Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 20


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Bwanzigstes Gapites
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- Das offene Aussprechen hatte gut. gewirkt,-denn
es hatte fortan die scheue Voxsicht,- welche--Emanuel
und die Gräfin seit ihrer- Wiedervereinigung gegen
einander beobachtet hatten,. unnöthig-gemacht. : Ein
Jeder wußte jetzt unwiderleglich, was- und wie der
Andere dachte, man konnte sich also, freier, -rückhalt-
loser gehen lassen, und wwie Konradinens Neigung. für
den Freund mit jedem Tage an Wärme und an Zärt-
lichkeit gewann, so hatte auch der Gräfin, Antheil an
Konradine sich erhöht. Sie wußte Weichheit und Hin-
gebung in einem starken Frauenherzen wohl zu wür-
digen, und da sie ihren Bruder wirklich liebte, war
es ihr eine Freude, ihn selbst in jenen Eigenschgften,
welche ihr als Schwächen an ihm exschienen, von der
schönen Stiftsdame verstanden und gewürdigt zu -
finden, die sie jezt mit Zuversicht als seine künftige
Gattin anzusehen begann.
Es hatte sich zwischen den Beide auch ein schönes
Vertrauen herausgebildet. Sie genossen mit Be-
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Eanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.


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wußtsein eines freien, beständig wachsenden Einver-
ständnisses, das eben, weil es zwischen Personen ver-

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schiedenen Geschlechtes stattfand, einen erhöhten, be-
lebenden Reiz gewann. Konradine hatte sich in der
Zurückgezogenheit des Stiftes ernsterem Lesen und
dauernderem Nachdenken hingegeben, sie fand daher
Freude und zeigte Theihahme gn,Emanuel's mannig-
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fachen Studien, die hinwiederum zu' erörternden Ge-
sprächen reichen Anlaß ggben. Während man so in
müheloser Muße, in vornehmer Beschaulichkeit, nur -
mit einander und mit den eigenen Gedanken und
Empfindungen angenehm beschäftigt, die ganze Herr-

lichkeit eines frischen sonnigen Spätherbstes genoß,
flossen die Stunden unmerklich dahin. Die Zeit, welche
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für Konradinens Aufenthalt an dem See bestimmt ge-
wesen war, nahte ihrem Ende, und ohne daß man
es einander eingestand, begann man heimlich die Zahl
der Tage nachzurechnen, während deren man sich dieses ;
beglückenden Beisammenseins noch versichert halten
konnte. - -
- Aber man meinte -noch auf manche schöne Stunde
hoffen zu dürfen, als ein Brief des jungen Arztes,
der den Majoratsherrn und dessen Gattin nach ihrem
gegenwärtigen Aufenthalt im Süden geleitet und dort.Z
seine Pflege übernommen hatte, die;Geschwister' des .
Kranken davon in Kenntniß setzte, daß sie nicht säumen
dürften, sich zu demselben zu verfügen, wenn sie ihm
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Man hatte diese Kunde an jedem Tage erwarten
= müssen, der bevorstehende Tod des'Majorätsherrn hatte
in allen Planen der Gräfin seinen Pläz, gehabt, man
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hatte im Voraus um den droheüden-Verlust des treff-
lichen Mannes, des geliebten rudersöft gelitteit und
F geklagt, es war Nichts in der Botschaft, das. bestürzen
! oder irgend Jemanden übeiraschen konnte. Aber das
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Leben schreckt immer zusammen, wenn der Tod an

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dasselbe herantritt, und so nothwendig ist für Jeden
der Glaube wenigstens an eine verhältnißnäßige Dauer
der Zustäände, in denen zu exiftkren - ihm leben heißt,
daß man Mkhe hat, ihr Ende, magres in langsamer
F Annäherung oder plözlich über uns hereinbrechen, zu
begreifen, zu ertragen. Die Gräfin war nindeß noch
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ganz besonders von der Kunde erschüttert.i-
, Es ruht ein eigener Unstern.über den Hochzeits-
festen meiner Kinder,! sagte sie zu: Könradinen, als
diese, von Emanuel benachrichtigt, aus ihrer Villa
hinübergekommen war, den Freunden in solchein Augen-
blicke nicht zu fehlen. , Glarissens Trauung,, die wir
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ßt im Kreise der ganzen beiderseitigen Familien' zu feiern
gedacht hatten, mußte im Trauerjahre: um ihrän' Vater,
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an dem Sterbebette ihres Schwiegervaters vollzogen
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- werden; und selbst wenn ich darauf -berzichten wollte,
der Ceremonie beizuwöhnen, wird jetzt meines,Sohies
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Hochzeit nothwendigJ einen. Aufschub- erleiden: müssen.
Man kann es nicht darauf ankommen lassen, daß er
vielleicht eben in demselben Augenblicke den Bund für
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- das Leben schließt, in welchem wir den: Bruder aus
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dem Leben scheiden sehen. Bei der lebhaften Phan-
tasie seiner Braut, bei ihrem Zuge zu religiösem My-
sticismus könnte das leicht einen verwirrenden Ein-
druck in, ihrem Gemüthe zurücklassen, und sie würde
bei all den mehr oder weniger unheilvollen Zufällen,
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von denen kein Menschenschicksal frei ist, auf ihren
Hochzeilstag. zurückblickend, an eine üble Vorbedeutung
glauben. Davor muß man sie in jedem Falle be-
wahren.! - -.
,Tlarissens Beispiel könnte es ihr aber doch be-
weisen,! meinte Emanuel, ,wie wenig das Glück der
Ehe von den Umständen abhängt, unter welchen sie
eingesegnet wird.!
,Ja, wenn träumerisch grübelnde Naturen, wie
die ihre, mit Vernunftgründen zu überzeugen wären,'
entgegnete die Gräfin, , oder wenn mein Sohn und
seine Braut einander im Denken und Empfinden so
ähnlich wären als Clarisse und der Fürst. Aber da
meines Sohnes rasche. Lebenslust, seine Gewohnheit,
die Dinge leicht zu nehmen und das Unbequeme von
sich abzuweisen, und die Insichgekehrtheit seiner Braut,
ihre Neigung zu fürchtenden Sorgen und bangem,
Alles zu vermeiden, was das Gemüth des lieben
Mädchens beunruhigen könnte. Denn daß ich es nuur
gestehe, trotz der ungewöhnlichen Gunst aller äußeren
Glücksbedingungen kann ich mich bisweilen der beun-
ruhigenden Frage nicht entschlagen, wie so verschieden
geartete Naturen, wenn sie sich auch zu einander

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ahnendem Verbinden des Zufälligen, sich einander
schroff entgegenstehen, so erfordert es die Vorsicht,

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finden konnten, sich dauernd in einander schicken
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werden.!
,Vielleicht müheloser als Du es erwartest,! ver-
sezte Emanuuel, ,lofern sich nur' in Beiden Elemente
finden, die einander ergänzen und sich an, einander
entwickeln können. Weng Deines Sohnes Frohsinn
F und Julia's zur Schwermuth neigendes Gemüth sich
mit einander in das Gleiche setzen, so würde daraus, -

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wenn auch nicht das helle Licht, das über Clarissens
Haus leuchtet, so doch ein ruhiges Pbisroseuro ent-
stehen, in welchem -es sich wie in einer gemäßigten
Zone behaglich leben läßt, besonders wenn der Maimn
und die Frau, wie dies hier sicher zu erwarten steht,
doch Jedes noch seine eigene Welt für sich in Anspruch
nehmen werden. Das gibt dann freilich nicht das
allerhöchste Glück, aber doch jenen mittleren. Zustand,
js in welchem die Mehrzahl der Menschen sich sehr wohl
behagt.
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kommen pflegten und die es gar nicht besser verlangte,
als sie verscheucht zu sehen, stimmte ihm ohneweiteres
bei Auch Konradine meinte, daß ihr' völlige Gleich-
heit der Charaktere durchaus kein Erforderniß für
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Die Gräfin, der ähnliche Sorgen nuur selten zu
das Glück der Ehe zu sein scheine, vorausgesezt, daß


nur eine Nebereinstimmung in den sittlichen An-
schauungen, und in den Hauptforderungen worhanden
sei, welche man an das Leben stelle.
,Und daß der Mann ein ganzer Mann,' die Frau
in ihrer Hingebung ein echtes Weib sei,! fügte die
Gräfin hinzu, der es aus Vorliebe für das Her-

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gebrachte gelegentlich wohl- begegnen konnte, derartige,
Sätze auszusprechen, selbst wenn sie und ihre Eigen-
art: als. Beweis des Gegentheiles gelten durften. Denn
Niemand besaß jene sogenannten echt weiblichen Eigen-
schaften, auf die sie hinwies, weniger als gerade sie,
und doch hatte fie ihren verstorbenen Gatten sehr be-
glückt :iund ihre Ehe hatte als ein Porbild gelten
dürfen. .? s
.. Auch konnten die beiden Anderen, da ihre Blicke
sich bei der Gräfin Ausspruch trafen,. das flüchtige
Lächeln ihres Einverständnisses nicht ganz verbergen,
und!Konradine bemerkte: ,Es füllt mir auf, eben
on' Ihnen,. theure Frau, den Glauben an die absolute
Geschiedenheit der Eigenschaften in den beiden Ge-
schlechtern so scharf hervorheben zu sehen, da wir doch -
fortdauernd von dem Gegentheile die Beispiele vor
Augen- haben. Ich kenne Frauen, auf welche, neben
jenen Eigenschaften, die wir als die weiblichen zu be-
zgichnenf gewohnt -sind, sich unverkemnbar ein großer-
Theil' der väterlichen Begabung --- und oft auch der
väterlichen. Züge -=- fortgeerbt: hat. Und -ebenss be-
gegnet man sehr tüchtigen,- bedeutenden Männern, äus -
deren:charaktervollem Antliz uns ein paar Augen mit
so mildem, Glanze an sehen,- aus deren breiter Brust
uns eine so weiche Stimme. änspricht, und in denen
Kraft. und Weichheit sich so eigenartig mischen, daß
man durchaus behaupten darf, es sei ein Gemüth, eine
Hingebung, ein Liebesbedürfniß und auch eine Liebe-
fähigkeit in ihnen vorhanden, wie man sie herge-
brachterweise nur den Frauen zuzuschreibenpflegt.


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Warum sollten derartig angelegte Menschen sich nicht
zusammenfinden, sich; nicht- ineinander schicken und
einander zu ihrem Heil ergänzenz können, ohne - daß
auch nur Einer von Beiden jenes ollendete Bilö der
Mänlichkeit oder Weblichkeit in sich-darstellt, das
Sie mit den Worten: ,ein ganzer. Mann, ein echtes
Weib- vorhin bezeichnen wollten??-
Die Gräfin hatte ihr achtsam zugehört. Sle
mochte diese Anschauung in Konradinen nicht woraus-
gesetzt haben, aber sie ließ sie ohne Einwand gelten und
versetzte, dieselbe nach der einen.. Seite -bekräftigend:
,Was Sie von der, ungleichen Vererbung der. Eigen-
schaften auf die verschiedenen, Gefchlechter, sagen, an-
erkenne ich für meinen Theil unbedingt, Ich habe
mehr von meines Paters als von der Mutter Natur
in mir. Auch bei Ihnen -möchte man: das Mämliche
behaupten; während meine Kinder-Beide ihrem Groß-
vater väterlicherseits- bis -in, seine kleinen Eigenheiten
ähnlich sind, und meinen Brüdern, vor Allen Emanuel,
die Gemüthsanlagen und die zemüthstiefe -unserer
Mutter zu Cheil geworden sind. Das-sind Sgple der
Natur, und glücklich genug, wenn sie zu unserem Heil
ausschlagen.!-
- Sie erhob sich mit den Worten und verließ die
beiden Anderen, da die Zeit por der am nächsten
Mittage beporstehenden Abreise-. noch pon mancherlei
Anforderungen -hingenommen - war. - Konradine trat
auf die Terrasse hinaus, Emanuel folgte ihr dorthin.
Die Sonne stand hoch, am Himmel, es war wie
im Sommer hell und warm, kur daß die Luft sich



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erquickender und leichter athmen ließ. Die Rosen

blühten noch und hingen in reicher Fülle von den
Zweigen des Laurus und von den Aesten der Feigen-
bäume hinab, zu denen sie emporgeklettert waren, und
mischten sich dort oben mit der. zweiten Fruchtreife.
Auch aus dem dunkeln Grün der Cypressen, die sich
an, den Seiten der Terrasse hinzogen, 'sahen die
Rosen leuchtend hervor, und nach diesen' hinblickend,
sagte Emanel: ,as ist recht ein Bilb der Zustände,
in- denen,wir uns jezt befinden, Rosen von Cypressen
rings- umgeben. Und es ist' doch schön, dieses In-
einanderranken von Trauer und Freude, einedie
andere sänftigend, Trost verheißend und zur Bescheidung -,
mahnend.!

Konradine folgte seinem Blicke, und wie ihre
Augen dabei weiterschweifend die schimmernde Fläche
des Sees betrachteten, den die schneebedeckten Berge
in sich umschlossen hielten, sagte sie: ,Daß wir das
Alles mrgen nicht mehr sehen, daß diese Schönheit
schon nach wenigen' Stunden für uns nicht mehr vor-
handen, sein wird!=- Man kann es kaum glauben
und man denkt es auch nicht. gern.!
,Es waren sanfte, schöne Tage, die wir hier verleb-
ten, diewir Ihnen hier verdankten,! entgegnete Emanuel,
,und es geht mir wie Ihnen.' Auch ich habe Mühe
mir vorzustellen, daß sie nun vorüber sind. Wir leben
uns in das Gute, in das, was uns gemäß ist, so leicht Z
ein. Wie spielende Kinder überlassen wir uns immer
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? lich von einer Stromschnelle gewaltig fortgezogen,
schrecken wir empor, weil wir uns weit ab von dem
Ziele finden, dem wir zugestrebt haben, nd weil wir
wieder einmal die melancholische Erfahrung ; machen,
wie wenig Sicherheit des Glücks es für uns giebt.
,,Das Bild, das Sie brauchen,' petsetzte Kon-
radine, ,,ist heute auch für mich und' meinen- Zustand
sehr bezeichnend. Ich habe am Mörgen einen Brief
von unserer Aebtissin empfangen mit einer Nachricht,
die meine innere Ruhe angetastet hat, und die meinen
Planen für die Zukunft und meinen Erwartungen
von derselben wahrscheinlich ein Ende machen wird.'?
Emanuel' fragte, was das heißen' solle. -?
,,Sie wissen,. gab sie ihm zur Antwort, , daß
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F vor einjgen Wochen eine unserer jüngeren Damen,
? die sich verlobte, das Stift verlassen hat. - Heute
meldet mir die Aebtissin, daß man, Abständ iehmend
von der ganzen Reihe der- eingeschriebenen- Aspiran-
tinnen, jene Stelle der Prinzessin Marianne, der
j? ältesten Schwester des Prinzen Sriedrich, zugesprochen
hat, und daß diese noch im Laufe des Herbstes ihren
ersten Aufenthalt bei uns zu nehmen gedenkt.? - --
, Und Sie scheuen die Begegnung miitlihr?
, Eine Begegnuung mit ihr, würde: ich leicht er-
tragen, aber hie Aussicht auf ein langes, dauerndes,
, unvermeidliches Zusammensein mit ihr, ist mir nicht
willkommen. Dazu unterliegt es keinem Zweifel, daß
man ihr diese Stelle nur angewiesen hat, um sie
später zur Aebtissin zu ernennen, denn nur in' dieser
Voraussicht wird sie dieselbe angenommen - haben.
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Sich mit uns Anderen dauernd auf gleiche Stufe hin-
zustellen, ist sie viel zu stolz und viel zu herrisch.
Damit sind denn nun die Schritte, welche die Aebtissin
bei ihrer letzten Reise in meinem Interesse gethan hat,
vergeblich gewesen, und die fast bindenden Susagen,
welche ihr höchstenorts in dem Betracht gegeben worden
sind, natürlich aufgehoben. Man war so weit
gegangen, mich schon im Beginne des nächstenJahtes
zu? ihrer offieiellen -Stellvertreterin bei -Krankheits-
fällen, oder sonstigen Störungen ernennen zu wollen,
und sie schreibt mir, dies zu thun, sei man auch jetzt
noch gesonnen. Natürlich! denn man will der
mich ihr zu einem bequemen Beamten machen. Aber
unter den obwaltenden Verhältnissen paßt diese Auf-
gabe mir nicht mehr.!
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Prinzessin für die Zukunft die Mühe und die Arbeit
im voraus von den Schultern nehmen; man möchte
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- ,Haben Sie denn wirklich daran denken können,'!
wendete-Emanuel ein, ,,Ihre Zukunft ganz dem
Stifte zu weihen, die Angelegenheiten dieser kleinen
Frauengemeinde als Ihre Lebensaufgabe über sich zu
nehmen?
, Und warum nicht? entgegnete sie ihn ,Sch- -
habe in unserem Stifte eine feste Heimat und eine
dauernde, zusammenhängende Beschäftigung gefunden,
zwei Dinge, die ich bis dahin nicht gekannnt habe, und
die ich auf unserem esthländischen Gute nicht finden
würde, so lange - und ich hoffe, es wird lange -
sein - so lange meine Mutter lebt, die es ihrem
Verwalter überantwortet hat, in den sie mit Recht


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Vertrauen sezt. Dazu handelt es sich, wie Sie wissen,
bei uns im Stifte nicht nur um die' Einkünfte des-
selben. Es hängen Ortschaften mit ihren Einwdohnern
von dem Stifte ab, es ist eine kleine Herrschaft, die
man dort zu leiten hat, für derenInsassen. man ver-
antwortlich ist. Ich habe viele von den Leuten, habe
ihre Bedürfnisse kennen -gelernt, konnte persönlich
manche Hilfe leisten, mancher Ungerechtigkeit begegnen.
Ich war gerne in dem Stifte und dachte mit Zuver-
sicht an meine Rückkehr in dässelbe, an den mir lieb
gewordenen Wirkungskreis.?- -
Sie brach ab, Emaruel schwieg ebenfalls; so
blieben sie, ihrenGedanken nachhängend, eine geraume
Weile neben einander stehen, bis ,er'Nleise seine Hand
auf ihre legte, ihre Achtsamkeit auf sich zuziehen. Wie
sie ihn ansah, fiel ihr, der Ausdruck seiner Mienen
auf. Sie fragte ihn, was ihn, bewege.; - -
,Ich gehe: mit mir zü Rathe, ob-ich es wwagen
darf, Ihnen eine Frage vorzulegen, die sich mir in
dieser Stunde aufdrängt!'! gab er ihr zur Antwort.
Dann hielt er inne, und mit einer schüchternen Zu-
rückhaltung, die ihm bei seinem Ernste sehr wohl an-
stand, sagte er:,Sie besorgen, die Ihnen lieb ge-
wordene Heimat, den Ihnen gemäßen Wirkungskreis
im Stifte nicht unverändert wiederzufinden.. Sie
fürchten, auf dieselben aus. Gründen, die mir ein-
leuchten, vielleicht verzichten zu müssen. Es scheint
mir aber, als ob Sie keine weiteren besonderen Plane
für sich hätten, als ob Sie nicht danach verlangten,
in die Gesellschaft der großen Welt zurückzukehren, in

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welcher Auszeichnungen aller Art Ihnen jetzt noch
weniger als früher fehlen würden, und Sie haben es -
mir zu meiner großen Freude ausgesprochen, daß unser
Beisammensein auch Ihnen lieb gewesen ist, auch
Ihnen wohl gethan hat.?
Er hielt zögernd inne, und mit einer Stimme,
in welcher das Klopfen seines Herzens hörbar wieder-
klang, sagte er danach: ,Ich bin nicht dazu gemacht.
Konradine, einer Frau wie Sie, von Liebe zu sprechen,
und meine neuesten Erfahrungen würden mir das be-
stätigt haben, hätte ich irgendwie im Zweifel darüber -


sein können. Dazu haben Sie einen Mann geliebt,
mit dessen glänzenden, fortreißenden Eigenschaften ich
mich in keiner Rücksicht messen darf. Aber eine wür-

dige Heimat und einen segensreichen Wirkungskreis,
die kann- ich Ihnen bieten auf den Gütern, die mir
zufallen, und die ich freudiger übernehmen würde, wenn
Sie sich entschließen könnten, dort mit mir zu woh- -
nen; wenn die Gewißheit, einem Manne, der Sie
von Herzen hochhält und Ihren Werth mit liebender-
Bewunderung erkennt, das Leben lieb und zum Ge-
iusse zu machen, Sie schablos halten könnte für jene I
Eigenschaften, die mir fehlen; wenn Sie gewillt
wären, wahr zu machen, was Sie heute so tief und
richtig von den sich ausgleichenden und einander er-
gänzenden Elementen in der Ehe ausgesprochen haben.?

Konradine hatteNichts weniger als das erwartet,
aber seine ernste Gefaßtheit ergrif sie, und ihr er-
glühendes Antliz in ihren Händen bergend, rief sie:
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,Ach! warum haben Sie mir das gerade heute, gerade
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sein. Vergessen Sie es; wwie ich vergessen will, daß

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Er trat erschreckend von ihr fort; aber sich ge-
ich mehr wünschte und erstrebte, ,als Sie mir ge-
währten.?
-,Soll ich Bhrem Mitleib schulden,r eief sie,
,was Sie mir ohne dasselbe nicht zu bieten dachten?

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,Welch ein Wokt ist das! Wie mögen Sie sich
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und mir also wehe thun, wo Sie in so hohem Grade
die Gewährende find? Nicht die Anistände, welche
Ihnen vielleicht die Entfernung aus dem Stifte wün-
schenswerth machen, es sind die Gedanken,, wwelche Sie
heute als Ihre Neberzeugung dargelegt, die mich er-
muthigt haben, Ihnen mein' Wünschen zu ofenbaren,
Ihnen meine Händ zu, bieten.. Nehmen Sie sie an.
Auch jenseits der glänzenden Erwartungen, auf deren
Verwirklichung das Herz der ersten Jugend hofft, ist
Glück vorhanden, wird es für uns, ich hoffe es voll
Zuversicht, vorhanden sein können.'?
, Und ich sollte Ihnen, sollte der Gräfin den
Glauben aufnöthigen, daß ich mit jenen Worten, die
ich heut' Gott weiß wie arglos! ausgesprochen habe,
Ihrer oder meiner dachte?? -
Emanuel fand in seiner Seele, für diese Be-
denken weder Ursache noch Wiederhall, aber sein altes
Mißtrauen in sich selbst ward vor ihnen rege. - Er
besorgte, Konradine suche Gründe für eine Weige-

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rung, und obschon es ihm sehr wehe that, sagte er
sanft und ruhig: ,Ich will Sie nicht bedrängen, will
Ihnen-nicht zurückgeben oder auf mich anwenden, was -
Sie vonMitleid sprachen, und was in IhremMunde
so unberechtigt war. Neberlegen Sie in aller Ruhe.
Nur das Eine lassen Sie mich sagen und das glauben
Sie mir: Ihre Nähe ist für mich ein großer Segen:
Ihre eigung gewinnen, zu Ihrer Zufriedenheit bei-
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tragen zu können, würde niich glücklich machen; und
wenn Sie, wie ich hoffe, die leicht erregbare Verwun-
derung der - Unbetheiligten-?
Konradine ließ ihn nicht vollenden. ,icht wei-
ter!r rief sie; ,das hieße wirklich Ihnen zu nahe
thun und mir,? fuhr sie fort;',aber ich habe das
verdient mit meinem alten, falschen Stolz. Lassen
Sie mich es nicht entgelten. Ich bin sicher, Sie
fühlen es, wie theuer Sie mir sind, und was wir
wünschen und erstreben, wissen wir. Mit voller Zu-
versicht bin ich die Ihre!? Sie reichte ihm beide
Hände hin, er küßte ihr die Hand, er nannte sie mit
Zärtlichkeit die Seine, und bewegten Gemnüthes, herz-
lich einander zugeneigt, voll guten Willens und voll z -
guten Glaubens an die Zukunft, so schritten sie Arm -
in Arm dem Hause zu, sich der Gräfin als Verlobte
vorzustellen.
Es geschah der Gräfin selten, daß die Freude sie
überwältigte, wie in dieser Stunde. Sie nannte Kon- -
radine ihre Schwester, ihre Tochter; sie pries es als -
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ihres sterbenden Bruders erhelle, und von der her-
gebrachten Sitte absehend, sobald es die Genugthuung
eines der Ihren galt, sprach sie den Wunsch aus, daß
die Verlobten Beide sie auf der Reise, die man mor-
gen anzutreten hatte, begleiten möchten, um noch den
Segen des Bruders zu empfangen, in dessen Rechte
Emanuel jetzt eintrat, in dessen Stammsitz er und
Konradine künftig walten sollten. Aber Emanuel
wehrte den Vorschlag von sich ab.
Seine vorsorgende Zärtlichkeit wünschte der Braut
die schweren Tage zu ersparen, denen er - entgegen--
s ging, und weil es seinem feinen Empfinden-ohnehin
widerstrebte, dem hoffnungslosen Bruder so reich an
eigenen Hoffnungen zu nahen, stimmte er-Konradinen
s: noch entschiedener darin bei, daß sie nicht als Verlobte
? aufträten, ehe man die Mutter benachrichtigt und sich
s. ihrer freilich zweifellosen Zustimmung versichert hätte.
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eben bei der Ankunft der Prinzessin nicht zu fehlen.
Man hatte also in den wenigen Stunden, deren
man noch gemeinsam ficher war, vollauf zu thun, und
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?- erst am Abende kam man dazu, das nächste Wieder-
g- sehen und die nothwendigsten Verabredangen mit ein-
? ander so weit als möglich festzusetzen. - An rächstei
F Morgen brachen die Gräfin ünd der Bruder gen
ß Süden auf. Vierundzwanzig Stunden später trat
F Konradine in dem Wagen ihres Bräutigams, unter
F dem Schutze seines Kammerdieners, den er ihr zurück-
h gelassen hatte, ihre Reise in öas Stift an. -
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