Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 05



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Fünftes Gapites-
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Der Pfarrer hatte den Amtmann ersuchen lassen,
ihn sofort von dem Eintreffen der Herrschaften zu be-
nachrichtigen, und- man wartete in der Pfarre täglich
auf die Botschaft. Die Anzeige wollte jedoch nicht kom-
men, und doch dachte Hulda an jedem Morgen, heute
müsse man sie bringen.
Sie hatte noch in ihrem Leben auf Nichts so sehn-
süchtig gewartet, und obschon ihre täclichen Beschäf-
tigungen in regelmäßiger Reihenfolge ihre Stunden
ausfüllten, wollte es sie plözlich bedünken, als nähmen
die Tage gar kein Ende. Die Zeit währte ihr zum
erstenmale lang, und als wieder an einem Abende
die Sonne sich niederzusenken begann, litt es sie vor
innerer Ungeduld nicht in dem Hause. Sie war
gewiß, heute müsse der Bote endlich kommen, sie
- mußte sehen, ob er nicht schon auf dem Wege wäre.
Sie trat in das Gärtchen hinaus, es ließ sich
Niemand blicken. Sie öffnete das Gitter aber das half
auch nichts; und wie sie dann erst draußen war,
meinte sie, sie brauche nur einmal um den Garten
herum und nach dem Landwege zu gehen, dann. könne
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, es nicht fehlen. Und sie ging.; Das Gehen war weit
besser, weit lustiger, als immerfort in der. Stube still
sizend zu warten. Der Abend war so schön!
Der frische Luftzug, dervon dem Meerekam und ihre
Kleider und ihre Locken durchzog, trieb sie fast land-
einwärts. Ihr langer Schatten lief ihr dabei weit
voraus. Er flimmerte in demunkelnden Sonnen-
lichte so vergnüglich, daß- sie ihm nachlief, als könnte
sie ihn einholen, oder als hoffte,sie irgendwo mit ihm
anlangen zu können, wo es ihnen Beiden wohl, werden
sollte. So war sie rasch und! fröhlich eine Strecke
vorwärts gegangen, als sie än' die ersten Roggen-
felder kam.
Die Aehren hatten schon abgeblüht, aber das Feld
war voll Kornblumen, und als wäre dies ihres Weges
Zweck gewesen, fing sie an, die schönen blauen Blumen
zu. pflücken, bis sie deren genug für einen Kranz bei-
sammen hatte. Der Vater liebte die Kornblume
mit ihrem sanften, an das künftige nährende Mehl
erinnernden Etruche, und die Seinen ließen. es ihm
in dieser Jahreszeit an einem Strauße ode Kranze
von Kornblumen auch nie fehlen.
Um die Hände für weiteres Pflücken frei zu be-
kommen, sezte sie sich unter einem blühenden Hage-
buttenbusche an dem Raine nieder, flocht mit' eiliger
Hand den Kranz zusammen, knüpfte ihn mit Halmen
zu, drückte ihn sich auf den'Kopf, und fing auf's Neue
zu suchen und zu pflücken an..Sie hatte auch schon
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melt,t hatte auch ein paar Iweige von, wilden Rosen
äbgebrochen,- und wollte eben sich-zumi Heimgehen
wenden, als- sie das helle Wiehern eines Pferdes wahr-
nahmi und ein Reiter auf einem Braunen in raschem
Trabe sich der Stelle nahte, an der sie' sih befand.
Den Braunen hatte sie neulich schon gesehen, als
der Reitknecht ihn in der Schlo߻Allee. geritten, und
neugierig: ging sie ein paar Schrite vorwärts, ün sich
zun erkundigen, ob die Herrschaften gekommen wären.
Aber zu ihrem Erstaunen war es nicht der Reitknecht,
der dieses Mal' den Braunen ritt.
- - .. Es war ein Mann in einem Kleide vonischwar-
zem Tuche, mit kleiner Pelerine, mit schwarzen Klap-
penstiefeln und schwarzem Flor um seinen Hut? Er
war -groß und hager. Dunkles Haar umrahmte sein
feines blatternarbiges Gesicht, und trotz der kleinen
Helexine,- wwelche damals nach englischer Sitte einen
wesentlichen Bestandtheil eines vornehmen Reitanzuges
machte, sah man, daß die eine Schulter des Reiters
höher als die andere, daß er etwas verwvachsen war.
- ? - Hulda blieb erschreckend stehen, nachdem sie fast
bis an das Pferd herangegangen war. Auch der Reiter
-hieltign, um das Mädchen zu betrachten, das sich ihm
so, unerwartet in den Weg gestellt hatte, und den Hut
leicht abziehend; fragte er, ob es das Pfarrdorf sei,
das dort vor ihm läge. Sie bejahte es.
-, Sie sind vermuthlich dort zu Hause, Madewoi-
selle? erkundigte er sich.
- ,Ja! In der Pfarre!! gab sie ihm zur Antwort
und wollte gehen, um der Verlegenheit und der quä-

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lenden Empfindung, loszuwerden, die ihr denHals zu-
schnürte. Aber sie hatte die Wortes eben nur aus-
- gesprochen, als. der Reiter sich aus dem Sattel,schwang.
,So will ich Sie begleiten,! sagte er, , denn das
Pfarrhaus ist mein Ziel. Werde ich den Herrn Pastor
jezt zu Hause finden?-
Sie hejahte auch dieses, und der Reiter, der sich
wohl sagen mochte, daß sie vor Schüchternheit nicht
sprechen könne,. schien, ihr-. Muth mgchen; zu wollen.
,Ich binschon amMittage indemSchlossegngekommen,'
erzählte er, , und der Gräfin geflissentlich vorausgeeilt,
denn es ist traurig bei der Ankunft in der Heimat,
von Keinem der Seinen, empfangen zuswerden. Treffen
meine. Schwester und meine Nichte morgen nun hier
ein =!
, Clso, Sie sind doch der Bruder der Frgu Gräfin?
rief Hulda achtlos, und konnte es in ihrer plötzlichen
Enttäuschung nicht unterlassen, ihn darauf anzusehen.
Alber in demsßelben Augenblicke fühlte sie auch, was sie
mit deni unwillkürlichen Ausrufe gethan,hatte, und sie
wußte nicht, wohin sie sich mit ihren Blicken wenden
oder was sie sagen sollte. -
Dem Baron entging ihre Bestürzung nicht. Er
rat näher an sie heran, und den Blick freundlich auf
sie gerichtet, fragte er: ,Für. wen hatten Sie mich
denn gehalten, oder was fällt Ihnen dabei auf?
Der schöne, seelenvolle Blick nahm ihr den lezten
Rest der Fassung. Sie war, keines, Wortes mächtig,
so sehr schämte sie sich und so unglücklich fühlte sie
sich mit einemmale. Sie mußte sich zusammennehmen,
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um nicht zu' weinen. So ging sie neben ihm, ohne
auch nür die Augen aufzuschlagen.
- - Er hatte die Zügel des Pferdes um den Arm ge-
schlungen und obschon Hulda die Augen nicht aufzu-
heben wagte, fühlte sie, daß der Baron sie aufmerk-
, sam betrachtete. Mit einemmale sagte er: ,Sch muß
doch aber ergründen, was mit Ihnen vorgeht, liebes
Mädchen? Sie waren so fröhlich, als ich Sie zuerst
erblickte: - Sie sahen mir mit Ihrem Kranze und mit
dem Rosenschmuck an Ihrer Brust wie die schöne
Tochter der Ceres selber aus. Sie kamen mir so frei
- entgegen, daß es mich hier, wo ich noch ein Fremder
bin, wie ein gutes Omen anmuthete und freute; und
mun Sie meinen Namen kennen, wenden Sie sich von
mir. ! Er ergrif ihre Hand, und sich zu ihr neigend,
, fragte er: ,Hat man Ihnen Nebles von mir gesagt,
oder was fürchten Sie von mir?
,O, Nichts, Nichts!' rief sie aus, und wie sie
den klaren, melodischen Ton seiner Stimmne und seine
sanften Worte hörte, konnte sie ihre Herzbeklemmung
nicht bemeistern. Die Thränen traten ihr in die
Augen, sie wollte ihre Hand aus der seinen lösen, und
da er sie festhielt, zog sie seine Hand an ihre Lippen
und küßte sie. Sie hatte ein Schuldbewußtsein gegen
hn, sie wollte ihn um Verzeihung bitten, und konnnte
es ihm nicht sagen.
- Der Baron hielt sie zurück. ,Mäbchen, um
Gotteswillen, liebes Mädchen, was thust Du? rief er,
,Du zitterst. Was hast Du? Wie soll' ich das ver-
stehen? Soll ich an Zauber, an gute oder böse Geister

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glauben? Es muß doch Etwas vorgegangen sein, das
Dich so aufregt und. ergreift?- Rede, ich bitte Dich,
Du mußt es wirklich sagen, damit ich Dich verstehe.
- Was hast Du, liebes Kind?? -. -
Aber jedes seiner Worte; wie wohlgemeint sie
waren, steigerte nur ihre Verwirrung, und ihrer nicht
mehr mächtig, sagte sie: ,Nichts, nichts! Ich hatte nur
im Schlosse Ihr Bild gesehen. - Kaum ,edöch waren
diese Worte über ihre Lippen gekommen, so wurde ihre
Herzensangst noch stärker, und sie empfand das schmerz-
liche Lächeln, das über sein, ernstes Antsiz glitt, als
eine schwere Strafe.
,Ja so!' sagte er, indem er ihre Hand frei gab,
nun kann ich Dich verstehen. Ist es mir dereinst doch
selber so ergangen. Ich war auch erschrocken und
kannte mich kaum wieder, als ich, von den Blattern
auferstehend, mich zum erstenniale betrachtete. Nun
begreife ich Ihr Erstaunen, armes Kindl?
Er brach in seiner Rede ab, und sie konnte kein
Wort sprechen, denn sie wußte selber nicht, was sie
dachte oder wie ihr eigentlich zu Muthe war. Sie
schwiegen alle beide. Als sie dem Pfarrhguse schon
nahe waren, hatte aber der Baron seinen Gleichmuth
wiedergewonnen. Er sah Hulda hell und freundlich
an und sagte scherzend: , Wir haben bereits ein Aben-
teuer mit einander erlebt, mein liebes Mädchen, und
ich kennne Ihren Namen noch nicht einmal.!
Sie nannte ihm denselben.
- ,Das ist ein schöner Name, der für Sie paßt,
und dessen Trägerin nicht weinen sollte!r sprach er.

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MNun; ich hoffe, ich wenigstins presse Lhnen nicht
wiederThränen aus, und wwenn Sie sich nur daran
gewöhnen' köinen, daß ich nicht mehr siebzehn Jahre.
nicht mehr wie zu siebzehn Jahren bin, so wollen wir

; nöch'Fute Freunde werden. Kommreit Sie, mein' Kind, -
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sägenSie mir, wo ich Jemanden finde,-der mir das


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Pferd'abnimmt; und dann melden Sie Ihrem Herrn
Pater, daß ich ihn zu sprechen wünsche.
gs; . --
: - N'. -
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