Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 08

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die durch Aüssichtenn, welche die Gräfin fü' sie eröffket
hatte, aufgeregt, um nicht zu sagen erschrect worden.
Die Anwesenheit der Schloßbewohner Pätte alle

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ihre Vorstellimigen vetwandelt, -hatte den unbestimmten
Träumen und Wünschen'ihrer jüngen Beele eine festere
Gestalt verliehen, und ihr altes Begehren,' in Leben
mehr zu sehen, als der enge Bereich des Vaterhauses
ihr vergönnte, zu einem so: ünkuhigen Verlangen auf-
gestachelt, daß ihr- wie dürch einen bösen Lauber
plözlich Alles werthlos dünkte, was sie bisher befriedigt
und erfreut hatte. Der: Gedänke, !daß sie nit'all' der
Lebenslust im Herzen dazu bestinmut? sein söllte, ihr
ganzes Dasein in den' niederen Mauern des' alten
Pfarrhauses abzuspinnen, das seit'nahezu einem Jahr-
hundert Wiege und Sarg der Ihriteit -mschlossen
hatte, wurde ihr zu' einer Herzeßsangst! Sie llebte
den kleinen Garteii und seine viet alten Kiefern nicht
mehr, in denen sie-bis dähin Jo iel Genuß gefunden
hatte; sie hatte keine Rühe' niehi ifihtei Vaterhanse.
Ihre Gedanken wäken' imnnekfork ime Schlosse? All-
tääglich wartete sie darauf,' däß itgend Jemand von
seinen Bewohnern 'sich'iitdeü Döfe blicke lasse, aber
die Herrschaften waren zu einer Siücäidien' Familie
weiter in das Laid hineingefähren, und aüch aus dem
Amnte hatteman mehr als acht Tage lang Nichts ge-
sehen und gehört. Dä kan endlich- eittes Abends der
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in das Haus hinein.
Als die Fraüeit ihm entgeeiiginngen, ihn zu be-

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grüßen, erkundigte er sich mit Geflissenheit, ob der
Pfarxer nicht zu, Hause sei, und da dieser inzwischen
auch hinzugekommen war, sagte der Amtmann, nach-
dem man ihn in die Studir - Stube hineingenöthigt
und. er, seinen Plaz genommen, chatte, auf die, Frage,
wgs er Gutes bringe, er hringe allexdings Etwas, und
er wwolle hgffen, daß es etwgs Gutes sei. -
- --- ,Ich,hätte schon, vor acht Tagen kommen sollen,?
sagte, er, ;, und ich komme nicht von meinetwegen.
Pie Hülda soll in's Schloß!?
gIn das Schloß? fragten wie aus Einem Munde
der Pfgrrer und die beiden Frauen, während. eine
helle, Freyde, in der Tochter Antliz aufleuchtete.
-. -,Ja!- In's Schloß oder vielmehr zu, mfr in's
Anu!ß,,hesttjgte der Amtmann. , Sie sgllte gleich
den Fag nach der Abreise der Herrschaften hinüber,-
fügte gg, gggen die Pfärrerin gewendet, hinzg, ,aber
Du, kennst jg, die Schwester von altersher, Was sie
nicht selber in ihrem Kopfe ausheckt, das ist ihr nie-
mglß xecht, und so hat sie denn zuerst auch nicht
herangewollt, die Hulda in das Haus zu nehmen.?
- Der Pfarrer sah den Amtmann, sah seine Frgu
und Tochter- mit unverkennbarem -Erstaunen gn, und
meinte, nicht ohne eine gewisse Empfindlichkeit, es
scheins sich hier um einen Plan odex um eine ßer-
abredung z handeln, von denen er nicht unterrichtet
sei. - Er wenigstens erinnere sich nicht, jemals eine
solche Anforderung an die Madmoiselle Schwester ge-
richtet zu haben.!
,Bewahre! bewahre!' rief der Amtmann, ,es ist

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zwischen uns die Rede nicht davon, gewesen; es ist die
Frau Gräfin, die es gngeordnet hat.!-
Dem Pfarrer fiel das auf. -,Die Frau Gräfin
hat doch neulich eine andere -Ansicht über die Zu-
kunft unserer, Tochter an den Tag gelegt;! meinte er.
Der Amtmann, sagte, er wisse davon Nichts. Die
Gräfin habe ihn rufen lassen, habe ihmn gesagt, sie
wolle. Hulda, wie frühex deren Mutter, bei Ulriken
die Wirthschaft lernen lassen, und, ienn sie ngch Hause
käme, solle das Mädchen im: Amte eingerichtet sein.
Des Pfarrers Neberrgschung, würde dadüxch nicht
vermindert, sein Mißfallen an dem, ßorschläge nicht
beseitigt. Er kannte Ulrikens Eigeart, ex wußte, wie
manche bittere Stunde diese einst seiner Frau exeitet
hatte; er -kannte auch, was ihm noch bedenklicher er-
schien, den abergläubischen Zug in' ÜlrikensWWesen, das
thörichte Gerede, das ehen deßhalh über sie imSchwange
war, und das er beständig, unter seinen Eingepfarrten
zu bekämpfen hatte. Ps par ihm, daher pöllig aus
der Seele gesprochen, als dje Mutter den Ausruf that:
,Aber was bringt denn die Frag Präfin guf diesen -
neuen Einfall, und wie kommt-sie nur darauf, sich
so viel. mit Hulda zu beschäftigen?.
Der Amtmann, von dessen offenem, treuherzigem
Gesichte die selbstzufriedene Heiterkeit nur selten wich,
lachte über diesen -Ausruf. ,Was sie darauf bringt?
Ja,' frage sie das einmal selbst! Das kommt denn so
bei ihnen. Darin sind sie Alle gleich!. Lieber Gott!
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Täge, was' zu thun. Hier auf' dem Lande hat sie das
jetzt nicht. Da verfällt sie denn auf Dies und Das:
auf das Bauen, auf die Schulen, auf das Glücklich-
machen, wwie's just trift. Aber sie hat einen festen
Kopf, geht frisch drauf los und meint es gewiß auch
gut. - Man muß ihr nicht dawider sein.?
Der Ausspruch des immer besonnenen und wacke-
ren Rannes beruhigte den Pfarrer, der ohnehin die
beste Meinung von der Gräfin hegte und dem nur das
ihr-sonst fremde Schwanken in ihren Anordnungen
aufgefallen war. Der Mutter gingen andere Bedenken
durch den Sinn. Es war ihr unvergessen, was sie
in ihrer Jugend von der Leichtfertigkeit der jungen
Edelleute in dem Schlosse zu erdulden gehabt hatte, und
ihre-Lage war doch eine gndere gewesen als die dei
Tochter. -Sie, das Kind armer höriger Leute, hatte
niemals an eine Heirat mit einem Edelmanne denken
können. Wer aber bürgte ihr dafür, daß Hulda nicht
den Worten eines Solchen Glauben schenkte, daß nicht
einmal Wünsche und Hoffnungen in ihr rege wurden,
die ohnehin in ihrer Seele lagen, und die doch befriedigt
zu sehen keine Aussicht vorhanden war? Was sollte das
Mädchen in dem Schlosse und bei Mamsell Ulrike, da
die Gräfin es in der Pfarre zu versorgen gedachte? -
Sie' versuchte es, Einwendungen zu machen; da sie
aber ihrf'' eigentlichen Befürchtungen nicht aussprach,
schlug der Amtmann ihre Einwände einen um den
anderen nieder; und gewohnt, rasch zu verhandeln,
fragte er, sich an Hulda wendend, die mit wachsender
Spannung der ganzen Unterhaltung gefolgt war:



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,Nun sprich Du auch einnal ein Wort, Mädchen!
Willst Du mit mir in das Schloß??
Hulda wurde roth vor Freude. Sie sah den
Vater, sah die Mutter an. Es lag nichts Ermuthigendes
in ihren Mienen, aber ihre Sehnsucht, in das Leben
hinauözukommen, war mächtiger als, die Fügsamkeit,
die sie bisher bewiesen hatte, und von der natürlichen
Selbstsucht der Jugend fortgerissen, sagte sie, während
ihr ganzes Antliz lachte: ,Ich habe' mir es ja''so sehr
gewünscht, Herr Amtmann!?
,Nun denn, Herr Gevatter!' rief der Amtmann,
der sich diese Anrede gegen den Pfarrer nur in' beson-
ders vertraulicher Stunde erlaubte, s,mun, dann sind
wir einig und Alle eiwverstanden. Morgen lasse ich
sie holen, Sonntags soll sie immer in die Kirche kom-
men.-- Es ist ja gerade, als wäre sie noch zu Hause.
Und berhungern thut bei mir im Amte Niemand.
Darüber sind Sie ja auch nicht besoxgt:!
Er stand damit guf und wollte sich entfernen,
denn er sagte, sein Fuchs stehe nicht lannge ruhig, und
er müsse auch nach Hause; aber die Pfarrerin, hielt
darauf, daß er vorher Etwas genießen müsse, und, wäh-
rend sie die Tochter fortschickte, den kleinen Imbiß
herbeizuschaffen, wurde die Stunde verabredet, in wel-
cher sich Hulda fertig, und zur Fahrt nach dem Schlosse
bereit zu halten habe. Dann nahm der Amtmann ein
paar Bissen, trank rasch sein Glas aus, klopfte Hulda
auf die Schultern und meinte: ,Nun, ich denke, es
soll. Dein Schaden nicht bei uns sein, denn nun, sie
sich's bedacht hat, ist es der Schwester Recht.


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Sie kann auch Hilfe brauchen in dieser Zeit, und
im Grunde hält sie von Dir mehr als von sonst
Einem.
Er stieg mit der Wiederholung, daß er morgen
am Nachmittage den Wagen schicken werde, auf sein
Pferd, grüßte noch, ehe er um die Ecke bog, und die
Eltern und- die Tochter standen an der Gartenthüre
ünd sahen ihm nach.
,Da wirst Du nuun also morgen auch hinaus-
fahren, um Deine ersten Schritte unter Fremden und
unter eigener Verantwortung zu versuchen!! sprach der
Vater mit seinem feierlichen Ernste, indem er der
Tochter prüfend in das Auge schaute. Aber selbst diese
Mahnung vermochte den Ausdruck des Vergnügens und.
der freudigen Erwartung pon ihrem Antlize nicht zu
verscheuchen. Sie küßte dem Vater die. Hand, sie fiel
der Mutter um den Hals, sie versicherte, daß sie sich
gewiß bemühen werde, Tante Ulriken's Zufriedenheit
zu erlangen, und währnd es die Eltern still bewegte,
die Tochter, die noch keine Stunde ihres Lebens von
ihnen fern gewesen war, jezt für eine unbestimmte
Zeit entbehren zu sollen, während die Mutter über-
dachte, was bis morgen für Hulda noch zu beschaffen
nöthig sei, hatte diese uur den einen sie ganz aus-
füllenden. Gedanken: In das Schloß!
In das Schloß zu kommen, darauf hatte ihr
Verlangen gestanden, seit sie im Frühjahre züerst die
großen Säle desselben durchwandelt hatte; und wie ihr
Herz auch bisher den Eltern zu eigen gewesen war,
sie konnte jetzt die Stunde kaum erwarten, bis der

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Wagen, der sie holen sollte, vor dem Pfarrhause er-
scheinen würde.
Die Furcht, es könne irgend ein Hinderniß da-
zwischentreten, die Ungeduld ließen sie kaum schlafen.
Die Stunden des Tages entflohen ihr zum erstenmale
nicht schnell genug. Und wie dann das kleine Wägel-
chen gegen den Abend hin, ,am Gitter des Gartens
hielt, wie sie endlich in dem kleinen Einspänner saß
und das Gefährte sich in Bewegung setzte, fühlte sie
eine Freude, wie sie sie bis auf diese Stunde noch
nicht gekannt hatte. Sie kniete auf den Siz des Wa
gens, sie warf den Eltern über das niedere, zurück-
tzeschlagene Verdeck desselben mit beiden Händen ihre
Grüße und ihre Küsse zu; dann ßber lehnte sie sich
weit zurück, wie sie es von den Herrschgften hatte
machen sehen, und wie eine Schaar von Genien
schwebten zwischen dem goldig schimmernden Gewölke
des Sonnenunterganges die freudigsten Erwartungen
verlockend vor ihr her.
Wie sollte ihre Lebenslust der Wehmuth denken,
mit welcher die Eltern nun zum erstenmale allein auf
der Bank im Gärtchen saßen? Wie konnte sie ahnen,
mit welch tiefer Inbrunst die Pfarrerin in ihrem
Abendgebete ihr Kind für alle Zeit dem Schuze Gottes
und seiner Barmherzigkeit empfahl. -
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