Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 03

e
z
s
g
g
k
.
Drittes Gapites
MMes
Darüber ging der Sommer hin, Als die Ernte-
zeit vorüber und der Herbst im Enzuge war, fing Miß-
Kenney davon zu sprechen an, daß sie bei ihren vor-
gerückten Jahren und ihrer schwankenden Gesundheit,
welche ihr doch öfters den Rath eines Arztes wünschens-
werth mache, unmöglich daran denken könne, noch einen
zweiten Winter in dem entlegenen Schlosse zuzubringen.
Die Gräfin, welche sich eben damals auf dem Schlosse
der Fürstin befand, deren erster Niederkunft man ent-
gegensah, machte also ihrer alten Freundin augenblicks
den Vorschlag, sich vorläufig in dem Hause nieder-
zulassen, welches die gräfliche Familie in der Haupt-
stadt der Provinz besaß, und dort abzuwarten, wie die
Gräfin nach der Entbindung und Genesung ihrer
Tochter, sich über die Wahl des eigenen Winteraufent-
haltes entschieden haben würde.
Miß Kenney zeigte sich damit einverstanden. Als
fie in der Pfarre von ihrem Entschlusse Kunde gab,
nahmen ihn nicht nur der Pfarrer, sondern auch Hulda
als etwas Selbstverständliches mit Ruhe hin. Sie

1
hatten nicht erwarten können, die Freundin der Gräfin
dauernd in ihrer Nähe zu behalten, der Pfarrer war
an Einsamkeit gewöhnt, und Hulda meinte Alles ent-
behren, jeden Verlust ertragen zu können, nachdem sie
an sich erfahren hatte, daß sie zu leben vermochte ohne
den Mann, an welchem ihre Seele hing und auf den
alle ihre Gedanken gerichtet waren. Dazu war sie
von einer anderen Sorge schwer bedrängt.
Die Gesundheit ihres Vaters war ins Schwanken
gekommen. Es zeigte sich mit einer allgemeinenSchwäche
eine Abnahme des Augenlichtes, die bedenklich wurde,
und der herbeigerufene Arzt hatte den Ausspruch ge-
than, daß der Pfarrer womöglich nach der Hauptstadt
gehen müsse, um sich dort der nachhaltigen Behand-
lung eines Augenarztes zu'' bedienen. Das war aber
nicht ohne weiteres möglich! Der Pfarrer bedurfte dazu
eines Urlaubes von der ihm vorgesetzten Behörde, es
war nöthig, einen Stellvertreter für' ihn anzustellen,
und bei seiner Mittellosigkeit kamen in erster Reihe
auch die Ausgaben in Betracht, welche ein - mehrmonat-
licher Aufenthalt in der Hauptstadt in seinem Gefolge
haben mußte. Neber diese lezte Sorge half jedoch die
theilnehmende Gunst der Gräfin fort, sobald sie durch
Miß Kenney Nachricht davon erhielt.
Sie rieth dem Pfarrer, sich - zugleich mit ihrer
alten Freundin nach der Stadt zu begeben und Hulda
natürlich mit sich zu nehmeu. Dort in ihrem Stadt-
hause, das er ja als Erzieher ihres verkläärten Gatten,
in seinen jungen Jahren lange geng bewohnt habe,
E

-.
v
-

s


zF


0
anöge er sich in den ihm vertrauten uud lieben Zim-
-metn einrichten, und als ihr Gast so lange verweilen,
als -es ihn erwünscht und nöthig sei. Daß sie
den Stellvertreter besolde, den man ihm geben werde,
daß sie alle die Kosten decke, welche die Kur und
der Aufenthalt in der Stadt erfordern würden, be-
zeichnete sie als etwas Selbstverständliches, da es sich
ja darum handle, ihren Gütern den treuen Seelsorger,
ihrem Hause den vielbewährten Freund in erneuter
Rüstigkeit noch ferner zu erhalten. -
Das hob schnell alle Schwierigkeiten, und der
schlichte Sinn des Greises an die Abhängigkeit von, der
gräflichen Familie von jeher gewöhnt, fand sich durch
den Gedanken beruhigt und erfreut, daß ihgs der Bei-
stand dieses edlen Hauses auch jetzt nicht fehle, und daß
er also auf denselben auch über seinen Tod hinaus
für seine Tochter rechnen dürfe. Anders aber wirkte
diese Gunst der Gräfin- auf das junge Mädchen.
.. -.- Hulda konnte keinen Zweifel daxüber hegen, daß
man, das, Anerbieten der Gräfin gls ein Glück zu he-
trachten und es dankbar anzunehmen habe. Indeß wie
sie sich dies auch vorhielt, wie redlich sie sich's sagte,
daß es hier auf Nichts nkomme als auf die Möglich-
keit, das Augenlicht und das Leben, ihres Paters zu
erhalten, es war- in ihrem Innern ein unüberwind-
-lichss Widerstreben dagegen, das Haus der Gräfin zu
Hetreten, ihrer Großmuth irgend Etwas zu verdanken.
Schon während der wenigen Tage, welche sie im Som-
mer mit Miß Kenney in der Stadt verlebt hatte, war
es ihr beständig gewesen, als wolle eine geheime Ge-

A.
walt sie nicht in jenen ernsten, schönen Räumen dul-
den, und selbst die Aussicht auf das Neue jener Ge-
nüsse, theilhaftig zu werden, an welche auch nur zu
denken, etwas Berauscheudes für sie hatte, konnte das
gekränkte Ehrgefühl in ihr nicht zum Schweigen brin-
gen, so oft sie sich's auch im Gebete als einen falschen
Stolz und einen Mangel an Kindesliebe, ja als eine
Auflehnung gegen die Wege Gottes zum Vorwurfe
machte.
Der Herbst brach früh herein, Miß Kenney und
der Pfarrer wünschten, nun die Angelegenheiten ein-
mal geordnet waren, die Nebersiedelung nach der Stadt
so viel als möglich zu beschleunigen; und das Laub
war noch nicht von den Bäumen abgefallen, als der
Pfarrer wieder, wie vor langen Jahren, aus dem
Fenster seines einstigen Wohnzimmexs in den Garten
des gräflichen Stadthauses hinäussah, in dessen grad-
linigen Alleen Miß Kenney, von Hulda begleitet, ihren
täglichen Spaziergang machte.
Es war das erste Mal, daß der Pfarrer seine Eirche
für längere Zeit verließ, daß er seiner Amtsthätigkeit
nicht obzuliegen hatte, und die volle Muße dünkte dem
müden Manne süß, da der Ausspruch des Arztes, daß
er sich dieselbe nothwendig zu- vergönnen habe, sein
Gewissen beruhigt. Er kam sich wie. verjüngt vor,
wenn er in dem Büchersaale umherging, dessen Bücher
er einst geordnet hatte. Er nahm den Katalog zur
Hand, den er in doppelten Exemplaren ausgeführt,
und freute sich, daß seine Handschrift troz seiner vor-
gerückten Jahre noch nicht wesentlich verändert war.

z
.
. -

g
s
!

Daß ihm unter seinen Amtsbrüdern und in manchen
anderen.:emtern noch hie und da einer der Freunde
lebte,. mit denen er dereinst studirt und - die ihn nicht
vergessen. hatten, obschon er sie inzwischen zur selten
und immer nur in flüchtigem Besuche wiedergesehen,
das'erhöhte sein Behagen.
- Auch Miß Kenney fühlte sich in der Stadt zu-
frieden.. Sie- liebte den, Perkehr mit Menschen, sie
war heimisch und sehr geschätzzt in den adeligen Fa-
milien;: mit welchen die Gräfin befreundet und; ver-
wandt war, und, ,ie Freigehigkeit der Letzteren- legte
es ihrer alten Freundin förmlich als eine Pflicht auf,
für. sich und den Pfarrer -die Einrichtungen so zu
treffen, als ob sie in ihrem eigenen Hause wäreg, und
zu schalten und zu walten wie in einem solchen. Es.
kamen auf diese Weise häufig Besuche zu Miß Kenney,
auch der Pfarrer, entbehrte der, Gesellschaft nicht, und
Hulda wurde bisweilen voi ihrer Beschüzerin, die eine
große Theaterfreundin war, zu den besten Aufführungen
in das Theater mitgenommen.- -
- Das waren denn für' Hulda Stunden, iu welchem
fie Alles zu vergessen vermochte: die Gefahr, die ihrem
Vater drohte, und ihr eigenes Herzeleid.. Sie. ward
sich selbst entrückt. Sie stand im Geiste selber an, der
Stelle- der Schauspielerin, deren Rolle sie am mäch-
tigsten' ergrif. Sie durchlebte und durchlitt, was sie
auf der. Bühne erleben und erleiden sah; und wenn.
es Liebesworte, Liebesklagen waren, neidete sie es den
Künstlerinnen, daß sie sagen, daß sie aussprechen durf-
ten, was. sie selber still in sich verschließen mußte.

? z

Sie mußte lächeln, wenn sie sich dieses Gedankens
einmal bewußt ward, konnte sich es aber dennoch nicht
versagen, dem Vatex, dem- sie vorzulesen hatte, die
Mongloge und die Scenen nachahmend zu wiederholen,
welche ihr am mächtigsten in's Herz gedrungen waren.
Der Pfarrer ließ sich das gerne gefallen. Er freute
sich der Wärme, mzit. welchex das Schöne und Erhabene
auf die Tochter wirkte; annd sie, wenn auch, nur für
Stunden, von- sich und von ihren trüben Erinnerungen
abgezogen, sie heiter und erhoben zu sehen, machte ihn
selber froh und glücklich.
- Man war schon seit ein pagr Monaten in der
Stadt, als die Nachricht vgn der bevorstehenden An-
kunft einer der größtenBühnenkünstlerinnen jener Tage,
die Theaterfreunde in eine gespangte Erwartung ver-
sezte. Wer Gelegenheit gehaht- hgtte, die berühmte
Gabriele früher einmal spielen zu sehen, erinnerte sich
dessen als eines wahrhaften Genusses. Nicht nur in
tragischen Rollen nannte man sie, unvergleichlich, auch
das Muntere und Scherzhafte,solte ihr in demselben
Maße gelingen, denn jie wax immer, noch jung und
schön zu nennen. Vor Allen aber konnten Diejenigen,
welche ihr persönlich in der Gesellschaft begegnet waren,
sich nicht geng thun in der Schilderung ihrer natür-
lichen Anmuth, ihrer selbstgewissen Freimüthigkeit, ihres
edlen Künstlerstolzes; und allen diesen Aussagen stimmte
Miß Kenney hei. Sie hatte Fie Künstlerin zuerst auf
der Bühne in der Residenz bewundert und sie danach
in Jtalien wiedergesehen,. gls dieselbe bei einer ihrer
Erholungsreisen im Hause der Gräfin fast täglich em-

!
f
!
pfangen worden war. Seitdem waren allerdings meh-
rere Jahre verflossen.
e
g
L
K
O! Fg
=-.
-- Man berechnete, daß Gabriele wohl die erste
Hälfte der Dreißig überschritten haben müsse, und wie
man eines Abends in dem kleinen Zimmer von Miß
Kenney wieder einmal' auf die Erwartete zu sprechen
kam, that eine der anwesenden Personen der Gerüchte
Erwähnung, welche über die Künstlerin im Schwange
waren.
Man erzählte, daß fie die ausgezeichnetesten Män--
ner, Künstler, Schriftsteller und Fürsten zu ihre Füßen
gesehen, und wie ein junger, begabter Schauspieler sich
aus Liebe zu ihr das Leben genommen habe. Dann
wieder hieß es, sie habe für einen berühmten Musiker,
dem sie ihre Neigung zugewendet, große Ofer aller
Art, gebracht und sei von ihm leichtsinnig- auf-
gegeben und verlassen worden; mnd nachdem man ihr
noch diese und jene vorübergehenden Herzensangelegen-
heiten iachgesagt hatte, behauptete man schließlich auf
das Bestimmteste, daß sie seit einigen Jahren heimlich
einem regierenden Fürsten vermält sei, und daß diese
morganatisch geschlossene Ehe nur deshalb verheimlicht
werde, weil. Gabriele vor allem Anderen Künstlerin
sei und es sich ausdrücklich vorbehalten habe, auf der
Büihne bleiben zu dürfen, so lange sie dazu den An-
trieb in sich fühle.
' Wohlwollen und jene Abgeneigtheit, welche- die
regelrechte Mittelmäßigkeit allem Außerordentlichen
gegenüber naturgemäß empfindet, welterfahrene Duld-
samkeit und unnachsichtige Sittenstrenge machten sich


l
l
e
berühmten Künstlerin geltend. Darin aber stimmte
man überein, ihre großeu Eigenschaften des Geistes und
des Herzens anzuerkennen. Nur eine alte entfernte
Verwandte der Gräfin blieb hartnäckig bei ihrem Tadel.
Sie behauptete, man dürfe über die mancherlei Ver-
irrungen und über die Verstöße gegen das Herkommen
den kommen lassen; denn die Nachsicht, welche man in
diesem Betracht gegen weibliche Berühmtheiten, nament-
lich gegen Bühnenkünstlerinnen übe, sei überhaupt nicht
zu verantworten.
Die Heftigkeit, mit welcher sie ihre Meinung ver-
trat, reizte die duldsamen Verehrer der Künstlerin zu

g
lebhafter Entgegnung, und da man, auf diesen Weg
gelangt, einander rasch zu den äußersten Grenzen der
Meinungsverschiedenheiten hindrängte, so stand die alte
Dame bald nicht an, es unumwenden auszusprechen,
daß in ihren Augen eigentlich jedes Frauenzimmer,
welches die Bühne betrete, das Anrecht verliere, von
der guten Gesellschaft und von gesitteten Frauen als
ihresgleichen behandelt zu werden. Sie für ihre Person
habe sich niemals entschließen können, mit einer Frau
Verkehr' zu halten, welcher der Erstebeste öffentlich sein
Mißfallen bezeigen könne, wenn er das Geld an sein
Eintrittsbillet einmäl gewendet, habe. Natürlich rief
das eben so heftige Entgegnungen hervor nnd die
Unterhaltung war nahe daran, gegen die gute Gewohn-
heit des Kreises, eine persönlich verletzende Wendung
zu nehmen, als der Pfarrer sich in das Mittel legte.

auch in diesem kleinen Kreise in der Beurtheilung der
nicht hinwwegsehen, welche Gabriele sich habe zu Schul-
s

B


HaäeS.aaKuuaeHzaezösssaazaar aFSauksseaaäs=F zzadaaee. s»-beanuacaeHzggsböAgFFFg - -?

1

?
T
s
:
s
g
s
-. Er, hatte den Erörterungen, hinter seinem Licht-
schirm, sizend, bis dahin mit schweigender Aufmerksam-
keit zugehört, denn das bevorstehende Gastspiel Ga-
brielens interessirte ihn, obschon sein Zustand ihm den
Besuch des Theaters untersagte.- Er hatte aber in
seinen jungen Jahren das Theater sehr geliebt und die
Eindrücke, -welche er dort empfangen, nie vergessen.
Wie er in seiner langjährigen Einsamkeit Frau und
Tochtex an den Werken, unserer großen Dichter, heran-
gebildet und erhoben, hatte er ihnen an manchem
langen Winterabende davon gesprochen, in welcher
Weise die Dichtungen, die er besonders liebte, von den
großen Bühnenkünstlern, die er noch gesehen, von
einem Eckhoff, einem Schröder, einem Iffland auf-
gefgßt worden waren. - Er hatte seine achtsam Zu-
höxenden damit entzückt, als würden sie der' Genüsse
selber theilhaft, die er ihnen zu schildern versuchte.
Seinex verständigen Bildung wie seinem milden Sinne
mißfiel deshalb die Herbigkeit, mit wwelcher jene Frau
sich gegen die abwesende, Bühnenkünstlerin zu äußern
für nöthig hielt.
,Ich brauche es pohl nicht.erst besonders hervor-
zuhehen,' sagte er endlch,, , daß ich die Bedenken gegen
alles öffentliche Auftreten von Frauen theile, und daß
ich ein solches für Frauen, die mir angehören, nicht
gutheißeu würde. Gott hat die Frau ihrer Natur nach
zur Gefäährtin eines Mannes, zur Mutter Einer Fa-
milie, zur Mitbegründerin Eines Hauses bestimmt,
und die Frau, welche diese Schranke überschreitet, ver-
läßt damit die Grenze des Bereiches, für welches sie

-
-
A
Gott erschafen hat,' wofern es nicht Liebespflichten und
Werke der Barmherzigkeit sind, welche sie zu einem
Heraustreten aus ihrem natürlichsten Wirkungskreise
veranlassen. Sie ist innerhalb der Familie fraglos vor
allem Irren und Fehlen, vor allen Anfechtungen und
verleitenden Leidenschaften am sichersten behütet.
Die Dame, welche sich gegen Gabriele ausge-
sprochen hatte, glaubte damit gewonnenes Spiel zu
haben. Sie stimmte also dem Pfarrer lebhaft bei, bis
dieser noch einmal das Wort- nahm. , Vielleicht,?
meinte er, , hat man das eigentliche Wesen der Frauen
in jenen Zeiten richtiger gewürdigt, in, denen man
ihnen das Auftreten por allem Volk verwehrte, und
selbst die Frauenrollen von Jünglingen und Knaben
zur Darstellnng bringen ließ, Fwie dies, unbeschadet
ihrer Wirkung auf die Menge, hei den Alten und bis
weit hinein in unsexe Zeit bei den größten dramatischen
Werken geschehen ist. Aber da wir die Welt und die
Zustände in ihr doch in der Entwickelung anzuerkennen
haben, welche sie ohne Zulassung der Vorsehung nicht
genommen haben könnten, so dürfen wir denjenigen
Frauen, welche ihre Aebensaufgabe gußerhalb der schö-
nen Schranken einer Häuslichkeit zu erfüllen haben,
keine zu strengen Richter sein. Wer in öer Darstellung
großer Leidenschaften und Igewaltiger, Seelenkämpfe
seine Gedanken immer mit hochgespannten Empfin-
dungen zu erfüllen hat, wer sich gewöhut, sie in dem
Augenblicke des Darstellens als die seinen vor aller
Welt Ohren auszusprechen, wer als Schauspielerin sich
mit seiner Person dem Blicke und dem Urtheil von

k
28
Tausenden von Männern immer auf das Neue preis-
zugeben und ihren Beifall auf jede Weise zu erringen,
nöthig hat, dessen Gefühlsleben muß mit der Zeit
nothwendig durch solche gewaltige Anspannung über-
Fpannt werden, der muß eine gewisse Zartheit und
Keuschheit des Empfindens einbüßen, und allmählich
das rechte Maß für die Grenze der Sitte, die rechte
Würdigung für die schlichte Erhabenheit verlieren, mit
welcher ein gottergebenes Gemüth sich in engster Be-
schränkung und Zurückgezogenheit schweigend in stiller
Pflichterfüllung zu bescheiden und sich glücklich zu
fühlen vermag.!
,Ich sehe nicht, Herr Pfarrer,! meinte die Sitten-
richterin, , daß Sie meiner Ansicht widersprechen, Sie
bestätigen nur für die Allgemeinheit, was ich von einer
bestimmten Person behauptete, und Sie verurtheilen
die Schauspielerinnen im Grunde härter noch als ich.
,Nein!r entgegnete der Greis; , ich bin weit da-
von entfernt, die Frauen zu verdammen, die wir zu
beklagen haben, weil ihnen mit der zarten Scheu der
sich achtenden Weiblichkeit, die sie in ihrer Lebenslage
schwer bewahren können, die schönste Zierde und die
sicherste Schutzwehr ihres Geschlechtes nothwendig ver-
loren gehen muß. Gerade deshalb hat man aber es
mit doppelter Anerkennung zu betrachten, wenn eine
Frau, die sich den großen Prüfungen und Versuchungen
einer Schauspielerin aussetzt, sich im Leben Achtung
und die Freundschaft edler Menschen zu erwerben weiß,
wie ich es hier von der Künstlerin, die Sie erwarten,
doch vielfach habe aussagen hören.?

-
9
s
Die Unterhaltung blieb darauf noch eine geraume
Zeit mit dem Theater und mit den verschiedenen
Schauspielern beschäftigt, aber Hulda beachtete kaum
noch, was man von ihnen sagte.- Sie konnte ihres
Vaters Ausspruch nicht vergessen. Er hatte begütigen
sollen und kam ihr härter vor als Alles, was man
Anklagendes geäußert hatte. Sie vermochte nicht zu
glauben, daß man das Große, das Schöne darstellen
könne, ohne selbst davon erhoben zu, werden. Neber-
lief es sie doch jedesmal mit einem heiligen Schauer,
wenn ihre Lippen die Worte unserer Dichter sprachen;
und wenn sie von der Bühne aus ihr Ohr berührten,
war es ihr feierlich wie in der Kirche. Bei aller
Demuth, welche sie vor dem Prtheile ihres Vaters
hegte, sträubte sich ihr Gefühl, gegen seine soeben ge-
äußerte, Meinung, und der Glaube, daß er,. in diesem
Falle von einem Vorurtheile-befangen, den Schau-
spielerinnen Unrecht thue, daß es Ausnahmen auch
unter ihnen gebe, viele Ausnahmen geben müsse und
daß Gabriele zu diesen zähle, befestigte sich in ihr.
Sie hatte Gabrielens Bild seit Wochen an den Fen-
stern derKunsthandlungen aushängensehen, und derAdel
ihrer schönen Züge hatte sie mächtig. angezogen. Diese
reine Stirne konnte nichts Unedles denken. Die großen
Augen sahen so sicher in die Welt, als kennten sie
dieselbe und wüßten sie zu überwinden. Selbst das
Lächeln auf ihren Lippen wai stolz bei aller Freund-
lichkeit, die ganze Haltung des Bildes hatte etwas
Majestätisches. Hulda meinte, so könne nuur eine

!
s
?
s
t
s
s
s

s
e --
8O
Frau' den Kopf erheben, die auf sich selbst vextrauen
dürfe und ein gut Gewissen habe. -
Sie hatte sich mit der rasch zu belebenden Be-
geisterungsfähigkeit der Jugend ein Ideal aus der
Künstlerin gemacht, und da man es anzutasten, es
von seiner Höhe herabzuziehen wagte, schloß sie es nuur
noch-fester -in ihr Herz. So jung, so: ohne Welt-
kenntniß sie sich wußte, meinte sie es doch schon
nach, eigener Erfahrung ermessen zu können, daß män
unverschuldet. Nebelwollen gegen sich erregen,' und wie
Neid und Pöser Wille dem Rufe einer Frau zu nahe
treten- könnten. -
z
- Alles, was man an dem Theetische für und
gegen Gabriele vorgebracht, trug nur dazu bei,' die
Spannuung zu erhöhen, mit' welcher 'sie der Ankunft
derselben entgegensah, und mit einer Freude, wie
sie sie so lange nicht mehr gefühlt hatte, vernahm
sie die Zusage, daß sie Miß Kenney bei dem ersten
Auftreten der Künstlerin,' zu welchem dieselbe die Prin-
zefsin in Göthes ,Tasso' gewählt' hatte, in das Theater
begleiten solle.
wwwwwwwwwaoaw