Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 13

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Dreizehntes Gapites
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Es ließ Hulda keine Rühe, nicht Tag, uicht Nacht.
Die glühende Eifersucht, die schnell und gewaltig wie
ihre Liebe in ihr' aufgelodert war; als- sie Konradine
mit dem ersten flüchtigen Blicke ggesehen, und die' ge-
schlummert hatte, so lange jie dieselbein ,dem Stifte
vermathet, war bei der Nacfrichtz. daß Konradine ihr
Stift verlassen habe, ün rit Emanuel. zusammenzu-
treffen, neu entbrannt. - - -
Wo sie ging und stand, sah, sie Konradine vor
fich, wie sie an jenem Wintertage strahlend- in frischer
Schönheit an ihr Krankenbett herangetreten war. Da-
mals,hatte ihr Unglück angefangen, an dem Tage war
Emanuel zum erstenmale mit ihr unzufrieden gewesen,
an dem Tage war der Gedänke in - ihr äufgestiegen,
daß er eine Andere, daß er Konradine einmal' mehr
lieben könnte als sie, denn ohne diesen Gedanken
würde sie nicht darein gewilligt haben, auf Emanuel
zu verzichten, und ihn scheiden zu lassen, wie sie es
gethan hatte.

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Hundert- und aber hundertmale hatte sie im
Laufe der Jahre sich jenen Abschied und die Stunden
und Tage, welche ihm vorangegangen waren, und jene-
ungezählten anderen, die ihm gefolgt waren, in das
Gedächtniß zurückgerufen. Sein Verhalten und das
ihre hatte sie immer auf das Neue erwogen und ab-
gewogen, und je weiter sie sich von dem Zeitpunkte
entfernte, um so fester war in ihr die Neberzeugung
geworden, daß nicht- Emanuel die Schuld an ihrer
Trennung trage, sondern daß sie und sie allein die-
selbe herbeigeführt habe, daß sie allein die Schul-
dige sei.
-. Er' hatte sie mit so dringendem Liebesworte daran -
gemahnt,. die Seine zu bleiben, er hatte den RingF
nicht angenommen, mit dem er sich ihr awverlobt, und
den sie ihm hatte wieder geben wollen - er trug die
Schuld an ihrem Unglück nicht. Es war ihr stets ein -
Trost gewesen, sich sagen zu können: es haftet keine -
Schuld an ihm! Und wenn ihr dann das Herz doch -
allzu schwer geworden :wwar bei der. Vorstellung, daß
sie allein, also, die - Schuldige sei, daß sie das Glüc?
gestört habe, welches er ihr und sich zu, bereiten ge-
hofft hatte, daß sie ihn nicht erlöst habe aus der Ver-
einsamung, zu der er sich verdammt geglaubt, so hatte
sie sich an der Vorstellung aufgerichtet, daß sie, ohne
ihre Pflicht gegen den Vater zu verletzen, nicht anders
habe handeln dürfen. Mit dem Troste der Glääubigen,
Gott, habe es anders nicht gewollt, Gott habe,ihr dies
Opfer auferlegt, hatte sie sich beschwichtigt, so gut es-
gehen wollte.


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Jezt aber, da Konradine plözlich wieder zwischen
sie und den Geliebten trat, stürzte vor ihrer flam-
menden Eifersucht der ganze Bau ihrer religiösen Er-
gebung und Entsagung rasch zusammen, und wie vom
Sturme getrieben, zogen Entschlüsse und Vorsäze wild
durch ihren Sinn. Bald wollte'sie ihm schreiben und
ihm sagen, daß sie nie aufgehört habe, ihn zu lieben,
auf ihn zu hoffen, an ihn zu glauben - denn der
Ring an ihrem Finger hielt noch fest, und der Türkis
hatte sein sanftes Blau noch nicht geändert, wie er es,
der Sage nach, doch thun sollte, wenn des Gebers Treue
wankt. Und er hatte ihr ja den Ring als Pfand ge-
lassen. Aber wenn sie nun schrieb? ihm, der in all.
den Jahren ihr kein Lebenszeichen mehr gegeben --
und einen Gruß, kin Wort hätte er doch zu ihr ge-:
langen lassen können, wenn -er ihreri noch gedachte,
wenn er sie noch liebte -? penn sie ihmIschrieb? und
ihr Brjef erschreckte ihn, statt ihn zu erfreuen? Wie
dann?- Was konnte und -sollte sie ihm auch sagen?
-- Sollte sie ihm von ihrer Liebe: sprechen vielleicht
in dem Augenblicke, da er sich mit Konradine zu ver-
binden dachte?-- Sollte sie ihn ;bitten, auf sie zu
warten, bg -= -
Sie fuhr sich. angstvoll mit den Händen nach
dem Kopfe. Nein! Sie hatte ihm Nichts mehr zu
sagen, es war zu spät, es war' Alles vorbei, lang vor-
bei. Es war ihr geschehen, wie der Dichter es gesagt,
wie Gabriele es an jenem unvergeßlichen. Mcorgen
ausgesprochen hatte:

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-- - Was du von der Minute aüsgeschlagen,
, Bringt kine Ewigkeit zurück.
Es war nicht anders- sie mußte vergessen.
Alles vergessen, ihn vergessen. Aber konnte sie das?
- Sie trug ja seinen Ring am Finger. Sie wachte -
in der. Nacht auf und fühlte, ob er noch an seiner -
Stelle. sei. Sie zündete das Licht an, um zu sehen,
obFein Blau noch freundlich schimmere. Sie war in. -
einer: fortwährenden Unruhe, sie war gepeinigt, wie. ,
seit lange nicht. Es ging ihr wie dem deutschen Kaiser
-mit .dem -Ringe der Geliebten, mit Fastradens Ring.
Sie konnte, nicht von :Emanuel lassen, sie konnte ihn
-
nicht: vergessen, so lange sie den Ring an ihrem Finger:
trug.-= Und was sollte aus ihr, werden, wenn Sie
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Emanuel' nicht vergessen konnte, auch jetzt immer noch
-
ihn nicht vergessen konnte?
Es litt sie nicht in ihrer Kammer, es litt sie
nicht im, Hause, sie ging hinaus, hinab ans Meer und
sezte sich auf. die Bank am Strande, welche die Fischer



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dort für ihre Frauen aufgeschlagen hatten. Aber das
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Kommen und Gehen der. Wellen steigerte ihre: ual -
=- sie kamen nicht von dorther, wo er weilte, und ?
keine, keine ging zu ihm. Sie stiegen empor und j
fielen nieder und zerschellten, und flossen dahin - -.
ungehört und ungesehen von ihm- wie ihr Schmerz -
und: ihre Klage und ihr ganzes, ganzes Leben,. das:
gegenwwärtige und das künftige. Sie hätte aufschreien -
mögen' in ihrer Pein und Angst. Sie rief endlich - I
nach ihm mit seinem Namen, aber der Wellenschlag- ;
verschlang den Ruf. Nicht einmal der Widerhall gab I

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Antwot, und wie sie ihn dennoch rief und ysieder xief,
kam ein Grauen über sie. Es war, als fühlte sie,
wie die leisen Schwingen des Wahnsinns sich ährem
Haupte nahten und näher und nähex sie umdrängten.
So konnte es nicht, bleibef, Fo konnte sie, niht
weiter leben. Es mußte Etwas geschehen, sie mußte
Etwwas thun, sie mußte ßch helfen, sch, errettep gder
untergehen; und den Rig pon jhrem- Finger strei-
fend, wollte sie ihn von sich, schleudern, weit hingus
in das Meex.-Aber wie sie,an pas Wassex trgt und
die Hand erhob, ging es über ihxe Kräfte. Sie Fezte
sich, nieder und. weinte Zttexlich. .-
Als sie sich aufrichtete, stand der Mdjunkt,gn,ihrer
Seite. Das Rauschen dey, Pelleg hatte; sein Heran-
kommen auf dem weichen, Sande vollends unhörhgr
gemacht. Da er sie in Thränen vor sich sahz wußte
er nicht, was er, ihr Fgep sollte. -Er swolte es ent-
schuldigen, daß er, sie stöxe, ynd hrachte endlich Nichts
als die Worte- heraus: ,Sie haben geweint!?-
aber das Mitleid,, das aus seinen Mienen sprach, er-
gänzte, was er dabei dachte.
Hulda hatte sich so verlassen gefühlt, daß der An-
blick eiies ,Menschen, der Fon, einer menschlichen
Stimne ihr eine Wohlthat waren,-und; forgerissen
von den sie überwältigenden Gedanken, sggte sie, ehenso
wie er ihr ganzes Empfinden in einen Satz zusammen
drängend: ,Ich wollte;ein-Ende machen!?-
Er fuhr erschrocken auf. ,Wie darf ein solches
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s Wort von Ihrem Munde ommen!! -rief, er, seinem
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. K.
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Ohre- nicht trauend, mit sittlicher und zorniger Ent-
iüstung. -
- Das brachte sie zu sich selber und zu einer Fassung;
und weil sie fühlte; daß sie solchem Sweifel nicht -
Raum in seiner Seele lassen durfte, und weil ihr das
Herz auch gar so schwer war und so voll, daß es sie
zum Sprechen 'drängte, sagte sie: ,Ich. hatte nichts
Sündhaftes- im Sinne. Ich wollte nur ein Ende
machei mit mir selbst für alle Zeit.
--- Sie wußte nicht, daß sie in ihrer inneren Ver-
wirrung nur die Worte wiederholte, die sie vorhin
ausgesprochen hatte, und das machte ihm ihren Zustand
nur noch unheimlicher.
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,Ich verstehe Sie nicht! sagte er, ,und möchte
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Sie doch nicht mißverstehen, nicht zweifeln müssen an
Ihnen.!
- Die Innigkeit seines Tones entging Hulda selbst
- in ?ihrer gegenwwärtigen Verstörtheit nicht, aber sie ver-
mochte' mit der Eigensucht des Schmerzes an Nichts zu
denken, als allein an sich, und plötzlich von- einer neuen
Vorstellung ergriffen, sagte sie: ,Nein! Sie sollen
auch nicht an mir zweifeln müssen. Ich will offen
gegen Sie sein, wenn Sie mir versprechen, daß Sie
mir helfen, daß Sie thun wollen, was ich von Ihnen
fordern werde.!
Er wollte ihr die Zusage leisten, er. reichte ihr
die Hand, aber seine Gewissenhaftigkeit war stärker als
selbst die Liebe zu ihr, und er hielt zögernd die Hand
zurück. ,Was verlangen Sie?- fragte er.

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Sein Zögern mißfiel der Aufgeregten, und rascher
und heftiger, als er sie jemals hatte sprechen hören,
stieß sie die Worte hervor: ,Ich muß ein Ende machen
mit mir und meiner Liebe! Ich -muß den Ring von
mir thun, der mich an ihn bindet! Heute noch sende
ich ihn zurück; denn es ist -um mich geschehen,
wenn ich es nicht thue. - Besorgen- Sie den Ring zur
Post, und heute noch!? -
Die Lippen bebten ihr, als sie das Wort aus-
sprach, und selbst ihre Stimme klang herb und rauh;
aber der Adjunkt ergrif: ihre, Hände, und- sic festhal-
tend, während er ihr voll Liebe in das Antliz blickte,
rief er: ,Ja, das will ich! Und Goitsei' Dank, daß
er Ihnen zu dem Entschlusse verholfen hat! Gott se!
Dank dafüe!-
Er wollte noch Etwas sagen, aber er überwand
sich und drängte es in sein Herz-zurück.- Wie hätte
er von seinem Hoffen-sprechen mögen,' -da sie das
ihrige begraben mußte? Aber er hing an ihr mit jedem
Tage mehr, er sorgte sich um sie mehr, als er je um
sich selbst gesorgt, und der Glaube, daß Gott ihn eben
hiehergesendet habe, um dieser Einsamen, Verlassenen
nach dea' Vaters Tode ein Trost und eine Stütze zu
werden, machte, daß er sich begnadigt vörkam durch
die Sorge und die Liebe, die er in sich wachsen fühlte.
Ohne miteinander mehr zu sprechen, kamen sie
nach Hause. Vor der Thüre blieb der. Adjunktus
stehen. ,Wann wollen Sie, daßich gehe? erkun-
digte er sich.

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- -' -,Kann, es heut. noch. sein?! fragte Hulda, die '
sich picht, sicher fühlte, morgen noch zu vermögen, was -
sie;sich heute abgewonnen hatte.

-. - Der Adjunkt: zog die Ühr hervor, die er an einem ;
schlichten: schwarzen Bändchen trug. , Haben Sie den -
Bpief bereits: geschrieben??-
- ,Ich habe meinem Vater zugesagt, es nie zu-
thun!' gab sie kurz zur Antwort.
-. ?-- ,So will ich warten, bis der Ring verpackt ist!?
sagte der- Adjunkt, und sie gingen Beide in das Haus;
er, umu sich. für den Peg- zum Postamt anzuschicken, -
sie, um den Goldreif einzusiegeln, an dem ihr Herz
ünd, wie-sie fühlte, auch ihr Schicksal hing. -
-- -- Sie hielt das Päckchen in der Hand, als sie wieder
vor die Thüre hinaustrat. Sie hatte den Ring in ein
Kästchen hineingethan, das ihr noch: von der - Mutter
kam. , Was sie dabei empfunden, wie sie gezweifelt
und geschwankt, wie sie gezaudert hatte, und dann in
--. die:Fnie, gesunken war,, um das Kästchen zum letzten-
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-anales noch Jan -die -Lippen zu drücken, das. konnte
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Fer Adjunkt nicht wissen; aber er las in, ihrem bleichen
Antlize den Kampf, den sie gekämpft hatte, und er --
wagte es doch nicht, sie mit ermuthigendem Worte auf -
die, Zukunft zu verweisen, weil er seine Hoffnung auf I
dieselbe baute.
, Verlieren Sie es nicht!'' sagte Hulda mit jener -
Zerstreutheit, mit welcher man in den schmerzlichsten -
Augenblicken oftmals gerade das Gleichgiltigste sagt, I
und ausspricht, was man nicht gedacht hat.'- -
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, Verlassen Sie sich auf mich !' entgegnete er,
ihre Hand ergreifend und zum erstenmale küssend;
dann ging er bewegten Herzens rgsch davon.
Sie hatte seine Worte und seine Huldigung kaum
beachtet. Sie stand und sah ihm nach, und muußte
sich halten, daß sie ihm nicht folgte, daß sie ihn nicht
zurückrief. Der Gedanke, daß sie jezt freiwillig über
ihr Geschick entschieden, daß sie es sei, die das letzte
Band zerrissen habe, welches sie, mit -dem geliebten
Manne noch zusammengehalten bis auf' diese Stunde,
stürmte beängstigend auf sie ein: Sie- wußte sich nicht
zn sagen, ob sie recht; ob unrecht damit gethan, ob sie
an sich, an ihm damit gesündigt habe, nur daß sie
unglücklich, und daß nun Mlles für. immerdar zu Ende
sei, dieses. Bewußtsein lag -über ihr undBrückte sie
darnieder.
Als sie in das Haus, zurückkam rief derVäter sie
zu sih. - Sie half ihm von dem Sagsr,-auf -dem er
ausgeruht, nach' dem alten Lehnstuhl, und setzte sich,
wie sie es gewohnt war, auf den keinen' Schemel zu
seinen Füßen nieder. Seit er sich nicht mehr selbst
beschäftigen konnte, war ihr Gespräch und ihr Ge-
plauder ihm Bedürfniß, wenn. sier ihm nicht- vorlas,
und ihre Liebe hatte, wie eng ihr Lebenskreis' auch war,
doch immer Eines oder das Andere gefunden, ihn zu
unterhalten. Heute fiel ihr Nichts, nicht das Geringste
ein; selbst ihre Näharbeit zur Hand zu nehmen, war
sie nicht im Stande. Sie saß an seiner Seite und
hielt seine Hand in der ihrigen.? Ihr Schweigen fiel
ihm auf.

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- ,,Du bist so still mein Kind,. sagte er.
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- - Und wie vorhin das Kommen des Adjunktus, so
löste jetzt die Stimme ihres Vaters den eisernen Reif,
der; ihr,. dasiHerz zusammenpreßte, denn unfähig eines -,
anderen Gedankens -als -des Einen, xief sie: ,,Jetzt -
hab' ich: auf der Welt Nichts mehr als Dich! Nichts,
Nichtstmehr, Vgter! Ich habe ihm den Ring, ich habe
Emanuel seinen Ring zurückgeschickt.r
. gDa sei Gott gelobt!'' rief der Greis, und erfaßte
ihre, beiden- Hände und zog die Tochter an sein Herz.
Er legte ihr von Thränen überströmtes Antliz an das
seine,' wie man, es mit einem Kinde thut, das manz
beschwichtigen will. - ,,Komm! komm! mein Kind!
weine Dich aus und schäme Dich der Thränen nicht,-
da unser Herr und Meister sie sich gegönnt hat in L
der Stunde der Entmuthigung; aber wie er den Kelch
des- Schmerzes geleert in gläubigem Vertrauen auf - ;
seines Vaters Betstand und auf seine Auferstehung,
so joll es Jeder von uns thun, so thue Du es auch.
Denn auch Du wirst neu erstehen nach diesem Kampf I
und. Sieg.!
,Ich kann nicht, Vater! ich kann es nicht!!' weh-
klagte sie an seinem Herzen.
,,Auch nicht, wenn Dir Dein Vater sagt, daß
Du ihm damit sein müdes Herz erleichterst, weil Du
das Wort eingelöst hast, das er für Dich verpfändet
hatte??
-- Sein milder Zuspruch machte sie verstummen. Er
ließ ihr eine Weile Zeit. Sie kniete immer noch an
seiner Seite, er hielt ihre Hände in den seinen fest.
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Als das heftige Schlagen ihres Herzens nachließ, als
ex fühlte, daß ihre. Thränen sanfter, flossen, hub er
noch einmal zu sprechen an. - gDu häst gut -gethan,
gut und reck, mein Kind, daß;Du- hen Eing, zurück-
gesendet hast, ehe, der Bargn genöthigt;way,; jhn won
Dir zu begehren, wgs über kuxz oder lang hätte ge-
schehen müssen. Denn das heporstehende gönde seines
Bruders legt ihm Pflichten auf, denen er sich nicht
entziehen darf; und ich glaube, wie Du es wohl auch
geglaubt hast, daß er seine Wahl getroffen hat. Der
Entschluß, den Du heute unter Gottes Beistand gefaßt
und ausgeführt hgst, nimmt mir, die letzte schwere
Sorge von der Seele. Is hätte mit. im ,Grahe nicht
Ruhe gelassen, mein Kind als M ehexlästige zurück-
gewiesen zu denken.!?-.
Er hielt inne, Hulda regte sich nichs. ,Der
Sommer, ist, zu Ende, gex Hexhst ßonuy,hexgn,.s sprach ,
er, zind seine fallendenzBläätter, pexden mich,bedecken;
aber meine lezten Tage sind von. Gott gesegnet, Deine
Liebe, die Ergebenheit unseres wgckexen jungen Freun-
des, des Amtmanns feste Treue und die immey gleiche
Gunst unserer Frau Gräfin zrhellen je mir und gachen
sie mir schön. Und auch Di wirst nicht perlassen sein!
Der Amtmannn hat mir zuzegg, Pig eine ,Heiat
bei sich zu gewähren; auch diSrau Gräfin, jst bereit,
sich Deiner gnzunehmen, Fu darfst ihres: Schuzes
jetzzt mehr noch als bisher,, versichert sein,; Und wer
will und kann, es voraussehen, oh es-dem Herrn, nicht
gefällt, noch anders über Deine Zukunft zu, verfügen,
ob es Dir nicht bestimmt ist, in Frieden da weiter zu

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verweilen, wo ich und Deine Mutter unser stilles Lebens-
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glück gefunden haben. Also getrost, mein Kind! Auch
wenn ich von Dir gehe! Dein himmlischer Vater geht
nicht von Dir und seine Hand führt Dich und sein
Aüge leuchtet Dir, wenn sich das meine schließt.'
Er hatte seine Hände segnend auf ihr Haupt ge-
legt, sie weinte still in schweigender Ergebung, sie hatte
nür''Einen Wünsch -- dem Enbe ihres Lebens wie
ihö Vater nahe zu sein, und vdn dannei gehen zu
köimnen, so fie er. - Wäs sollte sie noch äüf der Welt?
- Diaüßen' üeigte die Sonne sich in das Meer, in der
mrledören Stube ward's schon dunkel, aber Vater und
Töchtet-säßeii, noch beisammen und schwiegen alle
Beibe Es war Nichts mehr zu sagen, muir hinzu-
nehmen in Ergebung, was bevorstand, früher oder
später.
- Wie es von dem altei Thurme sieben Ühr schlug
üitd der Abendsegen eingeläutet ward, richtete der Vater
, -
sich empot.
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- IEs wied spät' werden, sagte er, ,ehe der Ab-
jüilkt nach Hause köminen kann, und er wird müde
sein. -Denke daran, ihn zu erquicken. Dü bist ihm
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heute däs doppelt schuldig, denn der Weg ist weit und
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,Ja! ch hab' es ihm gesagt, entgegnete sie
leise und ging hinaus an ihre Arbeit.
-- -Wer ie sie nun da stand an denselben Platze,
an welchem sie an jedem Abende am Herde' stehend
für den Vater und für' den Adjunkt die Abendsuppe


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kochte, war es ihr unbegreiflich, daß sie es that, daß
sie es gethan hatte all' die Zeit, und daß sie' es thun
sollte fort und foxt, auch über ihres Vaters Töd -
hinaus. Denn jetzt, als sie darüber'nachsakmnn, wie der
- Adjunkt vorhin von ihr geschieden war, und was ihr
Vater ihr gesagt hatte, konnte sie üticht niehr darüber
im Unklaren sein, was ihr Vater hoffte, was- der Ad-
F junktus wünschte. Die Röthe der Scham -stieg ihr
in das Gesicht, als es ihr einfiel, wie dieser sichi es aus-
E gedeutet haben konnte,- daß sie eben ihn zun Ver-
- trauten und zum Träger ihrer heutigen Sendung aus-
ersehen hatte, und doch war»esnicht ihr' Wille, nicht
ihre Absicht -gewesen es zu' thui! Ihre- Eifersucht, ein
wilder Zug ihres Herzens, ein ihr selberunerklärliches
Gefühl des Müssens, des Nichtanderskönnens, hatten
sie zu dem Entschlusse getrieben, für den ihr Vater
sie belobte, und den gefaßt z'haben, sie jezt völlig
muth- und rathlos' machte. - --
Es war' weit über die gewohnte Zeit des Nächt-
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essens hinaus. Der Väter hatte seine Mahlzeit ein-
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ß? genommen und sich zur Ruhe begeben. - Sie hatte
l! ihm, wie an jedem Abend, seit sein Augenlicht ver-
sagte, das Capitel' aus der. Bibel vorgelesen, das er
ihr bezeichnete, und mit einen Wörte det segnenden
Liebe hatte er sie entlassen. A sß sie in der kle-
j! nen Stube und wartete auf den Adjunktus, denn lange
konnte er nicht mehr von Hause ferne bleiben.
- In dem Stübchen -wär es warm und' stils. Die
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- Fensterladen waren' offen wie- immer, wenn Einer aus
, dem Hause am Abende noch bauswärts weilte. - Die
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Phr, die, hier seit Menschenaltern: auf, demselben Flecke
stand, zrückte mit xuhigem- Pendelschlage Sekunde um
. Sekunde, vorwärts. Auf dem uralten Messingleuchter
brannte still das Licht, wie es seit Menschenaltern hier
gebrannt hatte, und draußen fielen die Wellen- mit
dumpfem. SSchlage wie seit Jahrtausenden auf das
Ufer gieder.- ßs- war hier Alles alt, Alles sich, gleiche
geblieben, ,es -war-ein, todtes Seben, ein lebendiger-
Tod;»undsin dieses immer. gleiche Dasein, hatte auch
siezunterzutauchen,. hatte sie Alles zu begraben, was -
sie- gehofft und ersehnt. Sie mußte Alles; vergessen,
was- durch eine -kurze Spanne Zeit hellleuchtend an I
ihrem-Horizonte vorübergezogen war. Sterben, wie
hier,.lles -gestorben war, mußte hier, auch, sie muit -
ihrem- heißen Herzen.-- Und lebte -sie: denn; wirk- ,
lich, noch? -.
z g Sie hatte das Licht in die Hand genommen und z
ging, ein paar Besorgungen zu machen, aus der Stuhe I
in,dte, Kammer, aus der Kammer in die Küche. - -
Es ,sah sieMNiemand,- denn; die Magd -wwar hingus- -
gegangens in Zen Stall, -es hörte sie Niemand -und jie
Felber hörte sich nichh,. Sie kan sich wie Einer der I
kleinen Leute vor, von, denen die Mamsell zu sprechen I
liebte,. wie Einer der Unterirdischen,, die in den alten ,
Häuusern ihrFtilles -Wesen treiben, spukhaft -und ge- -
spenstisch. -
Es -wwar ihr, unheimlich in dem Hause, sie wvar I
sich es selbst.- Ein kalter Windhauch strich durch das z
offene, Kammerfenster über sie hin, sie schauerte zu- -
sammen. - ,Das ist der Todesengel!! rief, es in ihr,
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und in dem nächsten Augenblicke stand se gn des
Vaters Bett. Aber er lag ruhig da, sein warmer
Athem berührte sie, wie sie sich zu ihm niederbeugte,
und sich zusammennehmend, verließ sie, ihn, lund setzte
sich an ihre Arbeit.
Sie hatte. ihr Stricheug vorgeholt; ein Buch zur
Hand genommen. Die Hände verrichteten,. mechanisch
ihren Dienst, die Augen -glittenxüber dis Zeilen und
Seiten hinweg, sie wendete die Blätter -um, und wußte
nicht, wwas sie gelesen hatte, denn- sie zählte innerlich
die Tage, dien es währen wvürde, -bis der Ring in die
Hände des Barons gelangte. - Sie zermarterte ihr, Herz
und ihr Gehirn mit der Frage, wo und. wie er ihn
empfangen, ob er, ihn behalten, was ex damit machen,
was er dabei empfinden, ob ex zufrieden;' oh;er traurig
sein, ob und wie, er ihrer dabei, denken wvürde? Ihre
armen Gedanken wirbelten in:haltlosen Treiben durch-,
einanher, Jis sie wie durchpeinen.iZauber mit einem-
male Konradine vor sich-sah, die den Ring aus seinen
Händen nahm und Ihn ankihren Finger steckte. -
-- Sie sprang empor. -Hätte,siejezt Allmacht besessen,
hätte es einen Zauber gegeben,. sicher;' fernhin,treffend,
wie des kleinen Geisterkönigs Fluch. = sie mochte; nicht
ausdenken, was durch ihr. Gehirn, ging.. Sie - starrte
in das Licht, bis die Augen ihr, übergingen. und -ein
weiter vielfarbiger Bogen das kleine Eichtmuumigabl Wie
sie die Augen trocknete. und - näher :hinsah, hingen in
vielgewundenem Gekräusel,die Hobelspäne an der Kerze
nieder, die nach des Volkes- Glauben eine Leiche in
dem Hause. künden; und wieder kam, wie, sie sich, auch
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dagegen wehrte, das Bangen über sie, das Grauen
vorihrer Einsamkeit. Sie war unfähig es länger zu er-
tragen,' sie nahm das Licht und ging mit hastigem
Schritte hinaus, die Magd zu suchen. In dem Fugen-
blicke trat der Adjunktus in das Haus. - -
-- ,Ach! Sie sind es! Das ist gut!r rief sie ihm
entgegen; aber wie der Klang der Worte ihr Ohr be-
rührte, wünschte sie dieselben nicht gesprochen zu haben,
denn gveill das Kommen des jungen Mannes dem un--
heimlichen Mlleinsein nun ein Ende machte, hörte ihr -
Anruf sich warm und freudig an, und sie sah, wie er
ihn unwillkürlich in ganz anderem Sinne erfaßte und
auf sich bezog.
-- -,Ihr Auftrag ist besorgt, sagte er, indem er die
Müze und den Neberrock an den Nagel hing, wäh- - K
rend Hulda mit dem Lichte in der Hand ihm in dem -
kleinen dunkeln Vorsaale leuchtete. Die Hausthüre
stand offen, es hatte während der letzten Stunde zu
regnen angefangen, der Wind trieb die warme feuchte-
Luft bon Meere in das Haus. - Die Kleider und das-
Haar des jungen Mannes waren naß; und sich mit
dem uche' die Stirne trocknend, sagte er: , Die Luft
ist nochJsehr warm und ich bin rasch' gegangen. Ich
wollte Sie und den Herrn Pfarrer nicht auf mich I
warten lassen. Nun komme ich doch zu späät.! -
- - Sein guter, freundlicher Wille war -ganz unver-
kennbar, Hulda - dankte ihm und sagte, der Vater habe
sich schon zur Ruhe begeben. Der Adjunkt fragte, ob--
er sich' denn schlecht befunden habe? - , Nicht übler -
als sonst,! entgegnete sie ihm und brach dann ab. -

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. So kamen sie in die Stube. Der Tisch stand
für zwei Personen gedeckt, die Magd trug: die Suppe -
auf. Als der Adjunkt das Tischgebet sprach, das sonst
der Vater sagte, als sie sich -niedersetzten: einander
gegenüber und allein,. das Licht it seinem stillen
Scheine zwischen ihnen und Alles uun sie her so still,
fiel ihr Mlleinsein Beiden auf. Sie konnten' das rechte
Wort für einander nicht finden, denn sie hatten die
alte Unbefangenheit nicht mehr.
- Der Adjunkt blickte ein um das'. anderemal nach
Hulda's Hand, an der. sie. den goldenen Reifpgetragen
hatte, den er so oft mit ,ytillem Schmerzbetrachtet,
und Hulda grif, ohne es zu wissen, immer und immer
wieder nach der Stelle, an welcher der Ring. ihr fehlte.
Ihre Gedanken trafen. auf die Art- zusammen: und
gingen doch weit von einander. Denn sein. Sinn
war fester als je zuvor an -diesen Platz gebannt, all
sein Wünschen war an ihn geknüpft; sie, aber dachte,
während sie ihm die kleinen, ihr obliegenden Dienste
der Hausfrau freundlich leistete,. iit schwerem Herzen
in die Ferne, und mit noch bangerer Seele an die
Stunde, in der sie von hier scheiden würde für immer-
dar; dennbleiben konnte sie hier nicht. Und denSchlusse
einer langen Gedankenreihe plözlich,. Wörte gebend,
fragte sie den Adjunktus, ob er, anAhnungen glaube.
Er wollte wissen, wie Fie das verstehe, was sie
zu der Frage bringe. -
,Mein Vater hat Abschied von mir genommen,
sagte sie kurz'und; mit jener stillen Gewaltsamkeit, mit
der sich zu bemeistern ihr. eigenthümlich war., Glauben









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Sie;, daß es eine Ahnung seines Endes ist, die ihn
dazu bestimmt- hat?! -'
- -,Däß besonders gesammelten Gemüthern ein Vor-
emifinden ihres Heimganges vergönnt ist, hat die Er-
fahrung'uns an Beispielen bethätigt!! entgegnete ihr
der. Adjunkt. ,Daß Andere eine solche Ahnung thei-
len, glaube ich nicht.?
--- ,Nicht? wiederholte Hulda. - , Da -irren Sie!
. Ich habe meiner Mutter Tod empfunden fernvön ihr,
, ünd sie hat mich gerufen, einmal, zwweimal, daß ich -
aufgesprungen bin von meinem' Size. Aber heute? = ,
Mein Väter schläft so ruhig!- Ich habe an seinem - -
Bette' gestanden, seine Athemzüge still' gezählt.- Lch I
kann es mir nicht denken, kann es nicht glauben, daß
ich ihn schon jetzt verlieren soll, so lange die Befürch-
tung auch vor mir steht. Und nun ich nicht mehr -
ganz allein bin, nun Sie da sind, schweigt' meine- ?
Angst auch wieder, und mein Herz ist still, und ohne -
unheilvolles Vorgefühl. Er wird mir noch erhalten-
bleibei Glauben Sie-es' nicht? -'
- Sie ständ von dem Tische auf und trat horchend ?
an die Thüre.' Ein paar Minuten blieben sie schwei-
gend'nebeneinander' stehen. Es regte' sich in der' Kam- -
mer Nichts. -Hulda ging vorsichtig hinein und beugte
sich zu dem Vater nieder. Sie hörte Nichts. Es fuhr,
ein Schrecken durch ihr- Hetz. Sie neigte sich, legte -
ihre Wange an die seine und sank mit einem Schrei --
zusammen.
-- Der Pfarrer hatte - still' geendet. Sanft wie sein I
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Leben war sein Tod gewesen.