Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 10


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Behnles. Gapites.
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Der Winter war wieder einmal' vorüber, die
Straßen der Stadt waren' wieder trocken, nur noch in
den entlegensten Ecken der eng verbauten Höfe, wo die
Sonne niemals hinschien, war noch hie und da ein
wenig Schnee zurückgeblieben. Die Kinder spielten
schon wieder vor den Thüren,- und- die- älte' Brotver-
käuferin, welche gegenüber von Hulda's Wohnung an
der Ecke des Plazes ihre Bude hatte, ließ Mittags
schon den Schirm von grauer Leinwand' nieder, damit
die Sonne ihr die Waare nicht äusdörre. Der Schirm
ging aber nicht so tief hinunter, daß er ihr das Be-
trachten und Beobachten ihrer Nachbarschaft unmöglich
machte, und just an diesem Mörgen gab es drüben
in dem Hause bei der Wittwe Rosen mehr noch als
sonst zu sehen und zu' bemerken. - -
,Das ist nun der vierte Rosenstock, der heute da
drüben hineingetragen wird,! sagte sie zu dem jungen
Mädchen, das, vor der Bude stehend, wie an jedem
Tage, sich die Backwaare für den täglichen Bedarf der
Fanny Lewald, Die Erlöserin. lll. -

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Herrschaft in ihr Körbchen zählen ließ. , Vier Rosen-
stöcke ünd ein großer Pomeranzenbaum mit Blüthen
und mit Früchten wie für eine Königin: Die Blumen-
Bouquets nicht erst zu rechnen, die ihr die Herren
selber in das Haus getragen haben. Und das ist
mttoch das Wenigste. Früh Mörgens, gleich als ich hier
gufgemacht habe, kam ein Toilettentisch. Der war von
dem reichen Philibert, bei dem mein Sohn in Diensten
ist, und Alles von schwerem Silber darauf. Danach
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sind noch zweimal von den großen Schachteln in das
- -Haus Igetragen worden, wie sie aus den vornehmen
--- PuzhandlunFen kommen. Und das Alles für die Voll-
aer, die heute ihren Geburtstag hat. Da! da kommt




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sie eben. an das Fenster!?
, Sie deutete mit den Worten nach den Mittel
fenstern des ersten Stockwerkes hinüber, an welchem
Hulda flüchtig erschien und ebenso schnell wieder ver-
schwunden war.
-,Schön ist sie,! meinte das Mädchen, , und bei
uns im Hause machen sie auch viel Aufhebens von
ihr. Ich höre das so im Vorübergehen.?
- - ,Eenn ich es so, denke,! nahm die Alte darauf
wieder das Wort, , lo schnell wie ihr ist es doch keiner
Anderen noch geglückt. Just fünf Monate wird es
her sein, daß sie hier angekommen ist. Es war kurz
vor Martini. Ich sehe sie noch wie heute, in dem
engen Oberrocke und mit dem kleinen Koffer hinter
sich, den ihr das Mädchen von drüben nachtrug, als
die Rosen sie von der Post geholt hatte. Oben in der
einfenstrigen Erkerstube hat sie dazumal gewohnt und

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Morgens die Sperlinge gefüttert mit ihrem Frühstücks-
brot. Das war freilich nicht so vornehm wie jetzt der
Papagei, den Herr Philibert ihr angeschaft, und den
mein Sohn auch hingetragen hat.!
Das Brot war eingezählt, das Mädchen legte das
Geldstück hin, die Alte suchte in ihrer Lade nach der
kleinen Münze, die sie darauf herauszugeben hatte,
während Jenes noch einmal nach den uit Blumen
besezten Fenstern der Schauspielerin hinaufsah und
seufzend das erhaltene Geld in ihre Tasche steckte. Die
Alte fragte, was ihr fehle.
,ch, Nichts,! entgegnete die junge Magd, ,aber
-- zu leiden ist Unsereins ja doch auch -- und wenn
man sich es so überlegt, wie man sich ,zu quälen, und
was man Alles stillschweigend hinzunehmen, und wie
man seine. Kräfte zuzusetzen hat,. und sieht daneben,
wie so Eine es gut haben kann nur mit ihrer Schönheitl?
,Der Vollmer ist Nichts nachzusagen!! bedeutete
die Alte warnend.
Die junge Magd warf den hübschen Kopf, den
das Häubchen mit den breiten bunten Bändern zierlich
einschloß, kokett in den Nacken und warf die rothen
Lippen spöttisch auf. ,Nichts nachzusagen? Dazu kemnt
man doch die Herren auch -genug.- Meinen Sie, ich-
könnte es nicht auch ganz anders haben, wenn ich es
wollte und mich, darauf verlegte! Aber freilich für
Nichts gibt es Nichts, und sie sind ja Eine wie die
Andere beim Theaterl'' sezte sie hinzu, indem sie rasch
pon dannen ging, die perplauderten Minuten leichten
Schrittes einzubringen.
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-' ,Sie sind Eine wie die Andere bei dem Theater,!
hatte die junge Magd gesagt, und sie hatte damit
nur ausgesprochen, was sie oftmals an dem Tische und
von der Gesellschaft ihrer Gebieterin hatte behaupten
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hören. Sie hatte, ohne sich dessen irgendwie bewußt
zu sein, die landläufige Ansicht wiederholt, deren Wir-,
kung Huldg Fowohl in der zudringlichen Galanterie
der Mämner, als in der vorsichtigen Abwehr kräänkend

, exschienen war, mit welcher die Frauen der bürgerlichen
- Gesellschaft sich gegen die Bühnenkünstlerinnen zurück-
hielten.
-. Und doch hatte das Glück Hulda seit der Stunde
- ihres ersten Auftretens auf der Bühne unausgesezt ge-
lächelt- Es war in der That, wie die Alte es gesagt
hatte.
- Käum einer anderen jungen Schauspielerin war -
? - es'jemals so wie ihr gelungen, gleich bei dem ersten
- - Schritte, den sie in die Deffentlichkeit' that, den Plazz
einzunehmen, den sonst jahrelanges Streben und Ar-

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beiten'nur mühsam erringen, so wie sie die Vorliebe
des Publikums im Allgemeinen, und einen bestimmten
petsönlichen Anhang, gleichsam durch Erbschaft anzu-
- treten. - Ps hatten eben wieder einmal über dem Leben
eines Menschen jene freundlichen Sterne am Horizonte
gestanden, unter deren heilbringendem Einflusse er als
der rechte Mensch auch zur rechten Stunde in die frei
gewordene Stelle eintritt. Fast ohne ihr Zuthun hatte
fie den' Platz ausfüllen, in ihm Wurzel schlagen,
wachsen und sich in einer Weise entfalten können, daß,

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sie sich oft fragen mußte, wie -das Alles denn ge-
schehen und möglich geworden sei?
An ihrem Geburtstage mehr denn jemals hatte
auch sie sich jenes grauen November-Abendes erinnert,
an dem sie, wie die alte Höckerin es sehr genau gee
schildert, in dem schlechten Oberrocke, das Köfferchen
mit ihrer ärmlichen Habe als einziges Besizthum, un-
befreundet und weltunkundig, oben in das Erkerstübchen
eingezogen war, das manchen ihrer stillen Seufzer ge-
hört und in welchem sie in sorgenvoller Ungewißheit
über ihre Zukunft manche Stunde der langen Winter-
nächte arbeitend und lernend zugehracht hatte.
Das Stübchen hatte' sie, noch auf Feodören's Rath,
gleich an dem Tage aufgegeben, an welchem sie ihr
zweijähriges Engagement bei dem Holi'schen Theater
unterschrieben. hatte, denn die Zeit der sorgenvollen Un-
gewißheit über ihre Zukunft war damit vorüber. Sie
war ihres Talents wie ihrer Schönheit sich sehr be-
wußt. Ein Rückwärtsschreiten war für sie auf dem
Pfade der Kunst nicht möglich, wenn sie sich in ihrem
Arbeiten und in ihrem Streben gleichblieb. Nur von
ihr, das fühlte sie, hing es fortan ab, was jie aus
ihrem Leben machen wollte. Der Weg, auf welchem
Gabriele und Feodore ihre Lorbeern gepflückt, ihre
Triumphe errungen und Freude, Genuß, Erfolge aller
Art geerntet hatten, lag' vor ihr, wie er vor' Jenen
einst gelegen hatte. Heute schon blühten troz der frü-
hen Jahreszeit die Rosen auf ihren Tischen und an
ihrem Fenster, wie einst in Gäbrielen's Zimmmner. Sie-
war jung, sie fühlte es als ein Glück, daß sie Künst-



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lerin, daß sie berufen war, den Menschen die herrli-
chen Gebilde der Dichtkunst zu verkörpern. Ihres,
Vaters feines Verständniß hatte sie frühzeitig zu der
Bewunderung derselben angeleitet, und ihre junge
Seele hatte sich an diesen Dichtungen erhoben, wenn
Frost und Schnee und Eis das einsame Pfarrhaus-
am Meeresstrande halbe Jahre lang umgeben hatten,
und wenn in ihrem Gärtchen die langen, stillen Som-
merabende sanft und wechsellos an ihr vorübergezo-
gen waren.
Es war ihr immer noch feierlich zu Muthe, so oft
, der Vorhang sich hob, so oft die Seene herankam, in
welcher sie hervorzutreten hatte, feierlich und andächtig,
wie in des Vaters Kirche, wenn der leichte Wind vom
Meere' her zur Sommterszeit die Vorhänge an der Eichen-
thüre leicht bewegt hatte, und eine große, reine Freude -
erfüllte ihr Herz, wenn sie die Worte unserer Dichter
vor dem lauschenden Ohre ihrer Hörer aussprechen und
sich es sagen durfte, daß sie den rechten Ton getroffen
habe, daß ihr Wort Anklang und Widerhall finde in
den Herzen der Menschen.
- NeuesLeben, neue Kräfte und Empfindungenwaren
in ihr wach geworden, seit sie dieGedanken und Ge-
fühle, welche der Dichter in seine Gestalten gelegt hat,
sich angeeignet und in sich durchlebt, durchlitten hatte.
Alte Erinnerungen an unvergessene Tage hatten in
ihrem Herzen ihre immer wiederholte Auferstehung
gefeiert, und ihre erweiterte Einsicht und Erkenntniß
hatten ihr Licht auch über ihre Vergangenheit gewor-
fen. All das blöde Lieben und das stille Leiden ihrer

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ersten Jugend, wie blaß, wie ohnmächtig erschien es
ihr, neben der gewaltigen Leidenschaft, die sie jetzt aus-
zudrücken gelernt hatte. Jezt erst meinte sie die Kluft
ermessen zu können, die sie damals von Emanuel ge-
trennt hatte, und einsehen zu können, durch welche
Eigenschaften ihrer Natur und ihrer, Bildung, ihm
Konradine mehr verwandt gewesen sei, als sie. Sie
hatte seiner nicht vergessen und konnte ihn nicht ver-
gessen, denn die Liebe zu ihm und die Trennung von
ihm waren die beiden Ereignisse gewesen, welche ihrem
Leben die bestimmende Richtung gegeben hatten; und
an ihn und an ihren Vater dachte sie, wenn der freudig
rauschende Beifall bes Publikuns sie über sich selbst
hinaushob, oder wenn das Bewußtsein, daß ihre Auf-
gabe' ihr gelang, ihre Brust mit stiller. Befriedigung
erfüllte.
Indeß keinem wahren Künstler ist es gegeben,
sich gleichmäßig genug zu thun; keinem wird der
Schmerz erspart, mit seinem Können hinter seinem
Wollen weit zurück zu bleiben, und entnuthigt an
sich selber irre zu werden, wenn das Bild, das er im
Innern trug, sich nicht so wie er es in sich hegte, zur
Erscheinung bringen lassen wilk; denn Selbstgenügen ist
das sicherste Zeichen der Mittelmäßigkeit und der Be-
schräänktheit. Mit der wachsenden Einsicht in die
Kunst, wächst der Zweifel über das selbstgeschaffene
Kunstwerk, und kein Künstler darf des Erfolges seiner
Leistung im voraus weniger gewiß sein, als der Büh-
nenkünstler, dessen Wirksamkeit unabänderlich auf das
Mitwirken Anderer, auf ihr Können, auf ihren guten

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Willen angewiesen und dem es nicht einmal vergönnt
ist, das, was ihm im, Augenblicke mißlang, im näch-
sten Augenblicke zu verbessern. Seine beste Leistung
,ist das Werk des Augenblicks, an diesen gebunden,
vergänglich wie er; und nur als Schatten des Augens
blickes, als Erinnerung fortlebend in dem Gedächtniß
Derer, welche Zeugen der augenblicklichen Schöpfung,
ihrer Vorzüge, ihrer Mängel gewesen sind.
z - Hulda aber hatte es nach Feodoren's Abgang
-peinlich zu erfahren gehabt; was der gute Wille. eines
Mditspielexs für den Schauspieler bedeute. Denn die
.Delmär konnte es nicht verschmerzen, sich von Feodoren
n ihren besten Rollen verdunkelt, sich, wie sie es nannte,
pon ihr heimtückisch gekränkt zu sehen; und da es ihr jetzt
Jrnicht mehr vergönnt war, sich an der Entfernten, von
jedem Zusammenhange mit dem Theater losgelösten
Frau zu rächen, ließ sie ihr Nebelwollen und ihre üble
Laune gegen Hulda aus, sofern sie es thun konnte,
ohne, ihren eigenen Erfolg dadurch zu schädigen.
gr Huldahatte das entgegenkommende Zusammenspiel,
das andeutende Fordern des im nächsten Augenblicke
zu Leistenden, an das die kluge und gefällige Berech-
nung Feodoren's sie im wohlverstandenen gemeinsamen
Interesse bei ihren drei Probevorstellungen gewöhnt
hatte, empfindlich zu vermissen, wenn sie mit der Del-
mar spielte, was bei der verhältnißmäßigen Beschränkt-
heit des Personals nur selten nicht der Fall war; und
die Delmar unterließ es nicht, dasjenige, wwas sie in
solchen Fällen verschuldete, der mangelnden Achtsamkeit
und dem mangelnden guten Willen ihrer jüngeren

ur
Kollegin zur Last zu legen. Der Direktor, öer Re-
gisseur und Lelio sahen deutlich, wo der Fehler lag
und weshalb manche Einzelnheiten Hulda jetztwweniger
als in ihren Antrittsrollen glückten. Sie selber em-
pfand es noch viel bitterer, und die Männer kamen
ihr eben deshalb in den Scenen, welche sie mit Hulda
spielten, wie es sich gebührte, bereitwillig entgegen.
Aber die sämmtlichen- Frauen, und namentlich die jün-
geren, die sich, berechtigt oder unberechtigt, mit der Hoff-
nung geschmeichelt haben mochten, einmal Feodoren's
Nachfolgerinnen zu werden, stellten sich auf die Seite
der Delmar; und so wie Hulda im-Publikum die Erb-
schaft von Feodoren's Freunden angetreten hatte, fiel
ihr auf der Bühne, ohne ihr Verschulden, auch die
Feindschaft aller Gegner Feodoren's zu, deren Zahl. nicht
klein gewesen war.
Sie war kaum einige Wochen auf der Bühne
gewesen, -als es bei dem weiblichen Personale zu einer
feststehenden Behauptung geworden war: daß Hulda
noch weit eitler,, noch mißgünstiger und noch berech-
nender als Feodore sei; daß sie, um keine andere
Schauspielerin an dem Beifalle des Publikums theil-
nehmen zu lassen, den sie etwa ernten könne, in den
Scenen, welche sie mit den Frauen spiele, Mlles mit
geflissentlicher Gleichgültigkeit abthue, wie die italieni-
schen Sängerinnen, die ihre Kräfte für die Bravour-
Arie sparen. Erst wenn sie die Männer sich gegen-
über habe, wenn sie nicht nur das Publikum verblen-
den, sondern Lelio und auch den älteren Männern auf
der Bühne den Kopf verdrehen wolle,i dann wache sie






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auf aus ihrer kühlen Ruhe, dann werde sie Feuer und
Flamme, dann reiße sie die Anderen und das Audi-
torium mit sich fort. Die Zustimmung und das Bei-
fallsklatschen aber würden dann von der leicht zu er-
kaufenden Galanterie ihrer Mitspieler, huldigend ihx
allein, der unvergleichlichen Schönheit, zugewiesen und
zugeschrieben.
-- Der Direktor und die andern Männer traten all
diesen kleinen Fallstricken, welche man dem begabten
und-für die Kunst begeisterten Mädchen in' den Weg -
zu legen suchte, geschickt genuug entgegen. Sie traten
auch mit offenem Worte und mit gewandter Abwehr
für Hulda ein, wo es sich eben thun ließ. Das machte
jedoch das Nebel nur noch ärger, denn es reizte den
Groll der Delmar bei jedem Anlasse, es verstärkte den
Neid. der anderen Frauenzimmer gegen Hulda, es
befestigte dieselben in dem Glauben, daß sie unter
-dem Anschein ruhigsten Betragens sehr wohl die
Kunst verstehe, die Männer an sich zu ziehen und zu
fesseln; und da Hulda, so viel an ihr war, sich be-
mmuühte, mit den Frauen, namentlich mit den jüngeren
Schauspielerinnen - zu- einem guten Einvernehmen
-zu gelangen, sah die Delmar darin nur den
pölligen Beweis dafür, daß Feodore ihre. Nachfolgerin
dazu angeleitet habe, ihr sogar die Anhänglichkeit ihxer
bewährtesten Freundinnen mißgünstig und herrschsüchtig
zu entziehen. Sie -war aus selbstsüchtiger Be-
schränktheit unfähig, etwas Anderes zu denken, als
sich selbst, und eben deshalb auch genöthigt, den Hand-
lungen eines jeden Anderen Beweggründe unterzus
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schieben, welche sie auf sich zurückführen und als für
oder gegen sie gerichtet, betrachten konnte. Sie hatte
gegen Feodore unablässig intriguirt, hatte sich von die-
ser endlich überlistet und besiegt gefunden, ihr Cha-
rakter hatte sich dadurch noch mehr verbittert und ver-
fchlechtert, und Hulda hatte die Wirkungen davon zu
tragen.
Es gab der kleinen Zwischenträgereien, der mit
Voreingenommenheit gehörten und gedeuteten Nach-
reden gar kein Ende. Ein verdächtigendes Nebel-
wollen wie dasjenige, welches sie in ihrer Heimat nach
ihrem ersten Aufenthalte im Schlosse nur schattenhaft
und doch so verlezend berührt hatte, trät jetzt in den
Koulissen fest und deutlich gegen sie auf, und un-
fähig, ihm zu trozen oder sich davor zu wwahren, blieb
ihr Nichts übrig, als sich von demselben'abzuwenden
und sich an Diejenigen zu halten, die sich ihr ergeben
und zugethan erwiesen - an digg Männer.
Der Doktor, lächelte, wenn Hulda sich darüber
beschwerte, daß ihre Kolleginnen sich ihr abgeneigt be-
zeigen. , Haben Sie geglaubt,! fragte er, , daß un-
bedeutende Menschen eine Bedeutung anzuerkennen
vermögen? Oder haben Sie erwartet, daß Frauen
von gewöhnlichem Aeußeren sich an fremder weiblicher
Schönheit erfreuen sollen?=- Mißtrauen Sie allen
mittelmäßigen Frauen! Sie werden mit Naturnoh-
wendigkeit immer Ihre Feindinnen sein.!- In
gleicher Weise suchte Lelio ihr zuzusprechen.
,Man muß, wie Sie, aus der Eiisamkeit des
fernen Thule kommen,! sagte ihr der erfahrene Künst-

- ler, der Hulda lieb und werth hielt, weil sie ihm die
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erwünschteste Partnerin und weil er selbst gebildet und
ehrenhaft genug war, ihr ehrliches Streben und ihren
reinen Sinn zu schätzen, ,man mnß weltfremd sein
wie Sie, um auf den Brettern die Verwirklichung
seiner Ideale zu suchen. Denken Sie des Morgens, da
ich Sie zum erstenmale durch die dunklen Gänge auf
die Bühne führte. Es scheint kein helles Tageslicht
auf diese Pege. Wenn. Sie nicht eine Sonne in sich
, tragen, die Ihnen leuchtet und vorleuchtet, wenn. Sie-
sich nicht- zum voraus mit einem guten Harnisch waff-
nen, der Sie gleichgültig macht gegen Alles, was um
Sie her und wider Sie. geschieht, wenn Sie sich nicht
neben der Theaterwelt, in Ihrem Innern eine eigene
Welt erbauen, und es nicht lernen, auf sich selber zu
beruhen, sich selber, Gesetzgeber zu sein und Richter,
so gehen Sie nöch heute in Ihr Dorf zurück. Denn
auf den Brettern heißt es wie im Feenmärchen: , Vor
mir Licht und hinter mir dunkell? Man muß vor-
- wärts sehen auf das Ziel, das man erreichen will, vor-
wärts, wo in dem Lichterglanze des Hauses, der freu-
dige Beifall der Menge uns entgegenkommt, und hinter
sich im Dunkel der Koulissen liegen lassen ,im wesen-
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. Es lag in allen solchen Rathschlägen. und trösten-
den Bemerkungen neben einer Wahrheit, für welche
Hulda selbst in der Beschränktheit ihres Erfahrungs-
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zu entziehen vermochte, und dem- sie sich. bald bereit-
willi; überließ. Wer widerstände auch der Genug-
thuung, sich schon in früher Jügend als ein von der
Gunst des Himmels bevorzugtes Wesen betrachten zu
dürfen? Wer trüge den Kopf nicht unwillkürlich höher,
wenn er sich mit Freuden beobachtet, wenn er sich be-
wundert, von der Bewunderung der Menge gehoben,
von ihrem Beifalle umrauscht findet? wenn unerwar-
tetes Gelingen ihn muthig. und selbstvertrauend macht,
und wenn man ihm noch zu dem Allen die;Prophe-
zeiung giebt, daß dies nur schwache Alnfänge seien,
und daß er berufen sei, sich über seine Umgebung weit
hinaus zu einer ganz ausnähmsweisen Stellung em-
porzuschwingen?
- Solche Voraussagungen aber machte man für
Hulda, und ein stolzes, freudiges Etwas iü ihrex Seele
ermuthigte sie an dieselben zu glauben Was focht
sie daneben das kleinliche Gebahren ihrer Nebenbuh-
lerinnen an? Feodore hatte ihr -es oftmäls wieder-
holt, wie Neid und Nebelwollen der Schauspielerinnen
sie gepeinigt, wie die spießbürgerliche Scheelsucht der
Frauen sie verkleinert und verleumdet, welche es ihr
nicht gegönnt, wenn die Bewunderung und Huldigung
ihrer Söhne und ihrer Männer sich ihr zugewendet
hatten. Sie hatte es ihr geschildert, wie der Starr-
sinn der Famrilie Van der Vließ, die- sich ihter Heirath
mit dem Geliebten und Liebenden beharrlich widersetzt,
sie endlich dahin gebracht habe, auf Herkommen' und
Ehre und sogenannten guten Ruf niit, vollem Be-
wußtsein zu verzichten, um sich und deü Geliebten

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genug zu thun, und jenen beschränkten Hochmüthigen
mit offenem Visir zu trozen. Hatte denn Gabriele
nicht ebenso gehandelt und anders handeln können,
ehe sie dem Fürsten heimlich in morganatischer Ehe
verbunden worden war? Was blieb denn auch den
Bühnenkünstlerinnen übrig, an deren Leistungen die
anderen Frauen sich erfreuen, die zu sehen und zu be-
wundern sie sich herandrängen, die gelegentlich als Merk-
-würdigkeiten in ihren Sälen vorzuführen, sie sich zum
Pergnügen machen, und die sie dennoch weit entfernt

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sind, als ihresgleichen unter sich leben zu lassen -
was blieb denn den Künstlerinnen übrig, als es sich
zunute zu machen, däß man sie ais den engen bürger-
Tichen Schranken ausschloß? Was konnte sie Besseres
thun, als die schöne Ungebundenheit und Freiheit nun
auch wirklich zu genießen,. zu welcher die oftmals nur
erheuchelte Sittsamkeit der Anderen sie verdammen zu
wollen -schien? Konnte man denn leben wie Iene?
Könnte man sich entfalten, eng eingekeilt in veraltete
Begriffe, angekettet an Vater und an Mutter, gebun-
den an die Stunde und an des Hauses Schwelle?
- Konnte man in solchem Käfig die Flügel regen, wie
gn sie regen muß, um sich aufzuschwingen in höhere
Regionen? Konnte man sich abfinden mit dem be-
scheiden winkenden Gruße eines blöden Schäfers, wenn
man sich aus den Armen eines Max Piccolömini ge-
gissen, oder das ganze Elend des menschlichen Daseins
in Gretchen's Gefängnißzelle schaudernd und erzitternd
in sich durchlebt hatte?

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Nein! Hulda sah es mit jedem Tage klarer, deut-
licher, empfand es in sich selbst fortreißender und ge-
waltiger: wwer große Leidenschaften darzustellen, sie also
in sich zu durchleben hat, wer sich gewöhnt, sich immer
wieder mit seinen Gedauken zu den Höhen des Da-
feins emporzuheben und sich in seine- Tiefen zu ver-
senken, wer wie ein Künstler vielfaches Emwpfinden,
vielfach gestaltetes Leben in sich aufzunehmen, in sich
und durch sich zu vexkörpern hat, dem darf die
Schranke nicht zu eng gezogen, dem muß die Freiheit
zugestanden werden, deren er. sich benöthigt fühlt.
Der schöpferische Mensch muß im Leben die Kraft aus-
leben dürfen, welche das künstlerische Gestalten in ihm
erweckt und löst, und kann nur in sich selber die
Grenze erkennen, an welchex für ihn, für seine Natur,
für seine sittliche Erkenntniß öas,,Bis, hieher und
nicht weitet!' aufzustecken und festzustellen ist: Großes,
freies, kühnes Schaffen und ängstliches Sichanklam-
mern an Gesetze, -die für- andere Verhältnisse gegeben
worden sind,' können mit einander nicht bestehen. Der
Direktor, Lelio, Feodore - sie Zatten recht! Hulda
konnte als Bühnenkünstlerin nicht die Pfarrerstöchter
bleiben, durfte sie nicht spielen wollen. Und weshalb
sollte sie es auch, da sie, nichtsBöses dachte oder that?
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