Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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Deiundzwanzigstes, Gapitet. -
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,Nui ist es geschehen!r = Dgs war Alles, was
Hulda denken konnte, als Fie sich'iü ihrei Siübe müde
und zerschlagen niedeksezte; Erwartet hätte' sie es
lange. Sie hattsich dthweßdig'befreien müssen aus
einer Lage, die in' jeder Besiehung unerträgbar'' für sie
geworden war, aber es war heute' Alles Fö' mrit' einem
Schlage über sieFekomnbirs kd pie beEicschsidung
nin vor ihr stand, sähnAllessüErsisher so nackt, so
roh, so' öde aüs. =Der verkläeeibe Schißmner, der die
Zukunft geheimmrißooll'uniwwöben, Har dahin, es war
ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte?- -?
a Jezt kam es darääuf an,? wasGabriele' schrieb.
Sie zog den Brief heraus; 'schon die:klare, festeHand-
schrift hatte etvas Tröstliches füEsie. zWas' Sie mir
mitiheilen,! hieß es nach' der ersten Seilef-,hat nichts
Befrenrdliches für mich. - Jeöe vdi'inis trägt mehr
oder weniger bewußt ein Verlangen nnach einem be-
sonderen Glück, oder -nach' einer idealeit! Bethätigung
seines Wesens in sich, und wennu das Eiste' uis nicht
winken will, trachten wir danach, die Zweitezu erreichen.

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Das ist Ihr Fall, und manche Ihrer Anlagen scheinen
' Ihrein Vorhaben Erfolg zu versprechen. Aber der
Weg einer Bühnenkünftlerin ist schwer und rauh, und
selbst an dem glänzend errungenen Ziel finden stch der
-verletzenden Dornen unter den Kränzen des Triumphes
noch genuug. Ob Ihr Talent ausreichend ist, kann nur
die Probe darthun, Ob Sie den Muth, die nichts-
achtende Entschlossenhet i das Bersichselbstberuhen
besizen, ohne welche die äheatralische Laufbahn nicht
zurüczulegen ist, darüber können nur Sie selbst ent-
Fceideggz kegen Sie sich die, Frage ernsthaft wver. -=
Fing- Sie, mit, sich,, einig, so melden Sie es- dem:
Direktor des Thegters, den. Sie, bei mir: an jenem
Morgen, sahen. -»Ich-habe -ihm geschrieben, ihn, auf
Ihre Ahsicht,vorhereitet, ihm meine Meinungüber die
,Ihgenjgemäßen Studien mitgetheilt,, und Sie, ihn auf
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dgs Rachdrücklichste empfohlen. Fürchten Sie von
Feiteg, Ihrer Angehöxigen, auf: Hindernisse bei-der
Auusführung ;Ihres Flanes, zu stoßen, Ao mrüssen Sie
Fugheg, jhn;wohne, deren,Zystimmung zur Ausführung
zu bringen, zdenn-in, diesensFalle, wie ,in, mmnanchem -
andexen;kann -man, nichtsdurchkommen, ohne .yach dgm
Hgnstzühel herufenen örundsatze zu handeln, aß.der
Zpeckzie;Mitel-heiligt.? ; -
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teSie,kügte;hgmn;och. hinzu, daß sie Sutrauegzu
Hulda!sz Beggbung- habek daß Ideren übexraschende
Aehnlchkeit, mit ihr ,eine- gute Vorbedeutung für, sie
Fein,mnüge,' und wie det ,ganze Brief in einem, durch-
as einfachen, geschäftsmäßigen Tone gehalen, war,
Fg. sggte Fie denn auch ganz am Schlusse, da; Hulda

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sich Rath fordernd -an sie gewendet, so verstände es
sich von selbst, daß sie von ihr auch die Mittel an-
, zunehmen habe, ohne welche sie jene Rathschläge nicht
befolgen könne, Sie sende ihr, deshalh für alle Fälle
das nöthige Reisegeld bis- auach dem Aufenthaltsorte
des Direktors. Bei diesem werde sie eine kleine An-
weisung auf einen' dortigeg- Bankier, vorfinden, deren
Ertrag ausreichen dürfte, fie zu unterhalten, bid der
Direktot sich, überzeugt hgben- werde, pb sie für ihn
zu hrauchen sei, und ph ihre-Ausbildung, überhaupt
eine, hohnende zu werden - versprehe: -Wenn das ent-
schieden sei, jo möge, Hulda -sie zdavon in Kenntniß
fezen, bis dahin wünsche, sie; ihr Muth, Geduld
zd Glück. - -
. Hulda athmete:auf, zals.zsie:den.Brief zu Ende
gelesen' hatte, , Er brachte ihrzdie»Ermuuthigung. die
Anweisung, deren ze Fedurftshatte,; Man hörte jedem
Worte des Briefes- die, reifeM Nebelegung, einer Viel-
erfahrenen, an, Die Güte;' die-Großmuth, mit welcher
sie sich Hulda's annahm, gingen über ihr, Erwarten,
aber auch diesemBriefe fehlte-der helle Schimmer,
der-jenen; Wintermorgen bei -Ggbriele. für Hulda's
Phantasie, so zaubexhaft umleuchtethatte;t die Wirk-
lichkeit war, nicht, so lchtunflossen, jie: wwar zrnst und
begehrte festes, ernstes;Fhun; Neri. -
Eines Nebeilegens bedurfte Hulda nicht. Was
ihr, als -Kind ;in unbestimmten Bildern verlockend vor-
geschwebt hatte, das zu erreichen--sollte, sie; jetzt streben.
Das Glück hatte sich. ihr versagt, fie wollte, wie es
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Gabriele schön genannt, nach einer idealen Bethätigung

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ihres nWesens trachten. - Die selbstgewählte Aibeii ihies
Lebeis HFänn mit diesem Tage und in dieser Stunde
De ,Die Kindheit, die Heimat, die Jügenö ind die
Lebe sind dähin!r sagte sie'zu sich selbst; ,.ich niüß
abschließen mit der Vergangenheit, und vorwärts gehein
an mein- Ziel!? -
- - Ihre Vorkehrungen'' für die Abreise waren-- bald
gemacht, ihr Besizwad sehr' gering.' ihre bescheidene
Gärderobe, die wenigen Bücher und Musikalien,' die
kleinen' Andenken- an ihre:Eltern, die sie bei sich hatte,
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waren bald -eingepackt, die' Guitarre in ihreni Kasten
wohl. verwahrt. Es war' noch lange bis zum Abend
hin, lang noch bis zum' andern Morgen. -'
Als die Mittagsglocke läutete, ging sie hinab zum
Essen, der Antmann, die Wirthschafter' kamen an den
Tisch, Mlles lag ünd stand wie sonst, nur -daß sie es
nicht. mehr auf den Tisch gebracht- hatte wie sonst.
Der Amtmann sprach mit seinen Leuten, Mamsell
Ulrike machte, ohne von ihrer Abreise zu sprechen,
alleilei Bemerkungen, die es Hulda fühlen' ließen, dcß
sie- aus dem Kreise dieses Hauses -schon entlassen''sek.
Der Amtmann gönnte ihr kein Wort.' Die Wirth-
schafter sahen neugierig nach ihr hin,- sie wüßten es
schon,' daß sie dem Pfarrer einen Korb- gegeben; habe
und daß der Amtmann sie deshalb länger nichk' be-
j-; - -! -
halten wölle. b-
- - AndMachmittage, als sie sich zu den gewohntei
Diensten dnschickte, wies- Alrike- sie zurück. -,Das sei
für sie Nichts' mehr,! meinte sie, , eine Städtdame,
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eine Gouvexnante, müsse ihre Hände. schonenr! Aber
sie sah. höse ,aus, als sie:das sagte.?
Hulda hatte den ganzen. Rachmittag für sich.
Sie las -wieder unud - wieder. Gabrielens. Brief, sie
kramte in den wenigen. apieren, die sie hatte, und
band die Volkslieder zusammen; nach denen sie die
Abschriften füt Emanuel, gemacht:. - Es waren Kor-
rekturen' von ihres Vaters Hand, und guch von seiner
Hand darin, sie konnte das Auge. - nicht davon ver-
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- -, Sie ging, an das Fenster und sah in. die Nacht
hinaus. Wie oft hatte sie an dem. Plaze gestanden
und hinübergeblickt. nach seinen.Simmern.im Schlosse,
den sanften Klängen seiner Phantasien lauschend. Jetzt
war da drüben; Alles dunkel,. Alles, . still. Es drang
kein Ton von, dort. zu ihr, und seine Gedanken suchten
sie nicht mehr. Wie sollten sie das auch? Was war
sie ngch füx ihn;in seinem Glücke?KEr wußte sich ge-
liebt, ex, war. exlöst!,=- Erlöst durch, sie!-- Der Fluch
aber war zurückgefallen auf ihr Haupt. -Sie war die
Aufgegebene, die Vergessene, die Ungeliebte! und hei-
matlos und einsam mußte sie fortan -des -Lebens neue
Wege gehen-
Sie stgnd noch; auf, denselben Flecke, als der
Amtmuann zu ihr, in die-Stube, kam. Er brachte ihr
das Geld, das sie bekommnen sollte, und hieß sie, es
einzunähen in ihr Kleid. -.
,Wegen Deiner Möbel und des Vaters Bücher,.-
sagte er,,will ich mit dem Pfarrex ein Abkommen zu
treffen suchen. Er kann das Alles brauchen, und rückt

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man den alten Kram von seinem Plaz, so ist er gar
Nichts werth. Was es ergibt, wird für Dich-auf-
bewahrt.?
Sie versetzte, sie sei deswegen ohne Sorge; er
antwortete nicht darauf und ging davon. -
Spät, als im Hause Alles schon zur- Ruhe war
und' sie noch einsam wachend die Erlebnisse des Tages
an sich vorübergehen ließ,' kam eine Rührung über fie.
Sie dachte an den jungen' Pfarrer. --
,,Der wird auch noch wachen und wird traurig
sein! sagte - sie zu sich selbst, und die Vorstellung,
oc
dgß unter deniDache, in demHause, welches ihr Ge-
schlecht und sie so lang beschirmt, man ihrer in Schmerz
und. Unmuth denke, drückte sie wie eine schwere Last.
Sie konnte so nicht -fortgehen, nicßt so von ihm
scheiden:Auf dem lezten Blatt Papier, das ihr zur
Hand wär, schrieb sie ihm.
IVergessen Sie, daß Sie wünschten, was zu gee
währen nicht ii meiner Macht lag,? bat sie ihn. ,ch
habe: Sieüie wissentlich getäuscht, ich durfte Sie auch
jetzt nicht täuschen, ohne eine schwere Sünde zu be-
gehen. Wir haben wie Geschwister friedliche Tage
unter meines theuern Vaters Schutz verlebt, nur
dieser erinnern. Sie ,sich, wenn Sie an mich ge-
denken, aber nicht der schmerzensvollen Stunde, die
uns. trennte. Und wollen Sie mir eine Gunst ge-
währen, so behalten Sie zu meines Vaters Angedenken
und Izu meinem, das Klavier, mit dessen Tönen wir
gemeinsam ihn' erheitert haben, als wenig andere Et-
heiterung ihm mehr vergönnt wwar. Ich danke Ihnen

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von Herzen für die Liebe, öie Sie ihm, für die
Freundschaft und Treue, die Sie mir erwiesen haben.
Denken Sie seiner in Ihrem Gebete und auch' meiner.?
Es war ihr leichter um das Herz, als sie den Brief
geschrieben hatte. Am Morgen, wie der Wagen kam,
übergab sie ihn dem Amtmann unwersiegelt. Er las
ihn, da sie es wünschte, und hieß ihn gut. Es zuckte
dabei Etwas über sein Gesicht, was man sonst darin
nicht sah. Er umarmte sie, wie sie in den Wagen
stieg und sagte, sie solle nun ihr Heil versuchen, es
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Gute, das sie ihrem Vater und auch ihr gethan hätten.
,Pavon ist keine Rede!'r -sagte Ulrike, die nicht
Abschied nehmen konnte, und ging in das Haus.
Els der Wagen fort war, und' der Amtmann
wieder in die Stube kam, saß die Schwester wei-
nend hinter dem Ofen.
,Du hast's ja so hahen wollen!r sagte der Amt-
mann und ging an ihr vorüber in die Schreiberstube.
,Sie hat es danach gemacht! entgegnete Ulrike,
stand auf und trat an das Fenster.
Der Wagen war schon weit hinaus im Felde.
An der Stelle, Hulda kannte sie so genau, da hatte
sie Emanuel zuerst gesehen.
Ende des zweiten Bandes.