Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 12

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Bwölftes Gapites.
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Konradine hatte das Stift sehr wohlgemuth ver-
lassen, um mit der Gräfin verabredeter Maßen auf
ihrem Wege nach der Schweiz zusammen zu treffen.
Die Frauen hatten einander seit mehr als drei
Jahren nicht gesehen, und dieseJahre hatten an ihnen
viel gewandelt, hatten sie durch ihre Eilebnisse ein-
ander näher gerückt, als der bloße Verlauf der Zeit
es. vermocht haben würde? Die schöne, in sich selbst
beruhende Stiftsdame von Wildenau-' war nicht mehr
jene in übermüthiger Heiterkeit strahlende Konradine,
die sich so gefällig zu den Sylvesterscherzen hergegeben,
welche ihre Mutter in Turin in Seene zu setzenn be-
liebt hatte; und von dem Leben der Gräfin wär durch
die Hand des Todes der stolze Freudenschimmer abge-
streift. Beide hatten, Jede auf ihre Weise, schwere
Leiden durchlebt, Beideneue Stellung im Leben nehmen
müssen, und wie bevorzugt die Gräfin- an Einfluß,
Rang und Reichthukn -sich neben der Stiftsdame auch
noch fühlen durfte, Eines hatte diese doch' vor' ihr
voraus, der Lebensweg vor ihr war länger. Ihrem

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Hoffen war ein weiteres Ziel gesteckt, es konnte ihr
-mehr Unerwartetes, mehr sie selbst Beglückendes begeg-
nen als der Gräfin, deren persönliches Hofen abge-
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schnitten war, soferne sie. es nicht. auf ihre Kinder
ncht daz gemoch, sics mit soüchm Hote fue es ?
oder auf das Bestehen und Gedeihen der Geschlechter
richtete, denen sie angehörte. Ihr Herz aber war
dere, mit Glück aus' zweiter Hand' wahrhaft befriedigen -
zu können, wenn schon es ihr ein Bedürfniß war, z
für die Ihrigen zu sorgen und das Ansehen ihres-
Hauseszu befestigen. Dafür aber fand sie in ihren -
Kindern uicht die Theilnahme, welche sie, ersehnte.
-- Der junge Graf, welcher der Gesandtschaft in
London beigegeben war, überließ ihr. vertrauensvoll I
die;Zügel des Regimentes. Er wußte dieVerwaltung--
des Vermögens in der Mutter Händen wohl, gehorgen ;
und war zufrieden, wenn er sich dem Genusse seiner
Sugend überlassen durfte. Er war leichtherzig, ohne -
eigentlich leichtsinnig zu sein. Ihm wie seiner Schwester I
hatte-das Glück, seit ihrem ersten Athemzuge?gelächelt;-
Besizesfreude, hatte als solche noch Leinen Reiz: für -
ihn.- Der hrgeiz war noch nicht in, ihm lebendig,
das Vergnügen verlockte ihn noch ganz ausschließlich,
und in gewissem Sinne war es mit der Fürstin ebenso. F
Ihr Liebes- und Eheglück, die Freude an ihrem -
Kinde -üllten ihr ganzes Wesen und Verlangen aus, -
und der Reichthum des fürstlichen Hauses, in das sie -
als Gattin des einzigen Erben eingetreten war, machte--
sie für das Erste noch gleichgiltig gegen eine Vermeh- ,
rung desselben, wie gegen das Bestehen der Geschlechter, ,

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deren Namen sie nicht mehr trug. Ihr fehlte der
stolze Sinn der Mutter, der eigentlich auf das Er-
halten des Bestehenden gerichtete Sinn. - Sie nannte
sich, mit dem Nebermuthe, den' erwachsene und selbst-
ständig gewordene Kinder, oft mit einer' wahrhaft kin-
dischen Genugthuung ihren Eltern gegenüber an den
Tag zu legen lieben, im Gegensaz! zu ihrer Mutter
gerne liberal. Sie hatte es. der Gräfin' wiederholt
versichert, daß sie die Verbindung ihres Oheims mit
der schönen Pfarrerstochter gern gesehen, und diese ro-
mantische Heirath als eine änmuthige Bereicherung
ihrer ohnehin sagenreichen, - mütterlichen Familien-
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geschichte, und keineswegs' als ein Unglück erachtet ha-
ben pürde.
Mit Konradinen war das dndeks Sie; war um
zehn Jahre älter als die junge Fürstin hatte unter
der sogenannten Führung ihrer Mutier -e von Früh
auf nöthig gehabtz für sich selber-zus denken und zu'
handeln, und auf die äußern,Verhältnisse selber Acht
zu haben. Sie hatte- daher deren Bedeutung zeitig er-
messen und würdigen gelernt.' Die Gräfin wußte,
daß die Stiftsdame die Vorzüge der Geburt um der
Vorree willen, welche sie verleihen,' sehr hoch an-
schlage, und dgß sie selbes sich eben deshalb auch in
Bezug auf Emanuel und Hulda ;it' Konradinen' von
Anfang an in vollständiger Nebereinstimmüng befunden
habe.
Man war daher auch nicht lange bei einander,
ohne von Emanuel zu sprechen. Die Gräfin fragte,
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- Fanny Lewald, Die Erlöferin. K. -

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ob Konradine dem Baron Nachricht davon gegeben
- habe, daß sie in dem Bade zusammentreffen, und ihre
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Reise von demselben gemeinsam fortsetzen würden.
- Konradine verneinte es.
-. ,Cber er weiß, daß Sie kommen? er erwartet I
uns? fragte die Gräfin weiter. -
g,Er weiß, daß ich komme, und er erwartet mich!?
- entgegnete. Konradine. ,Er weiß auch, daß ich einmal
an. Sie. geschrieben, eine Antwort von Ihnen erhalten,
, und daß Sie in derselben ein tiefes Bedauern über
Ihre Tremnung von ihm und die Sehnsucht nach
baldigster Verständigung mit ihm, ausgesprochen haben. .1
Ihn. mehr wissen zu lassen, habe ich nicht gewagt.!

, Und weshalb nicht? fragte die Gräfin mit
- einem Anflug'von Unzufriedenheit, denn Konradine hatte
dieser, Zurückhaltung in ihren Briefen nie erwähnt.
- zEr hätte nicht mehr an die Unabhängigkeit meines
Urtheiles glauben. können, hätte er mich unter Ihrem
Einflusse wwermuthet!?, erwiderte Konradine mit einer .
sosverhindlichen Bescheidenheit, daß die Gräfin nichts-
dggegen einzuwenden vermochte. ,Ich. wollte: sogar,? -
fügte die Stiftsdame hinzu, ,wenn es Ihnen so ge-
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nehm ist, demr Baron erst wenn wir von; hier aufge-
brochen sein werden, die Mittheilung machen, daß wir
auf der Reise zufällig zusammengetroffen wären, daß
ih. Thren Punsch, ihn wiederzusehen, lebhafter als
- je gefunden hätte, und daß ich es um der Freundschaft
, willen, die ihn und mich verbindet, von ihm fordere,
mir das Glück zu gönnen, in diesem Werk der Liebe
und des Friedens die Vermittlerin zu machen.

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Diesem Briefe folgen wir dann auf dem Fuße, und
wenn auf diese Weise unserem Freunde nicht die Zeit
! - gelassen wird, sich grübelnd die Relhe der von ihm
durchlebten peinlichen und schmerzlichen Empfindungen
zu wiederholen, wird das Wiedersehen, -wird Ihre
Gegenwart ihn klar erkennen lassen, was er diese
Jahre hindurch entbehrt hat, und daß er dafür auch
, in der verläßlichsten Freundschaft den vollen Ersaz un-
möglich finden könne.!
Die Gräfin hatte ihr schweigend zugehört und
zögerte zu antworten. Konradine hgtte, in der Auf-
! s fassung der Verhältnisse wie in der Anlage des
-; Planes mit voller Kenntniß des Barons. gehandelt.
Sie hgtte das Mißtrauen, welches Emanuel gegen die
ältere Schwester und gegen deren Neigung, ihren
Willen durchzusezen, stets gehegt hatte, richtig in Be-
tracht gezogen, und es ehenso richtig. erwogen, daß man
- seinem Hange zu trüber Grübelei -nicht Spielraum
- lassen dürfe. Diese Klugheit Konradinens gefiel der -
Gräfin wohl. Sie fand sich in derselben bis zu einem
gewissen Grade wieder, aber eben dieses wollte ihr nicht
! - in gleichem Grade gefallen.
G machte sie stuzig, daß die Stiftsdame die
-- Leitung der Verhältnisse auf solche Weise -selbst-
stäändig in die Hand genommenhatte. - Daß Kon-
rgdine sie daneben- jetzt so u vorsichtig zu schonen
trachtete, daß sie sich, während sie nach dem eigenen
Ermessen gehandelt hatte, jetzt den Anschein gab, sich
,- der Gräfin in jedem Betrachte unterzuordnen, das
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vexrieth eine Menschenkenntniß und Selbstbeherrschung,
deien eben in der Freundin ihres Bruders zu begeg-
nen der Gräfin nicht recht erwünscht war. Sie hatte
nach ihrer früheren Vorstellung von Konradine, wie
nach der Freimüthigkeit, mit welcher dieselbe sich in
ihren Briefen tundgegeben, in ihr eine leicht bestimm-
bare Gefährtin zu finden erwartet; jetzt sah sie plözlich
ein, daß sie' es hier mit einer selbstständigen, ihr eben-
bürtigen Kraft zu thun habe, und ihr Entschluß wwar
schnell gefaßt.
- , Ich erfahre hier wieder einmal,! sagte sie, , daß
das Auge des Fremden, weil sein Herz nicht so lebhaft
dabei betheiligt ist, richtiger sieht, und daß es also besser
entscheidet, als das der nächsten Angehörigen; und ich
danke Ihnen, daß Sie mir den Weg zu meinem Bruder
so behutsam vorbereitet haben. Emanuel hat sich nun
lange genug in seine Einsamkeit vergraben, dem Be-
dauern lange genug darüber nachgehängt, daß sich
liebliche Träume nicht festhalten und in Wirklichkeit
verwandeln lassen. Aber darf man, oder möchte man
ihn anders wollen, wenn man sich, wie Sie und ich,
seiner so wweichen und so anschmiegsnden Neigung zu
erfreuen hat?
Konradine meinte, die Gräfin thüe sich und ihrem
Bruder Unrecht, wwenn sie die Freundschaft, welche
der Baron ihr gönne, mit der tiefen Zusammengehörig-
keit vergleiche, die ihn an die Schwester binde.
Die Gräfin zuckte die Schultern. ,Eine Schwester,
die dem Matronenalter entgegengeht, und eine Freundin,
jung und schön wie Sie!r sagte sie lächelnd. , Fra-

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gen Sie sich selber, liebe Konradine, wwie zwischen diesen
Beiden die Entscheidung fallen wird- besonders, da
Sie Nichts von ihm verlangen!
,Ich von ihm? -- Nein, gewiß Nichte!r rief
Konradine betheuernd und mit fester Neberzeugung aus.
,Ich hingegen, fügte die Gräfin hinzu, , mnß
bestiminte Forderungen an ihn stellen.- Ich will und
muß ihn an seine Pflichten gegen die Familie mahnen,
und werde ihm den -falschen Glauben selbst durch
Thatsachen nicht leicht benehmen können, daß ihn
Niemand je geliebt hat, außer' jener Pfarrerstochter, und
daß wir ihn durch unseren Einfluß auf- den Vater
und das Mädchen, um sein sogenanntes Glück betrogen
haben.' Ich werde Ihrer freundlichen Vetmittelung
neben ihm, mehr als sie glauben,' nöthig haben, denn
das Gedächtniß seines Herzens hält Neigungen und
Abneigung in gleichem Maße fest. Sie sehen also,
wie sehr Sie gegen mich im Vortheile sind.
Konradine fand es nicht für angemessen, dabei
zu verweilen. ,Ich habe,! sagte sie, , mich bisweilen
selbst befragt, ob die Erinnerung an Huldä wirklich
noch fehr lebhaft in ihm ist? Ob er nach des Pfarrers
Tode, doch noch daran denken könnte, sie zu seiner Frau
zu machen? Denn das allein hätte man im'Grunde zu
befürchten.?
,Ich habe dieselbe Frage auch erwogen,!. meinte
die Gräfin, ,aber über diese Besorgniß hebt mich ein
Brief hinweg, den ich gestern von unserer alten Haus-
hälterin empfangen habe. Sie wird Ihnen in ihrer
grilligen Wunderlichkeit wohl auch noch erinnerlich sein.

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Ich hatte unseren Amtmann nach dem lezten Willen
meiner guten Kenney angewiesen, das kleine Vermögen,
das sie bei uns erworben, und das der Amtmann ihr
verwaltet hat, ihrem in Schottland lebenden Neffen
und Erben zu übermachen, und Hulda ein Legat von
einigen hundert Thalern, das die Gute dem Mädchen
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zuzuwenden gewünscht, sofort auszuzahlen. Vorige
Woche nun meldete mir der Amtmann, daß er diese
Aufträge vollzogen habe, und er erwähnt daneben, wie
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das kleine Kapital vielleicht in nicht zu ferner Zeit für
Hulda -doppelt nüzlich werden könne. Er berichtet
dannn noch über, den Zustand des Pfarrers, rühmt denI;
Stellvertreter, welchen ich ihm halte, und fragt endlich bei -
, mir an,, ob ich geneigt sein würde, den jungen Mann, der Z
das Vertrauen- der Gemeinde gessonnen habe, nach des-
Pfarrers Tode in dem Amte zu bestätigen, und die
Gehaltsaufbesserung, welche ich dem Pfarrer zugestanden,
guch seinem Nachfolger zu gewähren, wenn dieser sich
zu verheirathen wünschen sollte.!
- Und Sie vermuthen, daß es Hulda ist, auf welche
der Kandidat sein Augenmerk gerichtet hat?
, Es war mir wahrscheinlich nach des Amtmanns
Mittheilungen. Gestern aber schrieb seine Schwester
gn mich wegen einiger Effecten, die meine gute alte
Kenney in dem Schlosse zurück gelassen hat, und die bös-
- willige,Geschwäzigkeit der alten Mamsell, der ich- sonst
nicht eben Glauben schenke, setzt jene angedeutete That-
sache außer allen Zweifel. Im Grunde verstand sich -
diese Sache sehr von selbst. Eine unglückliche Liebe -z
für einen Edelmann und eine schließliche Heirath mit z
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des Vaters Adjunktus, das ist so der gewöhnliche
Hergang in einem Pfarrershause auf. dem Lande -
und es ist vielleicht ebensoviel, vielleicht mehr Poesie
und Glück in solchem engbegrenzten Dasein, als in
unserm vielbewegten Leben.!.
Sie hatte die lezte Bemerkung leicht hingesprochen,
Konradine nahm sie ebenso achtlos auf. Es war eine
der herkömmlichen Betrachtungen, mit welchen die
Reichen und Bevorzugten sich über das Schicksal ihrer
weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen abzufinden
wissen. Konradine beschäftigte nur die Nachricht, die
sie eben erhalten hatte. .
,Das ist ein günstiges Ereigniß,! meinte sie.
,Es wird die feinfühlige Gewissenhaftigkeit des Barons
beruhigen.!
,Würde ich der Sache sonst erwähien? parf die
Gräfin ein. ,Vor allen Dingen wird es ihn er-
nüchtern, und das ist um so'nöthiger, als nach meiner
festen Neberzeugung die Phantasie meines Bruders
in jener Angelegenheit mehr als sein Herz bethei-
ligt war.?
äPch habe das Mädchen nur einmal und nuur
flüchtig auf dem Krankenlager gesehen, aber seine
Schönheit war wirklich ungewöhnlich!k'sagteKonradine.
, Es warz wie ich glaube, nicht' einmal des Mäd-
chens Schönheit, die Emanuel'' sg beinnahm, obschon
sie ihn gleich Anfängs überraschte,! entgegnete die
Gräfin. ,Aber Hulda ist. recht eigentlich, was Göthe
mit dem Worte , eine Natur! bezeichnet hat; und wie
eine. Naturkraft hat sie- ich habe sie beobachtet,-







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wveil ich sie in unseren Dienst. zu ziehen dachte -
etwas Ergreifendes, etwas Fortreißendes. Zum Dienen
war sie also nicht gemacht. Es ist in ihr nichts Neber-
legtes. Alles kommi unwillkürlich, man möchte sagen
stoßweise und gewaltsam zur Erscheinung, und das
reizt und fesselt. Ich hatte Mühe, es zu hindern, daß
meine Tochter sie in ihren Haushglt aufnahm. Sie
ünd der Fürst wwwaren ebenso wie; mein Eruder von
Hulda eigenommen, und selbst die auch Ihnen wohl-
ekannte Gabriele; die jie im verwichenen Winter in
ünserem Hause in der Stadt gesehen hat, fühlte sich ,
von ihr angezogen. Sie hat sogar mit ihr einmal
gelesen, wie die Kenney schrieb. Zu' derlei hatte Hulda
unverkennbares Geschick.' Wir hatten damals, als das
Abenteuer mit Emanuelsich in dem Schlosse entspann,
merkwürdig genug, auch ein wirkliches dramatisches
Talent in unseren Diensten. Es war des Fürsten
Kammerdiener, der zur Bühne gegangen ist, weil der
Fürst sich genöthigti fand, ihn zu entlassen. Man sagt,
er!solle auf dem Wege sein;: ein bedeutender Charakter-
spieler zu werden. Bei uns in dem Schlosse hat er seine
Rolle freilich schlecht genng gespielt.' Aber es- ist nicht
Jeder; ein guter Diener, der dafür erzogen worden
ist; man!muß dazu gebören sein.!
- ?WDie Unterhaltung war damit' von ihrem eigent-
lichen Ursprung abgekommen und gerieth einen Augen-
blick ins Stocken; bis Konradine die Bemerkung machte,
empfindlich werde die Nachricht dem Baron zuerst
doch sein.

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,Da er ein Mann ist, ganz gewiß!! entgegnete
K die Gräfin. Aber man tröstet sich über den Verlust
? einer Geliebten, die sich mit einem Geringeren zu
befriedigen vermag. Ein unbedeutender Nebenbuhler
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,Wollen Sie wirklich das schmerzliche Mißtrauen,
! welches Baron Emanuel leider gegen sich selber hegt,
f als die gewöhnliche männliche Eitzlkeit bezeichnen?
fragte Konradine im Tone sanften Vorwurfes.
Die Gräfin sah sie forschend än.- Sie hatte die
Bemerkung gegen die. Eitelksit: der Männer pls eines
jener Stichworte hingeworfen, miit !deüen die Frauen
aller Stände, wenn auch auf den verschiedensten Wegen
und in den verschiedensten Formeh eiOVerständniß
anzuknüpfen, ein engerespersönlichesektrauen ein-
zuleiten lieben. Sie hatte' dabei erwartet, daß ihre
jüngere Gefährtin: sich durch dieses Vertrauen, wwelches
sich nicht scheute, die Schwäche des nächstei Angehö-
rigen einzggestehen, geschmeichelt finden, ünd daß sie
sich, nach den Erfahrungen, welche der Prinz sie hatte
, machen,lassen, veranlaßt fühlen würde, die Ansicht der
Gräfin zu bestätigen,' und bei der Gelegeiheit auch von
Fich selbst zu sprechen. Indeß nicht das Eine,, nicht
-das Andere traf zu, und die Gräfin mußte sich ein-
- gestehen, daß'-sie Konrädine: nach einemAnderen als
dem gewöhnlichen Maßstabe zu schätzen habe. - Troz-
dem war sie sich über dieBeweggründe, aus- welchen
Jene handelte, nicht recht klar. War es Vorsicht gegen
sie? oder war die Freundschaft der jungen Stiftsdame

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für den Baron wirklich so lebhaft, daß ihr der leichte
Tadel nicht gefiel, welchen die Schwester geflissentlich
gegen ihn ausgesprochen hatte? Unmöglich war das
nicht.
-- Emanuel hatte den Frauen stets gefallen, er
hatte stets ihr Vertrauen und ihre warme Theilnahme
gewonnen, -weil er nie Etwas für sich zu fordern ge-
Fchienen hatte. Es war daher leicht denkbar, daß
Emanuel seiner schönen Freundin werther war, als sie
es selber wußte, daß: er einen Theil der: Lücke aus-
-füllte, welche die Trennung von dem Fürsten in Kon-
radinens Herzen offen gelassen hatte. Sie waren
Beide geistreich, hatten Beide eben erst ein Liebesleid
erfahren, als sie einander nahe getreten waren, . und
-ein. Briefwechsel ist immer verführerisch. Schön war
Konradine! -Sie dünkte der Gräfin sogar schöner, als
Fn jenen Tagen. da sie dieselbe zuletzt gesehen hatte.
Ihr Ausdruck war ernster, ihre Haltung ruhiger, ihre
ganze Erscheinung dadurch edler' und bedeutender ge- -
worden. Das Geschlecht, dem sie entstammte, war
eines der ältesten deutschen Geschlechter, ihr persön-
liches Vermögen war bedeutend, von dem ihrer Mutter
abgesehen. Sie war am Hofe wohlgelitten, die Mutter
war nachgerade auch über die Zeit hinaus, in welcher
man irgend eine verdrießliche Thorheit von ihr zu
befürchten hatte, und klug war Konradine, ungewöhn-
lich klug. Das aber war nach der Gräfin Meinung
und Erfahrung eine der unerläßlichsten Eigenschaften
für eine Frau, die, hochgestellt, sich auf einem beach-
-teten Platze zu bewegen, zu bshaupten hatte. Eine

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Schwiegertochter von Konradinens Selbstgefühl wünschte
sich die Gräfin nicht,r eine solche Schwägerin konnte
jedoch unter Verhältnissen dem Interesse der Familie
wesentlich von Nuzen? sein.. In'Fedem-Falle aber
mußte und durfte man sie für das Erste? ihrem eige-
nen Ermessen überlassen, denn daß ihr an der Gräfin
Theilnahme gelegen war, das sah und fühlte diese
deutlich.
Konradine hatte den prüfenden Blick der Gräfin
ruhig auf sich weilen lassen, nun, reichte diese ihr die
Hand. ,Verzeihen Sie mir, Beste!b sagte sie, , daß
ich Sie auch nur einen Augenblick läng nicht schäzte,
wie ich mußte, daß ich Sie zu, jenen Naturen zu zäh-
len Sermochte, die das Leiden herbömacht: Sie hat es
erhoben, und darin besteht ja- der pahre Adelsbrief
des Menschen, darin vor Cllmu verräth sich die Groß-
artigkeit eines Frauenherzens.- Lassen Sie sich mit
dem Bekenntnisse genügek, daß' ich gelernt habe, Sie
hoch zu halten, und daß es mir viel werth ist, Sie
zu kennen, wie ich es jetzt thue.!
, ,SSie machen mich stolz, Frau Gräfin, und be-
sorgt zugleich. Ich würde untröstlich sein, Ihre gute
Meinkng einzubüßen. Das bürgt Ihnen dafür, wie
sehr ich danach trachten werde, sie mir zu erhalten,!
erwiderte ihr Konradine.
Die Frauen drückten einander die Hände, sie
waren Beide mit sich und miteinander wohl zufrieden,
man sprach voit anderen Dingen. Erst puehrere Stun-
den später fragte die Gräfin, ob Konradine dem Baron
vielleicht den Tag ihrer bevorstehenden Ankunft schon

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gemeldet habe. Sie entgegnete, sie habe dies nicht
gewagt, um -der Gräfin die Entscheidung freizulassen.
,Würden Sie Etwas dagegen haben, ihm heute
moch zu schreiben? Wären Sie bereit, dem Briefe
dann, wieiSie- es vorgeschlagen haben, bald zu folgen,
und- morgen oder übermorgen mit mir in kurzen Tage-
reisen. von; hier fortzugehen?!
- Konradine stellte sich ihr völlig zur Verfügung.
- ,EErfreuendes erlangen kann man ja nicht schnell ge-
nug!: sagte sie, ,und es würde mich so glücklich-
. machen, Sie und' den Baron einander wieder gegeben -
zu sehen. Ich schreibe unserem Freunde noch in dieser I
Stunde, und will ihn dabei wissen lassen, was ich
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eben heute durch Sie erfahren habe.!
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