Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 16

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Hechszeßntes Gapites
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-- Man hatte den Greis zur Ruhe bestattet. Die
Kirchenglocken, die ihm so oft das Herz erhoben, wenn,
sie ihn gerufen,' des Herrn Wort vor der Gemeinde -
zu verkünden, tönten noch durch die Luft und gaben-
ihn-das lezte irdische Geleite. Der Todtengräber
schüttete die Erde über den schlichten Sarg, der Küster
und die Schuljugend, die Frauen und die Männer aus -
dem Dorfe -gingen'schweigend von dem Kirchhofe heim,
und' wo-Zwei' bei einander waren, sprachen sie von -'
ihremseligen Herrn Pastor,' der ihnen ein getreuer
Hirt und Führer, ein treuer Berather und Seelsorger
gewesen war, durch all' die langen Jahre und in mancherI
schweren Zeit. Es tröstete sie aber Alle, daß er doch ;
in seinem Bette gestorben war, daß er ein schönes - -'
christliches Begräbniß bekommen habe, und nicht so y
elend umgekommen und zu Grunde gegangen sei wie --
die arme selige Frau Pastorin. Nun war Pastor's
Hulda ganz allein.






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Im Pfarrhause standen die-Fenster: in der Kam-
mer offen. Das Zimmer, die Flur und dieiSchwelle,
bis hinaus durch das Gärtchen und hinf bis; an, das
Kirchhofsgitter, hatte man den.Wegmlt Sand -und mit
gehacktem Tannengrün bestreut:. Ii -der:Wohnstube
saß der Amtmann auf dem Sopha und -spraäh; ges
dämpften Tones mit dem PfarrAdjunkten;:der noch
den Talar anhatte.
Mamsell' Ulrike, die gleich, herübergekommen
-wwar, als man im Amte die Todesnachricht- erhalten,
und die in der Pfarre geblieben war, weil mmgn doch
das Mädchen mit demjungen Manne mricht allein dort.,
lassen konnte, Mamsell Ulrike. hantierte imitHilfe der
Küsterin eifrig in der Kammer-umher;r aus welcher
man den Greis hinweggetragen hatteR Sie gvar nun
schon drei ganze Tage von ihrer:Wirihschäft fört und
mußte sorgen, aß man hier bald: fertigSward, demn
noch lange vom Hause wegzubleihen, hatte sie ntcht Zeit.
- Hulda hörte nicht, was -der Amtmannhund- der
Adjunkt besprachen, sie:bemerkte es auch, nicht;wie und
was Ulrike in der Kammer schaffte. -Sie: stand am
Fenster und sah hinüber nach der Stelle, an der, sie
ihren Vater eingesenkt hatten. - So-hatten. sie einst
dagestanden, der Vater und die- Muttex urnd; auch sie,
als die Kunde von dem Tod des Grafenin,dgs'Dorf ge-
kqpmnen war, und damals :war es- gewesen, daß sie
zuerst der Nothwendigkeit gedacht hatte,. einmal erleben
zu müssen, was sie hente erlebte.
,,Unser Leben fährt daßin wie ein Traum und
wie ein Rauch!' hatte der Vater damals ausgerufen,

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und schöne, erhebende Worte hatte er daran geknüpft.
Sie erinnerte sich ihrer wohl. Er war schon damals
mätt-und schwach gewesen. Sie wußte es noch ganz
genau, wie die Mutter ihn ängstlich angesehen, wie sie
sie dann an ihre Brust zedrückt; und wie die Vorstel-
lung fie darauf ergrifen hatte, daß sie einmal mit der
Mutter werde von dem Hause scheiden müssen, sich
eine neue Heimat aufzusuchen.- Mit der Mutter!
=-- Und jetzt war sie allein, ganz verlassen und allein
- verlassen auch von ihm!
,,Wenn er es wüßte!'' rief es in ihrem Herzen
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und laut aufweinend wider ihren Willen, sank sie auf
den Stuhl. am Fenster nieder und verbarg ihr Antliz
in den- Händen.
Dem Amtmianne ging es nahe, wie er das sah -
und hörte. Es war ihm überhaupt sehr weich um's
Herz, und der schwarze Anzug, den er nur bei großen
Gelegenheiten trug und der ihm schon seit langen
Jahren -viel' zu eng geworden war, machte sein ge-
rührtes Unbehagen noch weit ärger.
,Nimm Dich zusammen, Kind, rief er Hulda
freundlich zu, ,komm' her, genieße Etwas, es hilft ja
Nichts, in das Grab kannst Du Dich doch nicht legen,
und es blos zu denken ist eine Sünde! Sieh nicht
dort hinüber, komm' her! Ich bin hier und der Herr
Adjunkt. ist hier; und er und ich, wir üteinen es gut
mit Dir! Komm' her, mein Kind!
, Ich fühl' das ja, lieber Onkel, und ich dank'-
es Ihnen! Und auch Ihnen danke ich für alle die
Güte, die Sie mir erwiesen haben, und- für die

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Thränen,' fügte sie hinzu, indem sie dem Adjunktus
ihre Hand gab, ,,die Sie auf meines lieben Vaters
Grab geweint haben. Die werd' ich Ihnen nicht ver-
gessen!''
,,War er mir denn nicht ein Vater? Waren wir
denn nicht verbunden durch die Liebe, die wir für ihn
hegten, durch die Sorge, die wir um ihn trugen?
sagte der Adjunkt.,,Ach, es wird auch für mich sehr
einsam sein hier in dem Hause, und sehr traurig,
-wenn Sie von hier gehen!!!
Sie sah ihn an, sein ernstes Auge sprach noch
mehr als zu sagen diese. Stunde zuließ; und scheu
und schüchtern zog sie ihre Hand zurück, während
Ulrike, welche die letzten Worte, auch vernommen hatte,
aus der Kammer in das. Zimmer trat.
,Es ist Rath für Alles!. Es wird auch für Sie
schon Rath sein, Herr Adjunktus,k meinte Ulrike und
sah mit ihren scharfen Augen um sich her, als könne
sie auch mit den Augen noch in. gller Eile Etwas
schaffen oder thun. ,Aber die Hauptsache ist, fuhr
sie fort, , daß die Hulda von hier forkommt, und daß
ich in meine Wirthschaft komme, in der viel nachzu-
holen ist und wo. sie mit Hand anlegen kann. Das
wird ihr' gut thun, ganz gewiß; das thut Jedem gut,
denn leben hilft leben! Und wenn' sie nur erst. eine
Nacht in ihrer alten Stube bei uns geschlafen haben
wird, so können wir ja ab und zu auch hier wieder
nachsehen kommen, und dann wird es sich ja später
finden, wie es mit ihr wird und wo sie hin soll.?


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Sie. hatte das auf ihre Weise gut gemeint'und
sich alle die Tage hindurch auch gutwillig gezeigt, denn
große Unglücksfälle hatten auf sie immer eine erhebende
und für den Augenblick auch ihre Gesinnung reinigende
Wirkung, nur daß die Erhebung und Veredlung nicht
zben- länge-währten und daß selbst ihrer Milde noch
immer- genug Schärfe und Herbigkeit innewohnten,
um dienSchmerzesäußerung zurüchudrängen und die
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Thränen gefrieren und versiegen zu machen, die zu
stillen sie gekommen, und die zu trocknen ihr nicht ge-
geben war. Aber Hie wußte sich damit -Etwas und
rühmte es von sich, daß man in ihrer Gegenwart sich
auf das Weinen und Klagen nicht verlege, weil sie
herzhaft seiund kräftig, und also die Menschen auch
gleich auf herzhafte und kräftige Gedanken bringe.
-- Hulda hatte schon am Abende vorher das für sie
Nöthige zusammenpacken müssen. Die Trauerkleider,
die sie nach der. Mutter Tod getragen, waren noch
zur Hand gewesen, und mehr bedurfte sie ja für - das
Erste nicht. Des Amtmanns Wagen stand und war-
tete, die Pfsrde wurden ungeduldig. Mamsell Ulrike
hing sich das schwarze Tuch um, welches sie immer
umlegte, wenn sie zu Leichen fuhr. Der Amtmann war
auch aufgestanden, Hulda's kleines Köfferchen hatte der
Christian hinten fest auf dem Wagen aufgeknebelt.
,Nun. können wir wohl fort!r- sagte der Amt-
mann, indem er seine Uhr herauszog. -
Hulda sezte ihren Hut auf und nahm das Körb-
chen in die Hand, in das sie noch die letzten Stücke
eingepackt hatte. Ulrike ging an den Tisch, auf dem

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die Kuchen und der Wein standen, die sie aus dem
Amte zum Begräbniß hatte kommen lassen und sah,
wie viel davon noch übrig war. ,Verschließen Sie
das doch, Herr Adjunktus!! rieth sie, , auch den
Kaffee und den Zucker. Im Nebrjgen wird die Frau
Küsterin schon für Sie sorgen, ich hab' ihr Alles über-
geben und angewiesen; und wenn Sie dazwischen
herüberkommen wollen, das Wetter ist ja noch' immer
schön, so kommen Sie nur. Ein Plaz am Tisch ist
immer da.!
Der Adjunkt dankte ihr, aber seine Seele war
nicht dabei. Er zllein ermaß, was in dem armen
Mädchen vorging. Auch er hatte einen Verlust er-
litten in dem Greise, dessen arilde, menschenfreund-
liche Gesinnung dem jüngeren Amtsgenossen aufllärend
und erziehend zu Hilfe gekommen war, dessen schlichte,
tiefe Frömmigkeit ihn aus den Fesseln einexüberstrengen
Kirchlichkeit zu: befreien und ihn dem Leben in werk-
thäätiger Duuldung zuzuwenden begonnen hatte; und
auch er erlebte ein Scheiden in dieser Stunde, das
ihm durch das Herz schnitt. Er war es so gewohnt,
Hulda zu sehen, auf ihr Gehen und Kommen im
Hause zu achten, wenn er in jeinem Erkerstübchen saß;
ihre Stimme zu hören, wenn er in das Zimmer zu ebener
Erde eintrat. Nun sollte er das entbehren! Nun
, sollte er ße gehen lassen und nicht wissen, ob sie
wiederkehren, zu ihm wiederkehren würde, um nicht
wieder von jm fortzugehen? - Er, stand neben ihr und
sah sie an, und folgte ihrem schwermüthigen Blicke,
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Fauny Lewald, Die Erlöserin. .

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der sich im Scheiden-' zögernd noch an- jeden Plaz,
an jede. Ecke und an jedes Möbel heftete.
-- - ,Sie werden es ja nicht vergessen!! sagte er
endlich:
-- -,Wie könnte ich?! gab sie ihm zur Antwort.
-' -, Vergessen Sie auch mich nicht,r bat er. ,Den-
ken Sie bisweilen-meiner, ich werde hier für Alles
sorgen!! -
-- ,Sie komnien auch wohl bald in das Amt hin-
über! entgegnete sie ihm, und er hörte an ihrem
Tone, daß sie darauf hoffte. Er war ja der Einzige,
mit dem sie von dem Vater reden konnte, wie es ihr
um das Herz war. Er und er allein-hatte mit ihr
die Sorge um den Greis getheilt, seit sie wieder in
dem Pfarrhause weilten, und er allein wußte auch,
daß für sie nun Alles aus und zu Ende war, seit sie . -
den Ring zurückgesendet hatte. Sie reichten einander
und drückten einander die Hände. Ulrike saß schon
fest in ihrem Wagen, der Amtmann' stand an dem
Schlage Der Adjunkt geleitete das von ihm -geliebte
Mäbchen siill' hinaus' und half ihm einsteigen, denn
die Augen Hulda's schwammen in Thränen.
- Christian, der auf dem Bocke saß, merkte davon
Nichts. Er schwang die Peitsche in dem unvergleich-
lichen, weithin schallenden Doppelschlag, an dem ihn
in der ganzen Gegend Jedermann erkannte, die Brau-
nen zogen lustig an, weil es endlich nun' nach Hause
ging. Die Küsterin und die Magd weinten ihre bit-
teren Thränen. - Im Dorfe traten die Leute unter die
Thüre. Es trocknete sich Mancher still die Augen ab. -?

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grüßten von rechts und grüßten von links, sagen
Keiner Etwas. -
Der Adjunkt konnte es nicht mit ansehen, daß sie
von dannen fuhr. Er ging in das Haus zurück und
in sein Erkerstübchen. Da hatte er sie nie gesehen,
da konnte er verweilen ohne sie. Er setzte sich hin
und sah auf das Meer hinays und überdachte, was er
hier erlebt hatte. Uid wie' er'saß und sann, da fühlte
er plötzlich, daß seine Gedanken wieder bei ihr waren,
und mit Sehnsucht vorwärts blickend, rief er: ,Möge
ihr Eingang einst gesegnet sein, wenn der Herr, der
mir gnädig gewesen ist bis auf diese Stunde, ihr Herz
also lenkt, daß. sie!wiederkehrt in dieses liebe-Haus!-
- Er blieb den ganzen Abend-still bei seinen, Büchern
sizen, und war zufrieden, daß ihn Niemandtörte, daß
er traurig sein durfte nach Herzenslust.---
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