Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 15


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Fünfzehntes Gapites
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Die Ankunft der beiden Fiauen war Emanuel
in diesem Augenblicke durchaus willkomniien. Er war
lange einsam gewesen, und hatte eben in seiner gegen-
wärtigen Stimmung keinen angenehmen Gesellschafter
an sich selbst.-
Die Gräfin, deren Neigung, aüf-Andere bestim-
mend einzuwirken; ihm bisher'oftmälsAunbequem ge-
wesen war, sagte sich, daß er'ihr,?nch seiner Aisicht,
Manches zu verzeihen, habe und hielt sich deshalb vor-
sichtig in ihren Schranken. Sie fragtes ihn um Nichts,
was von sich auszusagen-er nicht für angemessen fand,
aber sie sprach ihm freimüthig und ohne allen Rück
halt von sich selbst, von Elarissenz Glück, von dem
Guten, das sie von ihres Sohnes Heirath für den-
selben hoffte. Als Emanuel bei diesem Anlasse ihr
seine Absicht kundgab, zu. Günsten hes jungen Grafen
auf das Majorat zu verzichten, wenn es durch den Tod
des Bruders an ihn fallen' würde, wies sie diese Ge-
danken zwwar von sich, jedoch ohne dabeigauf ihre frü-
heren Plane für ihn zurüchzukommen. Sie meinte


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nur, es mache ihr immer bange, wenn sie Menschen
in nicht abzgändernder Weise über ihre Zukunft ent-
scheiden sehe, solange dieselben sich noch in einem
Lebensalter befänden, das neue Aussichten vor ihnen,
neue Gedanken in ihnen entwickeln könne. Besonders
solle man nicht derartige Beschlüsse fassen, wenn keine
zwwingende Nothwendigkeit es erfordexe. Vollends in -
solchen Fällen abei, wd vöidem Eihalten oder Auf-
geben von Hab und Gut, oder gar von dem Ver- -
zichten auf Rechte die Rede sei, die noch mehr werth
wären- als Hab und Gut, da sei das alte Bauernwort
an: seinem Platze:: Es jolle Niemand seine Stiefel .
ausziehen, ehe er sich niederlege.
- Sie; sagte ,das mit einer ßeiteren Leichtigkeit, die
ihr doppelt wohl anstand, weil sie nur selten an ihr,
zur Erscheinung kam, Sie erwähnte dann noch, daß
es. bei der: sorglosen Lebenslust ihres Sohnes sogar
Gefahren: für ihn haben könne,- wwenn sein ohnehin
reichlicherzBesiz in, solcher Weise. und so- viel. frühex,
aleJet esnirgend.izu:erwarten berechtigt, gewesen wäre,
verdoppelt würde, und He: gab- Emanuel. auch zu be- .
denken, daß -er wohl der Mann- sei, große Mittel in
roßartiger Weise für wwürdige,. seinem und'des, Hauses -?
Mamen Ehre. mgchende Zwecke,. zu verwenden. Es lag,
etwas Schönes, etwas durchaus Uneigennütziges in den
.Exwägungen ;und. Rathschlägen der Gräfin, das auf
Emanuel-seineWirkung auicht verfehlte.. Auch er mßte
ihr dakin beipflichten, daß, awie die Verhältnisse jetzt -
-lagen, kein Srund zu' der. Entsagung vorhanden wwär, --
zuwelche ertsich:aun IHulda's willen vor Iwwenigen

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Tagen geneigt gefunden-hatte? Hulda's oder der
Pfarrerfamilie gedachte die Gräfin nicht mit einem
Worte. Auch Emanuel sprach nicht von ihnen, weder
mit der Schwester noch. mit seiner Freundin, und
Konradine ihrerseitö -war -herzenskundig' genng, sein
Schweigen zu ehren und es sich zudeuten. D - -
Emanuel wußte ihr das Dank: ?Ihre. ganze Art,
ihr ganzes Wesen waren ihm eifkeulich! Daß sie nicht
in seinem Hause wohnte, sondern sich mit ihrer Be-
dienung in einer der am See gelegenen- Pensionen
eingerichtet hatte, deren Anzahl jn jenen Tagen im
Vergleiche zu heute- noch geringwar, das erhöhte durch
das jeweilige Entbehren desselben den Reiz; wwelchen
das Beisammensein mit ihr schon in': dem- Schlosse
seiner Schwester für ihn gehabt hatte: Aber'der Ver-
kehr mit ihr war ihm jetzt noch aftgenehmer, als vor-
dem, denn ihr Beruhen' in sich selbst wwäi; jezt voll-
kommen, und ihre. Stimmung von einer Gleichnäßig-
keit, die beruhigend und vertrauengebend wirkte: Selbst
die edle Einfachheitihrer Kleidung, der geringe Werth,
den sie auf alle jene Aeußerlichkeiten und Kleinigkeiten
legte, von denen das Wohl und Wehe der Frauen
sonst so vielfach abzuhängen scheint, die Sicherheit,
mit welcher sie sich das Recht. zusprach, nach: eigenem
Ermessen zu handeln und; sich so Irei'zu zeigen, als

zsie sich mit ihremtüchtigen Bewußtsein fühlen, durfte,
machten es Emanuell im Verkehre'mitrihr bisweilen

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ganz vergessen, daß sie -nochjung, und daßusie schön
sei, während das Wohlgefühl; pas er: in ihree Nhe
fühlte, doch durch eben diese: Eigenschaften wesentlich

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gesteigert ward. - Fazu wiesen die Lebensgewohnheiten
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Die Gräfin hatte sich während ihres langen Auf-
enthaltz in Italien vgn jeder körperlichen Bewegung
fast völlig entwöhnt. Sie kannte keinen Naturgenuß,
als. denjenigen, dessen Hie von der Terrasse eines Gar-
tens oder: in den Polstern;. ihres Wagens theilhaftig
werdenukonnte, änd vollends sich der Stunden. des -
Morgenszu. erfreuen, trug sie kein Verlangen, wäh-
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der Gräfin, ihn und die schöne Stiftsdame noch- be-
sonders- auf - einander an.
endkdas Wachen in der Nacht ihr zu einer Gewohn- -
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heit geworden war. Emanuel hingegen konnte nicht ,
-leben ohne Naturgenußg
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-? Durch seine? ganzefJugend hin, in. welcher ihn ,
Rücksicht auf seine daßals sehr schwankende Gesünd«
heit, und der auch nbch nicht überwundene Schmerz
über die Entstellung seiner Wohlgestalt von den Sälen
- der Gesellschaft fern: gehalten hatten, war die Natur
ihmeineZuflucht, -und die Quelle gewesen, aus der er-
FFreude geschöpft, inder er seineKräfte gestähltgytd-duxch -
immner neue Nebung erprobt hatte,. bis er sich' ißEr-
tragen von körperlichen Anstrengungen mit den -Ge-
sunden messen durfte. Er genoß sich selber und. sein -
Dasein nie ;in volleren Zügen, als wenn er auf raschem
Pferde durch die Thäler hinflog, mit sicherem, rüsti- -
ngem Fuße die Höhen der Berge überschritt, oder mit
-kräftigem Arme die Wellen des Wassers überwand. -
-- Einsam in der Natur dachte er nie daran, daß er -
nicht schön, daß er nicht mehr dazu gemacht sei, dieBlicke-z
-der Menschen wie früher freundlich auf sich zu ziehen und 1
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an sich zu fesseln. Die Sonne schien auf sein blatter-
? - narbiges Gesicht so freundlich nieder wie auf die selt-
sam zerrissene Rinde des ßaumes; dieLuft umfächelte
-' und nährte ihn so frisch, wie, sie die Stämme um-
- - spielte, die auch nicht alle gerade in die Höhe wuchsen
und an deren Laub und Schatten man sich, doch er-
freute; und das Landvolk, mit dem er bei seinem Herum-
streifen zusamnentraf, legte nicht den Werth auf die
äußere Wohlgestalt des Menschen, wie die Gesellschaft,
in welcher er hergekommen war, und wie, seine eigene
Mutter, deren Bedauern über die Entstellung. des einst
-' so schönen Sohnes damals den Stachel der, verletzten
Selbstgefälligkeit, -der Emanuel ohnehin empfindlich
genug war, immer tiefer in das weiche Herz des Jüng-
lings gedrückt hatte.
- Er liebte und verstand die Natur in allen ihren
Aeußerungen; Er hatte(in er Natur, auch die Men-
schenverstehen gelernt, die, ihr noch nahe standen, und
es traf sich gut, daß Konradine seine Freude an der-
j? selben theilte, daß sie rüstig war wwie er, Das Wander-
leben, welches sie an ihrer Mutter Seite von Kindheit
an geführt, hatte sie frei von, allen hemmenden Ge-
wohnheiten werden lassen. Sie war körperlichen An-
l-
strengungen ebenso wie Emanuel gewachsen, und für
den Augenblick hatte das verhältnißmäßige Stillleben,
ß -- de sle im Stift geführt, ihr Wechsel und Bewegung
doppelt erwünscht gemacht.
Wie früh man die Morgenstunde auch festgesetzt
hatte, in welcher Emanuel und sie zu Pferde ihre
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- Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.
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Streifzüge in das Land unternehmen wollten, er fand.
sie immer fertig, immer seiner wartend, und in Frische
strahlend, daß sie ihm wie die Verkörperung des Mor-
gens selbst erschien. Fest wie in' ihrem Sattel, war sie-
in allen Sätteln gerecht und überall an ihrem Platze.
Wenn man das Frühstück in den Sälen eines Gast-
hofes oder in dem ersten besten Bauernhause einnahm,
wenn man es Wanderburschen gleich, auf-grünem Rasen -
unter Bäumen am Quellenrande verzehrte; es schien
jedesmal, als sei dies gerade die Lage, in welche sie
hineingehöre, in der sie ihre anmüthige Selbstbestimnit-
heit am -vortheilhaftesten entfalten könne.' Jeder. zu--
fälligen -Begegnung' mit anderen Reisenden wußte sie-
eine -gute Seite und jedem Menschen das Beste abzu-
gewinnen, das an ihm sein mochte. Die -Bauerfrau
und das Kind am Wege wendeten sich ihr vertraulich
aüfgeschlossen zu,' weil sie natürlich und ohne -jene'kin- -
dische Herablassung mit ihnen zu verkehren wußte,
hinter -welcher die Eitelkeit und der Hochmuth der
sogenannten Vornehmen und Reichen,' sichi ländliche -'
Festezu' bereiten lieben, bei denen sie erst rechtnin ihrer
ganzen Lächerlichkeit erscheinen; und ohne daß. sie be-
sonders darauf aus war, oder daß man esbemerkte,
hatte sie hier einen guten Rath ertheilt, dort eine Lehre
in so knapper und bestimmter Form gegeben, daß sie
Aussicht hatte, schnell verstanden und nicht leicht ver-
gessen zu werden.
-' Als ihr Emanuel einmal seine Verwunderung ;
über diese ptaktische Gewandtheit aussprach, die sie zum

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Handeln und Befehlen wie wenig. Andere befähige,
räumte sie ihm ein, daß sie dieselbe allerdings besize.
,Cber, sagte sie lachend, ,es ist. nicht mein Verdienst,
daß diese Anlage sich in mir so ausgebildet hat. Sie
hat sich an den entgegengesetzten: Eigenschaften meiner
Mutter nothwendig entwickeln müssen. Ich lernte von
Kindesbeinen an, wie die Wilden, mneine Umsicht üben,
mich zurechtfinden und mir helfen und nicht nur mir
allein, denn wir lebten damals immer in einer Art
von Wildniß. Noch ehe ich lesen und schreiben konnte,
mußte ich im Gedächtniß Jehalten, was uns nöthig
war, und in der Heimatlosigkeit, zu welcher meine
Mutter sich freiwillig vekdammte,-alle paar Tage ein
neues Zuhause für uns zu bereiten, war eine Noth-
wendigkeit für mich. Das geht' denn ss allmälig in
des Menschen Sein und Wesen über, und meine zigeu-
nerische Praxis hat seitdein im Stifte mehi Form und
Halt bekommen, so däß ich jetzt selber Lust an ihr ge-
wonnen habe. Ich überrasche mich bisweilen in diesen
Tagen darauf, wie ich mit Sorgen an die Verwal-
tungs-Angelegenheiten unseres Stiftes denke, die unsere
Lebtissin mir während ihrer Krankheit und Abwesen-
heit überlassen hatte. Und es war doch nicht einmal
mein persönliches Eigenthum, das ich verwalten half,
und um dessen Erhaltung und Vermehrung ich be-
N,müht war.!
,Das scheint mir zu dem Wohlgefallen an solcher
Thätigkeit auch keinesweges nothwendig zu sein,! meinte
Emanuel, ,sie ist verlockend an sich selbst. Wir Alle
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sind von Kindheit an mehr oder weniger, darauf ge-
stellt, Etwas zu schafen. Wir wollen Etwas hinstellen,
Etwas vor uns bringen, Etwas werden sehen. Das
Kind schon macht sich im Garten ein Gärtchen für
den Nachmittag zurecht, Fer Knabe macht sich Samm-
lungen, von Auszügen aus den Büchern, die doch sein
eigen sind. -Der Jüngling macht sich seine eigenen
Liebeslieder, obschon unendlich schönere vorhanden sind.
Der Mann, der Herrscher, dem schöne Besizungen,
dem schöne Schlösser als Erbe zufallen, will, augen-
blicklich in denselben irgend einen Neubau, eine Aen-
derung machen, in denen er sich selbst und sein eigenes
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Wesen bethätigt und ausspricht. Er will Etwas hin-
stellen, das er als von ihm geschaffen vor sich sieht;
und ich- glaube, daß die sogenannte Freude am Erwerb
und Besiz ebenso viel von dieser Lust am Schaffen
als am Besizen in sich trägt.!
Konradine nannte das nach ihrem eigenen Erfahren
- richtig, gber sie wollte, wissen, wie er sich selbst dazu
verhalte,
Emanuel ward nachdenklich. , Es ist das eine
Krage,! Fagte er, ,die weit in das Leben zurückgreift,
und ich habe leider, wenn ich das thue, nicht sonder-
lich viel Gutes von mir zu sagen, sondern auf eine
Lange Reihe von Unterlassungssünden, auf viel ver-
lorene Zeit, auf wenig oder eigentlich auf nichts Ge-, F
leistetes zurüchusehen.!
,, Sie thun sich Unrecht, meinte Konradine, , denn
seit ich Sie kenne, und wir sind ja sehr alte Be-
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kannte, fügte sie mit ihrem reizendsten Lächeln hinzu,
,habe ich Sie immer beschäftigt, immer mit...

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, Mit mir und meiner Selbstbefriedigung beschäftigt
gesehen, fiel er ihr in das Wort. -,Wenn Sie offen
gegen mich sein wollen, werden Sie mirt das nicht in
Abrede stellen können. Die große Liebemeiner Mutter,
der angeerbte Fapiliensinn, der die Erhältung eben
unserer Familie als etwas Wesentliches ansah, hat auch
auf meine Erhaltung, so viel. Mühe, Dpfer, Achtsam-
keit verwendet, daß ich schließlich mir selber um meiner
selbst willen wichtig vorgekommen bin. Und es:ist doch
im Grunde so gar wenig daran: gelegen; ob' ein Mensch
da ist oder nicht, wenn er nicht etwas ganz Beson-
deres zu werden verspricht.! -
, Oder wenn er nicht so glücklich ist, daß er in
seinem Glücke jenes vollendete Selbstgenügen dar-
stellt, um dessen willen es sich verlohnt, zu sein!'' rief
Konradine im Rückbllcke auf sich selbst. -
,,Bei mir,. versetzte Emanuel, Itraf weder das
Eine noch das Andere zu. Aber weil man mich so
wichtig nahm, wurde ich mir wichtig, und weil man
sich so gar viel Mühe damit gab; mich zu befriedigen,
gewöhnte ich mich daran zu glauben, daß ich den An-
spruch auf eine besondere Befriedigung,' auf ein beson-
deres Glück zu machen hätte. Man erzog mich auf
diese Weise förmlich zum Egoisten, und ich war doch
von der Natur mit meinem weichen, liebebegehrenden
Herzen nicht darauf angelegt. Es gelang deshalb nicht
einmal, mich zu einem völligen Egoisten heranzubil-
den. Nur unbrauchbar für mich selber hat man

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mich für lange Zeit gemacht. Man umgab mich mit
einer Liele und einem zuvorkommenden Wohlwollen,
denen in der. Welt. zu begegnen, ünter meinen' Alters-
genossen'zg begegnen, ich in meiner Lage nicht erwarten
durfte.: Von den. Kreisen der jungen Männer hielt
meine damals üble Gesundheit mich zurück, die weib-
liche Jugend wendete ich Männern von gefälligerem
Aeußeren zu: - Ich fand mich also einsam; und je H
weniger'ich sie in mir selbst besaß, um so sehnsüchtiger
begehrte ich nach Schönheit. Was mir das Leben nicht
gleich bieten wollte, das begann ich in der Kunst. zu
suchen.. Ich hatte Zeiten, in denen ich meinte, zu ihrer
Ausübungn als Maler, als Dichter berufen zu sein;
aber ich wurde bald inne; daß die. Fähigkeit, das
-SchöneIzu exkemnen und sich an ihm zu freuen, kein
Bürge ist für die Kraft, es zu erzengen. - Alles, was
ich leistete, -ging über die Grenze des Dilettantismus -
nicht hinaus, und wenn es Andere hie und da auch -
freute;Imulch selber befriedigte, mich förderte es nicht.
Meih Mißtrauen gegen mich, meine innere Unzufrieden-
heit. steigerten sich dgran. - Ich kam mir geistig -so
wenig hegabt, so ungenügend wie. leiblich vor, und
weil ich dabei doch immer nur an mich selber dachte,
verfiel ich nicht darauf, daß vielleicht dennoch Gaben -
und Anlagen in mir zu entwickeln wären, die für An-
dere nutzbar werden dürften, und deren Anwendung
meinem Dasein in meinen eigenen Augen Werth ver-
leihen könne.'
, Und doch meine ich mich zu erinnern,! bemerkte
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Konradine, , daß Sie mannigfache Studien getrieben,

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die, auf das praktische Leben, selbst bei der Bewirth-
schaftung Ihrer Güter, angewendet, Ihnen und den
- Leuten auf denselben, zu' Gute kommen, mußten.'!
, Freilich!'' entgegnete er, aber ich egtschloß mich
nicht, Verwalter meiner Güter zu wwerden, weil ich
das Leben in südlicherem Klima vorzog, und weil. der
Besiz der Güter für mich nur eine zeitweilige Bedeu-
tung hatte.!.
Konradine wollte wissen, was er damit meine.
,,Um am Besiz- und- vollends an -jeiner Ver-
mehrung die eigentliche Besizesfreude. zu finden, muß
- man entweder große kostspielige Bedürfnisse, oder Men-
schen haben,. denen man den Besiz:zu vererhen wünscht.,
Das Beides trift bei mir nicht zu. Ich habe mehr,
als ich für die Befriedigung-meiner Gewohnheiten be-
darf, und- Vermögen aufzuhäufen;, umöimitdemselben -
das glänzende Fortbesteheneies bestimmten.Geschlechtes
- oder, wie. in unserem -Falle,. vielleicht :nur das Fort-
bestehen eines bestimmten Mamens,. undi für- den Haupt-
träger dieses Namens, die Aufxechterhaltung eines Vor-
urtheiles zu verewigen, -wwelches die Freiheit seines
Handelns beschränkt, dazu bin ich nicht Aristokrat genug.
Vielleicht bin ich auch sogar dazu; noch -zuselbstsüchtig
gewesen.'!.
Er hielt eine Weile inne,- Konradine schwieg.
,Es war das erstemal, daß Emanuel. sich so offen und
-weitlääufig über sich selber ausließ, und sie. hütete sich
um so sorglicher, ihn zu unterbrechen,: als sie es einst
selbst erfghren hatte, wie wohlthuend- es unter Ver-
hältnissen sein kann, einmal vor einem Theilnehmen-
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den dasjenige auszusprechen, was man, mit schmerz-
lichem Brüten lang in sich verschlossen hatte. --
,,ch glaube, das lange Alleinsein hier auf Ihrer
Oilla ist Ihnen nicht gut gewesen, lieber Freund,.
sagte -sie endlich, um seine Mittheilungen wieder in
Fluß zu bringen. ,Sie sind dadurch in sich ver-
,sunken, und das hat für gewissenhafte Menschen im-
mer sein Bedenkliches. Man nimmt es in solcher
Selbstbetrachtung mit sich und seinen Schwächen dann
meist zu genau. Durch das Mikroskop betrachtet, hat
Jeder Etwas von einem Ungeheuer an sich. Muß doch
selbst unser Herrgott Gnade oft für Recht an uns
ergehen lassen, um uns aufnehmen zu können in
sein Reich.r
,,Sie scherzen, Konradine, das steht Ihnen sehr
wohl an,'' entgegnete er ihr, ,,und ich freue mich, daß
Sie dazu wieder fähig sind. Aber selbst auf die Ge-
fahr hin, Ihnen in Ihrer heutigen Stimmung schwer-
fällig: zu scheinen, kann, ich heut' nicht scherzen.'
=. Sle fühlte den Fehler, den sie gemacht hatte,
lenkte sofort wieder ein, und Emanuel ließ sich das
gefallen.- Ich finde im Gegentheil,.' hub er danach
gn, ,,daß Jeder von uns es nöthig hat, bisweilen mit
,sich selber allein zu sein, um, wie die Schrift es nennt,
in sich zu gehen, und Abrechnuung, mit sich zu halten.
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Sch habe das gerade in den Tagen vor Ihrer Ankunft
zü thun Anlaß gehabt; und da ich mir auf die Weise- z
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klärer in meiner eigentlichen Wesenheit geworden bin,
hoffe ich, fortan mein Leben zwseckmäßiger zu gestalten
und zu nützen.'




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,, Und was hat Ihnen eben jetzt den. Anlaß ge-
boten zu solcher Selbstbetrachtung?' fragte sie.
- ,Die Nachricht, welche ich zuerst durch Sie erhalten
habe und die sich -mir nachher als eine richtige be-
stäätigt hatl'' sagte er, und machte eine neue Pause.
Dann, als wünsche er darüber keine weitere Erörterung,
fuhr er fort: ,Auch -eine Erwägung, die meine
Schwester mir vorgehalten, hgt mich zu.Getrachtungen
veranlaßt, welche Einfluß auf die Gestaltung meiner
Zukunft haben werden. Ich habe bisher mich für un-
selbstisch gehalten, weil ich keinen besonderen Werth
auf Geld und Gut gelegt, weil. ich. keine Neigung ver-
spürt habe, den Besiz des Majotates änzutreten, statt
mir zu sagen, daß eben darin - meine Lust an hin-
träumendem, müßigem Selbstgenügen. sich am ent-
schiedensten kundgegeben hät.- Der - Besiz, hat aber
nicht nur Bedeutung' durch -das, t: wwas:l er für unsere
eigene Befriedigung möglich miacht, sondern auch durch
jenes Andere, was wir: mit - demselben für Andere,
für Einzelne oder Viele leisten können; und ich habe
in dieser Nacht, die mir in mannigfachem Sinnen
hingegangen ist, den Vorsatz gefaßt, wwenn-- wie es
leider in naher Zeit vorauszusetzen ist= die Majorats-
güter an mich fallen, sie nicht an: den Sohn meiner
Schwester abzutreten, sondern hinzugehen, ihre Ver-
, waltung zu übernehmen, auf Vihnen und an ihren
Eingesessenen- zu fördein, was der Förderung bedürftig
ist, undi somit zu versuchen, ob ich nicht im Leisten
und Schaffen die Zeit einbringen kann, die ich in


müßiger Sehnsucht nach einem für muich nicht zu
erreichenden .lücke habe an mir vorübergehen lassen.'!

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-- Konrädine hatte nicht erwartet, daß seine Ge-
danken, und Entschlüsse -eben diese Wendung nehmen
könnten, aber sie vermochte sich zu erklären, wie er
auf diesen Weg gekommen war, und die schlichte ernste
Redlichkeit, mit wwwelcher er sich selbst beurtheilte, flößte
ihr eineäerneute Achtung vor ihm ein. Es war darin
Nichts ygn: jenerselbstgefälligen Reue, die sich. schön-
rednexisch (huundgiebt, um sich mit der -Versicherung
trösten zu lassen, daß sie gar Nichts zu bereuen habe,
sgndern daß' fie sich bewundern und fremder. Bewun-
derung sicher sein dürfe. Es war die einfache Erkenntniß
eines begangenen Fehlers und der Vorsatz, ihn durch
eine richtigere Handlungsweise auszugleichen- Dagegen -
war kein beschönigender Einspruch zu erheben, und
Konradine dachte an einen solchen umsoweniger, als --
die Absichten Emanuel's auf das Beste mit den Wün-
schen der Gräfin zusammenstimmten. Nur ein Be-
denken hegte sie, und dieses bezog sich auf die Gesund-
heit des Barons. Sie meinte, daß er' dem nordischen
Winter auf' die Dauer nicht würde. widerstehen können.
-. Emanuel ließ das nicht gelten.. ,,Sie haben es
ja erlebt, wie gut ich ihn ertrug, als Sie mir dort
erschienen,' sagte er.,,Meine Gesundheit ist seit
ahren fest genug und wird immer besser, - je weniger
ich Rücksicht auf sie nehme. Was ich ertragen konnte,
weil Liebe und Sorge für ein bestimmtes Wesen mich
achtlos auf mich selber machten, das werde ich ebenso
ertragen können, wenn die Zuneigung und die Sorge

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. für eine ganze Gemeinschaft mich an den Norden
fesseln. Wenn ich auch der Jugend und der Schön-
heit auf die Dauer nicht eben liebenswerth erscheinen
kann, so meine ich, es solle mir gelingen, mir da oben
unter den Leuten, die uns lange kennen, lange lieben,
eine dauernde Zuneigung zu perdienen.- Im Grunde
find wir ja Alle, Jeder nach seiner Weise auf Ent-
sagung angewiesen; und Sie selber lehren mich,
wie man in derselben wachsen und sich erheben kann.
Will des Frühlingstages schöne Sonne uns nicht
leuchten und erwärmen, so muß ein tüchtiges Reisig-
feuer uns am Abend schadlos halten. Und auch däs
kann schön sein,' kann zum Glücke, perden,!! fügte er
hinzu, wenn Freunde wie Sie. es nicht yerschmähen,
sich bisweilen an unseren: Heerd zu, setzen - und sich
mit uns an seiner Gluth zu freuen.!.
Er hielt bei den Worten Konradinen, seine Rechte
hin, sie schlug herzlich. ein, sie schüttelten einander, die
Hände recht als Freunde, mrud Konradine meinte die
ursprüngliche Schönheit seines Antlizes nie, so klar
erkannt zu haben als in dem Augenblicke, da ein
schwermüthiges Lächeln sanft über, seine Züge glitt.
Hulda's erwähnte er mit -einer Sylbe, weiter,
auch die Frauen vermieden es. Aber- sie -Femerkten
Beide, daß er einen Ring,-von dem alten Familien-
ainge nur durch die bedeutungsvolle Farbe des Steines
unterschieden, an seiner:Hand trug, und sie wußten
sich zu sagen, was ihm dieser Ring bedeute. -
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