Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 08

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Achtes Gäpitet
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Des Amtmanns Reiseknecht hatte den Befehl er-
halten, die Pferde in dem Stglle des gxäflichen Hauses
vierundzwanzig Stunden ruhen zu lassen, Den Tag
danach führte der alte Wagen, gen, dex Antmzann ihnen
zu dem Zwecke in die,Stadt geschich, dei, Pfarrer und
seine Tochter wieder, iß dgs, Jogß, zuxßck.-
Es war die ßchlinmste,Zeit, füx eine, solche Fahrt.
Das Thauwetter wwar früher als,gewöhnlich eingetreten;
die Wege hielten nicht und brachen nicht, es par nicht
von der Stellezu kommen. Obschon man am Morgen
mit der Abfahrt nicht gezögert hatte, dämmerte der
Abend bereits herein, als man an dem Schlosse vor-
überfuhr, dessen, hohe, breite Mauern sich schwer und
massig gegen den weißlich-grauen Himmel, abzeichneten,
von dem zerschmelzender Schnee dicht und leise auf
die Erde niederrieselte.
Die Fahrt in dem halbverdeckten Wagen kam
dem kränkelnden Greise bei dem naßkalten Wetter recht
hart an, aber nach seiner geduldigen Weise ließ er
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. M.


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kein Wort der Klage hören. Er drückte nur von Zeit
zu Zeit freundlich seine Zufriedenheit darüber aus,
daß er nun bald in seinem Hause, in seiner Gemeinde
sein werde. Er rühmte es zu verschiedenenmalen mit
dankbarer Genugthuung, daß er selbst im Dämmer-
lichte die Gegenstände noch immer unterscheiden, daß
er seine Heimat wirklich noch wiedersehen könne; und
wie man dann an dem Schlosse vorüberfuhr, verweilte er
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mit' freundlicher Erinnerung bei all dem Guten, das
ihm durch der Gräfin Großmuth in der Stadt zu
-Theil geworden war, wie bei der tröstlichen Aussicht,
welche- ihm ebenfalls die Gunst der Gräfin für seine
fernere Amtsführung durch die Anwesenheit seines
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jungen Gehilfen bereitet hatte.
Seine Ergebung, seine Geduld und Dankbarkeit
rührten und beschämten Hulda, aber sie konnte bei dem
besten Willen ihr Herz nicht dazu bringen, fie zu
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theilei. Sie konnte die' Mauern des Schlosses nicht
vor sich aufsteigen sehen, ohne sich daran zu erinnern,
was sie dort erlebt hatte, und wie es dunkler und
dunkler würde, überwältigte sie die Erinnerung an
jene sturmdurchtobte Herbstnacht, in welcher sie dieses
Weges auch gefahren war, in des Geliebten Arm, den
Kopf an seiner Brüst, in berauschenden Glückesträu-
men, aus denen das Entsezen über der Mutter Tod
sie aufgeschreckt hatte. Alles, was sie seitdem erlebt,
erlitten, was in den lezten Tagen in der Stadt er-
hebend, aufregend und beunruhigend an sie heran-
getreten war, zog wie Wolkengebilde, die der Sturm-
wind jagt, deutlich und doch rastlos durch ihren Sinn.

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Ihr Sollen und Müssen, ihr Wünschen und Wollen
standen wider einander. Das tiahm -ihr den Gläuben
an das Gute in ihrem Herzen. Sie fühlte sich zer-
rissen und verwirtt, unzufrieden mii sich selbst, ver-
zweifelnd an sich selbst, und' ohne einen Strahl von
Hofnuung, von Befürchtungen allerAit bedrängt. Das
ist sonst nur des Alters Stimmiung, wenn es sich zu
bescheiden nicht' verniag, und Hulda kam sich auch mit
ihren achtzehn Jahren alt, undfertig mit dem Leben
vor, nach dessen Glück sie doch' so sehr perlangte.
Es war schon völlig dunkel, lals deCWagen'' durch
das stille Dorf' fuhr.' Nur die Hunde schlugen an
wie in jener wilden Herbstnacht des verwichenen Jahres.
Vor den Fenstern -waren die' Strohmuatten nieder-
gelassen, wo man solche hatte, -die Läden geschlossen.
Der Schulz des Dorfes trat, wie er den- Wagen kom-
men hörte, an die halbgeöffnete Thüre und'' rief dem
Pastor sein treuherziges Willkömnren durch die Nacht zu.
Durch' die kleinen Scheiben. des Pfarrhauses schim-
merte ihnen das Licht entgegen; als der Kutscher por
dem Gitter des Gärtchens stille hielt. Der Küster,
der seinen Herrn Pfarrer schon' den ganzen Nachmittag
erwartet hatte, war der Eiste an dem Wagen, der
Adjunktus folgte ihm auf dem Fuße. Ernst und be-
scheiden, wie es seine Art war, bot erHulda die Hand.
Er half dem Pfärrex, behutsamn gzis deni Wagen, er
ging vorsichg neben jhn her, äuch sein Willköme
kam vom Herzen. -
Aüf dem Tische braniten die beiden' Lichter, das
Feuer knisterte in dem alten grünen Kachelofen. Die
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Wärme that, dem Pfarrer und auch Hulda nach der
Pangen-- kalten Tagfahrt wohl, und der Pfarrer setzte
sich mit Pehagen in den Lehnstuhl, den der Küster
ihm an den Ofen herangerückt hatte. Der Thüre
gegenüber, hing der. Schattenriß der Mutter so wie
sonst.,Der Adjunktus hatte- einen schönen Kranz von
frischem Moos und Tamnengrün -darum gewunden.
Man sah, hier. hatte guter Wille den Empfang be-
zrettet, und es erschreckte Hulda, daß, es sie,nicht mehr
erfreute. Ihr -hatte vor dem guahen, Susammenleben
mit dem fremnden jungen- Manne gebangt, nun kam
er ihnen so gutwillig entgegen; und doch lastete
eine wahre Angst auf ihr. Das Haus war ihr nie
so, klein, die Stube nie so eng und niedrig vorgekom-
men, als heute, da sie dieselbe durch, mehrere Monate
nicht gesehen und betreten hatte. Es umfing sie wie
die Mauern eines Kerkers. - Sie hätte fort mögen,
hinaus, zurück in Nacht und Dunkel, den Weg zurück,
zurück und hin zu ihm, von dem fie nicht abzulassen
-vermgchte,, wie fern er ihr auch war, wie wenig sie
ihmz galt.-
Es war gut, daß, die häuslichen Verrichtungen
jie zwwangen, rasch das Zimmer zu verlassen, daß sie
ihre Augen ungesehen,. trocknen Fonnte,; und daß die
Einrichtung ,des ins Stocken.;gerathenen Haushaltes
sie an diesem Abende und durch viele Tage ganz in
Anspruch nahm. Die heilende Gewohnheit konnte sich
während dessen wieder besänftigend über die Wunde
legen, die bei jedem neuen Anlaß blutend aufsprang,
Hulda konnte wieder lerzen, ihr Geschick. gelassen zu

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ertragen. Nur fich aufzurichten war sie nicht im
Stande.
Das Beisammenleben mit deü Adjunktus ge-
staltete sich inzwischen gut und sleicht. Weil' er in
seiner Gewissenhaftigkeit ess sich zum Vorwurf machte,
daß er auf,. üble Nachrede hin ungünnstig von Hulda
gedacht hatte, kam er ihr mit' erhöhter Achtsamkeit ent-
gegen. Er fand sie ernst und still, er sah sie dienst-
, ferig und fleißig, ihre vorsorgende Hingebung für
ihren Vater blieb sich immer gleich; 'und da sie ihrer-
seits bemerkte, daß der Pfarrer die Hilfe und die Ge- -
sellschaft des jungen Mannes als ein Glück erachtete,
war sie bemüht, demselben durch!Freundlichkeit zu ver-
gelten, was er dem Vater war! und- leistete. Selbst
der Zuschuß, den die Gräfin dem Pastok um des Ad-
junktus wegen in seinen Einnahmen und in den ihm
zustehenden Lieferungen bewoilligt- hatte;' kam der haus-
haltenden Tochter wohl zu statten, ünd beide Männer
erkannten es ihr: dankbar an wie sie mit Wenigem
viel zu schaffen, wie sie durch Anmuth allem Gelei-
steten und Geschafften höheren' Werth zu geben wußte.
Der Adjunktus, den seine geringen Mittel immer
zur Zurückgezogenheit genöthigt, hatte wenig unter
- Menschen gelebt, noch wweniger Vetkehr mit jungen
Frauenzimmern gehabt. Die iuhigeSicherheit, die völlige
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Unbefangenheit, mit welcher Hulda ihm begegnete,
hatten deshalb' für ihn einen fremdartigen Zauber.
Die gute Schulung, wwelche ihren natürlichen Anlagen
in der Gesellschaft des Schlosses und durch die Kenney
zu Theil geworden war, ihre Kenntnisse und ihre


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Bildung,hohen sie weit hinaus über die wenigen jungen
Frauenzimmer, welche er bisher gekannt, über. die
Töchtek dex Geistlichen und Gutsbesizer, denen ep nach
Nebernahme seiner jetzigen Stellung seine Aufwartung
zg, machen gehabt hatte.-;Und da er ohne , Schwester
in seinem Elternhaus erwachsen war, gingen ihm in
degp täglichen Beisammensein mit Hulda neue Freuden-
ggellen guf..
-; - -Alles, was sie- hat und wie sie's that, Alles, was
er nit ihr gemeinsam unternehmen konnte, ward ihm
zum Henuß. Es freute ihn, wenn er den Porleser
des;Pfarrers machen durfte, denn Hulda saß an ihrer
Näharbeit ihm, gegenüber.- Es machte ihn glücklich.
wenn er jehen dem Greise am- Sonntag in die Kirche-
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und zur Kanzel ging, denn Hulda ging miit -ihnen:
Es, exhob ihn, wenn ex. statt des Pfarrers die Son-
tggspredigt, halten konnte, denn Hulda's Augen, hingen z
in, aydächtigem Sinnen an den seinen, . und liehen ihm
Fgrte, gnd, gaben ihm Bilder, und: eine Wärme,, die
ex Frühex nicht besessen hatte, und von denen ex, nicht
saggn, konnte, woher sie ihm gekommen waren, »=
Gott ist mit mir!, dachte er, wenn Der und Fener
ihm, zu, hören gab, daß er, gut gepredigt habe und dgß
man den Herrn Pastor gar nicht mehr vermisse,, wenn
der- Adjunktus auf der Kanzel stehe. Nur Mamusell
Ulrike hatte ihm dies nie gesagt, und sie kam auch
nicht mehr so oft zur Kirche als im Winter, obschon
die, Kälte und die Nässe nachgelassen hatten und die
Sonne schon an manchen Tagen jo- warmu hernieder-
schien, daß der Schnee und das Eis davor geschmolzen



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waren. Bisweilen krümelten wohl noch weiße Stern-
chen nieder, aber der Himmel war doch. schon wieder
blau, und man freute sich gn dem sonnendurchleuch-
teten Geglizex in dex. Auft.-
Die Ostern waren da, man wußte in der Pfarre
selbst nicht wie. Die Tage waren leise dahingeschwun-
den, es war für Hulda an ihnen nicht? Besonderes zu
verzeichnen gewesen, einer hatte dem anderen geglichen.
Wo aber die Tgge sich nicht von einander unterschei-
den, da ist der Rückblick in die Fergangenheit und
das Zeitmaß für dieselbe ungewiß und schwankend.
Sie konnte es bisweilen gar ;ujcht ;fassen, daß noch
nicht zwei Jahre vergangen wgren, seit sie Emanuels
Bild zuerst erblict, noch nicht fünfzehn, Monate, seit
sie ihn zulezt gesehen. hgtte.. yFftials gußte sie sich
fragen, wie lange es denn her,sei, daß Fie bei Gabrielen
gewesen war? Sie hatte Mühe,. sich dargg, zu erinnern,
daß es eine Zeit gegeben, in der sie nicht an Emanuel
gedacht, in der Fie Jeinen, Rinng gicht . an der Hand
getragen hatte. - Weil ihre Liebe;ihr Alles war, schien
sie ihr ghne Anfang wie das All, und fühlte sie die-
selbe in sich ohne Ende pie die Ewigkeit. Was konnten
daneben die-Tage und Wochen für sie ioch bedeuten?
Sie liebte - und die Tage flossen still an ihr vorüber.
Am Ostersonntag wollte,der Pfarxer. selbst die
Kanzel besteigen, Fegn,he mehr seine Kräfte nachließen,
umsomehr hielt er darauf, an den großen Feiertagen
noch selber zu der Gemeinde zu sprechen, weil er doch
nicht wissen konnte, ob es ihm in dem ächsten Jahre
noch gegönnt sein werde. Die Taufe aber sollte nach-

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her'der Adjunkt abhalten, denn es waren alle die
Kindei aus den eingepfarrten' Dörfern in die christliche
Gemeinde' aufzunehmen, welche während' der kältesten
Zeit geboren worden waren, und die' man eben dess
halb nicht hatte zur Kirche tragen können.
--' Eine halbe Stünde vor dem ersten Läuten, wäh-
rend der -Vater in seiner Stube noch seine Predigt im
Geiste' wiederholte, trat Hulda vor die Thüre hinaus,
um' die'Blumenstöcke, die sie seit langer Zeit zum
erstenmale wieder hatte hinaus setzen und in der freien
Liüft' begießen können, in das Zimmer und äuf das
Fensterbrett zurückzüütragen, wo sie hübsch aussahen
zwischen den frisch gewaschenen Gardinen.
-- Der- Adjunktus ging langsam in den kleinen
Wegen hin' und her;' bald bückte er sich zur Erde und
suchte Etwas' auf den Beeten, dann musterte er die
erreichbaren Aeste der vier Tannen und die Sträuche
ii denü Garten. Er hielt ein paar Schneeglöckchen und
einige Weidenzweige in der Hand, an denen die ersten
silbergrauei Blüthenkätzchen schimmerten, die' das Land-
volk in der' Gegend Palmen nennt. - Als er Hulda vor
die Thüre kömmen sah, trat er an sie heran. -
- -' ,Es' ist heute ein pechtes Aüferstehungswwetter,?
sagte sr. ,Die ersten Palmen sind heraus, in dem
Häselnußstrauche regt es-sich, und sogar ein paar
Schneeglöckchen sind' schon hervorgekommen. Er reichte
ihr die Zweige und die Blumen hin, sie sprach ihre
Freude daran! aus und strich leise, wie ein spie-
lend Kind, mit den weichen Weidenkätzchen über ihre
Wagenn:
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,Ich trug Bedenken,! meinte' er darauf, , die
Blümchen abzubrechen und Ihnen'' die Lüst des Fin-
dens zu entziehen; aber ich habe züeiner Mutter immer
am Ostertage einen wenn auch' noch so'kleinen Strauß
gesucht, und so wollte ich äuch Ihneä einen bringen.
Es- hat sie immet so gefreüt!?
, Oh, es freut mich äuch, und ich' danke Ihnen;
es freut mich wirklich sehr!! entgegnete sie ihm.
,Sie sehen so selten aüs, als ob Sie Etwas
freute!! sagte' er.
,Hab' ich denn zu immer neuet Sorge nicht
täglich neuen Grund? versezte sie. ,Mein Vater ist
so schwach!?
,Aber Gott ist mächtig und gnädig!r gab er ihr
zur Antwort. -
, ,Ach, für den Einzelnen geschehen keine Wunder
- mehr, der hat zu tragen;' hat sich' zu bescheiden -
,lnd zu vernrauen änd zu hoffen!r fügte er
- . -
hinzu.
Sie schüttelte das Haupt.. ,Was mich bedroht,
das weiß ich. Niid höffen? --' Sle biach in ihrer
Rede ab! Er stand verlegen vör ihr, nicht wissend,
ob er reden oder schweigen solle? Er hätie ihr sagen
mögen, daß er durchi den Amtmann vön' ihren Er-
lebnissen' unterrichtet sei,' äbek'ei- selber: dachte' so un-
gerne an dieselben und mit solcher Abneigung an
Baron Emanel, daß er sie bollends nicht an ihn
erinnern mochte.
,Ich glaube, hüb er' eidlich än, , Ihnen fehlt
die feste, zuversichtliche Ergebung in den Willen Gottes,




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dig, mig, Ihren Vater, so - verehrungswürdig und zu
einem ,o; eyhehenden Beispiele macht.?!.-
, ;., PFs, zggr es, aher gar icht' gewesen, wvas, er, ihr
hgtte-ßggen wollen, ünd es schien,, ihr, auch nicht zu
gefalen, denn sie entgegnete ihm mit einem gewissen
Trotze gegen seine Mahnung: ,Gott, hat diese Ee-
gehgng ngn, einmal, nicht jn mein Herz gelegt!'!
- Der, Ausruf yrscreckte ähn,, degn Ier. wähne,
dgß gie seine -Gläubigkeit damit verspotten wolle. und
ohne die ruhige Neberlegung, die' ihm sonst nicht fehlte,
xßef,er; -. Fch, hätten Sie Ihr Vaterhaus doch nie
perlassen!'!.. ,
- Der Wunsch kam so voll aus seinem Pegzen, die
Lehhgftigkeit, mit welcher er ihn aussprach, pih durch-
aus -von seiner sonstigen gehaltenen Weise;ab? Hulda
sgh,ihn hefremdeh gn,, Pie ihr Blick aber den seinen
traf, ;konnte; er es njcht ertragen, und in, einer Ver-
mingzng. de, ih; dgs Blut zu Kopfe rieb, sggte er;
,Vergeben Sie mir die Anmaßung!!
g. Fey, guch Hlda wuxde vexwigt znd groch; dennn
sozyig deg, Adjunkt'jezt vor ßr, stand, so, hatte auch
s,g,ginst fßfßungslos und, ihrer selhst, nich,mächhig dg-
gesgnden pox Emanuel,, und sie wwußte, was -das zu
behegten hgtte.,Eine, ggnze, Menge, kleinex, Vorgänge
zwischen ähr, und, dem Adjunktus: Worte, Mienen,. die
jn alh, deng , lezten Wochen an, ihr, unbeachtet vorüber-
gggangen wwaren, Irängten sich nun plötzlich wie die
kleinen Theilchen in einem Kaleidoskop gnit einemmale
zu einer festen, bestimmten Gestaltung zusammen, die
sie nicht mnißkennen konnte und vor der sie wie vor

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einer heiligen Enthüllung deüthig das Auge senkte.
Indeß ihre Wahrhaftigkeit sieß ihr keine Wahl, und
mit rascher Selbstüberwindung Fragte sie; zWas soll
ich Ihnen perzeihen? ; Daß Sie Theil an mir und
meinem Schicksale gehmen, odex -daß auch Sie er-
fahren haben, wwas hier in der Gegend gewiß vielfach
besprochen worden ist? - Sie stockte, weil es ihr hart
ankam, vor einem Anderen. laut ;werden zu lassen,
was sie sich selber an jedem Fage wiederholte, aber
die Bewegung, die lie in den Zügen, des Adjunktus
las, trieb sie vorwärts und half ihr über ihre mädchen-
hafte Schüchternheit hinneg.;
- ,E ist wahr, sagtn sie, ,ch hin nicht glücklich,
und vielleicht häben Sie xecht,; daß,es gnir besser ge-
wesen päre, ih, hätte; gnsex,Ifarrhggs ,nig, verlassen.
Aber. glauben, Sie mir!, -- und jhxe Sprache zittege ,
in schönem, pollemn , Kange, gnd -ihre, Stinune wurde
belebt wte sie das sagte =F.Ees giht ein. Unglück, das
doch beglückendex als manches Glück ist, ein Unglück,
das man mit gllen seinen Schmerzen,liebt. Ja! wenn
ich selbst mir ein anderes, sogenanntes ruhiges Geschick
durch Vergessen meines Leids; etkaufen könnte, ich
müßte wie der ritterliche König sagen; lisur sims
mon maartzxs!es denn es ist mein Leben und mein
Seln!?
. Sie wendete jih rasch, von ihm und ging in
das Haus zurück. Sie mochte, nicht, Iaß er es ge-
wahrte wie ihre Augen sich ipit Thränen füllten, noch
weniger mochte sie ihn ansehen. Er blieb gesenkten
Hauptes stehen wie angehannt. Wäre sein Ebenbild,

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sein Doppelgänger vor' ihm emporgestiegen, er selbst
und doch nicht er selbst, und ihm so fremd, wie er
sich in-seinem ganzen Enifinden in diesem Augen-
blicke war, so fremd wie' Alles um ihn her ihm jetzt
mit einemmale erschien -- es würde ihn nicht mehr
erschüttert' haben als der Blick, den er in sein Herz
und' in Hülda's. Herz gethän hatte.
- - Die Kirchenglocks schreckte ihn empor. Sie klang
ihm ntißtönig und dumpf, als wäre sie geborsten, und
er'' hatte' sie doch- sonst so gern gehört. - Ei konnte es
nicht' aushalten' in der freiei Natur. Der Tag und
die Sonne, Baum und Strauch, es sah ihit Alles mit
klarenAugen klug und forschend an. -Es war nicht
zum Ertragen. Es drängte ihi in die Enige, in?die
Ensankeit Purück, er nußte allein sein und sich' sam-
meln. Wie sollte er die Taufe heute vollziehen? wie
konnte er' vör der Genieinde von der heiligen Gemein-
schaftsder ganzen Christenheit in einer Stünde spre-
cheiff'iin der e sich'' wie' dusgestoßen und öon Gött
veilssir fühlte!' Er' Ate in seine Stube, er Hollte
Jächikktkei, Sas' eigentlich geschehen wär, er wöllte sich
sammieln,'' er fältete in seiner Pein die Hände zum
Gebet,' aber es war Alles vergebens. Er konnte den
Weg nicht finden, auf dem er sonst' dem Herrn ge-
naht war, die Himmelsthüre war ihm wie verschlossen,
und wie er auch mit sich dang und sich aufzuraffen
und emporzuschwingen sttebte, wie er es versuchte, sich
zu denüthigen und zu bescheiden, es gelang ihm nicht.
Die unseligen Worte: , dlisa sime mon murtzrs!
schwirrten ihm mit ihrem fremden Klange unheimlich

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-vor dem Ohr. Er hörte, er sah sie, sie standen wie
mit Flammenschrift in seinem Snnern, sie versengten
ihm Brust und Hirn, daß selbst sie Thränen ihm
davor versiegten, daß er nicht weigen; konnte-- und
er hatte doch solches Mitleid gut ihr, und auch mit sich!
Darüber ward es Zeit, zur Kirche zu gehen. Er
hatte den Pfarrer seit dessen, Rückkehr immer hin-
geleitet, er mochte ihm guch heute, nicht fehlen. Der
Vater in der Mitte, Hulda gn seiner Rechten, der
Adjunkt zu seiner Linken, so schritten sie durch das
Gärtchen und über die Dorfgasse und den Kirchhof,
durch die Kirche bis in die Sakristei. So war es alle
die Sonntage gewesen, so war's auch diesmal anzu-
jehen, und doch so anders; -,
Hulda sprach von dem schönen Wetter, und wie
gut es - dem Vater thun,. wwerde, und wvie. gut es für
die Täuflinge, sej. Der, Adjunkt, hörte es und hörte es
nicht. Es lag, eine Welt -zischen ihyz und ihr, der
er doch zu eigen war ,mit feiner ganzen Seele.
,,Kann ich hier, bleihen? Darf ich hier bleiben?
und wie wär es denn möglich, daß, ich ginge, fort-
ginge von ihr?- Das waren, die einzigen Gedanken,
die er festzuhalten vermochte.- -
Er,hörte es, wie der Pfarrer von der Kreuzigung
sprach, die Jeder in seinen ;Innern an seinen bösen
Neigungen vollziehen müsse zu seiner eigenen Erlösung,
um dann seine Auferstehung und neue Menschwerdung
unter dem Beistande Dessen zu feiern, der sich an
das Kreuz schlagen lassen zur Erlösung der Mensch-
heit. Bisher hatte der Adjunkt, wie er glaubte, redlich

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dn sich gearbeitet. Er hatte seine Seele rein erhalken,
sein Gewissen frei bewahrt und nichts Höheres gekannt,
als lehrend in seinem Amte seinen Glauben zu be-
kennen. Was ihn davon hätte abziehen können, würde
er, als Sünde erachtet und niederzukämpfen gestrebt
haben.' -Aber heute war es ihm unmöglich,' ihr Bild
aus seiner Seele'zu verscheuchen, das ihn von der
andächtigeü Theilnahme an dem Gottesdienste abzog.
- -' Er' liebte sie, wie sie ihr Leiden liebte, er verstand sie
bis in ihr tiefstes Herz, seine Augen chingen aßi'ihr,
unö''während derKüster von der Orgel die feieklichen
Klänge ses- -Schlußliedes herniederschallen machte,
während das trostreiche Lied: , Aufersteh'n, ja auf-
erstehen wirst du mein Leib nach kurzer Ruh'! Un
sterblich Leben wird der dich schuf dir geben!'' mit
seinem Hallelujah, von gläubigen Herzen gesungen,
durch die kleine Kirche schallte, stimmten nur die
Lippen des jungen Geistlichen in den verheißungs-
vollen Hymnus ein, denn Hulda's: dlisar aime
mon martzrs!r hatte sein ganzes Wesen hingenommen.
Zerstreut und -mit sich selbst zerfallen, trat er
nach der: beendeten Dsterfeier vor den Altar, um die
Taufhandlung zu vollziehen.- Es waren ansehnliche
Familien am den Altar versammelt,' denn auch der
Anütsrath, der die benachbarte königliche Donäne ver-
walteke, ließ seine Zwillingsknaben taifen, die 'schbit
zwei Moiate alt waren, und die Eltern waien also
Beide mit' zur Kirche gekommen. Der Amtmann und
Mamsell Ulrike- standen bei ihien Gevatter, ein paar
hübsche GutsbefizersTöchter hielten die Knaben über


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die Taufe; und auch für die minder vörnehmen Täuf-
linge mangelte es nicht an ansehnlichen Pathen, denn
der Aermste und Geringste will seinem Kinde, dem
er vielleicht sonst Nichts zu' bieten hät,' doch gerne einen
angesehenen ßathen und' einen schönen Namen für den
Weg durch's Leben zugute -kömmen lassen. - Hulda
fehlte unter den Taufzeugen natütlich äich heute nicht,
denn die Armen im Dorfe wußten., was sie an ihr
hatten. Aber ihre. Anwesenheit' machte dem Adjunktus
seinen' Zustand vollends unerträglich! --
Weil er sie nicht ansehen pollte und seine Blicke
sich doch immer zu ihr wendetenn, erschien- er unkuhig.
Seine Sprache war hgstig und abgebrochen, er ver-
wirrte sich in seiner Rede.' -Eshwwa nicht allein
Mamsell Ulrike, welche die Bemerküng machte, daß
dex Adjunktus heüte völlig wiesverwandelt sei, und daß
man noch keine so -schlechte Rede und keinen ,solchen
schlechten Vortrag von ihn vernommen habe; aber es
war allein Ulrike, die seinen Blicken gefolgt wac, und
die mit der scharfen Beobachtüngskraft der Abneigung
die Ursache seiner Fassungslosigkeit vermuthete.
Der kälte Schweiß stand ihhn duf der Stirne.
ä überlief ihn, gls er von, den Altare in die
Sakristei kam; währeud der Aintsrath mit der Frau
zu ihm' hereintrat. Sie-wollteff, wie ühlich, sich bei
ihm bedanken und' ihnJgeiF daß'der Wagen gleich
vor der Pfarre porfahren werde, uni ihn abzuholen,
denn es war große Taufgesellchäfkf dei' Donüänen-
Amtshause und der Adjunktus hätke die Einladung zu
derselben angenommen, während der Pfarrer um seiner

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Gesundheit willen sie für sich und seine Tochter ab-
gelehnt. hatte. Man trug nach der Anwesenheit der
Letzteren guch kein besonderes Verlangen, weder die
Amtsräthin, noch ihre beiden Nichten, die Gutsbesizers-
Töchter.,Um so erstaunter war man jedoch, als auch
der,Aldjunktus sich entschuldigte, und auf ihn nicht zu
rechnens bat. Fr sei, nicht wohl und könne also leider
nicht dabei sein, erklärte- er. - Pagegen war Nichts zu
sggen aund auch Nichts zu machen. Man bedauexe es,
man gab ihm guten Rath, denn er sah wirklich übel
aus.' WDann stieg man ,in die Wagen und Fjuhr davon.
;;Mamsell. Ulrike und die beiden Mädchsn fuhren
mit der Amtsräthin. ,,ßs kann mir leid thun,' sagte
diese, daß der Adjunktus krank ist, aber, auf der
anderen Seite -ist es doch beruhigend. Denn. solch
eine Rede! Es war wirklich als hätte er nur Fischer
und Kinlieger por sich gehabt und nicht gebildete
Menschen, ;die -eine gute Predigt werth sind und zu
schäten, wissen, und die sich. von solch feierlichem Tage
, doch auch für das Gemüth Etwas zur Erimnerung mit-
zunehmen wünschen. Ich habe mir von allen meinen
Kindern aus den Taufreden etwas aufgeschrieben und
es oft recht mit Erbauung durchgelefen---aber heute!
Es war nicht aus, nicht ein! Der Adjunktus sah auch
gleich pon Anfang sehr erbärmlich aus. Wenn ihm
nur nicht as Fieber in den Gliedern steckt, es ist die
Jahreszeit dazu.!
- Mdamusell Ulrike lchelte. Die Amtsräthin fragte,
was das bedeuten solle.
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, In den Gliedern wird ihn wohl Nichts stecken,'
warf Ulrike hin, ,,aber was ihm im, Sinne steckt und
was ihn heute so zerstreut hat, darüber bin ich nicht
im Zweifel. Ich habe gesehen, wo- feine Augen hin-
gegangen sind, und' da werdet seine Gedanken ver-
muthlich auch gewesen sein.. Es ist -immer wieder
dasselbe alte Lieb!'
Die drei Anderen verstanden sie nicht gleich und
wurden neugierig; die Mamsell wich aus. Das machte
die Anderen dringlicher. Sie spielta die Zurückhaltende.
, Was ist denn darüber viel. zu sägen,'' meinte sie
endlich, ,,es ist ja immer die nämliche Geschichte. So-
wie nur- ein junger Mann in ihre Nähe: kommt, wirft
sie ihre Neze aus, und es gelingt ihr jedesmal. Man
sollte wirklich sagen, daß es nicht mit rechten Dingen
zugeht.! Sie'hatte keinen Namen! ausgesprochen, aber
jetzt wußten die Amtsräthin und auch die Mädchen
nur zu gut, was und wen Ulrike?meinte.
,,Der Adjunkt ist schon der Vierte!'' sagte sie
, er Vierte? fragte die jüngste der beiden
Schwestern. -
, Freilich,' bekräftigte Ulrike, ,mit dem Bruder
unserer Frau Gräfin hat es angefangen, dann kam
Seine Durchlaucht an die Reihe, und dann. Seiner
Durchlaucht Sekretär, ein anständiger und hübscher
junger Mensch. Unb sebst den armen Herrn Adsunktus,
der gewiß an Nichts weniger gedacht hat, als an
Frauenzimmer ihrer Art, hat sie nun auch schon in
T.?-==- -
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herauszieht wie der Herr Baron und daß sie wieder
einmal, das Nachsehen hat.r!
-, Es ist schrecklich,'' meinte die Amtsräthin, ,.wirk-
lich eine Schande, und obenein für eine Pfarrers-
tochter und so braver Leute Kind l' -
- ,Was sie nur dabei denken muß?'! sagte die eine
Schwester.
-- -,,Und was soll' denn aus ihr werden, wenn ihr
Vater einnal stirbt? warf die Andere ein.
- -,,Hier kann sie natürlich nicht mehr bleiben,r' be-
merkte die Amtsräthin,,,hier ist viel zu viel- von ihr
gesprochen worden!'! .
zOh, man wird noch mehr zu sprechen haben
und noch mancherlei erleben. Mir ist. es nur -um den
armen jungen Menschen leid, den sie um sein An-
sehen und um die Stelle bringen wird!'' versicherte
Mamsell Ulrike, und brach plözlich ab, da man auf
dem halben Wege eine kleine Weile anhielt, die Pferde
verschnaufen zu lassen. -
- Der Amtsrath und' der Amtmann traten an den
Schlag heran, zu sehen, wie die vier Frauenzimmer
sich die: Zeit vertrieben. Sie fanden sie- alle Viere
munter, und vergnügt; und sie hatten doch so eben über
eine- Abwesende, die sich nicht vertheidigen konnte, er-
barmungslos Gericht gehalten und eine moralische
Hinnrichtung vollzogen. -
- Sie fuhren in aller Seelenruhe weiter, von Hulda
war nicht mehr die Rede. Wer hatte denn an solchen
schönen, vergnüügten Fest- und Feiertagen auch Lust. und

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Zeit, sich mit so unangenehmen Dingen und Ver-
hältnissen noch einmal zu befassen?
Mochten sie in der Pfarre zusehen, wie sie selber
mit sich fertig wurden, und mochte dann der Ad-
junktus die Erfahrung machen, wer es redlicher mit
ihm gemeint hatte, die alte treue Freundin, der seine
Zukunft so am Herzen lag, edex Hulda, die nuur daran
dachte, sich einen Mann zu schffen und sich zu ver-
sorgen.
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