Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 11


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- Die Ernte war im vollem Gange, die schwerbe-
ladenen Wagen schwankten langsam zu dem einen Thore

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des weiten Hofes hinein, während man uoch dabei war,
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andere die abgeschirrt vor den Scheunen standen, ab- !
zuladen,' und leere Wagen rasch durch das entgegenge- -
setzte Hofthor schon wieder nach dem Felde fuhren. -
Denn der ganze Roggen sollte heute noch herein. Man-
wöllte die lange Helligkeit benützen, damit nicht etwa I-
- ei solcher Hize wohl' gewärtig sein mußte, de reiche
- Gottesgabe schädige. Deshalb brach man auch die
sonstige feste Tageseintheilung. Der Amtmann ließ ,
auf- seine Kosten um die gewohnte Feierstunde einen
Imbiß unter die Leute austheilen, und es sollte da-
nach fortgearbeitet werden, bis man mit dem Einbrin-
gen ganz und gar zu Stande wäre.
Wie der Amtmann den jungen Geistlichen so hei-
teren Schrittes und baarhäuptig über den Hof und
nach dex Rampe kommen sah, guf der er selber unter
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-' ein Gewitterregen, dessen man in dieser Jahreszeit und- ,

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s dem Schatten der Linden seine vorläufige Mahlzeit ein-
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nahm, rief er ihn freundlich an. -
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er ihm treuherzig die Hand schüttelte und ihn zum
Sizen nöthigte, ,wahrhaftig, Herr .Adjunktus! Sie
gehen hier auf wie Weizenteig. Die Luft hier, bei uns
an der See schlägt Ihnen an.- Sie sind gar nicht
mehr derselbe. Sie sehen aus, daß man Ihnen gleich
ein Pferd unter den Leib geben und einen rechtschaffe-
nen Landwirth aus Ihnen machen, könnte. So sind
Sie mein Mann! Und nun setzen Sie sich und- lassen
es sich mit, uns schmecken. Gestern haben wir auch Be-
such gehabt. Aber Sie- sehen!--- erb wies auf die
herankommenden Wagen hin. =--,im nächsten WJinter
verhungern wir noch nicht, wenn auch, noch ein gut
Theil Gäste kommen.!..
Der Adjunkt,ließ-Fich -nicht, nöthigen..nnd es gab
kein Lob und keine-Anerkennung in der, Welt, die ihm
inseiner gegenwärtigen Stimmungn hättenwillkommener
fein Fönnen, als das Zugeständniß, daß er ein Mann sei,
der sich neben Anderen sehen- lassen düxfe. - Auch die
Mamsell, die inzwischen' herausgekommen war, rühmte
sein gutes Aussehe, erwähnte ebenfalls des gestrigen
unerwarteten Besuches, aber da der Amtmann sich er-
kundigte, was den Adjunktus zu ihm geführt habe,
begann dieser von seinem Ansuchen zu berichten, und
die Mamsell konnte mit ihrer Erzählung nicht sofort
heraus. Wie man nun bei. Speise und Trank die
kleine Geschäftsangelegenheit rasch abgefertigt hatte -
denn gegenüber dem reichen Gottessegen, den man ein-
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,Wahrhaftig, Herr Adjunktus!! jagte er, indem
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-brachte, bewilligte der Amtmann ohne Zaudern die
kleinen Ausbesserungen an der Kirche und an dem
Pfarrhause, welche der Adjunkt im Auftrage des Pastors
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zu fordern gekommen war-=- so erkundigte sich der
- - Amtnänn- denn auch nach dem Pfarrer und nach Hulda.
Der Adjunkt gab ihm Bescheid. Er sagte, daß
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es sich mit dem Pfarrer offenbar zu Ende neige, daß

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nach seiner innersten Meinung und seines Herzens Be-
dürfniß ihr Lob weiter auszusprechen, stieg ihm das
Blüt in das Gesicht.' Ulrike wendete das Auge nicht
von ihm, das machte ihn verwirrt, und zu seinem Un-
glück wurde der Amtmann eben abgerufen. Das kam
Denn der Bruder hatte die Rampe noch nicht ver-
lassen, als Ulrike sich des Worts bemächtigte. Es freue
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feiner Pflege sei. Als er aber im besten Suge war,
Ulriken eben recht.
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die-Tochter von einer unermüdlichenBeharrlichkeit in
sie, sprach sie, daß es ihm hier Orts gefalle und daß
ihnr seine Stelle nicht' zu schlecht sei. Sie könne, ipn
auch persichern, daß die Gemeiide ihn gern zum Nach-
folger des Pastors haben möchte.. Bei der Ostertaufe
hätten die' Leute, hätten die Amrtsräthin und auch sie
selber, sich allerdings nicht recht aus seiner, Predigt ver-
nehmen können, aber die Einsegnung' und die Pfingst-
predigten, die wären- ihnen wieder -sehr zu Herzen
gegangen und, sie wären Alle überzeugt, wenn er ein-
mal völlig -freie Hand haben und sonst auch, wie es
ihm zukäme, freigestellt und Herr auf der Kanzel und
im Pfarrhause sein würde, so würde Alles noch viel
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- besser werden. Die Leute würden , dannn- auch weiter
Nichts zu reden und zu sagen haben.-
Der Adjunkt entgegnete, et schäze sich glücklich,
wenn es ihm gelinge, dem geistigen Bedürfen; der Ge-
meinde zu entsprechen, und weit :entfernt, mit seiner
gegenwärtigen kage unzufrieden zu: jein, wünsche er
sehnlich, Gott möge dem Pfarrer seine Lebenszen noch
länger fristen, als man es zu hoffen wage. -
,Ach!r rief Nlrike,, um den Pfarrer ist es ja auch
- nicht, gegen den Herren ßfarrer hat mtan, Nichts ein-
zuwenden. Ich sagte das auch -gestern dex Frau Ba-
ronin. Ihr Gehalt ist nur, zu gering für einen jungen
- Mann wie Sie, und überhauhtist unsere Pfarre keine
von den guten hierzulande., Ein. paar Meilen. weiter
hinein sehen die. Pfarrhäuser ganz anders aus, und
auch die Einkünfte: sind anders, und die :Pfarrerstöch-
ter rechtschafen, und. gut erzogen.?. ;
- Der Amtmann, der äinzwischen:; zurückgekommen
war, hatte nür die letzten Worte noch gehört. Aber
er ! nerkte an dem Gesichteides jungen Mannes, mebr
noch an der Schwester plözlichem Abbrechen,. daß sie
Etwas vorgehabt habe, was fortzusetzen ihr in einem
Beisein nicht gerathen schien.. Er' fragte, also, wovon
die Rede gewesen sei. Ulrike, sagte, sie hätten davon
gesprochen, daß die Pfarre piel zu schlecht bezahlt sei,
als daß ein junger Mann in jetzigen'Seiten daran den-
- ken könnte. sein Leben in derselben zuzubringen.
. ,Wobei ich mir aber zu bemerken erlauben muß,!
fiel der Adjunkt ihr in das Wort,,daß es die Mamsell
Schwester gewesen ist, die das behauptet hat, nicht ich.
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- ? Ulrike fuhr auf. - Es lag die offenbarste widersez-
.! liche Anklage in seinemr Tone. Das hatte er früher ne
gewagt. - Die Sache stand also schlimmer, als sie bis

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dahin geglaubt, war weiter gediehen, als sie bis dahin
gewußt hatte. Indessen der Bruder ließ ihr nicht die
Zeit, die Bosheit auszusprechen, die ihr auf den Eippen
schwebte, denn er sagte mit seiner ruhigen Wahrhaftig--
keit: ,Das ist. muir lieb, mein werther Herr Adjunkk!!
Ui- sof wie' die Frau- Gräfin die- !Stelle üm Ihres
Eiitretensswillen, meuerdings dotirt hat, und auch.
wenn unser armer -Pastor das Zeitliche gesegnet haben
wirds dotirt -lassen wird - ;
,Ja! rief Ulrike, ihrer selbst - nicht länger mächtig,
ihm -in die Rede fallend, ,wenn die Hulda in der
Pfarre bleibt. Aber der Herr Adjünkt' sieht uhr nicht
aus wie Einer, der sich, wie das früherdie Herrschaf-
ten so im Brauch hatten, versorgen lassen wird, weil:
maw ein Frauenzimmer abfinden oder aus dem Wege
haben will!?-
. - ,ReitetDich denn wieder einmal heut der Teufell?






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rief der Amtmann, indem er zornig mit der Hand auf:
den Tisch schlug, daß die Teller und die Gläser !
klirrten. ,Das einzige Frauenzimmer, das hier in ;
Wege ist--
. - Der Adjunkt ließ ihn nicht zin-seinem Zorne zu
Ende sprechen. Es war ihm heiß und kalt geworden P
- bei den Worten der Mamsell, aber der gehobene und
befreite Sinn, den er schon diesen ganzen Nachmittag in

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sich gefühlt hatte, gab ihm guch jezt die Kraft, seine
sonstige zaghafte Schüchternheit zu überwfnden, und mit
einer Sicherheit, die in seiner Liehe und, feinem Ver-
trauen zu der Reinheit des von ihm geliebten Mäd-
chens ihren Ursprung hatte, sagte er; ,Zürnen Sie der
Mamusell Schwester nicht, Herr Amtmann! Sie hat
ganz Recht. Ich würde gewiß dex Letzte sein, unter
Bedingungen, die sie voraussezt, einEmt zu ühernehmen
- auch das einträglichste und allerhöchste nicht; aber
wenn die Frau Gräfin mir in dem alle, der denn ein-
mal doch eintreten muß, die Pfarre anvertrguen wollte,
würde ich es als ein großes Glück füx mich erachten,
eine Frau zu finden, so gut und sg, von Herzen hrav wie
Mamsell Hulda.? -
Ulrike stand wie vom Hönner gerührt, jhre Lip-
pen waren' weiß gewgrden, und- zitterten, daß sie nicht
sprechen konnte,- Der Adjunkt shlug jm Schrecken über
seine ihm bis dahin fremde - männliche Entschlossenheit
die Augen nieder, sie waren ihm ganz feucht geworden.
Der Amtmann jedoch xeichte ihm die kräftige Hand
hinüber und rief mit voller Stimme: ,Bravo, Herr
Adjunkt! Schlagen Sie ein; es soll' ein Wort sein!
Denn es war eiw Wort, wie es sich für einen honet-
ten Menschen gegenüber solchem Altenweiber-Gewäsche
ziemt. Kommen Sie! Ich muß fort, und ein Stück
Weges gehen wir poch zusammen. Interdessen hat die
Alte Zeit, sich auszutohen und, wenn sie. will, auch
- -auszuweinen und Gott und dieMenschheit wieder ein-
mal zu verwünschen.!-
Fanny Lewald, Die Erlöserin. 1..-.
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Er stand damit auf, nahm die langschirmige Müze
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und den schweren Stock zur Hand und, sich auf den
Arm des jungen' Mannes stützend - wwas ein großes
Zeichen seiner Freundschaft war - machte er sich mit
ihm auf den Weg.
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- Dicht vor dem Hofthore trafen sie den Knecht, der
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zweimalin der Woche die Briefe und die Zeitungen
on' deö Post zu holen hatte. Der Amtmann blieb
, stehenündließ sich hie Posttasche vin Pferde herunter-
- reichenh zu der er' den' Schlüssel' an seineii Bunde trug.
Er schlöß sie auf, sah den Eingäng'nach, schickte die
Täsche in das Amt hinauf und behielt- nur einen der
Brlefe bei sich, dessen Aüfschrift die Hand' derjungen
Fürstin zeigte. Den nahm er mit sich und' brach ihn
gleich' im Gehen auf. - Aber' kaum hatte er die ersten
Zeilen gelesen, als er stehen blieb, um ihn mit einer
sichtlichen Bewegung zu Ende zu lesen.
-- -,Wie das manchmal' doch im Leben kommt,! sagte
er, als er das Schreiben durchgelesen hatte und in die
Tasche steckte, , man sollte manchmal sggen, die alten
Sptichworte hätten einen prophetischen Verstand. - Es
ist wirklich, äls könnte ein Unglück nicht allein kom-
men - Er schüttelte nachdenklich den Kopf.- ,So
geht Einer nach dem Andern hin. Sie hat uns na-
mentlich in jungen Jahren manchmal mit ihrem süß-
lichen'' Gequengel hier unsere liebe Noth gemacht, aber
eine anständige und rechtschaffene Person ist sie gewe-
- sen. Der Frau Gräfin wird es nahe gehen-?
Der Adjunktus mußte ihn unterbrechen, er wußte
nicht, von wem der Amtmann sprach.
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,Ja so,' rief dieser, ,ich dachte, ich hätte es Ih-
nen gesagt. Die englische.Miß; die alte: Kenney ist
auf dem Schlosse des Fürsten gestorben, und: die Frau
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Fürstin schreibt's mir selber mit der Anweisung, es in
der Pfarre mitzutheilen.- Sie ist -mir ein paar Tage
krank gewesen und hat ein sanftes Ende gehabt. Das

lernt man als ein Glück betrachtei, wenn man selber
- nicht mehrr weit dadön ist.-Sie war ein- hübsches
Frauenzimmer, alösie jung war, und zuerst hierherkam.
-' Deö Amtmain war offenbar -mehr ergriffen,i als
er es zu zeigen für angemessen fänd, denn, die Nätur
stand wieder einmal als die unerbittliche Gläubigerin
- vor ihm, die Keinem- seine Sahlung; an: sie schenkt.
wenn sie sie dem Einzelnen auchniitunterzlänger stun-
-' det. Der Adjunkt'benerkte; dießriodesfall?wwerde in
der. Pfarre,! namentlich :bei Hulha; wiel -Betrübniß
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erregen. ;
,Das glaube' ich Sohl,? versettte I?urzweg der
Amtmann, der ohnehin bet, trgurigen. Gedänken nicht
-zu verweilen lieht, ,aber dagegen -ist nun einmal
Nichts zu machenz undß wer weiß,' wozu es für sie
-- gut ist. - -
- Der Adjunkt'fragte, ob depAmtmänn' von Hulda
spreche und wie er das verstehe. - --
,Ich meine, gutfür das Mädchen undauch für
-Sie, niein Bester!' entgegnete er:Amtmaimm, xdenn
wie ich heute Sie. undlIhre Absichten, die' mir sehr
wohl gefallen, habei kennen lernen, -dürfen und müssen
- wir einander reinen Wein einschenken? Sie wissen es
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vermuthlich, daß mich der Pastor - gebeten hat, die
Vormnundschaft über das Mädchen zu übernehmen, wenn
er die Augen schließen wird.!
- Der Adjunkt verneinte däs.
? - ,Die Sache verstandisich im Grunde von selbst,!
fuhr der Anitmann fort, , sie haben ja sonst Niemand.
Von des Pastors Seite sind keine Blutsverwandte. da,
und wenn von der Mutter Seite etwa Jeniand leben
sollte; so sind das arme Leute auf den freiherrlichen
-Gütern, von denen weiter nicht die Rede sein kann.
Auf'die Engländerin aber wird sich' Hulda wohl ver-
lassen haben, denn nachdem sich der Handel' mit dem
Baron zerschlagen - dem ich nie vergeben werde, wie
er sich gegen das Mädchen gehen lassen, das. zu heirathen
er ernstlich wohl nie gedacht hat =- seitdem hat die Miß,
Gott habe sie selig, der armen Hulda allerhand Zeug -
in den Kopf gesetzt, daß sie nach England gehen solle,
-wie die Miß ihrerzeit nach Deutschland gegangen sei,
F däß die- Miß dort füri sie ein Unterkommen suchen
- wolle, und was derart.noch mehr gewesen. ist.? Er

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-schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:' ,Das hat 'dem
Mädchen doch im Sinne herumgespukt, und meine
-Schwester, die den Mund mun einmal nicht' halten
Tann, hat mit ihren Erzählungen von all dem Geklat-
sche, das leider über das arme' Kind zumeist durch
mneiner Schwester ewiges Gerede hier im Schwange
ist, das Nebrige gethan. Hulda hat es einmal unum-
wunden gegen mich geäußert, sie wisse, daß sie hier
nicht bleiben könne und sie wolle auch nicht hier blei-
ben, sondern wenn es einmal sein müsse, sehen, wie

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und wo sie sich anderweit in der Welt ihr Brod ver-
dienen könne.?
Der Adjunkt hatte ernsthaft zugehört, die Mt-
theilung dünkte ihm entmuthigend, denn Hulda hatte
nach derselben nicht an ihn gedacht. DerAmtmann errieth,
was in dem jungen Manne vorging, und schhug ihn
auf die Schulter. , Munter, munter,' Herr Adjunktus,
und unwerzagt! Was solch ein Mäbchenkopf auf sei-
nen Schultern denkt, das ist so ernsthaft nicht zu neh-
men, das ändert sich, wenn man ihn nach. einer andern
Seite hinlenkt, an welcher ihm etwas Besseres winkt.
Und jezt sind wir ja unserer Zweizum Hinlenken, und
zwei Männer!r fügte er hinzu.
Sie waren unterdessen an den Platz gekommen,
an welchem ihre Wege auseinandergingen, Zur Rech-
ten dehnte sich die weite Fläche: des- neuen Stoppel-
feldes aus, auf dem die Arbeit :nöch in' vollem Gange
war, zur Linken stieg die strahlende. Sonne langsam
in das blaue fluthende Meer hinab. Der Amtmann
blieb stehen.
,Bringen Sie es denen in, der Pfarre glimpflich
vor, daß die arme Kenney todt ist!? sagte er. , Der
Pastor hat sie auch lange gekannt, und wie man sich
auch auf die Ewigkeit getröst mag=- sehen Sie
sich einmal um - wenn es so schön ist:hienieden, da
ist das Fortmüssen doch eine ganz -verdammte Sache.
Aber darum Nichts für ungut! Wenn es dazu kommt,
wird's auch abzumachen sein wie ein ander Stück
Arbeit.

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Der Adjunkt, gegen dessen Anschauungen solche
Worte schwer verstießen und den sie sehr verletzten,
war heute nicht in der Verfassung, sich dagegen auf-
zulehnen. Er dachte nur daran, wie er Hulda die
Trauerbotschaft berbringen, wwie. sie: und. der Vater
dieselbe aufnehmen würden, und weil er sich heute vor
Ulriken ; ünd dem Amtmanne über seine Wünsche und
Absichten gusgesprochen undfür dieselben des Leztern
Zjstimmunge erhalten hätte, fühlte!er. sich nur, noch
mehtn an Hulda gebunden, ihr. glejchsamverlobt und
für sie zu soigen verpflichtet.- Seine innere Freudig-
keit, sein Vertrauen zu sich sogen darausneue Nahrung=-
und er war noch in dem Alter, in welchem die Todes-
fälle greiser Menschen ihn nicht eben tief berührten.
-- Als er sich mit herzlichem Dankesworte von dem
Amtmanne getrennt hatte, rief dieser ihn noch einmal -
zurück. ,Erzählen Sie doch in der Pfarre, daß gestern
die Frau von Wildenau bei uns gewesen ist und bei
uns gefrühstückt hat!r sagte er.--
Der Adjunktus fragte, wwer das sei?- Das werde
er zu Hause schon erfahren, entgegnete derAmtmann,
deö' nun Eile hatte. , Sie ging nach Rußland,! fügte
er indessen doch hinzu, , weil sie zum Oktober neue
Pächt-Kontrakte abzuschließen hat; und sie bestätigte,
was. ich schon auf dem Markten in der, Stadt gehört
hattef daß es mit dem ältesten Bruder der Frau Gräfin,
mit dem Majoratsherrn, wirklich: schlecht steht. Das
wär?denn Wasser auf Ulrikens Mühle:! -
Der Adjunktus wollte wissen, inwiefern?


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,Hat sie Ihnen denn nie von dem sogenannten
Falkenhorster Perggmente und won, dem-alten Aber-
glauben geredet, der sich dargy knüpft? -,
Der Adjunkt perneinte es. , ,Nun, da hat sie sich
vor Ihnen eben in Acht genommen, meinte der Amt-
mamn, , denn es ist sonst eines ygn jhren Stecken-
pferden, die Geschichte zu erzählen, daß die Falkenhorst's
von den Unterirdischen, von den kleinen Leuten verflucht
sind und gusstexben müssen, wonach denn die Güter
an unsere gräfliche Familie fallen pürden.!
Die ganz harmlose, Begerkung mnachte auf den
jungen Geistlichen einen traurigen, Eindruck. ,Daß
ich mit solchen ßlementen hieg, zu kämpfen, hätte, rief
er, , daran habe ich nie gedacht,
,Ja, versezte dex Pmgmzann, g das steckt hier so
dazwischen;doch noch, in dey FFpfez, und ih rathe
Ihnen, rühren Sie gicht an -den Mbexglauben, da
kommt, die Naxrheit am ehesteg in's Vergessen. Aber
mit dem Aussterben der Freiherren von Falkenhorst
. kgnn es Ernst, werden, wenn sich, der Baron nicht doch
znoch zu heirathen entschljeßt. Es gird ahexwohlnicht um-
,sonst sein, daß gunsexe Gräfin, ggße ggestern -die Frau
Baronin, uns erzählte,,in, hen -nächsten, Wochen mit
dem Fräulein Konradine zu Fgron ßmgnuuel in die -
SSchwejz geht Hie Beiden hatten sich hier im Schlosse
,ichon ge, und yer,weiß, gh; She, Herg Adjunkt, sich
, nicht bei ,der schönen Stifsdage dgfür zu bedanken
,haben, wenn die Hulda, wie jch gs wwünsche, einmal
Ihre Frau wixd.!.-

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- Er hatte den Kopf bei den Worten schon nach der
andern Seite hingewendet, um dem auf dem Erntefelde
befindlichen Wirthschafter einen Wink zu geben, und
während er mit seinem noch immer raschen stampfen-
beir Schritte in das Feld zurückkehrte, ging der junge
Geistliche wie ein verwandelter Mensch dem stillen
Pfarrdorfe zu:
- Mit dem ausgesprochenen Vorsaze, sich zu ver-
heikäthen, war den Adjunkt in einen neüen Abschnitt
seines Lebens eingetreten. Er hatte wohl' früher auch
daxgn' gedacht, aher' es hatte Alles noch in wweiter Ferne
zinrungeßissemn Lichte vor ihm gelegen, und deshalb
keinen esentlichen Einfluß auf seine Entüdicklung aus-
geübt. Das Entfernte kann das Begehren wecken, die
Richtung und das Bestreben bestimmen, den Ehrgeiz
spornen, eine wirkliche Umgestaltung bringt es nicht
herpor. Erst das festgestaltete, nahegerückte Ziel, erst
ein bestimmtes Vorhaben, das uns bestimmte Pflichten
idntit ihnen bestimmte Sorgen auferlegt: zwingt den
Tüngling das traunhafte Wünschen von sich' äbzuschüt-
lit, niit entschiedenem Schtitte, mit wachem Auge in
die Wirklichkeit einzutreten und den Plaz in derselben
zu besetzen und zu behaupten, in dem er Herr sein,
sein Haus errichten, seine Familie begründen soll Der
Vorsatz, sich zu verheirathen, ist für den ernsthaften
Jüngling der plözliche Nehergang iw- das Mannesalter,
der eigentliche Eintritt in das bürgerliche Leben, der
Anfang jener gefesteten Gesittung, die ihn mit der
Allgemeinheit, mit dem Staate, in eine für ihn selber

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nothwendige und dem Allgemeinen förderliche Verbin-
dung bringt.--
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Es waren völlig neue Gedanken und ganz ver-
änderte Empfindungen, mit denen der Adjunktus durch
den Abend hinging. Er war ernsthafter, sorgenyoller,
als er sich jemals gefühlt hatte, und trug doch eine
Freudigkeit und eine Zuversicht in sich, die ihn beglück-
ten. Während er sein Auge auf das Nächste gerichtet
hatte, blickte er darüber hinweg wweit in seine Zukunft
hinein. Er fühlte, daß er hier feste Wurzeln in der
Erdenwelt zu schlagen habe, daß er fortan inehr als
zuvor nach dem Diesseitigen zu trachteni habe, und sein
Herz ward dadurch nur fester in dem Glauben und Ver-
trauen auf die Güte und. Allioeisheit dessen, dessen Reich
auf Erden zu verbreiten, die Aufgabe seines Lebens war.
Mit einer Freude, die' eiier Anbeung -des Schöpfers
glich, genoß er die Herrlichkeit :des- Abends und des
Sonnenunterganges,- welche Hülda ihm vorausgesagt.
Er hätte sie so gerne bei sich gehabt, ihr schönes Ant-
liz gegn in der Verklärung dieses Lichtes leuchten sehen.
Der Weg von dem Schlosse nach der Pfarre, der ihm
sonst nie weit erschienen war, kam ihm heute gar zu
lang vor. Er sehnte sich nach Hause zu kommen, und
bangte doch davor, die Nachrichten die er mitzutheilen
hatte, den Seinen -- das Herz' schwoll ihm auf,
als er sie innerlich so nannte- dei Seinen zu über-
bringen: dem Mädchen, das sr liebte, seiner künftigen
Gattin, demi Geise, der?nun auch sein: Vater werden-
sollte. Er war an irdischem Besiz noch ganz so
arm als wie bisher, und kam sich doch mit einemmale
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reich. vor, wweil er die beiden theuren Menschen als sein
Eigenthum betrachtete, weil er beschlossen ,hatte, für sie
sorgend einzustehen.
Es lag noch heller warmer Sonnenschein über dem
hohen Dache der niedern Kirche, als er an das Dorf kam,
als er sich dem kleinen Hause näherte, das er heute
seine liebe Heimat nannte. Er ging hastiger darauf
zu, er- fragte sich, wie er es dort finden werde, und
das Herz klopfte ihm freudig, als er das geliebte Mäd-
chenn noch in dem Garten sitzen sah.
I Weil der Abend so ungewöhnlich schön war, hatte
man auf des Pfarrers WSunsch. den Lehnstuhl in das
Bärtchen hinausgetragen und so hingestellt, daß der
Greis den Untergang der Sonne, ohne pon dem Pur-
purglanz des Meeres geblendet zu werden, in dem
herrlichen farbenschimmernden Gewölk genießen konnte.
Aber da der Adjunkt ihn also vor sich sah, erschien
ihm das feine, schmale Gesicht des Greises noch blei-
- cher und durchsichtiger als sonst, und es bewegte ihn
kief,' als der Pastor mit freundlichem Tone sagte:
s,Nun Herr Adjunktus! heute haben sie es doch erfah-
en,n wienschön es bei uns sein kann? Da wir Staub-
geborene uns in unserem kindlichen Glauben gar so
wichtig vorkommen, meine ich bisweilen, unser Herr-
.gott gönne uns diesen wunderyollen Sommer und solch
-einifruchtreiches Jahr, damit ich noch einmal die rechte
Freude, dargn hgben; könne.! Er lächelte dgbei, siill
,üher ich selber, Der Adjunkt und Hulda wollten ihm
-beweisen, daß er wohl noch manchen Sommer zu Fe-
,grüßen habe, er aber wehrte ihnen mit der Hand, und
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fragte, sich von dem Gedankengange abwendend, was;
der Adjunktus bei dem Amtmann;ausgerichtet habe.




Der junge Mann gah die,Auskuyft, , wie, es sich
gebührte; der Pfarrer war damit wohl. zufreden. Er
lobte den Amtmann, rühmte die, Freigebigkeit, welche
die Herrschaften immer in solchen Fällen bewiesen hät-
ten, und meinte, es werde wghrscheinlich nur- auf sei-
nen Nachfolger, ankommen, obs. ein neues Pfgrrhaus
errichtet werde oder nicht. Der Herr;Graf habe schon
vor langen Jahren einmal daran gedacht, die Frau
Gräfin habe auch daygn gesprochen, und so ;werde denn
der junge Herr Graf, wohl ebenfalls dazu geneigt sein,
der Kirche und ex Pfarre diesen-ßortheilgyzuwenden.
Er füx sein Theil habe gicht dangch perlaggt,. m ei
das Haus zu lieb und als Erinnerungsstätte- auch gn
heilig gewesen.. ,Füx Sie', schloß,er, ,dex Sie, ja
wohl nach -mir hier,das Fmt, vergglten Fvexden, wird
das ein Anderes, sein,-Shßen wixgz ejhn besseres Pfarr-
haus wohl erwünscht, dünken,. znd Hulda hat sich ja
eine Zeichnung von diesem lieben alten Hause gemacht,
die sie einmal mit sich nehmen kann.?
- Dem Adjunkten fuhr es heiß duxch asle Glieder.
,Ich hoffe.- xief er, und hrgch dann plözlich ab.
Er wagte nicht -auszgspxehen, ggs-er,dgchte, was er
hoffte. Weil aber dey Pgtex. zgg, dieFochter ihn bei
feinem plözlichen Ferstummen gujt fczgendem Blicke
betrachteten, sagte -er: ,Ech hofe, ggy, Zaß, die Bot-
schaft, die ich koch außerdem zu , melden-hahe, nicht
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den Werth der guten Ngchricht vermindert, die ich bis-
her aus dem Amte mitgebracht hahe! -er Herr Amt-

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mann hat von der Frau Fürstin Durchlaucht einen Brief
erhalten, der eine Todesnachricht in sich schloß. Die
Erzieherin und Freundin der Frau Gräfin ist gestorben,
ist nach kurzer Krankheit sanft entschlafen.?
-' Hulda that einen leisen Ausruf des schmerzlichen
Erschreckens, der Vater blieb anscheinend unbewegt.
,Es ist Erntezeit, sprach er, ,und die Saat ist reif;
dg -jammelt der himmlische Schnitter in die Scheune,
was aufgehen soll als neues Leben und fortbestehen un-
wandelbar inEwigkeit.- Wohl ihr, sie hat über standen!
- - Er neigte das Haupt ein wenig, faltete die Hände
uid blieb so ein paar Augenblicke in sich vesunken
sitzen. Hulda war an ihn, herangetreten und hatte ih-
ren Arm um seinen Hals gelegt, als wolle sie ihn
hälten, so lange er ihr noch gelassen ward. -- Endlich
richtete er sich wieder auf, und that ein paar Fragen.
Der Adfunkt beantwortete sie nach seinem besten Wissen.
DieFrau Fürstin hat denTodesfall gemeldet, wie sie
sagen, bemerkte der Greis, , war denn die Frau Gräfin
bei dem Tode unserer alten Freündin nicht zugegen?
,Nein! Die Frau Gräfin ist mit der Stiftsdame
von Wildenau auf dem Wege zu ihrem Bruder nach
der Schweiz,! bedeutete der Adjunkt. -
Mit der Stiftsdame von Wildenau? wiederholte
Huldg, und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach ih-
rem Herzen, während sie ihr Haupt senkte, um ihr -
Erschrecken zu verbergen. Eine brennende Eifersucht,
ein- leidenschaftlicher Schmerz durchzuckte ihre Brust.
Es war kein Zweifel, Emanuel sollte ihr entrissen wer-
den, und er hatte sich ihr doch anverlobt, er hatte noch


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im Augenblick des Scheidens es ausgesprochen, daß
der Ring, der nie von ihrer Hand gekommen war,
ihr ein Pfand des Wiedersehens sein sollte. Hatte
Emanuel das vergessen? Hatte er Konradine gerufen?
Denn ohne daß er es gefordert hatte, konnte sie ja
nicht zu ihm gehen?- Er verlangte also nach der-
selben, er liebte Konradine -- und was war dann
Huldas Loos? Was hatte dann der Ring an ihrem
Finger ihr noch zu bedeuten?
Der Schmerz, die Eifersucht erstickten ihre Stimme.
Sie hätte gerne sprechen, gerne Etwas sagen mö-
gen, sie wußte nur nicht was. Sie sah es, daß der
Vater sie mit zärtlicher Sorge betrachtete, daß der
Adjunktus, welchem ihre tiefe Erschütterung nicht ent-
gehen konnte, verlegen vor ihr stand, aber es fiel ihr
gar Nichts ein, gar Nichts - und sagen mußte sie
doch Etwas.
,Es freut mich,! bxachte sie endlich mit leiser und
stockender Stimme heraus, ,es freut mich, daß die Frau
Gräfin nach so langer Trennung mit ihrem Bruder
zusammenkommen und vermuthlich längere Zeit bei ihm
verweilen wird.! Sie hatte im Sinne hinzuzufügen,
daß Emanuel sich auch an dem Wiedersehen mit Kon-
rrar aa
rasch: , Woher haben Sie diese Neuigkeit??
Der Adjunkt erzählte, öaß Frau von Wildenau
auf der Duxchreise nach Rußland bei dem Amtmanne
gefrühstückt und ihm von der Reise Konradinens Mit-
theilung gemacht habe.


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Hulda überlief es kalt. ,Es wird kühl Vater,
rief sie- aus, , wwollen wir nicht in das Haus
gehen?
Der Greis stüzte sich auf die Lehne seines Stuh-
les, und sich langsam erhebend, sprach er: ,Ja mein
Kind; -es will Abend werden. Und wenn die Tage
des Lebens dem Vergehen zuneigen, vermag man selbst
den schönsten Abend, den die Natur uns schenkt, nicht
bis zu jeinem Erlöschen zu genießen. Aber bleiben
Sie noch draußen, junger Freund! Erläben Sie sich
an den lezten Strahlen der Sonne, wie ich in jünge-
ren Jähren an solchen Abenden diesen Platz niemals
zu verlassen pflegte, bis der letzte goldene Streifen an -
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dem Firmamente von dem lichten Rande, der die See
für unser Auge begrenzt, nicht mehr zu unterschei-
den war.!
Hulda ergrif den Arm ihres Vaters und führte
ihn langsam in die dunkle Stube zu dem alten So- ?
pha, auf welchem er so oft an der Seite der Mutter
gesessen und ihr vorgelesen hatte. Wie in den Tagen
ihier Kindheit sezte sie sich auf den Schemel zu ihres
-Vaters Füßen nieder, seine Hand strich, wie damals
auch, sanft und leicht über ihr weiches Haar. Sie
schwiegen Beide, es war dunkel geworden und still in
dem Gemach.
Plözlich ergrif Hulda des Vaters Hand, küßte
Fie mit' Inbrunst, und eilte rasch hinaus. Dek Greis -
seufzte leise; seiner Tochter schwere heißen Thränen
waren' auf seine Hand gefallen.
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