Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 18

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Achizehates sabts?
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Der Oberförster, hatte sich? bereden. lassen, die
Nächt in- Amte zuzubringen, weil hnigerade Richts
nach Hause rief.. r- war ein;Mann noch in den
besten Jahren, nicht peit in die Fünfziger hinein, war
kinderlos und hatte, vor' einigen Monaten; seine Frau
verloren, so daß-er froh war wenn er ;ausdem leeren
Hause fort war, in wwelchem,die . Fran- ihm- an allen
Ecken und Enden fehlte. Er liebte eine gute Schüssel,
ein gutes Glas, ein freundliches Gesicht; und wwemn er
diese drei Dinge vor sich hatte, ging ihm, leicht das
Herz auf.
Der Amtmann und die Mamsell sahen ihn Beide
gern kommen. Er war überhaupt angesehen in der
Provinz, und da -er häufig unterwegs und bald Rin
diesem, bald. in jenem Hause. war, wwußte -er immer
Neues zu erzählen, und zwar von Dingen, von denen
in der Zeitung und in dem Amtsblatte Nichts zu
finden war. Er und- der -Amtmann waren- gute
Freunde von Alters, her, er stand- auch mit Mamnsell
Ulrike auf dem besten Fuße. Er nannte sie ein kluges,


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scharfsichtiges Frauenzimmer, und ihre Schrullen und
Launen gingen ihn Nichts an, sie hielt sich auch vor
ihm in Schranken.

Da er seit dem Tode seiner Frau öfter in das
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Amt gekommen war, wußte Hulda, was für ihn zu
beschaffen war, und machte sich daran, es zu besorgen.
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Aber war es, daß die Mamsell, heute eine andere Ein-
richtung im Simne'' Jatte ober hatte Hulda ihre Ge-
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danken nicht genug beisammen, kurz, sie machte es
Jener wieder einmal in keinem Punkte recht. Ulrike
warf ihr vor, daß sie keine Art voi Hilfe von ihr
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habe, daß sie Alles selbst bedenken, selber leisten: müsse,
und wenn sie erst einmal in das Schelten kam, war
fie in ihrem Eifer nicht gewohnt, ihre Worte auf die
Goldwage zu legen. Ihr Mißmuth und ihr Zorn
mischten sich dann wie Hagel und' Regen und fielen
peinlich erkältend auf Jeden nieder, der in ihre-

Nähökämr:' -?
- Schon während des Abendessens hatte sie Hulda
.bald dffen, bäld- bersteckt getadelt, und: Huldas hätte
schweigend zu verbessern' gesucht, was der Erzürnten ?
nicht genehm gewesen war; als aber der Inspektör und
die Wirthschafter sich -entfernt hatten und die beiden
Männer sich auf dem Sopha zu einander setzten, um
die Früchte und das Backwerk zu verzehren, die den
Nachtisch bildeten, und bei einer Bowle ihre Pfeife
vor dem Schlafengehen zu rauchen, kam das Unwetter
von Ulrikens übler Laune ganz zu seinem Ausbruche.
Sie fänd die Goldreinetten nicht blank genug geputt
das, Wasser kochte nicht genug, die Eitronenpresse war

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- nicht sauber, der Tabakskasten und die Fidibus den
Herrn Oberförster nicht zur Hand gestellt. Sie kamr
gus dem Verweisen, aus dem verächtlichen Achsel-
zucken, aus dem verzweifelnden Kopfschütteln gar nicht
mehr heraus. Es machte den Amtmann endlich - un-
geduldig.
,So gib Dich doch zufrieden und laß sie doch
in Frieden!' sagte er endlich und hieß Hulda sich nit
ihrer Arbeit an dem Tische niedersetzen. Auch der
Oberförster meinte, es sei ja Alles gut und recht,
, ,undr, fügte er hinzu, , wenn Alles zu Alleni kommt,
- ist doch ein fröhliches Gesicht noch bessex- anzusehen,
als der allerschönste Apfel.- Er erhob sich bei den
- Worten, rückte für Hulda: einen Stuhl -heran, und
zwwar an seiner Seite, und machte:ihr auf emTische
Play, damit sie ihr Nähkörbchen, unteihringen könnnte.
So aber hatte Ulrike es nicht: gemeint? - -
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,Bestärken Sie sie nur in diesem Glauben, Herr
Oberförster!r rief sie höhnisch, ,nachher hat Unsereiner
- es im Hause auszubaden. Unordnung läßt sich nicht
weglächeln, und freundliche Mienen und vornehme
Manieren helfen in der Wirthschaft nicht. Da muß
- man auf den Kern sehen. - Ich muß doch wohlam
, Besten wissen, was ich än ihr habe.!
,ber Schwester! Schwester!? zürnte der Ant-
mann, dem es verdrießlich war, daß sie sich in des
Gastes Beisein in ihrer üblen Weise gehen ließ. Hulda
erhob sich, um das Zimmer zu verlassen.-Der Ober-
förster hielt sie bei der Hand- zurück:
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Er wußte von dem Amtmann, wie es Hulda mit
dem Bäron ergangen war, er kamnte auch das un-
nütze Gerede, mit welchem man die Arme in der Um-
gegend verfolgte, und weil' er sah, daß Hulda bei
Mamsell Ulrike keine guten Tage hatte, war es ihm
ein Bedürfniß ihr freundlich zu begegnen. Die gute
Art, mit welcher sie ihre Obliegenheiten erfüllte, die
Freundlichkeit, mit der sie dem imr Amte geehrten
Gaste stets entgegen kam, hatten ihm immer ein be-
sonderes Vergnügen gemacht. Er fand dazu, wie die
mreiften älteren Männer, große Freude an der Iugend.
und er hatte es Ulriken nie verborgen, daß er, ebenso
wie. ihr Bruder, viel von Hulda halte und die beste-
Meinung von dem Mädchen habe.
Als nun an den Abende die Mamusell des Ta-
delns und des Scheltens gar kein Ende finden konnte,
als selbst des Amrtmanns Mahnung sie nicht zu be-
schwnichtigen vermochte, meinte der Dberförster sie mit -
einemr Scherze zur Vernunft bringen zu können. -
- ,Temnte: Ulrikek Tante Ulrikelr warnte er, ,sehen
- Sie stch vor? Heute dürfen Sie Mamsell Hulda
nicht so schelten, denn heute hat sie doppelten Suc-

ewrä!?

,Freilich!! entgegnete Ulrike spiy, ,darauf ver-
lüßt sie sich ja auch!?

- , Und daran thut sie wohl!' rief der Oberförster
immer noch im wohlgemuuthen Scherze. Wenn es ?
die Tante Ihnen einmal gar zu arg macht, Mamsell -
Hulda! so gehen Sie ihr davon und kommen Sie zu

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mir. Solch einen guten Hausgeist könnte ich just ge-
brauchen, und mir macht man es sehr leicht zu Dark!??
Das freundliche Wort des wackeren. Mammtes war
den Mädchen nach Ulrikens beleidigender;Härte eine
Wohlthat, und die schönen schwermüthigen Augen auf
ihn richtend, sagte Hulda: ,Man thut jr auch so herz-
lich gerne, was man kann!?
Der Amtmann, der vor seinem Freunde weder
die Schwester bloßgeben, noch Hukda Unrecht thun
lasfen wollte, meinte: , Du solltest sie auch wahl ver-
missen, Schwester!?. -
,Ich? fragte, die Mamsels, in einemr Tone und
mit einer Miene, die bitterer und spöttischer nicht sein
kornten.
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Des Oberförters- gutes Herz? emwörte fich gegen
diese Härte. Er konnte es: nichtnpit:anßehen, daß man
das Mädchen ohne Anlaßschlecht behandelte, und' einem
Einfalle, der ihm durchnden Kopf fchoß, rasch,- ohne
viel Bedenken Worte gebend, sagtel er: ,Ich habe es
im vollen Ernfte gemeint, Mamrsell Hulda!,Hier zu
bleiben, das halten Sie auf die Länge ja yicht gus,
und bei mir zu Hause brauche ich Jemanden. Kommen
Sie zu mir!?
Ulrike traute ihren Ohren nicht. - Daß man sich
unterfangen wollte, ihrer Herrschsucht und ihrem Ein-
fluß auf des Mädchens Schicksak o hmit ;einemmale
ein Ziel zu: stecken, das schien ihr-eine nicht. zu,er-
tragende Vermessenheit zu fein, und von ihrer. zor-
nigen Heftigkeit über jede Schicklichkeit und- jede Rück-
sicht fortgerissen, rief sie: -,Ja freilich, eine junge



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glatte'Haushälterin, das ist so recht der Herren Ge-
schmack!? - -
, Der Amtmann fuhr hastig empor, aber der Ober-
förster trat gelassen zwischen ihn und seine Schwester,
und. obschon er bisher: im. entferntestenn nicht daran gs-
dachtshätter' nahm: er Hulda's Hand in die seine und ?
sagte: ,Es steht in der Bibel geschrieben: jie ge-
dachten ess böse mit mir zu machen, und siehe dä, sie -
haben es -gut gemächt! So geht -es Ihnen auch,
Mamsell-clrlke! -. Es könnte ja noch Eineu oder der!
Andere auf Gedanken wie die Ihren !kommen, und ich
nieine es ha gut mit Ihnen,' liebe Hulda!' ==- Er zog
an.dem Kragen- seines grünen Uniformrockes und
knöpfte den Haken auf. Das, was er zu sagen hatte,
wollte ihin nicht gleich so kommen, wie er es wünschte.
Er war ja kein junger Mann mehr, und sie konirte
seine: Tochter sein; aber heraus mußte' es mun doch.
DasMädchen, wie es so dastand, that ihm leid- ünd
war -ihm hehzlich lieb.; Endlich gab er sich den nöthigen
Stoß:i z, Allein Ibleiben -ann ich nicht und will' ich
nicht,i sagte-ier, z,das hab'-ich niir von Anfang.an ge-
sagtr Ich brauche eine Frau für das Haus und auch für
mich. Wollten Sie meine Frau werden, fo söllte mir es
lieb sein, und äuf mein Wort, zu bereuen sollten Sie es .-
nicht' haben.'e !-
nt. Er fuhrisich mnit der Hand über 'däs ganze Ge-'
sicht,ium esinicht merken zu lassen, daß ihm die Aügen
feucht geworden waren; und weil' Keiner der Anwwesen-
den;'jaer selbernicht; eine solcheErklärung vorausgesehen
hgtte, wußten sie: im ersten Augenblicke sich sammrt und.
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sonders nicht zu fassen. Der Amtniann schlug,' ohne
zu sprechen, dem Freunde mit derbem Schlage auf die
Schulter, als habe er an seinem männlich entschlossenen
Vorgehen Freude. Ulrike war blaß- geworden und
preßte die ohnehin schmalen Lippen noch festet auf-
einander, und Hulda, die im erschreckten Staunen die
Hände wie die Jungfrau auf een Bildern der Ver-
kündigung über die Brust gefaltet hatte, sagte mit ge-
rührter Stimme leise Nichts weiter als: ,Lieber Herr
Oberförster!'
Indeß die drei Worte brachten doch wieder Leben
in sie Alle, und der Oberförster; den das schöne
Mädchen nie so schön wie eben jezt erschienen war,
und dem sein Wohlgefallen an demselben das. Herz
rascher und wärmer schlagen machte, als er es. seit
lange gewohnt war, rief, Hulda nachsprechend: ,,Eieber
Herr Oberförster! Lieber Herr Oberförstee! Was will
das sagen, Kind? Heißt das ja? Heißt das nein?
Sag' es rund heraus!'!
Hulda sah ihn an, wollte sprechen, schwieg aber
dennoch und reichte ihm - die Hand. Ihre Lippen
bebten, man sah, sie rang einen schweren Kampf init
sich. Ulrikens Blicke hingen -lauernd' an jeder ihrer
Mieen. Die bloße Vorstellung, daß sie Hulda, des
Pfarrers Tochter, Simonenen's Tochter,, als Frau des
Oberförsters vor sich' sehen, däß sie diesenr Mädchen,

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wo immer sie es künftig treffen würde, in der Kirche
oder bei Taufen und auf dew Gütern in der Nach-
barschaft, den Vortritt lassen solle, -brachte sie ggnz
außer sich.

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. ,Also ja?' rief der Oberförster, und schlang seine s
beideu kräftigen Hände um des Mädchens Rechte. z
Aber Hulda schüttelte leise das Haupt, und die Augen -
zu dem stattlichen Mane erhebend, sagte sie mik z
einer Stimme, deren Ton fester wurde, während sie:
sprach, und. deren Wahrhaftigkeit etwas Neberwältigen-
des hate: ,Ich fühle es ja, wie gut Sie sind; his
in das Herz geht es mir, wie gut Sie es mit mir.
meinen, und ich werde es Ihnen nie. vergessen, aber
ich kann nicht, ich kann es nicht, Herr Dberförsterl???
,Natürlich nlcht!'' stieß Ulrike mit schlecht ver-
hehlter Genugthuung hervor. , Es ist ja kein.
Baronk!!
Der Oberförster hatte ihre Hand losgelassen.
,,Das thut mir leid für Sie und mich!'n sagte er
fest, aber man hörte es ihm an, daß er die rasch ent-
standene Hafnung ungern schwinden sah und daß es
ihm, dem älteren und angesehenen Manne, sehr em- j
pfindlich war, sich in seines Freundes und Ulrikens,
Beifein-älso abgewiesen und verschmäht zu sehen,
nn -- Der Amtmann fühlte ihni -das nach. - Er wollte. ,
begütigen, und da ihnn das Anerbieten des Freundes! -
in- jedem Betrachte der Erwägung wwerth, ja, so weit;
es äußere Vortheile betraf, der Heirath mit dem künf-:
tigen Pastor noch vorziehbar erschien, denn der Ober-
förster. hatte von Haufe aus ein: namhaftes Ver-
mögen, sagte er: ,Du hast. sie überrascht, mein alter.
Freund! Sie konnte sich jg dessen nicht versehen. So
Etwas will doch überlegt sein, gönne ihr nur Zet!?

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Der Oberförster schüttelte abwehrend das Haupt.
,Nein!'' entgegnete er, laß es so gut sein. So Etwas
müß man ohne viel Besinnen thun.? Hätte Fie zu
mir den Zug und das Vertrguengehabt,' wie- ich zu
ihr, so wäre es gegangen; dhne das geht es micht,
denn ich bin alt und sie ist. jung.- Sie muuß das
felber fühlen, und''=- Ulrikens hoshaftes Wort hatte
ihn getroffen und seine schlinune Wirkung nicht per-
fehlt - ,,vielleicht findet sich auch noch ein Besserer
für sie.! - Er wendete sich mit-diesen Worten ab,
sah nach der alten Steh-Ühr inn der Ecke und meinte,
es sei spät, und Zeit zuBettezu gehen, denn: amnorzen
müsse er in aller Früheifort. -
Es war das freilich gegen die Abrede, indeß wie
es nun gekommen war, konnte ma ihn' zunBleiben
nicht wohl überreden. Der Amtmann auahm den
Leuchter, seinen Gastselbstnach Feinem Zimwmer zu: ge-
leiten, Ulrike. müzte auEf' ihve Weise das Alleinsein mit
dem Mädchen. Sie warf es Hulda vor, die ältesten
Freunde des Hauses dürch ihre Gefallsucht dem Hause
zu entfremden; sie that und jprach, als wären der An-
trag und die beabsichtigte Heirath durchaus nach ihrem
Sinne gewesen. Sie fragte, worauf Hulda denn
warte oder was sie von sich denke, und prägte es ihr
mit schneidendem Spotte ein, wie sie nun wieder sich
einen neuen Feind geschafen habe, wie der Ober-
förster ihr das ganz gewiß gedenken werde. Jetzt
dürfe sie nun vollends nicht mehr darauf rechnen, hier
in dieser Gegend Aufnahme in einer auch nur halb-
wegs angesehenen Fämilie zu finden, und daß der

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Amtmann Fie jetzt nicht hier behalten könnte, wenn er-
es selbst.wollte, das sei doch sonnenklar.
- Hulda vertheidigte sich mit keinem Worte. Sie I
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ging -auf ihr Zimmer und schrieb die halbe Nacht.
Dann steckte sie den Brief in die Ledertasche des ?
Knechtes, die in der Schreibstube. hing und die der-
selbe am Morgen mitzunehmen- hatte, wenn. er bei
Tagesanbruch zum Wochenmarkte in den nächsten -
Flecken, fuhr.
- Wie sie sich dann niederlegen wollte, waren die
Sterne und der Mond, die ihr am Abende so tröst-
lich gewesen waren, lange schon am, Horizont nieder-
gesunken, aber es waren dafür andere ihr ebenso per-
traute Sternbilder emporgekommen, und sie sagte sich:
,,Die gehen seit aller Ewigkeit die ihnen von Gottbe-
stimmte, immer gleiche Bahn, der Allweise wird auch ;
mir die meine vorgezeichnet haben. Wenn die Ant-
wort auf. mein Schreiben ausfällt, wie ich es erwarte,-

so soll mir das ein. Zeichen sein, -daß ich aüf dem h
rechten Pege bin, und ich willl ihn dann, mein Ziel
iniAuge, in Gottes Namnen freudigen Herzens gehen!!! j
- s. .-
gwoeoegppppppppw
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