Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 05


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- Fünftes Gapites
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Die Sonne war noch nicht über die hohen Giebel-
däächer der alten Häuser in den schmalen Straßen
emporgestiegen, und. es war bitterkalt, als Hulda nach
damaliger Eandessitte in ihrem festanliegenden Pelz-
rock, mit dunklem Wollenzeuge, überzggen, die kleine,
das Gesicht umschließende Sammetkappe auf dem
Kopfe, sich am Morgen auf den Peg zu Gabrielen
machte.
Zwei mit Postpfexden bespannte Bagen standen
vor dem Gasthof. Unten in' dem Hausflur brannten
die Lichter noch, denn es wird im Winter in jenen
Gegenden spät Tag. Der Hauswart, an welchen sich
Hulda, die noch nie allein in ein Gasthaus eingetreten
war, mit perlegener Frage wendete, sagte ihr, daß
Mademoiselle schonaufgestanden sei und Befehl ge-
geben habe, wenn ein junges Mädchen käme, es bei
ihr vorzulassen. Man mochte sie als eine Hilfesuchende
betrachten.

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Gabriele saß in einem dunkelen seidenen Morgen-
rocke mit hellen Aufschlägen an ihrem Frühstückstische.
Das Feuer flackerte mit lustigem Scheine in dem
Ofen, silberne Armleuchter erhellten den Tisch. Troz
der befrorenen Scheiben standen blühende Blumen in
Töpfen an den Fenstern und blühende Sträuße in
den Vasen auf den Tischen. Bücher, Zeitungen,
Briefe und eine Menge von Kleinigkeiten aller Art
nahmen den Schreibtisch ein. Die Kammerfrau trug
ein Kostüm von rothem, goldgesticktem Sammet durch
das Zimmer.
Hulda hatte in dem Schlosse wohl Lehnliches ge-
sehen, es hatte jedoch hier, wwie sie meinte, Alles einen
anderen Anstrich. Es sah Alles hier weit frejer, zue
fälliger,' komantischer aus. Es gefiel' ihr besser, ohne
daß sie sich während des flüchtigen Blickes Rechenschaft
darüber geben konnte, denn Gabriele rief ihr freundlich
,Guten Morgen!' zu. Sie sagte, nach solchem
Gange durch den kalten Morgen habe Hulda gleich
eine Erwärmung nöthig. Sie befahl also noch eine
Tasse'zu bringen, und hieß Hulda den' Pelz und die
Kappe äblegen,' um ßit ihr zu' frühskücken.'
- Sle selber rückte ihr: den Stühl heran,' schenkte
ihi die-Chökölade ein, und wie sie Huldä dämi' noch
einmäl änsah, meinte sie: ,Jetzzt, da Sie mit den
frischen rothen Faxben von der Straße kommen, sehe
ich erst recht, wie jung sie sind. Gestern täuschte mich
Ihre stattliche Figur darüber. Wie alt sind Sie eigent-
lich, mein liebes Kind?
Hulda sagte, sie stehe im achtzehnten Jähre.
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, Und Sie waren immer auf dem Lande?--
Sie haben, wie Ihr Vater mir gestern sagte, Ihr
Vaterhaus nicht viel verlassen, - Dafür haben Sie
merkwürdige Töne in Ihrer, Stimme, und in Ihrer
Brust =- Töne, die man in, dex Kinderstube doch nicht
zu erlernen pflegt. Wo haben Sie die her??
Hulda sah sie an, als -perstehe ;sie die Frage
nicht recht. ,Ich meine, ob Sie sonst schon ähnliche
Versuche wie den gestrigen gemacht, ob Sie schon
öfters Dramen mit vertheilten Rollen gelesen haben?-
Hulda bejahte das. , Man hat mich im verwichenen
Winter bisweilen in das Schloß hinüberkommen lassen,!
sagte sie, ,um bei dem Lesen auszuhelfen.!
,Da also haben Sie es gelernt? Mit wem haben
Sie denn dort gelesen?!
,Es war oft größere Gesellschaft beisammen, bis-
weilen aber waren es nur Comtesse Clarisse und
der Fürst und- sie stockte -,und der Herr Baron.?
, Was für ein Herr Baron??
,Garon Emanuel!! sagte Hulda, während eine
dunkle Röthe ihr Gesicht übergoß und sie die Augen
nicht aufzuheben vermochte,' weil sie fühlte, daß sie sich
verrieth.
,Ja so! nun versteh' jch's! Nun verstehe ich es,
mein Kind! wo Du den tiefen, wweichen Ton der Klage
her hast, den man nicht bom , Hörensagen lernt - am
wenigsten mit fiebzehn Jahren!? rief Gabriele aus,
uund wie sie dabei dem jungen Mädchen mit ihrem
klugen, klaren Blick bie Hand reichte, da hielt sich Hulda
länger nicht.


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? -Alles, was sie das ganze Jahr hindurch still und
klaglos in sich verschlossen hatte, all das schöne Hofen,
das ihr mit einem harten Schlage zertrümmert worden
war -und das neu: aufzubauen sie sich' verbieten mußte,
die''ganze trostlose'Entniuthigung, die. selbst das Vor-
wärtsblickenAr die Zukunft scheute, und' das nicht zu
ertödtende Vetlangen nach einem nahe geglaubten Glück,
das-Alles stürmte mit einemmale und»so gewaltig auf
sie ein, daß sie, hingerissen von dem freundlichen Ent-
gegenkommender -Frau, i der sie ein höheres
Wesen'' verehrte, sich unwillkürlich zu Gabrielens Füßen
warf und; das Gesicht' äuf deren Knieen bergend, unter -
stürzenden Thränen die Worte hervorstieß: ,Ach ver-
geben Sie niir! ich kann nicht anders! ich bhß so un-
glückllch.
,Steh' auf, Kind! liebes armes Kind! so steh'
doch auf!? rief Gabriele, indem sie die Weinende em-
porhob und in ihre Arme schloß, die, beschämt über
ihr leidenschaftliches Thun, ihre Augen -trocknete und
sich zu fassen suchte: Aber Gabrielens Theilnahme,
dies zuerst durch jene Aehnlichkeit' erregt' wworden war,
welche Hulda wirklich mit derselben besaß, zeigte sich
auch jetzt. Sie hatte Mitleid mit dem Zwange, - den -
das junge Mädchen sich auferlegte. -
- ,Quäle Dich nicht!r sprach sie; ,weine Dich nur ,
aus. Es giebt Thränen, die Vater und Mutter, nicht !
sehen dürfen, die aber doch geweint sein wollen' und
sanfter fließen, wenn ein Anderer es sieht, der - es gut
- mit uns meint. - und ich meine es gut mit Ihnen!
Sehr, sehr gut! Also reden Sie, weinen Sie sich. nuur



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aus! Was ist Ihnen denn geschehen? Erzählen Sie
mir Alles! Ich werde es verstehen! Denn ich habe auch
vielerlei, gar vielerlei erleben und' erleiden müssen! Mir
dürfen Sie Alles sagen, Mlles!?
Und Hulda erzählte Alles, Alles! mit all ihrer
Wahrhaftigkeit. Es war ihr wie eine wirkliche Erlö-
sung, daß sie endlich einmal sprechen konnte, daß
endlich über ihre Lippen kam, was keines Menschen
Ohr von ihr vexnommen, was sie! dem Geliebten nie
zu sagen vermocht und was ihr faft das Herz zersprengt
hatte, weil sie es allein in sich getragen hatte, bis auf
diese Stunde.
Draußen war es völlig Tag geworden. Die Sonne
schien hell durch die beeisten Scheiben, die Kerzen
brannten noch immer auf dem Tische, aber keine der
beiden Frauen bemerkte es, keine dachte daran sie aus-
zulöschen. Erst als -Hulda mit einem stillen Seufzer
ihre einfache Erzählung schloß, und Gabriele auf ihre
Erkundigung, was denn nach der Entfernung des
Barons und nach Hulda's Genesung noch geschehen
sei, die Antwort erhalten hatte, fragte sie: , Und was
erwarten Sie nun ferner? Was denken Sie zu thun?
Hulda hob die Augen traurig zu ihr empor.
,Was kann ich thun, als meine Pflicht erfüllen! Mufß
ich doch Gott danken, daß er mir die Möglichkeit dazu
noch gönnt!' entgegnete sie mit leiser Stimme.
,Ja!' versezte Gabriele, ,ich fühle Ihnen das
wohl nach, Sie müssen jetzt bei ihrem Vater bleiben.
Aber ich hätte nicht also gehandelt, und der Baron
rechnet Ihnen Ihre Kindesliebe sicher nicht als Tugend

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an. Ich kenne ihn seit Jahren!? = Sie sah,' wie
das. Gesicht des Mädchens bei den Worten von einer
schnell aufzuckenden Freude leuchtete. - ,Ich kenne Baron
Emanuel genau und gut, fügte sie danach hinzu, ihn
und sein schwärmerisches, weiches Herz, und ich kann
begreifen, daß Sie ihn lieben, wie daß er Sie liebte.
Aber er ist ein Mann, und eben ein schwärmerischer
Mann, und er hat -die ganze empfindungsvolle und
-mißtrauische Selbstsucht, eines solchen. Ein Mann,
wie Baron Emanuel, fordert andere-Liebesproben, als
Sie ihm geboten haben; der anerkennt keinen Anspruch,
als nur denjenigen, welchen sein Herz und seine Liebe
an- Sie zu machen hatten. Er -wwollte ein ? Dpfer
bringen für Sie, so waren Sie ihm auch ein Opfer
schuldig. -Er hat sich ganz gewiß gesagt, die rechte
Liebe kennt Nichts als sich selbst, die rechte Liebe muß,
wwie, es ja auch in der Bibel heißt, Vater utd Mutter
-vexlassen und dem Manne folgen! Sie haben ihn in
diesen Frwartungei getäuscht. Wie soll er an Ihre
Fiebe glauben, da Ihr kndlicher Gehorsam stäärker ge-
wesen ist, als Ihre- Liebe für den Geliebten Ihres
Herzens?
Huldg hatte eine jolche Antwort nicht erwartet,
sie that ihr deshalb wehe. , Konnte ich denn gegen
meines Vaters Willen handeln?! fragte sie. , Konnte
ich =e
Gabriele ließ sie nicht vollenden. ,Freilich
konnten Sie das, freilich mußten Sie das! Und auf

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Händen hätte Sie deg Baron dafür getragen - denn
gerade er hatte eines solchen Liebeszeichens nöthig. Aber
Ihr leset und lernet Euere Dichter und beherziget sie
nicht!- Sie haben es gewiß schon oftmals ausge-
sprochen das tiefsinnige: , Und sehnt' ich mich nach un-
gemeinen Schätzen, ich muß; dgs, Ungemzeine daran
setzen!! - und jenes ewig wahie:, Was du von der
Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!? =-
Haben Sie danach gehardelt?
Hulda verstummite davor! Gabriele ergriff ihre
Hand. ,Ich will Ihnen nicht wehe thun, Kind !
sagte sie sanft. ,Im Gegentheile!- Ich möchte Ihnen
nuur beweisen, daß Ihnen Nichts widerfahren ist, was
Sie nicht selbst beranlaßt haben;. denn: ich finde, man
wird immer ruhig, wenn. mgn sich einer vernünftigen
Folgerichtigkeit der Dinge gegenüber weiß. Deshalb halte
ich Sie dber Seineswegs für schuldig.- Man erzieht
Euch jafin den jogenannnten guten' Bürgerfamilien in
einer Anschauungsweise, die Euch den Muth Euerer
Meinung nimmt. Man erzieht Euch für den Haus-
gebrauch, und nur Wenige kommen darüber hinaus.
Auch Sie, mein Kind, haben das nicht vermocht. Sie
trauten sich zu, den Bann zu brechen, der über Ihrem
Geliebten lag, und konnten sich selbst nicht losmachen
von den Banden, die Sie für heilige hielten, und die
ein Jeder bis zu einem gewissen Punkte auch zu ehren
hat. Das werden Viele loben und bewundern. Ich
freilich lobe und bewundere es nicht. Es ist Jeder von
uns um seiner selber willen auf der Welt, und wenn

Fauny Lewald, Die Erlöserin. K

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die Liebe die stärkste Kraft des Frauenherzens ist, so
ist. der Muth der Liebe in meinen Augen des Weibes
höchsteTugend. Sie machte eine kleine Pause, sah
Hulda, die sprachlos und- überwältigt an ihrer Seite
saß; eine kleine Weile an und sagte danach: , Sie haben

den Romeo' so gut gelesen und die Juliä so. schlecht
.a :-
,Sie mußten also Ihr Vaterhaus und Ihre Eltern
auch verlassen? fragte Hulda schüchtern.
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-?? .,Ich?-- Ich habe' keine Eltern und kein Vater-
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haus gekannt. Was ich geworden, das bin ich durch
mich selbst geworden!! sagte Gabriele, indem Fie ernst
und stolz den. Kopf erhob. Meiner früh verstorbenen
Mutter. Schwester, eine Tänzerin wie sie, hat mich
aufgenommen; erzogen hat mich Niemand. Ich bin
herangewachsen -- das war Alles. Wie eine junge:
Ente in das Wasser, bin ich, wie in das mir ange-
borene Elenent, in das Leben hineingegangen -=- und
es ist nicht immer ein helles, klares Wasser gewesen,
das vor mir gelegen hat. Alles' habe ich mir erschaffen
und erobern müssen, sogar mein PflichtEewußtsein und
die Achtung vor mir selbst. Was ich gewonnen und
verloren habe, gewann, verlor ich mir allein, bis- auch
mir die Stunde dee Erlösung-- der Erlösung durch
den großen, erhabenen Glauben eines ,Einzelnen an
mich, einmal gekommen ist, die mich neu geboren hat;
und: folch eine Stunde, solch eine erlösende Schicksals-
gunst:' fehlt kaum einem Menschenleben.. Sie kommt
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ä in wechselnder Gestalt - nur daß wir sie so oft ver-

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träumen, daß wir sie nicht festzuhalten und uns in und
an ihr nicht emporzuheben wissen.?Sie unerbrach sich,
über ihre Hingebung verwundert, und sagte dann:
,Cher das hat mit Ihrer, Lgge;im Grnnde Michts zu
schaffen.-Sie sagen mir, dgßgSie, die. Hoffnung auf-
gegeben haben, Baron Emanuel, zu Ihnen zurückkehren
zu sehen, da er, Ihnen, jeit o lange kein Seichen der
Theilnahme- mehr, gegehen hgt, -uund, ich glaube, daran
thun Sie wohl, denn sglches, zuwartende Hoffen bricht
die Kraft entzwei. Aber; haben, Sie Jemgnden, zu
dem Sie sich wenden können,, dex für Sie sorgen
würde? Oder was denkenSie zu,hun, penn IhrVater,
der ja betagt und nicht der Stärkste mehr,zg sein scheint,
die Augen einmal schließen wixd?;. - -
Kaum ein Tag war vergangey, an welchem sich
Hulda diese Fxage icht vgrgehglen, und seif Monaten
hatte sie sih, gesagt;; daß sie agch nicht die entfernteste
Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit Emanuel
zu bauen habe, daß sie bestimmut, sei, ihren Aeg im
Leben einmal selbst zu suchen gund ihr Brot zu ernten,
wie sie können würde,,. Ietzt, ,da sie dieses vor Ga-
brielen auszusprechen hatte, ,fühlte sie, wie sie nicht
glauhte, was sie sagen wollte, wie gll- ihr Hofen an
dem Entfernten hing; und,unfähig, ß zu:unterdrücken,
rief sie: ,Er kann mnich, Ja niht;vergessen haben!?
- Der Ton,. mit dem sie dieses sggte,. entzückte Ga-
briele- durch ,seine Naturwahrheit, und erhöhte ihre
Theilnahme und ihr-Mitgefühl für,Huldg. ;.
,Vergessen? wiederholte Isie. ,Wer kann er-
gessen? Was vergißt man denn? Abex, auch Unver-
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vergeßliches wird aufgegeben, muß oft aufgegeben,

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werden, und dann' je' eher, um so besser, gutes
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- Ihie Dienerin unterbrach sie mit einer Meldüng.
Der Direktor eines größeren Theaters in -der benach-
- barteii Provinz wär in der Frühe angelangt und wünschte
vorgelassen zu wwerden. Er hatte Gabrielen den An-
-trag gemacht, zwwei oder drei Vorstellungen auf seinem
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Kind!?
Theätet- zu geben; und war, da sie es -nicht bewilligen
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zu können glaubte, mun selbst 'Fekommen, um sie wo-
Anöglich dazu zü bestimmren.- Da sie'sich'ereit erklärte,
ihn zu empfangenn, wollte Hulda sich entfernen, aber
Gabriele hieß sie bleiben, denn' män hatte ihr die
Eintrittskarten noch nicht gebracht, wwelche'sie ,en beiden
Frauen geben wollte.'
- Der Direktor war ein großer und noch sehr
stattlicher Mann, obschon er den Sechzigern nicht ferne
-sein mochte. Hulda hatte von ihrem Vater seinen Na-
men schon als Kind vernommen, denn er,gehörte einer
-altbekannten SchauspielerFanilie an, die in früherer
Zeit das Theater in der Hauptstadt''in Pacht gehabt,
und der Pfarrer hatte''damals Gelegenheit gefunden,
ihn als jugendlichen Liebhaber mehrfach zu bewundern.
Auch schien der Direktor sich in der Rolle eines solchen
noch immer zu gefallen. Er war -modisch und mit
einer Sorgfalt gekleidet und frisirt, die an Nebertreibung
grenzte. Sein Ton, seine Haltung waren zuversichtlich
und auf eine besondere Wirkung berechnet. Man
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kommen. Er spielte sogar sich selber; und auch der
Enthusiasmus und die Vertraulichkeit, auit denen er
sich Gabrielen nahte, waren berechnet und gemacht.
,Ich hoffe, -Unvergleichlichste,! rief-er, als sie
ihm sagte, sie sei überrascht,, ihn, hier- zu sehen, , Sie
glauben nicht, was Sie mir sagen. Hielten Sie mich
denn für , so sehr aus dex Art geschlagen,! daß ich
Sie so nahe wissen konnte;- ohne, Ihnen die schöne
Hand zu küssen, und hätteich meinen Weg, nicht nur
durch die Schneefelder, sondern ,durch eine Welt von
Plagen machen sollen!-- -Er zog, dabei den Hand-
schuh ab, drückte mit einer geflissentlichenMlebertreibung
Gabrielens Hand an' seine Lippen, and. als sie darüber
lachend den. Kopf. schüttelten und. ihm einen leisen Schlag
gab, rief er:',Immer dieselhe, bezauhernde Anmuth!
das unwiderstehliche Lachen-aus den. ,Krziehungs-Re-
sultatenl?= Weinen,z- weinen, das kann der ganze
große Troß! Aber wer kann lachen wie Gabriele?
Wer hat je gelacht wwie FSie? - Nur Sie wieder
einmal lachen zu hören-- das wäre schon die Reise
werth!?
Sie lachte wieder, denn es elustigte sie, zu be-
merken, wie. er sich in, den Jahren, während - deren
sie ihn nicht gesehen hatte, -gleich geblieben war, und
auf seinen Ton eingehend; . versetzte, fie:- ,Damit also
könnten Sie denn wieder gehen; Werthester! Und
noch jenseits meiner Thüre, sollten Sie mich lachen
hören über die phantastische Latune, die. Sie hieher
gebracht hat. Aber, Scherz bei Seite - was führt
Sie eigentlich hieher, da ich Ihnen ja geschrieben habe,


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daß ich gegenwwärtig nicht bei Ihnen spielen könne,
wenn ich es auch wollte?
-- Was mich hieherführt? Wollen Sie, daß ich
es Ihnen sage, und wollen Sie mir nicht darüber
grollen?=- Es ist meine Kenntniß von den Frauen und
mein Glaube, daß Sie keine Ausnahme von der Regel
machen würden. Ein Nein zu schreiben, fällt den
Fräuen leicht. Dem Hofenden, dem Bittenden,i' er
betonte dieses Wort pathetisch und begleitete es mit
der entsprechenden Miene, ,,dem Bittenden ein Nein
zu sagen, wird dem weichen Herzen schwer. Und,'?
fügte er schnell hinzu, ,,Sie können Ihre Bedingungen
machen, wie Sie wollen, ich gestehe Ihnen jede imt
Voraus mit' tausend Freuden zu. Die Hälfte, drei
Viertel. des Reinertrages! Man will Sie sehen um
jeden Preis; zu verdoppelten Preisen' bin ich sicher,
auszuverkaufen bis- auf den lezten Plaz. Ich stelle
Ihnen Exträpost, ich besorge Ihnen die Wohnung,
wie Sie dieselbe wollen. - Sie bestimmen Ihre Rolle,
aber-- ich muß nach-Hause kommen und sagen
können: ,Die Gabriele kommt!!' Ich muß die Er-
innerung behalteni Gabriele hat bei mir gespielt!''
-- Wie wäre es mit der Eboli?=- Erinnern Sie
sich, welchen Beifall wir errungen haben, als ich den
Earlos noch mit Ihnen spielte? Oder wählen Sie
die Thekla! Sie werden mit dem Map-zufrieden
fein! Ein großes, vielversprechendes Talent, schöne
Gestalt, vortreffliches Organ, bequemer Partner. Ent-
scheiden Sie, Verehrteste!-

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Gabriele hatte ihn seine Rede ruhig zu Ende
führen lassen. Da er endlich innehielt, sagte sie: ,Es
thut mir in der That sehr leid, verehrter Freund, daß
die unabweisliche Nothwendigkeit miich zwingt, Ihre
Kenntniß des Frauenherzens Lügen zu strafen. Mich
bindet mein Kontrakt, und wenn Sie mirt auch goldene
Brücken bauen und mir einen Cherub! zum Partner
bieten, ich muß Jauch -mündlichs bei dem Nein ver-
harren, daß ich Ihnen schrieb. - Ich bin ermüdet,
darf mir bei der Kälte keine so großen Anstrengungen
auferlegen, und die Reise, die ich vor mir habe, ist
lang und schwer. ?
Der Direktör wollte' sich damit, iioch nicht ab-
weisen lassen. Bald als beünuündernderVerehrer, bald
als eifriger Geschäftsmannredendschneichelnd, scherzend,
Gewinn versprechend, versüchte er däsMögliche=Gabütele
ging je läniger, je mehrb auf lseine-' Scherze ein und
ließ vor ihm endlich die Hoffnungllduxchblicken, daß
sie, wenn das Gastspiel in der nordischei Kaiserstadt
sie nicht zu sehr ängegrifen haben sollte, bei der Rück-
kehr zwei oder drei Vorstellungen-äüf seiner Bühne
geben wolle. Er war ganz Freüde bei der Aussicht.
Man hraf für diesen Fall die müüdlichen Verab-
redungen, man sprach auch von seinem Personale! Es
kam dabei in freiem Tone Manches aus dem Privat-
leben desselben und aus dem- Privatleben gemeinsamer
Bekannter auf das Tapet, -das dem Dhre -des zu-
hörenden jungen Mädchens befremdlich und fast er-
schreckend klang, und nicht bevoi' der Theatetdiener
eintrat, der -Gabrielen die Billete brachte, erhob sie

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sich, um den Direktor zu entlassen. Da erst wurde
der Letztere auf Hulda achtsam, die sich zurückgezogen
hatte. und an einem der Seitentische saß. -i
- Er trat an sie heran, betrachtete sie, daß ihr das
Blut zu Kopfe stieg, und fragte dann: ,,Einen junge
Kollegin?: eine: Anöerwandte? hat Aehnlichkeit mit
Ihnen., Vortheilhafte Erscheinuung!: Würde mit. dem
,schönen'Haar, wie?Sie! zu Ihrer -Zeit,eindreizendes
Käthchen von Heilbronn geben! Ein Käthchen, wie's
imz Buuche steht!? - -
Huldavermochte die Augen nichtniaufzuschlagen,
aber ihre Verlegenheit und ihr Erröthen ließen sie
nur schöner' erscheinen. Gabrielens Blicke -ruhksn mit
jenem Wohlgefallen auf iht, das sie von der zrsten
Minute, da Hulda vor sie hingetreten' war, für sie
gefühlt hatte.
- - Michts da von Kollegin!'' sagte sie, , Mademoiselle
ist .eines:Eandgeistljchen, eines Pfarrers Tochter!. Aber
Sie- finden also auch, daß sie mir ähnlichi sieht? Es
hat,imich gesternz überrascht,i und Sie- haben -Recht,
sie würde -ein hübsches Käthchen -machen.- Sie ist,
wie ich:glaube, auch nicht ohne ein gewisses, Talent.
Wir haben gestern mit einander gelesen, und sie, hat
ihre Sache ganz. artig, ganz. geschickt gemacht.!-:
-- Sie reichte Hulda dabei die Hand und das war
gut, denn es war derfelben, als brenne, als wanke
der Boden ihr unter den Füßen. Der Direktor, hatte
die Brille aufgesetzt und sah sie unverwandten Flickes
an. , as ist ein Lob, auf das Sie stolz sein können,
Mademoiselle! ein Lob,. nach dem Erprohte geizen

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wwürden. Sie haben, wahrscheinlich. Lust, zur Bühne
zu gehen? Haben Sie Vexsuche dafür. gemacht?
,,Ich? rief Hulda, und es war ihr unmöglich,
ein weiteres Wort zu finden, so:, dgß-Gabriele -dem
Direktor, die. Erklärung gah, darch welche zufällige
Veranlassung das Mädchen zu ihr geführt und wie sie
mit demselben bekannt geworden sei.-
Das schien jedoch den Direktor in seinem Plane
nicht im geringsten zu beirren. ,Es heißt im ,Faustr',
sagte er: IEin Komödiant köinit'' einen Pfarrer lehren!
-- aber es ist auch schon Mancher aus dem Bereich
des Pfarrhauses, ja Mancher, der für die Kanzel be-
stimmt gewesen, auf die Bühne gegangen; denn zur
Bühne wie nach Rom fähren alle Wege. Der Weg
dahin ist aus einem Pfarrdorfe nicht weiter wie aus
jedem anderen Orte. Wenn Sie meinen, daß Ma-
demoiselle Talent hat, und wenn Mademoiselle in sich
Beruf verspürte ==-
,,So und so weiter!' fiel ihm Gabriele in das
Wort -,,und damit lassen Sie es auf sich beruhen,
mein Bester! Sie sehen, Sie ängstigen, Sie ver-
wirxen das arme Kind. Man muß mit solchem Scherz
nicht Ernßt machen. Nicht wahr, liebe Hulda? Es
wird Ihnen bange unter uns Komödianten - und
ganz Unrecht haben Sie damit nicht.- Glücklicher-
weise sind die Billete jetzt auch da!'
Sie ging an den Seitentisch, gab ihr die beiden
Karten, trug ihr Grüße an ihren Vater und an Miß
Kenney auf, sagte, sie möchte sich ihrer erinnern, möchte