Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 10

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Behntes Eapites
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In noch weit größerer Unentschlofsenheit als die
mit allen Mitteln zu freier Entscheidung' ausgestattete
Stiftsdame hatte der arme Adjunktus - den Sommer
hingebracht. Sein Gemütht war jeit dem Ostermor-
gen, an welchem ihm so tmnerwartet- die Erkenntniß
gekommen' war, -daß gr -Hulda liehe; nicht' mehr zu
dem Frieden gelangt, in welchener -bis dahin sich
glücklich gefühlt und, eine ßngde Gottes zu. erkennen
geglaubt hatte. Das war nun Alles,. Alles mit einem-
male hin, und Alles anders..- -
Er hatte seit jenem. Tage seine ganze Amts-
führung, die ihm doch ein Heiligthum und eine Herzens-
sache war, nur noch wie eine, mechatiische: Aufgabe zu
erfüllen vermocht. Wenn er von, der Kanzel oder dem
Altar zu der Gemeinde sprach,;suchten -seine Augen
Hulda, hing sein Blick an ihr. Ei hielt es sich ver-
gebens vor, daß er nicht wwürdig sei, mit so getheiltem
Sinne das Wort' des Herrn -zu verkünden. Er sagte
sich, daß er nicht an dieser Stätte bleiben, an ihr nicht
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erfolgreich als Seelsorger wirken könne, wenn es ihm
nicht gelinge, Hulda's Neigung und ihre Hand zu ge-
winnen, und so die verlorene innere Einheit und den
Frieden seiner Seele wieder herzustellen. Aber wenn
er einmal am Abende im ernsten Sinnen und Ge-

bet, die Kraft errungen zu haben glaubte, deren er be-
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durfte, um sich von Hulda loszureißen, so machte am
Morgen sein erstes Zusamnientreffen mit ihr, alle seine
gute Worsätze zunichte.


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- Wenn sie ihm in ihrer ruhigen Freundlichkeit
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wie jedem Anderen: den ,guten Tag'' böt, wenn er
die Genauigkeit bemerkte, nit der sie auch auf seine
geringen Bedürfnisse Bedacht nahm, und vollends
wenn .er mit ihr für den hinsterbenden Väter Sorge
tragen,' ihn pflegen,. ihm das Schwinden des -Augen-
lichtes minder fühlbar machen und sich dafür Hlda's
warmer Dankbarkeit erfreuen- durfte, kam ihm sein
Fortgehen ganz unmmöglich, kam es ihm undenkbar vor.
daß keine Hoffnung für ihn vorhanden sein, daß eine
treue Hingebung Hulda's Freundschaft nicht perdienen,
seine-reine Liebe von der ihren nicht endlich erwidert
-werden, sollte. -
Er schalt sich ungeduldig, wenn er sich ent-
muthigt und hoffnungslos fühlte, er wollte um sie
dienen sieben Jahre und länger. Er sagte sich, daß
Gottes Fügung ihn ja eben auf diesen Plaz geführt.
und daß es also Gottes Zulassung sei, wenn er sich
hier erproben müsse. Er hielt es für seine Pflicht,
neben dem Greise auszuharren, dem man ihn zum
Beistande gegeben, und zu dem er jetzt in ein herz-
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liches Verhältniß getreten war. Dann wieder, wenn
der Gedanke des Fortgehens durch-einen' neuen An-
laß wieder in ihm lebendig. wurde,' überlegte er, wie
er dem Pfarrer für sein Scheiden doch' unmöglich die
wahren Gründe angeben könne; wie dasselbe dem
kranken Greise schwer fallen; wie das Zusammenleben
mit einem neuen. fremiden Gehilfen demselhen pein-
lich werden würde. Und wenn all diese Rücksichts-
nahmen ihm doch nicht ausreichend genug erschienen,
sein Bewußtsein zu beschwichtigen, wenn er sich es
eingestehen mußte, wie er sich nicht die volle Wahr-
heit sage, so hielt er denn' auch vor sich selber schließ-
lich' mit dem Bekemütnisse nicht zurück, daß er Hulda
nicht allein zu lassen'ermögen der schhoeren Stunde,
die immer nääher, an sie herciwückte, daß er bleiben
müsse um ihretwillen, damit? doch -Jemand- in ihrer
Nähe sei, der sie liebe, der sie würdige, wie sie es
verdiene,' der -sie beschüzen' könne gegen das neidische
Nebelwollen, von dem er sie, und nicht allein durch
Mamsell Ulrikens geflissentliche Andeutungen, umgeben
und verunglimpft wußte.
In solchen Augenblicken fühkke er sich glücklich,
fühlte er sich wie verwandelt, und -er war dies auch,
mehr als er's selher glaubte.'' Die Amtsführung hatte
sein Selbstgefühl gehoben, die Nothwendigkeit, Andere
auch in den Angelegenheiten zu berathen, in denen
ihre weltlichen Interessen betheiligt waren, hatte unter
des Amtmannes Anleitung seinen Blick zu rweitern
angefangen. Er durfte sich nicht mehr so wie früher
ausschließlich mit seinem Seelenheile befassen, er hat

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- seiner inneren Demüthigung wie seiner äußeren De-
muuthreine Grenze zu sezen, weil er in der Lage war,
h I-- Anerkennung und Verehrung für sich fordern zu
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? müssen;' und was sein Amt an :ihm begonnen hatte,
den Bann jener frömmnelnden Kirchlichkeit zu durch-
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,brechen, in welchem er nach der in gewissen Regionen
herrschenden Strömung von seinen Lehrern und Vor-
- bildern gehalten worden war, das war die Liebe nahe
daran, zu vollenden, die sein Mannesgefühl erweckte
und- es in die Schranken rief.
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- hingekommen, als eine geschäftliche Anfrage den Ad-

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junktus in das Amt zu gehen,nöthigte. Es war schon
, gegen den Abend hin, doch stand die Sonne noch höch
- amiHimmel, denn die Sommertage sind lang in jenen
- Gegenden, und es war noch immer drückend heiß.
- Nur:der feuchte Hauch, der vom Meere kam, erfrischte
??-

- die ;Euft, und das sanfte, gleichmäßige Anschlagen der
breitenl. Wellen wirkte, angenehm auf die Einbil-
- - dungskraft. -
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So war man bis in die Zeit der Roggen-Ernte
- Dem Adjunktus, der immer in den engen Straßen
- der alten Stadt gelebt und das Meer nicht gekannt
hatte, bis' er. in dieses Pfarrhaus gekommen, war der

Eindruck immer noch ein überwältigender. Er blieb



deshalb guch, als er das Haus verlassen wollte, unter
der Thüre stehen, auf das in goldigem Feuer fluthende
Meer hinausschauend, bis er, von dem funkelnden und

flimmernden Glanze geblendet, die Augen mit der
Hand bedecken mußte. Wie er dann emporblickte, sah
er Huldg auf der Bank unter dem Hollunderbusche
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sizen, von welcher sie durch das. niedrige Fenster das
Zimmer ihres Vaters überblicken konnte. - Der Pfarrer
ruhte schlummernd in dem alten Lehnstuhle, es regte
sich kein Blatt. Nur die Käfer hörte man summen
und die Bienen,. die von des. Küsters Stöcken in das
Pfarrgärtchen herüberflogen. - -
Um nicht mit einer lauten Anfrage die Ruhe des
Schlafenden zu stören, ging der Adjunkt zu Hulda in
den Garten. Er erkundigte sich, ob sie im Amte Et-
was zu bestellen habe. Sie verneinte das, bat ihn aber,
dem Amtmann ihre Grüße auszurichten, pobei sie be-
merkte, er werde einen gngenehmen Spaziergang und
besonders einen schönen Rückwegn haben. ?
,Es ist heute recht ein Fag, wie er im Liede be-
schrieben wird, sagte sie::
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soee g ss, fsgze =s,.
An der Welt wie wonniiig isi es,-
Trägt die Erd' ihr Aeeitlei! -
Grün ist Alles weitt und breit; -
Mit- Gezwitschee- und mit Jubel . - .
Schwingt sich in die Luft die Lerche;- -
dichte schwankt und Birrte wiegt sich.
uf der Wiese dufien'Kräuter, '
Arüchte prangen im Gezweig ?--
Nur die Zeit des Vogelsanges ist schon vorüber,
und troz der Wärme werden, die Sonnen-Untergänge
schon herbstlich. Sie sind dann abex gerade bei uns so
majestätisch. daß sie nirgends herrlicher zsein können.
Sie müssen nicht zu lgnge im Amte verweilen, wenn
Sieas Schauspiel recht genießen wollen!? -

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-? Troz' dieser Mahnung blieb er zögernd neben ihr
stehen? ,Er brauche nicht eben heute nach dem Schlosse
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zn -gehen; sagte er. - -

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; - yDann würden Sie sich um den Anblick des


Sonnen-Unterganges bringen,! bedeutete sie ihm, , denn
er sieht sich, wenn man von dem Schlosse hinunter-
kommt, weit schöner'an, als hier von unserm Hause!
z Wär- das guter Wille für, ihn oder' eine Weisung
sich, zu, entfernen? Ei wußte es nicht. Sie hätte seit
demu Dstertage jedes längerefAlleinsein mit ihm vor-
fichtig gemieden, aber- der schöne, heiße Sommertag,
der die Blumen auf den beiden Beeten und Hulda's
beide Rosenstöcke ihren ganzen Duft ausströmen machte,
schloß aüch ihm das Herz auf. Er sehnte sich danach mit
ihr zu sprechen und ein freundlich Wort von' ihr zu hö-
ren, und weil ihm nicht gleich einfiel, was er sagen
Tönne, wollte er wissen, von wem die Verse wären,
die sje gngeführt habe.
-- der Kiefernsamen, -den die Luft verstreut, irgendwo
Wurzel, geschlagen und sich erhalten, bis dann Andere
, gekommen sind und gemerkt haben, daß da ein hüb-
sches,Bäumchen stehe. Es ist eines'unserer Volkslieder,
wpie:wwir dexen viele haben!?
. . ,Der Herr Pfarrer hat mir, als er einmal von
der -hiesigen Volkspoesie mit mir gesprochen, angedeu-
tet, daß er für den Bruder der Frau Gräfin viele
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-Das Lied ist hier irgendwo irgendeinmnal an der, See
zusammen mit seiner Melodie entstanden'und hat wie
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-, -.Eex weiß das? entgegnete Hulda, , das müssen-
Sie die Sonne und die Luft und die Wellen fragen.


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dieser Lieder zusammengestelltiund übersetzt habe, und
daß Ihre verstorbene Frau Mutter und' auch Sie die
Lieder früher vies gesungen hgben!? - -? -
,Ja früher!? --
,Und Sie singen sie jezt nicht mehr? fragte er
mit einem Tone, der den Wunsch, sie zu hören, in
sich schloß.
,Sie sind meist traurig,! gab sie ihm zur Ant-
wort, ,aber mein Vater liebte sie früher sehr, und ich
liebte sie auch, denn wir hatten sie vdn der Mutter.
Jetzt verlangt. mein Vater nicht mehr kach ihnen, und
für mich ist das recht: gut.!
Er schwieg, denn er errieth; daß sich Erinnerun-
- gen an jene Lieder für sie'knüpfenmnßten,- die sie viel-
Teicht im Beisein Diitter: nichtgufzuwecken wünschte.
Hulda stand- aufundniahnte ihn an das Fortgehen.
Sie folgte ihm an die Pfotendes. Gitters, von der
man weit hinaus sah über das Meer, und wie sie es
in seiner Herrlichkeitibor Augen Ihatte, sagte sie, die
Luft mit Wonne einathmend: ,Der Abend ist wirklich
von einer seltenen Herrlichkeit.! Dabei flog ein Aus-
druck des Entzückens und der Freüde über ihr eben noch
so schwermüthigss Antliz, daß der junge Mann sie noch
niemals so schön gesehen zu haben glaubte, und weil
es ihn danach verlangte, sie noch länger ii dieser hei-
-teren Schönheit vor sich zu sehen, bat er: Gehen Sie
eine Strecke mit mnit, oderf, fügte er, sich besinnend,
rasch hinzu. ,gehen. Siespazieren undlassen Sie mich
Bei dem Herrn Pfarrer: bleiben; denn daß Sie sich

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--' freuen, daß Sie heiter sind, ist ja viel mehr werth, als

der-schönste Sonnen-Untergang.!
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- Seine Empfindung hatte ihn fortgerissen, Hulda
war davon gerührt. , Sie sind sehr gut!! sagte sie.
,sehr gut! Könnte ich Ihnen danken, wie sie- es ver-
dienen!?
- Aber wie sie ihn änsaß, wie sie die beglückte
Neberraschung wahrnahm, die aus seinen Augen leuch-
tete; bereute sie die'soeben gesprochenen Worte, und sich
nach dem. Haufe wendend, sagte sie, daß sie nach dem
Vater sehen müsse und daß es für ihn selber die böchste
- Zeit zum Gehen sei. Sie brachte jedoch die Hofnung, -
die in seinem Herzen aufgeflammt war,. damit nicht
zum Erlöschen. Er blieb: stehen und sah ihr zärtlich
nach. - Mit einemmale konnte er sich nicht länger halten.
Er folgte ihr mit raschen Schritten, und ihre Hand-
ergreifend, sagte er in einem Tone, in dem sein gan-
zes Wünschen hörbar war: ,Ach gewiß, Sie werden
die Fieder schon noch einmal singen!! und ihre Hand
-jchüchtern an: seine Lippen, drückend, eilte er von dan-
auen, ehe sie! ihm die Antwort geben konnte.= Was

hätte sie ihm auch sagen sollen? Wie hätte sie im
wehe thun sollen in diesem Augenblicke?- Sie dachte
gut von ihm, sie hatte ihn schätzen gelernt und er that
ihr leid.: Aber was konnte ihm das helfen und was
half es ihr?
' Er ging während dessen rüstig und gehobenen Sin-
nes seines Weges. Er konnte den Hut nicht auf dem
Haupte dulden, er mußte den Rock aufknöpfen, den er
anstandshalber sonst stets geschlossen zu tragen pflegte.


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Sein Herz war ihm so voll, so weit, er athmete so
viel mächtiger und freier, er war noch nie so glücklich
gewesen. Die Welt, in die sein Schöpfer ihn hinein-
gesetzt, war ihm nie herrlicher, und sein und ihrSchöpfer
ihm niegrößex, mächtiger, anbetungswerther erschienen,
als in dieser Stunde,. in der er- zum erstenmale vol
zu empfinden glaubte, wie viel Glück der Herr dem
Menschen zu genießen vergönne.- Er besann sich mit
Freude auf Mlles, wäs heute zwischen ihm und Hulda
sich ereignet hatte! Er erinnerte sich jedes Wortes, das
sie und er gesagt; er war entzückt von dem, was er
in seinen Gedanken ihr,Vertrauen und ihre Güte nannte.
und er war auch sehr zufrieden mit seiner eigenen ra-
schen Kühnheit, die er sich, nicht zugetrant hatte. Er
war im Schloßhofe und im Amte, ehe er es gedacht.
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