Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 12

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. Emanuel war erst wenige Tage von seiner Braut
entfernt, als sich in der Stadt die Nachricht verbreitete,
der. konmandirende General sei abberufen worden, um
in der Nähe des Monarchen eine andere Stelle zu
bekleiden.
Man hörte das mit Erstaunen und wollte es
nicht glauben. Der General führte seit einer Reihe
von Jahren das Kommando in der Provinz. Man
war daran gewöhnt, ihn, der ein ansehnliches Ver-
mögen besaß, und wie seine Frau dem hohen Adel der
Provinz angehörte, in dem stattlichen Amtsgebäude in
würdiger Weise. seine Stellung behaupten zu sehen,
und man;fragte sich, weshalb man ihn, da es auf
seine Verabschiedung nicht abgesehen sei, von einem
Posten entfernen möge, den er, selbst wenn ihm eine
Rangerhöhung bevorstand, in seinem Alter nicht mehr
gern verlassen komnte.
Er selber hatte sich darüber noch gegen Nieman-
den ausgesprochen, auch über seinen Nachfolger ver-
Jutete noch Nichts. Neugier und wirkliche Theil-

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nahme. führten also eben' deshalb dn-denwöchentlichen
Empfangsabende fast:den-ganzen'Kreis derjenigen Per-
sonen in seinen Sälen zusammen;-denen ' der- Zutritt
zu diesen regelmäßig wiederkehrenden -Gesellschaften
gestattet war.
Die Grääfin, welche dem General' verwandt wak,
hatte diese feststehenden-Susammenkünfte selbst während
der Trauerzeit, so oft sich es thun ließ, besucht. Ihre
beiden Hausgenossinnen hatten sie dann begleitet, und
es verstand: sich ganz- von. selbstz- daß man än dem
nächsten Gesellschaftstagein der- Kommaidantur nicht
fehlen, es nicht versäumen dürfe, llden-General -und
seiner Gattin es auszudrücken; wie sehr man. ihr Fort-
gehen, bedauere, und' lwieschwer :mandie angenehme
Geselligkeit entbehren'werde, die manihreredlenGast?
feiheit zu: verdanken gehabt hatkeeurc. ? -
- Die Säle waren: schon ivondGästen voll,- alO die
Gräfin und ihre Begleiterinnen= doEkerschienen. Man
saß plaudernd auf den Polstern, man stand in Grup-
pen beisammen, und ohne daß man hätte sagen können,
es gehe etwas Besonderes vor, fiel . den Eintretenden
doch eine. Art von. unruhiger Spannung auf; sobald
sie die Schwelle überschritten- hatten. Die Gesellschäft
war nicht so wie sonst in sich bexuhigt. - Es schien ein
gemeinsames. Interesse ihre : Aufmerkjämkeit ansich zu
ziehen. Die Augen wendeten sich nach -dem Mittel-
saale. Man sprach, indem man dorthin blickte:. Man
hatte offenbar irgend Etwas erfahren, was. alle An-
wesenden beschäftigte, wofür. der Anlaß oder die Lösung
in jenem Zimmer zu finden sein. mußte; und Frau

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von:Wildenau, war nahe daran, die Frage aufzuwerfen,
was denn geschehen sei, oder was man denn' erwarte,
als, Konradine, plözlich der. Mutter' Arm ergriff und
wie -im jähen Schrecken festhielt. -
Sie wendete sich rasch zur Tochter hin. Kdn-
radine war fassungslos. zer Prinz!k istieß sie leise
herygt, indegt,sie, den Armzder Mutteinlosließ und
sichJan;dieBrüstung-der Thüre lehnte, um einen Halt

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zu -haben,, denn die Kniee wankten ihr. - -
; - Mitten, in dem Saale, so daß man ihn sehen
pußte, Fobald- man. indie Thüre trat, ständ er an der
Seite des Generals, umgeben vön den höheren Offi?
zieren, in -belebter Unterhaltung mit dem bersten nicht
militärischen, Würdenträger der Provinz, alle anderen
Männer überragend durch seine hohe Gestalt. . -
Auch die Baronin erschreckte es, als sie ihn, er-
blickte, und mehr noch erschreckte sie der Zustand ihrer
Tochter.. ,Du bist. sehr unwohl,! sagte sie, ,willst
Du,ich entfernen?!,
, --=,Ich mich entfernen?! wiederholte die Tochter,
-und, das Blut, das ihr im Herzen gestockt, schoß ihr
heißf empor, daß- es ihre bleichen Wangen dunkel' färbte.
,Mich, entfernen, und weshalb? =-- Ihm ausweichen
unter der Gräfin; Augen?= Nimmermehr!? -
Sie hatte. die Worte leise und abgebrochen hin-
geworfen, wie die Gedanken und Gefühle ihr gekom-
nten waren, aber die wenigen Sekunden hatten ihr
dazu genügt, die verlorene Selbstbeherrschung wieder
zugewinnen. Denn als die Gräfin, durch des Her-
zogs- mnerwartete Ankunft nicht minder betroffen als


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die beiden Anderen, sich nach Konradinen- umwendete,
trat diese an sie heran und sagte:'' ,Das also ist der
Nachfolger des Generals? Warum man es nur nicht
eher verkündigt haben mag?! -
-' ,Ich fragte mich das eben selbst, und hätte es
für Sie gewünscht!kentgegnete- die Gräfin. ,Solch
ein Begegnen erschüttert imünet.!-
,Das habe ich empfunden. Aber ich war sicher,
daß es mir früher oder später doch einmal bevorstand;
und hat man es durchlebt, so ist es auch überwun-
den!f versezte Konradine' mit einer Fassung, an wel-
cher die Gräfin ihre Freude hatte,
Sie waren wwährend dessen in den Saal gelangt,
der General ging ihnen' entgegen Das machte den
Prinzen aufmerksam auf'sie? Er schien seinen Augen
nicht zu trauen, sah noch einmal hin, und sich mit der
Leichtigkeit, die seine Haltung auszeichnete, von den
Personen freimachend, -mit -denen er verkehrt hatte,
schritt er rasch auf die Gräfin zu. -
- , Sie hier, Frau Gräfin!' rief er, indem er ihr
die Hand bot. ,Ich glaubte Sie auf Ihren Gütern.
Und auch Sie? setzte er leiser hinzu, Konradine und
ihre Mutter ebenso begrüßend. ,Welch eine Neber-
raschung ist mir das! Wir haben viel erlebt, seit wir
uns nicht mehr sahen.!
,Durchlancht haben einen schweren Verlust er-
litten!' nahm -die Gräfin das Wort, die ihm und
Konradinen zu Hilfe zu kommen wwünschte. Denn
wie ruhig die Beiden sich auch gaben, die vielerfah-
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. .

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rene, in die Verhältnisse eingeweihte Frau mußte es
sich doch sagen, daß dieses unerwartete Zusammen-
treffen für den Prinzen wie für Konradine nicht leicht
zu überstehen sein konnte. Es war von der Gräfin
deshalb wohl berechnet, daß sie Beide gleich ngit ihren
ersten Worten daran mahnte, was zwischen ihnen ge-
standen hatte, und daß sie damit dem Prinzen die schick-
lichste Veranlassung gab, sich von dem Vorgange
dieses Augenblickes abwenden zu können. Auch, benutzte
er Fie sofort.
-- ,Sa,! -sagte er, ,es war ein schweres Leid; ein
bitterer Verlust, den ich erlitten habe. Es ist hart,
eine. so anmuthige Jugend langsam sterben zu sehen.
Ich danke es der Gnade Sr. Matestät daher in jedem
Sinne, daß sein Befehl mich hieher sendet, um mich
von. dem Orte zu entfernen, der mich an eine lange
Reihe trüber, sorgenvoller Tage mahnt.!
Man- hörte es seinen Worten an, daß sie ihm
vom Herzen kamen, und Konradine, die jeden Zng
und jede Mdiene seines Antlizes kannte, bemerkte, daß
sichz ein ,trüber. Schatten über seine sonst so helle
Stirne gebreitet, hatle, daß sein ganzer. Ausdruck ern-
ster, und ;wie seine majestätische Gestalt noch. gefesteter
aund ammännlicher gewgrden war. Es war ihr unerträg-
lich, die Klage anzuhören, mit welcher er der Geschie-
denen gedachte. Sie -mußte die Zähne zusammen-
beißen, um den Aufschrei ihres zornigen Schmerzes
z unterdrücken, und sie blieb geflissentlich zurück, da
er Prinz in ruhigem Gespräche ihre Mutter und die

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Gräfin nach.dem oberen Ende des. Saales zu der
Herrin des Hauses hingeleitete.
Aber an diesem - Abende hatte Konrgdiie es dar-
zuthun, wie weit sie Meister sei in der schweren Kunst
der Selbstbeherrschung, hne welche keine pollständige
Bildung möglich ist, und ohne die man sich, in der
Gesellschaft nicht mit Sicherheit, behaupten kann. Denn
nur wer seiner selbst vollkommen und in allen Lebens-
lagen Herr ist, gewinnt. jene ruhige Herrschaft über An-
dere, auf welche alle Bedeutung in der Gesellschaft
zurückzuführen ist. Sie konnte es nicht wissen, wer
und wie viele der anwesenden Personen, pon ihrem
früheren Verhältnisse zu dem Prinzen Kenntniß hätten,
oder wie weit sie von demselben. unterrichtet wären.
Daß es aber in diesem -Kreise guicht, unbekannt sein
könne, daß man sie beobachte, dessen warsie sicher, und
sie war entschlossen, wie sie, es sich und auch Emanuel
schuldig war, wwomöglich gleich in, diesen ersten Stunden
- die Neugier und den Zweifel dex Fremden ein- für
allemal zurückzuweisen. Sie wollte es auch den Prin-
zen fühlen lassen, daß sie' vergessen-habe, so wie er,
- daß sie, ebenso wie er, in einer edlen, sanften Liebe
Ersaz gefunden habe für die glühende Leidenschaft,
welche sie Beide einst für. kurze Zeit-perbunden hatte.
Bei dem Prinzen mochten ähiliche, Beweggründe
sich geltend machen, als er im Verlaufe, des Abends
sich der einst Geliebten und von ihm Verlassenen nä-
herte. Der-Adjutant des Prinzen, der neben ihr
gesessen hatte, erhob sich,-als sein Herr heran-
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kam. Der Prinz nahm an seiner Stelle neben Kon-
radinen Platy.
,Ich möchte es einen Gutes verkündenden Zufall
nennen, sagte er, , daß gleich der erste Abend, den ich
hier verweile, Sie mir entgegenführt. Ihnen früher
oder später zu begegnen, darauf hatte ich, als ich hie-
her gesendet wurde, mit Sicherheit gerechnet, da Sie
ja künftig in dieser Provinz Ihre Heimat haben wer-
den. Ich mußte Sie auch einmal sprechen, und ek ver-
langte mich danach, es hald zu thun.?
,Durchlaucht sind sehr gütig!' versezte sie, indem
sie sich, Allen sichtbar, mit freundlichem Lücheln vor
ihm neigte, , aber,! fügte sie leiser hinzu, , ich kann
anir dieses Verlangen nicht erklären, und mehr noch,
ich vermag nicht einzusehen, welche Bedeutung die
Befriedigung desselben für Sie haben könnte.
Der Prinz nahm das gelassen hin. , Sie weisen
mich zurück,'? sagte er, ohne eine Miene zu verziehen,
,und wenn Sie auch dazu berechtigt sind, hatte ich es
doch nicht erwartet. Er schwieg dann einen Augen-
blick und sprach danach: ,Ich habe, ehe ich hieherge-
kommen bin, einen Tag bei meiner Schwester in dem
Stifte zugebracht. Ant Theetische war zwischen der
Gräfin,? er nannte den Namen der Aebtissin, , und
mir und meiner Schwester auch die Rede von Ihnen.
Ich hatte üm Sie gesorgt, als Sie in das Stift ge-
treten waren. Es paßte nicht für Sie. Ich hörte es
deshalb seinerzeit mit wahrhafter Beruhigung, daß Sie
es verlassen würden, und freute mich der Aussage, daß

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Sie zuversichtlich und voll Hofnung in die Zukunft
blicken.
, Ia, zuversichtlich!' wiederholte Konradine mit
einem Tone, der wider ihre Absicht sich wie ein Troz
anhörte. Der Prinz aber, der, wie alle auf den Höhen
des Lebens Geborenen und Erzogenen, immer nur das-
jenige vernahm und verstand, was zu hören und zu
verstehen er gewillt war, versetzte ruhig, es freue ihn
von ganzem Herzen, dies von ihr selber zu erfahren,
und er habe es erwartet.
,Ich kenne Sie genngsam,' sagte er, , un zu
wissen, daß Sie immer nur nach den freien Ein-
gebungen Ihres Herzens handeln, und, setzte er hinzu,
indem er sie ruhig anblickte, ,selbst wo dies nicht der
Fall gewesen ist, kann dem Menschen eine tiefe und
herzliche Neigung erwachsen. ßs gibt eben eine Liebe,
eine Beharrlichkeit in der Güte, die nicht anzuerkennen-
man ohne Empfindung sein müßte, und die nicht schmerz-
lich zu vermissen, ganz unmöglich sein würde. Es ist
wunderbar genug, wie wenig man sich selbst im Grunde
kennt, und wie oft wir im Leben Anlaß finden, uns
übeg uns selber zu verwundern-- durch uns
selbst mehr als durch Andere überraschk zu werden.
Aber,' setzte er hinzu, indem er sich erhob, , wir spre-
chen mehr daron! Wo sind Sie etablirt? Ich vergaß.
danach zu fragen.
Konradine sagte, daß sie mit ihrer Mutter der
Gast der Gräfin sei.
, Um so besser! So treffe ich Sie bald, und das

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ist nöthig, denn ich habe eine Mission für Sie, die
zu erfüllen mir Pflicht und Herzenssache ist.
,Für mich? fragte Konradine. , Ulnd von wem
das?
,Ich sage Ihnen daö vielleicht schon morgen,!
sprach er und entfernte sich, um sich einer Gruppe
von anderen Damen zuzuwenden.
Es war darüber spät geworden. Einzelne der
Gäste entfernten sich bereits, auch die Gräfin machte
den wohlgemeinten Vorschlag, sich zurüchuziehen. Die
unerwartete Erscheinung des Prinzen, seine Ernennung
zum Kommandirenden in der Provinz, das Fortgehen
des Generals und seiner Frau, die möglichen Verän-
derungen, welche durch des Prinzen Anwesenheit in der
Geselligkeit der Adelsgesellschaft hervorgerufen - werden
könnten, beschäftigten während der Heimfahrt die bei-
den älteren Damen ganz ausschließlich. Konradine -
ging lebhaft auf die Vermuthungen derselben ein. Weder
die Mutter noch die Grääfin machten eine Bemerkung,
die sie persönlich anging. Keine von Beiden richtete
irgend eine besondere Frage an sie. Man hielt sie
auch nicht zurück, als man zu Hause angelangt war,
ja selbst die Gräfin und die Baronin, die sonst ge-
wöhnlich noch ein Viertelstündchen im Saale zu ver-
plaudern pflegten, zogen sich zurück.
Der große Sinn der Gräfin, die Erfahrung der
Baronin, trafen ohne besonderes Nebereinkommen darin
zusammen, daß man selbst den Schein vermeiden müsse,
alskönne Konradine den Gegenstand einer besonderen Be-
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sprechungzwischen ihnen bilden. Was sie an diesem Abende
durchlebt hatte, was jetzt vor ihr, und was zu thun ihr
oblag, das war, nach der beiden Frauen- Meinung,
die es nicht in der Art hatten, sich unberufen zu mo-
ralischen Hilfsleistungen und zu einem unbegehrten Mit-
leiden heranzudrängen, ausschließlich KKonradinens Sache.
Sie in aller Freiheit gewähren zu lassen, war Alles,
was man für sie thun konnte, war das Einzige, dessen
sie bedurfte.
Es klang wie ein Schrei, das Aufathmen, mit
welchem Konradine in ihr Zimmer trat; und mit bei-
den Händen durch ihr Haar fahrend, schleuderte sie
den Blumenkranz, den sie getragen, von sich, daß er
zu Boden fiel. Rastlos und in heftiger Bewegung
auf und nieder gehend, nahm sie die Spangen von
ihren Armen, die Perlen von ihrem Halse und warf
sie achtlos hierhin, dorthin. Es drückte, es quälte sie
Alles-- Alles-- sie wußte nicht, was sie that, nicht,
was sie wollte.
,Im Hafen vom Wirbelwind ergrifen!'' stieß sie
endlich hervor -- ,zurückgeschleudert weit! weit!'--
die Worte versagten sich ihr und auch die Thränen.
Sie warf sich auf das Sopha, die Arne vor sich
ausgebreitet, den Kopf auf die Arme gestüzt. So blieb
sie liegen eine geraume Zeit. Es regte sich Nichts in
dem Zimmer, nur ihr eigenes schweres Seufzen hörte
sie. Sie konnte es nicht ertragen, sich so angst-
voll seufzen zu hören. Es war ihr ein Entsezen, so
unglücklich zu sein. Es ließ ihr keine Ruhe, sie fing
wieder an umherzuwandern.

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, Und er hat sie geliebt! wirklich geliebt!' sprach
sie vor sich hin, ohne daß sie es wußte. , Er trauert
um sie. Er bringt ihr sogar das Todtenopfer, mir
dies besonders noch zu sagen! mir!-- Unbegreiflich!
unbegreiflich!?
Sie hatte Mühe, es für wahr zu halten. Einem
Anderen als dem Prinzen selber, würde sie es bestritten
haben. Aber es war unverkennbar, er hatte Schmerz
und Sorgen kennen lernen. Er hatte gelitten, er ge-
stand das ein, ihr, Konradinen, gestand er es ein, und
Nichts in seiner ganzen Haltung verrieth es, daß
irgend eine ihr gehörende Erinnerung sein Gemüth
erschütterte. Er fühlte sich ihr gegenüber also frei,
fühlte sich in seinem Rechte. Es schien ihm gar nicht
beizukommen, daß es anders sein, daß sie es anders
empfinden könne, alö er es that. Wie konnte das ge-
schehen?- Besaß die Ehe wirklich die wunderbare
Kraft zu binden und zu lösen?-- Gab es aber eine
beharrliche Güte, von der nicht gerührt und durch
welche nicht beglückt und nicht gefesselt zu werden so
unmöglich war, als der Prinz behauptete- nun, so
durfte auch sie ja zuversichtlich vorwärts blicken, so
durfte sie ja hoffen, vergessen zu können und glücklich
werden zu können, so wie er es gewesen.
Sie konnte ihren Gedanken nicht folgen, ihnen
nicht gebieten in der verworrenen Trübe, die über sie
gekommen war, und angstvoll die Hände ineinander
schlagend, rief sie noch einmal: , llntergehen! Im
Hafen stranden!'-- Sie konnte das Bild nicht aus
ihrer Seele bannen. Sie sah es, als stände sie da-
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vor, sie durchlebte es, als brandeten die Wogen um sie
her und zögen sie in ihrer rückströmenden Wasser wil-
dem Schwalle mit sich fort, tief und immer tiefer
hinunter in die bodenlose Nacht.
,Ruhen, nur ruhen!' rief es in ihr. Sie schellte,
als könne ihr das helfen, ihrer Kammerjungfer, ließ
sich entkleiden und legte sich nieder. Aber als wäre
der lezte Widerstand gebrochen, den sie aufrechten
Hauptes zu leisten vermocht, so wild und überwälti-
gend stürmte die Fluth der Leidenschaft auf sie hernieder.
Sie fluchte der Stunde, da sie Friedrich zuerst
gesehen, und weinte im nächsten Augenblicke im Ent-
zücken über seine Schönheit. Sie hörte den Klang
seiner Stimme, als spräche er zu ihr, und stieß den
Gedanken an ihn von sich, wenn sie sich dann er-
innerte, was er zu ihr gesprochen hatte. Sie wollte
ihm schreiben, daß sie ihn nicht wiedersehen möge
und könne, und lachte im Grimme über die feige
Schwäche, die sie zu solchem, sie entehrenden Einge-
ständnisse verleiten wollte. Er hatte es ja gefordert,
sie zu sprechen, sie mußte ihn also wiedersehen, viel-
leicht schon morgen. Aber was war es mit der Mis-
sion, von der er ihr geredet hatte, was konnte er ihr
zu sagen haben? War es nur ein Vorwand, unter
dem er ihr zu nahen suchte? Und was bezweckte diese
Annäherung an sie? Was konnte er im Sinne haben,
was von ihr begehren? Er, der in liebender Erinne-
rung an dem Angedenken einer Todten hing!
Neue Fragen, neue Zweifel drängten damit auf
sie ein. Ihre Dual und ihre Angst wuchsen von Mi-

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nute- zu Minute, ihre Unruhe war unertragbar. Das
Eager litt sie nicht, sie mußte sich wieder erheben.
Wie sie sich aufrichtete, wieder auf ihren Füßen stand,
den Kopf emporhob und sich wieder fühlte, traf ihr
Auge auf das Bilb Emanuel's. Und wie das milde
Licht, das vor dem weit entfernten Heiligenbilde an-
gezündet, dem irrenden Schiffer trostreich leuchtend,
ihm den Pfad durch das Dunkel weist, so fiel der
stille ernste Blick Emanuel's in ihre Seele.
,Wie sanft er schlafen mag!' dachte sie, und die
heißen Thränen stürzten ihr aus den Augen und be-
freiten ihr das Herz.
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