Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 17





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- Hiebenzehntes Gapites
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? Has Stübchen, welches Hulda in dem Amte inne-
-gehabt hatte, ehe man sie zu Miß Kenney hinüber-
genommen, ward wieder für sie aufgethan; man
schaffte' ihre Sachen schnell hinein. Sie sollte stch nur,
Alles gleich zurechte machen, sagte die Mamsell, damch I
solle sie dann zu ihr kommen, und sie wollten weiter ,
zusehen.
Das Einrichten war bald besorgt. Sie war leicht ?
damit fertig, denn sie war so unglücklich, daß sie auf -
ihr äußeres Behagen keinen Werth legte und Nichts -
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- empfand, als daß sie eben lebte und leben mußte.
Dazu hatte Hulda seit der Mutter Tod allein ihr -
Haus versorgt, und weil sie in diesem Augenblicke -
Leinen eigenen Wunsch und kein Verlangen hatte, war
ähr jede Arbeit recht und lieb, welche ihr dazu ver-,
half, an jedem Tage die Stunden desselben zu über- -
winden.
Mamsell Ulrike sah das gern. Sie fand, daß I
dem Mädchen die Arbeit jetzt ganz anders als vordem -
von Händen gehe, nur daß Hulda gar so still war,

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das gefiel ihr nicht und gefiel ihr mit jedem neuen
Tage weniger. Sie mochte nun einmal keine Men-
schen um sich haben, die nicht bei ihrer Arbeitredeten,
sie mißtraute Denen sogar ein- für- allemal, die so
schweigend und in fich versunken herumgehen konnten,
denn sie wußte das aus eigener Erfahrung: gute,
offenherzige Menschen haben immer das. Herz auf
ihrer Zunge so wie sie. Was hatte Hulda denn auch
zu verschweigen? Daß sie traurig war, das sah man,
das konnte sie auch einem Jedew sagen. Sie war in-
dessen, wer weiß wie lanng, auf ihres aters Ende vor-
bereitet gewesen, und- es war ein großes Glück zu
nennen, daß er endlich noch entschlafen war, ehe sein
Augenlicht ihn ganz - verlassen hatte. Um den Baron
konnte sie sich jetzt doch auch nichtmehr so- härmen,
da er sie vergessen hatte und aufs dem Punkte stand,
sich eine Frau zu nehmen, wwie sie ihmzebührte.
Hulda konnte es jetzt ja deutlich sehen, daß es ihm
nie Ernst gewesen. war mit ihr: Wenn sie sich aber
etwa Hoffnungen auf den Herrn Adjunktus machen
sollte, so war das wieder einzig ihre Schuld. Der
Adjunktus konnte doch unmöglich daran denken, sie,
über die hierorts und rundherum soviel geredet wor-
den war, zur Frau zu nehmen. Das' lag -ja Alles
auf der Hand, das mußte Jeder sehen, - wie Mamsell
AUlrike meinte: Und weil' sie, wie sie gleichfalls meinte,
ein ganz redliches Gemüth war, ohne Falsch und ohne -
Hinterlist, so brauchte sie auch kein Batt vor ihren
Mund zu nehmen, und durfte unumwunden sagen,
was sie dachte.

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Kein Tag verging deshalb, an welchem sie das
Hulda nichd erklärte. Sie waren niemals bei einander?
ohne daßf!die. Mamsell ihr vorhielt, wie es nun genng:
des Trauerns wäre, und wie sie sich tapfer aus dem- ,
Sinne schlagen müsse, was nicht zu ändern sei. - Ein
trauriges Gesicht und einen stummen Menschen um
sich und neben sich zu haben, das gehe ihr gegen die.
Natur. Vorwärts! das sei die richtige Parole für
Alt und Jung, für Mann und Weib. Vorwärts mit
Eourage! damit, komme man auch vorwärts.
-:: ,Vorwärts! -- Vorwärts!? Hulda hörte das in.
einemfort, es war: zuletzt das Einzige, was sie von
Ulrikens Reden hörte, was sie sich selber sagte und als
Nothwendigkeit. erkannte. Denn dauernd -in der quäle-
rischenNähe der ihr abgeneigten und rgstlosen Mamsell: -
zu bleiben, daran konnte sie ebensowenig denken, als
an eineEhe. mit dem PfarrAdjunkten, wenn ihr dieser
seine Hand-antragen sollte. Ihr Herz und ihr Ge-
wissen,lehnten. sich gleichmäßig dagegen auf. y
s -.Aber was denn -sonst? fragte sie sich oftmals.
Was thun? -Was - beginnen in der Welt,u. die ihr ;so
fremd und eben,deshalbsso trostlos leer und weit erschien.
- Sie ging in mancher nächtlichen Stunde, die sie -
bang durchwachte, alle ihre Möglichkeiten durch. Sie
hatte mancherlei Kenntnisse erworben; der Vatex soe
wohl- als Miß Kenney -hatten ihr oftmals wiederholtz
daß sie im Stande sei, als Lehrerin in guten Familien --
ihren Plaz -mit Ehren auszufüllen. Aber solch eine--
Stellung fand- sich ja - nicht. gleich, und--- darüber.
hatte sie sich auf die Länge nicht verblenden können --

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hier in ihrer Heimat stand ihr ein Vorurtheil im
Wege, dem sie nicht entgegenzutreten wußte. Man
hatte sie verdächtigt, ihr guter Name wai, angegrifen,
und wenn ihr Bewußtsein sie aüch freisprach, sie hatte
in den letzten Jahren durch die lächelnden Mienen,
durch die thörichten Fragen und die uwvernünftigen
Anspielungen der wenigen Frauenzimmer, ymit denen
sie zusammengekommen war, schon genug gelitten. Sie
ahnte es seit lange, daß Ülrike ganz allein diese
Zweifel an ihrer. Sittlichkeit erregt haben konnte, und
sie mochte nicht in einer Umgebung leiben, in wel-
cher sie sich gegen ein heimliches Nebelwollen unab-
weislich zu vertheidigen hatte. Aber wöhin? an wen
sich wenden? von wem den Rath-begehren, den Bei-
stand fordern, deren sie so sehr -benöthigt'war. Sie
stand immer wieder vor derselben .bangen Frage.
, Sie dachte daran, z daß: die Gräfinsesn zu ver-
schiedenenmalen den verstorbenen Eltern zugesagt hatte,
sich ihrer anzunehmen. Die Gräfin hatte es auch dem
Amtmann, als dieser ihr des Pfarrers Tod gemeldet,
ausdrücklich wiederholt, daß sie ihre Hand von Hulda
nicht abzuziehen denke, daß dieselbe:ihre Wünsche nur
auszusprechen habe, und daß sie gerne- bereit sei, sich
für sie um ein Unterkommen zu bemühen, wenn Hulda
vielleicht die verständige Absicht hegen. sollte, im Aus-
lande als Gouvernante Fch eine Stellung zu erwerben.
Aber in des armen Mädchens Seele erweckte dieses
Anerbieten Nichts als einen Mißton. Denn eben von
der Gräfin irgend einen Beistand zu begehren, dazu
hätte sie in der größten Noth sich kaum entschlossen.

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- Sie wußte,. was die: Gräfin damit meinte;
wenn sie: sie aufi das Auskand hin verwies; und doch
durfte man fich, wie Hulda meinte, wohl darauf ver-
lassen, daß: sie Ehrgefühl genug besaß, sich von dem
Manne fern zu halten, -der ihr zu begegnen nicht mehr
wünschen komnte. Sie hatte ihm jg unaufgefordert
das Liebespfand zurückgesendet, mit dem er sich ihr
einstmals anverkobt.
Sie, kannte sich oft selist nicht wieder, wenn sie
iw:ihrer Einsamkeit: mit sich zu Rathe ging- Sie
wußte kuicht, weshalb sie nicht mehr zu vertrauen, nicht.
mehr:mit so gutem Glauben um sich her zu blicken
vermochte. Sie erschrak vor sich selbst, wenn sis ge-
wahrte, wie scheu sie geworden war, seit ihres Vaters
Haus und Ansehen sie nicht mehr beschützten. Sie er-
schien sich hier unter den Menschen, neben denen sie
herangewachsen war, wie verlassen, wie fremd und aus-
gestoßen; und während diese Gefühle sis ängstigten
und guälten, kam es ihr wie die einzige Rettung vor,
von hter , fortzugehen, an einen anderen Ort, -aw wel-
chenr siezwar noch fremder, noch verlasfener fein- mußte,
aber an denisie nicht wie hier, immer nur an sich zu den--
kenhakte, immer nur das Gleiche fah und hörte, immer
wteder in fich selbst zurückgewiesen ward.-Gkück, das
gab es für sie nirgends. Was also konnte sie für sich
begehren, als ihr Unglück und woniöglich Alles zu
vergessen, was ihr Herz bedrückte, ihren Sinn ver-
düsterte. Aber - wohin? Und was beginnen und
- wem sich anvertrauen?
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Der Fürst und die Fürstin hatten sich ihr im
Schlosse vorzugsweise geneigt erwiesen. Clarisfe war
überhaupt ihr Jdeal. Iw den wenigen glücklchen Tagen,
welche nach Hulda's Krankheit bis zu der Abreise des
Barons vergangen waren, hatte die,Genesende sich der
Hoffnung hingegeben, die junge Fürstin werde nicht,
wie die Gräfin, sich ihrer Verbindung mit Emanuel
entgegenstellen, sie werde ihr es gönnen, von ihm ge-
liebt zu werden, sie werde ihr helfen, sich auf dem
Plaze zu behaupten, auf den er sie- zü skellen dachte.
Ihr Vertrauen in Elarissen's Hegzensgüte war sehr
groß. Erfahren mußte- die-Fürstin es jetzt durch ihre
Mutter ohne Frage haben, daß der:Pfarrsr hingegan-
gen war, und doch hatte fie Hulda kein Zeichen ihrer
Thsilnahme gegönnt. Freilich, der Fürstin! Leben war
so bewegt und reich. Es gingen- in dem beständigen
Wechsel ihres- Aufenthalteseso viele Menschen rasch an
ihr vorüber, und' sie' war so glücklich. Sis konnte es
ja nicht ermessen, welch ein Segen' dem Einsamen,
der sich verlassen fühlt, ein Wort des Trostes werden
könne. Sie mochte der armen Pfarrerstochter vielleicht
vergessen haben, sie konnte auch, wie so mancher Andere,
irre an ihr geworden sein, wenn Etwas von den ver-
dächtigenden Gerüchten zu ihr' gedrungen war, welche
der gewissenlose Michael im Schlosfe verbreitet hatte;
und von Clarisse zurückgewiesen, von der Schwelle
fortgeschickt zu werden, die sie einst als Angehörige
des Hauses frohen Herzens zu betreten gehofft hatte,
vor dieser bitteren Möglichkeit wgllte sie sich wenigstens
bewahren.


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; Wie, sie nun immer länger auf diesen Vorstel-
lungen verweilte, traten alle die kleinen Kränkungen,
welcheJ sie in den beiden letzten Jahren von ihren
wenigen Bekannten erfahren hatte, in ihrer Erinne-

rung: schärfer und deutlicher hervor, und jene. Ver-
zagtheit,. welche fast noch schlimmer ist als das Unglück
selbst, bemächtigte sich ihrer. - Sie fing an, sich' ihres
Unglückes.zu schämen, »Siesschämte sich endlich sogar
ihrer Liebe aund;der Hoffnungen,- welche:,sie dereinst
auf -ie gehaut hatte Sie konnte es nicht aushalten,
wenn man sie ansgh, weil sie- meinte, man wolle sich
überzeugen, wwie sie sich jn die Zerstörung aller ihrer
Lehensaussichten Ju schicken wisse. Sie mochte;dem
Adjunkten ;nicht mehr begegnen, so dankbar sie,sich ihm
verpflichtet fühlte,- denn sie konnte. ihm nicht lohnen,
wie er es wünschte. Kurz Alles, was sie sah und
hörte -und was sie hier umgab, ward ihr zur Pein,
und,:dasVerlangen, zu vergessen und vergessen zu
wexdenz;und an einen -Drt zu kommen, an'. dem Nie-
mand zvonsihr, wußte, wurde immer überwältigender
in, ihr..? - -
-.- - Darüber schwanden-die Wochen hin- und im Amte
fing es an, recht lustig herzugehen. Da die Herr-
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schaften-wieder, fort waren, hielt der,Amtmann
mit den; Gutsbesizern und den Freunden aus der
Nachbarschaft die großen Jagden ab; nach einer Ernte,
wie man, sie in diesem Jahre hierzulande gehabt hatte,
brauchte!' man ,nicht ängstlich zu berechnen, jondern
konnte etwas daraufgghen lassen. Es gab der Gäste
und der Arbeit viel im Hause, und es war eine Reihe


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von Tägen hingegangen, ehe Hulda an den Amtmann
die Bitte richten konnte, er möge mit ihr einmal nach
dem Pfarrhause hinüberfahren, -wwo sie seit des Vaters
Tode nicht wieder hingekommen war: - -
Der Amtmann, der sie ygch, wie, vgr gern in seiner
Nähe hatte, war an dem Morgen, besonders gut auf-
gelegt, und wie er denn überhaupt mit ihr zu scherzen
liebte, sagte er: , Hält es dieWoche: übex nicht mehr
vor? Wir sind heut' erst äm Donnexstag und Sonn-
tags war ja der Herr Adjunktus Fier, Aber mir ist
es nicht zuwider. Fuhrwerk ist frei und - ich hah' auch
eben Zeit.! Damit stand er auf,-um Jden Kutscher
herbeizuschafen. Hulda' trat ihy,in, den-Weg..
,Onkel,- sagte sie verlegen, ,Sie wissen es wohl,
das habe ich nicht gemeint. Um iden»Adjunktus war -
mir es nicht, aber alle meine Sachen sind noch in der
Pfarre.!
,Und Du willst nach dem-Deinen, sehen! Das
ist recht, mein,Schaz!! fiel; dex Amptnann ihr in das
Wort, ,das wird dem Adjunktus wsohl von Dir ge-
fallen.!
,Ich dachte nicht an das Nachsehen, Dnkel; ich
wollte mir nur von dort herübexholen, was - ich, für
die kalten Tage brauche, und vielleiht ejn, paar Bücher,
und den Nähtisch von der Mutter, penn es sein kann,!
entgegnete sie ihm, um ihn abzulenken, von dem. Scherze,
der nicht nach ihrem Sinne war. Aber hintex diesem
Scherze verbarg sich bei dem treuen Freunde sein
voller, gutgemeinter Ernst, und ihr auf die Schulter
klopfend, sagte er: ,Deine Kleider und- Deinen Mantel

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und die Bücher, Die wollen wir Dir holen, Schaz!
Des Nebrige, das laß Du nur in Gottes Namen ste-
hen. Däs hat dagestanden alle die Jahre lang und
wird mit Gottes Hilfe auch die kommenden Jahre
dorten stehen, wenn ich es auch nicht in Abrede stellen
will, daß ich und Du - denn Du hast ja jetzt Dein
eigen Geld von Mamsell Kenney her = daß ich und
Dü -nicht hie' und da ein neues Stück, eine Wiege
oder so Etwas,' dazwischenstellen werden. Ihr kommnt
von Vaters Seite aus dem Hause her, und es ist gut
ünd schön, daß sich auch wieder Einer zu Dir gefun-
den -hat, dem das alte Haus in das Herz gewachsen
ist, und neben dem Du dort sicher und in Frieden Ftzen
Girst' Dein Lebenlang, wie Dein Vater' und.-Deine
Müttek' dort gewaltet und gelebt haben bis an ihr selig
Ende. -'
Er war, ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu lassen,
nach dem Fenster gegangen, um mit dem Eulenpfiff,
den Jeder' anf dem Gute- kannte, dasZeichen zu geben,
daß der Hofmann kommen sollte,- dem es oblag, -den
Leuten die Befehle des Amtmanns zu übermrnitteln!
Wie er' aber das Fenster öffnen wollte, kam des Ober-
försteis Wagen in den Hof. Mamsell Mlrlke rief nach
Huldä, aus der Fahrt in das Pfarrhaus konnte heute
nun Nichts werden, und dem Mädchen war das lieb
und recht.- Es möchte gar nicht daran denken.' - -
- Wie eine Last, unter der sis sich nicht regen konnte,
wwie eine schwere Angst waren des Amtmanns gut-
gemeinte Worte: , Dort wirst Du sizen Dein Leben-
lang- auf Hulda herniedergefallen. Alle die langen,
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bangen Tage, alle die schweren Stunden, die, sie im
Pfarrhause in den letzten Jahren zu durchleben gehabt
hatte, hingen für ihr Empfinden' über demselben wie
der Deckstein eines Grabgewölbes, dernHich nun auch
über sie herniedersenken sollte. -Die Aussicht, ihr ganzes
Leben lang immer und immer an dem kleinen Fenster
zu sizen, an dem sie gesessen von :frühsr Kindheit an,
immer aur die Kirche. vor Augen zu haben und den
Kirchhof, und immer Nichts zu hören, als das Wogen
und Rollen der Wellen und den: schrillen. Schrei der
Möwe, die über die Ufer nach dem Meere eilt, das
war ihr rentsetzlich.. Es schnürte ihr das HerzIzusam-
men. Es war ihr, als gäbe es hier aicht agehr den
Frühling und nicht den. sommerlichen. Sonnenschein,
an dem sie sich doch sonst erfreut hatterDie unbe-
stimmte Sehnsucht; mitndex. sie schonfin?früher Kind-
heit dem Fluge der wweit hinwandernden. Pögel nach-
gesehen, bemächtigte sich'ührerh mnit neuer und stärkerer
Gewalt. - Es zog sie förmlich:in die Ferne inaus
aus der Enge und der Bewegungslosigkeit, die sie hier
in Fesseln schlagen sollten. Und das sollte das Glück
sein, das größte Glück, auf welches zu rechnen:für sie
möglich war? Nimmmnermehr! -Die Lebenslust und-
LebenEfülle in ihrem Innern empörten sich dagegen.
Es stiegen ein Zorn, ein Trot gegen ihr Schicksal in
ihr auf, wie sie sie urhe zuvor gefühlt. hatte.
,Soll ich dazu jung- unnd schönn jein,! dachte sie,
und ihre Wangen erglühten vor cham, wie sie sich
Das eingestand, , dazu jung und schön sein,. um hier
in grauer, träger, freud- und hoffnungsloser Einsamkeit

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ein Dasein zu vertrauern? Und soll ich Liebe heu-
cheln, einen braven Mannn betrügen, einen Meineid
schwören,' um mir dies traurige Geschick erst zu erkau-
fen?== Nimmermehr!?
, Sie: wendete, ohne zu überlegen, was sie that,
ihe Antliz nach dem Spiegel hin, es strahlte ihr in
dem hellen Scheine der Nachmittagssonne leuchtend
aus demselhen wider. Ihre blonden Flechten -schim-
nerten wie-Gold. ,Ein Käthchen, wie es im Buche
steht!? Hätte der TheaterDirektor gesagt, als er sie bei
Gabriele gngetroffen hatte.
- - Sie wußte nicht, wie: grade diese Worte ihr
eben jetzt, mitten in ihrer Traurigkeit in den Sinn
kamen, aber sie klangen so deutlich in ihr wieder, als
hätte ein Anderer sie in ihrer Nähe ausgesprochen, und
Alles, was an jenem Morgen geschehen war, an wel-
chem sie dieselben von des Direktors Mund vernom-
men, wurde mit einmal in ihr lebendig.
- - Sie sah Gabriele wieder vor sich auf der Bühne,
inz alll ihrer Erhabenheit; getragen von der Bewunde-
-rung jenes Püblikums,' das mit athemloser Freude zu
ihr emporblickte; sie war wieder bei ihr in dem trau-
-lichen -Gemach, in welchem an dem kalten Winter-
-morgen die. schönsten Blumen sie umgaben. Sie sah -
Briefe ankommen von hier und dort, sah wieder den
Direktor mit einschmeichelnder Huldigung als Bittenden
vor der selbstgewissen, heiteren Künstlerin erscheinen.
Die prächtigen Kostüme, welche die Kammerfrau durch
das Zimmer trug, die werthvollen Schmucksachen, die
zierlichen Kleinigkeiten, die auf den Tischen umher-
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gelegen hatten: sie erinnerte sich jedes einzelnen Stückes.
Auch der Verhandlungen, welche zwwischen dem Direk-
tor und der Künstlerin gepflogen worden waren, ent-
sann sie sich genau. Gleich damals- hatten ihr die
Hindeutung auf die Reisen, auf den'Drtswechsel, die
Gabrielen bevorstanden, das Herz vor Sehnsucht nach
gleichem Glücke schlagen machen; und wie siefnun wie-
der daran dachte, klang ihr des Amtmanns wohl-
gemeintes: ,Dort wirst Du sizen -Dein Lebenlang,!
immer in dem Pfarrhause, immer an derselben
Stelle, wie der härteste Bann, der über eines
Menschen Dasein ausgesprochen- werden konnte, wie
der böse Fluch einer feindlichen Fee, der das Leben-
dige in Stein verwandelt und -zur Unbeweglichkeit
verdammt.
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Wer aber zwang sie denn, sich solchem Fluche
ohne Widerstand zu unterwerfen? - Sie hatte'ihrem
Vater gehorsamt, so. schwer ihr es angekömmen war.
Ihre Jugend, ihre Liebe, ihre Aussichten auf das er-
sehnteste und neidenswertheste Glück hatte sie ihm still
geopfert. Jahre des Schmerzes und der hoffnungslosen
Trauer hatte sie durchlebt, von denen nursie es wußte,
wie schwer die einzelnen Stunden auf ihr gelastet und
wie langsam sie ihr hingegangen waren:- Jezt hatte
sie nicht Vater und nicht Mutter, jetzt. hatte' sie nicht
die geringste Hofnung- mehr, dem geliebten: Manne
zu gehören. Sie war ganz allein, es lebtsNiemand,
gegen den sie Pflichten, der an sie Rechte hatte. Wes-
halb sollte sie sich freiwillig in ein Schicksäl -fügen,
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vor dem ihr graute wie vor einem langen, leidens-
vollen, Sterben? Nimmermehr! -

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- Gabriele war das einzige Menschenwesen, vor
dem sie von sich und ihrer Liebe frei gesprochen, wweil -
ihr warmes, verständnißvolles Auge ihr das Herz er-
schlosßep, weil ihre Güte ihr dazu den Muth gemacht -
hatte: - Sie hatte kein Wort vergessen von Allem, was I
die-Künstlerin ihr damals ernst und wenig cröstend -
zuzhedenken gegeben hätte. Es war Alles gekommen,
wie dielWelterfahrene es vorausgesehen. Hulda hatte
jetzt selber. ihren Weg zu suchen, und wie zu einer
jener, Hernen Leuchten, zu denen der verirrte müde ;
Wanderer seine Blicke wendet, richteten Hulda's Ge-
danken ch auf die berühmte Frau.
Gabriele hatte ihr es ausdrücklich erlaubt, Eich an-
sie zu wenden, wenn sie jemals auf ihrem Lebenswege
sich ihres Rathes, ihres Beistandes bedürftig fühlen
sollte. Se länger, je fester fie sich die Vorgänge jenes-
Morgens :zu aergegenwärtigen strebte, amm so unwrider-
stehlicher jezte. sich. in ihr die. Neberzeugnng fest, gn '
welchen ebensweg die Künstlerin für jie gedacht, zu ,
welchem Zwecke sie ihr ihren. Beistand angeboten-
hatte.
Auf das Theater gehen! Schauspielerin wwerden! -
==- Es fuhr blendend und erschreckend wie ein jähes
Licht durch den Sinn der Pfarrerstochter, und doch - -
wwar ihr die Vorstellung nicht neu. Tag und Macht -
-atte dieselbe sie beschäftigt, als sie Gabriele geßehen, -
und volends, nachdem sie mit ihr den Romeo. ge-
lesen, und den unvergeßlichen Morgen in ihrem Zim- -

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mer zugebracht hatte. Ohne daß sie es gewgllt, hatte
sie sich danach in den lgngen, ejnsamen Tagen im
Pfarrhause es ausgemglt, wie es ihr jein zvürde, wenn
sie dastünde vor den Augen eines ähr huldigenden
Publikums. Mit heimlichem Wohlbehagen hatie sie
sich der kleinen Erfolge erinnert, welche sie Sei den
gelegentlichen Darstellungen- im, Schlosse. errungen,
und oft genug waren ihr die Worte des Direktors ein-
gefallen: ,Auf das Theater führen alle Wege, wwie
nach Rom!
Damals hatte der Direktor ihr mißfallen. Sein
ganzes Behaben, die Dreistigkeit, mnt welcher er ihr
entgegentrat, hatten sie perletzt; indeß, - das. war im
Grunde ihre Schuld gewesen und yicht die jeine. Was
hatte er ihr denn gethan? Ihre Aehnlichkeit mit Ga-
briele war ihm aufgefallen. Weil er sie bei Gabrielen
fand, hatte er jie für eine junge Schauspielerjn ge-
halten und sie darauf angesehen, welche Bedeutung
und welchen Werth sie für die Bühne haben mochte.
Er hatte ihr Aeußeres, auf das so viel ankam, erg-
minirt, wie ihr Vater das geistige Vexmögen der
Kinder geprüft hatte, welche ihm zum Unterrichte im
Christenthume zugeführt worden waren; und ihres
Aeußeren, ihrer Mittel hatte sie sich nicht zu schämen.
Sie trat unwillkürlich wieder vor den Spiegel hin,
hob das Haupt stolz empor, und das Antliz, das sie vor
sich hatte, strahlte von einer siegreichen Selbstgewißheit.
Ihre Gedanken gingen mit raschem Fluge vor-
wärts, erhoben sich zu weitgesteckten, xuhmgekrönten
Zielen, aber mit der Gewissenhaftigkeit, zu der sie er-
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fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.

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zogen worden war, zwwang sie sich, in ihren verlocken-
den Träunien innezuhalten und, rückwärts blickend,
sich es vorzustellen, was jenen Aussichten und Plänen
entgegenstand, in denen sie sich mit freudiger Auf-
regung- zu wiegen angefangen hatte.
- Sie wußte es, wie die Frauen, denen es be-
schieden ist, in guten, wohlumfriedeten Familiewwer-
hältnissen ein ruhiges Dasein hehaglich hinzubringen,
geneigt sind, über die- dem allgemeinen Urtheile preis-
gegebene Bühnenkünstlerin mit hochmüthiger und kurz-
sichtiger Ungerechtigkeit zu urtheilen. Sie hatte gerade
in Bezug guf Gabriele' Härten aussprechen hören, die
ihr empörend gewesen waren und gegen welche ihr
Vater Gabriele und die Künstlerinnen im Allgemeinen
in Schutz genommen hatte.- Er war überhaupt keiner
von jenen engherzigen Eiferern gewesen, welche das
Theater verurtheilten; er hatte es vielmehr geliebt,
-und hatte es als berechtigt anerkannt, daß Frauen fich
der Bühne widmen, um jene Meisterwerke darstellen --'
zü helfei, an deren Aufführung er sich nöch erfreüte;-
als sein Augenlicht erlosch und nuur seines Geistes Auge
noch klar und hell geblieben war.
Sie hatte an den beiden Abenden, an denen sie
Gabrielen spielen gesehen, lebhaft daran gedacht, mit
wwelch priesterlicher Freude es die herrliche Frau erfüllen-
müsse, Tausenden von Menschen die Verkörperung und
die Vermittlerin der großen Dichterwerke zu sein. Sie
hatte sich oftmals im Geiße die ersten Worte des.
Dialoges wiederholt, mit denen Gabriele in der Auf-
führung des ,Tasso' auf die Bühne getreten war.
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Jetzt zum erstenmale sprach sie. dieselben mit lauter,
voller Stimme vor dem Spiegel', für: sich selber aus,
und wie der Klang ihr Ohr berührte, ergrif er sie
mit einer fortreißenden Gewalt und erschütterte. er. ihr
das eigene Herz.
,Ja! so dazustehen, auf der hohen Bühne, die
Blicke eines zustimmnenden; bewundernden Publikuns
an sich zu fesseln, es zu empfinden, wie in. Hunderten
von Herzen das Schöne, das Erhabene, das die eigene
Brust mit bebender Begeisterung erfüllte, wiederklang,
das muußte ein Glück sein, über das man..llles ver-
gessen konnte- Mlles-- auch verschmähte Liebe und
gebrochene Treue.-- Und wenn; er dann Jdasäße unter
den Hunderten, die ihr huldigten. und Beifall katschten,
wenn er sich dann sagen müßte:: ,Uid Du hast. sie
verschmäht und hast . sie: aufgegeben und pergessen,
weil sie ihre Pflicht gegen ihren armen'alten. Vater
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höher geachtet als ihr -eigenes, Ach, -o heiß ersehntes
Glück. -=- --
-- -.
Sie konnte nicht weiter, sie schlug die Hände vor
das Gesicht, es wollte ihr das Herz brechen und sie
mußte bitterlich weinen. Ahr Liebesleid, das ließ sich
nicht vergessen!
Draußen fing es inzwischen allgemach still zu
werden an. Der taktmäßige Schlag der Dreschflegel
verstummte, und die Drescher gingen, mit den schweren
Holzschuhen auf dem Pflaster -des Hofes klappernd,
noch an Hulda's Fenstern-vorüber nach dem Dorfe.
Drüben machten der Hofmann und der Schäfer die
Thüren der Scheunen und der Ställe zu, die Eggen

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wurden zusammengestellt, die Wagen neben einander
.in gerader -Linie aufrangirt. Am Brunnen scheuetten ? -
aind spülten die Mägde die Gefäße, deren man in den
Milchkammern bedurfte. Der Hofmann ging an ihnen
vorüber, machte einen Scherz mit der Jüngsten und
Derbsten unter ihnen, dann trat er in das Amt, die
Schlässeli in der Schreibstube aufzuhängen. Dbenüber
Hulda'sZimmer stimmte der Wirthschafter seine Flöte,
Aum wieder eine der Melodien zu versuchen, die klar
und rein- herauszubringen ihm nun einmal auicht ge-
Lingen wwollte. Das war einen Tag so wie den an-
deren! Und ein Menschenleben konnte doch lange Jahre
wvähren und der Tage waren so viel- in einem Jahre!
- - Sie lehnte hinträumend am Fenster: Drüben in
-dem Schlosse schimmerte aicht mehr der Kerzenschein -
wie in jenen glücklichen Tagen, die nicht wiederkehren-
Lonnnten. Aber durch die keinen Scheiben ihres Fen-
sters leuchtete das erste Mondesviertel von dem hellen-
Himmel freundlich in ihr Stübchen, und ihm zur
Seite schwammmu der schöne Abendstern sanften Glanzes
durch das leichte schimmernde Gewölk. Sie konnte
ähre.Augen nicht abwenden von denmilden, tröstlichen -
- Gestirnen.
-
,Die sind treu, die werden mit mir gehen!! ?
ragte sie zu sich selbst; und wie über ihrem Haupte ;
-das schwebende Gewölk, so zogen in kaum merklichem--'
Entstehen und Vergehen ihr traumhaft die Gedanken Z
durch den Sinn, bis der schrille Ton von Mamsell -
-Alrlkens Wirthschaftsglocke sie aufschreckte und an ihre ,
Arbeit rief.
zgppggegwwwwwww