Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 21

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Einundzwanzigstes Gapites-
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- Während die Reisenden sich noch hellen, Wetters
und warmer Mittage erfreuten, wehte der Wind schon
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wieder rauh und eisig von dem Meere über das Pfarr-
haus und, das Schloß hinweg, und trieb unablässig y
neue Regenwolken über das Land, daß die Wege von
der langen Nässe bereits wieder fast grundlos gewor-
den waren. Wen nicht eben Geschäfte dazu nöthigten,
der machte. sich nicht hinaus, um WZagen und Pferde
nicht unnöthig zu, strapaziren, sondern saß nach des -'
Tages Arbeit stille in seiner warmen Stube an dem
wohlgeheizten, Ofen. -
- Auch. der Amtmann kam nicht viel heraus. Die-
Kartoffeln waren eingebracht, die Felder neu bestellt,
und seine gewohnten wöchentlichen Fahrten nach der
Oberförsterei hatte er in den letzten Zeiten eingestellt;
denn, obschon der Amtmann es uwvernünftig nannte,
war doch von Seiten des Oberförsters gegen ihn eine- ,
Verstimmung eingetreten. Der Oberförster ging dem -'
alten Freunde gerne aus dem Wege, und wenn der
Amtmann auch zu gerecht war, seinen Verdruß darüber -


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Hulda zur Last zu legen, oder ihr, wie:Ulrike es that,
beständig vorzuwerfen, daß sie nnverantwortlich ge-
handelt, als sie den angesehenen. Mannk.rdes Oikels
Freund, zurückgewiesen habe, so-sehnte er?och nun
auch seinerseits den Tag herbei; aii welchen die Gräfin
dem Adjunktus die Pfarre verliehen haben würde, da-
mit die Sache mit dem Adjunktus. und mit. Hulda
endlich in das Reine, Hulda aus'dem Hause, und
zwischen ihm und. seinem Freunde dex' gewohnte be-
hagliche Verkehr wieder in das vernünftige alte' Ge-
leise käme.
Inzwischen war es ihm; ganz recht und lieb, daß
der Adjunktus immer öfter in das Amt herüberkam.
Er ließ fich es sogar bisweilen,nicht verdrießenj -Abends
für den Rückweg den. Einspäimer -an ihn zu wenden,
denn der Amtmann kam auch allmäligiin die Jähre;
in denen man gerne ?spricht,, weilman dass Lesen: satt
hat.' Er kannte seinef alteir Lisblingsbücher von: An-
fang bis zu Ende, die neuen Büchert machten ihm
aber nicht halb so viel- Vergnügen; 'ünd den ganzen
Abend, so wie sonst, über den Zeitungen. zu'sitzen,
war ihm nicht mehr recht. Es war-in denselben so
oft vom Volke die Rede, und-von Rechten und pon
Freiheiten, mit denen nach seiner Meinung- die lOrd-
nung nicht bestehen konnte;, und an diefvordem kein
Mensch auch nur gedacht hatte. Diei Augen wurden
ihm dabei nur müde, sie fielen ihm gelegentlich sogar
zu, und- das ärgerte ihn doppelt, wwenn die Schwester,
in deren Unermüdlichkeit und eiserner:Festigkeit gar
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--- -Man hätte: meinen können, daß Ulrike, wenn
man sie' so sah, sich von den Kräften frisch erhielt,
die sie: die Anderen unnöthig verbrauchen machte; denn
im: Spätherbst, wenn es- im Hause recht. viel zu
schaffen gab, wenn sie Alles und Jeden in beständiger.
Bewegung erhielt, daß weder sie noch sonst: Jemand
von: Denen, wwelchen jie zu befehlen hatte, ?zur Be-
finnung -und zu Athemn kam, war sie immer am ge«
sündesten,i und sie- sagte es oft. selber, daß sie solches.
Arbeiten auf -ein Jahr verjünge. Selbst' wenn: sie
endlich einmal stille saß, mußte sie noch immer Etwäs
thun, und wenn. es nichts Anderes war, sich poch die
Karten legen,i um zu wissen, was ihr am nächsten

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Tage glücken, was mißglücken werde, und ob ,Gutes
oder Böses an ihrem Horizönte stehe. - Es focht sie z
dabei nicht im-geringsten an, daß der Bruder es
Narrenspossen nannte, daß der Adjunkt ihr freundlich
mahnend zu! bedenken gab, wie dem Menschen nach
Gottes weisem Rathschlusse kein Blick vergönnt. sei in z
die,Zukunft. Sieisagte, das sei Alles gut und schön,
abexkder-Mensch nrüsse ja an. so Vieles glauben, was ,e
auch: nicht zu beweisen und deshalb doch aicht. minder
wahr-sei. -Was' sie wisse, das wisse sie;. und wenn
auch' das alte Kartenlegen ihr: nicht immer ganz, und
gar: zugetroffen sei, die Patience,. welche Monsieur
Michael sie, gelehrt, die habe sie noch nie im Stiche
gelassen,' wenn sie mit Ja und Nein gefragt habe, und
auf' die lebe und- sterbe sie.
Der Adjunkt war gerade da, als sien wieder ein-
mal, ihre Karten legend, diese Behauptung aussprach.



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- Der Amtmann hatte ihn nach der Kirche mit, in das
Amt gebracht und sich erboten, ihn - nach Hause zu
schicken. Es war nach dem Abendessen, und sie mgchten
ihre Schachpartie; aber weil des jungen Mannes Theil-
nahme auf Hulda gerichtet war, die mit ihrer Arbeit
an Ulrikens Seite saß, hörte er auf Alles, was sie
an dem Tisch am Ofen sagten. Eö, hatte also die
letzten Worte auch vernommen,. und um auf diese Art
wieder eine Unterhaltung mit den Frauen anzuknüpfen,
f; in die er Hulda hineinzuziehen hoffte,, fragte er, ween
der Monsieur Michael gewesen sei, dem sie ihre ge-
j; heimrißvoll untrügliche Patienee verdanke.
,Habe ich Ihnen denn nie von ihm erzählt? Ein
ganz charmanter junger Mensch, der GeheimSekretär
des Fürsten Severin.!--
, Hat sich was vom Geheim-Sekretür!? fiel der
Amtmann ihr in die Rede; ,er war des Fürsten Kam-
merdiener, ein eitler, geriebener, nichtsnutziger Gesell,
den der Fürst wegjagen mußte, wie, ich Ihnen vordem
einmal erzählte. Er ist dann auch auf! seinen rechten
Weg gekommen, denn er soll unter die Komödianten
gegangen sein.!
,Wer hat. das gesagt? elef ulrike, die bei ihrer
-' Verachtung gegen, Alles, was dem -Theater gngehörte,
diese Anschuldigung auf ihrem , Günstling nicht sizen
lassen wollte..
,Wer das gesagt hat? Des Posthalters Sohn,
der ihn hier gesehen hat, wenn Michael des Fürsten
Briefe expedirte, hat es hergeschrieben. Er hat ihn
selber spielen sehen.!
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,Das ist freilich ein' trauriges Gewerbe und ein
gefährlicher Beruf!r meinte der Adjunkt.
- ,Ich glaub's nicht! Es ist nicht wahr, daß er
beim Theater ist! behauptete Ulrike.
- , Lege Dir doch seine unfehlbare Patience darauf
mit Ja und Nein, da wirst Du's j erfahren!! neinte
der Amtmann.
,Was nicht sein kann, das frage ich nicht erst!?-
, entgegnete fie trozig und legte ihre Karten fort.
-,Es sind schon ganz Andere auf die Bretter ge-

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,ebee tt boneen Vesah!' sage ve Neefea. j
gangen!! warf der Amtmann hin.
ohne daß der Bruder ihr eine Antwort darauf gab,
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denn der Adjunktus bot ihm schon zum zwweitenmale -z
,ein Schach der Königink, und er hatte nun an An-
deres zu denken als an die Freundschaften und an die P
Grillen seiner Schwester. Kaum aber bemerkte sie,
sie die Karten wwieder in der Hand und fing an sie -!
daß der Bruder nicht mehr auf sie achtete, so hatte -
in langen Reihen neben und über einander zu ord-
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nen: hier eine fortzunehmen, dort eine hinzulegen; und
sie schien es mit Erstaunen zu gewahren, wie die sonst
so ungefügen Blätter sich heute leicht zusammenbringen Is
ließen, wie rasch die Asse oben lagen und die ganze
Zahlenreihe neben einander ihr entgegenlachte. Sonst
war ihr das meist eine Genugthuung, heute legte sie
ie Karten schnell wieder zusammen, steckte sie in die
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Auch die Anderen hatten ihre Partie beendet, der
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Amtmann hatte sich danach entfernt, um ein paar
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Schriftstücke zusammenzusuchen, die der Adjunktus für
den Schulzen des Pfarrdorfes mit hinunternehmen
sollte. Hulda saß noch bei ihrer Näharbeit, die Er-
innerung an Michael, die ganze Unterhaltungwar ihr
auf das Herz gefallen. Der Adjunktus sah ihr an,
daß Etwas sie bedrückte, als er an sie herantrat :und
sie die Augen zu ihm aufhob.
,Es muß Ihnen manchmal doch recht schwer
fallen, sagte der Adjunktus, , die Verkehrtheiten von
Mamsell Ulrike zu ertragen, Sie sind so still gewor-
den und so abgeschlossen.?
Hulda entgegnete, sie habe sich wie ihre Mutter
in Ulrike schicken lernen, und da dieselbe gerne spreche,
gewöhne man sich ihr zuzuhören und zu schweigen.
,Sie glauben mir es wohl,' hub er darauf
wieder an, , wie sehr ich hieher denke, wennn ich zu
Hause in Ihre Stuben kommne;! Ihr Klavier benütze.
Es kommt mir immer wie ein. Unrecht, wie eine An-
massung vor, weil Sie das Mlles und obenein die
Ruhe, hier entbehren. In den ersten Wochen nach
Ihrem Fortgehen mochte ich die leeren Räume nicht
betreten, jezt aber freut es mich, darin zu sein. Die
guten Stunden, die herzerguickenden Gespräche, die
wir dort mit Ihrem Vater hatten, findianir dann in
der Erinnerung so lebendig, so erhebend!? --
Sie hatte ihm bis dähin eben nur das Uner-
läßliche geantwortet, denn das Alleinsein, mit ihm war
ihr mit jedem Besuche, den er in dem Amte gemacht-
hatte, peinlicher geworden, und das Erlebniß mit dem
Oberförster hatte sie noch scheuer und noch Lvrsichtiger




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werden lassen; aber diese. Erinnerung an ihren, Vater
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traf sie bei den Gedanken, mit denen sie sich heimlich
trug, mur um so tiefer, und mit einem Seufzer rief
sie: ,Glauben Sie, ich dächte nicht zurück?
Die Worte belebten ihn, denn er deutete sie sich
in seinem Sinne. ,Ich weiß es, o, ich weiß es!?-
rief er. ,Ich meine manchmal, -Sie müßten es em-
pfinden, wenn ich Sie- dort suche, wo Sie mir so
gegenwärtig sind; es müßte Sie dorthin ziehen, wie
den jungen Vogel zu dem heimischen Neste =-- ?

Seine Wärme, seine wächsende Lebhaftigkeit
machten sie besorgt, und ihn geflissentlich unter-
brechend, um ihn am Weitersprechen zu verhindern,
sagte sie, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen: ,Man

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merkt es, Sie sind nicht auf dem Lande groß ge-
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worden, Sie. glauben an die Fabel! Kein flügger
Vogel kehrt in das alte Nest zurück, wenn Vater und
Mutter es verlassen haben.?
- »Mamsell Hulda!r rief er schmerzlich, aber die -'
Rückkehr des Amtmannes hinderte ihn mehr zu sagen. Z
- Er hatte die Papiere in Empfang zu nehmen, den y j
Amtmann knüpfte ein paar Bemerkungen daran, die
der Adjunkt ausrichten sollte. Darüber kam auch die
Mamsell zurück,' und da sie troz ihrer Engherzigkeit z
gern Hilfe leistete und schenkte, weil sie sich dahei ihrer !
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guten Lage und des Neberflusses, dessen sie sich zu
erfreuen hatte, echt bewußt wward, so hatte sie Back- ;
werk und Honig und einige von ihren schönsten Gold- -;
Reineiten mit herbeigebracht, die sie, an dem großen -
Tische stehend, dem Adjunktus für die nächsten Tage
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noch zusammenpacken wollte. Wie sie dabei nach dem
Lichte hinübersah, fiel ihr ein blaues Flämmchen auf,
das an besonderem Faden an dem Dochte zitterte.
,Aber Herr Adjunktus,? rief sie,,Herr Adjunktus,
Ihnen brennt ein Brief, und zwwar ein großer! Mor-
gen wird er kommen! Sie sollen sehen, morgen kommt
die Vokation! Sie sollen sehen, das wird zutreffen- ?
, Wie Kälte um Lichtmeß!? fiel' ihr der Amt-
mann in die Rede, denn morgen ist Posttag, die
Vokation hat lange genug auf sich warten lassen, und
wenn sie nun endlich einmal komnt, so ist es das blaue
Wunder! Und die Unfehlbarkeit vön des Komödianten
Patience hat sich wieder neu bewährt.?
Ulrike entgegnete, davon sei die Rede nicht ge-
wesen, äber Briefe kämen mörgen, auch für' Hulda
einer. Indeß, weder Diese noch der Adjunkt machten
eine Bemerkung dazg. Nux wie er ihr,im Förtgehen
die Hand zum Abschied reichte, sagte sr ihr heimlich:
,Ich hoffe, das vom Vogel und vom. Neste haben Sie
nicht auf sich hezogen !?
Des Amtmanns Zuruf, daß der Wagen vor-
gefahren sei, ersparte ihr die Antwort; und seinem
Zweifeln und seinem Hoffen überlassen,' fuhr der Ad-
junktus in die Nacht hinans.
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