Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 13

f

s-

p
z


s
A
p
Dreizeßnles Eapites
Die Mutter und die Gräfin sahen es am Mor-
gen, daß Konradine nicht geschlafen hatte, aber Keine
von Beiden befragte sie darum. Am Mittag ließ der
Prinz sich bei der Gräfin melden.-
Er erzählte ihr, wie plözlich und ohne sein Zu-
thun seine Ernennung zu der Stelle erfolgt sei, welche
er hier angetreten habe. Er sprach von, den Verhält-
nissen der Provinz, in welcher er wenig persönliche
Bekannte vorfinde, und ging dann zu Fragen nach
den Angehörigen der Gräfin über. Theilnehmend er-
kundigte er sich, wie ihre verwittwete Schwägerin sich
in ihr Schicksal finde, wie sie in ihrer Vereinsamung,
die nach seiner Erfahrung schwer genug zu tragen sei,
über ihre Zukunft entschieden habe.
Die Gräfin entgegnete, Emanuel habe der Wittwe
feines Bruders die kleine Besizung in der Schweiz
überlassen, da er nach seiner Verheirathung auf den
Familiengütern leben werde, und der Prinz ergrifß die
Gelegenheit, es der Gräfin auszusprechen, wie be-

s
e
?
«
s
?
u
ruhigend es ihm sei, Fräulein von Wildenau's Schicksal
einem Manne von Baron Emanuel's Charakter an-
vertraut zu wissen. , Welch lebhaften Antheil ich an
Konradinen's Zukunft nehme, brauche ich nicht zu ver-
sichern!'' setzte er hinzu.
Alle seine Aeußerungen waren so würdig als ge-
messen. Sein offener Freimuth berührte die Gräfin
angenehm und bestimmte sie, soweit es geboten schien,
sich auch gegen ihn mit Aufrichtigkeit zu äußern. Sie
sagte, daß sie in der That mit zuversichtlicher Hoff-
nung auf die Zukunft der Verlobten blicke, besonders
weil ihre Verbindung nicht Folge einer Leidenschaft,
sondern einer durch mehrere Jahre bewährten Freund-
schaft, und einer beständig wachsenden gegenseitigen Zu-
neigung gewesen sei. Sie wären aneinander gewöhnt,
einander durch Gewöhnung lieb geworden, kennten die
Eigenheiten, die sie gegenseitig zu schonen hätten, und
da bei Jedem von den Beiden der beste Wille für
den Anderen vorhanden sei, so zweifle sie nicht, daß
man die Stunde zu segnen haben werde, in welcher
diese Ehe geschlossen werden würde.
,Ulnd Frau von Wildenau? denkt sie künftig sich
bei ihrer Tochter aufzuhalten?! fragte der Prinz.
Die Gräfin verneinte es einfach. Der Prinz
meinte, er habe dies auch nicht vermuthet. Sie ver-
standen sich ohne weitere Erkläärung. Er blickte dann
nach der Ühr hinüber, die auf dem Kamine stand,
meinte es bliebe ihm eben noch eine Viertelstunde
Zeit, und so ersuche er die Gräfin, Fräulein von
Wildenau zu fragen, ob sie geneigt sei, ihm die Unter-

pg

u?R
redung zu gewähren, um welche er sie gestern schon
--
gebeten habe.
Die Gräfin hatte dies Begehren nicht voraus-
gesehen, doch fiel es ihr nicht auf. Nach ihren An-
sichten war die seinerzeit beabsichtigte Verbindung des
Prinzen mit Konradinen eine Ungehörigkeit, daß Auf-
geben dieser Absicht also nur in der Ordnung gewesen.
Nicht den Prinzen hatte dabei ein Vorwurf treffen
können, sondern Frau von Wildenau allein, welche die
Tochter in das Abenteuer hineingehen lassen, ohne
Würdigung der Hindernisse und möglichen Zwischen-
fälle, die sich ihr denn auch wirklich in den Weg ge-
stellt hatten. Die Gräfin zweifelte gar nicht daran,
daß Konradine jetzt diese Angelegenheit in ihrem wah-
ren Lichte sähe. Trotzdem war es, wie sie zugab, sehr
begreiflich, daß dieselbe gestern Abends von dem un-
erwarteten Zusammentrefen mit dem Prinzen ergrifen
worden war, und ebenso erklärlich, daß dieser sich aus-
gleichend gegen Konradine zu erklären wünschte, um
für das ihnen jetzt bevorstehende öftere Begegnen die
schickliche Weise festzustellen. Daß er aber Konradine
um diese Unterredung durch die Gräfin, durch die
Schwester ihres Verlobten, ausdrücklich ersuchen ließ,
das nahm die Gräfin nur noch mehr zu seinen
Gunsten ein; denn nur wahrer Seelenadel und das
feinste Ehrgefühl konnten solcher rücksichtsvollen und
zarten Vorsicht fähig sein.
Sie nahm es deshalb selber über sich, ihre künf-
tige Schwägerin herbeizurufen. Der Prinz erhob sich,
ging durch das Zimmer und blieb in Betrachtung vor

?.
F
1?
einem der alten Familienbilder stehen, die an den
Wänden hingen. Als Konradine eintrat, ging er ihr
entgegen. Er dankte ihr, daß sie gekommen sei, und
sagte, er werde ihre Zeit nicht lange in Anspruch neh-
men. Sie hatte sich auf dem Sopha niedergelassen,
er nahm ihr gegenüber ßlatz.
,Ich komme,! sprach er, ,mich eines Auftrages
zu entledigen, der mir ein theures Vermächtniß ist,
und Ihnen ein Andenken zu übergeben, welches ich,
für den Fall, daß es mir möglich würde, selbst in
Ihre Hände zu legen versprochen habe.
Die sanfte, fast feierliche Weise, mit welcher er
die Worte sprach, nahm Konradinen wider ihren
Willen gefangen. Nichts von alledem, was sie auf
dem Herzen gehabt, was sie bei einem ersten Mllein-
sein mit dem Prinzen diesem zu sagen gedacht hatte,
paßte zu seiner Ruhe, zu seiner Zuversicht und seinem
Tone. Das raubte ihr die gewohnte Sicherheit, und
sich verneigend, sagte sie, daß sie zu seinen Diensten
stehe.
,Der Auftrag, den ich habe, sagte er, , kommt
von der verstorbenen Prinzessin, von meiner Frau.
Ich darf also wohl darauf rechnen, daß Sie mir ge-
statten, Ihnen den Zusammenhang mit wenig Worten
zu erklären. Liegen doch Jahre zwwischen den Ereig-
nissen, die uns trennten, und stehen Sie doch auf
dem Punkte, ein Glück zu finden, das ich nicht mehr
besize. Glück aber macht versöhnlich.
Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er fort: ,Ich
war in einer traurigen Verfassung, in einer inneren

s. -
t
s.
l
s
E
k
k
k?
k
k
?
z?
k
t
s
ns
Zerrissenheit, als die Prinzessin meine Frau ward,
denn ihr Vertrauen, ihre Liebe demüthigten mich, weil
ich sie in jenem Zeitpunkte nicht verdienen konnte.
Wir waren unglücklich, sie wie ich. Und müßige Dienst-
beflissenheit, die ihr hinterbrachte, wie unfreiwillig ich
mich ihr verbunden hatte, machte das Nebel nicht ge-
ringer. Aber weit entfernt, mich zu verdammen, fand
ihre Liebe sich stark genng, mich- und auch Sie =-
mit einer so unschuldigen Wahrhaftigkeit zu beklagen,
daß ich, von solcher Selbstlosigkeit gerührt, das holde
Wesen bewundern mußte, bis seine immer gleiche
Güte mein Herz gewann. Er unterbrach sich noch
einmal und sagte danach: , War ein Menschenwesen
fähig, das Wort des Dichters: , Das ewig Weibliche
zieht uns hinan!' zu einer Wahrheit zu machen, so
war es die Prinzessin. Ich scheue mich nicht, es Ihnen
auszusprechen, denn ich schulde das der Prinzessinn,
es sind mir schöne, herzbefreiende Tage mit ihr zu
Theil geworden und ich habe die beruhigende Zuver-
sicht, daß auch sie glücklich gewesen ist. Nur der Ge-
danke, daß dies Glück sich auf den zertrümmerten
Hoffnungen einer Anderen auferbaute, hat sie stets ge-
schmerzt. Erst als sie erfuhr, daß Sie Ersaz gefun-
den, daß auch Ihnen die Befriedigung Ihres Herzens
zu Theil geworden sei, hat sich ihre Seele ganz be-
ruhigt, und doch ist sie auf jenen Vorwurf ihres
zarten Gewissens in ihren lezten Lebenstagen noch ein-
mal zurückgekommen.!
Er sprach das Alles mit ruhiger Festigkeit, wie
ein ernster Mann Thatsachen zu berichten gewohnt ist.

:?s
Nur bei den lezten Worten bebte seine Stimme leise.
,,Sie hatte das Abendmahl genommen, fuhr er fort,
,und fand sich troz der unabweislichen Gewißheit,
daß ihrex Stunden nicht mehr viel sein könnten,
wundersam beruhigt. Ich habe, sagte sie, mit meinem
Wissen oder Willen keinem Menschen je ein Leid ge-
than, und so denke ich, werdet Ihr Alle meiner auch
in Liebe Euch erinnern. Nur Einer habe ich, wenn
auch unwissentlich, sehr weh gethan.-=- Der Prinz
zeg ein ganz kleines Etui aus seiner Brust hervor,
öffnete es mit leisem Drucke, es lag ein unscheinbarer,
kleiner Ring darin. , Den Ring, sagte er, , hat die
Prinzessin stets getragen. In jener Stunde zog sie
ihn vom Finger. Gieb ihn Konradinen, sprach sie,
wenn Du sie einmal wiedersiehst, und sage ihr, sie
snlle mir vergeben, daß ich auf ihre Kosten so glück-
lich mit Dir gewesen bin.'
Er preßte die Lippen zusammen, reichte Kon-
radinen das Etui und trat von ihr fort an das Fen-
ster, das in den stillen Garten auf die beschneiten
Bäume niedersah. Konradine hatte ihr Gesicht mit
ihren Händen verhüllt, ihre Thränen floßen nieder.
Aber schon nach wenigen Augenblicken hatte der
Prinz sich wieder gesammelt. Wie er sich zu ihr zu-
rückwendete, reichte Konradine ihm die Hand. So
slanden sie einander eine Minute schweigend gegen-
über, denn sich in solcher Weise wiederzusehen, hatten
Beide nicht erwartet, als sie einst geschieden waren.
Konradine steckte den Ring an ihren Finger, der
Prinz küßte ihr die Hand. , Mein Auftrag ist aus-

w-
s


gerichtet, sagte er, , verzeihen Sie mir, daß ich Sie
traurig machte.
,Nennen Sies mit solchem Worte nicht!' rlef
Konradine, aufathmend wie in reiner hoher Luft.
Sie begleitete den Prinzen, der sich entfernte.
An der Thüre des Nebensaales, als er sie abhalten
wollte, ihm noch weiter zu folgen, wandte er sich noch
einmal nach ihr zurück. , Wollen Sie mich dem
Baron empfehlen, wollen Sie mir erlauben, Sie wie-
derzusehen?
,Das Eine wie das Andere mit Freuden!! ver-
sezte sie.
, Also, auf Wiedersehen! sagte er, schüttelte ihr
die Hand und ging von dannen.
Sie ging an das Fenster und schaute ihm nach.
Sie sah, wie der Diener, der ihm den Mantel um-
geworfen hatte, ihm voraneilte, den Wagenschlag zu
öffnen; sie sah ihn mit seinem raschen, energischen
Schritte über den Hof bis an den Thorweg gehen,
welcher die Gartenmauer gegen den Hof äbschloß. Es
war ihr Alles so merkwürdig, so neu, als hätte jie es
nie zuvor gesehen, als wäre er nicht- wie vielemale
--- ebenso nach seinem Wagen gegangen, wenn er in
der fernen Kaiserstadt bei ihr gewesen war.
Er war noch garz derselbe, ganz derselbe - und
doch völlig ein Anderer geworden. Solcher Tiefe der
Empfindung, solch weicher Liebe hatte sie ihn nie für
fähig gehalten, er war's auch nicht gewwesen in jener
alten Zeit. Große Liebe also besaß die Kraft, das
A
1

Aßs
Fj:


h ?
f?

!.

-
1s
Sie blieb an dem Fenster stehen, an dem auch
er gestanden hatte. Es war windig geworden, die
leichteren Zweige der Bäume bewegten sich, der trockene
Schnee fiel hie und da herab und zerstäubte glizernd,
daß man ihm mit dem Auge nicht folgen konnte, in
der Luft, als wäre er nicht dagewesen. Und doch hatten
die kleinen Sterne gefunkelt hier und dort, wenn die
Sonnenstrahlen sie getrofen hatten. Auch ihre Ge-
danken flimmerten auf und verschwammen. Sie konnte
sie ebensowenig festhalten und verfolgen, sie kamen und
gingen. Bisweilen war es ihr, als habe sie das Mlles
nur geträumt, als werde sie erwachen und Alles nicht
gewesen sein. Aber es war in ihrem Herzen stille
wie nie zuvor; der kleine Ring saß fest an ihrer Hand,
der Prinz war wirklich dagewesei, sie hatte ihn ge-
sprochen, und war in Frieden und befreiten Sinnes
von ihm geschieden. War das denn möglich, und wie
war es möglich geworden, und wodurch?
Sie hatte Mühe, sich auf sich selber zu besinnen
und auf das, was sie mit dem Prinzen eben erst
durchlebt hatte. Sie hatte geweint mit ihm, um die
von ihm geliebte Frau. Sie trug an ihrer Hand den
Ring zum Andenken an die junge Fürstentochter, die
einst zwischen sie und ihre Hoffnung getreten war. Sie
hatte eingewilligt, den Mann wiederzusehen, den sie
geliebt und dann gehaßt hatte mit aller Kraft ihres
starken Herzens, und dies Herz war jetzt voll tiefer,
sanfter Rührung, voll innigster Theilnahme für den
Prinzen; war voll Sicherheit und Ruhe, als sie, an
ihrem Schreibtische sizend, es Emanuel meldete, daß

f
17
sie den Prinzen gestern in dem Hause des Genera!s
getroffen habe, und was seitdem geschehen war.
Sie enthielt ihm Nichts vor: nicht ihr Erschrecken
nicht die Qualen, welche das Rückerinnern ihr in der
Nacht bereitet hatte. Sie wiederholte ihm jedes Wort
des Prinzen, obschon, wie fie ausdrücklich bemerkte
die Art, in welcher er gesprochen, seinen Worte
eigentlich erst ihre wirkliche Bedeutung gegeben haben
, Und, fügte sie hinzu,,es kommt mir vor, mein ge-
liebter Freund, als wäre ich Dir nie so vollkommen
zu eigen, Deiner noch nie so würdig gewesen als
heute, da die bittere Erinnerung an das Unrecht, das
ich erlitten hatte, aus meiner Seele wie erloschen und
ausgetilgt ist. Neben der Liebe wohnte noch der Haß
in mir, und eatzog Dir einen Theil meines Herzens.
Das ist nun vorüber. Wie dürfte ich noch rechten,
wo die Hand des Schicksals so sichtbar gewaltet und
gerichtet hat? Es hat den Mann, der sich an einem
Frauenherzen schwer versündigt, durch das reinste aller
Frauenherzen von seiner Nichtachtung der Frauen ganz
und gar bekehrt. Es hat ihn, der mit der Liebe leicht-
sinnig sein Spiel getrieben, die Heilizkeit der Liebe
kennen lehren. Es hat ihm gezeigt, welch ein Glück
in einer getheilten Liebe, in einer liebevollen Ehe liege,
und hat ihm allen diesen Segen nur kurze Zeit ge-
gönnt, um ihn auch den Schmerz der Liebe empfinden
zu lassen, den er Anderen einst zu tragen gab. Darin
liegt eine hohe poetische Gerechtigkeit, eine Befreinng
der aufgeregteu und gespannten Leidenschaft, wie sie
uns in einem wohl angelegten und gut durchgeführten
1


h



-

s

;

18e
dichterischen Kunstwerke zu Theil werden soll. Ich
bin noch, während ich Dir schreibe, unter dem Ein-
drucke des Erlebten. Ich erwäge in meinem Herzen,
wie wahr es ist, wie wahr und schön, daß die rechte
Liebe Wunder wirken kann noch über das Grab
hinaus; und wenn ich heute in mein Inneres schaue,
finde ich den gestrigen Ausspruch des Prinzen, daß
wir im Leben Anlaß finden, uns über uns selbst zu
verwundern, auch an mir bestätigt.!
Sie kam dann noch einmal darauf zurück, wie
sehr sie Emanuel eben jetzt vermisse, wie wohlthuend
es ihr sein würde, sich gegen ihn von Grund des
Herzens aussprechen, und sich mit ihm über eine An-
schauung verständigen zu können, die sich ihr im Laufe
des Tages, ja, während sie ihm geschrieben, zu ver-
schiedenenmalen aufgedrängt habe.
,Ich besorge, schrieb sie ihm, ,auch wir sind
nicht so tadellos, als wir uns vielleicht empfunden
haben. Man entdeckt an sich in hellem Lichte Flecken,
über die man bis dahin achtlos fortgesehen hat, und
das Beispiel der verstorbenen Prinzessin ist wie ein
Sonnenlicht in meine Seele gefallen. Als der Prinz
mir sagte, wie sie voll Theilnahme um mich gesorgt,
da habe ich beschämt die Augen niederschlagen müssen.
Ich hatte mich um Hulda's Schicksal nicht gekümmert,
sondern gethan, so viel an mir war, sie aus Deinem
Gedächtnisse verschwinden zu machen; und doch war
sie vielleicht auf dem neuen Lebenspfade, den sie für
sich erwählt hat, mehr als jede Andere, des stüzenden
Beistandes benöthigt. Können wir und müssen wir

k
k
181
in unserem friedensvollen Glücke ihrer nicht gedenken,
wie die Prinzessin meiner dachte? Sollen wir ihr
nicht, da wir's noch lebend können, die Hand versöh-
nend bieten, wie die Prinzessin sie mir gereicht hat in
der Stunde ihres Todes?-- Ich möchte Frieden
schließen mit den Menschen allen, da ich ihn in mir
gefunden habe, und ich denke mir unsere Zukunft heute
schöner, reiner, unwandelbar beglückter als je zuver.
Möchte das glückselige Empfinden, das mich
auch in Deine Seele übergehen, wenn
ief Deiner Konradine erhalten wirst.
B
Da man gerade ausfuhr,
beendet hatte, verlangte sie ihn
durch den Diener abreichen zu
erinnerte sie, daß die Post erst
Tage befördert werde, daß sie
Hause behalten und, wenn es
weiter daran schreiben könne.
Brief gesiegelt, wollte ihn nicht
als sie
auf der
lassen.
Du
ihren
belebt,
diesen
Brief
Post selber
Die Gräfin
am nächstfolgenden
ihn also ruhig im
ihr gutdünke, noch
Aber sie hatte den
öffnen, wollte auch in
den nächsten Tagen nicht wieder schreiben, und da sie
die kleine Angelegenheit mit lebhafter Wichtigkeit be-
trieb, so that man ihr den Willen. Die beiden
älteren Frauen waren einsichtig genug, Konradinen's
Gemüthsbewegung erklärlich zu finden, wenn schon sie
die Handlungsweise der Verstorbenen weniger enthu-
siastisch beurtheilten und weniger bewunderten.
Weil sie den kleinen Ring zu tragen dachte, war
sie genöthigt gewesen, von ihrer Unterredung mit dem
Prinzen ihrer Mutter und der Gräfin mehr und Ge-
ueres mitzutheilen, als sie ohne diee Absicht viel-

-


s


h



N


M


-

18
leicht gethan haben würde. Die Mutter wollte den
Ring besehen. Er bestand aus mehreren künstlich in
einander verschlungenen Reifen, welche eine emaillirte
Platte mit der Aufschrift: , Kimer-mdi torjours!
zusammenhielt. Nur die feine Arbeit hatte Werth
daran.
Die Baronin betrachtete ihn un derselben willen
mit Kennerblick, und während fie damit beschäftigt
war, die aufgelösten Reifen wieder ineinander zu fügen,
sagte sie: , Das ist wirklich ein kleineö Kunstwerk und
ein sehr rührender Gedanke. Aber man sollte in den
lezten Augenblicken eigentlich nicht mehr zurücksehen,
denn wenn man den Sinn dem Irdischen abgewendet
hat, vergißt man die Bedingungen desselben nur zu
leicht. Daß die Prinzessin Dir durch den Prinzen
gerade einen Ring mit dieser Aufschrift sendete, daß
er ihn wirklich selber in Deine Hände legte, das er-
scheint mir - nun, wie soll ich's nennen- doch zu
unirdisch, zu idealisch.
,An die Möglichkeit solcher Deutung hat die
arme Sterbende schwerlich denken können, und auch
mir würde sie wohl ebensowenig jemals eingefallen
sein!'' fuhr Konradine auf, während die Röthe einer
zornigen Scham ihr Antliz übergoß.
, Es ist hier nicht von Deinen, oder von
den Voraussezungen der Prinzeß die Rede, sagte
die Baronin, ,aber wir leben doch nicht in dem seli-
gen Zwischenreiche, in welchem den Reinen Alles rein
ist. Und da es mir als eine Wunderlichkeit der
Sterbenden aufgefallen ist, Dir diesen Ring mit seiner

s-.
188
Bitte um Liebe durch den Prinzen zustellen zu lassen,
so fürchte ich, daß es Anderen ebenso ergehen kann.
Ich würde deshalb in Deiner Stelle diesen Ring nicht
tragen.!
,Den Ring lege ich nie wieder ab, der wird mit
mir begraben!! sagte Konradine mit großem Nach-
druck, während ihre Augen flammten.
, Es würde auch kränkend für den Prinzen sein,
wenn Sie es thäten!r gab die Gräfin zu bedenken,
die, jeder Aufregnng und jeder Scene abhold, sofort
einzulenken trachtete, obschon sie der Baronin inner-
lich nicht Unrecht gab und die ganze Sache nicht nach
ihrem Sinne war.,Man hat es ja nicht nöthig,
sezte sie hinzu, ,Rechenschaft abzulegen über jeden
Ring, den man an seiner Hand trägt, und die Reifen
find so unscheinbar, daß sie die Neugier nicht er-
wecken. Wahr aber ist es, fügte sie halblaut gegen
die Baronin gewendet noch hinzu, während Konradine
sich entfernte, , die Herrschaften werden von Kindheit
an so lange daran gewöhnt, selbst aus ihrem Denken
und Empfinden eine Staatsaktion zu machen, bis sie
schließlich Nichts mehr einfach, wie wir Anderen, ab-
thun können -- nicht einmal das Sterben und das
Trauern um die Todten. Es müssen Andere in Mit-
leidenschaft gezogen werden, es muß Nachrede davon
geben können!!-- Sie brach mit diesen Worten
plözlich ab und erhob sich, unzufrieden mit sich selbst.
Es begegnete ihr sonst nicht, am wenigsten im Bei-
fein der Baronin, sich tadelnd über ein Mitglied des
königlichen Hauses vernehmen zu lassen, in dessen

Ek
- L
erg!
A
ß
T
s


-


g
si
. -
EuE
z


P

E
K
14
Verehrung sie hergekommen, und die ihr ebenso Sache
des Herzens, als Folge ihrer monarchischen Neberzeu-
gungen war.
Die Baronin aber ermaß mit richtigem Takte an
dieser. Unvorsichtigkeit die Stärke des Unmuthes, wel-
chen das Dazwischentreten des Prinzen in der Gräfin
erregt hatte, und auch ihr selber, der alle Empfind-
samkeit zuwider und bedenklich war, kam dasselbe in
diesem Augenblicke keineswegs gelegen.
- e