Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Grsies Gapites!
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Emanuel hatte sich bei seiner Reise nur die un-
abweisliche Ruhe gegönnt, und doch war an den glück-
lichen Ufern des Genfersees der Frühling schon im
Erblühen, als er sein doxtiges Landhaus; wiedersah,
denn die Beförderungsmittel. wwaren auch für den Be-
güterten, der mit Extrapost nach eigenem Eimessen
reiste, noch sehr unvollkommen. Aber selbst der er-
freuliche Abstand zwwischen der -eisigen Starrheit des
nordischen Winters und dem lieblichen Erwachen einer
südlicheren Natur vermochte diesmal nicht, ihm das
Herz zu lösen und den umdüsterten Sinn zu erheitern.
Er hatte es vermieden, die Gräfin wiederzusehen,
sondern ihr nur angezeigt, ggß er das Schloß verlasse,
und sich dabei mit schwerer Anklage gegen ihre un-
berufenen Eingrife hn -seine Verhältnisse und Plane
ausgesprochen. Sie, hätte darauf ihre Handlungsweise
zu rechtfertigen, eine Ausgleichung und Verständigung
herbeizuführen versucht, Emanuel war jedoch für eine
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zugänglich gewesen, und des Pfarrers Absicht, den
Frieden und die Eintracht in der gräflichen und der
freiherrlichen Familie auf Kosten seines Kindes zu er-
halten, war damit mißglückt.
Das Opfer, welches er der Tochter auferlegt, hatte
Niemandem gedient, als nur der Gräfin, der es ge-
lungen war, ihre Absichten in jeder Hinsicht durch-
zusetzen. Nicht nur die Verbindung ihres Bruders
mit der Pfarrerstochter war verhindert, sondern auch
Miß Kenney und Hulda waren, wie die Gräfin es
gewünscht hatte, für die nächste Zeit zu einander ge-
führt und an einander gebunden worden, ohne daß
die Gräfin nöthig gehabt hätte, darauf mit besonderer
Bestimmung einzuwirken. Miß Kenney hatte äus
eigenem Antriebe erklärt, daß sie unter den obwalten-
den Umstäiden Hulda nicht sich selber überlassen könne,
daß sie es vielmehr als eine Pflicht erachte, in des ihr
theuren Mädchens Nähe zu verweilen, bis es sich ge-
faßt und in sich selbst zurechtgefunden haben werde.
- Es, war aber ein stilles und freudenarmes Leben,
das Hulda nach ihrer Genesung in der Pfarre führte.
Das Frühjahr war wiedergekommen, die Kirschbäume
blühten wieder Fo wie sonst, indeß Hulda's weißes
Kleid flgtterte nicht sg lustig als im verwichenen Jahre
zwischen den blühenden Bäumen auf der strafgespannten
Leine, und man rüstete sich nicht mehr auf den Fest-
besuch der Gäste aus dem Amte, die sonst in jedem
Jahre gekommen waren. Hulda saß still und einsam in
ihrer Trauerkleidung bei der Arbeit, und wenn ihre
Wangen sich auch wieder gerundet und geröthet hatten,
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so blickten ihre Augen doch nicht mehr mit der hoff-
nungsvollen Neugier der Kindheit und der frischen
Jugend in die Zukunft. Das Gewicht ihrer Erinne-
rungen hielt ihre Gedanken an der Vergangenheit fest,
und kein Tag verging, an dem sie sich , nicht fragte:
,Habe ich das Mlles denn erlebt? und wenn ich es
erlebte, wie konnie es vorübergehen gleich einem
Traumte? Wie kann er ferne von mir bleiben, da
mein Herz ihn ruft zu jeder Stunde, da sein Ring
es mir sagt und immer sagt: ,Halt feste, wie der Baum
die Aeste, wie der Ring den Deniant, Dich und mich
trennt Niemand.! -
Das Pfingstfest stand wieder vor der Thüre, aber
weder Hulda noch der Vater hatten daran denken
mögen, Manisell Ulrike zu besonderem Besuche auf-
zufordern. Sie hatte immer, wenn siegekommen war,
dem Pfarrer sowohl als Hulda wehe gethan mit ihren
Andeutungen wie mit'ihren Fragen, mit ihrem Bemit-
leiden wie mit ihrem Trösten.
Nur der, Amtmamn sprach wie früher mit ver-
trauensvoller Freundschaft in der Pfarre vor, wenn
seine Geschäfte ihn des Weges führten, und Miß
Kenney, welche nach Hulda's Genesung ihre Wohnung
in dem Gartenflügel' des Schlosses wieder bezogen
hatte, kam zum Defteren zu' ihren Freunden, da der
Amtmann ihr auf Anordnung der Gräfin ein kleines
bequenies Fuhrwerk zur freien Verfügung hatte stellen
müssen.
Hulda ging niemals nach dem Schlosse, wenn
ihre alte Freundin sie nicht gusdrücklich dahin beschied.
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Sie mochte den Vater nicht verlassen, mochte Mam-
sell. Ulrike nicht umnöthig begegnen, und die Stätten,
an denen alle ihre Erinnerungen hafteten, standen
ohnehin immerfort vor ihrer Seele. Wenn nicht eine
Liebespflicht sie in das Dorf rief, kam sie oft die ganze
Woche hindurch nicht über den Bereich ihres Gärtchens
hinaus. Sie hatte draußen Nichts zu suchen, sie hatte
auch gar Nichts zu erwarten. Und doch warkete sie
,auund wartete;von Tag zu Tag, und wie Jang ihr die
einzelne Stunde auch wurde, die Tage schwanden in
ihrer unterschiedslosen Eintönigkeit ihr so rasch dahin,
daß es sie verwunderte, wenn die Kirchenglockey, wieder
den Sonntag einläuteten, und wieder eine Woche, um
war, ohne daß eine Kunde zu ihr gekommen war von
ihm, der ihr die Welt war, ihre ganze Welt.
Die Gräfin hatte dem Pfarrer nach der Herstellung
seiner Tochter noch einmal geschrieben, ihn wiederholt
für die verständige Selbsterkenntniß und Selbstbeschrän-
kung zu beloben, mit denen er, in diesem Falle ge-
handelt, und sie hatte ihn dabei versichert, daß er und
seine Tochter in allen Fällen auf sie und auf den
Beistand der beiderseitigen Familien rechnen könnten.
Wenn Hulda etwa Plane und Wünsche für ihre Zu-
kunft hegen sollte, für welche sie einer Förderung be-
dürfe, so brauche sie dies nur auszusprechen, um der
Gewährung sicher zu sein. Indeß Hulda hatte keine
,Pläne, keine Wünsche außer dem einen, dem Niemand
mehr als eben die Gräfin entgegen war. Ihre Auf-
gabe lag eng begrenzt vor ihren Augen. Selbst die
leidenschaftliche Sehnsucht, die sie gerade in Augen-

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blicken der tiefsten Entmuthigung hinausziehen wollte
in das Leben und in die Welt, in welcher der Geliebte
lebte, in welcher ein Zufall ihn ihr entgegenführen
konnte, hatte sie in sich wie eine Sünde zu unter-
drücken. Denn Befreiung aus den Banden, welche sie
an diese Stelle fesselten, konnte ihr nur der Tod des
Vaters bringen und sie exjchrgk vor sich selber, wenn
sie sich mit ihrem hoffenden Gedanken umwillkürllch
auf dem Wege antraf, der jenseits seines Grabes für
sie anfing.
Arbeit, fleißige Arbeit, das war die Stüze, an
welche sie sich jezt- allein- zu' halten: hatte, und das
tüchtige Wissen ihresVaters wie der Schaz von Sprach-
kenntnissen, welchen ihre- alte Freundin sich angeeignet
hatte, kamen ihr wwesentlich dabei zu Hilfe. Die Ar-
beit. bewahrte sie vor- dem -Versinken, aber sie konnte
ihr doch die Flügel nicht verleihen, sich in fröhlichem
Aufschwunge zu jenemunabsehbaren Hoffen zu erheben,
wie die Jugend es bedarf, und wie das Leben in wei-
ten wechselnden Bereichen- es selbst Demjenigen er-
möglicht, der sich die Kraft. dazu verloren glaubte.
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