsell Ulrike durch die An-
kunft der Pfarrerin ofenbar erfreut. Sie hatte so
viel gearbeitet, hatte in kürzester Zeit so viel geleistet
und geschaft, daß sie eine wahre Genugthuung darüber
fühlte, es der sachverständigen Pfarrerin in allen
Einzelheiten vorzuführen und zu erklären. Die Pfarrerin

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verstand es doch besser zu würdigen und wärmer anzu-
erkennen als die Frau Gräfin, welche -es nach der
Gewohnheit solcher Herrschaften immer nur natürlich
fand, wenn Alles für ihren Dienst und für das Be-
dürfen ihrer Familie in jedem Augenblicke bereit war,
ohne daß sie jemals daran dachte, wie viel Mühe es
gekostet hatte, das Geforderte zur rechten. Zeit herzu-
stellen und zu leisten.
Hulda war nur ein einziges Mal, und zhar als
kleines Kind, in dem Schlosse gewesen, denn män hatte
es in all den Jahren nur betreten, um es zu lüften
und zu reinigen, und das war natürlich nicht an den
Sonntagen geschehen. Sie hatte also von jenem Be-
suche nur die Erinnerung an eine Reihe großer,
dunkler Zimmer in ihrem Gedächtnisse bewahrt, in
welche durch die einzelnen geöfneten Fensterladen das
Tageslicht mit langen gelben Strahlen grell hinein-
gefallen war. Nun sah das freilich anders aus.
Die Fenster standen ofen, -der helle Sonnen-
schein und die warme Sommerluft zogen durch alle
Räume. Hulda hatte nie etwas Anderes gesehen als
hie und da einmal die Wohnungen von ihres Vaters
Amtsbrüdern, oder von einem der Gutsbesizer in des
Vaters Sprengel, unter denen sich damals keine be-
sonders wohlhabenden Leute befanden. Das allerdings
sehr stattliche Schloß kam ihr also wie ein Königs-
palast vor, und die hastigen Bemerkungen, mit denen
die Mamsell die beiden Gäste durch die Zimmerreihe
der beiden Stockwerke geleitete, vollendeten den Jau-



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ber, den das Schloß auf die Phantasie des jungen
Mädchens übte.
e. -Mlles dünkte ihr in dem Schlosse merkwürdig, und-
Vieles hatte in der That eine historische Bedeutung.
Unten in dem Gartenzimmer der ovale Tisch, das war
der-Tisch, an welchem der König und die verklärte
Königin mit ihren Kindern das Frühstück eingenom-
men, als sie, vor den siegreichen Franzosen fliehend,
sich nach der äußßersten Grenze des Reiches begeben
hatten. In dem anstoßenden Kabinete hatte die schöne
Königin auf dem kleinen Kanapee geruht, an dem
Ankleidetische sich von ihrer Kammerfrau ihr blondes
Häar- feststecken lassen. Dben in der großen Stube,
in welcher das Hochzeitsbett der Herrschaften sich mit ,
den rothseidenen Gärdinen prächtig wie ein Thron er-
hob, hatte der französische Marschall, der nur ein
Mensch von ganz niedriger Herkunft gewesen war, auf
dem Zuge nach Rußland drei Nächte geschlafen, und
so hart es Mamsell Ulrike angekommen war, sogar
dies Bett für solch einen Menschen, und was nur im
Hause gewesen war, für die Feinde hergeben zu müssen,
war des Marschalls Anwesenheit doch noch ein Glüc!
gewesen, denn sie hatte das Schloß vor der Ausrau-
bung bewahrt. -
- An jedes Zimmer, an jedes Kämmerchen knüpfte -
sich eine Erinnerung, und obschon von all' den Ereig-
nissen wer weiß wie oft die Rede gewesen war, meinte
Hulda heute lauter Neues zu erfahren, da sie an Ort
und Stelle von ihnen sprechen hörte, da sie Alles nun
mit. ihren eigenen Augen sah. Sie konnte gar nicht

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vorwärts kommen, und vollends- von dem großen
Saale, in dem die Familienbilder, hingen, vermochte
sie sich nicht loszureißen. Es gab da des Sehens-
werthen gar zu viel.
Als Mamsell Ulrike die Mutter nach den Erker-
und Bodenstuben hinaufführte, um ihr- zu zeigen, wie
sie da oben für die Dienerschaft ;gesoxgt habe, blieb
Hulda unbemerkt zurück; aber sie bereute es beinahe,
denn die ernsten und feierlichen Gestglten der Grafen
mit den Rüstungen und mit t den großen. Allonge-
Perrücken, die vornehmen Mienen dex gräflichenFrauen,
die in ihren steifen Halskragen und -mit dens kleinen
Kronen in den thurmhohen Frisuren, so kalten Blickes
auf sie niederschauten, als wollten sie sie fragen, wer
sie sei und was sie hier zu suchen habe, wurden ihr
allmälig unheimlich. Sogar die- Bilder der Kinder,
der Knaben wie derMädchen, schienen sie;perwundert
anzusehen; und wie sie; dann wwollends um sich blickte
und sich selber in all den kleinen Wandspiegeln, die
zwischen den Bildern hingen, von allen Seiten auf
einmal zu sehen bekam, überfiel sie eine solche un-
ruhige Scheu, daß sie eben zum Saale hinauseilen
wollte, als unweit der Thüre, durch welche die beiden
Anderen sich entfernt hatten, ein Jünglingsbild ihre
Blicke auf sich zeg.
Es war im Gegensaze zu den übrigen Familien-
porträts, die alle in Lebensgröße aufgenommen waren,
nur ein Kopf in rundem Rahmen, und noch dazu
hörte das Bild kurz unter dem Halse, auf, so daß man
es nicht einmal ein Brustbild nennen konnte. Aber



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der Kopf war so schön, das lange schwarze Haar
wallte in so weichem, natürlichem Flusse von deü
Scheitel an den feinen, bleichen Wangen nieder, die,
großen dunkelblauen Augen sahen so tiefsinnig, der
Mund so freundlich aus, daß das junge Mädchen es
anfangs gar nicht merkte, welch ein schwermüthiger
Ausdruck auf der Stirne des schönen Jünglings lagerte.
-- -,Der ist schön!' rlef sie unwillkürlich, und als
sie den Ton ihrer Stimme in dem weitei Raume
wiederhallen hörte, schoß ihr das Blut in das Gesicht,
daß sie sich umsah, ob die Mutter und Mamsell.
Alrike nicht schon wieder in ihrer Nähe wären und sie
vernommen haben könnten. Sie schämte sich des Aus-
rufes, aber ihre Scheu' vor den feierlichen Bilhern der
anderen Herrschaften, und die Furcht vor der Wieder-
spieglung ihrer eigenen Gestalt, waren über dem Ver-
langen, zu wissen, wen dies Bildniß darstelle, mit
einemmale verschwunden. Oben über dem Kopfe des
Bildes da stand es geschrieben; indeß das Bild hing
ziemlich hoch, und auf dem dunkeln Hintergrunde war
die Schrift nicht recht erkennbar.
Sie ging nach rechts und ging nach links, und
konnte es doch nicht heraushringen, weil das Glänzen
des Firnisses sie hinderte. Wissen mußte sie es aber,
denn die geheimnißvollen Augen ließen ihr keine Ruhe.
Vorsichtig horchte sie, ob sie keine Schritte hörte, . dann
stieg sie mit einem Bewußtsein, als beginge sie einen
Kirchenraub, auf einen der großen alterthümlichen
Sessel rasch. hinauf - und nun konnte sie es lesen,
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mun wußte sie, wer das war. Es war Baron Emanuel,
der Gräfin jüngster Bruder.
Der Name und das: Jahr, in welchem das Bild
gemalt worden war, und das damalige Alter des Ba-
rons standen, wie es sich gebührte, über dem Bilde
verzeichnet. Als sie dem schönen Kopfe so nahe war,
da sahen die großen Augen sie noch viel. ergreifender
an. Der Blick prägte sich ihr ganz unwergeßlich ein,
und sie wußte in dem Augenblicke' nicht, -ob es die
Freude an dem Bilde oder der Schrecken über das
Herankommen der Mutter und Mamsell. Ulrikens war,
die :hr das Herz so schlagen machten. -
Sie sprang von dem Sessel hinunter, denn sie
wollte sich nicht vor dem Bilde betreffen lassen, und
um recht sicher zu sein -- sie fragte sich freilich nicht,
wovor sie sicher zu sein wünchte - trat sie weit weg
von dem Bilde, an das letzte der geöffneten Fenster
heran, und sah in die Allee hinunter, die sich eine
. ganze Strecke weit von dem Schlosse landeinwärts, bis
zu den Feldern hinzog. -
Die Mutter fragte, wonach sie sähe, Hulda blieb
ihr die Antwort schuldig. Sie konnte doch unmöglich
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sagen, was sie dachte: ,Durch diese Allee wird ex bald
kommen!!- Glücklicherweise bemerkten die beiden
Frauen aber des Mädchens Schweigen nicht, da eben
auf einem Braunen ein Reitknecht, der ein Handpferd
führte, in den Baumgang einritt.
,Der hat sich schon seit drei Tagen hei uns ein-
gefunden,'' sagte die Mamsell, als sie des Reiters an-
sichtig wurde. , Es ist der Reitknecht des Herrn Barons.

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Er behauptet, sein Herr hätte ihm befohlen, voraus-
zugehen, damit er bei seiner Ankunft die Pferde ge-
hörig ausgeruht im Stalle fände, denn der Herr Baron
soll' ein' passionirter Reiter sein. Geschrieben stand von
deütBefehle' in dem Briefe freilich nichts -- aber
man kennt das ja! Fremder Hafer macht fett, die Pferde
und' den Kutscher!'
, -- Sie ging damit an das obere Ende des Saales
und fing an, die Fenster desselben zu schließen, damit
von dem gufsteigenden Nebel die Vergoldung an den
Spiegel- und Bilderrahmen nicht leide. Die- Pfarre-
rin und Hulda gingen ihr dabei zur Hand. Dann
machte, sie auch die Laden nach der Morgenseite zu und
das schöne Bild verschwand dadurch im Dunkel.. Aber
nicht für Hulda. Sie sah die wunderbaren Augen
fort und fvrt.
Sie sah dieselben, während sie an'' der Mutter
Seite durch die thauige Dämmerung nach Hause wan-
derte, sie sah die schönen Augen auch in ihrem Traume
in dex Nacht, und sie wartete den folgenden ganzen
Tag von Stunde zu Stunde gespannt' darauf, ob' nicht
der Vater oder die Mutter auf den Baron- zu spre-
chen kommen würden. Aber von der ganzen Familie,
von- allen Schicksalen' derselben war die Rede, nur von
Baion Emamüel sagten sie kein Wort. Orei-, viermal
setzte fie an, nach ihm zu fragen? und immer wieder
unterließ sie es.
- Was sollte sie auch fragen.-- Wie alt er sei?
Das hatte sie in der Nacht gleich nachgerechnet.
Er war nach ihren Begriffen nicht mehr jung, demn'

su
er stand schon im Anfange der Dreißiger. - Wie er
aussähe? Das wußte sie ja.' So schwärmerisch, wie
- sie sich den Tasso und den Posa dachte; anders als
alle anderen Männer, und so schön!.- Ja, der
mußte, wie ihr Vater es einmal, ausgesprochen hatte,
eine edle Seele haben, der mußte die Musik und Dicht-
kunst lieben, und, wie es ingggem, Dichter hieß, der
- Liebe der Edlen werth sein! Diese großen, schönen
Augen konnten gar nicht lügen.
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