Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 09


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Aeuntes Gapites.
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Redlich meinen! Wer, hat sich nicht, schon im
Leben einmal auf' seine redliche Meinung ggßütt, wenn
er, um seinen Willen durchzusetzen, eiFäin Anderen
- Gewalt angethan hatte? Wer hat sinicht einmal
mit seiner redlichen Meinung beruhigt, wenn er durch
den unberechtigten Eingriff in fremde Verhältnisse ein
Unheil angerichtet, das leichter heraufzubeschwören als
wieder gut zu machen war?
- Auch die Gräfin berief sich auf ihre redliche
Meinung, als die Entfernung, in wwelcher der Bruder
ssch von ihr hielt, ihr zu lange währte und zu schmerz- -
lich wurde; es wollte ihr jedoch nicht recht gelingen,
ihn dadurch zu versöhnen. Emanuel beantwortete ihre
-Briefe Anfangs gar nicht. Er vermißte offenbar den
Zusammenhang mit seiner Schwester nicht, der Brief-
wechsel mit Konradine schien ihn schadlos dafür zu
halten.'
,,Wenn ich nur nicht mehr von den sogenannten
guten Absichten, von redlicher Meinung und ehrlichem

Rathe, von reiferer Einsicht und von ruhigerer Be-

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trachtung reden hören müßte; von all jenen faden-
scheinigen Mäntelchen,. in welche die Selbstsucht sich
verhüllt, wenn es ihr daxum zu: thun ist, fremden
Willen zu unterdrücken, um den, ihren durchzusetzen,''
schrieb er einmal seiner Freundin; die unausgesetzt in
ihrem Stift verweilte.,,Aber wir verhalten uns
solcher seelischen Verkleidung-' gegenüber wie zu den
Vermummungen auf einer Familien»Maskerade. Wir
wissen, wer hinter diesen Masken. steckt, wir wissen,
wie wir das Gesagte zu nehmen und zu deuten haben;
wir sind indeß viel zu wohlerzogen, üm in Zweifel zu
ziehen, wasänan uns glauben, mahen. will, -und gesell-
schaftlich zu gpk' geschult, un;Piejengegzu erkennen,
die sich in iFter Vekleidungwohlgefälleg: Darüber-
geht nur leider der Abend, Heht' uns' däs Peben hin!
Wir streifen an einander vorüber,- ohnefeigentlichen in-
neren Erwexb, und müssen schließlich fxohsein; wenn wir
ohne peinliche Berührung bleiben, wenn wir nicht in
aller Eile erfahren haben;- was nicht erfahren zu
haben, was vergessen zu können, wwir sehnlich wünschen
,nüssen,'?
- - Er schrieb Konradinen nicht, worauf oder auf
wen sich diese Betrachng eigentlichIbeziehe, und
Konradine ihrerseits -übte mit feinem Verständnisse
. aus, was er über dienWohlerzogenheit geäußert hatte,
die in solchen Fällen nicht- erkäth; -wwas man nicht
ausdrücklich errathen haben -will.- Sie nahm den
Saz so allgemein, wie errihn hingestellt hatte, um

aber der Erörterung doch näher zu! kömmen, bezog sie
ihn auf sich, auf ihr persönliches Geschick und ihre
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Handlungsweise,' und sie wußte es am besten, wie viel
Grund-sie' dazu hatte.
: ,Es, muthet mich eigenartig an,'! gab sie ihm
zur. Antwort, ,,von Ihnen so: deutlich ausgesprochen
und wwiederholt zu sehen,. was ich an mir selbst erleidend
- und ausübend erfahren habe. Ich ziehe mir daraus
den Schluß, daß Herxschsucht und Gewaltthätigkeit nebst
dem Glaubenn jedes Einzelnen an seine ganz besondere
Weisheit zu, den: Angeborenheiten des Menschen ge-
hören, gegen die er selbst sich zu wehren hat,. und
gegen welche auch die Anderen sich zu verwahren haben,
da des Menschen Wohlgefallen an sich selbst ihn doch
meist behindert, ordentliche, wirklich durggreifende Er-
-ziehungsversuche mit sich vorzunehmen. Mit welchen
- Massen von reiferer Einsicht und ruhigerer Erwägung
bin ich überhäuft worden, als man mich glauben machen
ollte, : daß mir nichts. allzu Ungerechtes, nichts Grau-
sames widerfahren sei. Man wollte vermuthlich mit der
Ascheuder Weisheit, die man über mich zu schütten für
angemessen ;hielt, das Feuer ersticken,. das in meiner
Seele brannte, und das doch nicht eher sich zu be-
ruhigen begann, bis es die eigentliche Lebenskraft ver-
zehrt hatte,. aus der es seine- Nahrung zog. Und doch!
-- Kaum hatte ich die Erfahrung gemacht, mit welcher
leichtfertigen Selbstgewißheit man es unternommen,
Lber meine Empfindungen aund über die meiner Natur
- nothwendigen Glücksbedingungen munter abzuurtheilen,
so that, ich Ihnen gegenüber ganz genau dasselbe. Ich
habe es Ihnen nicht verborgen, daß ich jene Verbindung,
an welche Sie damals dachten, für Sie als eine Un-



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möglichkeit betrachtete. Auch heute noch glaube ich,
daß wir Alle, ich und meine Mutter und die Gräfin,
die wir damals mit so viel Sorge auf die Eitwicklung
blickten, welche Ihre Herzens-Idylle nehmen würde,
Sie und Ihr wahres Wesen und hr Bedürfen richtiger
beurtheilt haben, als Sie selbst. Wenn Sie also nicht
auch mich mit den Anderen sammt und - sonders zu
den unheilbarVerblendeten und Unverbesserlichen zählen,
und mit denselben verwetfen und verdammen wollen,
so müssen Sie sich entschließen, falls Sie mir ver-
zeihen, dies auch bis zu einem gewissen Grade gegen
die Anderen, und gegen die Menschen im Allgemeinen
in Ausübung zu bringen. Sie müssen es über sich
gewinnen mit und unter der unvollkommenen großen
Menge weiter fortzuleben, wie es eben geht, und wie
ich es auch in meinen jetzigen Verhältnissen zu thun
nöthig habe. Dabei äber mache ich zu meinem Er-
staunen die Erfahrung, wwie leicht man Herrschaft ge-
winnen kann, wenn man sich' mit' der Masse auf die
gleiche Stufe stellt, statt sie von der Höhe aus leiten
zu wollen, akf die' man sich erhoben hat oder erhoben
zu haben glaubt.?
Sie erwähnte dann noch flüchtig, daß sie Ge-
sundheit der Aebtissin sich nicht besere, daß dieselbe sie
in ihr besonderes Vertrauen gezogen habe, ihr manche
Theile der Verwaltung und der Verhandlungen zu
ordnen überlasse, in denen sie mit den. Behörden viel-
fach zu verkehren habe, und daß diese Art von ge-
schäftlicher Thätigkeit sie, als ein ihr Neues, unterhalte
und auch unterrichte. ,,Aber auch in allem diesem

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Thun,' so schloß sie. ihren Brief, ,,liegt wiederum die
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- Freude an dem Einflasse, an der Macht, mit einem
Worte die Freude an der Herrschaft verbunden. Da
es mir nicht zu Theil ward, eines geliebten Mannes
und eines Fürsten Frau zu werden, so male ich es
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mir jetzt mit wachsender Vorliebe immer bestimmter
aus, wie es mich, kleiden würde, als Lebtissin ein
solches weibliches Gemeinwesen zu beherrschen und zu
regieren; denn aus dem Grabe der Liebe steht nur zu
oft der Ehrgeiz siegreich auf.
Für Emanuel waren die Tage, an welchen er
die Briefe seiner Freundin erwarten durfte, eigentliche
Festtage. Der kühne Freimuth, mit welchem sie sich
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selber preisgab, ihre Fähigkeit sich unparteiisch zu be-
trachten, flößten ihm Achtung ein; und was er am
meisten an ihr bewunderte, das war die Entschlossen-
- heit, mit welcher sie sich über ihre getäuschte Hoffnung
zu erheben und mit ihrem Herzen fertig zu werden
trachtete.- Das war mehr, als er selber vermochte.
Konradine gefiel ihm gus der Ferne fast noch mehr,
als wenn er sich in ihrer Gesellschaft befand. Denn
wenn sie vor ihm ihre Ansichten mündlich aussprach,
trat sie damit häufig der Vorstellung zu nahe, welche
er von dem Wesen schöner Weiblichkeit als Jdeal in
seinem Herzen trug, während er, wenn sie ihm schrieb,
sich rein und voll an. ihrer Eigenartigkeit zu erfreuen

vermochte. Er wurde es nicht müde, es sich und ihr
- zu wiederholen, daß er in ihr gefunden habe und be--
size, was er stets ersehnt und was für ihn auch sicher
das Angemessene sei: einen verständnißvollen Freund
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mit einem Frauenherzen; die tiefsteZusammengehörigkeit,
ohne daß man auf dieselbe Ansprüche gn eine Aus-
schließlichkeit begründe; welche zu erfüllen beschwerlich
fallen könnte, und endlich einen Vertrauten, dessen
man sich vollkommen sicher wisse: - ,
Auch waren seine Offenheit und- sein Vertrauen
zu ihr ganz unbegrenzt. Weil sie bei jedem Anlasse
ihre Karten rückhaltlbs auf den Tisch warf, hielt er
es bei seiner Geradheit für unmöglich, daß sie - mit
jener Taschenspielerkunst, in welcher alle Herrschsüchtigen
und insbesondere ein großer Theil der Frauen Meister
sind - die letzte entscheidende Karte in der Hand- für
sich zurück behielt. Konradine hattelihm aunumwunden
ausgesprochen, daß auch sie schon zum öfteren ge-
nöthigt gewesen sei, sich, Aber ihre Handlungen mit
ihrer redlichen Absicht. und muit ihrerßgüten Meinung
zu beruhigen; indeß sie hatte. es doch nicht für an-
gemessen gehalten, ihm mnitzutheilek, in welch innige
Verbindung sie mit seiner Schwester getreten war, seit
er sich von derselben, ferne hielt. -
Die Gräfin hatte Konradinen, gls' diese ihr für
die gastliche Aufnahme in ihrem Schlosse Dank ge-
sagt, lebhafte Theilnahme an ihrem, Schicksale aus-
gesprochen und ihr dayn aus fteiemi, Aitriebe aber-
mals geschrieben, gnachdem Konradine in das Stift
eingetreten war.. -Bis zu jenem Zeitpunkte hatte kein
brieflicher Verkehr zwischen ihnen Beiden stattgefunden,
der von Konradinens Seite über, einen gelegentlichen
Glückwunsch, von Seiten der Gräfin über einen
freundlichen Dank hinausgegangen wäre. Das be-

, flissene Entgegenkommen der so bedeutend älteren und
einflußreichen Frau hatte Konradine in ihrer damaligen
Gemüthsverfassung angenehm berührt, wenn schon sie
es sofort auf seine richtigen Beweggründe zurüchu-
führen' verstanden hatte. Aber sie hatte in jenen
Tagen einer Beschäftigung und neuer Antriebe bedurft,
und die Verbindung mit der Gräfin hatte ihr solche
dargeboten.- Anfängs hatte die Gräfin nur pebenher
- bemerkt,. daß sie seit einiger Zeit ohne direkz Nach-
richten- von ihrem Bruder sei, dann hatte sie an-
, gedeutet, daß eine Spannung zwischen ihnen obwalte,
über deren Gründe Konradine sich nicht im Unklaren
- befinden könne, da sie eben in den Tagen, in welchen
das Zerwürfniß zwischen der Gräfin und ihrem Bruder
platgegrifen, sich in der Gesellschaft des Lezteren be-
funden, und, wie die Gräfin von der Baronin zu ihrer
besonderen Genugthuung vernommen, eine wirkliche


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Freuudschaft für denselben gewonnen habe:
- - So war man raschen und leichten Schrittes von bei-

Lebensverhältnissen ausgesprochen hatte, sich endlich dazu
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erboten, den Freund unmerklich und allmälig zu einer
Aussöhnung mit der Schwester hinzuführen. Daß
eine solche nur zu ermöglichen sei, wenn man Emanuel
überzeugen könne, daß er Hulda überschäzt habe, daß
ihre vermeintliche Liebe für ihn nur eine flüchtige,

leicht von ihr verschmerzte Aufwallung, und sie durch-
aus nicht im Stande gewesen sei, seine wirkliche Be-
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den Seiten vorwärts gegangen, bis Konradine, die der
- Giäfin fortdauernd ihr Wohlgefallen an ihren euen
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deutung zu ermessen, darüber waren beide Frauen
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einig, ohne daß darüber eine Silbe zwwischen ihnen
gewechselt worden war. Sie handelten dabei, die
Eine wie die Andere, in der redlichsten Meinung, nach
der besten Absicht; nur daß Jede von Ihnen noch
Voraussichten und Plane hegte, welche über den nächsten
Zweck, über die Aussöhnung -der Entzweiten hinaus-
ging, und eben, in diesen Planen wichen die beiden
neu befreundeten Frauen weit von einander ab.
Die Gräfin, wsche ihren Bruder in seinem tiefsten
Wesen kannte, wußte es, daß er denspäten, zerstörten
Jugendtraum von Liebe, nicht leicht vergessen werde.
Er hatte es vor Konradinen auch nicht Hehl, daß sein
Herz noch blute, und daß es ihn ewig schmerzen
werde, sich eben in diesem Mädchen getäuscht zu haben,
an dessen Liebe er mit einer fatalistischen Zuversicht
geglaubt. Voiu seiner Schwester Hprach en in den
Briefen an Konradine nur- sehr, selten. Die Stifts-
dame hingegen erwähnte der Gräfin, so oft sich ein
schicklicher Anlaß dazu darbot undl sie that des immer
mit warmer Anerkennung ihrer großen: und seltenen
Eigenschaften, die es dem Bruder i doch beklagenswerth
machen müßten, von der bewährten und ältesten Freun-
din nun getrennt zu sein. Sie machte diese Bemer-
kung niemals, ohne dabei hervorzuheben, wie uneigen-
nüzig sie in dem Wunsche sei, die Geschwister ausgesöhnt
zu wissen, da sie fraglos eine Einbuße dadurch erleidet
werde, und weil Emanuel dadurch genöthigt wird sich
über den Charakter seiner Schwester und über die
Beschwerden, welche er gegen sie hatte, auszulassen
gewöhnte er sich allmälig. wieder daran, sich wenigstens

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in feinen Briefen wieder mit der Schwester zu be-
schäftigen. Wenn er sie anklagte, vertheihigte Konradine
-Fie, aber sie hob dabei Fehler an ihr hervor, wwelche
die. Gräfin nicht besaß, so daß der Bruder es als seine
Pflicht erachtete, dieselbe dagegen in Schutz zu nehmen;
, und war er dabei aus alter Gewohnheit und in wirk-
licher Schätzung ihrer Verdienste, wider seinen Willen
ihr Lobredner geworden, so begrüßte die Freundin dies
mit, solcher Herzlichkeit als ein gutes Zeichen, daß
Emanuel dadurch veranlaßt ward, nur um so größer
Mehr als anderthalb Jahre hatte dieser Brief-
wechsel zu beiderseitiger Befriedigung bereits gewährt
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- von Konradinens edler Uneigennützigkeit zu denken.
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und er war mit der Länge der Zeit nur immer inniger

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geworden. Aber das geschriebene Wort hat, um richtig
zu wirken, oft einer Verstärkung, ja einer gewiijen
Nebertreibung nöthig, damit ersetzt und ausgeglichen
werde, was Ton und Blick, Stimme und Geberde dem
lebendigen Worte zugute kommen lassen. Jedex Brief-
wechsell führt deshalb, wenn er lange und ohne erneute
- persönliche Berührung fortgesetzt wird, die Gefahr einer
Neberspamnung mit sich, und wird daneben leicht abstrakt,
besonders wenn die Schreibenden, in Zurückgezogen-
heit lebend, wenig Wechselndes und Aeußerliches zu
berichten, also nur von ihrem Denken und Empfinden,
von - ihren Studien und Betrachtungen zu- melden
haben. -
Emanuel bemerkte dieses vornehmlich, so weit es
ihn betraf, und ward sich dgdurch seiner Abgeschieden-
heit als eines Nachtheiles bewußt. Freilich hatte er
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auch vordem immer einen großen Theil des Jahres
in der Schweiz auf seinem Landsitze zugebracht, aber
sein Aufenthalt am See war ihm durch die Anwesen-
heit der Schwester und ihrer Familie belebt. uns ver-
schönt worden, und er hatte sie dann wieder in ihrer
jeweiligen Heimath aufgesucht,' oder man war einmal
an drittem Orte nach Verabredung zusammengetrofen,
wenn Emanuel sich von seiner Reiselust weiter hatte
in die Ferne locken lassen. Jezt fehlte ihm zum Reisen
aller Antrieb.
Er hatte die Welt gesehen, soweit sie ihm für
- seine Interessen. Anziehendes geboten, er hatte die
Länder und die Orte,. -nGelche ihn; lieb. geworden
waren, zum großen Theile. wiederholt besucht. Die
Schwester und die Nichte aufzusuchen,. ifühlte er sich
nicht gestimmt; anmuthigen Erleinissen zu begegnen,
wie die Jugend' sie bei, dem Antritte jeder Reise ihrer
wartend glaubt, hatte er niemals erwartet, kam ihm
jetzt noch weniger als früher in, den Sinn; und weil
er sich das Liebesglück, das ihm ein paar Stunden
lang geleuchtet, aus Mangel an Entschlossenheit und
an Vertrauen nicht,dauernd-anzueignen verstanden
hatte, hielt' er sich vom Geschicke verabsäumt und für
ebenso unglücklich, gls er es Hulda hatte werden machen.
Gericht und Strafe erwuchsen in seiner Brust ihm aus
der eigenen Natur, und mitten' in seiner Liebebedürftig-
keit und Liebefähigkeit war er sich nicht bewußt, wie
viel Eitelkeit und Selbstsucht sich verbargen in seinem
Zweifel an sich selbst, wie in seinem Zweifel an
Hulda's Liebe.

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Schon während des Winters, als Konradinens
Mutter, bei ihrem Wanderleben zu einem längeren:
Verweilen an den Genfer See gekommen war, hatte
er gegen Konradine in seinen Briefen zum öfteren den
Wunsch geäußert, sie möge diesen Anlaß benützen,
um ihm die Gunst eines. Wiedersehens -zu gewähren.
Auch die Mutter hatte sich seinem Vorschlage an-
geschlossen; aber Konradine hatte zu kommen abgelehnt.
Der, kurze Besuch,' den die Mutter ihr einmal. im
Stifte abgestattet, hatte es Konradinen klar bewiesen,
daß die Baronin in ihrem Lebensgenusse durch die Ab-
wesenheit der Tochter eher gefördert' als beeinträchtigt
werde, und Konradinen war inzwischen ihre Unab-
hängigkeit so sehr zur Gewohnheit und zu einem Be-
dürfnisse geworden, daß sie es sich nicht mehr, auf-
erlegen mochte, sich in die wechselvollen. Stimmungen-
und- Einfälle der Mutter einzupassen, oder es sich mit-
jener sogenannten Freiheit genügen zu lassen, welche
ihr zu gewähren die Mutter sich immer gerne ge-
rühmt: hatte.
.- Daneben hielt auch in der That ihr Ehrgeiz,
über den sie zu scherzen und zu spotten liebte, weil sie
ihn dadurch. am leichtesten der. tadelnden: Beobachtung
entzog, sie in dem Stifte fest. Die Zeit, welche sie
in demselben zugebracht, und das Ende ihres dreißig-
sten Jahres waren bei ihrer Eigenartigkeit zu einem
besonderen Lebensabschnitte geworden, weil' sie sich darin
gefiel, es als einen sölchen zu betrachten. - chr leb-
hafter Geist hatte sich mit derselben - Entschiedenheit

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und Sicherheit in die neue Laufbahns hineinbegeben,
mit welcher sie sich auf der verlassenen bewegt hatte.
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Sehr frühzeitig in die Gesellschhft eingetreten,
lebhaft umworben, hatte sie, nach Fkaueiwveise,; die
glänzende und bevorzugte Stellung, zu, welcher sie sich
berechtigt gefühlt,. aus der Hand eineslgeliebten Man-
, nes zu empfangen erwartet. »Aber was ihr der Eine
dargeboten, hatte ihrem heißen Hetzen nicht genügt,
die Verhältnisse des Anderen hatten ihrem Ehrgeize
nicht entsprochen, bis ihr dann in des Prinzen Liebe
jenes Glück gewinkt hatte, das sie insihren kühnsten
Hoffnungen für sich ersehnt. Als diese Hoffnung sie
betrogen und der erste wilde Sturm - schmerzlicher
Leidenschaft sich in der Tage Lauf gesänftigt, da hatte
sie, wie Einer, dem eine-Feuersbrunst; sein Haus zer-
stört, ruhig zu überschauengetrachtet,- was ihr aus
dem Untergange zu retten gelungen; und was damit
noch zu beginnen sei. Liebesglück und-Leid waren in
wildem Andrange rasch wie ein: Flanimenstrom über
sie dahingerollt -und hatten in ihrem Herzen viel zer-
stört. Nur der Zorn über des Prinzen. Untreue war
unwermindert noch in ihr lebendig, wie sehr sie es
auch perstand, nach außen hin die Handlungsweise des
Treulosen erklärend zu'rechtfertigen, un die Beleidigung,
welche sie. erfahren hatte; weniger groß erscheinen zu
lassen.
Indeß eben an der Stärke und Gleichmäßigkeit
dieses Zornes konnte- sie es -für und für ermessen,
wie stark ihre Liebe und was der Prinz ihr gewesen
sei, und wie wenig sie ihn vergessen habe. All ihr

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Thun und Treiben bezog sich nach wie vor auf ihn.
Sie wollte sich fassen, damit er sie nicht untröstlich
über seinen Treubruch glaube. Sie wünschte sich eine
bevorzugte Stellung zu erwerben, um ihm zu beweisen,
daß es nicht der Glanz einer solchen gewesen sei, um
dessen willen sie ihn geliebt habe; und wenn sie, wie
sie es jetzt im Sinne hatte, ehelos verblieb, so konnte
sie keine Lebenslage' für sich finden, die ausgezeichneter
und ihrer Selbstständigkeit nach bedeutender gewesen
wäre, als die der Aebtissin des reichsten Fräuleinstiftes
imande, eine Stellung, welche einzunehmen selbst
Töchter des regierenden Hauses nicht unter ihrer Würde
erachtet hatten. -
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Die Aebtissin des Stiftes war betagt und kränkelte, I
gber sie war in jedem Betrachte eine ausgezeichnete

Frau und hatte von der ersten Stunde an, die geistige
Bedeutung Konradinens zu würdigen, den Umgang
mit ihr zu schäzen gewuußt. Ihre Thätigkeit, ihre
Klugheit und Neberredungsgabe zeigten sich der viel-
erfhrenen Aebtissin ebenfalls als brauchbar, und sie ?
hatte nach Art der Herrschenden, auch: diese Eigen-
schaften Konradinens für sich nüzlich zu mgchen und
praktisch zu entwickeln verstanden; so daß sie in ihren Z
vertrauten Mittheilungen an die Behöxden auf das
Fräulein von Wildenau als auf die geeigneteste Nach-
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folgerin für sich hingewiesen, und die Ermächtigung P
erlangt hatte, Konradgren während der Badereise, Z
welche die Aebtissin zu machen genöthigt war, mit ihrer

Stellvertretung zu betrauen. Das hatte den Bedürf-
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nissen Konradinens ganz und gar entsprochen. Es hatte Z


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sie beschäftigt, hatte sie zerstreut und von sich selber ab-
gezegen. Es hatte sie den Reiz der Herrschaft und der
Macht auch in beschränktem Maßstabe empfinden, und
sie inne werden lassen, pas es mit dem alten Aus-
spruche auf sich habe, daß es befriedigender sei, im
engeren Kreise der Erste, als -der, Zweite in einem
weiteren zu sein. Ihr Ehrgeiz hatte damit ein ganz
bestimmtes Ziel gewonnen, und sie hielt es vor sich
selber aufrecht, daß sie nach diesem Ziele -zu streben
habe, daß sie es erreichen könne und erreichen mwüsse.
Gegen alles Erwarten, war jedoch die Aebtissin
von ihrer Reise sehr gekräftigt, in das Stift zurück-
gekehrt und hatte die Fäden der Verwaltung wieder
in die eigenen Hände. genommen. conradine fand
sich dadurch, troz des - fortdauernden- Vertrauens
ihrer älteren Freundin zu, einer perhältnißmäßigen
Unthätigkeit verdammgt, aundJ: die-Fage des. sinken-
den Sommers erschienen ihr sehr,, lng und leer
und öde. Sie war nun üher zwwei-Jahre nicht
ags dem Stifte fortgekommen,. die sämmtlichen Damen
hatten es während dieses Zeitraumes zu verschiedenen-
malen auf längere oder kürzere Zeit verlassen. Kon-
radine ging also mit sich zu Rathe; ob es nicht an-
gemessen für sie sei, es durch eine, zeitweilige Entfernung
der Aebtissin recht fühlbar zu machen, welche Gesell-
schaft und welche Stüze sie in ihrer jüngeren Freun-
din besize; während es ebenso. zwweckmäßig erschien,
wenn Konradine sich wieder einmal mit denjenigen
ihr geneigten Personen in lebendigen Verkehr brachte,
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.

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ünd vön Entscheidung sein konnte. Sie hatte es auch
keineswegs nöthig,- sich aus- der Welt, in der sie' ge-
glänzt hatte und gefeiert worden war, zurückzuziehen.
hängigkeit einer verheiratheten Frau, es ermächtigte sie
zul einer Freiheit des'Handelns und Bewegens, welche
sie ohne dasselbe in! ihren Lebenskreisen nicht besessen
hatie, so lange sie sich uwvermählt unter dem Schutze
ihrer Mütter befunden.' -Dazu durfte sie'mit ziem-
licher»Gewißheit darauf rechnen, wweder ii Deutschland,
noch am Genfersee eben jetzt mit dem Prinzen zu-
sammenzutreffen, den der sehr bedenkliche Gesundheits-
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deren Einfluß für sie im betreffenden Falle wichtig
- Ihr Stiftskreuz verlieh ihr den Titel und die Unab-'
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zustand seiner jungen Gattin auf deren italienischer
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Besizung festhielt; und während Emanuel's Bitten sich. z
erneuerten, brachte endlich der Vorsaz der Gräfin,
ihrei Pruder ohneweiters aufzusuchen, um so die'
Aussöhnuung herbeizuführen, die sie in jedem Betrachte
wünschte; Konradine' zu dem Entschlusse, das Stift
füweie Weile wieder mit dem Leben in der Welt zu
vertauschen.
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