Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 19

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Neunzehntes Gapites
spöoowewoooeAeeoaeoeoe ?
Der Aufenthalt in der Villa ihres Bruders sagte
der Gräfin mehr als früher zu. Seit dem Tode ihres
Gatten hatte ihr Lebenskreis sich doch iniehr verengt,
sie kam allmälig auch in die Jahre, in denen das un-
ruhige Gesellschaftstreiben der großen Welt ihren Reiz
für fie zu verlieren begann, besonders ?weil', sie dort
nichts Wesentliches mehr'zu juchen -oder zu Fördern
hatte, denn ihr -Ehrgeiz -wwgr immer mehr duf ihre
Familien-Angelegenheiten als aufeine große! persön-
liche Bedeutung gerichtet gewesen. Jezt war Clarisse
glänzend versorgt, ihres Sohnes Laufbahn auf dem
besten Wege, und seine bevorstehende Heirath ihren
Wünschen in jeder Beziehung entsprechend. Ihre eigenen
Vermögens -Angelegenheiten befanden -sich in bester
Ordnuung, sie hielt es sich also mit Wohlgefallen vor,
daß sie jetzt keine zwingenden. Verpflichtungen mehr
habe und mit Behagen feiern dürfe. Indeß ihre nicht
zur Beschaulichkeit geneigte: Natur-- ward durch Nichts
schneller und leichter ermüdet als eben dürch die Ruhe;
sie mußte, wenn sie dieselbe ertragen sollte, mindestens

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zinen Plan haben, dessen Durchführung ihr nicht
zweifellos erschien, der ihr das Gefühl des Beschäftigt-
seins, und sie damit in der Aussicht auf einen bevor-
stehenden Erfolg erhielt. Das Alles aber bot ihr dies-
mal das Beisammensein mit ihrem Bruder und mit-
Konradinen.
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mit einander zu verbinden, hielt sie in einer ihr an-
genehmen Spannung. Er erheiterte sie oder gab ihr
sorgend- zu denken, j nachdem die Aussicht, ihn' erfüllt
zu Hehen ihr nähstzurücken oder -fernerzutreten. schien.
- - Im Hinblicke auf diesen Sweck waren ihr die
Mdittheilungen, welche ihr der Amtmann üiber Hulda's -
Alussichten gemacht hatte, sehr anaenehm- gewesen, und ;
sieJhatbe, darsie nach einem Vebereinkommen mnit ührem -
Sohne, die Verwaltung jener -reußischen Familien-
güter :auch ferner in derHand behielt, die Ernennung
desAhjunkten zu dem Pfarramnte unter den von ähm
gewüüschten: Bedingungen sofort vollziehen wollen. -
Alber ihre Erfahrungen hatten sie. zurückhaltend ge-
macht. - -
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.zSie kannte die Menschen ebensogut als Kon-
radine;:sie wußte, wie man sie behandeln anüsfe, sich-
ihres:Dankes' zu versichern, und war es deshalb richt-
gewohnt,, durch zu rasches Handeln- und eiliges Ge-
währen ihre Bunstbezeigungen in den Augen Der-
jenigen herabzusetzen, denen sie zugute kommmuen sollten,, -
- - Der Adjunktus war in jedem Falle verpflichtet, sein-
Amt bis zu dem Ende des laufenden Halbjahres fortzu- -
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führen, und seine feste Berufung und Ernennung zu
demselben gewannen bei seinen Heirathsplanen für ihn
offenbar an Werth, wenn er sie einige Zeit Kng für
zweifelhaft gehalten und zu erwarten, gehabt hatte.
Inzwischen wußte die Gräfin des Pfarrers Tochter,
deren sich anzunehmen sie für ihre Pflicht erkgnnte,
in des Amtmannes Hause wohl geborgen; dem Ad-
junktus ging in der Pfarre auch Nichts ab, und ihre
Guts»Insassen waren nach des verstorbenen Pfarrers
wie nach des Amtmannes Anficht durch den Adjunktus
wohl versorgt. Sie hatte deshalb, als sie ihrem Sohne,
den seine bevorstehende Heirath in diesem Augenblicke
ganz gefangen nahm, einmal von der Angelegenheit
des Pfarr-Adjunktus geschrieben, scherzend hinzygefügt,
sie polle den jungen Leuten das zsüße Hangen und
Bangen in schwebender Pein, icht gllzu sehr per-
kürzen, da ja für solche Leute thatsächlih muit dem Ein-
tritte in die Ehe die Lebensmühe- beginne und die
Poesie in der Regel ihr Ende finde.
Der junge Graf hatte die Angelegenheit in seinem
Antwortschreiben gar nicht der Erwähnung werth ge-
achtet. Er war seit seiner Kindheit nicht in Preußen
und auf dem Schlosse gewesen, des verstorbenen
Ffarrers erinnerte er sich dunkel, pon, dessen Tochter
hatte er nur gehört, daß sein Oheim nahe daran ge-
wesen sei, eine Mißheirath mit ihr einzugehen, jedoch
noch rechtzeitig dapon zurückgekommen sei. Ihn küm
merte also das Schicksal. dieses Mädchens ganz und
gar nicht. Für die Besetzung des Amtes nach bestem
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Fanny Lewald, Die Erlöferin. Ü.

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Ermessen zu entscheiden, war die Sache der Gräfin,
und diese hatte keine Veranlassung, weder gegen Konra-
dinen noch gegen den Baron, der Vorgänge auf -den -
Gütern besonders zu gedenken. Kam' man einnial zu-
fäällig auf den letzten Aufenthalt zu sprechen, den man

im Schlosse gemacht. hatte, so ging man wie auf' Ver-
abredung schnell darüber hinweg. Es hatte Jedes von
den Dreien genug gelebt, um sich zu sagen,' daß man
nicht vorwärts schreiten könne, ohne immer und iminer
wieder einen Theil der Erinnerungen von sich abwerfen
zu müssen, die uns iniederbeugen-- und zurückhalten
wwürden, wenn wir uns ihnen widerstandslos über-
ließen; und vollends die Gräfin hielt es aufrecht, daß
ves -ganz unmöglich sei, allen den Menschen gerecht zu


werden, mit denen der Lebensweg den Einzelnen in
Berührung bringe. Wie sie sich das Recht zuerkenne,,
Den und Ienen aufzngeben und zu vergessen, der
seine Bedeutung für sie verloren habe, so fechte es sie
ebenfalls keineswegs an, wenn ihr Gleiches wider- -
fahre. Ja sie behauptete, es immer als ein Zeichen
von Engherzigkeit und von Mangel an Entwicklungs-
fähigkeit betrachtet zu haben, wenn Menschen an'einer
-sogenannten unglücklichen Liebe oder an den ersten Ein-
drücken und Verbindungen ihrer Jugend haften ge-
blieben wären. Sich eines unveränderten Wesens,
eines Gleichbleibens zu berühmen, heiße Nichts mehr
und Nichts weniger, als sich für eine gering angelegte
Natur -erklären. Jedes Wachsen eines Organismus
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fähig, und dieselbe sei ein Bedingniß seines Fort-
bestehens.
, Sie sprechen damit,.' sagte Konradine, ,,die
Neberzeugung meiner Mutter aus, nur daß diese die
Sache in ihrer Weise ausdrückte, wenn sie hehauptete,
es gäbe gar keine Beharrlichkeit, und es könne keinen
Menschen geben, der versprechen könne, sich selber oder
einem Anderen treu zu bleiben. Deshalb sei der Eid
der Treue, den zwei Menschen einander vor dem Altare
leisteten, eine Vermessenheit und ein Frevel. Und wie
sie denn in ihrer Lebhaftigkeit leicht weiterzugehen
pflegte, als sie selber wollte, hat sie mut den Schil-
derungen aller der Ehen, die in gutem Glauben an
ein bevorstehendes Glück geschlossen, dies Glück, nicht
gewährt, und zu Wortbruch und Untrepe Veranlassung
gegeben hatten, mir frühzeitig das Zutrauen zerstört,
mit dem die Jugend eigentlich an gas Leben, an die
Menschen, an Glück und Liebe und an akes Gute
und Bestehende glauben muß, um sich zu ihrem eigenen
Heil und zu Anderer Freude harmonisch zu entwickeln.
Ich habe an der Liebe gezweifelt, ehe ich sie kannte,
und-- vielleicht hat sie sich eben deshalb auch an
mir gerächt!'' fügte fie kurz hinzg. -
Nach der geläuterten gesellschaftlichen Sitte, deren
die Freunde sich zu rühmen hatten, nahm Keines vön
ihnen das hingeworfene Wort weiter auf. Emamuel
jedoch meinte, indem er sich gegen stine Schwester
wendete, er verstehe sie nicht in dem, ihrer sonstigen
Gesinnung nach durchaus auffälligen Zugeständniß,
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welches sie eben heute der Unbeständigkeit mache. Er
sei vielmehr gewiß, daß sie troz ihrer Versicherung
des Gegentheils höchlich betroffen sein würde, wenn
man sich die Freiheit nehmen wollte, ihr gegenüber
von dem Rechte der Wandelbarkeit, das sie sich ein-
. räume, den entsprechenden Gebrauch zu machen.
- ,Auf die Gefahr hin, Dir meine Beste, dadurch
wenig entwickelungsfähig zu scheinen,' sagte er endlich,
,,bekenne ich Dir, daß für mich, seit ich denken kgnn, -
in dieser unaufhaltsamen Wandlung alles Bestehenden -
etwas Schmuerzliches, etwas Beängstigendes gelegen
hat, gegen das ich mich nur mit dem Gedanken zu
stählen vermochte, daß diese Wandlung, sofern keine
Gewaltthätigkeit ihren folgerechten Lauf verhindert,
oftmals eine Umgestaltung zum Besseren, ein Fort-
schritt auf gutem Wege ist. Ich erinnere mich sehr-
deutlich, wie mich als werdenden Jüngling Schiller's
Wort, daß,,Alles im ewigen Wechsel kreist'' ergrifen. ,
und wie mich später bei reiferer eigener Erfahrung -
das Goethe'sche:,,ch! und in demselben Flusse ;
schwimmst du nicht zum zwweitenmal'', gerührt hat. ;
Frage ich mein geheimstes Inneres, so trage ich in -
demselben ein tiefes Verlangen nach Dauer, nach Be- z
ständigkeit dessen, was mir einmal an Dingen, Men-
schen, Zuständen werth geworden, ist. Mit dieser Em
pfindung hängt denn auch meine Scheu zusammen,
Gegenden, in denen ich einmal sehr glücklich gewesen
Hin, die mir also deshalb in einemu idealischen Lichte
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Man verliert in solchen Fällen gar zu häufig eine
Vorstellung, an der. man sich in der Erinnerung
erfreute, und wird in einer schmerzlichen Weise an die
Wandelbarkeit und Vergänglichkeit gemahnt, mit dexen
Erkenntniß für uns auch nur insofern, Etwgs ge-
wonnen ist, als sie uns antreibt, den Augenblick, der
unser ist, werkthätiger zu benutzen.!!-
, Du bleibst eben der liebenswürdige Schwärmer,.
meinte die Gräfin, ,,dem das Schicksal, wenn es ihm
gerecht sein wollte, die Gunst ewiger. Jugend zuerken-
nen müßte ==-
,Cch,! rief Konradine mit einer Wärme, die
Emanuel sehr wohl that, ,besizt denn unser Freund
in seinem schönen, weichen Sinne nicht : wirklch jene
Jugend, die uns Anderen abhanden gekommen iß??
,Sung bleiben in einer Welt, ,in welcher Alles
altert, was mit uns jung gewesen ist, das, heißt ver-
einsamen und geflssentlich auf dasjenige, perzichten,
was die Jahre uns lehren und bringen!! warf die
Gräfin ein.
,Was lehren, was bringen sie uns denn ?! znt-
gegnete Konradine. , Selbst zugegeben, daß sie uns
klüger machen, was ist denn dgmit für unser Glück
gewonnen? Wir werden durch die Klugheit, diegie uns
aufdringen, glaubenslos und mißtrauisch, werden eng-
herziger und selbstsüchtiger. Wir lernen rechnen und
berechnen, wägen und erwägen, unsere Vortheile hoch-
halten, und kommen mit alledem doch. zuletzt nicht
weiter, als an jedem Tage die Befriedigung für diesen

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Tag zu suchen und sie gelegentlich auch einmal zu er-
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langen.!
,Das ist nicht eben wenig!! gab die Gräfin zu
bedenken, , das ist viel, denn aus Tagen setzt das Leben
sich zusammen.!
, Gewiß, es ist nicht wenig,! gab ihr Konradine
zn, ,indeß es ist nichts Großes, Nichts, das uns er-


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freuen kann, sobald des Tages Befriedigung vorüber
ist. Es ist das materielle Wohlbefinden, das auf solche
Art erstrebt .und auch erreicht wird. Aber' ist es denn
nicht eine Freude, einmal mitten unter' allen Denen,
die nach solchem billigen Wohlbefinden trachten, einem
Herzen zu begegnen, das den glaubensvollen Traum -
der Jugend in sich festzuhalten wünscht und strebt?
das sich nach der unvergänglichen Dauer des von ihm
geliebten Schönen sehnt, und eine ideale Erinnerung
höher hält und achtet, als das Mitgehen und Mitleben
in einer nüchternen Alltäglichkeit? Ich wollte, ich ver-
möchte'zu empfinden wie der Baron. Und ich versichere
Sie, mein Freund, daß ich es in Ihrer Nhe immer-
müit einer Art von Beschämung und Rührung empfinde,
um wie viel Sie jünger und um wie viel Sie eben ,
deshalb auch vertrauensvoller und besser sind, als ich.
Enüanuel dankte ihr für dieses Zugeständniß, und
die Gräfin erhob keinen Einwand dagegen, weil- es I
ihr erwünscht war, die Beiden auf dem Wege eines,
so guten Einwernehmens anzutreffen. Da sie sich je-
doch nicht leicht für überwunden zu erklären vermochte,.
warf sie das Bedenken auf, ob sich in dem geflissent-
lichen Festhalten an dem schönen Scheine der Erinne-

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rungen nicht ein gewisser Selbstbetrug, ein muthloses
Zurückschrecken vor den, Bedingungen, der harten Wirk-
lichkeit verberge, und ob man sich nicht eben durch jene
Verklärung des nicht mehr Vorhandenen, des Ent-
fernten, ungerecht gegen das mehr oder weniger Gute
und Schöne werden lasse, welches det Augenblick und
die Gegenwart uns zu -bieten vermöchten.
, Sich durch die Vergangenheit um den. Genuß
und die Schaffenslust in der, Gegenwart, und um die
Hoffnungen für die Zukunft, berauben u-lassen, wäre
gewiß eine: große Thorheit,! entgegnete Emanel.
,Aber mich dünkt,. daß man gllent, Gewöhnlichen und -
Alltäglichenl sehr-gerecht sein und:' es nach-einem
Werthe und seiner, Bedeutung fortdauernd, wwßrdigen
kann, ohne darum die Heilighaltung eines Idealen
aufzugeben. Man kann in dem Thale, in dep man
seine Heimat gründet, sehr: zufrieden sein,. und-schafen,
und ernten, selbst wenn maw auf den Gipfeln!dex Hoch-
gebirge reinere Luft geathmet und weiter hinausgeschaut
hat in die Herrlichkeit der Welt. Wse, ist, ein. Unterschied
zwischen einem Idealisten. und einem müßig schwärme-
rischen Träumer.! -
,Freilich, freilich,! sagte' die Gräfin mit einem
Anfluge von Ungeduld, Denn, durchaus nur auf das
Positive gestellt, konnte; sie sich nicht Fange mit allge-
meinen Betrachtungen beschäftigen, ohneadaß sie dieses
Allgemeine auf ein Besonderes, auf, ein, Persönliches
bezog. Und so Fügte sie. denn jenem.raschen; gustim-
menden Ausrufe auch sofort die Bemerkung hinzu, ?daß
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troz alledem der Idealismus ihr immer und vollends,

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wenn sie an die Ehe denke, als etwas sehr Gefähr-
liches erschienen sei. Wie will' denn ein Ehemann;.
es mit- Gleichmuth - um nicht zu sagen mit der
nothwendigen liebenden Ergebung-hinnehmen;' daß P
seine Gattin altert, an ihrer Schönheit, an ihrer Fri-
sche, an ihrem jugendlichen Frohsimne allmäligäEin-
buße erleidet, während er in idealistischer Empfindung'
sich selbst nöch immer jung fühlt? Wie könnte eine
Frau' es erträgen, wenn irgend eine Jugendliebe ini ewig
unwandelbarer Schönheit und Heiterkeit vor dem jungen
Auge ihres Mannes schwebte? Uid wie müßte es voll-
ends auf einen solchen Idealisten wirken, wenn ein
unholder Zufall ihn einmal das einst geliebte Ideal,
seinen Inbegriff der Jugend und der Schönheit, als
eine sehr alltägliche und gealterte Hausfrau wieder
sehen ließe?
Sie hatte es damit auf eine leichte Beendigung
der Unterhaltung abgesehen, aber da es ihr ein- für
allemal an jener Harmlosigkeit gebrach, welche einem
Scherze seine Anmuth verleiht, so- hatte- sich ihrer

Phantasie' soforr der besondereFall ihres:Brudersäuf-
gedrängt, und sie hatte dies in einer Weisekundgegeben,
die weder diesem noch Konradinen einen Zweifel. über
ihre Meinung lassen konnte. Sie bereuete das auch I
sofort, denn gegen ihre Absicht und gegen-ihr
Erwarten nahm der Baron ihre Aideutungen auf,
und mit jener sanften Gelassenheit, welche einen Grund-
zug seines Wesens machte, sagte er: , Ich habe mich
selbst bisweilen gefragt, ob es, wie die Verhältnisse z
sich nun einmal entwickelt haben, mich freuen
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könnte, Hulda wieder zu. sehen, und. ich habe mir das
verneinen müssen; nicht etwa, weil- ich dgran: zweifle,
daß sie sich gleich, sich selbst gleichbleiben:werde, son-
dern weil ich dazu noch. nicht uiselbstisch genng zmd
noch über unser und über pein:. Verschulden gegen
sie, und über die Folgen desselben für sie, nicht beru-
higt bin.?.
,Unser Verschulden gegen sie? rief die Gräfin;
,ich bin mir keines solchen gegen sie bewußt!
,Das wundert mich,! entgegneteihr: Emanuel,
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ohne sich -von ihrer Lebhaftigkeit beirren zu lassen.
,Ich für meinen Theil erinnere muich sehr deutlich: jenes
Gewitterabendes, bald. nach unserer Ankunft auf dem
Schlosse, an welchem zwischen uns Beiden zum ersten-
male die Rede von:der Pfarrerfaniilie:iund von deren
Tochter war. Ich hatte Hulda dämals eben nur ge-
sehen, aber ihre. Schönheit und ihr sanftes nsich-
beruhen hatten mir die Nebetzeugung gegebön, daß
man dieses, unter eigenartigen'Verhältnissen eigenartig
aufgewachsene Mädchen, seinerr eigenen Entwkckelung
überlassen müsse. Du aber hattest andere Plane für
sie, Plane, mit deren Ausführung es schließlich auf
Deine und Clarissen's spätere Bequemlichkeit hingus-
lief, und denen gegenüber Du meiner warnenden Bitte,
an dieses Mädchens Dasein nicht zu-rühren, diese holde
Menschenblume nicht in fremdes Erdreich zu' verpflänzen,
kein Gehör gabst. Du wiesest meine Warnung mit
der Bemerkung ab, daß in der Natur ein- für allemal
das Geringere sich dem Höheren unterördnen, ihm
dienstbar sein müsse; und ohne auch nur ein sicheres

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Urtheil. über die Begabung und Bedeutung dieses Mäb-
chens haben zu können, hieltest. Du Dich deshalb für
berechtigt, den Eltern mit einer entschiedenen Gewalt-
thätigkeit das freie Selbstbestimmungsrecht über ihre
Tochter aus der Hand zu nehmen.!
- Emanuel's Bemerkung erzürnte die Gräfin. ,Du
hast dabei es nur vergessen,! entgegnete sie, , daß Dü
selber an jenem Tage mir ausdrücklich sagtest, des
Mädchens Anwesenheit im Schlosse würde Dich er-
freuen. - Auch Dir hatte ich ein Vergnügen durch die-
selbe bereiten wollen. Im Nebrigen hat Hulda bei
uns wie- bei der guten Kenney in jedem Betrachte'För-
derung- erfahren. Für ihre Zukunft. ist zudem jezt:
ausreichend gesorgt, man kann in Erinnerung an ihren
Vater auch weiterhin noch Etwas für sie thun, und da
Du auf das Selbstbestimmungsrecht des Menschen so viel
Gewicht legst, nun! so hat sie ja durchweg nach ihrem
eigenen Bedürfen über sich entschieden, sowohl damals,
als sie gegen Deinen Wunsch bei ihrem Vater blieb,
wie er' es vollberechtigt von ihr fordern durfte,
als jetzt, wo sie nach eigenem Ermessen ihre Zu-
kunft feststellt. Mein Gewissen ist deshalb: sehr
ruhig!
- -
,Ich wollte, ich könnte das auch von mir selber
sagen!! rief Emanuel.
Die Gräfin zuckte ungeduldig mit den Schultern,
und um der. Unterhaltung kurz ein Ende zu machen,
die ihr in' Konradinens Beisein peinlich war, sagte
sie: ,Du bestärkst mich mit Deinen reuevollen Sörgen
nur in meiner Meinung von der Gefährlichkeit des

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Idealismus. Das Mädchen hat. sich einem Manne
ihres Standes jetzt verlobt; was konnte es: Besseres
erwarten? Und sich von ihrem -Plätze erhebend, meinte
sie, sich mit lächelnder Miene gegen Konradine wen-
dend: , Wie doch, selbst einn von Eitelkeit sonst freier
Mann, den Gedanken nicht zu' fassen vermag, daß ein
Mädchen ihn vergessen und an der Seite esnes An-
deren glücklich, wahrscheinlich glücklicher als an der
seinen werden könne.?
Emanuel hielt sich an diese lezten Worte, und
mit einem Ernste, der gegen den leichten. Ton der
Gräfin fast feierlich erklang, rief er: -,Gib mir diese
Gewißheit, Schwester, und Du wirst eine schwere
Sorge von mir nehmen. Denn Du hast Recht, ich
habe mich einer uwverzeihlichen, selbstsüchtigen Eitel-
keit anzuklagen, wenn schon nicht in den Sinne, in
dem Du es voraussetzest!? -
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit
dem Freimuthe imnerster Wahrhaftigkeit fort: , Mein
Leben lang hatte ich mich nach einer Liebe gesehnt,
wie sie mir in Hulda, ohne all mein Zuthun, wider
all mnein Hoffen entgegenkam, wie ich sie reiner, schöner
gar nicht finden konnte. Aber statt sie zu hegen, zu
pflegen, zu stützen und groß werden zu lassen in
meines Herzens Dbhut, verlangte ich von ihr eine
Probe, die zu bestehen über ihre Kraft ging, überließ
ich sie einem Einflusse; der heilige, alte, angeborene
Rechte auf sie geltend machte, und -- ich. stehe nicht
an, auch dieses auszusprechen = von Konradinens
Anwesenheit und ihrem Antheil mehr beschäftigt und

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geschmeichelt, als mir zustand, von der gewaltigen
Leidenschaft unserer Freundin falsche Rückschlüsse
machend auf die Liebesstärke und Charakterkraft des
um so viel jüngeren und von schwerer Krankheit kaum
genesenen Mädchens, glaubte ich mich in verblendeter
Eitelkeit nicht genug geliebt, meinte ich, Hulda solle
in der Trennung fühlen lernen, was sie an mir be-
sessen: habe, und sich mir früher oder später in lie-
bender Erkenntniß wieder nahen. Daß sie schwieg,
daß ihrgekränktes Herz, ihr Ehrgefühl, und wer will
sagen, welcher Einfluß ihres in Abhängigkeit um seinen.
Mannesmuth gebrachten Vaters, sie zu schweigen
zwangen- das einzusehen war ich aus Eitelkeit zu
blind, zu eigenfinnig. Erst, da sie mirwortlos den
Ring zurückgesendet hatte, kam mit der vollen Reue.
über mein Vergehen gegen sie, die ganze schmerzende
Erkenntniß des Verlustes über. mich, den ich mir selber
zsgezegen hatte; während doch der Zweifel, ob sie
wirklich vergessen konnte, und ob sie wirklich glücklich
ist, mich bis auf diese Stunde nicht verläßt.! -
,So lege ihr offen diese Srage vor!! rief die
GAfih, der' es immer und überall' nur um die Be-.
friedigung ihrer Angehörigen zu thun war.
- ,Soll er neue Unruhe, darf er Zwiespalt in ihre
Seele werfen,! wendete Konradine ein, die mit tiefer
Theilnahme dem Gange des Gespräches gefolgt war,
,wenn sie vielleicht nicht ohne Kampf zum Frieden
gekommen ist? Oder soll' er trübe Schatten an dem
Heiligthume eines Glückes heraufbeschwören, wenn sich
ihr junges Herz, wirklich geheilt, in froher Liebe einem

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anderen jungen Herzen zugewendet hat? Solche Fxage
nach so langem Schweigen kann gefährlich, kann min-
destens so unheimlich verwikrend und erschreckend wir-
ken, wie die Erscheinung eines Todtgeglaubten!! --.
,Das ist es! Das ist es, was ich mi. sage, und,
was mich hindert, ihr jene Frage vorzulegen!? rief
Emanuel mit lebhafter Bewegung aus. ,Ich habe
mein Recht an sie verscherzt, ich darf mir nicht er-
lauben, jetzt mit. einer Frage vor sie !hinzutreten, die
neuen Zwiespalt in ihr Leben bringen könnte. Aber
die Stunde, in welcher ich sie wiedersehen, sie glück-
lich auch an eines Anderen Seite ;wiedersehen würde,
diese Stunde würde ein schmerzliches Gefühl der Reue
von mir nehmen; und wenn' dann auch an- ihr der
Lauf der Jahre nicht ohne Spur. geblieben wäre, wenn
sie nicht ausgenommen wäre: von! dem Gesetze, dem
wir Alle unterliegen --- mir, ich schäme Nmmich nicht,
es auszusprechen, mir wird sie unverändertin der
Seele leben als die leuchtende Göttin der Aehren,
wie ich sie zuerst geschaut, als ein Ideal der unent-
weihten, frischen Jugend, und ich werde es: ihr nicht
vergessen, daß sie mich geliebt hat!? -
Er stand mit diesen Worten. auf und verließ das
Zimmer. Konradine sah, daß er im Hinausgehenmit
der Hand die Augen trocknete. Auch ihre:Augen waren
feucht geworden. Er war' ihr nie werther gewesen, sie
hatte ihn nie höher gehalten und lieber gehabt, als in
diesem Augenblicke.
,Wie Wenige giht es, die ihm gleichen!r sagte
sie zur Gräfin.

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?- ,Ich wollte zu seinem Heil und zu dem unseren,
daß er anders wäre!! entgegnete ihr diese, unmuthig
seufzend. ,Er wird die Menschen und die Welt nie ' Z
kennei lernen: wie sie sind, und eben dadurch nies zu
jenem mäßigen, aber gesunden und dauernden Be-
hagen kommen, das die bedingten irdischen Zustände
doch allein ermöglichen. Er wird leiden und leiden
machen, so- lange er nach dem Idealen, Absoluten
strebt; gleichviel ob er es für sich, für einen An-
deren oder für das Allgemeine fordert.! -
, Um so mehr hat er selbstloser Liebe, selbstloser-
Freundschaft nöthig, ihm Wirklichkeit und Jdeal aus-
gleichend zu' vermitteln!! meinte Konradine. .
- - ,So machen Sie sich ihm zu der Vermittlerin,?
fiel: ihr die Gräfin lebhaft ein, ,und mein Herz, das
mit weit mehr Liebe an ihm hängt, als Sie es viel- -
leicht glauben, wird dankbar die Stunde segnen, in
der Sie sich dazu entschließen.?
Konradine blickte ihr fest in das Auge. Sie sah,
daß die Gräfin sehr bewegt war, und ernst wie diese
entgegnebe sie ihr: , Heute, eben in. dieser Stunde
habe ich es gedacht, daß es ein Großes sein müßte,
mit -einem Manne wie Emanuel in dem Aether jenes
wreinen Denkens uid Empfindens zu leben, von dem
auns im Getriebe des Alltagslebens kaum ein Hauch
noch übrig bleibt. Aber mit allem meinem Selbstge-
tfühle oder vielleicht um dieses Selbstgefühles willen,
und weil ich die Elemente kenne, aus denen es sich
zusammensetzte, habe ich mir sagen müssen, dazu ge-
hört ein anderes Herz als meines, ein weniger ge-


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trübter Sinn, als der meine. Emanuel, wie seine
Zukunft sich auch. gestalten mag, Emanuel ist, selbst
wo er irrt und fehlt, uns überlegen. Man muß ihn
seine eigenen Wege gehen gassen?.;
,Und wohin werden sie ähn führen?! warf die
Gräfin ein. .
, Gewiß zu einem ihm. gemäßen Ziele.;-
,Es liegen jetzt ernste Pflichten, es liegt gewie-
sene Arbeit vor ihm!! erinnerte die Gräfin..,

,Wenn er es sich zutraut, sie bewältigen zu können,
wird er sie ergreifen!.-
, Und wenn nicht?? -
,Nun, dann hat unter den Millionen,. ie sich
auf der Erde nach Erwerb begierign, und -nach, Ehre
durstig, jagend drängen,-einmal- Jemand eine. Aus-
nahme davon gemacht, weil ihn sein,Geschick derMühe
des Erwerbes enthob, wei! ihn,fühe Krgnkheit von
der allgemeinen Rennbahn, fexnhielt..nd wenn er
unter diesen besonderen Bedingungen: sich zu' einem
Manne entwickelte, dessen milder Sinn, gtns stets er-
freut, wenn er in sich den. Glauben; an das Gute,
an das Große, an das Schöne, das Vertrauen zu den
Menschen aufrechtzuerhalten wußte,-die, verlgren zu
haben wir Anderen als ein Unglück erkennen, sollen
wir ihn deshalb nicht als einen Glücklichen bezeichnen?
Sollen wir uns nicht daran erfreuen, daß er ist, wie
er ist, und daß wir von ihm besser denken dürfen als
von un?
,Konradine, rief die Gräfin, ,so seherisch und
so gerecht ist nur die Liebe.
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- ,Ja, die Liebe, die keinen Anspruch irgend einer
Ait für sich erhebt,! sezte Konradine hinzu, ohne
durch den Ausruf der Gräfin irgendwie beirrt zu
werden, ,und ich wollte, theure Frau, auch Sie ließen
ihn gewähren, auch Sie verlangten, erwarteten von
ihm Nichts für die Förderung Ihrer Zwecke. Um wie
viel reiner und inniger würden Sie sich' zu einander
finden!?
Die Gräfin umarmte sie. Es war schon dunkel
-geworden. Emanuel' kam, wie es früher oder. später-
an jedem Abende geschah, die Freundin nach ihrer
Wohnung hinüber zu geleiten. Die Gräfin äber fer-
eigte noch in derselben Stunde das Schreiben aus,
das- denAdjunktus unter wesentlich verbesserten Be-
dingungen die frei gewordene Pfarrerstelle! zusprach;
und fie schrieb daneben ihrem Amtmanne, daß sie sich
der Verlobung Hulda's mit dem Pfarrer aufrichtig er-
freue, daß damit der Wunsch des verstorbenen Pfarrers -
inErfüllung gehe, daß man die Hochzeit je- eher je-
lieber feiern möge, und daß eine nicht unbeträchtliche
-Summne, die zu -zahlen sie den Amtmann anwies, als .
das Brautgeschenk der Gräfin für Hulda's Einrichtung
verwendet werden solle.
zssGGowooooow